Im Sturm

3.

So schnell er konnte, erledigte Liam das Polieren und Überprüfen der Kronen einer anspruchsvollen Privatpatientin und stürzte dann zu seinem Zimmer, um sich hektisch umzuziehen. Mit einem blauen Hemd und einer Jeans bekleidet, trat er dann lächelnd auf den anderen Mann zu, der sich bereits wieder in den dunkelbraunen Mantel hüllte.

Es war kein weiter Weg, aber deutlich spürte Liam, dass es kälter geworden war und rieb sich die Finger. "Schaut so aus, als würden wir ein weißes Weihnachtsfest bekommen." Aus Reflex hielt er Keith die Tür zu dem Café auf und musste sich arg zusammenreißen, um ihm nicht den Mantel abzunehmen. /Pass auf, benimm dich nicht ständig daneben, Liam!/

/Oh mein Gott/, dachte Keith erneut, während er ein kleines Flattern in der Magengrube spürte. /Er ist Kavalier. Er hat mir die Tür aufgehalten./ Gleich darauf mischte sich seine vernünftigere Stimme dazwischen und holte ihn auf den Boden der Tatsachen zurück. /Er ist dein Zahnarzt, er macht das immer für seine Patienten, das ist bei ihm ein Reflex. Er hat nicht dir die Tür aufgehalten, sondern seinem Kunden./

Sie ließen sich in einer Ecke nieder, auf plüschigen Bänken und versanken gleich schweigend in dem Angebot auf der Mittagskarte. Keith hatte etwas Schwierigkeiten, sich auf den Inhalt zu konzentrieren, doch er nahm sich zusammen, verdrängte die ungewohnte Situation energisch in den Hintergrund. Schließlich hatte er kein Date, er aß nur mit seinem Arzt zu Mittag, in einem Café, dass er schon sehr oft besucht hatte. Nichts ungewöhnliches also. /Wer geht schon mit seinem Arzt weg?/

Nach einem ausgiebigen Studium der Karte entschied er sich für das, was er eigentlich immer bestellte, die deftige Gulaschsuppe mit Brot, und eine Cola. Aus den Augenwinkeln sah er dann zu dem anderen Mann hin, der in Dunkelblau ebenso gut aussah wie in Weiß. Die Farbe betonte jedoch noch die beeindruckende Tiefe seiner Augen und hob sie weiter hervor, als ob sie nicht ohnehin schon auffällig genug gewesen wären.

Liam ging selten essen. Einmal hatte er an seinem Geburtstag die Praxisangestellten eingeladen, ein anderes Mal hatte er sich zum Mittagessen mit einer seiner Bekanntschaften getroffen, aber in diesem Café war er eigentlich nur auf ein Stück Kuchen gewesen oder eine Tasse Kaffee, wenn seine Exfrau die Kinder brachte. Da war dieses Einkaufszentrum durch die günstige Lage an der großen Überlandstrasse immer ihr Treffpunkt gewesen.

Ihm fiel auf, dass Keith ein wenig nervös wirkend an seinem Wasserglas drehte. Zuvor schon, als Liam ihm die Tür aufgehalten hatte, waren die Reaktionen so verwirrend von freudigem Blinzeln zu beinahe ärgerlich verzogenem Mund gegangen.

/Ob es ein Fehler war?/ Je länger und näher er den Mann beobachtete, desto sicherer war er sich, dass er sich nicht irrte bei ihm. Dennoch benahm Keith sich weder deutlich einladend, noch deutlich abweisend. Wenn Liam eines bei all seinen anderen homosexuellen Erfahrungen gelernt hatte, dann war es eigentlich die angenehme Einfachheit der Signale gewesen. /Nicht bei ihm, definitiv nicht./ Er fing einen kleinen Blick von Keith auf und fragte ihn sogleich wieder aufmerksamer werdend "Was kann man denn hier empfehlen?"

"Eigentlich alles." Keith trank einen Schluck Wasser, um seine trockene Kehle anzufeuchten. "Bis auf die Burger, die schmecken nicht, finde ich. Irgendwie pappig. Ich mag die Gulaschsuppe am liebsten, die hat eine angenehme Schärfe, die ihr ein gewisses Extra gibt, ohne einem den Mund wegzubrennen."

Die Kellnerin kam auch gerade an ihren Tisch und so bestellte Liam sich ebenfalls eine solche Suppe und blieb beim Eiswasser als Getränk. Lächelnd lauschte er der kleinen Unterhaltung zwischen Keith und der Kellnerin, sie schienen sich auch schon länger zu kenne. /Er stammt von hier. Es ist irgendwie schön, wenn man eine Heimat hat, in der man jeden kennt und in der man sicher ist. Das hätte ich auch gern wieder./

/Über was soll ich mich denn mit ihm unterhalten? Ich wette, wir haben nicht ein einziges Interessengebiet. Wir können jetzt doch nicht nonstop über Zahnersatz reden. Die Kinder. Frag ihn nach seinen Kindern. Das kann nicht verkehrt sein./ Keith wartete, bis die Bedienung ihre Bestellung aufgenommen hatte und nach ein paar freundlich gewechselten Worten wieder ging, ehe er sich dem anderen Mann wieder zuwandte. "Sind das deine Kinder, die beiden, von denen du das Bild auf dem Schreibtisch stehen hast?"

Liam hätte fast geseufzt. Er konnte sich gerade noch beherrschen. Natürlich fragte Keith als erstes nach dem schwierigsten Thema. /Wäre er Zahnarzt, er würde die schmerzende Stelle auf Anhieb finden./ Um sein anfängliches Zucken zu überbrücken, nippte er an seinem Glas und genoss die Frische des Wassers für einen Moment, dann sah er Keith wieder an. "Ja, es sind meine. Patricia ist jetzt sieben und Liam vier Jahre alt. Ich bin aber seit gut zwei Jahren von ihrer Mutter geschieden." Über einen Cafétisch hinweg konnte er unmöglich die Gründe für seine Scheidung vor dem anderen ausbreiten. Statt dessen lenkte er vom Thema ab, indem er nachfragte "Ich bin erst seit einem halben Jahr in der Stadt, aber mir scheint, dass du von Kindheit an hier warst, richtig?"

Keith stellte fest, dass seine Überlegungen vollkommen falsch gewesen waren und er mit dem angeblich sicheren Thema offensichtlich doch einen Fehler begangen hatte. Verlegen senkte er den Blick auf seine Hände. "Fast. Ich bin im Nachbarort aufgewachsen, aber da sie beide sehr klein sind, kommt das fast aufs gleiche raus. Einige meiner besten Freunde haben hier gewohnt, wir sind zusammen in die gleiche Schule gegangen. Deswegen war ich auch fast genauso oft hier wie zu Hause." Er lachte leise in Erinnerung an seine Schulzeit und fühlte sich gleich wieder wohler. "Ich bin gerne hier, nur als ich aufs College bin, habe ich in der Stadt gewohnt. Aber wenn ich ehrlich bin, ist es mir dort zu hektisch und unpersönlich. Man kennt ja oft nicht einmal die Nachbarn."

Liam nickte und wollte gerade noch etwas sagen, als bereits ihre Suppen kamen. Nachdem er Keith mit einem kurzen Satz bestätigt hatte, dass auch er die Gelassenheit in der Kleinstadt weitaus angenehmer fand, begannen sie zunächst mit dem Essen. Deutlich spürte er, dass Keith sich in der Situation nicht wohl fühlte, sich mit ihm nicht wohl fühlte. /Seine Frage nach den Kindern war also das Stopschild. Er hat kein Interesse an jemandem, der nicht ausschließlich auf seinem Ufer lebt oder gelebt hat. Schade... sehr schade. Hm, aber die Suppe ist lecker. Das muss ich mir merken./

Er nutzte eine Pause im Essen und fragte "Dann kannst du mir sicherlich sagen, wo ich einen schönen Weihnachtsbaum herbekomme. Nichts großes, ist ja nur für mich und meine Katze, aber ein wenig Weihnachten wollte ich schon feiern."

/Katze. Er hat eine Katze. Katzen vertragen sich meist nicht mit Hunden./ Erschrocken stellte Keith fest, dass er anfing, bewusst Minuspunkte zu sammeln, was kein besonders gutes Zeichen war. /Ich finde ihn zu attraktiv. Deutlich zu attraktiv. Aber das ist eh egal. Er langweilt sich ohnehin mit mir, wir reden ja kaum. Oh mein Gott, was für ein Reinfall./ Er kam sich nicht gut vor dabei, fühlte sich schuldig, als hätte er dem anderen Mann seine Mittagspause verdorben.

/Was, wenn er wirklich Anschluss sucht?/, fragte er sich zögerlich. /Du könntest ihn ja fragen, ob er mal abends mit weggehen will. Vielleicht versteht er sich mit den anderen besser als mit dir?/ Aber wenn das der Fall wäre, würde er ihn öfter sehen. Öfter sehen müssen. Oder dürfen? Keith spürte, wie er zunehmend verwirrter wurde. Er riss sich zusammen und konzentrierte sich auf die Frage, als er bemerkte, dass er sie fast ignoriert hätte.

"Wir haben den Stand am Bahnhof, der hat immer schöne Bäume, meist aber sehr große. Oder du gehst direkt in den Wald, dort kann man sie selber schlagen. Das haben meine Eltern immer gemacht, früher, als die Kinder noch im Haus waren." Wieder musste er lächeln. "Das war für uns immer ein großes Ereignis, am Tag vor Weihnachten mit Dad in den Wald und den Baum holen. Und anschließend haben wir ihn dann mit Mom geschmückt. Mit selbstgebasteltem Weihnachtsschmuck und ein paar bunten Kugeln. Es liegt ein wenig abseits, wenn du magst, zeig ich es dir."

/Keith!!/ Hastig trank er einen Schluck Cola, um seinen Schreck zu verstecken. /Du hast... Bist du verrückt? Was soll das? Er ist ein Hetero! Ein Hetero! Oder im Zweifelsfall bi, und das geht auch nicht gut./

Verblüfft sah Liam den Mann vor sich an, und ganz nebenbei verzweifelte er an dessen Charme. Wie konnte jemand auf eine dermaßen schüchterne Art nur so mitreißend fröhlich und freundlich sein? Zudem überraschte ihn das Angebot. Er nickte zwar bereits begeistert, bevor er sich die Sache so richtig überlegt hatte, aber andererseits sagte er sich, dass er jede Chance nutzen wollte, um diesen Mann nicht so schnell wieder entkommen zu lassen.

"Das wäre unheimlich nett. Ich habe in meinem Haus zwar den Platz für einen großen Baum, aber vielleicht kann ich mir doch einen etwas kleineren aussuche. Ohne Kinder oder Geschenke drum herum ist es ja auch nicht so wichtig." Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass sein nächster Patient in zehn Minuten eintreffen würde. "Ich wünschte, ich könnte länger hier sitzen bleiben, aber meine Mittagspause ist gleich zuende. Ich schreibe dir mal meine private Telephonnummer auf, dann kannst du mir bei Gelegenheit den Weg beschreiben oder einen Tag sagen, an dem du Zeit hast."

Keith fühlte, wie seine Ohren rot wurden, die dankbarer Weise unter seinem rotbraunen Haar versteckt lagen und flehte, betete stumm darum, dass sich die Röte nicht auf seine Wangen ausbreitete, als er nickte. "Ja, okay. Ich ruf dann an." Er lächelte ihm scheu zu, dann kramte er in seiner Manteltasche nach seinem kleinen Notizblock und holte den Kugelschreiber aus der Brusttasche des Hemdes, den er im Laden dort immer trug und den er vergessen hatte, abzulegen. "Hier, dann verliere ich den Zettel nicht."

Liam lächelte in sich hinein. Sogar wie ein Schuljunge erröten konnte dieser Mann noch. Er war so anders als die Männer, die er bislang getroffen hatte, erfrischend anders. Sorgfältig schrieb er die Nummer und seinen Namen in des Notizbuch ein und stand dann auf, um an der Kasse vorn die Rechnung für sie beide zu begleichen, ohne darüber ein Wort zu verlieren.

Keith hob die Hand und winkte kurz, als Liam das Café verließ. Seine Mittagspause war länger, und er mochte es nicht, beim Essen gedrängt zu werden, weswegen er immer noch nicht ganz fertig war. Er zwang sich, nicht zum Fenster hinaus zu sehen, um Liams Weg zu verfolgen und ihn noch attraktiver zu finden.

/Oh mein Gott. Ich habe seine Privatnummer. Er will sich sogar wieder mit mir treffen, obwohl wir heute kaum geredet haben. Er muss wirklich einsam sein, wenn ihn nicht einmal das zurückschreckt./ Andererseits konnte er sich nicht vorstellen, dass ein Mann wie Liam keinen Anschluss finden konnte. Dass es für ihn überhaupt möglich sein sollte, einsam zu sein.

/Aber was soll es sonst sein? Er hatte eine Frau, hat zwei süße Kinder, zumindest auf dem Photo sehen sie süß aus. Aber er wollte nicht von ihnen reden. Warum nicht?/ Energisch unterdrückte er alle Gedanken an Liam, als er sich dem Rest seiner Gulaschsuppe zuwandte.

Doch als er schließlich zur Kasse vorging, wurde seine Aufmerksamkeit sofort zurück auf den Arzt gelenkt. Er hatte für ihn mitbezahlt. Erneut spürte Keith dieses kleine Flattern, das er schon gefühlt hatte, als der Mann ihm die Tür aufgehalten hatte. /Kavalier... Ohne ein Wort zu sagen. Aber vielleicht... nein, wahrscheinlich nur eine Entschuldigung wegen der falschen Spritze. Und wenn er noch so wenig dafür konnte. Oh mein Gott, was mache ich nur? Ich darf nicht... ich will nicht... das ist unmöglich.../

 

Während Liam seine Patienten am Nachmittag, vor allem einige Zahnspangenträger, behandelte, kehrten seine Gedanken immer wieder zu Keith zurück. /Vielleicht könnten wir uns am Wochenende treffen, am Sonntag. Sein Laden ist auch am Samstag offen, oder? Wie verrückt, dass ich immer bis in die Innenstadt gefahren bin, nur um diesen wundervollen Mann hier direkt gegenüber zu versäumen./

Am Abend warf er beim Einsteigen in den Wagen einen verstohlenen Blick auf des weihnachtlich dekorierte Fenster. Weihnachtskarten mit Musik, Schachteln und Tüten für Geschenke in allen Größen und etliche kleine Dinge, die niemand wirklich brauchte, die gerade deswegen so gern gekauft wurden, waren dort liebevoll dekoriert. Es freute ihn mit einem Mal, dass die Leute hier tatsächlich noch lieber bei Keith einkauften als in der Kette in der großen Mall einige Blocks weiter im Zentrum.

Nachdenklich besah er sich die Einrichtung seines Hauses, während er vor dem Kamin saß, in dem er erst einmal, seit er dort wohnte, ein Feuer angezündet hatte. Auf einem Wochenende mit den Kindern, um Eindruck bei ihnen zu schinden. Er hatte es geschafft, seine Katze davon zu überzeugen, auf seinen Beinen liegen zu bleiben und streckte sich betont gemütlich aus, um in dem Buch weiterzulesen, das er im letzten Urlaub begonnen hatte. Leider konnte er sich nicht konzentrieren. Die Zeilen huschten an seinen Augen vorbei, ohne von seinem Kopf wirklich wahrgenommen zu werden. Immer und immer wieder kamen ihm Keiths Worte in den Sinn, seine Gedanken dazu.

/Fragt er als erstes gleich nach den Kindern. Verdammt. Aber ich liebe sie. Ich werde immer Bilder von ihnen um mich haben wollen, schon gerade, wo ich arbeite./ Er warf die Brille auf den Couchtisch und rieb sich die Augen. /Wenn ich ihn nicht vom ersten Moment an so verwirrend und herrlich gefunden hätte. So ein Prickeln in mir, dass ich nervös werde sogar, hab ich schon ewig nicht mehr gespürt./ Sein Blick glitt immer wieder zum Telephon, aber Keith rief nicht an. /Verdammt! Wenn ich nur nicht versucht hätte, Rücksicht zu nehmen und ihn nach seiner Nummer gefragt hätte!/ Frustriert und sich wie ein dummer, verliebter Teenager fühlend ging Liam ins Bett.

 

Der Nachmittag im Laden hatte einiges dazu beigetragen, um Keith abzulenken und ein wenig Entfernung zu dem Essen am Mittag zu schaffen. Als er nach Hause kam, gelang es ihm sogar, sich erst in der Küche einen Salat zu machen und diesen dann ganz gemütlich zu verzehren, ehe er seinen Notizblock hervorholte, sich auf seine Couch setzte und die Seite mit Liams Nummer aufschlug.

Liam hatte ordentlich geschrieben, und seine Buchstaben waren gerade und energisch wie der ganze Mann. Liam Frier. Keith fuhr den Namenszug mit der Fingerspitze nach und zuckte dann zurück, als hätte er sich verbrannt. Hastig schlug er das Büchlein wieder zu, legte es jedoch nur auf den niedrigen Couchtisch neben den Plätzchenteller, anstatt es wieder wegzuräumen. Er hatte seine Nummer. Seine Privatnummer. Er sollte ihn anrufen. Entweder, um sich mit ihm zu verabreden oder um ihm den Weg zu beschreiben.

Der Weg wäre eindeutig das Vernünftigere, das wusste er schon allein, wenn er an die blauen Augen dachte und das Kribbeln, das sie in ihm hervorriefen. Aber es wäre auch sehr unhöflich. Ihm fiel die spontane Begeisterung ein, mit der Liam auf seinen Vorschlag hin genickt hatte.

/Unheimlich nett, hat er gesagt. Und dass er gerne länger mit mir dort gesessen hätte. Gott, er ist hetero! Oder Bi! Keine Bi-Männer mehr, Keith. Nein, auf keinen Fall!/ Er hätte schon gar nicht erst zu dem Essen zusagen sollen. Dummheit war es gewesen. Pure Dummheit. Aber Liam hatte ihn überrumpelt. Er hatte keine Zeit gehabt, darüber nachzudenken. Doch wenn er aus dem Bauch heraus entschied, führte das zumeist zu Katastrophen. Er musste an seinen letzten Freund denken, mit dem er fast ein Jahr zusammen gewesen war, bis er herausgefunden hatte, dass dieser verheiratet gewesen war. Mittlerweile war das auch schon...

/Acht Jahre. Acht Jahre ist es her. Und das mit Charley noch länger. Der ist ja jetzt verheiratet. Hat bestimmt schon ewig viele Kinder. Kinder hat er immer geliebt./ Mit einem Seufzen schob er die Gedanken beiseite und starrte das Notizbuch an. Was wäre, wenn Liam sich von seiner Frau getrennt hätte, weil er schwul war? Was wäre, wenn er nicht einfach nur aus Sorge mit ihm Essen gegangen war? /Immerhin hat er es mir bezahlt, und er hat mir die Tür aufgehalten./ Was wäre, wenn er sich ernsthaft für ihn interessierte? /Ich könnte ihn anrufen. Jetzt gleich. Ich würde seine Stimme gerne wiederhören.../

"Du bist ein Dummkopf und ein Träumer, Keith!", sagte er laut und sah zu seinem Telefon hin, wohlwissend, dass er sich auch nicht trauen würde, bei Liam durchzuklingeln, wenn er nicht verheiratet gewesen wäre und keine Kinder gehabt hätte. "Oh, was soll’s..." Gleichermaßen frustriert wie aufgeregt entschloss er sich dazu, ins Bett zu gehen und darüber zu schlafen.

Der nächste Tag wurde jedoch nicht viel besser. So lange er arbeitete, ging es, doch in jeder freien Minute ertappte er sich dabei, zu der Praxis herüber zu sehen, als würde Liam mitten am Tag herauskommen, seine Arbeitszeiten ignorierend durch den Schnee zu ihm stapfen, um ihn zu sehen. Der Gedanke half. Er war so lächerlich, dass er nur über sich den Kopf schütteln musste und den Arzt besser ignorieren konnte.

Am Abend jedoch brütete er wieder vor Telefon und Notizbuch und versuchte, sich zu einer Entscheidung durchzuringen. /Es ist unfair. Ich habe es ihm angeboten, ich muss wenigstens anrufen, um ihm die Beschreibung zu geben. Reiß dich zusammen, Keith! Er ist nur dein Zahnarzt!/

Es gelang ihm soweit, dass er die Nummer wählte, es zweimal durchklingeln ließ und dann doch wieder rasch auflegte. Anschließend kam er sich noch dümmer und noch verwirrter vor und schimpfte ausgiebig darüber, dass er nicht einmal mehr Doyle hatte, der ihn aufmuntern konnte. Spaziergänge ohne Hund waren einfach nicht dasselbe.

Erst am dritten Abend fand er genügend Mut, um nicht nach dem ersten Klingeln aufzugeben, hätte dann jedoch beinahe die Verbindung unterbrochen, als er am anderen Ende Liams dunkle Stimme hörte. "Ha-hallo, Liam. Ich bin’s. Keith."

Liam atmete einmal ein und aus, dann legte er seine Freude rücksichtslos voll in seine Stimme. "Keith, wie schön. Alles in Ordnung?"

"Wenn du den Zahn meinst, ja, keine Probleme. Dem geht es gut." Keith spürte, wie sein Herzklopfen fast schmerzhaft wurde. "Aber deswegen rufe ich ja gar nicht an, sondern wegen dem Weihnachtsbaum. Hast du noch Interesse daran? Oder hast du schon was gefunden?" Fast wünschte er, dass Liam die letzte Frage bejahen würden, das wäre wirklich das einfachste.

"Ich meinte eigentlich dich im Ganzen, nicht nur den Zahn. Und nein, ich habe noch nichts gefunden, sondern auf deinen Anruf gewartet." Das war wirklich so. Liam hatte sich zusammenreißen müssen, um nicht zu dem anderen Mann in den Laden zu stürmen. Je länger er nichts von ihm hörte, desto mehr wurde ihm bewusst, wie wichtig es ihm war, dass Keith sich bei ihm meldete. /Hör auf damit, ihn dir in den Kopf zu setzten, Liam!/

"Oh..." Keith fühlte sich mit einem Mal richtig schwach, auch wenn ihm bewusst war, dass diese Worte nicht gleichbedeutend damit waren, dass Liam wegen ihm gewartet hatte. Weil er mit ihm sprechen wollte oder ihn gar wiedersehen. Mit einer zitternden Hand strich er sich die Haare aus der Stirn und verfluchte sich für seine aufgeregte Nervosität.

/Ich hätte ihn nicht anrufen sollen! Ich hätte... aber ich hatte es versprochen. Ich musste ja. Verdammt, tu nie wieder so etwas Unüberlegtes!/ Doch im selben Moment redete er auch schon weiter, als er merkte, dass die Pause zu lang zu werden drohte. "Was wäre dir denn lieber? Wenn ich dir die Strecke beschreibe oder es dir zeige?" /Und warum kann ich ihm nicht einfach nur sagen, wie er fahren müsste? Gott noch mal, warum versuche ich, höflich zu bleiben? Warum will ich nicht, dass er sich von mir... ich weiß nicht... abweisend behandelt fühlt?/

Liam registrierte, wie unsicher die Stimme am anderen Ende klang. /Und wenn er einen Freund hat und nur nett sein wollte? Verdammt. Nicht, dass er deinetwegen ärger bekommt./ Erst in diesem Augenblick ging ihm auf, dass er sich diese Möglichkeit schon viel früher hätte denken können. /Ein Mann wie er, mit dem Gesicht und der lieben Art. Natürlich ist er nicht allein! Verdammt!/

Statt sich seine innere Debatte anmerken zu lassen, erwiderte er nun ein wenig zögerlicher "Wie es für dich angenehmer ist, Keith. Ich will sicherlich nicht deine kostbaren freien Stunden in der anstrengenden Vorweihnachtszeit nehmen."

Keith hatte das Gefühl zu verzweifeln. Er wusste, was er lieber wollte, und er wusste genauso gut, was er tun sollte. Er rang um Worte und schimpfte innerlich auf Liam, weil er ihm die Entscheidung überlassen hatte, war gleichzeitig froh darüber und kam mit diesem Zwiespalt nicht besonders gut klar. /Okay, er ist dein Zahnarzt. Er ist noch nicht allzu lange in der Stadt. Du hast ihm dieses Angebot gemacht, und er ist mit Sicherheit allein, wenn er nur mit seiner Katze Weihnachten feiert. Aber er ist heterosexuell und damit nicht wirklich eine Gefahr, selbst wenn.../

"Ich brauche selber noch einen kleinen Baum", hörte er sich schließlich nach einer halben Ewigkeit sagen. "Das könnte ich dann auch gleich erledigen."

Es hörte sich vernünftig an, wie eine Entschuldigung, als sei mit ihm einen Baum schlagen zu gehen, eine verbotene Sache. Es so zu verstehen, ließ Liam spontan ein wenig grinsen. "Schön. Ich habe eine Säge, und in meinem Kombi ist sicherlich genug Platz für zwei kleine Bäumchen." Er schlug seinen in der Vorweihnachtszeit mit Weihnachtsessen von Pharmafirmen vollgestopften Kalender auf und fragte "Wann würde es dir denn passen, Keith?"

Immerhin jetzt musste Keith nicht lange überlegen. Er würde sich hüten, in einen nächtlichen Wald zu gehen, und nach Ladenschluss war es grundsätzlich dunkel, bis auf Mittwochs, wo er den Nachmittag frei hatte. An dem Tag hatte aber Liam mit Sicherheit noch die Praxis offen, also fiel der auch weg. "Sonntag wäre die beste Möglichkeit, denke ich. Es sei denn, du hast Notdienst."

"Nein. Ich hab erst am Weihnachtstag wieder Dienst. Der nächstes Sonntag passt hervorragend. Gehst du zur Kirche, Keith?" Noch im Sprechen strich Liam zwei Termine aus dem Sonntag heraus.

"Ja, Sankt Benedict." Keith strich das gewundene Hörerkabel herauf und wieder herunter, während er sich fragte, ob auch Liam in die Kirche ging. Irgendwie hatte es nicht danach geklungen, was vielleicht der Grund dafür sein konnte, dass er sich noch nicht wirklich in die Gemeinde integriert hatte. Jeder hier gehörte irgendeiner Kirche an und besuchte dort auch regelmäßig die Gottesdienste.

/Hör auf, dir Gedanken über ihn zu machen. Vielleicht bildest du dir auch nur etwas ein, und er sucht keinen Anschluss, sondern hat jede Menge Freunde. Vielleicht findet er dich einfach nur so nett, das soll auch mal vorkommen. Nett, ohne jeden Hintergedanken und ohne gleich einsam zu sein./ "Der Gottesdienst geht von neun bis halb elf, danach bin ich frei."

Liam nickte für sich und lächelte. /Sankt Benedict, also katholisch. Das passt zu ihm./ "Dann könnten wir uns doch in aller Ruhe gegen elf treffen. Am Parkplatz? Oder soll ich dich abholen?"

"Oh, ich..." Keith spürte erneut Röte in den Wangen und verfluchte sich dafür. Es würde der reinste Alptraum werden, wenn ihm das am Sonntag passieren sollte. Aber Liam klang schon wieder so nach Kavalier. /Du steigerst dich in etwas rein, mein Lieber. Es reicht. Jetzt und hier ist Schluss./ Er versuchte, seine Gedanken zu ordnen und logischer zu werden.

Wenn Liam ihn abholte, hätte Keith die Möglichkeit, ihn einigen Leuten vorzustellen, wodurch dieser sie etwas privater kennen lernen konnte, nicht so wie in der Praxis. Andererseits wusste er wirklich nicht, ob diese ganze Anschluss-Sache nicht ebenfalls nur seiner Einbildung entsprang. Zudem würde zumindest Jason, einer der wenigen seiner Freunde, die wussten, dass er schwul war, mit Sicherheit nicht davon abzubringen sein, ihn nonstop damit aufzuziehen, wenn er von einem derart gutaussehenden Mann abgeholt wurde. "Ich komme zum Parkplatz. Am Sonntag um elf dann, ja?"

Liam notierte es sich, obwohl er sich sicher war, dass er niemals vergessen könnte, sein so mühsam ergattertes Date dort abzuholen. "Um elf Uhr dort also. Danke für den Anruf, Keith. Ich freue mich schon."

"Bis dann." Mehr brachte Keith nicht heraus. Hastig drückte er auf die Telephongabel und atmete auf, als er das anhaltende Tuten hörte, das aus dem Hörer drang. Langsam legte er auf, rührte sich dann jedoch nicht von der Stelle. Er wusste nicht, ob er sich freuen sollte, gerade auch, weil Liam das offensichtlich tat. Seine Hände zitterten noch immer, als er sich mit gespreizten Fingern durchs Haar fuhr und in sich hineinhorchte, wo Wut auf sich selber, Nervosität, Freude und Schmetterlinge darum stritten, wer denn nun die Oberhand gewann.

/Mach dir keine Gedanken darüber. Lass es einfach kommen. Er ist hetero./ Dennoch ging er erst einmal in sein Wohnzimmer und schenkte sich einen doppelten Whiskey ein, auch wenn er es als Verschwendung von einem so guten Tropfen empfand, dass er ihn jetzt einfach herunterkippte. Aber er half. Danach fühlte er sich schon wieder besser.


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