Im Sturm

5.

Gemeinsam trugen sie den kleinen Baum in den zweiten Stock und lehnten ihn im Treppenhaus an die Wand, wo er darauf warten würde, dass Keith ihn nach drinnen holte, um ihn zu schmücken. Keith war ein wenig aufgeregt, als er die Wohnungstür aufschloss, auch wenn er sich sagte, dass es keinen Grund dazu gab. Aufgeräumt und sauber war es auf jeden Fall, er war ein recht ordentlicher Mensch, und es war ja nicht so, als ob es wichtig wäre, dass sein kleines Reich einen guten Eindruck auf Liam machte und ihm gefiel.

Der Flur war sehr klein und enthielt nicht viel mehr als eine Garderobe und ein Regal für die Schuhe. Beides zusammen verbarg die zweite, geschlossene Tür zu seinem Schlafzimmer, von der Keith nicht wusste, wieso es unbedingt zwei haben musste, was nur Platz raubte. Linkerhand konnte man durch die stetst geöffnete Tür einen Blick in die kleine Einbauküche werfen.

Keith zog seine Daunenjacke aus und hängte sie an einem Bügel, wies mit einer losen Handbewegung auf die Garderobe. "Einfach dorthin, wo Platz ist. Kannst schon mal ins Wohnzimmer gehen, wenn du magst. Ich setze schnell den Kaffee auf. Die Plätzchen auf dem Tisch sind von meiner Mutter, bedien dich. So etwas Leckeres findest du so bald nicht wieder." Er schenkte ihm ein kleines, schüchternes Lächeln, drehte sich dann hastig weg und ging in die Küche.

Jetzt wurde er doch nervös, und die vertrauten Handgriffe halfen etwas, um ihn zu beruhigen und wieder ein wenig Abstand zu gewinnen. /Er ist bei mir. Ich habe ihn eingeladen. Einfach so. Aber das ist kein Grund, um besorgt zu sein. Er ist nicht schwul. Das einzige, was mir Probleme machen könnte, wäre, wenn ich etwas habe herumliegen lassen. Aber das habe ich nicht, oder? Nichts, was darauf hinweist, dass ich es bin. Nun, dann habe ich ihn mit Sicherheit das letzte Mal gesehen, wenn dem so ist. Aber er wirkt mir nicht wie ein Mann, der Randale macht, wenn.../ Dennoch steigerte der Gedanke seine Unruhe beträchtlich, und er beeilte sich damit, fertig zu werden.

Liam verzweifelte beinahe an dem Wohnzimmer. Es zeigte, dass Keith gern las; ungewöhnlich viele Bücher quollen aus den Regalen hervor. Zudem sammelte er merkwürdige Sachen. Überall standen kleine Figuren oder andere Erinnerungen auf freien Stellen dekoriert. Aber nirgends ein Hinweis darauf, dass er schwul sein könnte. /Himmel! Sollte ich mich doch geirrt haben? Sogar bei mir liegen ein paar Zeitschriften rum und ein Andenken an die letzte Parade./ Unsicher nahm Liam auf der Couch Platz und besah sich den Keksteller mit hungrigem Blick, aber wollte nicht unhöflich sein, auch wenn das Frühstück wirklich schon eine Weile her war.

Das Wohnzimmer war ein ganzes Stück breiter als lang und hatte mehrere, große Fenster, die jeweils durch helle Gardinen oder durch schwere Jalousien verschlossen werden konnten. Linkerhand befand sich eine Couchgarnitur aus unempfindlichem braunem Cord, die durch mehrere helle Kissen gemütlicher gemacht worden war, und zwei dazu passenden Sesseln. Eine Stehlampe mit einem Fuß aus dunklem Holz neben einem der beiden lud zum Lesen ein.

Gegenüber des dreisitzigen Sofas stand an der Wand ein alter, halb hoher Schrank und neben diesem befand sich eine Tür, die zum Balkon führte. Die andere Seite des Zimmers, vom Wohnteil getrennt durch ein im Raum stehendes Regal, das auch den Fernseher beinhaltete, wurde von einem kleinen Esstisch direkt unter einem der Fenster eingenommen. Ein weiteres Bücherregal war an die Schmalseite direkt neben einen kleinen, ordentlichen Schreibtisch gerückt worden. Einige Kinderzeichnungen waren an die Wand darüber gepinnt, eine besonders große, die einen krakeligen Mann mit einem Wesen, das vermutlich einen Hund darstellte, war mit Tesafilm an eine zweite Tür geklebt.

Liam stand erneut auf, um die Bilder aus der Nähe zu betrachten. Die Kunstwerke seiner Kinder bekam er nur ausgehändigt, wenn diese sie ausdrücklich ihrem Pa schenken wollten. Seine Exfrau entriss sie ihm sonst stets und sammelte sie in einer Mappe. Aber die Bilder gesehen zu haben, gab ihm Gelegenheit einmal deutlichere Fragen zu stellen, als sein Gastgeber zu ihm in das Wohnzimmer trat, um eine Kanne und Becher auf den Tisch zu stellen. "Hast du auch Kinder, Keith?"

Ein rascher Blick herum zeigte Keith, dass er nichts vergessen zu haben schien, was ihn wieder beruhigte. Er sah zu den Kinderkunstwerken hin und lächelte, während er erst Liam, dann sich einschenkte. "Nein, die sind von meinen Nichten und Neffen. Das an der Tür ist ein gemeinsames Werk von den Kindern meines ältesten Bruders. Das bin ich mit Doyle, falls du es nicht erkannt haben solltest."

Er öffnete den Schrank, in dem er die schönen Gläser, für die er schon längst einmal eine Vitrine hatte kaufen wollen, und seine Hausbar aufbewahrte, und holte die Zuckerdose aus braungesprenkelt glasiertem Ton, die zu dem gleichen Service wie die Tassen gehörte, heraus, um sie auf den Tisch zu stellen. "Sie sind ab und an zu Besuch bei mir, wenn auch nicht so oft, weil Nigel und seine Frau leider nicht mehr in der Gegend wohnen. Die über dem Schreibtisch sind von Nikki und Francis, den Kindern meines zweiten Bruders."

/Er weicht immer aus, wie stelle ich das nur an?/ Grübelnd ließ Liam sich Kaffee eingießen, nahm sich reichlich Milch und rührte mit dem Löffel eine Weile um. "Eigentlich war meine Frage neugieriger gemeint, Keith. Weil du allein zu leben scheinst." /Autsch. Trampeltier, schon wieder. Egal. Ich will endlich wissen, was Sache ist./

Keith zuckte leicht zusammen. /Wieso fragt er das? Warum interessiert ihn das? Das geht ihn doch gar nichts an. Wir kennen uns kaum. Und er ist hetero./ Oder bi. /Das bleibt sich gleich. Er ist nichts für mich./ Umständlich löffelte er Zucker in seinen Kaffee, schloss sorgfältig die Dose wieder und schob sie zurück in die Mitte des Tisches, während er überlegte, was er darauf antworten sollte.

/Neugieriger. Neugieriger! Was will er wissen? Er hat nach Kindern gefragt und ich habe ihm gesagt, ich habe keine. Will er wissen, ob ich in einer Beziehung bin? Will er wissen, ob ich schwul bin? Oder beides? Oder etwas vollkommen anderes? Vielleicht, weil er noch eine Schwester hat, die Single ist? Ich hätte ihn nicht einladen sollen. Ich sollte mich überhaupt nicht mit ihm treffen./ Er sah auf seine hellen, schlanken Finger hinab, als er den kleinen Löffel aufhob, um ebenfalls umzurühren.

"Ich lebe auch allein", sagte er schließlich ein wenig reserviert. "Und bis auf die Tatsache, dass ich meinen Hund vermisse, fühle ich damit sehr wohl."

/Hoppla. Wir sind empfindlich und beißen jeden, der sich zu dicht an unser Revier heranwagt./ Halb amüsiert, halb ein wenig traurig nippte Liam an seinem Kaffee, bevor er das Thema wechselte und die Plätzchen zu loben begann, dann von den horrenden Preisen für Spielzeug sprach und sich zu Preisen von Fisch für eine Silvestermenü durchhangelte. Aber Keith war nicht wieder aufzutauen. Misstrauisch und ein wenig zu steif saß der schlanke Mann auf seinem Sofa, auf der Kante schon fast, und seine Antworten waren nicht offen, selten etwas verratend. Er sagte nie seine Meinung, sondern eher, was der Einstellung der Leute in der Umgebung entsprach.

Schließlich gab Liam auf und erhob sich. "Ich werde dich mal zu deinem Wagen bringen und meinen Baum dann in den Ständer friemeln. Den Trick dabei habe ich jedes Jahr wieder vergessen."

Keith brachte ein halbes Lächeln zustande, ehe er vor Liam in den Flur ging und dabei schon mal die Tassen und die Kanne mitnahm. Den Rest würde er wegräumen, wenn er wieder nach Hause kam. Sie schwiegen sich an, als sie nach unten gingen, und auch auf der Fahrt zurück zur Praxis schien der Zauber vollkommen verflogen zu sein, den Keith vorher gespürt hatte.

/Ich habe es wohl geschafft. Er geht wieder auf Abstand./ Nur stellte sich keine Zufriedenheit bei dem Gedanken ein, wie er gehofft hatte. /Und wenn ich das alles mal wieder vollkommen falsch verstanden habe? Wenn... Ach, ist doch auch egal. Jetzt ist es ohnehin zu spät. Sei froh./ Aber er war es nicht, und das ärgert ihn mehr und machte ihn trauriger, als er zugeben wollte.

Liam seufzte innerlich vor sich hin, während er zusah, wie Keith sich noch einmal die Haare aus der Stirn strich, wie er überlegend in seinen Jackentaschen nach dem Autoschlüssel suchte. /Wieso ist er so zu mir? So nett und zugleich so abweisend, sobald ich versuche, ihn anzugraben?/ Er senkte den Blick auf seine Hände, dann zog er die Handbremse an und stieg rasch aus dem Wagen.

"Ich werde gleich noch die Abrechnungen unterschreiben, wenn ich schon mal hier bin." Zögernd blieb er vor Keith stehen und sah in dessen helles, freundliches Gesicht hinunter. Nur mit Mühe konnte er den Drang, seine Wange zu berühren, unterdrücken. "Wenn wir uns nicht mehr über den Weg laufen sollten in den nächsten Tagen, wünsche ich dir schon einmal jetzt fröhliche Weihnachten." In Gedanken fügte er bissig hinzu /Du hast ja meine Nummer, falls du mir doch nicht ausweichen willst./

"Hm, ja... Danke, dir auch", erwiderte Keith leise, schaute kurz zu ihm hoch und wandte dann doch wieder den Blick ab, weil es ihn traurig machte. Liam schien mit einem Mal kälter zu sein, weiter entfernt als nur den einen Schritt. /Was auch immer er von mir wollte... jetzt ist es weg./ Er wollte noch nach seiner Rechnung fragen, wenn der große Mann ohnehin schon in seine Praxis ging, doch mit einem Mal konnte er seine Nähe nicht mehr ertragen. Frierend zog er die Schultern hoch. "Ich wünsche dir noch einen schönen Abend. Vielleicht sieht man sich ja auch so noch mal. Vielleicht, wenn du neue Kugelschreiber brauchst."

Aber es war unwahrscheinlich. Vermutlich kaufte Liam die in der großen Mall, Keith konnte sich nicht erinnern, ihn schon mal bei sich gehabt zu haben. Er versuchte zu lächeln, doch es misslang ihm, und so wandte er sich ab, um sein Auto aufzuschließen und einzusteigen.

Fast ein wenig ärgerlich unterschrieb Liam seine Rechnungen und ordnete Papiere weg, bevor er nach Hause fuhr und sich bei einem extragroßen Teller mit Nudeln Gedanken zu diesem verwirrenden Mann machte. Irgendwie hatte er das dumme Gefühl, dass Keith ihn zwar weggebissen hatte, aber damit nun auch nicht glücklich zu sein schien. /Herrgott, ist er kompliziert! Neue Kugelschreiber? Das nicht, aber für Pat könnte ich einen von diesen Barbikulis kaufen. Hm. Na gut, auf einen letzten Versuch also./

In den nächsten Tagen kam er allerdings nicht dazu, und als er am Mittwoch, an seinem freien Nachmittag, in dem Laden vorbeischaute, war anstelle von Keith eine Frau mittleren Alters, vermutlich die Aushilfe, hinter dem Verkaufstresen, weswegen Liam seine Einkäufe verschob. Endlich am Freitagmittag, bevor er nach Hause fahren wollte, weil seine Praxis am Freitag nur bis zwölf geöffnet hatte, traf Liam im Laden auf Keith.

Ein klein wenig Freude wärmte ihn, weil der Mann wieder genauso niedlich und zugleich hilfsbedürftig zwischen den verschiedenen Sorten Einpackpapier kramte, wie er ihn in Erinnerung hatte. Er ging jedoch nach einem Nicken in seine Richtung gleich zu den pinken Kugelschreibern und Notizbüchern, auf denen Barbie prangte. Er schauderte ein wenig, weil es nicht wirklich das war, was er seiner Tochter gekauft hätte, aber die Wunschliste war eindeutig formuliert.

 

Keith hatte die letzten Nächte mehr schlecht als recht verbracht. Der große Mann mit den blauen Augen ging ihm einfach nicht mehr aus dem Kopf, egal, was er tat. Und jedes Mal, wenn er daran dachte, dass sie sich wohl nicht mehr wiedersehen würden, bis er die neue Krone bekam, fühlte er sich schlechter.

Es war seine Schuld, das wusste er, und er wusste genauso, dass es gut war, denn jedes Treffen hatte nur dazu geführt, dass er sich ein Stückchen mehr in Liam verliebt hatte. Und etwas anderes war es nicht. Er war verliebt, auch wenn er sich noch so sehr dagegen wehrte.

Aber sobald das Licht ausging und er abends allein in seinem großen, französischen Bett lag, musste er an ihn denken, er hörte Liams dunkle, warme Stimme, sein Lachen. Er sah wieder vor sich, wie er ihm zuvorkommend die Tür aufhielt, wie er ihm geholfen hatte, den Baum hoch zu tragen. Er sah ihn im Schnee hocken und zu ihm aufschauen.

/Es ist gut, dass er mich nicht mehr sehen will/, betete er sich in einem endlosen Mantra vor, doch es half nicht. Wie oft er es auch wiederholte, er konnte sich nicht überzeugen. Stattdessen starrte er das Telephon an, wenn er nach Hause kam, hoffte auf ein Klingeln, war so nervös, dass er jedes Mal ewig brauchte, um abzuheben, wenn es das schließlich tat und war jedes Mal aufs Neue enttäuscht, wenn es nur seine Mutter, Amy, Jason oder sonst jemand war.

Er versuchte selber, ihn anzurufen, doch gab immer wieder kurz vor der letzten Ziffer auf, schalt sich einen Idioten dafür und wusste nicht, ob es war, weil er sich nicht traute oder weil er so dumm war und überhaupt daran dachte.

Er vermisste Doyle, um sein Gesicht in dem kurzen, warmen Fell zu vergraben und ihm alles zu erzählen, denn außer seinem Hund wollte er nicht einmal Amy von dem Dilemma berichten, in dem er sich befand. Er wollte wieder stundenlang mit ihm durch den Schnee stapfen, wollte seinen Eskapaden zuschauen, die ihn ablenkten, wollte einfach nur seine Zuneigung und Treue spüren, die ihn nie verlassen hatten, bis eben im Tod. Er sehnte sich nach irgendjemandem, ohne jedoch jemanden an sich heranlassen zu wollen, und wusste nur zu genau, dass beides auf einmal nicht möglich war.

Die alte Frau Todd, die noch immer jeden Morgen ihre Zeitung bei ihm kaufte, erklärte ihm, dass er mal wieder mehr Schlaf brauchte und etwas kräftiges zu essen, weil er immer blasser wurde, erklärte ihm, dass er vielleicht doch überlegen sollte zu heiraten, denn eine Frau würde ihm mit Sicherheit gut tun, erklärte ihm, dass sich bestimmt ein nettes Mädel finden lassen würde, und Keith konnte es nicht mehr hören. Er wollte keine Frau, mit Sicherheit nicht. Das einzige, was er wollte, war...

Das einzige, was er wollte, betrat am Freitagmittag den Schreibwarenladen, obwohl er nicht mehr damit gerechnet hatte. Keith spürte, wie ihm das Herz einen Satz machte und heftig zu schlagen begann, aufgeregt, unkontrolliert und voller Freude und dann wieder absackte, als Liam ihm nur kurz zunickte und dann ohne auch nur ein Wort im hinteren Teil des Ladens verschwand.

Er sah ihm hinterher und konnte fassungslos nicht glauben, dass er ihn derart gründlich abgewiesen hatte. /Vielleicht hat er auch nur herausgefunden, dass ich schwul bin. Vielleicht ist es das./ Seine Hände zitterten, als er sich den Nostalgiebildchen mit Weihnachtsmännern, Engeln und Christbäumen zuwandte, die eine Kundin in dem Bemühen, das richtige Motiv zu finden, vollkommen durcheinander geworfen hatte und die er neu ordnen musste. Er hätte nicht gedacht, dass er sich durch nur einen Blick derart elend würde fühlen können.

Liam war ein wenig am Verzweifeln. Zum einen, weil Keith ihn vor dem Regal mit dem pinken Zeug allein ließ, zum anderen, weil es unterschiedliche Motive gab und er nun die schwere Entscheidung treffen musste, welches innerhalb der Wochen nach Weihnachten bei den Kids angesagt sein würde. Seufzend nahm er einfach alle möglichen Bilder und ging nach vorn.

Keiths Haare schimmerten selbst in der grellen Neonbeleuchtung des Ladens noch weich und rötlich, erinnerten an Herbstlaub, und seine helle Haut mit dem Anflug von Sommersprossen weckte erneut den Wunsch, ihn zu berühren, in Liam. /Er will das nicht, und du wirst einen Teufel tun und seine Wünsche ignorieren, Liam!/

Mit einem Lächeln trat er nach einem anderen Kunden an die Kasse und legte die Auswahl der Schreiber und Notizblöcke vor Keith auf den Tresen. "Hi. Gehtís gut?"

"Ja, sicher. Und selbst?" Keith erwiderte das Lächeln vorsichtig, nicht bereit, sich wegen Liams plötzlicher Freundlichkeit gleich wieder zu fühlen, als sei die Sonne aufgegangen, auch wenn ihm danach war. Er warf einen kritischen Blick auf die Barbie-Sachen und tippte die Preise in die ein wenig veraltete Kasse ein. "Für deine Tochter? Meine Nichten lieben das Zeug auch."

/Er schaut aber nicht gut aus. Ringe unter den Augen. Ob er Sorgen hat und deswegen so abweisend ist?/ Laut bestätigte Liam "Ja, wenn ich sieben Jahre alt und weiblich wäre, dann könnte ich das vermutlich verstehen." Er bezahlte und überlegte, wie er noch mehr Zeit gewinnen konnte. "Schlägst du die Geschenke auch gleich ein? Das wäre so eine Art Rettung für mich."

"Sicher." Keith wies auf die Auswahl an Geschenkpapier und Bändeln, die sich an einem Ständer hinter ihm befand. "Ich bin mittlerweile recht gut darin geworden durch die viele Übung." Und es machte das Weihnachtsgeschäft noch ein wenig stressiger, weil viele Kunden diesen Service in Anspruch nahmen. Doch es war etwas, dass ihm Spaß machte.

Zudem war er froh, dass Liam nicht gleich wieder verschwand, nachdem er bekommen hatte, was er wollte. "Aber warte, ich habe für deine Tochter im Lager eher das Richtige, denke ich." Rasch verschwand durch die Tür, um mit einer Rolle Barbie-Geschenkpapier zurückzukommen. Eigentlich gehörte es nicht zu dem Papier, dass er dafür anbot, doch es war ihm gleichgültig. Er würde es anschließend aus eigener Tasche bezahlen. "Na? Was sagst du? Und dazu pinkfarbenes Kräuselband? Oder lieber weiß und flauschig? Oder beides?"

Über die eifrige Art ein wenig lachend überließ Liam Keith die Wahl und genoss den Blick auf die schlanken, geschickten Finger, die sich mit dem Schleifenband deutlich besser zu verstehen schienen, als es bei ihm selber der Fall war. /So schöne Augen, hübsche Hände. Ein Mund, den ich so gern küssen würde, und überhaupt sieht er in diesen Klamotten bereits sehr attraktiv aus, wie soll das erst werden, wenn man ihn einmal ohne sehen könnte.../ Ein Gedanke begann in seinem Kopf.

Während Keith besonders sorgfältig die diversen Geschenke einpackte, überlegte er fieberhaft, was er sagen konnte, um ihn länger hier zu behalten. Alle Gedanken, dass er das nicht sollte, dass er sich von Liam fernhalten musste, waren vergessen. Doch außer Smalltalk fiel ihm nichts ein, sein Kopf war wie leer. "Ich werde über Weihnachten auch hier sein. Ich muss arbeiten, Evelyn wollte gerne frei haben; sie ist bei ihrer Familie."

"Ah. Na. In diesem Jahr macht es mir nicht so viel aus, weil ich hier noch nicht viele Leute kenne; und ehrlich gesagt mag ich den neuen Ehemann meiner Exfrau nicht sonderlich. Da bin ich eher froh, wenn ich nicht mit meiner Familie feiern muss." Er nahm die Tüte mit seinen Geschenken entgegen und legte nachdenklich einen Finger an die Lippen. "Ich hab von meinem Fitnessstudio einige Gutscheine für Schwimmen, Sauna, Solarium und sogar eine Massage bekommen. Die werde ich nicht brauchen, sie verfallen allerdings am ersten Januar. Vielleicht kannst du damit ja etwas anfangen. Wenn nicht, wirf sie einfach weg."

Mit einem kleinen Lächeln legte er die Coupons auf den Tresen und blickte aus dieser Bewegung noch auf die Uhr. "Oh. Leider muss ich mich beeilen, um noch zu meinem Termin zu kommen. Schöne Feiertage, Keith!" Er winkte dem Mann zu und verließ den Laden recht eilig. /Jetzt werden wir ja sehen, was er macht./ Der Club hieß Starbodies und war eigentlich ausschließlich von Schwulen besucht. Wenn das nicht ein deutlicher Hinweis für Keith war, dann beschloss Liam, würde er wirklich aufgeben. Sein Vorsatz für das neue Jahr.

Enttäuscht sah Keith ihm hinterher. Der Abschied kam ihm vor, als wäre Liam vor ihm geflohen. Andererseits hatte er ihm diese Gutscheine überlassen, was lieb von ihm war. Nur wusste Keith schon jetzt, dass er sie nicht einlösen würde. In so einem Studio würde er sich nur vollkommen fehl am Platz vorkommen. Aber er hätte sich denken können, dass Liam regelmäßig etwas für seine Figur tun musste, so gut wie er aussah.

/Keith, schlag dir das doch endlich aus dem Kopf! Er war freundlich eben, mehr kannst du nicht verlangen./ Mit einem Seufzen sammelte er die Coupons auf und wollte sie eben in eine Schublade hinter dem Tresen legen, als sein Blick auf den Schriftzug fiel. /Star... bodies?/ Mehr als das musste er nicht lesen, um nur zu genau zu wissen, was das war. Nicht, dass er jemals dort gewesen wäre, aber bekannt war ihm dieser spezielle Club trotzdem.

Einen Moment starrte er die Gutscheine an, dann schoss ihm Hitze ins Gesicht, und er legte sie so schnell, als hätte er sich daran verbrannt, in die Schublade, um diese heftig zu schließen. /Liam geht in ein Fitnessstudio für Schwule? Oh mein Gott! Oh mein Gott!!/ Das Herz schlug ihm bis zum Hals und er fühlte sich mit einem Mal derart schwindelig, dass er sich an der Theke festhalten musste.

/Das heißt... was heißt das? Oh mein Gott, oh mein Gott, oh mein Gott! Ist das jetzt gut oder schlecht?/ Er wollte ihm hinterher laufen, doch er konnte sich nicht rühren. /Er ist nicht hetero. Das heißt, ich habe... ich könnte... aber er war verheiratet... das heißt, er ist bi. Ich will nicht noch mal... Ich will nichts mehr mit einem Bi-Mann anfangen. Selbst wenn er etwas von mir wollte. Wenn sie eine Frau finden, an der sie auch nur halbwegs interessiert sind, stehe ich wieder allein da, weil es so viel einfacher ist. Oh verdammt...Was mache ich nur?/


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