Im Sturm

8.

Rasch zog Liam sich sein Hemd und einen beigen Pullover über, seine Jeans und die festen Stiefel, um sich durch den mittlerweile schon als Sturm zu bezeichnenden Schneefall nach Hause durchzukämpfen. Als er am Tresen ankam, klingelte sein Handy. Eine freundliche Frauenstimme teilte ihm mit, dass alle Flüge von und nach Chicago wegen des dort noch schlimmeren Wetters gestrichen worden waren und er sich im Austausch gegen sein Ticket ein Entschuldigungsgeschenk und ein Freiflugticket abholen könne.

Genervt starrte Liam vom Telephon zur gläsernen Tür, vor der sich nun wirklich kleine Schneewehen zu bilden begannen. "Mein Flug wurde gerade wegen des Sturms gestrichen. Scheint schlimmer zu sein als erwartet." Er zog sich seine Jacke über und lehnte sich gegen den Tresen, um Keith, in seinem Mantel noch schmaler und beschützenswerter wirkend, anzusehen. "Was machst du jetzt?"

"Oh, das tut mir leid für dich." Bestimmt ärgerte sich Liam, dass er seine Kinder deswegen nun überhaupt nicht zu Weihnachten zu sehen bekam. Gerne hätte Keith ihn aufgemuntert, nur leider fiel ihm nicht viel ein, außer dass der Sturm nicht ewig dauern würde. Doch das war so profan, dass er lieber schwieg. Er zuckte mit den Schultern und lächelte ein wenig verloren. "Ich werde nach Hause fahren, deine gute Arbeit genießen, indem ich wohl noch ein paar Plätzchen knabbere und ein paar Kapitel in meinem Buch lesen." Er schlug den Kragen hoch und wappnete sich innerlich schon mal gegen den Wind.

"Hast du Lust, stattdessen noch für eine Stunde oder so zu mir mit zu kommen, um den Whiskey zu probieren?" Liam sah aus dem Fenster, gegen das der Schnee nun schon in Wolken gewirbelt wurde. /Ein Gästezimmer habe ich ja auch und dann auch noch ein großes Bett./

Ein aufgeregtes Prickeln huschte durch Keith, während er feststellte, dass Liams Gedanken in die gleiche Richtung wie seine gegangen sein mussten. Unwillkürlich folgte er dem Blick des anderen Mannes und bemerkte erst jetzt, wie schlimm das Schneechaos draußen geworden war. /Wenn ich mit ihm gehe, komme ich vielleicht nicht mehr nach Hause. Ich kann doch unmöglich die Nacht bei ihm verbringen. Lieber laufe ich zu mir zurück./ Nervös befeuchtete er die Lippen mit der Zungenspitze. Andererseits wartete daheim nun wirklich nichts, nach dem er sich sehnen würde. Wenn er jetzt absagte, würde er in seinem Bett liegen und sich totärgern.

"Ja, gerne", antwortete er endlich und war sogar so mutig, Liam erneut anzulächeln. Nachdem er diese Entscheidung getroffen hatte, fühlte er sich gleich viel besser.

"Herrlich! Dann wollen wir mal." Liam löschte die Lichter, nachdem er seine Tasche und die Whiskeyflasche geholt hatte und ließ Keith den Vortritt, um die Praxis abzuschließen, nachdem er seine Nummer aus dem Dienstfenster durch die seines Kollegen ausgetauscht hatte.

Auf dem Parkplatz lag bereits eine hohe Schneedecke, scharfer Wind fauchte um die Ecken und baute bedrohliche Schneewehen auf. "Keith, du fährst am besten hinter mir her und bei mir gleich in die Garage. Ich hab Stellplatz für zwei Autos, und bei dem Wetter würde ich den Wagen nicht draußen lassen", rief Liam dem anderen Mann über den Wind hinweg noch zu, dann stapfte er zu seinem Wagen und startete den Motor, rollte auf den Parkplatz und wartete, bis er Keiths Scheinwerfer hinter sich sah. Im Schritttempo schlichen sie die wenigen Straßen bis zu Liams Wohnsiedlung entlang.

Die Einfamilienhäuser auf den kleinen Hügeln schimmerten und glänzten in stilvollen Weihnachtsschmuck, der durch den Schneesturm nur noch weiter betont und verklärt wurde. Lächelnd gratulierte Liam sich zu dem kleinen Bäumchen, das er seine Nachbarn imitierend ebenso mit elektrischen Lämpchen geschmückt hatte.

Sein Weihnachtsbaum im Wohnzimmer war mit Strohsternen von seiner Tochter sowie goldenen und roten Glaskugeln von seinen Eltern geschmückt, und er hatte die elektrischen Lämpchen ordentlich und gleichmäßig in die Zweige zu verteilen, was ihn einiges an Mühe gekostet hatte. Doch nun war er froh, denn irgendwie dachte er sich, dass Keith ein Mensch war, der diese Mühe sicherlich zu schätzen wusste.

Er öffnete die Garagentüren per Fernbedienung und ließ Keith mehr als reichlich Platz für seinen kleinen Wagen, nur für den Fall, dass dieser das Einparken in eine Garage nicht gewohnt war. Voller Vorfreude auf diesen Abend sprang er aus dem Auto, um zu seinem Gast zu treten, während die Garagentore sich surrend schlossen und den Sturm aussperrten.

"Oh, was für ein Wetter! Das betrachtet man am besten von einem gemütlichen Wohnzimmer aus in dem Wissen, dass man da nicht mehr raus muss", sagte Keith mit einem Seufzen, erleichtert darüber, dass Liams Haus nicht allzu weit entfernt gewesen war, auch wenn er mit Grausen daran dachte, dass er den Weg später noch einmal zurücklegen musste, weiter noch sogar.

Von außen hatte Liams Heim gemütlich ausgesehen, aber auch so, als hätte er reichlich Geld zuviel. Sicher, er war Zahnarzt, nicht mehr verheiratet, aber... Mit einem Mal fragte sich Keith, was für einen Eindruck seine kleine Wohnung auf den anderen Mann gemacht haben musste. /Oh je, hoffentlich fand er sie nicht schäbig./ Ein kleines Unwohlsein breitete sich in seinem Magen aus, das er sich jedoch nicht anzumerken lassen versuchte.

"Zur Not habe ich ein Gästezimmer, Keith." Vorsichtig beobachtete Liam seinen hübschen Gast, während er ihm in der Eingangshalle den Mantel abnahm und ihn zum Wohnzimmer wies, das durch die Hanglage seines Hauses einige Stufen tiefer lag als die Küche und das Esszimmer.

Er streifte seine dunkelbraune Ledergarnitur mit einem kleinen Blick, alles war zum Glück in Ordnung, keinerlei peinliche Lektüre lag herum; dann ging er in die Küche, um Gläser für Whiskey und Wasser zu holen und einige Snacks zusammenzusuchen, die er in kleine Schälchen gab.

/Hoffentlich denkt er jetzt nicht, dass ich mein Haus mit seiner entzückenden Wohnung verglichen habe. Das wäre schrecklich!/ Er zog seine Schuhe aus und streifte Hausschuhe über, erst da erinnerte er sich daran, dass Keith ebenso feste Winterstiefel getragen hatte.

"Oh, Keith. Wenn es dir nichts ausmacht, dann zieh doch deine Schuhe hier vorn gleich aus. Der Teppich ist schlecht gewählt, so hell, aber jetzt muss ich damit leben." Und man sank herrlich in ihn ein, superflauschig, ein Traum, wenn Liam sich gegenüber ehrlich war. Er verteilte die Schälchen auf dem Couchtisch, Untersetzer für die Gläser und Servietten, dann kniete er sich vor den Kamin, um ihn in Gang zu bringen.

"Das ist mein Weihnachtsbaum, ich mach gerade schnell Feuer, dann stecker ich die Lichter ein. Nur für mich allein wollte ich keine Kerzen, ist mit der Katze auch ein wenig gefährlich. Sie klettertet gern darin rum." Er bemerkte, dass sein Gast noch immer am Fuß der drei Stufen zum Wohnraum stand und machte eine einladende Geste "Setz dich doch. Ich bin gleich bei dir, Keith."

Keith nickte langsam, während er bei sich dachte, dass dieses Haus ein Traum war. Er mochte auf Anhieb alles, auch den Teppich, gegen den sich Liam gerade ausgesprochen hatte. Sicher musste er etwas Arbeit beim Putzen machen, aber Keith hätte diese Mühe gerne auf sich genommen. Und sogar einen Kamin hatte er! Das war viel zu romantisch, um wahr zu sein.

/Denk nicht einmal in so eine Richtung wie romantische Stimmung, Keith!/ Aber er liebte den Geruch und das Licht von flackerndem Feuer, fand die Wärme viel angenehmer als die einer Heizung, wenn er sich letzteres auch bestimmt nur einbildete. /Außerdem darf ich denken, was ich will. Er hat mir aus dem Mantel geholfen. Oh Gott, mein Herz klopft schon wieder so heftig./

Das weiche Gefühl unter seinen Füßen war schön, als er fast andächtig zu der Couch lief, vor dem Christbaum aber erst einmal stehen blieb. Er lächelte, als er sich die Strohsterne ansah. Sie wirkten selbst gemacht, doch so, wie er Liam kennen gelernt hatte, stammten sie nicht von ihm. /Vielleicht von seinen Kindern. Wie süß./

"Ich habe auch Lichter, wegen Doyle. Kann ich schon verstehen, dass du das mit deiner Katze nicht riskieren willst. Und sie sind doch auch hübsch, nicht?" Außerdem konnte man sie die Nacht hindurch brennen lassen oder in die Küche gehen, ohne dass man bei der Rückkehr ins Wohnzimmer einen in Flammen stehenden Baum vorfand.

Er wählte die Couch, von der aus man den besten Blick auf den Kamin hatte, ehe er sich endlich setzte, um sich weiter neugierig umzusehen. /Das ist einfach unmöglich, dass ihm meine Wohnung gefallen hat, wenn er das hier als Vergleich hat. Ist das ein Wohnzimmer!/ Lediglich das Leder der Sitzgarnitur sagte ihm nicht zu; im Sommer würde man daran kleben und jetzt war es recht kühl. Er zog eindeutig Stoff jeder Variante vor. Verlegen faltete er die Hände zwischen den Knien, während er auf Liam wartete.

Liam stellte den Glasschirm vor den Kamin während das Holz knisternd und knackend zu brennen begann, dann drehte er sich um und bemerkte die Pose, in der Keith dort auf der Couch saß. Schon wieder so steif. Er lächelte und sagte "Als Zahnarzt muss ich dir leider sagen, dass du erst in einer halben Stunde etwas essen darfst, aber etwas trinken darfst du. Ich gehe mir gerade mal die Hände waschen, schenkst du uns von dem Whiskey ein?" Keith sah süß aus, mit nur Socken auf den Füßen und wie er so jungfräulich verkrampft die Hände auf die Knie presste. /Er ist wirklich rätselhaft schüchtern./ Rasch ging er zum Gästebad nach vorn durch.

"Erst in einer halben Stunde? Und dann stellst du mir all die leckeren Knabbereien vor die Nase? Unfair." Es kam Keith ein wenig unpassend vor, dass er den Whiskey ohne Liam öffnen sollte, doch dieser hatte ihn schließlich darum gebeten. Dennoch lächelte er bei dem kleinen Knirschen, mit dem sich der Korken löste, und genoss dann den ganz eigenen, leicht rauchigen Duft, der noch besser war, als er ihn von der Probe her in Erinnerung hatte, ehe er einschenkte. Mmh, allein diese schöne Bernsteinfarbe, die in den hübschen Gläsern von Liam, die bestimmt teuer gewesen waren, noch besser zur Geltung kam.

/Jetzt hör aber auf/, schimpfte er innerlich. /Du kannst ihn doch nicht mit einem Mal auf sein Geld reduzieren, nur weil du jetzt siehst, dass er welches hat, und zwar nicht zu knapp. Das ist genauso dumm, wie wenn er das mit dir machen würde./

Liam betrachtete den rötlichen Haarschopf, der über die Lehne seiner Couch lugte. Leise ging er auf das Sofa zu und lehnte sich neben Keith über die Rückenlehne. "Dann können wir ja anstoßen, nicht?" Er hielt seine Hand für das Glas auf und sah Keiths Gesicht forschend an. /Vermutlich denkt er jetzt, dass ich ihn für billig halte, weil er weniger Geld hat als ich. Dabei könnte er nicht kostbarer sein als so, wie er ist./ Bei dem Gedanken lächelte er.

Ein heißer Stich fuhr in Keiths Magengrube, als Liam plötzlich so nah war, seine leuchtenden Augen, seine schönen Lippen, nah genug, dass er fast den Atem des anderen Mannes spüren konnte. Hastig beugte er sich vor, um nach den Gläsern zu greifen und ihm gleichzeitig auszuweichen. /Oh mein Gott! Ich... was mache ich hier? Was soll ich machen? Was will ich?/ Er war ganz genau da, wo er sein wollte, und gleichzeitig bereitete ihm der Gedanke ein wenig Angst.

Er atmete zweimal tief durch, ehe er es wagte, sich wieder zurückzulehnen, ohne von Liam wegzurücken, und ihm das eine Glas anzureichen. "Auf Weihnachten und dass wir jetzt wenigstens ein bisschen feiern können?", schlug er vor und sah mit Herzklopfen zu ihm auf.

Liam stupste sein Glas gegen Keiths und sah ihm in die Augen. "Ja, das klingt doch herrlich." Dann richtete er sich wieder auf, auch wenn der Duft aus dem Haar des anderen und sein Erröten ihm sehr gut gefallen hatten. Gemütlich wanderte er um die Couch herum und ließ sich in Keiths Nähe nieder, schlug ein Bein unter und lehnte sich seitlich ihm zugewandt gegen die Rückenlehne.

"Deine Wohnung ist gemütlicher, aber meine hat einen Kamin. Wie findest du diese Rechnung?" Er rekelte sich ein wenig und nippte an dem Whiskey. "Der ist viel zu gut, um ihn allein zu trinken. Danke noch einmal für das Geschenk, ich wünschte, ich hätte eins für dich."

Keith fühlte sich ertappt, als hätte Liam seine Gedanken lesen können. Doch das aufflammende Unbehagen erstickte sofort wieder, als der andere Mann weitersprach und sich dabei gemütlicher hinsetzte, in einer Bewegung, die Keith ziemlich sexy fand. Fast hätte er gekichert. /Ich glaube, er könnte die eigenartigsten Verrenkungen machen, und ich würde ihn sexy finden./

"Das freut mich, dass du ihn magst." Er strich sich verlegen die Haare aus dem Gesicht, nahm dann noch einen Schluck und lächelte zu ihm hin. "Aber du hast doch etwas für mich." Er machte eine kleine, etwas unsichere Geste in den Raum hinein. "Ich bin Weihnachten nicht allein, kann es mit jemandem feiern, der..." Rasch verschluckte er den Rest und sah zu dem flackernden Feuer hin. "Sogar mit Kaminfeuer. Ich liebe Kamine."

"Nette Ansicht." Sie nippten eine Weile lang schweigend an ihren Drinks, dann lief die dünne Siamkatze einmal durch das Wohnzimmer zur Küche, zum Futterplatz, ohne sie zu beachten.

"Oh, das war meine Katze, der kleine Schatten dort hinten eben. Sie ist sehr eigenwillig, misstrauisch und lässt sich nur ungern streicheln. Meistens ist sie mir ein vollkommenes Rätsel... so wie du." Liam senkte den Blick und stand auf. "Ich denke, dass ich den Glasschirm jetzt wegnehmen kann, die Holzscheite glühen jetzt schön."

Verwirrt sah Keith ihm hinterher, wie er langsam zum Kamin ging. /Ich bin ihm ein Rätsel? Das kann nicht sein. Wie kann ich ein Rätsel sein, wenn er doch meine Gedanken so gut erraten kann wie eben? Und wie meint er das? Gut oder schlecht? Ob er alles meinte? Eigenwillig, misstrauisch und ungern streicheln lassen?/

Misstrauisch war er, das wusste er selber. /Aber das ist doch kein Wunder. Nur wie soll er das wissen? Er weiß ja nicht einmal... Weiß ja nicht einmal wirklich, dass ich schwul bin./ Keith sah in das Whiskeyglas, das er in beiden Händen hielt und in das die flackernden Flammen kleine Reflexe zauberten. "Stört dich das?", fragte er leise.

Liam stellte den aufgeheizten Glasschutz vorsichtig zur Seite und stocherte ein wenig in der Glut, legte noch einen Holzscheit hinten dazu. /Stört mich das? Nein. Eigentlich stört es mich nicht, weil es zu ihm dazu gehört. Aber andererseits wieder... ja, sehr./ Weil es ihn wahnsinnig machte, zu denken, zu befürchten, dass all seine Raterei über Keith und das, was dieser wollte, zu einem Ergebnis führen würde, das anders war, als er es gern hätte.

Er stand auf und betrachtete Keith, während er zu ihm zurückging. "Nein. Ich rate gern. Ich hoffe nur, dass du mir irgendwann auch einmal sagst, ob ich richtig geraten habe." Gemächlich ließ er sich dichter neben Keith nieder und streckte sich. Dann zuckte er jedoch zusammen. "Verdammt. Du hast mich abgelenkt, so sehr, dass ich vergessen habe, meiner Exfrau zu sagen, dass ich nicht kommen werde. Entschuldige mich doch einen Augenblick, ich rufe rasch bei ihr an." Er sah auf seine Uhr. "Du darfst übrigens jetzt auch gern etwas essen. Die Tomaten sind mit Ziegenkäse gefüllt."

Keith nickte schwach, ohne zu antworten. Er wusste nicht recht, ob er über die Unterbrechung glücklich oder unglücklich sein sollte. Allein Liams Blick, der so intensiv gewesen war, hatte ihn in eine atemlose Erwartung gestürzt, die überhaupt nicht dazu passen wollte, dass der andere Mann nur ein paar Vermutungen äußern wollte. Und dann hatte er sich näher zu ihm gesetzt, nah genug, dass er ihn fast mit einer Hand hätte berühren können. Er hatte keinen Hunger, war viel zu nervös dafür, nahm sich jedoch dennoch eine Serviette und eine Tomate, damit Liam nicht den Eindruck bekam, er würde nicht mögen, was er ihm anbot.

Liam ging mit schnellem Schritt in das Arbeitszimmer hinüber und rief seine Exfrau an, die bereits im Bett gewesen war. Er teilte ihr in kurzen Worten mit, dass er wegen des Sturms nicht kommen konnte, die Päckchen aber am nächsten Arbeitstag verschicken würde, auch wenn die Kinder sie erst nach dem Urlaub erhalten würden. Auf ihre Frage nach seinem Weihnachtsfest erinnerte er an seinen Notdienst und endete "..., aber mach dir keine Gedanken. Ich muss nicht allein feiern." Daraufhin legte sie wortlos auf.

Liam schloss die Augen und rieb sich einmal über das Gesicht. Noch immer fand sie es unerhört, dass er Männer vorzog, ihr und einem normalen Leben vorzog. Aber er hatte das Lügen nicht mehr ausgehalten. Er hatte es nicht richtig gefunden, und nun, Keith auf seinem Sofa wissend, gratulierte er sich nur noch viel mehr zu diesem Entschluss. Regelrecht fröhlich ging er zu seinem Gast zurück.

Keith sah ihm entgegen, fühlte Wärme in sich aufsteigen, als er den Gesichtsausdruck bemerkte, der wirkte, als würde Liam innerlich lächeln. Das Telephonat schien gut gelaufen zu sein, vielleicht waren seine Kinder ja wider Erwarten noch wach gewesen. Unwillkürlich erwiderte er das Lächeln, wenn er auch nach wie vor nervös war, gleichzeitig jedoch neugierig darauf, was Liam zu ihm vermutete.

/Was mache ich, wenn er gleich von Beginn an das Richtige erraten hat? Und was bei absurden Dingen? Ich will nicht, dass er denkt, dass ich ihn auslache oder so. Er hat gesagt, er hofft, dass ich es ihm irgendwann einmal sage. Ich kann ihm ja schlecht meine gesamte Lebensgeschichte auf die Nase binden. Das traue ich mich auch gar nicht./ Er merkte, dass er sich schon wieder viel zu viel Gedanken machte.

"So, aber jetzt laufe ich nicht mehr weg, und das Telephon hab ich abgestellt. Wir haben hier genug zu essen und zu trinken. Oh, magst du noch etwas anderes haben? Ich kann einen Tee kochen oder Kaffee, oder möchtest du vielleicht ein Glas Wein?" Er setzte sich zu Keith, erneut dicht neben ihn, und nippte einmal an seinem Whiskey. So angewärmt und eine Weile akklimatisiert schmeckte er noch weicher, nach Holz, nach Rauch und Vanille. Herrlich.

"Nein, das ist schon gut so im Moment, danke." Keith beobachtete ihn aus den Augenwinkeln, nahm sein Glas ebenfalls wieder auf, allerdings eher, um etwas zum Festhalten zu haben, weniger weil er etwas trinken wollte.

"Dann sollte ich mal ein wenig raten, oder, Keith?" Liam lehnte sich wieder seitlich an und betrachtete seinen Gast. /Er ist hier. Allein; wir hatten schon zwei halbwegs als Date zu bezeichnende Treffen. Warum tut er etwas, dass ihm.../ Erstaunt hob er den Kopf. "Diese Situation macht dir Angst?"

Keith zuckte zusammen und sah erschrocken auf, seine Hände umfassten das Glas fester. Sein erster Reflex war, diese Vermutung einfach nur abzustreiten. "Wie... wie kommst du darauf?" Wie unsicher seine Stimme klang! Das musste Liam ja nur bestätigen. Dann fiel ihm auf, dass er es überhaupt bemerkt hatte. /Er achtet auf mich... Er ist so anders, so eigen. Er verwirrt mich so sehr!/ Schließlich nickte er kaum sichtbar.

Liam dachte nicht daran, weiter abzurücken, sondern lehnte sich eher noch dichter an Keith heran. "Wie ich darauf komme? Weil ich das gut verstehen kann." Er stellte sein Glas auf den Tisch und seufzte leise. "Nur ich glaube, dass wir uns in einem unterscheiden. Ich glaube, dass du Angst vor dem hast, das passieren könnte, und ich... fürchte mich eher vor dem, was nicht passiert."

Keith hatte ein Gefühl, als würde ihm jemand die Kehle enger schnüren, damit er keine Luft mehr bekam. Wenn er sich jetzt ein wenig zur Seite lehnen würde, ein bisschen nur, würde er gegen Liam sinken. Er würde ihn spüren können, seine Wärme, seine Nähe. Doch er rührte sich nur weit genug, um den Kopf zu schütteln.

"Nein", flüsterte er, ohne Liam anzusehen und atmete schneller, um das Engegefühl in seiner Brust zu vertreiben. "Ich habe nicht deswegen Angst. Nicht davor, dass etwas geschehen könnte. Sondern weil du verheiratet warst. Weil du Kinder hast. Zwei Kinder." Er erwartete nicht, dass Liam es verstehen würde. Er würde sich zurückziehen, er würde enttäuscht reagieren, vielleicht würde er ihn rauswerfen. Keith hörte das Blut in seinen Ohren rauschen und das harte Stakkato seines Herzens. /Bevor er dazu kommt, gehe ich lieber selber./

"Aha." Liam lehnte sich wieder zurück. "Darum geht es also." Er legte den Kopf schief. "Ich würde gern sagen, dass es ein Fehler war, aber ich liebe meine Kinder zu sehr, um sie als Fehler bezeichnen zu können. Allerdings, Keith, von ihnen abgesehen war die Ehe ein Fehler." Er schloss kurz die Augen. /Er hat Angst, dass ich ein Bi-Mann bin, der vielleicht nur mal so auf einen Mann abfährt, um ihn für die nächste beste Frau zu verlassen. Verständliche Angst./

"Ich glaube, ich wäre aufgestanden und gegangen, wenn du deine Kinder als Fehler bezeichnet hättest." Jetzt, wo Liam wieder etwas auf Abstand gegangen war, fiel es Keith leichter zu denken und zu atmen. "Ich weiß, dass du sie liebst, das merkt man jedes Mal, wenn du von ihnen sprichst oder wenn du ihr Foto in der Praxis angesehen hast. Wenn du jetzt etwas anderes gesagt hättest..."

/Und er hat auf Anhieb verstanden, was ich gemeint habe. Keine bösen Worte, keine Anfeindungen./ Beides zusammen gab ihm den Mut weiterzusprechen. "Ich bin vielleicht unfair zu dir, aber du hast diese Kinder und du hattest diese Frau. Und das macht mir Angst, weil..." Er nahm einen hastigen Schluck Whiskey. "Mein erster Freund ist jetzt verheiratet und hat vermutlich auch Kinder. Und mein zweiter ist zu seiner Frau zurückgekehrt, nachdem ich herausgefunden habe, dass er nur jedes Mal seinen Ehering abgelegt hat, bevor er zu mir kam. Es tut mir leid..."


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by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig