Im Sturm

1.

Keith starrte in den Spiegel. Grüne Augen, die aus seinem blassen Gesicht mit den Sommersprossen regelrecht heraus zu leuchten schienen, starrten zurück. Sie waren dunkler als sonst und fixierten seine rechte Backe, die angeschwollen war und genauso aussah, wie es sich anfühlte. Es tat weh. Und zwar höllisch.

Keith konnte sich nicht erinnern, dass er jemals wirklich Zahnschmerzen gehabt hatte, deswegen hatte er die Anzeichen auch nicht ernst genommen, als sich das erste Ziehen und Stechen gemeldet hatte. Das schien jetzt die Quittung dafür zu sein. Er strich sich das rotbraune, dichte Haar aus dem Gesicht, schaltete das Licht des Badezimmerspiegels ein und drehte den Kopf, öffnete dann den Mund. Doch für ihn war nichts zu erkennen, außer dass alles dick war.

Aus seinem Wohnzimmer drangen die ersten Töne eines Weihnachtsliedes zu ihm, Jingle Bells. Keith schaltete das Licht aus und ging zurück, warf dem großen Plätzchenteller auf dem niedrigen Couchtisch einen unglücklichen Blick zu. Seine Mutter hatte ihn vorgestern vorbeigebracht, doch er wagte nicht mehr, etwas davon zu essen, weil jeder Bissen weh tat. Und das, wo das Gebäck seiner Mutter zu dem besten zählte, was er kannte.

Draußen war es mittlerweile dunkel geworden, und das Licht der Straßenlaterne, die direkt vor seinem Fenster stand, erhellte sacht fallende Flocken, die sich lautlos auf die schon vorhandene, dicke Schneeschicht senkten und diese noch tiefer werden ließen.

/Natürlich hat es jetzt kommen müssen. Mitten im Vorweihnachtsstress. Und dann muss es auch noch um die Uhrzeit so schlimm werden. Jetzt hat mein Zahnarzt sicher nicht mehr offen, und der Notdienst ist vermutlich ewig weit weg. Ich kenne doch mein Glück./ Kurz überlegte er, ob er nicht einfach bis zum nächsten Morgen warten sollte, doch der Schmerz belehrte ihn eines Besseren.

Keith zog den kuscheligen, rotbraunen Pullover aus, den er nur zu Hause trug, wenn er keinen Besuch erwartete, denn er war ihm zu groß und ausgeleiert obendrein, und ging ins Schlafzimmer, um ihn anstelle des dezent in dunklem Goldbraun gemusterten Fleecehemdes, das er den Tag über getragen hatte, auf den Kleiderständer zu legen.

Ein kurzer Blick in den Spiegel überzeugte ihn davon, dass er ordentlich aussah, dann zog er warme Schuhe an, griff nach seinem braunen Mantel und verließ das Haus. Kälte schlug ihm entgegen und ließ ihn frösteln. Zum Glück war die Einfahrt zu seiner Garage noch einigermaßen frei, so dass er ohne Probleme ausparken konnte. Er drehte die Heizung auf volle Stufe, auch wenn sich das für den kurzen Weg kaum lohnte.

Wie gewohnt parkte er vor dem Schreibwarenladen, in dem er arbeitete und welcher der Praxis gegenüber lag. Schnee knirschte unter seinen Füßen, als er den menschenleeren Parkplatz überquerte, auf der nur die Reifenspuren seines eigenen Wagens zu sehen waren.

Überrascht stellte er fest, dass das Licht hinter der Eingangstür noch brannte und auch die Fenster erleuchtet waren. Ein Schild teilte ihm mit, dass er sich nicht bis in den nächsten Ort fahren musste, denn für diese Nacht war der Notdienst hier. Gleichzeitig stellte er jedoch fest, dass sein eigentlicher Arzt in Rente gegangen oder umgezogen sein musste. 'Dr. Liam Frier' prangte ihm mit schwarzen Lettern auf metallischem Untergrund entgegen, und er jetzt erinnerte Keith sich daran gehört zu haben, dass der ältere Zahnarzt samt Frau und Hund zu seiner Tochter in den Osten gezogen war. Keith streifte den Schnee aus seinen Haaren und klopfte ihn vom Mantel ab, ehe er eintrat.

Liam war damit beschäftigt, aus den sonst von Jalousien verdeckten Fenstern der kleinen Praxis im Flowercorner Einkaufszentrum auf die breite Hauptstrasse zu starren, die in die Innenstadt führte. Er dachte mit Grauen daran, dass ihn sein Weg sehr bald auch dorthin führen musste.

Seine beiden Kinder wollten, jedenfalls laut seiner Exfrau, ganz bestimmte Spielsachen von bestimmten Marken. Die bekam er nicht in den kleinen Zweigstellen hier im Einkaufszentrum, auch wenn es ihm bedeutend lieber gewesen wäre. Die Hektik in der Stadt lag ihm nicht, einer der Gründe, wieso er noch immer froh war, dass er diese Praxis in der kleinen Vorstadt hatte übernehmen können. Er gähnte und reckte seinen großen Körper in die eine und andere Richtung. Dann zog er seine weiße Arbeitskleidung gerade. Liebevoll betrachtete er ein Bild von den beiden Rackern. /Vier und sieben, die Zeit ist so schnell vergangen./ Seit zwei Jahren war er nun schon von seiner Frau geschieden.

Er warf einen Blick auf die Digitaluhr daneben und stellte fest, dass er gleich würde nach Hause fahren können. Der Notdienst endete zwar erst um sieben Uhr am Morgen, aber es war nach zehn erfahrungsgemäß unwahrscheinlich, dass noch jemand zu ihm kommen würde.

Die Geschäfte auf der gegenüberliegenden Straßenseite waren schon seit Wochen mit bunten Lichtern geschmückt, aber erst an diesem Abend, als der sonst kalt und unfreundlich fallende Regen sich in Schnee gewandelt hatte, der alles mit einer kitschigen Watteschicht bedeckte, fing in Liam eine gewisse weihnachtliche Vorfreude an. /Und das, obwohl ich allein feiern muss./

Er hörte die Türglocke und vernahm wie seine Sprechstundenhilfe Linda auf ihre schrecklich mütterliche Art begann, einen anscheinend bekannten Patienten aufzunehmen. Sie war für eine Zahnarztpraxis mit ihrem molligen Körper und der ruhigen, gleichmäßig freundlichen Art mehr als nur perfekt. "Aw, Keith! Und das vor Weihnachten! Wie geht es deiner Mutter denn? Sie hat ihren Termin bei uns ja immer im Juni."

Er vernahm die recht jung klingende Stimme von einem Mann und streckte seine Schultern noch einmal. Die Rede klang ein wenig verzerrt, der Mann hatte Schmerzen. Also keine Mutter, deren Kind die Zahnspange abgebrochen war, tatsächlich ein richtiger Patient. Zudem ein Patient von dem alten Zahnarzt, der aus der Praxis ausgeschieden war, um in die Nähe seiner Tochter und Enkelkinder zu ziehen.

Liam war es bei fast allen Patienten, die im Verlauf des letzten halben Jahres auf ihn anstelle ihres gewohnten Zahnarztes gestoßen waren, gelungen, einen guten Eindruck zu hinterlassen. Aber ihm machte seine Arbeit auch Freude. Obwohl er so groß und kräftig wirkte, konnte er mit seinen ruhigen Händen gerade die feine Arbeiten machen.

Überhaupt war er stets ruhig, hatte eine recht tiefe Stimme, und seine blauen Augen brachten ihm nicht selten mehr als nur vorsichtige Komplimente von den reichlich vorhandenen geschiedenen, jungen Müttern in der Gegend ein. Die meisten wussten ja auch nicht, weswegen er sich hatte scheiden lassen.

Die Praxis war in einem von außen hübsch anzusehenden achteckigen Gebäude mit vielen Fenstern gelegen. Drei andere Ärzte hatten ihre Praxen hier ebenfalls, und man teilte sich die Aufnahme, weswegen dieser Raum auch entsprechend großzügig eingerichtet war und über ein auffälliges Oberlicht verfügte, auf dem sich nun der Schnee niederließ, der mittlerweile in dichten Wolken fiel.

Linda lehnte aufgeregt über dem Tresen und tauschte mit einem offensichtlich einheimischen jungen Mann die neusten Details über die Nachbarschaft, vor allem über die wechselnden Besitzer der kleinen Videothek an der Ecke des Einkaufszentrums aus, als Liam dazutrat.

"Guten Abend", Er linste auf den Aufnahmebogen. "... Keith. Ich bin der Nachfolger ihres Zahnarztes, Liam Frier." Er reichte dem ein wenig in sich gesunkenen und blass wirkenden Mann die Hand über den Tresen hinweg und orderte Linda mit einem kleinen Blick, den Raum vorzubereiten. Die Hand, die er umfasste, war deutlich schmaler als seine und fühlte sich kühl an. Beruhigend lächelte Liam dem Mann zu.

Ein wenig verzerrt erwiderte Keith das Lächeln kurz. "Guten Abend. Es tut mir leid, Sie so spät noch stören zu müssen, Doktor Frier, aber es ist den Tag über immer schlimmer geworden." Er fühlte sich unbehaglich und ärgerte sich darüber. Doch sein alter Arzt wäre ihm lieber gewesen; dieser kannte ihn schon, seit er ein Kind gewesen war, und seine schlanken, geschickten Fingern hatten alles mit Ruhe und Präzision erledigt. Dieser hier hingegen... Ob man mit solchen Pranken überhaupt vorsichtig sein konnte? /Ich sollte froh sein, dass er da ist! Doktor Nelson ist nun einmal weg. Er hat sich den Ruhestand wahrhaftig verdient./

Linda holte den Patienten in den Raum ab, und Liam ging sich den Mundschutz und seine Brille aus dem Aufenthaltszimmerchen holen. Der Behandlungsraum war schrecklich veraltet gewesen, und er hatte sein Kapital genutzt, um alles neu einzurichten. Mit einem leichten Grinsen wartete er schon auf den kleinen Satz, den eigentlich alle Patienten des alten Zahnarztes machten, wenn sie anstelle der angestoßenen, moosgrünen Schränke und des unpraktisch mechanischen Stuhles alles in einer weichen Cremefarbe, abgerundet und geschwungen vorfanden. Zum Glück roch es nicht mehr nach Lack.

"Oh, hier hat sich einiges verändert", murmelte Keith und fühlte sich noch unwohler als zuvor. Nicht einmal die beruhigende Einrichtung war geblieben, und er war froh, dass wenigstens Linda noch da war, gemütlich und freundlich-mütterlich wie immer.

Der Patient vor ihm ging sich unsicher umsehend auf den gepolsterten Stuhl zu, wo er von Linda mit einem Papierlatz versorgt wurde, bevor sie Liam die Spiegel und Haken zurechtlegte und die sterilen Bohrköpfe in den Schub gab. Offensichtlich war dieser Mann kein Freund von Änderungen. Die Nervosität wurde sicherlich von seinen Schmerzen nur gedämpft und wäre bei einem normalen Besuch vielleicht sogar in Irritiertheit umgeschlagen.

Allein der Blick aus dem weichen, blassen Gesicht auf seine Hände war Liam nicht entgangen. Der alte Doktor Nelson war ein zierlicher Mann gewesen, mit der Ausstrahlung eines Feinmechanikers bei der Arbeit. Liam hatte in einer Übergangszeit mit ihm zusammen gearbeitet. Allerdings hatte Nelson die alten Methoden den neuen vorgezogen, was Liam nicht so gut gefunden hatte.

Als sein Patient ein wenig angespannt auf der Liege lag, nahm Liam auf dem Hocker Platz und schob den Mundschutz gerade, um dann die schmale Brille aufzusetzen, die er zur Arbeit stets trug. Eher als Schutz als zum besseren Sehen. Beruhigend sah er Keith kurz in die Augen. Grün, ungewöhnlich tief wirkend, von unruhig flatternden Wimpern umrahmt. Selbst in dem kalten, bläulichen Licht hatte der Mann ein hübsches Gesicht. Sicherlich sonst immer freundlich, mit fröhlichen Grübchen.

Trotz des Mundschutzes lächelte er leicht und begann dann, mit dem zierlichen Häkchen und dem Spiegel die Zahnreihen abzusuchen. Er stellte keinerlei Probleme fest, ein schönes Gebiss, gesund und gepflegt. Lediglich der zweite Backenzahn rechts wies eine Blombe auf und war entzündet, und Keith zuckte auch bereits, wenn Liam nur in die Nähe kam.

"Ich werde erst mal die alte Blombe entfernen, Keith, dann kann ich besser sehen, was wir für ein Problem haben. Aber ich denke, dass der Zahn ziemlich weit angegriffen ist."

Er streifte Linda ihm gegenüber mit einem Blick, was sie dazu brachte, die Hand des Mannes zu tätscheln. "Deine Versicherung zahlt die Hälfte, wenn wir eine Krone machen. Da bleiben noch ungefähr sechshundert Dollar über. Kannste dir das leisten, Keith?"

Keith seufzte lautlos. Das war verdammt viel Geld, und das alles nur für einen Zahn. Doch er nickte und sah erst Linda, dankbar für ihre Unterstützung, dann den Arzt an. Trotz seiner großen Hände war dieser bis jetzt unerwartet feinfühlig gewesen, und Keith zweifelte daran, dass selbst Doktor Nelson ihn vollkommen schmerzfrei hätte untersuchen können, so wie sich seine Backe anfühlte. "Es geht. Machen Sie, was immer Sie als notwendig erachten." /Aber machen Sie, dass es aufhört, derart weh zu tun./ Keith hatte Schmerz noch nie gut aushalten können, und das hier fühlte sich einfach grauenhaft an.

Liam nickte und murmelte Linda einige Dinge zu, während er sich die Lampe besser richtete und den Stuhl noch ein wenig weiter kippte. "Sind Allergien bei Ihnen bekannt, Keith? Gegen Betäubungsmittel?"

Linda antwortete für den Patienten, nachdem sie in seiner Akte geblättert hatte "Hier hat er erst einmal eine Spritze bekommen, das war, als Richard ihm die Blombe gemacht hat. Herrje, wie lange ist das nur schon her!"

Liam nickte leicht und sah Keith fragend in die weichen Augen, die nun ein wenig von Angst verschleiert waren. "Dann gebe ich Ihnen erst mal eine Betäubungsspritze, dann sind Sie schon mal den Schmerz los."

Keith nickte dankbar, auch wenn er Spritzen nicht mochte. Aber wenn er die Augen schloss und sie nicht sehen musste, dann würde es gehen. Und wenn dafür dieses unerträgliche Pochen und Stechen nachließ, war es das wert. "Wenn Sie fertig sind, kann ich morgen wieder in den Laden, das gibt dann kein Problem, oder?"

"Das kann ich nicht versprechen. Die Entzündung ist schon ordentlich, vermutlich werden Sie morgen zumindest noch Schmerzmittel brauchen. Die könnten Sie müde machen." Jetzt wusste er auch, woher ihm das Gesicht bekannt vorgekommen war. "Sie haben den Papierwarenladen gleich gegenüber, nicht? Ich wusste doch, dass wir uns schon einmal begegnet sind."

Linda reichte ihm die Spritze rüber und der Patient schloss hastig die Augen, antwortete nicht. Einen Seufzer unterdrückend spritzte Liam ein wenig vor, um die Luft aus der Nadel zu bekommen, dann schob er den Spiegel neben das gerötete und geschwollene Gebiet und spritzte das Mittel zügig an drei Stellen rund um den Backenzahn.

Keith zuckte zusammen, als er den ersten Stich spürte und versuchte sich abzulenken, indem er daran dachte, dass er am nächsten Abend mit Amy verabredet war, seiner besten Freundin, die sich endlich mal wieder hatte von Mann und Kindern frei nehmen können. Dennoch konnte er auch den zweiten und dritten Stich nicht ignorieren und das unangenehme Gefühl darauf, als würde sein Kiefer noch weiter anschwellen.

Liam warf einen Blick auf die Uhr, erst fünf nach Zehn. Wenn er dies nun schnell abarbeitete, dann war er vor elf im Bett und am nächsten Morgen sicherlich nicht so müde wie erwartet. Doch kaum hatte er diesen frommen Gedanken beendet, als Keith hektische Flecken im Halsausschnitt des Hemdes zu bekommen begann und mit leichter Unruhe anzeigte, dass etwas nicht stimmte.

Liam warf einen Blick in den Mund und fluchte unterdrückt, mit einem Blick scheuchte er Linda zum Notfallkasten. "Keith, fühlen Sie sich irgendwie komisch? Heiß oder schwindelig?" Er hatte es in seiner Laufbahn vielleicht vier Male erlebt, aber dennoch erkannte er sofort, dass Keith nicht gut auf das Betäubungsmittel reagierte.

Unangenehme Hitze schwemmte durch Keith, die schnell zu einem stechenden Kopfschmerz wurde. Hastig öffnete er die Augen und starrte den Arzt an, in dessen Stimme er Besorgnis zu erkennen meinte, nur um herauszufinden, dass dessen Beunruhigung weder durch die Maske, noch durch die silberne Brille vollkommen versteckt wurde.

Angst flackerte in ihm auf, die sich noch verstärkte, als seine Sicht langsam verschwommen wurde, während sich alles um ihn herum zu drehen begann. Wenn auch Doktor Frier ihn so ansah, dann war etwas ernsthaft nicht in Ordnung. /Oh Gott.../ Unwillkürlich klammerte er sich an die Lehnen des Stuhles, rang nach Atem, der mit einem Mal knapp zu werden schien. "Ich... bekomme keine... Luft mehr!" Er fuhr mit der Hand zum Hals, zerrte an dem Kragen und fummelte fahrig am obersten Hemdknopf, um ihn zu öffnen.

Liam atmete einmal tief durch und sah zu Linda rüber, die mit den Händen wedelnd zum Telephon stürzte, um einen Notarzt zu rufen. /Scheiße./ Gelassenheit in seine Stimme zwingend legte Liam eine Hand auf die zitternden Finger seines Patienten und sagte "Ich denke, dass Sie doch allergisch reagieren, Keith. Bleiben Sie so ruhig Sie können, atmen Sie durch die Nase, nicht zu hastig. Ich spritze Ihnen ein Gegenmittel. Versuchen Sie, für den Augenblick still zu halten."

Die Panik in dem sonst sicherlich hübschen und offenen Gesicht tat ihm weh, und er beeilte sich, auch wenn er die Ruhe nicht verlieren wollte. Zum Glück war Linda ein alter Hase und hatte bereits Cortison bereits aufgezogen, das er seinem Patienten direkt in das Gebiet verabreichte. Besorgt sah er, dass die Schleimhaut angeschwollen war und es sicherlich nicht verkehrt gewesen war, den Notarzt zu verständigen.

Keith schnappte sichtlich in Panik nach Atem, seine Finger gruben sich in das Polster des Stuhls und die Flecken an seinem Hals vermehrten sich, reichten bis auf die Brust runter, was Liam im Hemdausschnitt sehen konnte. "Ich bin gleich wieder da, ich gehe nicht weg, Keith." Schnell stand er auf und stellte das Sauerstoffventil an, gab seine Patienten eine weiche Maske auf und regelte die Literzahl für den Moment sehr hoch. "Das ist nur Sauerstoff, keine Angst. Wie fühlen Sie sich?" Besorgt versuchte er im Gesicht und den Augen eine Reaktion zu sehen, während er mit einer Hand die Maske festhielt und mit der anderen den Kopf umfasste.

Keith starrte ihn an, versuchte sich an den blauen Augen festzuhalten und zu tun, was der Arzt ihm gesagt hatte. /Ruhig... ganz ruhig... durch die Nase.../ Doch sein Atem ließ sich nicht beruhigen, ebenso wenig wie sein Herz, das noch immer vor Angst raste. /Ich ersticke! Und alles wegen einem Zahn! Oh mein Gott!/

Doch die warme, tiefe Stimme und das Gefühl der kräftigen Hände, die seinen Kopf und die Maske hielten, drang langsam zu ihm durch, machte ihm bewusst, dass er nicht allein war, dass Doktor Frier tat, was er konnte, um ihm zu helfen. Er bemerkte, dass er wieder einigermaßen Luft bekam, wandte den Blick jedoch nach wie vor nicht von dem anderen Mann, als wären dessen Augen der einzige Fixpunkt im ganzen Zimmer, das einzige, was sich nicht drehte, nicht schwankte.

Liam schob seinen Mundschutz runter und lächelte dem zwar verschwitzten und blassen, aber dafür wieder deutlich freier atmenden Patienten aufmunternd zu. "Das machen Sie ganz toll, Keith." Er hörte, wie Linda die Sanitäter reinließ und rückte eine Spur zurück, ließ den noch immer zitternden Mann langsam los, um dessen Ärmel aufzuknöpfen und hochzustreifen, damit problemlos ein intravenöser Zugang gelegt werden konnten. "So, eigentlich ist alles wieder in Ordnung, aber zur Vorsicht lasse ich Sie trotzdem noch einmal ins Krankenhaus bringen."

Trotz Doktor Friers Versicherung hatte Keith das Gefühl, neben sich zu stehen, während er sich hauptsächlich darauf konzentrierte, weiter zu atmen. Dennoch nickte er langsam, fragte sich kurz, wie teuer das nur werden mochte. Und alles, weil er Zahnschmerzen hatte. Und natürlich vor Weihnachten. Nicht nach Sylvester, wo es ohnehin immer ruhiger im Geschäft war, nein, vor Weihnachten.

Der erste Sanitäter kam in das Zimmer gestiefelt, und Liam erzählte kurz, was passiert war, welche Medikamente in welcher Dosierung Keith erhalten hatte. Leider betrat der zweite Sanitäter gleich darauf den Raum, und Liam fluchte stumm. Ausgerechnet einer der Männer, die ihn vom Fitnessclub her kannten, besser kannten, als ihm in dieser Situation lieb war. Zu seiner Erleichterung wurde sein Patient mit noch mehr Cortison versorgt auf eine Liege umgelagert und ohne weitere Sprüche oder privaten Bemerkungen zum naheliegenden Krankenhaus gebracht.

 

Es war längst nicht so teuer, wie Keith befürchtet hatte, als man ihn am nächsten Morgen wieder entließ, nachdem er die Nacht zur Beobachtung im Krankenhaus verbracht hatte. Die fünfzig Dollar ließen sich verschmerzen. Doch seinem Zahn ging es nach wie vor miserabel. Zwar spürte er kaum etwas, da man ihm reichlich Schmerzmitteln gegeben hatte, was wirklich eine Erleichterung war. Doch dadurch fühlte er sich ein wenig, als hätte man seinen Kopf mit Watte gefüllt.

Mal abgesehen davon, dass er in dem Zustand ohnehin nicht hätte fahren dürfen, stand sein Auto noch vor dem Schreibwarenladen, wie ihm einfiel, als der das Krankenhaus verlassen wollte und schon im Eingangsbereich die Kälte von draußen spürte.

Keith drehte um und rief seine Mutter an, um sich abholen zu lassen und sie zu bitten, ihn zum Zahnarzt zu bringen, auch wenn ihm allein der Gedanke einen kühlen Schauder über den Rücken laufen ließ. Während er seiner besorgten Mutter am Telefon erklärte, dass alles mit ihm in Ordnung war, versuchte er sich klar zu machen, dass Doktor Frier nun wirklich nichts dafür konnte, dass er allergisch reagiert hatte und dass er ihm im Gegenteil dankbar sein musste, dass er so schnell und sicher gehandelt hatte. Wenn die Nachtschwester nicht übertrieben hatte, verdankte er ihm damit sein Leben.

Als er wartend im Empfangsbereich saß und die Leute beobachtete, die ein und aus gingen, fragte er sich, was seine Kunden wohl denken mochten, dass der Laden noch immer nicht geöffnet war, obwohl keine Krankmeldung an der Tür hing. Nicht einmal Mister Bacon konnte er anrufen, den Besitzer des Ladens, der lange Zeit mit ihm zusammen dort gearbeitet hatte, denn dieser befand sich, wie so oft seitdem er in Rente gegangen war, mit seiner Frau irgendwo unterwegs in Texas, wo sie Verwandte besuchten und sich die Gegend ansahen. Hoffentlich sorgte sich die alte Misses Todd nicht, die jeden Morgen kam, um ihre Tageszeitung bei ihm zu kaufen und dabei ein wenig mit ihm zu schwatzen.

Ein wenig wehmütig und traurig dachte er daran, dass er sich immerhin keine Gedanken darum machen musste, dass sein Hund nicht versorgt wurde, und dass dieser ihn vermissen könnte. Doyle war im vergangenen Monat gestorben, weil er Rattengift gefressen hatte, und Keith vermisste ihn nach wie vor sehr.

Die Stimme seiner Mutter riss ihn aus den trüben Gedanken. "Keith, Schatz, oh mein Gott, wie siehst du denn aus?"

Keith stand auf und umarmte die rüstige Frau, deren Haar mittlerweile nahezu vollständig ergraut war. "Mir geht es gut, Mom. Mach dir keine Sorgen."

Natürlich tat sie es doch, aber sie fuhr ihn direkt zum Arzt, während sie sich erzählen ließ, was geschehen war. Anschließend schimpfte sie ihn einen dummen Jungen, weil er nicht gleich am Abend noch angerufen hatte, damit sie ihn im Krankenhaus hätte besuchen können, ließ das Argument, dass es schon so spät gewesen war und er nicht wirklich ansprechbar, jedoch gelten.

"Aber glaube nicht, dass ich dich in dem Zustand hinter das Steuer lasse", erklärte sie ihm resolut, als sie vor der Praxis ausstiegen. "Gib mir den Ladenschlüssel, Schatz, dann kann ich das Schild raushängen, das bis auf weiteres wegen Krankheit geschlossen ist." Keith umarmte sie dankbar, kramte in der Hosentasche nach dem Schlüssel und betrat dann fröstelnd das Gebäude.


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by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig