Im Sturm

10.

Als Keith am nächsten Morgen aufwachte, spürte er, dass sein Rücken verspannt und sein rechter Arm eingeschlafen war. Doch im gleichen Moment wusste er auch, dass er es nicht hätte eintauschen mögen. Warmer Atem streifte seinen Hals, eine große Hand lag auf seiner Brust und ein Bein war besitzergreifend um seine geschlungen. Ein weiches Lächeln schlich sich auf Keiths Lippen, als er sich an den vorangegangenen Abend erinnerte. Er war nicht mehr allein, und Liam schien all das zu sein, was er sich von einem Freund erträumt hatte. Aufmerksam, ein Gentleman, rücksichtsvoll. Er fiel nie mit der Tür ins Haus und war gleichzeitig doch so offen und direkt.

Tausend Dinge fielen ihm ein, doch die Frage, ob er sich das nicht lediglich einbildete, weil er es gerne so haben wollte, machte ihm erstaunlicherweise keine Angst mehr. /Ich habe Zeit, es herauszufinden, nicht?/ Er öffnete die Augen und sah auf den wirren, braunen Haarschopf, während sich sein Lächeln noch vertiefte. Den Kopf anhebend drückte er einen schnellen Kuss darauf, ehe er zärtlich mit seiner nicht eingeschlafenen Hand Liams Finger auf seiner Brust nachzeichnete, dann den nackten Unterarm entlang streichelte und die Muskeln des Oberarms nachfuhr. Er wanderte über die Schulter bis in den Nacken, wo er sacht die kurzen Härchen zu kraulen begann.

Liam wurde von zwei Dingen geweckt. Eins war angenehm. Leichter Atem strich ihm über Brust und Hals und jemand kraulte ihm durch die Haare, zart, wie um ihn nicht zu stören. Das andere war seine volle Blase, und er verzog ein Gähnen unterdrückend das Gesicht.

/Keith ist bei mir. Ach nein, ich bin bei ihm, im Gästezimmer. Herrlich!/ Er schlug die Augen auf und drehte sich zu Keith herum. "Guten Morgen und fröhliche Weihachten, Keith." Er ließ dem Ausspruch einen winzigen Kuss auf die Wange seines Schatzes folgen. Mit ungeputzten Zähnen küssen war ganz und gar nicht sein Ding. "Ich entschuldige mich gerade mal schnell, um ins Bad zu verschwinden. Lauf nicht weg." Rasch stand er auf und ging zu seinem Zimmer hinüber, zu seinem Bad, auch um sich einen Morgenmantel zu holen.

"Dir auch fröhliche Weihnachten." Keith sah ihm nach, dann lachte er leise. "Ich werde bestimmt nicht weglaufen. Nicht, wo ich dich endlich habe." Dennoch stand auch er erst einmal auf, um ein paar morgendliche Dinge im Bad zu unternehmen, inklusive des Gebrauchs der Zahnbürste.

/Wenn er mich küsst und ich... Nein, muss nicht sein./ Sein Arm begann unangenehm zu prickeln und zu bitzeln, als er aufwachte und ihm fast schmerzhaft klarmachte, dass er es nicht schätzte, unter Liam eingeklemmt zu sein. /Ist mir egal, es war schön, mit ihm so dicht bei mir aufzuwachen./ Keith bürstete sich noch rasch die Haare, zauste dann mit den Fingern durch, damit sie nicht zu glatt lagen und huschte eilig ins Bett zurück, in der Hoffnung auf eine gemütliche Kuschelstunde mit vielleicht ein paar süßen Küssen als Vorspeise zum Frühstück.

Als Liam hörte, dass auch Keith ins Bad verschwunden war, ging er doch zunächst in seine Küche und setzte Kaffee auf, den er mit Bechern, Milch, Zucker und süßen Brötchen auf ein Tablett stellte, um dann schnell wieder zu seinem Schatz in das Gästezimmer zu gelangen. Noch war er nicht bereit zuzulassen, dass sie sich wohlmöglich weit voneinander entfernt an einen Tisch setzten.

Doch als er mit dem Tablett wieder in das Zimmer kam, saß Keith da schon, die Ärmel des Schlafanzuges hingen über die Hände, und insgesamt wirkte er ein wenig verloren, allein in dem Bett. Sofort bekam Liam den Wunsch, dies für immer zu ändern. /Ihn an mich ziehen und nicht mehr weggehen lassen./ Stattdessen stellte er das Tablett auf dem Nachtschränkchen ab und krabbelte dann zu Keith auf das Bett, um ihn zu küssen, während er dann langsam näher zu ihm herankroch.

"Hm, du schmeckst lecker, Schatz." Er küsste Keiths Hals und öffnete mit einer Hand die obersten Knöpfe des Schlafanzugoberteils und küsste ein wenig weiter auf die Brust herunter, bevor er leise murmelte "Und du fühlst dich herrlich an." Mit einer Hand strich er Keith über die Brust auf die Schulter und ließ die Finger dicht am Hals sachte streicheln, während er mit dem Mund zu Keiths Lippen zurückkehrte.

Keith fühlte sich ein wenig überrumpelt, jedoch nicht unwohl. Liams Berührungen, seine Zärtlichkeit, seine so freimütigen Komplimente taten ihm gut, und sie ließen sein Begehren nach diesem Mann anwachsen. Aber er wusste nicht, ob er wirklich schon weiter gehen wollte als bis dort, wohin sie jetzt gekommen waren. Trotzdem konnte er nicht verhindern, dass ihm ein leises Seufzen über die Lippen schlüpfte. Was er aber sehr genau wusste, war, dass er Liams Küsse liebte. Er öffnete sich ihm, während er die Arme um seinen Freund schlang und seinen Kuss innig erwiderte, um für die nächsten Augenblicke einfach nur die Welt zu vergessen.

Zum Glück wurde Keith einer Entscheidung enthoben, ob und wie er Liam erklären sollte, dass er noch nicht bereit für mehr war, denn sein Freund kam nur zu ihm unter die Decke, als sie sich endlich wieder voneinander gelöst hatten, um dann, nachdem sie, um sich anzulehnen, zum Kopfende gerutscht waren, das Tablett auf ihre Knie zu stellen.

Keith konnte sich an kein Frühstück erinnern, das schöner, lustiger und gleichzeitig romantischer gewesen wäre als dieses. Liam schien es Freude zu bereiten, ihn immer wieder zum Lachen zu bringen, er schien es zu lieben, ihn dann auf die Grübchen zu küssen oder ihm etwas ins Ohr zu flüstern, was Keith nicht selten aus freudiger Verlegenheit zum Erröten brachte. Doch noch viel lieber hatte er es, wenn Liam ihn seinen Schatz und Liebling nannte, einen Arm um ihn legte oder ihn zwischendurch küsste.

Als sie das Frühstück endlich beendet hatten, war es bereits Mittag. Während Liam das Tablett wieder in die Küche brachte, belegte Keith das Gästebad, duschte ausgiebig, rasierte und föhnte sich und putzte sich erneut die Zähne. Anschließend lieh er sich in Ermanglung eines eigenen Liams Deo und fühlte sich damit gleich noch einmal besser, weil es einfach nach Liam roch.

Liam hörte Keith im Badezimmer summen und musste spontan wieder lächeln, als dieser sich ein wenig errötend ein Deo auslieh. Dieser Mann war wirklich zu niedlich. Gleich fiel ihm wieder ein, wie er Keith doch tatsächlich mit dem Brötchen hatte füttern können, wie sein Schatz errötet war, als er seine Finger ein wenig abgeleckt hatte. Ihm fiel unter der Dusche jedoch auch wieder ein, dass Keith sich erleichtert gestreckt hatte, als er ihn losließ, anstelle weiter zu gehen, wie er es sonst sicherlich auch getan hätte. /Er ist immer noch misstrauisch und empfindlich. Über Sex sollten wir vielleicht erst einmal reden. Merkwürdiges Gefühl. Mit einem Mann über Sex reden, anstelle es einfach zu tun, anstelle überhaupt nicht zu reden./

Ein Blick aus dem Fenster, als er die Gardinen zurückzog, fällte die Entscheidung wann, wie und wo sie reden würden. Der Sturm war vorbei, die weichen Schneeflächen glitzerten von wenigen Autospuren durchzogen im Sonnenlicht, während der Himmel so blau war, als wollte er sich für das Benehmen am Abend zuvor entschuldigen. Fröhlich zog Liam sich besonders warm an und rief fragend zu Keith hinüber "Was hältst du von einem Spaziergang durchs Weihnachtswunderland, mein Schatz? Schau mal raus!"

Keith kam der Aufforderung nach und hielt erst einmal den Atem an, während er diese Märchenlandschaft betrachtete. "Oh, wie wunderschön! Ja, das ist eine gute Idee!" Dann stockte er und drehte sich langsam weg, während Fragen in ihm empor wirbelten. Was erwartete Liam von einer Beziehung? Wollte er sie offen leben oder verstecken? Wollten sie hier laufen oder erst mal ein Stück mit dem Auto fahren? Und so spazieren, als seien sie nur Freunde oder Hand in Hand? Und was wollte er selber?

/So, wie ich mich jetzt fühle, bis ans Ende unserer Tage mit ihm zusammen leben. Einfach nur mit ihm zusammen. Ohne Angst, ohne etwas zu verbergen. Aber ob das gut geht? Allein schon das Zusammensein. Was, wenn wir es versuchen und es nicht klappt? Und dann wissen es alle, und wir trennen uns wieder? Wie allein bin ich erst dann?/ Der Gedanke ließ ihn schaudern.

"Was schwebt dir denn vor?", fragte er vorsichtig. "Einfach ein wenig hier in der Gegend?"

Liam lachte nach einem weiteren Blick aus dem Fenster und holte seine Jacke und den Mantel von Keith, um ihm hinein zu helfen, auch wenn er sich das kurz zuvor noch verboten hatte. Bei Keith war es ein Reflex. "Ich habe zwar einen Service hier, der die Einfahrt frei fegt, aber der kommt sicherlich nicht vor heute Abend. Also müssen wir wohl oder übel hier gehen. Es sei denn... Ist es dir nicht recht, wenn meine Nachbarn uns sehen?" /Versteckt er sich auch, wenn er sich endlich einmal sicher fühlt? Wie sicher wird er sich mit mir fühlen können?/

Keith seufzte und knöpfte seinen Mantel zu, was zum einen seine Finger beschäftigte, ihm zum anderen die Möglichkeit gab, seinen Blick abzuwenden. "Ich weiß es nicht", gestand er schließlich hilflos. "Bitte, Liam, versteh mich nicht falsch. Ich will so gerne mit dir zusammen sein, und du machst mich schon allein durch so Dinge wie eben glücklich, wenn du mir mit dem Mantel hilfst oder mir eine Tür aufhältst oder mich einfach nur ansiehst und dabei lächelst. Aber..."

/Oh Gott, so etwas kann man doch nicht gleich am ersten Tag einer Beziehung sagen!/, jammerte er innerlich, doch er fand keinen Weg herum, wenn er sich begreiflich machen wollte. "Aber im Moment wissen nur meine engsten Freunde, dass ich schwul bin. Das ist einfacher für mich... und nicht schwer, wenn man alleine ist. Wenn ich wüsste... wenn ich genau wüsste, dass... dass wir... immer zusammen bleiben oder mir zumindest ziemlich sicher wäre, dann... würde ich auch gerne offen sein. Ich will gerne mit dir Hand in Hand gehen können oder einfach nur normal von dir erzählen, wie jeder andere Mensch auch von seinem Partner erzählen kann. Dann würde ich auch mit schiefen Blicken und dummen Kommentaren leben können. Aber ich weiß es nicht." Ängstlich sah er zu seinem Freund hin. "Verstehst du? Bist du jetzt enttäuscht oder wütend auf mich?"

Liam sah nachdenklich auf seinen komplizierten, nervösen Freund und fand ihn wundervoll. Er beschloss, dass er es offensichtlich noch nicht genügend betont hatte. Vorsichtig beugte er sich zu Keith herab und küsste ihn auf den Mundwinkel. "Du. Bist. Wundervoll." Er lächelte. "Leider ein wenig zu besorgt, aber wundervoll. Ich liebe es, dass du mich so sein lässt wie ich bin, und ich bin mir sehr sicher, dass ich damit nicht aufhören werde, schon gar nicht in der nächsten Zeit. Aber da wir erst gestern damit angefangen haben, uns endlich auf der richtigen Basis zu unterhalten, können wir gern auch einfach nur so gehen." Er hielt Keith die Tür auf der Rückseite seines Hauses auf. "Meine Nachbarn werden sich ohnehin ihren Teil denken, wenn sie uns gleich sehen werden."

Keith genoss das warme Gefühl, das Liam erneut in ihm erweckt hatte und dass es dem großen Mann so leicht fiel, all seine Sorgen mit ein paar wenigen Worten und Gesten hinwegzuspülen. Überrascht sah er zu ihm hoch, während er die Hände in den Manteltaschen vergrub und tief die kalte, trockene Winterluft einatmete, die nach frischem Schnee roch und so, als sei sie über Nacht gewaschen worden.

"Wieso das?", fragte er, während sie durch den unter ihren Stiefeln knirschenden Schnee zum Gartentor gingen. "Schließlich könnte ich ja einfach nur ein Freund sein, den du bei dir hast übernachten lassen. So hat es immerhin angefangen. Das Wetter war ja nun wirklich bedrohlich genug."

Liam verzog ein wenig unglücklich das Gesicht, dann nickte er zu seiner makellosen Auffahrt hin. "Ja, aber ein Freund, der über Nacht geblieben ist." Er atmete einige Male tief ein und aus und ging dann zum nahe gelegenen Wald vor. Obwohl sie durch tiefen Schnee stapfen mussten, tat es ihm gut. /Soll ich es ihm erzählen oder nicht? Was er dann wohl denkt? Mist. Mist, Mist, Mist!/ Unbewusst ballte er eine Hand zur Faust, dann entspannte er sich jedoch wieder. /Das mit Keith ist etwas vollkommen anderes. Selbst wenn er sich nun von mir abwenden würde, könnte ich es ihm vielleicht irgendwann erklären. Vermutlich sollte ich besser von Anfang an ehrlich sein./

Als sie unter den Bäumen ankamen wurde es einfacher zu gehen, und hier war auch niemand zu sehen. Sie waren anscheinend die einzigen, die sich auf dieser Seite in den Wald vorgekämpft hatten. Liam seufzte und begann unsicher. "Außerdem... wissen meine Nachbarn, dass ich Männer vorziehe. Zumindest die auf der linken Seite." Er verwand die Hände und blickte in Keiths Gesicht. "Sie wissen das, weil ich am Anfang, als ich hier hergezogen bin, recht häufig mal Besuch gehabt habe."

Keith erwiderte seinen Blick, während die schöne, heile Welt einen winzigen Knacks bekam. /Häufig Besuch klingt nicht nach nur einem Mann. Und außerdem wissen sie es, und wenn sie mich jetzt mit ihm gesehen haben, dann läuft die Gerüchteküche spätestens nach den Feiertagen auf Hochtouren./

Er zog den Kopf ein wenig tiefer zwischen die Schultern und weiter in den weichen Wollschal hinein, wanderte eine Weile schweigend neben Liam durch den verschneiten Winterwald. /Dafür kann er nichts... - Doch, kann er sehr wohl, er hätte ja nicht... Das ist sein Ding. Er hatte ja keinen Freund. Nicht jeder ist so schüchtern und so erschreckend romantisch wie du, von wegen nur, wenn man jemanden liebt. - Und jetzt? Wird er... Was hält er von Treue? Und wenn mich jemand wegen ihm anspricht und mich fragt, ob wir... Ich will das noch nicht. Aber wenn doch?/

"Liam?", murmelte er undeutlich in seinen Schal. "Ich glaube, dass ich damit leben kann, wenn es jetzt schon herauskommt. Wir müssen es nicht provozieren, ja? Aber ich würde nicht lügen, um es zu verstecken. Und was das andere betrifft..." Er schluckte. "Du hast nicht vor, das jetzt fortzusetzen, oder?"

Liam schüttelte den Kopf und drückte Keith nach einem kurzen Zögern dann doch an sich. "Nein; und das weiß ich, weil ich schon vor einiger Zeit damit aufgehört hab, auf diese Art nach einem Partner zu suchen. Es war nur..." Er zögerte. "... es war nur Sex und fühlte sich leer an und hohl am anderen Morgen, wenn es überhaupt einen anderen Morgen gab. Ich hab sehr bald aufgehört, weil ich dieses Gefühl nicht wollte, und ich glaube nicht, dass es sich bei dir einstellen könnte."

Nein, leer würde er sich niemals fühlen können, nicht einmal, wenn Keith ihm gleich sagen würde, dass Sex für ihn nicht in Frage kam aus einem noch unbekannten Grund. /Hoffentlich nicht. Er fühlt sich herrlich an, ich will ihn... sehr. Was er wohl von mir denkt?/

Keith blieb stehen und drehte sich in seinem Arm zu ihm um, nachdem er einen schnellen Blick den Weg entlang geworfen und sich vergewissert hatte, dass niemand in der Nähe war. Er nahm die Hände aus den Taschen und spielte mit den Enden von Liams Schal herum, während er zu ihm hoch und in die schönen Augen sah, die überraschenderweise auch unsicher sein konnten, spürte, wie er von Liebe zu diesem wundervollen Mann überschwemmt wurde.

"Dann bin ich glücklich und will tun, was immer ich kann, damit du dich nie wieder leer und hohl fühlen musst, Liam", sagte er leise und stellte sich ein wenig auf die Zehenspitzen, um ihn zu küssen.

Liam lächelte, dann drückte er Keith noch einmal an sich und küsste ihn leicht auf die Schläfe, während sie weitergingen. Unwillig ließ er ihn nach einigen Schritten wieder los, weil sie doch noch auf eine Gruppe Leute mit Kindern auf Schlitten trafen. Im Geiste ging er nun alle Möglichkeiten durch, die ihm zur Verfügung standen, um den zauberhaften Mann zu verführen. Dass er das noch immer tun musste, stand außer Frage. Keith würde sich sicherlich nicht von selbst auf ihn stürzen, sobald sie das Haus wieder erreicht hatten.

Aber wesentlich gelöster als zuvor genoss Liam endlich auch den Spaziergang und die klare Luft. Allerdings schwenkte ihm das Gespräch immer mehr auf Pläne, auch wenn er das eigentlich nicht wollte. Auch wenn es albern war nach nur einer Nacht, in der sie lediglich gekuschelt hatten, dachte er immer öfter ‚wir’ und sagte es aus Versehen schließlich auch. "Wir sollten einen Hund kaufen, hier ist es perfekt dafür." Er dachte über sich selber albern grinsend /Hoppalla./ und hoffte, dass Keith es ihm nicht übel nahm, wenn er so optimistisch war.

Keith vergrub das Gesicht ein wenig tiefer in seinem Schal und lächelte leicht im Verborgenen. /Wie süß von ihm. Das klingt, als würde er schon über eine wirkliche Zukunft von uns beiden gemeinsam nachdenken./ Und über eine Zukunft, in der sie zusammen wohnen würden, hier in Liams Haus. /Zusammen. Morgens mit ihm aufwachen, abends mit ihm ins Bett gehen./ Keiths Bauch füllte sich mit Wärme, allein bei dem Gedanken, auch wenn er noch lange nicht bereit war, diese Idee ernsthaft in Erwägung zu ziehen und seine eigene Wohnung aufzugeben.

"Nach Silvester", sagte er und schob, als die Kinderstimmen hinter ihnen in weitere Ferne gerückt waren, seinen Hand in Liams.

Sie waren fast zwei Stunden lang durch den Wald und an dem nahe gelegenen Golfplatz vorbeigewandert und ordentlich durchgefroren, als sie wieder bei dem Haus ankamen. Mit leisem Bedauern bemerkte Liam, dass sowohl die Straße als auch seine Auffahrt vom Schnee befreit waren. /Wenn er will, kann er jetzt entkommen. Ich würde es ihm sicherlich nicht übel nehmen, wenn er in seine Wohnung zurückfahren möchte./

Er warf einen Seitenblick auf Keith und beschloss, dass er ihn so lange schlicht genießen wollte, wie dieser ihn ließ. Mit ausgreifenden Schritten ging er in die Küche. Liam beschloss, dass der Aufpreis für den verglasten Balkon an der Westseite des Hauses, von wo er morgens die Vögel und Eichhörnchen beobachtete, sich vollkommen gelohnt hatte, als der frühe Sonnenuntergang die weißen Möbel der Küche und die Korbmöbel im Wintergarten orange und roséfarben leuchten ließ. "Oh, ist das romantisch! Ich brauche jetzt einen Kaffee, was ist mit dir, Keith?"

Keith konnte ihm nur mit glänzenden Augen zustimmen. Erst mal war der Wintergarten wunderschön, zum zweiten war das Licht wirklich traumhaft. Einen Moment blieb er stehen, um das Bild zu genießen, während er gleichzeitig überlegte, dass er langsam nach Hause fahren sollte. /Ich bin seit gestern Abend hier. Nicht, dass ich ihm aufdringlich erscheine!/ Andererseits hatte er ihm gerade einen Kaffee angeboten, und Keith wollte sich nicht von ihm trennen. Er zögerte. "Gerne auch einen. Dann taue ich vielleicht wieder auf."

Er würde nachher ohnehin gehen müssen. Noch einen Tag mit derselben Unterhose würde er nicht überleben, und die helle Hose hatte auch bereits einen Fleck. Leise seufzte er, dann folgte er Liam in die Küche, um in der Tür stehen zu bleiben und seinem Freund zuzusehen. Mit jedem Moment wurde ihm bewusster, dass er gar keine Lust hatte, sich von ihm schon so bald zu trennen. Nachdem er sich hatte erklären lassen, wo das Kaffeegeschirr war, deckte er den Tisch, während er sich sagte, dass Liam ja nicht aus der Welt wäre und er jetzt noch ein paar wertvolle Stunden mit ihm haben würde.

Liam überließ Keith das Tischdecken, um seine Kinder anzurufen. Er unterhielt sich kurz mit ihnen, wünschte ihnen viel Spaß beim Skilaufen und versprach, gleich am Wochenende nach ihrer Rückkehr den Besuch nachzuholen, wobei er sich fragte, ob es nicht besser wäre, wenn sie zu ihm kommen würden, da er den Anblick dieses selbstgerechten Kerls, der nun der Mann seiner Ex-Frau war, nicht sonderlich erquicklich fand.

Seine ehemalige Frau selbst war harsch und direkt wie bereits gewohnt. Noch immer sah sie in der Scheidung eine persönliche Niederlage. Sie hatte es so interpretiert, dass sie versucht hatte, gegen die Neigung zu anderen Männern in Liam anzukämpfen und verloren hatte. "Und? Was ist das für ein Kerl?"

Liam hob die Augenbrauen. "Sein Name lautet Keith, und ich denke, dass ihr ihn kennen lernen werdet, wenn ihr das nächste Mal die Kinder bringt."

Sie zögerte, dann versetzte sie "Wir werden sie das nächste Mal mit dem Kinderservice allein fliegen lassen, Liam. Das machen unsere Nachbarn auch so, und es klappt hervorragend."

Liam nickte und sagte vor dem Auflegen nur noch rasch, dass er einen schönen Urlaub wünschte. Er hatte keine Lust, mit ihr zu diskutieren. Eigentlich wollte er, dass auch seine Exfrau und ihr Mann endlich einmal vor den Kindern akzeptierten, dass er sich für einen anderen Weg entschieden hatte. So würde es ein ewiglich währendes Rennen gegen den Berg sein. Den Kindern jedes Wochenende, das sie bei ihm verbrachten, mühsam zeigen und erklären, dass er so glücklich war, dass es gut war, wenn seine Ex und ihr Kerl es gleich wieder mit spitzen Bemerkungen zunichte machten.

Seufzend rieb er sich die Augen und ging zu Keith in den Wintergarten zurück. Sein Freund putzte unglücklich an einem Fleck auf der Hose herum und fuhr errötend zusammen, als Liam ihn dabei störte. "Es tut mir leid, dass ich dich so entführt habe, Keith." Er lächelt. "Ach, eigentlich tut es mir nicht leid, und ich lasse dich sicherlich nur sehr ungern gehen." Er hob Keiths Kinn für einen schnellen Kuss an, dann ließ er sich neben ihm nieder, um den Kaffee zu genießen und die Aussicht auf die glühende Schneeflächen hinter dem Haus.

"Mir tut es auch nicht leid." Keith lehnte sich an ihn und legte den Kopf an seine Schulter, glücklich, endlich wieder jemanden zu haben, glücklich, genau Liam zu haben. Er nahm dessen Hand und schob seine Finger zwischen die seines Freundes, während er ihn selbstvergessen mit dem Daumen streichelte.

Bei ihm zu sitzen, Kaffee zu trinken und einfach nur gemütlich zu schweigen, ohne dass es sich peinlich anfühlte, war ebenfalls sehr schön. In dem Moment spürte er keine Unsicherheit, nicht einmal die Frage, ob er ihm auf die Nerven fallen würde. Sacht begann er, mit dem Zeigefinger der anderen Hand Linien und Muster auf Liams Handrücken zu zeichnen.

"Wenn du mich so ungern gehen lässt", sagte er leise und lächelte ein kleines Herz an, dass er unsichtbar gemalt hatte, "könnte ich nachher auch nach Hause fahren, weil die Straßen ja jetzt geräumt sind, mir frische Sachen und mein eigenes Deo holen und dann vielleicht wieder zurückkommen. Oder hast du morgen gleich früh wieder Termine?"

Liam seufzte auf. "Nein. Und wenn ich sie hätte, dann würde ich sie sicherlich absagen. Ich habe die Praxis morgen und übermorgen noch geschlossen. Eigentlich wäre ich ja heute bei meinen Kindern gewesen und morgen dann zu Freunden gefahren, die mich zu einer Feier eingeladen hatten. Die muss ich nachher noch anrufen, wenn sie von ihren Eltern wiederkommen." Er küsste Keith auf die Wange. "Schön, dass du hier sein willst, Schatz. Ich freue mich."

Das leichte Streicheln auf seiner Hand schuf ein Kribbeln und eine schöne Wärme in Liams Bauch. Wie schaffte Keith es nur, dass er sich mit ihm fühlte, als seien sie beide wieder vierzehn, säßen heimlich irgendwo und machten die ersten Erfahrungen mit der Liebe. Das erste Kribbeln im Bauch, die Verwirrung, weil es ein Junge war und nicht die Nachbarstochter, die einem diese Gefühle bescherte.

Liam warf einen Blick zur Küchenuhr und fragte endlich "Willst du lieber jetzt gleich fahren, bevor es dunkel wird und der Schnee überfriert? Dann werde ich nämlich ein Abendessen für uns kochen, was hältst du davon? Ich wäre ja auch dran mit dem Einladen."

Keith war ziemlich gemischter Meinung wegen des Vorschlags. Einerseits klang es sehr vernünftig, und er wollte nicht bei Glatteis fahren; zudem freute er sich darüber, dass Liam kochen wollte. Andererseits hatte er noch überhaupt keine Lust, ausgerechnet jetzt aufzustehen, wenn die Schneeflächen so schön rotgolden zu glühen schienen und es bei seinem neuen Freund wunderbar warm, sicher und geborgen war. Der Gedanke an frische Wäsche gab schließlich den Ausschlag.

Mit einem kleinen Seufzen richtete er sich auf, beugte sich noch einmal zu Liam herüber, um ihn auf den Mundwinkel zu küssen, und erhob sich dann. "Ich glaube, das ist eine ganz gute Idee. Ich hab zwar Winterreifen drauf, aber es gibt Dinge, die sollte man trotzdem besser vermeiden." Er streckte sich und lachte leise. "Und je eher ich losfahre, um so schneller kann ich zu dir zurückkehren, nicht?" /Zu ihm zurückkehren./ Er fand, die Worte hatten einen wunderschönen Klang.

Liam brachte ihn zur Garage und gab ihm die Fernbedienung für das Garagentor mit. Wider Erwarten empfand Keith es als angenehm, endlich allein zu sein, auch wenn er sich schon nach Liam zu sehnen begann, kaum dass er von der Straße, in der dieser wohnte, abgebogen war. Aber die neue, ungewohnte Situation spukte ihm im Kopf herum und verlangte Ordnung und Klarheit, Ruhe, um darüber nachzudenken, ohne dass er ständig von warmen Lippen, liebevollen Umarmungen und blauen, funkelnden Augen abgelenkt wurde.

Deswegen ließ er sich auch ein wenig mehr Zeit, als er ursprünglich vorgehabt hatte. Er packte, duschte sich rasch erneut und zog sich um, weil er sich in den alten Klamotten ungewaschen fühlte, rief seinen Anrufbeantworter ab und telefonierte mit Amy und Jason, wobei er sich jedoch ungewöhnlich kurz fasste, was Jason zu leicht süffisanten und Amy zu endlos neugierigen Kommentaren veranlasste.

Keith beschloss, die beiden noch etwas schmoren zu lassen und erklärte nur fröhlich, dass es ihm gut ging und sie die Weihnachtsfeiertage genauso genießen sollten wie er. Er packte von den Plätzchen seiner Mutter einen großen Schwung ein, weil es die besten waren und er ohnehin noch durch seine Kunden kiloweise andere hatte, die er niemals würde allein essen können.

Auf der Rückfahrt beeilte er sich dann doch so sehr, wie es die Straßenverhältnisse zuließen, weil er eben jene verwirrenden Umarmungen und Komplimente von Liam mit einem Schlag schmerzlich zu vermissen begann. /Ich bin auf jeden Fall unsterblich verliebt/, dachte er, während das weihnachtliche Radioprogramm leise vor sich hindudelte. Es fühlte sich fast wie Heimkommen an, als er den grünen Mazda erneut neben Liams großem Wagen einparkte.


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