Im Sturm

4.

Die Woche kroch vorbei, obwohl Liam gerade vor den Ferien nicht wenig zu tun hatte. Nicht selten warf er vom Aufenthaltsraum, in dem er in den Pausen seinen Tee trank, einen Blick zum kleinen Laden gegenüber, aber wagte es nicht, hinzugehen. Stattdessen überlegte er sich einen Weg, wie er mehr über Keith herausfinden konnte. Unauffällig, was in einer Kleinstadt schwierig war.

Linda, die Sprechstundenhilfe, war dabei eine gewisse Hilfe. Sie bot ihm in einer gemeinsam verbrachten Mittagspause von sich aus einige Informationen, als er angesichts der Abrechnung für Keith bestimmte, dass sie nur den einen Besuch, bei dem alles gut gegangen war, in Rechnung stellen konnten und dabei auch nur die Materialien, nicht seine Arbeitszeit. Leider waren es alles unwichtige Dinge. Keith war ein netter Junge von nebenan, hatte mal als eine ganz gute Partie gegolten, immerhin war er in der Schule gut gewesen, hatte das College besucht. Aber er hatte sich nach einer Enttäuschung, die er offensichtlich in der Stadt erlebt haben musste, zurückgezogen.

Gereizt dachte Liam, dass diese Kleinstadtmenschen sich ihre Wahrheit auch gern einmal hinbogen. Dann erst wurde ihm klar, dass die feine Art des Mannes, sein Gefühl, bei Keith richtig zu sein, vielleicht ebenfalls eine hingebogenen Wahrheit sein mochte, seine nämlich. /Oh Gott. Hoffentlich denkt er nicht, dass ich ein einsamer Mann bin, der nur einen anderen einsamen Mann zum brüderlichen Verbünden sucht. Das wäre schrecklich!/

Nach einem anstrengenden Samstag, an dem Liam sich mit einer halben Millionen anderer Menschen durch die Spielzeugläden kämpfte, um die bestellten Weihnachtsgeschenke zu finden, um danach zu einer Einladung zum Mittagessen bei einigen Kollegen zu hetzen, die ihm eine nette, ebenfalls recht frisch geschiedene Kollegin vorstellten, was ihn nervte, war er am Sonntag tatsächlich ein wenig aufgeregt.

Er besuchte noch keine Kirche in der Stadt, weil es auch schwierig war, sich die Richtige auszuwählen, wenn man seinen Kreis von Freunden noch nicht gefestigt hatte. Stattdessen schwamm er einige Bahnen und tobte sich auf einigen der Geräte im Fitnessclub aus. Er wählte dicke Kleidung, seinen dunkelgrünen Lieblingspullover, eine wattierte schwarze Jacke und feste Stiefel. Schon um Viertel vor elf rollte er durch den über Nacht frisch gefallenen Schnee auf seinen überdachten Parkplatz neben der Praxis zu.

 

Wieder Erwarten war es Keith gelungen, Liam und ihre Verabredung weitgehend aus seinem Kopf zu verbannen. Er hatte sich mit besonderem Enthusiasmus auf die Arbeiten gestürzt, die er immer vor sich herschob, die jedoch dennoch erledigt werden mussten. Er hatte sich an dem freien Mittwochnachmittag, an dem eine Aushilfe den Laden übernahm, mit Amy getroffen und ihr geholfen, stundenlang den Kinderwagen durch den Schnee zu schieben, während ihre beiden älteren Kinder sich mit wilder Begeisterung Schneeballschlachten lieferten. Er hatte Weihnachtsgeschenke gekauft und sie liebevoll verpackt, um sie dann an seine diversen Nichten, Neffen und Geschwister zu verschicken.

Doch als er am Sonntagmorgen aufwachte, war sein erster bewusster Gedanke der, dass er Liam wiedersehen würde. Fluchend zog er sich das Kissen über den Kopf und vergrub sein Gesicht darin, um die blauen Augen wieder zu vergessen, doch in der Dunkelheit schienen sie nur um so heller zu strahlen.

Schließlich raffte er sich auf, brachte jedoch nicht viel an Frühstück herunter, lediglich eine Tasse Tee. Dafür brauchte er um so länger vor dem Kleiderschrank. In der Kirche konnte er schlecht mit Schneestiefeln und ähnlichem erscheinen, aber andererseits waren die Sonntagsschuhe für den verschneiten Wald anschließend denkbar ungeeignet. Endlich entschied er sich für eine etwas robustere, braune Hose, unter die er lange Unterhosen anzog, einen hellen Kaschmirpullover und die Lederstiefel, nahm jedoch ins Auto noch Wollsocken und neben seinem Mantel die dicke Daunenjacke mit. Vermutlich würde er in der Kirche schwitzen, doch das war egal.

Dem Gottesdienst folgte er nur mit halbem Ohr, leierte gedankenlos die Gebete herunter, sang mit, ohne genau zu wissen, was eigentlich und war alles in allem nur froh, dass er schon lange genug dabei war, um alles auswendig und nahezu im Schlaf zu beherrschen. Statt wie sonst anschließend noch länger mit seinen Freunden zu reden oder mit Bekannten nette Worte auszutauschen, verabschiedete er sich recht schnell und eilte zum Parkplatz zurück, um sich dort die Socken anzuziehen und den Mantel gegen die Daunenjacke auszutauschen.

Nervös hielt er dann Ausschau nach Liams Wagen, der jeden Moment um die Ecke biegen musste. So, wie er den anderen Mann kennen gelernt hatte, wäre er bestimmt eher zu früh als zu spät dran. Doch die Zeiger der Uhr schlichen gemächlich weiter, und Liam zeigte sich nicht. Allmählich leerte sich der Parkplatz und mit jedem Auto, das abfuhr, näherte sich Keiths Laune einem weiteren Tiefpunkt. Es wurde elf, es wurde Viertel nach elf, und weit und breit war kein Liam in Sicht.

Keith kontrollierte sein Handy, ob sich der andere dort vielleicht gemeldet hatte, bis ihm auffiel, dass dieser seine Handynummer nicht hatte, ebenso wie er umgekehrt Liam nicht mobil erreichen konnte. Er hatte nicht erwartet, dass die Enttäuschung, dass Liam nicht kam, so brennen konnte. /Aber wir hatten doch elf gesagt. Elf auf dem Parkplatz./

Parkplatz... mit einem Mal fiel ihm auf, wie vage die Beschreibung war. "Oh mein Gott, was, wenn er einen anderen gemeint hat als ich? Ich fand es so selbstverständlich, dass er den vor der Kirche meinte! Aber vielleicht..." Fieberhaft überlegte er, welcher sonst in Frage kam, und der einzige, der ihm sonst noch einfiel, war der vor der Praxis.

Er fuhr bereits los, noch ehe er sich angeschnallt hatte. /Hoffentlich wartet er! Oh verdammt! Oh verdammt noch mal! Was für eine dumme Situation!/

Er war sich sicher, noch nie unvorsichtiger gefahren zu sein, als er endlich in die Straße einbog, die zu der Praxis führte, und ein Blick auf die Uhr bestätigte ihm das. Keine Viertelstunde von der Kirche bis hierher war ziemlich lebensmüde bei den Witterungsverhältnissen. /Keith, du Idiot! Selbst wenn er nicht wartet, kannst du... nein, kannst du nicht. Du kennst seine Privatadresse nicht. Du kannst nicht zu ihm fahren. Du kannst höchstens bei ihm dann anrufen./

Doch als er auf den Parkplatz rollte, sah er Liams großen Wagen noch auf seinem normalen Platz stehen, und er atmete erleichtert auf. Er parkte neben ihm ein und stieg aus.

Liam hatte zunächst gar nicht gemerkt, dass die Zeit vergangen war und Keith sich verspätete, weil er auch damit gerechnet hatte, dass es nicht einfach war, bei diesen Witterungsverhältnissen pünktlich anzukommen. Er hörte einer Radiosendung zu und genoss die Standheizung seines Wagens, während es draußen sachte zu schneien begann.

Nach einer Weile und einigen Blicken zur Uhr begann er sich zu sagen, dass die Kirche ja auch einmal länger dauern konnte. Doch als es halb zwölf wurde, begann er sich Sorgen zu machen. /Ob ihm etwas passiert ist? Autounfall? Es ist glatt auf den Straßen. Himmel, ich hab keine Nummer von ihm, wie kann ich herausfinden, ob er... Hör verdammt noch mal damit auf, dich immer gleich zu sorgen, Liam!/

Doch als ein kleiner, dunkelgrüner Mazda neben seinen Wagen rollte und Keith ein wenig rot im Gesicht und eine Spur zu hektisch herauskletterte, hätte Liam ihn am liebsten vor Erleichterung umarmt. Er begnügte sich mit einem freudigen Lächeln und sprang seinerseits aus seinem neben dem kleinen anderen Autochen wuchtig wirkenden schwarzen Kombi heraus. "Hallo, Keith!"

"Hallo, Liam." Keith klang fast so atemlos, als wäre er den Weg gerannt, anstatt ihn zu fahren. Erleichtert bemerkte er jedoch, dass Liam nicht im Geringsten ärgerlich zu sein schien. "Es tut mir leid, dass ich mich so verspätet habe. Ich habe auf dem Parkplatz an der Kirche gewartet. Und dann konnte ich dich nicht mal anrufen, weil ich keine Handynummer von dir habe."

Liam lachte auf "Ach herrje! Das tut mir leid. Ich war mir sicher, dass du diesen hier meinen musst." /Vor allen Dingen, weil ich das Treffen sicherlich anders sehe als du. Schade... immer noch sehr schade./ Er öffnete die Beifahrertür für Keith und ging dann um den Wagen herum, was Keith auch die Gelegenheit geben sollte, sich ein wenig einzunisten. Nett sah er aus, Brauntöne standen ihm gut, und die dicken Stiefel und die aufgeplusterte Jacke betonten seine zierlichen Hände und das feine Gesicht nur noch mehr. /So verdammt schade./

Wieder fühlte Keith die unwillkommene Hitze in seinem Gesicht, während er sich anschnallte. /Warum muss er so schrecklich höflich sein? Warum muss ich nur so ein Faible für Kavaliere haben? Warum macht es mich nur so schwach, wenn ein Mann mir die Tür aufhält. Mist! Mistmistmist!/

"Ich hab uns sicherheitshalber heiße Schokolade in der Thermoskanne eingepackt, das Wetter sieht mir passend dafür aus", verkündete Liam schließlich, um dem Treffen die Atmosphäre eines Schulausflugs zu geben, auch wenn er sich wirklich nicht so fühlte.

Keith lächelte, während sich seine Gesichtsfarbe wieder normalisierte. "Ich glaube, das ist eine nahezu perfekte Idee gewesen." Zufrieden rutschte er sich zurecht. Liams Wagen war wesentlich komfortabler als sein eigener. Man sah ihm an, dass der Arzt deutlich mehr Geld hatte. Allein die Beinfreiheit auf dem Beifahrersitz war sehr angenehm; der Sitz war nahezu so bequem wie ein Wohnzimmersessel und zudem ausreichend von Liams entfernt.

Keith stellte fest, dass das Motorenbrummen beinahe so klang wie das Schnurren einer zu groß geratenen Katze, zumindest wenn man es mit dem heiseren Brummen seines eigenen Wagens verglich, und er war sich sicher, dass man sich auch noch bei höchsten Geschwindigkeiten ohne Probleme unterhalten konnte, was bei seinem Auto schon erhobene Stimmen erforderte. Aber er passte zu Liam, groß und sicher, scheinbar durch nichts zu erschüttern.

Während Liam ausparkte und in die ihm gewiesene Richtung fuhr, erzählte Keith ihm ein wenig und noch immer etwas atemlos von der Woche im Laden, um nur kein ungemütliches Schweigen aufkommen zu lassen. Nach und nach entspannte er sich jedoch. Er empfand die Nähe des großen Mannes als angenehm und im Moment auch nicht als bedrohlich, zudem fuhr dieser so ruhig und gleichmäßig, dass Keith sich trotz der recht hohen Geschwindigkeit überraschend sicher bei ihm fühlte.

Aus den Augenwinkeln betrachtete er das energische Profil mit der schmalen Nase und dem kräftigen Kinn. Das braune, kurze Haar hatte Liam aus dem Gesicht gestylt, und er trug heute nicht die kleine, silberne Brille, was seine Augen noch ausdrucksvoller werden ließ. Keith fielen die schönen, dichten Wimpern auf und der feine Zug um den Mund, der ihn wirken ließ, als würde er innerlich lächeln.

Unwillkürlich musste auch Keith lächeln. Doch als Liam kurz zu ihm sah, um etwas zu erwidern, wandte er hastig den Blick ab, als er die kleinen Schmetterlinge wieder in der Magengrube spürte. /Schmetterlinge mitten im Winter.../

Schließlich hielten sie auf der kleinen, zugeschneiten Parkfläche mitten im Wald, auf der nur die groben Reifenprofile von Gregorys Wagen zu sehen war. "Ich hab Greg, das ist der Förster, angerufen, dass wir Bäume holen werden. Er ist nicht da, aber er kommt ja oft genug zu mir in den Laden, da bezahle ich dann", erklärte er Liam.

"Oh, gut. Er wird schon merken, welche Bäume wir uns ausgesucht haben." Suchend ließ Liam seinen Blick über einige Wege gleiten, auf denen man leicht zugeschneite Fußstapfen erkennen konnte. "Welche zum schlagen freigegeben sind, sieht man an den roten Bändchen, oder sehe ich das falsch?" Er streckte sich und zippte seine Jacke zu, nachdem er sich den roten Strickschal, ein Geschenk von seiner einen Sprechstundenhilfe, umgebunden hatte.

Keith holte seine Handschuhe aus den Taschen und nickte, schüttelte gleich darauf den Kopf, während er sie überstreifte. Dann lachte er leise. "Nein, das ist schon richtig. Aber so weit vorne sind die schönsten schon weg; wir müssen tiefer in den Wald, wenn wir noch hübsche finden wollen." Er wartete, bis Liam den Wagen abgeschlossen hatte.

"Dad hatte immer einen Schlitten dabei, wenn wir den Baum holen gegangen sind", erzählte er und genoss die kalte, frische Winterluft und das Knirschen des dichten Schnees unter ihren Schritten ebenso wie Liams Gegenwart. Er ließ seinen Blick schweifen, fand die Stimmung des Waldes nahezu märchenhaft mit den zugeschneiten Nadelbäumen, deren Zweige sich unter der weißen Last bogen, und ihrem zu kleinen Wolken werdenden Atem. Ruhig und friedlich war es, so wie es vor Weihnachten sein sollte. "Aber wir haben auch wirklich große ausgesucht, die bis zur Decke gereicht haben. Die konnte man nicht mehr so ohne weiteres tragen."

Liam nickte und legte den Kopf kurz in den Nacken. "So einen großen Baum werde ich erst mal nicht mehr brauchen."

Einen Moment lang schweigend stapften sie durch den Schnee in Richtung der weiter hinten gelegenen Baumschule. Doch dann tat Liam es Keith nach, der zuvor auf der Fahrt die Stille mit Alltäglichkeiten vernichtet hatte, und erzählte ein wenig von den vergangenen Weihnachtsessen mit Kollegen und von Pharmafirmen, die ihm schon reichlich zum Hals raushingen.

Nach einigen Schritten wurde der Schneefall dichter, und die Flocken begannen, sich auf ihren Haaren und Jacken niederzulassen. Ein Bild, das Keith ausgesprochen gut stand. Um etwas zu tun zu haben, formte Liam einen Schneeball, auch wenn seine Hände davon unangenehm kalt wurden, weil er seine Handschuhe noch nicht angezogen hatte. Mit einem kleinen Lachen warf er nach einigen höhergelegenen Zweigen und murmelte "Eigentlich perfekt für Cassie hier."

Er warf einen entschuldigenden Blick auf Keith neben sich. "Der Nachteil, wenn man sich scheiden lässt, man muss auf so vieles verzichten, das einem lieb geworden ist." Und wieder fand er es sehr befremdlich, dass ihm sein Colliemädchen deutlich mehr fehlte als seine Frau. Natürlich immer noch weniger als die Kinder, aber Cassies Freude und ihre Treue vermisste er an der Katze noch immer sehr. "Aber ich konnte sie den Kindern nicht wegnehmen."

Keith sah dem in einer kleinen Lawine herabgleitenden Schnee zu und lächelte in sich hinein, befand, dass die Aktion Liam für einen Moment wie einen großen, unbekümmerten Jungen hatte wirken lassen. "Cassie... dein Hund? Ich verstehe, dass er dir fehlt. Ich hatte bis vor kurzem auch noch einen. Doyle, eine freche Promenadenmischung. Er hat Schnee auch sehr gemocht. Hat mit den Schneeflocken immer Haschen gespielt."

"Ich wollte mir erst einen Hund zulegen, aber die Arbeitszeiten hier in der Praxis eignen sich nicht dafür. Der Katze ist es egal, wann ich nach Haus komme." Er warf einen Seitenblick auf den kleineren Mann neben sich. "In dem Laden ist auch reichlich zu tun, nicht? Mir ist aufgefallen, dass er an dem Tag geschlossen war, als du zu Hause bleiben musstest."

Keith fragte sich, wie Liam es schaffte, ihm mit nur ein paar wenigen Worten ein so warmes Gefühl in der Magengrube zu bescheren und ihn gleichzeitig derart in Verwirrung zu stürzen. /Er hat es bemerkt! Also ob er... Nein, Keith, nein! Denk nicht einmal in die Richtung!/ Er wagte nicht, zu ihm hinzusehen, als er so unbekümmert wie möglich antwortete. "Gerade vor Weihnachten ist viel los. Und ich habe im Tran vergessen, Evelyn, meine Aushilfe, anzurufen. Aber ob sie so kurzfristig gekonnt hätte, ist auch fraglich."

Sie waren einige Minuten lang in den Wald hinein gegangen, als eine Schonung mit Baumschule sich vor ihnen auftat, wo zum einen fertig geschlagene Bäume an einem Zaun lehnten, zum anderen aber auch etliche Bäumchen mit einem roten Band markiert waren.

"Hm. Wenn ich Glück habe, dann gefällt mir einer von denen gleich hier am Zaun." Leider stellte Liam fest, dass diese Bäumchen alle viel zu groß und mager für seinen Geschmack waren.

Keith lachte leise. "Das Fällen ist doch der halbe Spaß daran. Als Kinder haben wir uns immer um die Säge gestritten. Schau mal, dort hinten sind kleinere." Er wies weiter in die Schonung hinein, warf Liam einen auffordernden Blick zu und stapfte durch den unberührten Schnee auch schon gleich los. Sein Blick glitt über die mit roten Bändchen markierten Bäume und wählte dann zwei kleine, besonders gerade gewachsene aus. "Was hältst du von diesen hier? Die sind schön. Oder ist dir das doch zu klein? Für meine Wohnung haben sie allerdings gerade die richtige Größe. Ich werde einen davon nehmen, denke ich."

Liam legte den Kopf schief und beobachtete, wie Keith durch den Schnee stapfte, die Bäumchen mit einem vorsichtigen Schütteln vom Schnee befreite und sie anpreisend umwanderte. /Er muss schwul sein. Tut mir leid. Egal, wie sehr er mich verwirrt und merkwürdige Dinge tut oder sagt, es muss so sein. Es fühlt sich verdammt noch mal so an. Das kann dann aber nur heißen, dass er mich nicht mag... nicht so, sonst wären wir doch sicherlich schon längst... Halt! Oder er ist schüchtern. Oder er ist das, was ich so vergeblich in den Bars und im Fitnessclub gesucht habe./

Verwirrt bemerkte er, dass Keith ihn beim Starren erwischt hatte. "Oh. Ehm, ich finde sie gerade richtig. Gute Wahl, Keith. Willst du also sägen, oder soll ich? Welchen nehmen wir zuerst?"

Keiths Herz hatte einen Satz gemacht, als er sich umgedreht und Liams Blick bemerkt hatte. /Er hat mich, nicht die Bäume angesehen. Ich... Um Gottes Willen, nein, das.../ Mit einem Mal fühlte er sich wieder erschreckend unsicher. Für einen Moment war ihm, als könnte er sich nicht mehr bewegen, als würden ihn die blauen Augen an Ort und Stelle bannen, als würden sie ihn festhalten, nie wieder loslassen.

Hitze stieg ihm in die Wangen, als er sich endlich losriss und zu einem der Bäumchen stolperte, um neben ihm nieder zu hocken und mit den Händen den Schnee vom unteren Teil des Stammes wegzuschieben.

"Das hier", sagte er atemlos und wagte es nicht mehr, sich zu Liam umzudrehen. "Ich bin dafür, eines sägst du, eines ich."

"Das ist fair. Ich zuerst, mir ist ein wenig kalt geworden." Liam besah sich den Stamm, während er Keith eine Hand runterreichte, um ihm aufzuhelfen. "Hältst du mir die Zweige hier unten ein wenig aus dem Weg? Dann geht es sicherlich ganz leicht."

Ganz leicht ging es nicht, vor allem, weil er der Schnee um die Bäumchen sehr tief war. Aber nachdem er sich an die Bewegungen gewöhnt hatte, bekam er den schlanken Stamm ohne größere Probleme durch. "So, jetzt du, oder soll ich gleich weitermachen?" Er blieb noch in der Hocke und sah zu Keith auf, während er die Holzspäne von seiner Hose fegte.

Bewusst wich Keith seinem Blick aus und ging bereits zu dem anderen Baum, um auch bei diesem den Schnee etwas beiseite zu schaufeln und an anderen Stellen festzuklopfen. "Nein, nein, ich mach das schon. Aber lieb, dass du es mir anbietest."

/Zu lieb./ Er hatte schon länger keinen Baum mehr gefällt. Seit er allein wohnte, hatte er sich meist einen von seinem Dad mitbringen lassen oder ihn am Bahnhof gekauft. Aber die Anstrengung würde ihn von Liam ablenken, zudem hatte er nicht gelogen, als er ihm erzählt hatte, dass es die Hälfte des Spaßes gewesen war, wenn auch jetzt längst nicht mehr so aufregend wie in der Kindheit.

Liam hielt die unteren Zweige für ihn hoch und versuchte, den Baum ein wenig zu stabilisieren, während Keith sich sichtlich mühte, aber dennoch ziemlich schnell mit dem Stämmchen fertig wurde. Als sie ihre Beute an den Stämmen fassten, um sie zum Wagen zurück zu schleifen, wurde der Schneefall noch dichter, so dass sie tüchtig eingeschneit waren, als sie am Parkplatz wieder ankamen.

"Na, wenn das nicht eine weiße Weihnacht wird." Liam öffnete die Heckklappe und zog die Plastikplane zurecht, die er sich für diese Gelegenheiten besorgt hatte. Er ließ die beiden Tannen in dem geräumigen Inneren seines Wagens verschwinden, und mit ein wenig Hin- und Herbiegen bekam er sogar die Klappe zu.

Dieses Mal verzichtete er darauf, Keith die Beifahrertür aufzuhalten, da er zum einen hätte laufen müssen, um vor ihm dort zu sein; zum anderen gewann er den Eindruck, dass, je mehr er sich zuvorkommend gab, desto weniger Keith ihn zu mögen schien. Aber je länger er mit ihm zusammen war, desto mehr wollte Liam Keith näher kommen. Und gerade diese Schüchternheit, das Erröten und Wegsehen, mit dem Keith auf ihn reagierte, war Teil der Art, die ihn reizte.

/Ich hoffe, dass ich ihn nur nervös mache, damit könnte ich noch leben./ Seufzend schälte Liam sich aus der dicken Jacke, die Schlepperei hatte ihn ins Schwitzen gebracht. Und um sich wieder ein wenig zu akklimatisieren blieb er noch im Wagen sitzen, hatte nur die Standheizung ein wenig eingeschaltet und goss den Becher von der Thermoskanne vorsichtig halb voll heißer Schokolade, um sie Keith anzubieten. "Ein Momentchen noch will ich hier sitzen bleiben und dem Schnee zusehen, in Ordnung?"

"Sicher." Auch Keith hatte sich der Jacke entledigt und zog erst einmal den hellen Kaschmirpullover zurecht, ehe er nach dem Becher griff. "Danke." Mit einem leisen, zufriedenen Seufzen nippte er an dem Kakao, der genau richtig war, und lehnte sich dann zurück, um die Flocken zu beobachten, die auf der Scheibe landeten, schmolzen und als Tröpfchen wie kleine, helle Perlen liegen blieben.

Die Wärme, das leise Surren der Heizung und seine leichte, angenehme Erschöpfung dazu versetzten ihn in eine verträumte Stimmung, die durch den Duft der Tannen richtig weihnachtlich wurde. In dem Moment schien alles vollkommen perfekt zu sein, einschließlich die ruhige Gegenwart des großen Mannes neben ihm. Wenn er ehrlich war, war es erst Liam, der es so richtig gemütlich machte.

Er trank aus und wandte mit einem Lächeln den Kopf zu ihm, ehe er ihm den Becher wieder zurückgab. "Deine heiße Schokolade ist wirklich lecker. Nicht zu süß, nicht zu herb."

"Vermutlich, weil ich sie mit Milch anrühre und nicht mit Wasser." Liam trank auch einige Schlucke und wischte dann den Becher aus, bevor er ihn auf die Kanne schraubte. "Dann wollen wir mal. Sag mir den Weg zu deiner Wohnung an, dann bringen wir deinen Baum erst mal dort vorbei."

Die friedliche Verträumtheit wich die gesamte Strecke über nicht von Keith, während er Liam zu sich nach Hause und bis vor die Garage dirigierte, von wo aus der Weg nach oben am Kürzesten war. Während er sich abschnallte, fragte er sich, ob er jetzt einfach den Baum schnell hoch tragen sollte und dann direkt wieder bis zum Parkplatz mitgenommen werden würde, oder ob Liam noch mal mit reinkommen wollte. Irgendwie erschien ihm die schnelle Variante unhöflich, zudem war er noch immer in dieser eigenartigen Stimmung gefangen. "Magst du warten oder möchtest du noch auf einen Kaffee und ein paar Plätzchen zu mir hoch?"

"Ich helfe dir erst mal mit dem Baum, damit du nicht überall anschlägst; und zu einem Kaffee würde ich sicherlich nicht nein sagen." Liam zwinkerte ein wenig. "Für Plätzchen sterbe ich für gewöhnlich sogar."

Keith lachte. "Dann bist du gleich ziemlich tot, weil das wirklich die besten sind, die du bekommen kannst", versprach er.


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by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig