Im Sturm

6.

Seine Gedanken klärten sich auch bis zum Abend nicht viel weiter. Es gelang ihm zwar, sie für den Rest des Nachmittags, bis er den Laden schließen konnte, in den hintersten Winkel seines Gedächtnisses zu verdrängen, nachdem ihn eine Kundin besorgt gefragt hatte, ob es ihm wirklich gut gehe, aber kaum saß er in seinem Auto, ging es von vorne los. Immerhin hatte er, noch bevor er zu Hause ankam, für sich auseinander getüftelt, dass Liam ihm damit einen Hinweis geben wollte. Ganz sicher war sich zwar nicht, wollte es vielleicht nicht, aber es erschien ihm doch relativ wahrscheinlich.

/Aber aus welchem Grund?/, fragte er sich, als er seine Wohnungstür aufschloss und in den kleinen Flur trat. Wollte er einfach nur wissen, ob Keith auch schwul war, weil er wirklich nur einen normalen Freund suchte oder wollte er... vielleicht... vielleicht war er... Während er seinen Mantel aufhängte und sich Tee kochte, versuchte er die wenigen Male, die er sich mit Liam getroffen hatte, gedanklich nach Hinweisen abzusuchen.

Ein Kavalier war Liam gewesen, hatte ihm Türen aufgehalten. Hatte ihm das Essen im Café bezahlt... Keith hielt mitten darin inne, das Teesieb aus der Kanne zu fischen. "Oh mein Gott, ich habe ihm nicht einmal danke dafür gesagt! Ich habe... wie konnte ich nur? Ich bin doch ein Idiot!" Und trotzdem hatte Liam sich mit ihm getroffen. War er vielleicht deswegen so anders gewesen? Weil Keith bis zum Nachmittag noch immer kein Wort darüber verloren hatte? "Du bist so dumm! Ich muss mich entschuldigen! Aber wie? Oh Mist!"

Ihm fielen auf Anhieb Dutzende von Ideen ein, die er genauso schnell wieder verwarf. Denn egal, wie er es drehte und wendete, gleichgültig, was er tun würde, nach den Coupons würde Liam mit Sicherheit davon ausgehen, dass er...

"Dass ich etwas von ihm will. Oh Mist, das will ich ja. Und auch wieder nicht", jammerte er und schenkte sich endlich eine Tasse Wintertee ein, mit der er sich in sein Wohnzimmer und in einen der beiden gemütlichen Sessel zurückzog. Er streifte die Hausschuhe von den Füßen und zog die Beine in den Schneidersitz, lehnte sich zurück und starrte zur weißen Decke empor. /Was mache ich nur? Warum musste mein dummer Zahn kaputt gehen? Warum musste ich auf dieses Mittel allergisch sein?/

Er kam zu keinem Ergebnis und ging schließlich ins Bett, ohne auch nur gegessen zu haben. Erschöpft schlief er die Nacht derart tief durch, dass er am nächsten Morgen fast den Wecker überhört hätte. Als er zur Arbeit fuhr, stellte er fest, dass schon wieder Schnee gefallen war. Wenn das so weiterging, hatten sie bald nicht nur weiße Weihnacht, sondern waren derart eingeschneit, dass niemand mehr irgendwo hin kam. Doch der Schneepflug war glücklicherweise vor ihm unterwegs gewesen und hatte seitlich der Straße hohe Wälle aufgetürmt.

Keith warf der dunklen Praxis einen langen Blick zu, bevor er aufschloss und den Laden betrat. /Wenn ich ihn als Entschuldigung einfach meinerseits zum Essen einlade? Aber es ist Samstag. Er hat heute und den Sonntag frei, doch dafür bin ich jetzt bestimmt ohnehin schon zu spät dran. Mit Sicherheit hat er bereits tausend Termine. Außerdem sieht eine Einladung zum Essen genauso verdächtig aus wie alles andere auch./

Doch bis zur Mittagspause hatte er sich soweit, dass er ihn anrufen wollte. Einmal nur. Dem Zufall eine Chance lassen. Entweder nahm Liam ab, oder er vergaß die ganze Idee schnell wieder. Als er den Telephonhörer aufhob, merkte er, dass er nicht einmal mehr das Notizbuch für Liams Nummer brauchte, obwohl er erst einmal mit ihm telefoniert hatte. Fast abwesend beobachtete er seinen Finger, der langsam eine Ziffer nach der anderen tippte. Es knackte in der Leitung, dann hörte er an dem vertrauten Tuten, dass zumindest nicht besetzt war.

Ein hektischer Morgen lag hinter Liam. Er lud seine Tüten auf dem Tresen in der Küche ab und streichelte der neugierig herbeigelaufenen Katze über den Rücken. Gemächlich begann er seine Einkäufe auszuräumen und ging dann zu seinem Arbeitszimmer hinüber, um das eben gekaufte Flugticket in der Schreibtischschublade zu verstauen. Er hatte sich kurzfristig überlegt, dass er nicht mit dem Wagen fahren würde. Müde rief er bei seiner Exfrau an, um sie davon zu informieren, dass er vom Flughafen abgeholt werden müsste.

Sie reagierte gereizt und schnippisch, zudem folgten auf zwei uninteressierte Nachfragen nach seinem Wohlergehen gleich drei Geldforderungen, weil die Kinder Skifahren lernen sollten. Gereizt blaffte Liam sie an, dass ihr neuer Kerl sich verdammt noch mal selber um die Ausrüstung kümmern konnte, wenn er mit ihnen in den Urlaub fahren wollte, woraufhin sich das Abgeholt werden erledigte und Liam im Geiste schon einmal eine horrende Taxirechnung verbuchte.

Wütend legte er ohne Abschied auf und trat den leeren Mülleimer durch das Zimmer. Das Telephon klingelte, und er raufte sich lediglich die Haare, ging nicht ran. Er wurde erst stutzig, als die Person am anderen Ende nicht auf den Anrufbeantworter sprach, sondern sofort auflegte, nachdem seine kurze Ansage erfolgt war. Neugierig besah er sich die Nummer auf der Anzeige. /Kenne ich gar nicht. Wer das wohl ist?/ Er wählte Rückrufen und lauschte in den Hörer.

Keith wusste nicht, ob er erleichtert oder enttäuscht sein sollte, dass Liam nicht abgehoben hatte. Es enthob ihn einiger Erklärungen und Peinlichkeiten, brachte ihm aber nach wie vor weder Klarheit noch irgendwie näher an Liam heran. /Du willst doch eh nicht, dass mehr daraus wird./ Doch noch ehe er weiter darüber nachdenken konnte, was er jetzt tun sollte, klingelte das Telephon. Ein wenig ärgerlich sah er es an. "Ich habe Mittagspause, das wissen doch alle."

Dann seufzte er jedoch und hob ab. Vielleicht war es ein kleiner Notfall; ein vergessenes Geburtstagsgeschenk oder etwas ähnliches. Keith kannte mindestens drei Kinder, die kurz vor Weihnachten Geburtstag hatten, und er war ja dankbar, dass viele Leute hier Stammkunden waren und nicht in der großen Mall. Er leierte die Nummer des Apparates herunter, nannte dann freundlich sowohl den Namen des Geschäfts, wie auch seinen. "Was kann ich für Sie tun?"

Liam stutzte, dann lächelte er erfreut. "Hier ist Liam, und dasselbe wollte ich gerade dich fragen."

"Oh!" Keiths Herz begann wild zu flattern, als er Liams dunkle Stimme hörte, und er spürte, wie ihm das Blut in die Wangen schoss. "Du warst doch da? Oh." Atemlos stockte er, mit einem Mal schienen ihn alle Worte zu fliehen. Nervös verschob er einen Block auf dem Tresen von rechts nach links, ehe er viel zu hastig weitersprach.

"Ich wollte nur... die Karten, die du mir gegeben hast, ich wollte sie dir zurückgeben, ich brauche sie nicht, ist nicht mein Ding. Aber du warst ja so schnell weg." /Nicht das! Nicht so! Das wolltest du doch gar nicht! Was tust du da? Idiot! Idiot!!/

Wie konnte man nur von einem Moment auf den anderen derart aufgeregt sein? Und so vollkommen den Kopf verlieren? "Und außerdem... Ich habe vergessen, mich zu bedanken, wegen neulich im Café. Es tut mir leid. Ich wollte dich fragen, ob ich... ob ich dich als Entschuldigung zu mir zum Essen einladen darf."

Liams Kopf schwamm. Wie konnte einer nur so verwirrende Dinge sagen? /Ist nicht mein Ding? Wegen der Schwulen dort, oder nur so? Ach du meine Güte, was meint er jetzt?!/ Dann kam die hektische Einladung zum Essen, und Liam hob noch erstaunter den Kopf. "Essen hört sich immer gut an, Keith. Vor Weihnachten oder lieber danach?"

/Er hat nicht Nein gesagt./ Das war das erste, was Keith auffiel, und es erleichterte ihn maßlos. Er strahlte den Telephonhörer an, während die Finger seinen freien Hand begannen, mit einem Kugelschreiber zu spielen. "Oh, ich... Vor Weihnachten wäre schön. Wenn es noch irgendwo bei dir in den Terminkalender passt. Bei mir würde es eigentlich nahezu immer gehen, solange du auf die Ladenöffnungszeiten Rücksicht nimmst. Und Dienstagabends wäre auch schlecht. Ansonsten ist mir alles recht."

Liam schlug seinen Kalender auf und runzelte die Stirn. Gerade vor Weihnachten hatte er reichlich Stress. "Montag gleich oder am Tag vor Weihnachten. An allen anderen Tagen habe ich leider Termine."

"Oh je, das klingt nach viel Arbeit..." Keiths Herz sank ein wenig herab, er wollte nicht, dass Liam sich wegen ihm gedrängt fühlte. Andererseits würde er ihn wirklich gerne wiedersehen. "Montag fände ich gut. Aber wenn dir das zu viel wird, sag es ruhig, ich würde es verstehen. Ich wollte dir eigentlich nicht die spärlichen freien Stunden noch stehlen. Nach Weihnachten ist es auf jeden Fall ruhiger... Es eilt ja nicht..."

"Nein, das wäre mal ein netter Termin. Alle anderen sind offizieller. Also am Montag? Bei dir?" Liam schrieb es sich schon auf, während er noch fragte "Soll ich etwas mitbringen?"

"Ja, bei mir. Nein, du musst nichts mitbringen." Keith freute sich viel zu sehr darüber, doch er konnte rein gar nichts dagegen tun. "Acht Uhr? Oder ist dir das zu früh?"

"Nein, das ist perfekt. Was wird es geben?" Die Aufregung in Keiths Stimme schuf eine merkwürdige Unruhe in seinem Magen, und Liam begann sich zu fühlen wie auf einem seiner ersten Dates.

"Rehrücken? Wäre das okay für dich?"

"Das klingt ausgezeichnet, Keith. Ich freue mich schon." Während er nach zwei weiteren Wortwechseln auflegte, notierte er sich vorsichtshalber, dass er Rotwein mitbringen sollte.

Der Sonntag und der Montag darauf verliefen ungewohnt ruhig. Obwohl sich alle anscheinend im Feiertagsstress befanden, ließ Liam sich nicht von ihnen anstecken, wofür er von zweien seiner Patienten sogar gelobt wurde. Nervös wurde er erst, als er sich Zuhause, frisch geduscht und rasiert, mit Rasierwasser ausnahmsweise, im Spiegel betrachtete.

/Was ist, wenn er dir jetzt eine Absage erteilen will? Wenn er dir die Coupons wiedergeben will, weil er nicht schwul ist und das auf nette Art sagen will. Aber dann ein Essen? Er ist so verwirrend./ Erschrocken bemerkte er, dass er sich verspäten würde, wenn er sich nicht beeilte. Rasch zog er ein weißes Hemd an und seinen blauen Lieblingspullover darüber. Dazu nur eine Jeans, nicht zu sehr übertreiben. Hastig griff er noch die Weinflasche und seine Autoschlüssel und machte sich durch bereits wieder herabwirbelnde Flocken auf den Weg zu der Wohnung von Keith. Zu seiner Freude erreichte er den Wohnkomplex pünktlich und fand einen guten Parkplatz auf dem Hof. Voller Zweifel vermischt mit Vorfreude klingelte er bei Keith an der Tür.

Keith war zufrieden mit seinem Timing. Der Tisch war mit seinem besten Geschirr gedeckt, die Servietten schön gefaltet und den Wein hatte er vor zwei Stunden aus dem Kühlschrank genommen, damit er die richtige Trinktemperatur hatte. Kurz vor acht war das Reh fertig geworden, und kaum hatte er es aus dem Ofen geholt und zum Tisch getragen, klingelte es auch schon.

Hastig zerrte er sich die Schürze über den Kopf und hängte sie in den Schrank, dann eilte er nach einem kurzen Blick in den Spiegel, bei dem er sich noch rasch durch die Haare fuhr, zur Tür, um sie zu öffnen. Unwillkürlich machte sein Herz einen Satz, als er Liam direkt in die blauen Augen blickte. /Er ist so... so.../ "Hallo, Liam. Schön, dass du da bist." Er lächelte und trat zur Seite, um ihn in die Wohnung zu lassen. Und dann roch der andere Mann auch noch so gut, wie er feststellen musste...

Liam hatte sich so fest vorgenommen, diesen Abend einfach nur abzuwarten, aber das erste, was sein süßer Gastgeber tat, war, ihn mit einem viel zu tiefen Blick in die Augen zu begrüßen. Von dem Niederkämpfen seines Wunsches, Keith schon vor dem Essen zu packen und endlich und ein für alle Mal Klarheit zu schaffen, wurde Liam regelrecht schwindelig. Nur nebenbei überreichte er die kleine Weinflasche und nahm verwirrt an dem bereits gedeckten Tisch Platz, auf dem auch schon das Essen stand, was ungewöhnlich war, aber zu Keith passte. Bloß keine Unterhaltung bei einem Aperitif.

Das Essen war zum Glück eine Ablenkung, zudem schmeckte es ganz hervorragend. Liam gewann seine Selbstbeherrschung zurück, auch wenn Keiths Gesicht im weichen Schimmer der Kerzen auf der Fensterbank immer verführerischer wurde und ihm beim Essen zuzusehen auch nicht gerade half. Es führte Liams Blicke und Wünsche immer öfter zu seinem Mund. Um sich abzulenken, begann er nach einer Weile des genießerischem Schweigens schließlich die Unterhaltung, indem er erwähnte "Die Coupons verfallen ohnehin, wirf sie einfach fort, Keith."

"Ich dachte, dass du sie vielleicht noch jemand anderem geben könntest." Keith schenkte ihm Wein nach, um ihn nicht ansehen zu müssen. Wenn er ehrlich war, hatte er überhaupt nicht gedacht. Er hatte ihn ja nicht wegen der Gutscheine angerufen; irgendwie hatte er sich damit nur noch rasch einen Grund schaffen wollen, nicht das sagen zu müssen, was er sich eigentlich vorgenommen hatte. Und auch wenn er jetzt noch immer ein wenig nervös war, war er dennoch ein wenig stolz auf sich, dass er Liam trotzdem eingeladen hatte.

Keith schob die Ärmel seines rotbraun melierten Pullovers wieder höher, die ziemlich lang waren und ihn behinderten, wenn sie wieder bis zur Mitte seiner Handfläche rutschten. Doch er hatte vor dem Spiegel befunden, dass es für den Abend angemessen war. Ein wenig enger, aber durch das flauschige Material wieder etwas davon ablenkend, schmeichelte die Farbe seinen Haaren und ließ seine Augen mehr leuchten.

Zudem hatte er sich fest vorgenommen, jeden Gedanken, warum Liam ihn näher kennen lernen wollte, ob aus tieferem Interesse oder einfach nur so, und welche Sexualität er hatte, ob er ein verspäteter Schwuler oder ein abenteuerlustiger Bi-Mann war, für diese Verabredung zu unterdrücken. Leicht war es nicht, aber insgesamt machte es alles einfacher.

"Fitnessstudios sind nicht mein Ding, ich komme mir dort fehl vor. Ich war mit einem Freund zweimal im Bodyline in der Stadt, in der ich studiert habe. Aber danke, dass du an mich gedacht hast." Um genau zu sein, war es sein Freund gewesen, und das Bodyline war eine kleine Studiokette, in der nur Männer verkehrten. Keiths Wangen röteten sich verräterisch. Mehr als diesen Hinweis oder vermutlich eher diese Bestätigung seiner Überlegungen würde der andere Mann nicht von ihm bekommen. Er fragte sich, warum er es ihm überhaupt gesagt hatte und wollte die Antwort darauf lieber nicht wissen.

/Hm. Thema durch./ Der Name sagte Liam nichts, aber er war in Gedanken bereits weiter gewandert und erzählte Keith während des restlichen Essens von seinen anderen Verpflichtungen in diversen Gruppen und Verbänden.

"Wenn man neu in eine Stadt kommt, dann muss man erst einmal sehr viel da sein, zu allen Treffen hinkommen, damit die Alteingesessenen einem vertrauen. Im Tierschutzbund haben sie mich schon nach einmal Fehlen angerufen und gefragt, wie ernst es mir ist. Verdammt, da wird einem das Engagement schwer gemacht!"

"Das ist nur die erste Zeit. Danach wird es besser", versuchte Keith zu trösten und lächelte ein wenig verlegen. Er kannte das Trara bei neuen Mitgliedern, die von außerhalb kamen. Dass Liam aber ausgerechnet beim Tierschutzbund war, kam zu der ohnehin mittlerweile schon endlos langen Liste an Pluspunkten hinzu, obwohl eine Mitgliedschaft natürlich auch nur aus Prestigegründen und nicht aus wirklichem Interesse möglich war.

Danach gingen sie dazu über, das bevorstehende Verkehrschaos zu den Feiertagen zu diskutieren, da eine Sturmwarnung für ihr Gebiet rausgegeben worden war. Liam vertrat eher den Standpunkt, dass jedes Jahr dieselbe Panik verbreitet würde, wohingegen Keith seiner Art entsprechend eher skeptisch war und zugab, dass er sich mit einem reichlichen Vorrat an Lebensmitteln eingedeckt hatte.

Nach dem Essen brachte Keith das Geschirr rasch in die Küche, verzichtete aber darauf, es wegzuräumen. Als er zurückkam, legte er als erstes Vivaldis Vier Jahreszeiten auf, bevor er zu Liam ging, der es sich auf seiner Couch bequem gemacht hatte. "Möchtest du einen Whiskey zum Verdauen? Ich habe einen Highland Park von 1990 da, ein rauchiger Schotte, wahlweise auch einen Bunnahabhain, der ist frischer, leicht süß."

"Oh, zu schottischem Whiskey sage ich nicht nein. Aber nur einen einfachen, nicht, dass mich die Cops nachher betrunken am Steuer erwischen." Und dass er nachher brav nach Hause fahren würde, das begann sich in Liams Kopf als unverrückbares Bild festzusetzen.

Keith holte Gläser und die bauchige Flasche aus dem Schrank, ehe er sich ihm gegenüber in einen Sessel setzte und einschenkte. Er war dankbar dafür, dass seine Nervosität mittlerweile verschwunden war, wozu Liams ruhige Art durchaus wesentlich beitrug. Als sie sich beim Zuprosten in die Augen sahen, spürte er die Schmetterlinge wieder in sich erwachen, und es kostete ihn Mühe, den Blick scheinbar nebenbei von ihm ab- und dem Fenster zuzuwenden, wo er im Schein der Straßenlampe den fallenden Schnee sehen konnte.

"Nun, ob Sturm oder nicht, eingeschneit und von der Welt abgeschnitten sind wir bald auf jeden Fall." Er lächelte, zögerte nur kurz und tat dann doch, wonach ihm im Moment war, nämlich die Beine in den Schneidersitz zu ziehen, wobei ihm durch den Kopf ging, dass er von dem anderen Mann fast nichts wusste, es aber so viel gab, was ihn interessierte.

Welche Musik er mochte, was seine Leibgerichte waren, seine Lieblingsfarbe, ob er gerne reiste, wo er zur Schule gegangen war und wie er sich mit seinen Eltern verstand... Tausend Dinge, zu denen sie jetzt die Ruhe hatten, keine eigenartig streitbare, kühle Stimmung. Mit einem Mal wusste Keith kaum, wo er anfangen sollte zu fragen und ob Liam ihm das nicht vielleicht übel nahm, wenn er zu neugierig war.

Er trank einen weiteren Schluck und genoss den weichen Geschmack, ehe er sich aufraffen konnte. "Hast du eigentlich Geschwister?"

Liam lächelte über die Pose, in der sein Gegenüber es wieder einmal schaffte, jünger auszusehen und naiv irgendwie; wenn das Whiskeyglas nicht gewesen wäre, dann hätte der Eindruck sich sicherlich noch viel mehr vertieft. Vom Gespräch über ihre Geschwister und deren Familien schafften sie es leider auch nicht auf das Thema zu kommen, das Liam interessierte.

Stattdessen redeten sie über ihre alte Heimat, auch hier kein Wort zu einer Beziehung, sie verglichen den Freizeitwert von der Chicagoer Gegend mit ihrer kleinen Stadt, und Liam erfuhr, dass Keith tatsächlich, vom Lesen und mit seinem Hund spazieren gehen abgesehen, keine Hobbies zu haben schien. Dafür aber eine beeindruckende Allgemeinbildung. Auf sämtlichen seiner Essen in tollen Villen, auf denen ihm stets gute weibliche Partien vorgestellt wurden, hatte er sich nicht so wundervoll unterhalten. Und Keith lachen zu sehen wurde nicht nur durch die kleinen Grübchen ein schönes Erlebnis, sondern auch weil es kribbelnden Freude in Liams Bauch zauberte, wenn er es schaffte, dieses Lachen hervorzurufen.

Die kleine Uhr im Regal zeigte bereits halb zwölf, als er sich entschloss, dies Keith auch einmal zu sagen. Längst war er selber zu Wasser übergegangen, aber sein Gastgeber hatte von der halben Flasche Wein bereits entzückend gerötete Wangen. Zudem waren die Blicke aus seinen Katzenaugen mit einer ungewohnten Direktheit in Liams Gesicht gerichtet, wenn Keith etwas fragte oder erzählte.

"Ich habe mich selten so gut unterhalten wie heute Abend, Keith. Leider, wie es immer heißt, soll man gehen, wenn es am schönsten ist. Ich muss morgen arbeiten, und die Rücksichtnahme auf meine Patienten bringt mich nun dazu, mich zu verabschieden."

Keith seufzte bedauernd. Was sollte er denn erst sagen? Für ihn war es der wundervollste Abend seit langem gewesen, und er fühlte sich nicht nur von dem Wein beschwipst, sondern viel mehr von Liams Gegenwart. Es hatte keine peinlichen Momente gegeben, kein ungemütliches Schweigen, keine Situationen, in denen er sich bedrängt gefühlt hätte oder so, also ob Liam etwas aus ihm heraushorchen wollte, dass er nicht preiszugeben bereit war.

Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätten sie dieses Treffen noch ewig ausdehnen können. Doch Liam hatte recht. Nicht nur er musste am nächsten Tag arbeiten. Mit einem weiteren, jedoch nur innerlichen Seufzen erhob er sich. "Das ist schade, aber vernünftig. Danke für den schönen Abend, Liam. Wegen mir können wir das gerne wiederholen, wenn du mal etwas mehr Zeit hast." Sein eigener Mut überraschte ihn, und er wusste, dass er ihn nur fand, weil er etwas zu viel getrunken hatte. Aber es war die reine Wahrheit.

Liam lächelte sich erhebend und entgegnete "Ich habe zu danken, Keith und ich würde den Abend sehr gern wiederholen. Würdest du mir deine Telephonnummer aufschreiben?" /Wenn ich etwas mehr Zeit habe? Um was zu tun? Noch länger zu reden, sich anzusehen und nicht ehrlich und offen zu sein? Wenn ich ihn das nächste Mal treffe, frage ich ihn gerade heraus, oder ich springe aus dem Fenster./

"Sicher, gerne." Keith fühlte sich ein wenig dumm, als ihm bewusst wurde, dass Liam wirklich keine seiner Nummern hatte, sondern nur die des Ladens. Er lächelte etwas verlegen und ging zu seinem Schreibtisch, um Liam kurz darauf einen Notizzettel sowohl mit seiner Festnetz-, wie auch seiner Handynummer zu geben. "Hier, bitte."

Er brachte ihn zur Tür und wünschte sich, ihn noch länger festhalten zu können, während Liam seine Jacke überzog, doch ihm fiel nichts ein. "Fahr vorsichtig, okay? Die Straßen sind mit Sicherheit glatt."

Die Sorge in der Stimme überraschte ihn, und Liam drehte sich um und ließ die Jacke offen. "Das werde ich. Danke für den schönen Abend, Keith." Entschlossen trat er kurz vor und umarmte den schlanken Mann. Das erwies sich als eine Art Fehler. Keiths Körper fühlte sich viel zu gut an, schien viel zu gut zu seinem zu passen. /Das will er nicht! Lass ihn los. Überrenn den armen Mann nicht so!/ Zögerlich ließ Liam ihn gehen und streifte das Gesicht mit einem kleinen Blick.

"Bis dann", murmelte er leise und drehte sich zur Tür.

"Bis dann", antwortete Keith flüsternd, während ihm das Herz bis zum Hals schlug und ein Schwindel nach dem anderen ihn erfasste. Liam hatte ihn vollkommen überrumpelt mit dieser Geste und seine Welt auf den Kopf gestellt. Er sah ihm nach, wie er die Wohnung verließ, die Treppe hinabstieg, ohne sich noch einmal umzusehen und schließlich verschwunden war. Er lauschte den Schritten, bis er unten die Tür aufgehen und wieder zufallen hörte, ehe es ihm endlich möglich war, seine eigene zu schließen.


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