Im Sturm

2.

Liam hatte zwar im ersten Moment so sicher und umsichtig wie immer gehandelt, aber einen Schrecken hatte er dennoch von diesem Zwischenfall erhalten. Linda beteuerte ihm den Tränen nahe, dass Keith niemals zuvor solch eine Reaktion gezeigt hätte. Er entließ sie, nachdem sie die Akte entsprechend mit einem Warnaufkleber versehen hatte und fuhr selber auch sehr bald nach Hause.

Seit einem halben Jahr war er nun schon in der Stadt und wohnte in dem für ihn allein viel zu großen Einfamilienhaus gleich in der Nähe des Einkaufszentrums. Es lag in einer Wohngegend, die durchgeplant im einheitlichen Stil für reichere Leute erbaut worden war. Komplett mit kleiner Parkanlage, in die all die ähnlichen Häuser eingebettet waren. Während er den Wagen in der Garage unterstellte und einige Getränkekartons heraushob, gingen ihm die großen Augen seines Patienten nicht wieder aus dem Kopf.

Ein wenig ärgerlich, dass er sich mal wieder so mitreißen ließ, führte ihn trotzdem der erste Weg zum Telephon, von wo er sich nach dem Wohlergehen des jungen Mannes erkundigte. Die Nachtschwester der Überwachungsstation versicherte ihm von seiner Fürsorge begeistert, dass es dem Patienten schon wieder bedeutend besser gehen würde. "Danke, Schwester. Sagen Sie ihm besser nicht, dass ich angerufen habe. Nicht, dass er noch denkt, ich hätte gelogen, als ich sagte, dass alles in Ordnung sein würde." Sie lachte darauf nur und versprach es.

Trotz der Erleichterung und dem Gefühl das Richtige getan zu haben, brauchte Liam einen doppelten Whiskey und wurde erst ruhig und müde genug zum Schlafen, als seine eigenwillige Siamkatze sich endlich bei ihm im Schlafzimmer blicken ließ. /Wenigstens nicht gänzlich allein./ Einmal mehr fragte er sich, ob er das richtige getan hatte, als er seiner Frau eines Tages eröffnet hatte, dass er sich scheiden lassen wollte, weil er in einen Mann verliebt war.

Davon abgesehen, dass er aus Rücksicht auf ihren Ruf die Stadt gewechselt hatte und so kaum noch etwas von seinen beiden Kindern zu sehen bekam, war er nach einer schrecklichen Pleite in Sachen Beziehungen eigentlich nur noch allein.

Die Nacht fühlte sich noch kürzer an, als sie gewesen war, als Liams Wecker gegen sechs Uhr klingelte, weil er sich am anderen Abend vorgenommen hatte, im Fitnessclub vor der Arbeit noch schwimmen zu gehen. Er verzog sein Gesicht, aber hielt das Wort, dass er sich selber gegeben hatte, um durch die Dunkelheit und den noch immer sachte fallenden Schnee zum Club zu fahren.

Jener lag zum Glück auf seiner Seite der Stadt und verfügte neben überdachten Parkplätzen genau über die Dinge, die er gesucht hatte, ein großes Schwimmbecken und eine finnische Sauna. Zudem war es ein Club, in dem sich vornehmlich Männer sehen ließen, vor allen Dingen Männer, die andere Männer in einer Beziehung vorzogen. Das war der Hauptgrund für ihn gewesen, hierher zu kommen.

Allerdings hatten sich die wenigen, sicherlich in dem Moment prickelnden, sexuellen Abenteuer, die er hier erlebt hatte, im Nachhinein schal und leer angefühlt, so dass er es sehr bald aufgegeben hatte, auf die Angebote einzugehen und sogar begonnen hatte, die Zeiten zu meiden, zu denen es hier voll war.

So früh am Morgen war es zum Glück sehr leer. Das Schwimmbecken gehörte ihm allein, und lediglich im Fitnessraum trainierte ein verbissener Manager auf einem der Laufbänder. Leider hatte die Ruhe den Nachteil, dass Liam die aufgerissenen Augen seines Patienten wieder vor sich sah.

Hauptsächlich, weil es ihn nicht loszulassen schien, kürzte Liam sein Training ab und fuhr vor der Arbeit noch zum Krankenhaus, nur um zu erfahren, dass der Patient soeben entlassen worden war. Die Schwester der Überwachungsstation vermutete "Ich denke, dass er zu Ihnen fahren wird. Er wollte wegen des Zahns gleich wieder zum Zahnarzt."

So schnell es die Straßenverhältnisse zuließen, lenkte Liam seinen Kombi in Richtung des Einkaufszentrums, um sich nun nicht zu verspäten, sollte der arme Mann tatsächlich noch einmal zu ihm gehen. /Wird er nicht. Er hat sicherlich Angst vor mir und wird sich nicht mehr sehen lassen./

Doch als er auf den Parkplatz zwischen den hufeisenförmig angeordneten Geschäften rollte, sah er gleich den Mann vor der Praxis stehen, noch immer mit derselben ein wenig zu weit aussehenden Hose und dem braunen Mantel bekleidet. Er hatte die Hände tief in den Taschen vergraben und schien auf seine Mutter zu warten. Sie hatte Liam schon behandelt und hatte die rüstige und energische Frau noch gut im Gedächtnis.

Rasch setzte Liam seinen Wagen in die für ihn reservierte Parklücke zurück und trat auf Keith und dessen Mutter zu, die gerade in das Gebäude hinein gingen. "Guten Morgen, Keith. Misses Richards. Wie geht es?" Er gab erst der Mutter, dann seinem Patienten die Hand und sah ihm forschend ins Gesicht.

Keith lächelte nervös. "Guten Morgen, Doktor Frier. Ich bin wieder auf den Beinen, wie man sieht. Und mit all den Schmerzmitteln aus dem Krankenhaus fühle ich mich im Moment ganz in Ordnung." Der Arzt hielt sowohl seiner Mutter als auch ihm höflich die Tür zur Praxis auf, und Keith spürte, wie er ein wenig ruhiger wurde, auch wenn er sich schon vor der nächsten Spritze fürchtete. Aber vielleicht konnte man darauf verzichten, er war ja ohnehin bereits halb betäubt.

Linda kam ihnen entgegen geeilt und knöpfte ihren Kittel rasch zu, während sie Keith wortreich beteuerte, dass sie dergleichen noch nie erlebt hätte und dass es ihr schrecklich leid täte. Liam bewegte sie nur mit Mühe dazu, statt der vielen Worte in Taten auszubrechen und den Behandlungsraum vorzubereiten.

Er entschuldigte sich bei dem Patienten, um ebenfalls aus Jeans und Hemd in seine Arbeitskleidung zu wechseln und überließ die Familie Richards seiner zweiten Sprechstundenhilfe, die sich noch einmal mit sorgenvoller Miene den Notfallhergang erzählen ließ und Keith in das Behandlungszimmer brachte, ihn auf den Stuhl verfrachtete.

Als Liam wieder in sein kurzärmliges, weißes Hemd mit dem V-Ausschnitt und die bequeme, weiße Hose gekleidet in den Behandlungsraum trat, begrüßte ihn schon ein etwas wirrer, rotbrauner Haarschopf, der über die cremefarbene Kopfstütze ragte.

Sie waren noch allein im Raum, da Linda einige Geräte holte und die andere Hilfe wieder vorn war und die ersten angemeldeten Patienten wegen der nun anfallenden Wartezeit vertröstete. Seufzend nahm Liam auf seinem Hocker Platz, stellte das Licht jedoch noch nicht an, sondern stützte sich leicht auf seinen Instrumententablett und sah Keith ins bleiche Gesicht. "Ich bin froh, dass alles so gut ausgegangen ist. Haben Sie Angst? Vor mir vielleicht?" /Verständlich wäre es./

Keith erwiderte den Blick, während er sich fragte, ob der Arzt die Frage ernst meinte. Doch die Sorgen in den blauen Augen schien echt, und so lächelte er ein wenig, um seine Nervosität zu verstecken. "Vor Ihnen nicht, Doktor Frier. Im Gegenteil, sonst wäre ich nicht wieder hier. Man hat mir versichert, dass Sie mir durch Ihre Ruhe und das schnelle Handeln das Leben gerettet haben, und dafür möchte ich Ihnen aufrichtig danken. Ich..." Er verstummte unsicher und sah auf seine Hände hinab, die er verkrampft im Schoß gefaltet hatte. Bewusst brachte er sich dazu, sie möglichst ruhig auf die Armlehnen zu legen, ehe er wieder aufblickte. "Ich bin nur... was Spritzen betrifft... und Schmerz... etwas empfindlich. Aber das hat nichts mit Ihnen zu tun, gewiss nicht."

"Mein Name lautet Liam, wenn es Ihnen nichts ausmacht, mich so zu nennen." Die Antwort hatte ihn beruhigt und ihn unbewusst ein wenig lächeln lassen. "Ich biete es allen Patienten an, mich so zu nennen, nicht nur denen, die ich halb ins Koma spritze, keine Sorge", versuchte er zu scherzen, was lediglich eine schwache Reaktion auf das Gesicht seines Gegenüber brachte.

Liam wendete sich auf dem Hocker zum Seitenschrank und zog den Schub mit Schmerzmitteln auf. "Zählen Sie doch mal auf, welche Mittel Sie heute schon genommen haben, Keith. Natürlich bekommen Sie keine Spritze mehr von mir, aber mit Schmerzen während der Behandlung brauchen Sie auch nicht kämpfen."

Er verabreichte Keith nach dessen Bericht über die Medikamente eine ordentliche Dosis eines Morphiums und ließ ihn dann unter Aufsicht von seiner Mutter für eine halbe Stunde in dem Raum allein, um einen anderen Patienten zu behandeln, während das Mittel wirken sollte.

Keith hatte sich sichtlich entspannt, nachdem er erfahren hatte, dass er weder Spritze noch Schmerzen fürchten musste. Er lächelte, als seine Mutter seine Hand umfasste, wie sie es bei ihm immer gemacht hatte, als er noch ein Junge gewesen war. Jetzt, wo er sechsunddreißig war, kam sie natürlich im Normalfall nicht mehr mit, und es fühlte sich eigenartig und doch sicher und vertraut an, dass sie es nach wie vor tat.

Während sie ihm das Neuste von seinen verschiedenen Nichten und Neffen erzählte, die seine Brüder und selbst seine jüngere Schwester mittlerweile in die Welt gesetzt hatten, begann das Mittel zu wirken und ließ ihn sich noch abwesender und leichter fühlen, als es die Medikamente im Krankenhaus getan hatten. Er mochte Kinder und fand es schade, dass er sehr wahrscheinlich keine eigenen haben würde, doch mit drei Geschwistern war er für derart viele der Onkel, dass es zumindest ein kleiner Ausgleich war. Aber wann immer er einen der Racker länger zu Besuch hatte, war er dann am Ende doch wieder froh, wenn sie weg waren und ihm sein kleines, ordentliches Reich wieder allein überließen.

Schließlich kehrte Linda zurück und entführte ihm seine Mutter, dafür kam nur wenig später Doktor Frier ins Zimmer. /Liam/, erinnerte sich Keith in dem Nebel, den das Betäubungsmittel hinterlassen hatte. Müde sah er dem Doktor zu, wie er einige Handgriffe erledigte, die er nicht erkennen konnte, hörte wieder seine beruhigende, angenehm tiefe Stimme, während Liam ihm erklärte, was er zu tun gedachte.

/Dafür, dass er Zahnarzt ist, sieht er gut aus. Die helle Brille steht ihm/, dachte er leicht verschwommen und lächelte, ehe er gehorsam den Mund öffnete. Das laute, unangenehme Geräusch, als Liam zu bohren begann, ließ ihn erst einmal zusammenzucken, doch dann blieb er still liegen, betrachtete die blauen Augen, die von den dichten Wimpern noch betont wurden, und wartete einfach ab, da er keinerlei Schmerz verspürte, nur ein leichtes Drücken.

Liam hätte sich gern mehr Zeit gelassen, weil er begann, dieses Gesicht wirklich zu mögen. Weich geschnitten, was von den Ponyfransen, die ihm in die Stirn fielen, noch betont wurde und jünger, wesentlich jünger wirkend, als der Mann wirklich war. Vermutlich kam dies durch die niedlichen Grübchen, wenn Keith lächelte und durch den Anflug von Sommersprossen. Natürlich nur sehr blass im Winter, aber dennoch deutlich auf Nase und Wangen erkennbar.

/Er ist älter als ich, aber das sieht man ihm sicherlich die nächsten zehn Jahre noch nicht an, beneidenswert./ Trotz der Sympathie arbeitete Liam wie sonst auch, gewissenhaft und vorsichtig. Der Zahn war bis in die Wurzel hinein entzündet, die er mit Bohrer und Ätzlösung vorsichtig sanierte, bevor er Abdrücke machte und ein Provisorium anpasste.

"So. Das war’s. Wir schicken die Abdrücke an unser Dentallabor, und in der Woche zwischen Weihnachten und Neujahr wird die Krone dann fertig sein. Ich hab ein Mittelding zwischen Aussehen und Kosten gewählt, aber der Kostenvoranschlag wird sicherlich in der Höhe ausfallen, die wir auch gestern schon besprochen haben."

Keith tastete vorsichtig an seiner Wange nach, fühlte jedoch nicht viel mehr, als dass es nach wie vor angeschwollen war und auf Druck dank der verschiedenen Mittel gar nicht reagierte, was ihm sehr lieb war. Er lächelte scheu und kämpfte gegen die Müdigkeit an, was gar nicht einfach und auch nicht wirklich erfolgreich war. "Eine gute Lösung, denke ich."

Da Liam merkte, wie sein Patient immer wieder leicht eindöstet, half er ihm lieber auf und brachte ihn mit der Mutter zusammen sogar noch zum Wagen raus, obgleich der Schneeregen sich unangenehm auf seinen nackten Armen bemerkbar machte. "Gute Besserung, Keith."

"Danke, Liam. Für alles. Auf Wiedersehen." Keith sah zu ihm hoch, als er einstieg und bemerkte mit einem Mal, dass der große Mann ohne Mundschutz noch wesentlich besser aussah. Allein die Lippen und das energische, kantige Kinn... Beinahe schon hastig sah er weg und verwandte seine Kraft darauf, wach zu bleiben, während sich auch seine Mutter von dem Arzt verabschiedete. Doch auf dem kurzen Weg zu ihm nach Hause zurück, schlief er dennoch ein, und sie musste ihn wecken, um ihn in seine Wohnung zu bekommen.

Keith verschlief fast den gesamten Tag, was darin endete, dass er am Abend noch hellwach war. Dafür war der Druck in seinem Zahn wesentlich geringer geworden, und obwohl das Betäubungsmittel nachließ, spürte er keine Schmerzen. Ein Blick in den Spiegel zeigte ihm, dass die Wange auch deutlich abgeschwollen war und gab ihm Grund zur Hoffnung, dass er am nächsten Morgen wieder in den Laden konnte. Zwar würde er früher aufstehen müssen, da sein Auto davor stand, aber ein Spaziergang am Morgen, selbst wenn er länger war, würde ihm nur gut tun.

Wieder stellte er fest, wie sehr ihm Doyle fehlte, mit dem er stundenlang hatte laufen können. Traurig warf er einen Blick auf den leeren Korb in der Ecke, in der seine kleine Promenadenmischung nie wieder schlafen würde. Nach Silvester, das stand für ihn fest, würde er sich einen neuen Hund kaufen, auch wenn dieser seinen ersten nicht würde ersetzen können. /Er wird anders sein. Jeder ist anders./ Dennoch entschloss er sich dazu, für eine Weile rauszugehen. Die letzte Zeit hatte er viel zu wenig Bewegung an der frischen Luft gehabt. Rasch zog er sich um, die festen Schuhe und den warmen Parka an und verließ seine Wohnung.

Es war angenehm, der Heizungswärme zu entfliehen. Schnee knirschte unter jedem seiner Schritte, und erneut fielen dicke Flocken vom bereits dunkel werdenden Himmel. Keith erinnerte sich daran, wie gerne Doyle mit den besonders dicken Haschen gespielt hatte und musste leise lachen, als ihm die Kapriolen einfielen, die der drahtige Hund dabei vollführt hatte.

Als er die Straße hinab lief, betrachtete er gedankenverloren die Weihnachtsdekoration, flackernde Lichter, elektrische Kerzen, die in jedem Fenster zu blinken schienen und mit denen jeder Vorgarten geschmückt war. Er lächelte, genoss die Ruhe, die in ihn einkehrte und weihnachtliche Stimmung verbreitete. Zwar würde er das diesjährige Fest allein verbringen, da er arbeiten musste und so nicht mit seinen Eltern in den Süden zu seiner Schwester und ihrer Familie fahren konnte, aber deswegen liebte er die Vorweihnachtszeit dennoch.

 

Als er später wieder nach Hause zurückkehrte, war er erschöpfter, als er es für möglich gehalten hatte. Vermutlich setzten ihm die Medikamente mehr zu als gedacht. Doch das war in Ordnung, immerhin ging es ihm dafür wesentlich besser als am Abend davor. Erneut tastet Keith nach seiner Wange und konnte mittlerweile auch spüren, dass sie nicht mehr so dick war. Er lächelte.

"Liam ist doch um einiges besser, als ich befürchtet habe." Der Gedanke an den großen Mann brachte auch den Gedanken an dessen blaue Augen zurück, und unwillkürlich wurde Keith rot.

"Na, jetzt hör aber auf", sagte er trocken. "Das ist dein Zahnarzt, und wenn ich mich recht erinnere, hat er ein Foto seiner Kinder auf dem Tisch stehen gehabt. Also nichts für dich, das weißt du." Dennoch musste er grinsen. "Aber das ist kein Grund, ihn nicht attraktiv zu finden. Attraktiv, mehr nicht."

Er würde sich hüten, noch einmal eine Affäre oder gar eine Beziehung mit einem verheirateten Mann anzufangen, selbst wenn die geringste Chance bestand, dass Liam nicht stockheterosexuell war und Interesse an ihm zeigen sollte. Er würde sich überhaupt hüten, eine Beziehung mit irgendjemandem anzufangen, der auch nur im Geringsten an Frauen interessiert war. Davon hatte er reichlich die Nase voll.

Im Licht dieser Erinnerungen erschien Liam gleich schon wesentlich weniger attraktiv. Keith seufzte, schüttelte noch einmal den Kopf über solch kindische Gedanken und beschloss, ins Bett zu gehen.

 

Am nächsten Morgen sah sein Gesicht schon wieder weitestgehend normal aus, was Keith unendlich erleichterte. Schmerzen hatte er nach wie vor nicht, doch er war vorsichtig und gönnte sich nur einen schwarzen Tee mit Milch und Zucker zum Frühstück. Er wollte nicht riskieren, dass es wieder von vorne losging. Ob er überhaupt mit dem Provisorium essen durfte? /Dummkopf, natürlich! Sonst würde ich ja bis Neujahr fasten müssen. Dann erst ist die Krone fertig, hat er gesagt./

Dennoch beschloss er, in der Mittagspause noch mal in die Praxis zu gehen und nachzufragen, ob er etwas beachten musste.

Der Gedanke war gut, die Umsetzung jedoch unmöglich. Es war derart voll, dass er die Pause kurzerhand ausfallen ließ. Natürlich hatte sich die alte Frau Todd Sorgen gemacht, und so blieb sie gleich länger, und auch andere Kunden fragten immer wieder nach seinem Wohlergehen. Außerdem schienen alle zu kommen, die am Vortag nichts hatten kaufen können. Und als Keith endlich den Laden hinter sich schließen konnte, hatte Liam natürlich längst Feierabend.

Dankbarerweise ließ sich der nächste Tag ruhiger an, so dass er am Mittag wirklich zur gegenüberliegenden Praxis gehen konnte. Er fragte bei Linda an, ob es möglich wäre, ihn noch in der Pause dazwischen zu schieben, und sie erkundigte sich gleich mütterlich nach seinem Wohlergehen, während sie ihm versicherte, dass dies nun wirklich kein Problem wäre. Nur wenig später saß er in einem Behandlungszimmer und wartete auf den Doktor.

Liam hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, auf dem Weg zwischen seinen Behandlungsräumen immer mal wieder einen kleinen Blick in die anderen Räume zu werfen, um die Patienten vorweg schon einmal sehen zu können. Nun erhaschte er den flüchtigen Eindruck, kastaniefarbene, ein wenig wuschelige Haare gesehen zu haben. Sofort stockte er in seinem sonst so ausgreifenden Schritt und sah noch einmal hin. Tatsächlich. Dort saß der hübsche Unglücksrabe aus seinem Notdienst.

Der freudige Schauer in seinem Magen kam gänzlich unerwartet, wenn auch nicht unbedingt unwillkommen. Und nur, weil er deswegen innegehalten hatte, um seine Gefühle zu hinterfragen, bemerkte er die kleine Geste, mit der Keith sich durch die Haare zupfte, weil er sich unbeobachtet wähnte. /Hm./ Eine Überlegung, ein Verdacht begannen zu entstehen. Beides eher zu Liams Freude, wie er feststellte. Mit zwei weiteren Schritten zurück war er vor dem Behandlungszimmer und lugte schwungvoll hinein. "Morgen, Keith! Wie geht es? Alles in Ordnung?"

Keith zuckte erschrocken zusammen, sobald hatte er noch nicht mit dem Arzt gerechnet, er war noch in Überlegungen versunken gewesen. Doch jetzt stand er rasch auf und lächelte den anderen Mann an. "Hallo, Liam. Ja, alles so weit in Ordnung. Ich habe bis jetzt keine Probleme. Ich wollte nur fragen, ob ich mit dem Provisorium noch etwas beachten muss."

Jetzt, wo weder Nervosität noch Schmerzmittel ihn beeinträchtigten, betrachtete er Liam genauer. Er sah wirklich so gut aus, wie er ihn in Erinnerung hatte, wenn nicht sogar noch besser. Durchtrainiert und kräftig, mit diesen strahlenden Augen und der dunklen Stimme wirkte er wie jemand, an den man sich anlehnen und die Welt vergessen konnte, weil er alles von einem fern hielt, was unangenehm werden konnte. /Dummkopf./

"Eigentlich wollte ich schon gestern deswegen vorbeisehen, aber es war derart voll im Laden, dass es einfach unmöglich war", fügte er noch ein wenig unsicher hinzu, um der Frage vorzubeugen, warum er nicht schon am Tag davor gekommen war.

Liam nickte, er hatte nach Feierabend noch immer Licht in dem kleine Lädchen gegenüber gesehen. "Hm, mit dem Provisorium kann man eigentlich alles machen, nur vielleicht keine Nüsse knacken. Wenn es rausfallen sollte, dann kann man es sogar meistens mit ein wenig Zahnpasta selber wieder befestigen. Desinfiziert zugleich."

Er zögerte und ließ den Blick über das offene Gesicht seines schlanken Gegenüber gleiten. Gegen ihn fühlte er sich noch größer. Allein die zarte Gesichtsfarbe und die sensible Art, den Mund zu verziehen. /Er ist sicherlich empfindlich, wie... mache ich das jetzt nur?/ "Hast du Mittagspause?" Gut, die direkte Frage war vielleicht auch ein Weg. Liam schüttelte innerlich über seine Trampelart den Kopf, während er sich ein wenig verunsichert in dem Türrahmen anlehnte.

/Zahnpasta?/ Stumm lachte Keith auf, als er sich im Geiste schon damit herumhantieren sah. Er nickte, und das innere Lachen ließ seine Augen heller werden und ein wenig funkeln. "Ja, sonst wäre ich nicht hier. Ich bin froh, dass ich noch in deinen Terminkalender gepasst habe."

Liam erwiderte die Fröhlichkeit, die ihm mit einem Mal aus dem Gesicht seines Gegenübers entgegen leuchtete, mit einem kleinen Lächeln, während er zögernd die Hände rieb. Linda rief im Hintergrund nach ihm, die letzte Patientin war ungeduldig, hatte noch andere Termine.

"Ich habe nur noch eine Patientin zu sehen, ist eine schnelle Sache. Hättest du Lust, danach mit mir zum Café gegenüber zu gehen und eine Suppe zu essen?" Er sprach schneller als sonst und wagte es fast nicht, Keith anzusehen. /Verdammt! Ich bin sein Zahnarzt. Wer geht schon mit einem Zahnarzt zu Mittag essen?/ Äußerlich war er jedoch ruhig wie immer, und nach einem kleinen Zusammenreißen sah er Keith in das von kleinen Grübchen verzierte Gesicht.

Überrascht riss Keith die Augen auf. "Oh", sagte er überrumpelt, während sein Kopf fieberhaft herauszufinden versuchte, was er davon halten sollte, sowohl von der Frage, wie auch von der kleinen Unsicherheit, die er für einen Moment an dem anderen Mann zu entdecken gemeint hatte. Aber das musste er sich eingebildet haben, denn Liam sah ihn still an, lächelte sogar. Der Blick machte ihn nervös, und alles in ihm schrie danach, dass er ablehnte, eine zu kurze Mittagspause oder Termine vorschob, doch da hatte er schon genickt. /Oh mein Gott, du bist verrückt! Idiot!/ Doch es war zu spät, und so erwiderte er das Lächeln verlegen und nickte erneut, kräftiger dieses Mal. "Gerne."

Das kurze Zögern in seinem Gegenüber hatte ausgereicht, um Liam in einen kleinen Gedankenwirbel zu schicken, vornehmlich aus Flüchen und Verwünschungen bestehend, seine Forschheit betreffend. Doch dann nickte Keith, und erneut betonten die kleinen Grübchen sein Lächeln, als er mit einem ‚Gerne’ zusagte. "Schön, bis gleich."

Keith atmete tief durch, als der Arzt das Zimmer verlassen hatte. /Oh. Mein. Gott. Warum hast du das getan? Du weißt genau, dass du dich von Männern wie ihm fern halten solltest./

Gleichzeitig versuchte sein Kopf herauszufinden, warum Liam ihn gefragt hatte, mit ihm Essen zu gehen. Vielleicht war er einfach allein und hatte noch keinen Anschluss gefunden, immerhin wohnte er noch nicht allzu lang in dem Ort. Keith hatte ihn nicht einmal in der Kneipe gesehen, wenn er mit Freunden weggewesen war. Oder er hatte ein schlechtes Gewissen oder Sorge, weil er ihm das falsche Betäubungsmittel gespritzt hatte, auch wenn es nicht seine Schuld gewesen war, und wollte ihn noch mal in Ruhe beruhigen.

Was auch immer es war, Keith nahm sich fest vor, dass es das letzte Mal gewesen war, dass er diesen Mann außerhalb der Praxis sehen würde. Und da er nicht allzu oft zum Zahnarzt musste, bis auf die Sache jetzt, würde sich die dumme Schwärmerei sehr bald erledigt haben.


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