Im Sturm

9.

Liam hätte sehr gern sein Glas wieder gehabt. Kein Wunder, dass dieser süße, sensible Mann so misstrauisch war und so allein, obwohl er es sicherlich nicht genoss. Er senkte den Kopf und seufzte leise. "Es ist nicht deine Schuld, Keith. Ich kann dir auch nicht vorschreiben, gleich zu vertrauen, als sei nichts passiert. Ich..." Mit einem Mal stockte er. /Er redet von Freunden, von festen Beziehungen. Immerhin scheint er mich schon in diesem Licht zu betrachten. Das ist immerhin... ja, das ist gut./

Optimistischer füllte er sein Glas und das von Keith nach einem kurzen Blick in dessen Gesicht wieder auf und nippte einmal. "Immerhin vergleichst du mich mit ihnen, mit dem, was sie für dich waren. Irgendwie macht mich das schon einmal froh, egal wie lange es braucht, bis du ein wenig mehr Vertrauen fassen kannst."

Keith spürte, wie ihm das Blut in die Wangen schoss, als ihm klar wurde, dass er damit wesentlich mehr preisgegeben hatte als eigentlich geplant. Er wollte aufspringen, sich entschuldigen und Liam dann fluchtartig verlassen, um nach Hause zu fahren und sich dort in Grund und Boden zu schämen; doch bevor er dazu kam, drangen die anderen Worte zu ihm durch. /Es macht ihn froh?/

Ohne daran zu denken, wie teuer der Whiskey gewesen war und dass er mit Ruhe genossen werden sollte, trank er zwei große Schlucke, ohne sie wirklich zu schmecken. /Und er will warten, bis ich ihm vertraue? Aber was muss denn geschehen, dass ich ihm vertraue? Er hat diese Ehe geführt, und er hat diese Kinder. Das ändert sich auch mit der Zeit nicht. Das einzige, was geschehen wird, ist, dass irgendwann meine Sehnsucht nach ihm zu groß ist, dass mich alles nicht mehr interessiert und ich nur noch mit ihm zusammen sein will. Oder dass ich mich nie wieder mit ihm treffe und mir auch einen anderen Zahnarzt suche./

Er stellte das leere Glas auf den Tisch und lehnte sich zurück. "Ich will eigentlich keine Angst mehr haben", sagte er leise und drehte das Gesicht zu ihm um. "Aber ich habe sie schon so lange." Zaghaft streckte er die Hand nach ihm aus, bis er Liams Finger berührte, eben gerade nur, mehr wagte er sich nicht.

Es war schon merkwürdig. Liam hatte diesen Mann als Patienten so häufig berührt, war ihm doch so viel näher gewesen. Aber nun bedeutete ein leichtes Streifen seiner Finger mehr als jede wilde Nacht mit einem anderen Mann. /Schon so lange Angst. Und dann komme ich daher und... ja, eigentlich hat er mehr Schritte auf mich zu getan als ich auf ihn./

Liam drehte seine Hand und umfasste Keiths schmale Finger, strich mit dem Daumen an den Fingerknöcheln entlang. "Ich glaube, du hast deine Angst schon längst überwunden, du bist sie nur so sehr gewohnt gewesen, dass du es nicht bemerkt hast. Ich jedenfalls halte dich, die Voraussetzungen bedenkend, für sehr mutig, Keith."

/Mutig? Ich? Nein, mit Sicherheit nicht./ Keith fühlte sich wie verzaubert, als diese kleine Geste der Zuneigung seine Angst auszuschalten schien, weil sie in dem Glückstaumel, der durch ihn hindurch ging, keinen Platz mehr hatte. Liams Haut war warm im Gegensatz zu seinen noch immer vor Nervosität kalten Fingern, die sich nur langsam wieder seiner Körpertemperatur anzupassen schienen. "Ich bin jedes Mal gestorben, bevor ich dich angerufen habe. Und ich habe nie das getan, was ich wirklich gewollt habe. Ich bin nicht mutig." Er tat es auch jetzt nicht. Aber dass Liam seine Hand hielt, ihn sogar ein wenig streichelte, war genug und wunderschön.

Liam blinzelte den anderen Mann an und hätte beinahe laut gelacht, konnte sich ein unterdrücktes Glucksen nicht verkeifen. Wie konnte ein erwachsener Mensch nur so herzzerreißend niedlich sein? /Wie ein Teenager fürchtet er sich davor, mich anzurufen, als sei ich ein Schwarm.../ Er hob erstaunt den Kopf. Irgendwie schien er das wirklich zu sein für Keith. Mit einem Mal bekamen dessen schüchterne Blicke und sein Erröten eine ganz andere Qualität. /Hoffentlich schaffe ich es, dass er sich bald mit mir wohl fühlt. Wenn es so weiter geht, dann werden wir noch mit achtzig nur Händchen halten./ Der Gedanke amüsierte ihn, und er musste lächeln.

Als er einen erschrockenen Blick von Keith auffing, erklärte er rasch beruhigend "Ich lache über den Gedanken, dass ich nicht mehr Händchen gehalten habe, seit ich es mit sechzehn gewagt habe, meinem ersten Freund einen Antrag zu machen. Und ich muss gestehen, es ist wirklich schön, es passt zu Weihnachten und... zu dir." Vorsichtig zog er Keiths Hand ein wenig dichter zu sich und beugte sich darüber, um die kühlen Finger einmal rasch mit den Lippen zu berühren.

Keith lächelte erleichtert und genoss das warme Prickeln, dass der Handkuss in ihm hervorrief, und Liams irgendwie süßes Kompliment. /Schon wieder... Schon wieder ist er so sehr Kavalier. Es ist doch kein Wunder, dass ich ihm nicht widerstehen kann. Irgendwie macht er alles immer so richtig. Als gäbe es nur diesen einen Weg./ Er seufzte leise und glücklich.

"Liam, du bist ein wirklicher Gentleman, weißt du das? Immer höflich, immer freundlich, zuvorkommend, nie aufdringlich..." Er verstummte und kam sich ein wenig albern vor. "Und zudem ist es das schönste Weihnachten, dass ich seit Jahren hatte."

Liam lächelte und erinnerte sich spontan an all die letzten Weihnachtsfeste mit leuchtenden Kinderaugen über irgendwelchen Geschenken zurück. Dann stellte er fest, dass sie keine Konkurrenz zu Keiths Augen waren. Er hatte wirklich das Talent, von innen her zu strahlen.

Schweigend begann er Wasser zu trinken und es zu genießen, dass Keith ihn näher rücken ließ, bis ihre Beine sich leicht berührten. Aber er legte nicht den Arm um ihn oder versuchte andere Fortschritte zu machen. Zum einen war er nach den stressigen letzten Tagen einfach zu erschlagen, um sich nun in Diskussionen darum, wie weit er gehen sollte, zu stürzen, zum anderen war es wirklich nett, einfach einmal so dazusitzen.

Sie redeten endlich ehrlich geworden über ihre Ausbildungen im College, über vergangene Freunde, Urlaube, über Erfahrungen. Liam bekam endlich die Gelegenheit, Keith zu erzählen, dass er von der Ehefrau abgesehen, einer Schulfreundin von ihm, die von seinem Interesse an Männern gewusst hatte, eigentlich auch nur mit Männern Beziehungen gehabt hatte.

/Beziehungen ist fast gelogen. Meistens waren es doch Bettsachen./ Beschämt gestand Liam sich ein, dass er zuvor nie wirklich versucht hatte, einen Mann zu finden, der für ihn das war, was seine Exfrau dann wurde, ein wirklicher Partner. /Vermutlich habe ich sie nur geheiratet, weil ich nicht geglaubt habe, dass es auch so geht./ Er sah auf seine Finger, die unbewusst schon über Keiths Handgelenk strichen, über seine Handfläche.

Ein Blick zur Uhr, nachdem er ein Gähnen unterdrückt hatte, ließ ihn zusammenzucken. Es war schon nach zwei. Das Feuer im Kamin glomm nur noch in aschigen Resten. Der Sturm hatte sie zuvor nicht weiter gestört, aber nun wurde Liam sich mit einem Mal wieder des Windes bewusst, der noch immer um die Hausecken zischte.

Keith hatte nicht das Bedürfnis, irgendwohin zu gehen und dafür seine Hand den leichten Liebkosungen des anderen Mannes zu entziehen. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte diese Nacht ewig so fortgehen können.

Der Sturm schloss die Welt herum aus, das Feuer verzauberte das Wohnzimmer zu einem gemütlichen, romantischen Reich, in dem es nur sie beide gab. Wenn er sich erst einmal daraus wegbewegte, würde die Wirklichkeit zurückkommen. Er würde sich fragen, ob er einen Fehler gemacht hatte, indem er Liam so viel von seinem Leben erzählt, indem er ihn so nah an sich heran gelassen hatte. Er würde wieder auf Anrufe warten und seine Wohnung kalt und einsam finden.

Doch Liams Blick zur Uhr und das leichte Zusammenzucken entging ihm nicht. Innerlich seufzte er auf, als ihm bewusst wurde, wie spät es war und dass er eigentlich nur auf eine Stunde hatte vorbeikommen wollen. Einen Moment lang blieb er noch sitzen, dann entzog er Liam bedauernd seine Hand. Er streckte sich und setzte sich auf, spürte noch einen Augenblick bewusst die Stelle, an der sich ihre Beine berührten, ehe er aufstand. "Ich sollte mich dann langsam mal aufmachen, nicht?"

Liam erhob sich ebenfalls und streckte sich, nun dem Drang zu gähnen nachgebend. Dann ging er mit schnellen Schritten in seine Küche und stellte die Schälchen auf das Sideboard. Sein Blick fiel in den Vorgarten und auf die Strasse.

"Keith, ich glaube nicht, dass ich dich heute Nacht noch irgendwo hinfahren lasse. Davon abgesehen, dass dein Wagen sicherlich nicht einmal die Auffahrt schaffen würde ohne Allrad, denke ich, dass es eine wirklich gefährliche Fahrt werden würde." Die Straße war von der Umgebung nur durch die kleinen, durch frischen Schnee bereits abgerundeten Hügel an den Seiten zu unterscheiden. Schnee wurde noch immer in dichten Wolken um die Hausecken getrieben, und es sah nicht so aus, als würde es bald aufhören.

Unsicher schaute Keith an Liam vorbei durch das Fenster, das von ein paar Eisblumen verziert war. /Ich kann nicht einfach bei ihm übernachten. Das geht nicht. Wenn ich langsam fahre, dann schaffe ich das schon. Und wegen der Auffahrt... Er hat bestimmt Sand oder so zum Streuen. Wie süß, er macht sich Sorgen. Aber.../

Liam betrachtete den Mann vor sich und lächelte ihn gewinnend an. "Ich schlage vor, dass du dich ergibst und hier übernachtest. Ich habe ein Gästezimmer, es wären also keine Umstände."

Keith erinnerte sich daran, dass Liam es bereits erwähnt hatte, als sie in der Garage ausgestiegen waren. /Ich glaube, er will wirklich gerne, dass ich hier bleibe./ Nach einem letzten Blick in das unfreundliche Schneegestöber draußen und dann einen Liams offenes Gesicht mit den strahlenden Augen nickte er ein wenig zaghaft. "Danke, das ist lieb von dir. Angesichts des Wetters ist es vermutlich wirklich das beste."

Energiegeladen ging Liam an Keith vorbei und winkte ihm zu folgen. Sein Gästeschlafzimmer war zwar nicht groß, aber hatte ein breites Bett; daneben war der Raum nur noch mit einer kleinen Kommode möbliert und dem Nachtschränkchen, in dem Liam einige Kinderbücher liegen hatte, da seine Kinder hier immer schliefen. Um seine Freude und Nervosität zu verbergen, redete er ein wenig zu viel. "Hier ist es. Ich gebe dir eben ein frisches Laken raus. Diese Tür führt zu deinem Bad und diese zum Schrank."

Liam verschwand in dem begehbaren Schrank, um eine zweite warme Decke zu holen. Während er das Bett bezog, ging er seine Schlafsachen auf Übereinstimmung mit Keith durch und musste feststellen, dass der Mann viel zierlicher und kleiner war als er und alles an ihm schlabberig aussehen würde. /Egal, für eine Nacht ist es gut so, und ich hab fast den Verdacht, dass er schrecklich süß aussehen wird./

Laut sagte er stattdessen "Ich gebe dir Schlafsachen von mir, viel zu groß, aber für die Nacht geht es sicherlich. Eine Zahnbürste und Handtücher sind eigentlich immer im Bad zu finden."

"Danke." Keith lächelte ein wenig verlegen und kam sich etwas hilflos vor, weil er nichts tun konnte, da er keine Ahnung hatte, wo Liam was aufbewahrte. Um sich zu retten, flüchtete er ins Badezimmer, das nicht viel kleiner war als sein eigenes und sah sich in dem modernen Spiegel tief durchatmend an, blass, aber mit geröteten Wangen und leuchtenden, wenn auch verunsicherten Augen.

"Ich übernachte bei Liam. Oh mein Gott, das hätte ich mir heute morgen auch nicht träumen lassen", murmelte er und fuhr sich mit beiden Händen durch das viel zu zerzauste Haar. /Und er findet nicht, dass ich aussehe wie ein Yeti?! Meine Güte, als wäre Bürste ein Fremdwort für mich!/

Liam legte Keith den Flanellschlafanzug auf das Bett und ging in sein eigenes Schlafzimmer, um sich ein T-Shirt und eine Schlafanzughose überzuziehen. Er putzte sich die Zähne, starrte sich in die Augen und fragte sich, wieso er den Mann nicht mehr angefasst hatte. Nicht einmal versucht hatte er es! /Das geht so nicht... Das ist zu wenig, egal wie ängstlich er ist./ Er wusch sich das Gesicht und sah sein Spiegelbild noch einen Moment lang an. Dann gab er sich einen Ruck. Er ging zur Gästezimmertür nach nebenan und klopfte leise.

Keith war in den geliehenen Schlafanzug geschlüpft und musste kichern, als er bemerkte, wie viel zu groß er ihm war. Er hatte eben die Hosenbeine hochgekrempelt, wofür er die Ärmel zurückschieben musste und beschlossen, dass er dieses Zimmer am Morgen auf keinen Fall verlassen und Liam unter die Augen treten würde, ehe er sich wieder umgezogen hatte, als es klopfte. Erschrocken hielt er inne und überlegte einen Moment lang ernsthaft, ob er ins Bett springen und sich schlafend stellen sollte.

/Du bist erstens albern und zweitens glaubt er dir das bestimmt nicht, dass du bei Licht einschläfst. Und merken wird er es, wenn du es gerade noch hastig löscht/, schimpfte er sich aus und seufzte dann unbehaglich. "Ja?"

Liam lugte um die Ecke und musste grinsen, als er Keith in dem übergroßen Schlafanzug auf dem Bett sitzen sah. "Ich wollte nur mal sehen, ob alles in Ordnung ist." Er lächelte und ging dann doch in das Zimmer hinein, ließ die Tür aber offen, um Keith nicht den Eindruck zu geben, dass er ihn einsperren wollte. "Ich bin dem Sturm wirklich dankbar. Du siehst unheimlich süß aus." Locker gesagt, aber Liam beobachtete dennoch angespannt, wie Keith auf seine Näherkommen und die Worte reagierte.

Keith wurde rot und sah zu ihm hoch, sich dessen sehr bewusst, dass ihm die Ärmel über die Hände gerutscht waren, dass der Kragen schief hing und das Oberteil seine rechte Schulter nicht bedeckte, weil er die zwei obersten Knöpfe noch nicht geschlossen hatte. Dass Liam näher kam, ohne den Blick von ihm abzuwenden. Dass sein Herz schon wieder schneller schlug und sein Magen nervös zu kribbeln begann.

Dass Liam ihm so etwas sagte, obwohl er sechsunddreißig war, obwohl er einen viel zu großen Schlafanzug trug und noch immer total verstrubbelt war. /Er findet das, obwohl ich einfach nur ich bin.../ Mit einem Schlag wuchs seine Sehnsucht nach dem anderen Mann wieder an, obwohl er direkt vor ihm stand. "Ja, es ist alles okay, ich habe alles gefunden, inklusive der Zahnbürste. Und wenn ich so aus dem Fenster schaue, bin ich dir dankbar, dass du mich zum Bleiben überredet hast." Nicht, dass es allzu viel gebraucht hatte, um ihn davon zu überzeugen. "Ich glaube, er hätte mich in meinem kleinen Auto einfach weggeweht."

Liam lachte leise und nickte. "Das kann ich nicht zulassen." Vorsichtig zupfte er den Schlafanzug ein wenig über Keiths Schulter hoch. Eigentlich hatte er sich eine Ausrede einfallen lasen wollen, um sich hinzusetzten, um noch ein wenig in der Nähe dieses hübschen Mannes sein zu können, aber ihn zu berühren war der falsche Weg, um die Ruhe zu bewahren. Statt sich zurückzuziehen, beugte er sich vor und küsste Keith sachte auf die Wange, seine Finger glitten zugleich unbeabsichtigt eher am Kragen vorbei unter den Schlafanzug und auf die weiche Haut des anderen.

Ein kleiner Stromstoß fuhr durch Keith hindurch, als ihn erst Liams Lippen berührten und er dann seine Finger an seiner Schulter spürte. Zudem roch der andere Mann so gut... Keith wollte ihn nicht gehen lassen, wollte nicht, dass er gleich allein bleiben sollte, nur weil Liam ihm gute Nacht gesagt hatte und zurück in sein Zimmer ging. Er drehte den Kopf, bis seine Lippen flüchtig Liams Mund streiften, was eine kleine Revolte in seinem Magen hervorrief.

"Magst... magst du dich nicht noch ein wenig zu mir setzen?", fragte er ganz leise.

/Hm, ist er lecker und immer noch so schüchtern./ Liam ließ sich neben Keith nieder und zugleich schob er den Arm weiter um die Schultern des Mannes herum, noch immer unter dem Oberteil auf der Haut bleibend. Dann hob er seine andere Hand an das schon wieder so niedlich errötete Gesicht mit den kleinen Grübchen und küsste ihn erneut auf den Mund. /Gott, viel zu lecker!/ Unter halbgesenkten Lidern beobachtete Liam Keiths Reaktion.

Keith entschlüpfte ein kleiner, sehnsüchtiger Laut, als Liam endlich das tat, was er sich schon seit Tagen erträumte. Ihn halten... ihn küssen... Er hob ihm das Gesicht ein wenig mehr entgegen und schloss die Augen, während seine eine Hand fast selbsttätig auf Liams Brust fand, halb um Halt zu finden, halb um die Nähe selber regeln zu können. Doch dann gab er einfach auf und ließ sich gegen den anderen Mann sinken. Das Gefühl, endlich dort zu sein, wo er die ganze Zeit hingewollt hatte, war überwältigend.

Sie küssten sich eine ganze Weile, und Liam hatte sich nicht erinnern können, wann es ihm zum letzten Mal soviel Spaß gemacht und zugleich so viel bedeutet hatte, jemanden einfach nur im Arm zu halten und zu küssen. Doch seine nackten Füße erinnerten ihn nach einigen Momenten an die Kühle in den Schlafzimmern. Sachte schob er Keith deswegen weiter auf das Bett und legte sich zu ihm, bevor er eine Decke über ihre Beine zog.

Keith rutschte ein wenig näher zu ihm heran, schob ihm einen Arm um die Taille und stützte den Kopf auf die Hand. Eine Weile sah er Liam einfach nur an, glücklich, dass er es durfte, glücklich über die Zuneigung, die ihm aus den blauen Augen entgegenleuchtete. Vorsichtig streichelte er ihm über den Rücken und fand heraus, dass er genauso trainiert war, wie er aussah.

Mit einem kleinen Lächeln hob Liam eine Hand und streichelte Keith durch die Haare. Sie fühlten sich genauso weich an wie vermutet. Gelassen betrachtete er das Gesicht, liebte den Ausdruck von Freude darin. Er streifte einige Strähnen aus der Stirn, umrundete den Mund mit einem Finger. Es war der pure Luxus, Keith endlich so ansehen und berühren zu dürfen, und trotz seiner Müdigkeit wollte Liam dies so sehr genießen und auskosten wie möglich. Schließlich legte er sich neben ihn und umarmte ihn fest, zog ihn eng an sich heran und lehnte sein Gesicht an Keiths Haare. "Mir scheint, dass ich mich doch in den richtigen Mann verliebt habe."

Keith war es, als müsste er vor Glück zerspringen. All seine Vorbehalte, all seine Sorgen waren vergessen, als er sich so nah an Liam schmiegte, wie es nur möglich war. /Er ist in mich... Ist er jetzt... mein Freund? Das ist er, oder?/ Sein Freund, sein Geliebter.

"Das hoffe ich doch sehr", flüsterte er, spürte die warme Haut des Halses an seiner Nase und seinen Lippen, atmete Liams Duft ein und lächelte ebenfalls, auch wenn der andere Mann es nicht sehen konnte. "Denn sonst hätte ich mich in den falschen verliebt."

Liam antwortete nicht, aber ein Lächeln setzte sich auf seinen Lippen fest, wollte nicht mehr verschwinden, auch wenn er eigentlich zu müde dafür hätte sein müssen. /Ein langer, harter Arbeitstag, Whiskey und die Aufregung, diesen herrlichen Mann gefunden zu haben; nicht verwunderlich, dass ich einschlafe statt anderer Dinge./

Eine Weile rührte Keith sich nicht weg aus der warmen, sicheren Umarmung, die so voller Liebe war. Doch als seine Müdigkeit immer weiter zunahm und ihm bewusst wurde, dass er nicht würde schlafen können, wenn das Licht weiterhin brannte und die Tür so ungemütlich offen stand, rappelte er sich noch einmal auf.

"Geh nicht weg." Rasch befreite er sich aus Liams Armen und küsste ihn noch einmal schnell auf die Wange, ehe er aufstand. Auf dem Rückweg stolperte er über die zu langen Beine der Schlafanzughose, die sich wieder aufgerollt hatten und landete ein wenig unsanft neben Liam im Bett.

"Oh, entschuldige", begann er und wollte noch ein paar Dinge mehr sagen, doch in dem Moment raffte sein Freund ihn wieder an sich und unter die Decke und ließ ihn nur leise aufseufzen, als er noch einmal kurz dessen Lippen auf seinen spürte. "Gute Nacht", flüsterte er und tastete nach der Decke, um sie noch höher zu ziehen und sorgsam auch hinter dem Rücken seines Freundes festzustecken.

Eigentlich hätte er längst tief und fest schlafen sollen, aber Liam genoss das Gefühl des warmen lebendigen Körpers neben seinem viel zu sehr. Er hörte Keiths gleichmäßige Atmung, lauschte darauf und drehte sich auf die Seite, um ihn ansehen zu können. Ein wenig Licht von der Straßenlaterne, vom Schnee verstärkt erhellte das Zimmer, zeichnete leichte Schatten über Keiths Augenpartie, an seinem Mund entlang. Liam küsste ihn erneut leicht, genoss das Gefühl der weichen, nachgiebigen Lippen unter seinen, dann legte er sich zurück und überdachte, wie viel Überwindung es Keith gekostet haben musste, ihn zum Baumschlagen und dann gar zu einem Essen einzuladen. /Du bist mutig, Liebling. Auch wenn du es selber nicht wahrhaben willst./


Kommentare, Kritiken, Lob?
 
by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig