Im Sturm

7.

/Keith... Er hat dich nur umarmt. Jason macht das auch ab und an und Amy eigentlich dauernd! Was ist los mit dir?/ Doch die Gedanken verschwammen, als er sich wieder an das Gefühl der starken Arme um sich erinnerte, den mit einem Mal so intensiven, atemberaubenden Duft von Liam, dessen durchtrainierten Körper, gegen den er gedrückt wurde und den warmen Atem, der für einen winzigen Moment sein Ohr gestreift hatte. /Oh Gott... es hat sich so... so richtig angefühlt... so warm... so sicher... so wundervoll.../ Langsam schlich sich ein Lächeln in sein Gesicht, während er wie im Traum in seine Küche wandelte und ohne wirklich zu merken, was er tat, aufzuräumen begann.

 

Die nächste Woche jedoch wurde wirklich anstrengend. Es war, als hätte der gesamte Ort beschlossen, alle Weihnachtsgeschenke und alles Drumherum noch kurz vor dem Fest zu kaufen, dazu nur Stückchenweise und nie alles auf einmal. Keith verschob seine Mittagspausen, kürzte sie oder ließ sie ganz ausfallen, bekam Kiloweise Plätzchen und Dutzende kleiner Weihnachtsgeschenke überreicht, verteilte selber haufenweise Kleinigkeiten und hatte viel zu wenig Zeit, über irgendetwas nachzudenken. Zudem wurde Evelyn krank, so dass sein freier Mittwochnachmittag ausfiel.

Abends jedoch, wenn er erschöpft nach Hause kam, belauerte er das Telephon, hoffte, dass Liam ihn anrufen würde, nur kurz wenigstens, um sich zu erkunden, wie es ihm ging vielleicht. Er hoffte, dass Liams Terminkalender auf wundersame Weise leerer wurde, schalt sich einen Narren deswegen, weil sehr wahrscheinlich eher das Gegenteil der Fall sein würde. Er überlegte tausend Gründe, warum er ihn anrufen könnte und verwarf sie allesamt wieder. Immerhin hatte er sich das letzte Mal gemeldet, jetzt wäre Liam an der Reihe, wenn dieser wirklich etwas wollte, gleichgültig, was es war. Aber vielleicht hatte er auch an diesem Abend beschlossen, dass Keith ihm zu langweilig war?

Allein der Gedanke bereitete ihm Magenschmerzen, und er verdrängte ihn jedes Mal ängstlich, wenn er sich in ihm einnisten wollte, erinnerte sich viel lieber an die kurze Umarmung, die Liam ihm geschenkt hatte. Das hätte er doch mit Sicherheit nicht getan, wenn er nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte.

Immer öfter ertappte er sich bei dem Wunsch, dass er ihm etwas zu Weihnachten schenken wollte, einfach, um ihm eine Freude zu machen, wenn er schon allein feiern musste. Doch so sehr er sich auch den Kopf zerbrach, ihm fiel nichts ein, was passen wollte. Erst, als er den Island Malt Scotch in seiner Hausbar entdeckte, erinnerte er sich daran, dass Liam ihm erzählt hatte, dass er zu schottischem Whiskey nie nein sagen konnte. Die Flasche war mittlerweile siebzehn Jahre alt und so teuer gewesen, dass Keith sich nie wirklich getraut hatte, sie zu öffnen, weil er den kostbaren Tropfen nicht einfach so hatte verschwenden wollen.

Entschlossen nahm er sie aus dem Schrank und entschied, dass jetzt zwar nicht die Gelegenheit zum Öffnen gekommen war, aber die, sie aus ihrem dunklen Gefängnis zu befreien. Mit viel Liebe und Sorgfalt packte er sie in blaues, mattes Geschenkpapier, was Liams Lieblingsfarbe zu sein schien und wenn nicht, so doch immerhin zu seinen wunderschönen Augen passte, und verzierte sie dann mit einer schlichten Schleife und silbernem Engelshaar.

Aber anstatt sie ihm in die Praxis zu bringen, trug er sie nur tagelang mit sich herum, nahm sie morgens mit ins Auto und in den Laden und abends dann wieder mit nach Hause. Er wagte es einfach nicht, Liam aufzusuchen, was zum Teil die Schuld dieser kleinen, nagenden Stimme war, die ununterbrochen behauptete, dass der andere Mann den nächsten Schritt machen musste, und dass, wenn er das nicht tat, er sich wahrscheinlich nicht für ihn interessierte.

Der Morgen des Heiligen Abends kam, und Keith war nicht ein bisschen weiter. Wie jedes Jahr war dieser Tag besonders leer, natürlich bis auf eine halbe Stunde vor Geschäftsschluss, wo der Laden noch einmal gestürmt wurde, um letzte Einkäufe zu erledigen.

Als er am Mittag Feierabend machen konnte, war Keith sehr froh, endlich ein paar Tage am Stück frei zu haben. Er warf der Flasche, die er wie jeden Tag mitgenommen hatte, einen gequälten Blick zu, und wusste genau, dass heute seine letzte Chance war. Wenn er sie heute nicht zu Liam brachte, würde er es nie mehr tun, da Weihnachten dann vorbei war und er sich vermutlich nachträglich ziemlich dumm vorkommen würde. Die erlösende Idee fiel ihm ein, kurz bevor er den Laden verließ.

Auf dem Absatz drehte er sich um, suchte eine hübsche Karte aus seinem geplünderten Sortiment und schrieb nur ein paar neutrale Weichnachtswünsche darauf, ehe er sie in den Umschlag steckte und an die Flasche hängte. Nachdem er den Laden für die Feiertage geschlossen hatte, ging er noch einmal schnell zu der Praxis herüber, betend, dass er Liam nicht über den Weg lief.

Er hatte Glück, lediglich Linda befand sich im Vorraum. Er lächelte erleichtert, umarmte sie, um ihr schöne Feiertage zu wünschen und gab ihr das Geschenk mit der Bitte, es Liam zu überreichen, da er dringend nach Hause musste, um sich für die Kirche fertig zu machen. So schnell es ihm möglich war, ohne zu sehr wie auf der Flucht zu wirken, eilte er nach draußen und fühlte sich ganz zittrig dabei.

/Ich habe es getan/, dachte er immer wieder auf der Heimfahrt. /Ich habe ihm ein Geschenk gemacht. Wenn das nur kein Fehler war. Ich habe es wirklich getan./

Der Weihnachtsgottesdienst war so schön wie jedes Jahr; Keith genoss das Krippenspiel, dass er hier schon länger nicht mehr mitbekommen hatte, da er meist bei seinen Eltern feierte. Es stimmte ihn richtig feierlich, und dieses Gefühl hielt an, bis er wieder allein bei sich zu Hause in der Wohnung war.

Doch während er sich ein leckeres Weihnachtsessen kochte und im Wohnzimmer die Kerzen anzündete, um es gemütlich zu haben, während im Radio Weichnachtslieder liefen und er wusste, dass in den umliegenden Wohnungen jetzt die Familien um die Christbäume standen und Kinder mit glitzernden Augen Geschenke auspackten, fühlte er sich zunehmend allein.

Wie so oft in letzter Zeit drifteten seine Gedanken zu Liam ab. Der große Mann saß mit Sicherheit noch in der Praxis, darauf wartend, dass irgendein Notfall eintraf, der ohnehin nicht kommen würde. /Und wenn ich ihn einfach besuche? Zu ihm fahre, um ihm Gesellschaft zu leisten? Es ist ja nicht so, dass ich etwas verpassen würde./ Gleich darauf lachte er sich selber aus, als er sich daran erinnerte, wie schwer es ihm allein gefallen war, ihm sein Geschenk zukommen zu lassen.

Das Telephon klingelte, und Keiths Herz machte einen Satz. Er ließ die Gabel fast in die Soße fallen und warf den Stuhl nahezu um, als er aufsprang, um möglichst schnell den Hörer abheben zu können. Nachdem er sich aufgeregt gemeldet hatte, verschwand seine Nervosität mit einem Schlag und er unterhielt sich kurz mit seiner Mutter, dann mit seinem Vater, seiner Schwester und schließlich noch mit den Kindern, worauf er sich ein wenig besser fühlte, weil sie an ihn gedacht hatten, aber gleich darauf nur noch einsamer.

Langsam kehrte er zum Tisch zurück. Das Essen schmeckte ihm mit einem Mal nicht mehr wirklich. Ein leichter, stechender Schmerz in Wange, gefolgt von dem Gefühl, auf einen kleinen Stein gebissen zu haben, ließ ihn innehalten.

Nur wenig später stand er vor dem Badezimmerspiegel, hantierte mit Zahnpasta und dem herausgefallenen Provisorium herum und versuchte ohne Erfolg, es wieder zu befestigen. Unentschlossen starrte er sich schließlich eine Weile im Spiegel in die grünen Augen. "So, jetzt habe ich die beste Entschuldigung der Welt. Was braucht man mehr, um einen Zahnarzt aufzusuchen? Warum habe ich ihm die Flasche heute vorbei gebracht? Ich mache auch nur Fehler."

Doch die Wahl, ob er zu ihm gehen oder die Feiertage mit einem offenen Loch im Zahn zu verbringen, war keine wirkliche, zumal er sich wirklich danach sehnte, ihn wiederzusehen. /Gestern hatte er frei, warum hat er sich nicht gemeldet?/ Er verdrängte den Gedanken, verschloss die vorläufige Krone in einer kleinen Tupperdose, um sie nicht zu verlieren und tat etwas, das er nie zuvor vor einem Arztbesuch gemacht hatte. Er verbrachte eine geschlagene halbe Stunde damit, vor seinem Kleiderschrank zu stehen, um etwas zum Anziehen herauszusuchen.

Schließlich hatte er sich für einen grünen Wollpullover und eine helle Hose entschieden und fand sich damit ganz passabel. Nach einem gründlichen, aber vorsichtigen Zähneputzen bürstete er sich noch einmal die Haare, löschte die Kerzen und verließ das Haus.

Der Wind hatte aufgefrischt und wehte ihm die Schneeflocken fast schmerzhaft ins Gesicht. Keith kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen und war wieder einmal über seine Garage froh, zumal er dieses Mal das Glück hatte, dass das Tor auf der windabgewandten Seite lag. Die Besitzer der gegenüberliegenden würden Probleme haben, sie zu öffnen, so viel Schnee hatte sich mittlerweile davor gesammelt.

Langsam und vorsichtig fuhr er los, während er das Gefühl hatte, dass sich das Schneegestöber zunehmend verdichtete. Er war heilfroh, als er sein Ziel endlich erreichte. Den Mantel fest um sich gezogen, kämpfte er sich bis zu der Tür vor, erleichtert aufatmend, als er den Sturm hinter sich aussperren konnte. Er schüttelte den Schnee aus den Haaren und klopfte ihn von seinem Mantel, während ihm durch den Kopf ging, dass er sich das Bürsten gerade hätte sparen können. Mit gespreizten Fingern fuhr er sich durch die feuchten Haare und versuchte, sie rasch in eine gewisse Ordnung zu bringen, ehe er Praxis betrat. "Hallo?"

 

Die letzten Tage vor Weihnachten waren verrückt gewesen. Zusätzlich zu dem vollen Terminkalender erhielt Liam am Dienstag den schriftlichen Hinweis, dass noch vor Weihnachten ein Wirtschaftsprüfer die Übernahme der Praxis genauer beleuchten wollte und um Kooperation gebeten wurde.

Der unangenehme Mann verbrachte im Folgenden viel Zeit mit Liams Büchern und denen vom ehemaligen Besitzer der Praxis. Er hatte Unmengen von Fragen, störte den Ablauf in der Praxis, machte Linda nervös, und Liam kam durch die so entstandenen Überstunden nicht einmal dazu, in seinen Fitnessclub zum Trainieren zu gehen. Wenn er endlich Zuhause ankam und seine arme Katze fütterte, dann war es meist schon tiefe Nacht. Liam war mittlerweile sehr froh, dass er die Feiertage frei haben würde und verfluchte beinahe, dass er für diesen einen Tag mit den Kindern sogar noch nach Chicago fliegen wollte.

Es war langweilig in seinem Notdienst, aber bei dem Hundewetter war es sicherlich einfacher in der Praxis zu bleiben, anstelle sich im Falle eines Anrufs durch den Schneesturm zu kämpfen. Er saß, nachdem er Linda nach Haus geschickt hatte, im Aufenthaltsraum und betrachtete die Whiskeyflasche. Keith hatte sie ihm geschenkt.

/Ich hätte ihn anrufen sollen. Ich hätte mich bei ihm blicken lassen sollen. Warum hab ich das nur fortgeschoben?/ Er erinnerte sich daran, dass er kaum zum Luftholen gekommen war in den letzten Tagen und seufzte. /Nach Weihnachten, nein, noch während der Feiertage, gleich wenn ich wieder da bin, rufe ich ihn an. Und dann... Ja, was eigentlich?/

Gegen zehn Uhr beschloss Liam dann, dass lächerlich war, weiter in der Praxis zu warten. Er holte das Schild mit seiner Mobilnummer, um es in die Tür zu hängen und änderte den Anrufbeantworterspruch im Büro gerade entsprechend, als ihm einfiel, dass Keith auch allein feiern würde. /Ich rufe ihn gleich jetzt an und bedanke mich, für das Essen, für das teure Geschenk./ Er hatte den Hörer gerade in der Hand, als die Tür geöffnet wurde und eben Keiths Stimme, nach der er sich so lange schon gesehnt hatte, vorsichtig etwas sagte.

Verwundert und voller Freude ging Liam zu Tresen nach vorn durch, um zu sehen, ob dies nun wirklich ein wahrgewordener Weihnachtswunsch sein würde oder ein weiteres Verwirrspiel. In der Tür blieb er kurz stehen. Keith sah unvergleichlich süß aus. Der grüne Pullover verstärkte die Farbe seiner Augen und hob seine Haarfarbe hervor. Die Haare waren vom Wind verstrubbelt und ihm ins Gesicht geweht worden, was ihn erneut wie einen fröhlichen Jungen wirken ließ. Oder einen schüchternen Jungen, denn als er Liam erblickte, errötete Keith unnachahmlich, und Liam musste einfach erfreut lächeln und auf ihn zugehen, um ihn erneut kurz zu umarmen.

"Hallo, Keith!" Lachend wischte er sich über seine vom eingeschneiten Mantel feuchten Arme. "Es scheint doch den angekündigten Schneesturm zu geben."

Der Rotton von Keiths Wangen hatte sich noch verstärkt, als Liam ihn wieder umarmt hatte. Und wieder konnte er sich nicht helfen und es als so passend, so richtig zu empfinden, dass es fast wehtat, als Liam ihn so schnell wieder losließ. Er erwiderte das Lächeln, nicht jedoch nicht den Blick, der schon wieder ein nervöses Prickeln durch ihn hindurch schickte. "Das habe ich dir ja gesagt. Den haben wir jedes Jahr hier, mal etwas früher, mal etwas später."

Er kramte in seiner Manteltasche herum, um die kleine Dose hervorzuholen, bevor Liam auf falsche Gedanken kommen konnte, wie dass er zum Beispiel einfach so gekommen wäre. "Ich habe vorhin das Provisorium verloren", erklärte er verlegen und riskierte nun doch einen kleinen Blick in Liams schöne, fröhlich blitzende Augen, worauf genau das geschah, wovor er sich hatte vorsehen wollen. Er fühlte sich auf diese unnachahmliche Weise schwach, die nur Liam in ihm hervorrief. "Und dein Trick mit der Zahnpasta hat leider nicht gewirkt, sonst hätte ich dich gar nicht mehr gestört. Tut mir leid, ich komme immer nur um so unpassende Zeiten, wie mir scheint."

Liam wurde von seiner weichen Wolke recht unsanft auf den Boden der Wirklichkeit zurückgeschupst und war ein wenig verwirrt, aber schaffte es, dies gut zu verbergen. "Oh. Das ist natürlich Pech. Komm mit durch." Er drehte sich rasch um und ging vor, machte in einem der Behandlungsräume Licht, während er im Hintergrund die Kleiderbügel klimpern hörte. "Deine Krone ist gestern geliefert worden. Möchtest du, dass ich dir gleich das richtige Ding einbaue? Ich hab Linda vor einer Viertelstunde heimgeschickt, aber zu schaffen ist es."

Keith fand, dass sein nasser Mantel sehr einsam in der leeren Garderobe wirkte und irgendwie fehl am Platz. Rasch folgte er Liam. "Oh, wirklich? Hm, ich weiß nicht. Das macht bestimmt mehr Arbeit, als einfach nur das Provisorium wieder zu befestigen. Ich wollte dich an Heiligabend eigentlich nicht an deine Praxis fesseln."

Er sah auf Liams breiten Rücken und unterdrückte heftig den Wunsch, zu ihm zu gehen, ihm die Arme um die Taille zu legen und sich an ihn zu schmiegen. /Außerdem hat er nichts wegen dem Whiskey gesagt. Vielleicht ist es ihm egal gewesen. Oder er hat das Geschenk noch nicht aufgemacht. Oder es war ihm unangenehm. Oh je, hoffentlich denkt er nicht, dass ich jetzt auch etwas von ihm erwarte und fühlt sich dazu verpflichtet, ohne etwas zu haben. Das wollte ich nicht./

"Es dauert nicht viel länger, ich muss nur den Zement anrühren. Deinen Termin nach Weihnachten könnten wir dann nehmen, um die Krone noch einmal zu polieren." Liam wies auf den Behandlungsstuhl und nahm das Provisorium entgegen. "Ich schau erst mal nach und putze die Stelle ein wenig frei. Hier ist die Krone. Porzellan, man wird hinterher keinen Unterschied mehr sehen." Er versorgte Keith mit einem Papierlatz und holte sich den Absaugschlauch auf seine Seite. Ohne eine Hilfe war alles ein wenig schwieriger, aber nur ein wenig Zement und eine Krone würde er sicherlich schaffen.

Keith fühlte sich ein wenig überrumpelt, während er geschehen ließ, was Liam mit ihm machte. Er hatte ja gar nicht vorgehabt, so lange zu bleiben. Mit Sicherheit nicht am Heiligen Abend, wo Liam doch eigentlich nach Hause wollte. Aber irgendwie war er glücklich, bei ihm zu sein, selbst wenn es aus einem so dummen Grund war.

/Vielleicht bin ich ganz froh, dass das blöde Ding rausgefallen ist/, dachte er und beobachtete Liam, wie dieser um ihn herum ging, dies richtete und jenes zurechtlegte, alles mit vollkommener Sicherheit und Selbstverständlichkeit. /Ob ihm jemals wegen irgendetwas vor Aufregung die Hände zittern? Oder ob seine Hände gar nicht wissen, was das ist?/ Er erinnerte sich daran, dass er eben jene Hände bei ihrem ersten Treffen misstrauisch angestarrt und sich gefragt hatte, ob jemand damit überhaupt feinfühlig sein konnte. Doch Liam konnte es, und Keith hätte gerne mehr davon gespürt. Rasch verdrängte er den Gedanken, bevor er wieder rot werden konnte.

Wenn er arbeitete, war Liam für gewöhnlich vollkommen konzentriert, dann hörte er auch ein Telephon nicht oder wenn jemand ihn unverhofft ansprach, aber der Blick aus Keiths wunderschönen Augen, das Gefühl seiner Haare an der Hand, mit der er sich hinter ihm aufstützte, irritierten Liam doch ein wenig, während er den Zahn vorbereitete und mit einem Siegellack behandelte.

"Bitte den Mund offen lassen, der Zahn sollte trocken bleiben, bis der Zement draufkommt." Er wendete sich ab und besah sich noch einmal den Abdruck von Keiths Zähnen mit und ohne Krone. Dann schliff er eine Ecke glatter, die ihm auch so schon ins Auge fiel, bevor er Zement anrührte. Seine Gedanken waren jedoch nicht beim Mischverhältnis der Zutaten oder bei der Zeit, die er im Auge behalten musste, sondern dabei, wie er Keith endlich fragen konnte. "So, das wird sich ein wenig heiß anfühlen am Zahn, und ich werde gleich etwas unangenehm fest auf den Kiefer drücken, unvermeidlich leider."

Erneut sah er sich in diesen verwirrenden Augen gefangen, im Anblick dieses verwirrenden Gesichtes. Mit einem Mal fand er es gar nicht so schlecht, das Keith nicht sprechen konnte, so konnte wenigstens er einmal etwas sagen, vielleicht sogar klarstellen. Er passte die Krone ein und schob einen Beißkeil darüber. "Feste beißen jetzt und nicht locker lassen, Keith."

Nachdenklich begegnete er dem Blick aus Keiths über die Zimmerdecke und sein Gesicht hin und herhuschenden Augen. "Ich finde den Moment zwar unpassend, aber ich wollte mich noch einmal bedanken. Für den schönen Abend. Natürlich auch für das Weihnachtsgeschenk, ich hab mich heute sehr gefreut, als..." Er legte den Kopf schief und brach ab. Langsam entfernte er den Beißkeil und nahm sich den Spiegel, stellte das Licht ein. "Nein, eigentlich hab ich mich nicht gefreut, weil... ich dich verpasst hab. Es war so hektisch in der Praxis, dass ich nicht dazu gekommen bin anzurufen. Und dann schenkst du mir etwas, und ich verpasse dich dabei auch noch."

Er schabte ein wenig überschüssigen Zement ab und sprang vom Thema wieder auf die Zähne zurück. "Auf das Blaupapier hier bitte einmal raufbeißen. Hm. Sieht prima aus. Beiß ein paar mal zusammen und sag mir, wie es sich anfühlt."

Brav folgte Keith der Aufforderung, ohne wirklich darauf zu achten, denn sein Herz spielte sich in seiner Brust auf wie ein gefangener kleiner Vogel, so wild flatterte es. /Gefreut... nicht gefreut... nicht gefreut, weil er mich nicht sehen konnte. Er wollte mich gerne sehen. Er wollte mich anrufen, aber es war zu hektisch./ Natürlich konnte das auch eine Ausrede sein, aber warum sollte Liam sich herausreden wollen? Weswegen? Es war ja nicht so, dass er zu irgendetwas verpflichtet gewesen wäre.

Hitze sammelte sich in seinen Wangen und brachte sein Gesicht zum Glühen, doch weniger aus Verlegenheit, viel mehr aus Glück. Mit einem kleinen Lächeln sah er zu Liam auf, suchte seinen Blick, um in den so schönen, blauen Augen zu ertrinken. "Es drückt ein wenig, aber das ist bestimmt, weil ich es gar nicht mehr gewohnt bin, da etwas zu haben. Tut mir leid, dass ich so schnell wieder weg war. Aber ich musste noch zum Gottesdienst und mich vorher umziehen, gerade Weihnachten kann ich ja schlecht in so alltäglicher Kleidung kommen, nicht?"

Liam blinzelte ihn hinter den Brillengläsern an und legte den Kopf schief. "Noch mal zubeißen, Mund öffnen bitte. Es drückt noch ein wenig." Er besah sich das Ergebnis und lächelte zufrieden. "Schaut gut aus. Das ist sicherlich bald vorbei, wenn der Zement aufhört zu arbeiten. Kannst den Mund ausspülen." /Er wird rot. Schon wieder. Heißt das was gutes, oder schlechtes?/

Er wendete sich ab und räumte die Arbeitsfläche auf. "Warte doch vorn auf mich, wenn du soweit bist, Keith. Ich werde jetzt auch nach Hause fahren." Während er die Utensilien reinigte und die Bohrköpfe in den Sterilisator stellte, wirbelten Liams Gedanken durcheinander, er fragte sich in einem fort, wie er Keith endlich einmal näher kommen konnte. Richtig näher. Ihn umarmen, an sich zu drücken, seinen schlanken Körper entlang streicheln. /Aber er ist so entfernt, immer so zurückhaltend. Alles, was er tut, geht erst einen Schritt auf mich zu, wie das Geschenk, aber dann gleich wieder einen Schritt weg. Ich fühle mich mit ihm wie jemand, der nach einem Schwarm Schmetterlingen haschen soll. Die kommen auch immer, mit einem zu spielen, und wenn man sie berühren will, flüchten sie schneller als man schauen kann. Spielen. Ob er mit mir spielt?/

Keith holte seinen Mantel aus der Garderobe, der nach wie vor feucht war, zog ihn an und vergrub die Hände in den Taschen, während er wartete. Gleich musste er sich von Liam verabschieden, mit ein wenig Glück würde er noch einmal umarmt werden, und dann würde wieder seine einsame Wohnung auf ihn warten. Wahrscheinlich würde er das Essen wegräumen, sich mit einem Buch in sein Bett zurückziehen und statt zu lesen ein wenig von Liam träumen.

Nichts, worauf er sich wirklich freute, wenn er Liam gerade hier und wirklich hatte und wusste, dass es nicht mehr allzu lang sein würde. Leise seufzte er. Immerhin hatte sich der andere Mann bedankt und sich gefreut, ihn zu sehen, obwohl Keith nach wie vor nicht wusste, ob er mit dem Whiskey ein gutes Geschenk gefunden hatte oder ob Liam nur höflich gewesen war.

/Ich wünschte, wir würden uns jetzt nicht trennen. Er fährt nach Hause in eine leere Wohnung und ich auch. Aber es ist mittlerweile ein ganzes Stück nach zehn. Das ist vermutlich viel zu spät, um ihn zu fragen, ob wir vielleicht noch einen Wein oder so zusammen trinken könnten. Zudem... Ich weiß gar nicht, ob er das überhaupt will./


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by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig