Abschleppdienst

4.

Leise summte Matthias bei einigen der Lieder mit, während die Scheibenwischer regelmäßig die schweren Flocken von der Scheibe fegten. Die Scheinwerfer erhellten die schmale Landstraße, holten kahle, schneebedeckte Bäume aus der Dunkelheit an den Straßenrändern und ließen sie wieder darin versinken, sobald sie daran vorbei waren. Auch wenn es eine fast verzauberte Stimmung war, war Matthias froh, als er endlich das Ortsschild passierte. Er war müde.

Die Laterne vor der Einfahrt am Haus der Großeltern war das einzige Licht, das er dort entdecken konnte. Offensichtlich waren die alten Leute schon zu Bett gegangen. Er drehte sich zu Frank und betrachtete in dem gefilterten Schein das entspannte Gesicht. Mit einem Lächeln hob er die Hand und wollte über die leicht geöffneten Lippen streichen, entschied sich dann aber dagegen und berührte ihn nur sacht an der Schulter. "Wir sind da, Frank."

Frank schreckte auf und gähnte noch, während er sich fragte, wo er war. Dann wurde ihm bewusst, dass er vor dem Haus seiner Großeltern angekommen war. Er hatte den Türgriff schon in der Hand, als ihm einfiel, dass sein Wagen bei Matthias stand. "Du, mein Auto ist bei dir. Was machen wir denn jetzt? So kann ich doch nicht fahren."

"Nee, so lasse ich dich auch nicht fahren", sagte Matthias bestimmt. "Gibt drei Möglichkeiten. Entweder läufst du morgen und holst es. Aber das ist von hier doch eine ganze Strecke. Oder du lässt es bei mir stehen, dann komme ich nach der Arbeit vorbei und nehme dich mit. Ist allerdings blöd, wenn du es den Tag über brauchst. Oder ich nehme dich jetzt mit, du übernachtest bei mir und fährst erst morgen früh nach Hause."

Frank ließ sich in den Sitz zurücksinken. "Wenn du mich zum Bett trägst, nehme ich die Lösung Nummer Drei", seufzte er sowohl trunken als auch schlaftrunken und lächelte Matthias über den Kragen von dessen Jacke hinweg zu.

Auch wenn das Lächeln ihn verzauberte, war sich Matthias sofort darüber im Klaren, dass nichts passieren würde. Nicht mal Küsse oder Kuscheln. Er wandte den Blick von den faszinierenden Augen ab, um nachdenken zu können, und sah zum dunklen Haus hin.

"Ist vermutlich das Beste", entschied er und fuhr wieder an. "Dann störst du deine Großeltern nicht, wenn du Treppen hoch oder runter fällst und hast deinen Wagen gleich wieder."

"Hmhm." Frank schloss seine Augen wieder und brauchte vor Matthias Wohnung auch dessen Hilfe, um aus dem Sitz zu kommen. Er bekam am Rande mit, dass der andere Mann erstaunlich gut auf unerwarteten Besuch vorbereitet war, denn ein langarmiges Shirt und eine neue Zahnbürste waren schnell gefunden. "Wo soll ich denn schlafen?", fragte er nach einem Glas mit prophylaktischer Aspirin ein wenig nüchterner und sah unsicher und abgeneigt zur Couch.

"Bei mir im Bett. Ist ein großes Doppelbett, wir werden uns nichts ins Gehege kommen. Ich schnarche auch nur, wenn ich betrunken bin, und das bin ich nicht." Matthias grinste. "Soll ich dich morgen wecken, wenn ich aufstehe oder magst du länger schlafen?"

"Keine Ahnung. Ich entscheide mich spontan", versuchte Frank geistreich zu sein, aber verschwand dann doch lieber im Bad, um sich die Zähne zu putzen.

Währenddessen raffte Matthias hastig die herumliegende Wäsche im Schlafzimmer auf und räumte sie weg, holte die Gästedecke und ein Extrakissen aus dem Schrank und bezog beides. Er war gerade fertig, als Frank hereingetappt kam. Er sah schrecklich süß aus in dem zu weiten Shirt und ließ Matthias lächeln.

"Niedlich", sagte er, statt es nur zu denken und wies dann auf die frisch bezogene Seite. "Hier, dein Reich." Damit nahm er seinen Schlafanzug auf und verschwand ebenfalls ins Bad.

/Niedlich?/ Frank schob die Ärmel des Hemdes hoch und seufzte, während er sich streckte. Die Heizung war zur Nacht abgesenkt, und er bibberte, was seine Entscheidung beschleunigte. Eilig verkroch er sich unter die dicke, jedoch noch steife und kalte Decke. Als Matthias das Zimmer wieder betrat, die Lichter hinter sich löschend, beschwerte er sich "Du brauchst hier im Bett auch so eine geniale Heizung wie im Auto. Ich hab eiskalte Füße!"

Matthias verschwand unter seiner eigenen Decke und lachte. "Ich werde als nächstes Bett ein Wasserbett nehmen, damit auch verfrorener Besuch glücklich ist. Leider habe ich keine Wärmflasche, ich kann dir höchstens anbieten, deine Eisquanten zu mir zu stecken", neckte er.

Frank zog die Füße an und rieb sie ein wenig. Dann murrte er "Nee, dann redest du morgen nicht mehr mit mir." Er legte den Kopf schief und sah dem anderen in das Gesicht. "Danke für den schönen Abend. Ich hatte lange nicht mehr solchen Spaß." Rasch warf er sich nach vorn und umarmte Matthias ungeschickt, um ihn auf die Wange zu küssen. Er lächelte ihm noch einmal ins Gesicht und verzog sich dann wieder auf seine Seite des Bettes, wenn auch nicht sonderlich weit von der Mitte entfernt. "Gute Nacht", brachte er noch heraus, ehe er sich einkuschelte und die Augen schloss.

Atemlos sah Matthias zu dem eingemummelten Mann hin, der ihn mit seinem Überfall auf eine sehr schöne Art erschreckt hatte. /Was für ein Lächeln! Und gut riechen tut er auch noch./ Selber lächelnd rutschte er tiefer in seine Decke. "Dir auch. Schlaf gut." Gerne wollte er noch eine Weile Frank anschauen, aber er war viel zu schnell eingeschlafen dafür.

Pünktlich am nächsten Morgen war er mit dem ersten Weckerschrillen wach. Knurrend tastete er auf dem Nachttisch rum und fand die Schlummertaste, dann erinnerte er sich noch im Halbschlaf daran, dass Frank bei ihm war. Sofort war er wach. Er richtete sich auf und sah auf die andere Bettseite hin, nur um festzustellen, dass er wirklich nicht geträumt hatte. Viel konnte er im schwachen Licht des Digitalweckers nicht erkennen, was er bedauerte, dennoch erfüllte ihn der Anblick der nur vage zu erkennenden Gestalt mit Freude.

Bevor der Warnton erneut losschrillen konnte, schaltete er ihn aus und verließ leise das Schlafzimmer. Wie jeden Morgen setzte er erst einmal Kaffee auf, dieses Mal jedoch eine ganze Kanne, ehe er im Bad verschwand. Nachdem er geduscht hatte und wieder mit Latzhose und blauem Sweatshirt bekleidet war, kehrte er zum Schlafzimmer zurück, grübelnd, ob er Frank wecken sollte oder nicht. Im Schein des Flurlichts betrachtete er ihn, verliebte sich noch viel mehr, weil er verwuschelt endlos süß war und entschied sich dafür, ihn ausschlafen zu lassen. Mit genügend Schlaf war zudem auch ein Kater nicht so schlimm.

Nachdem er seinen Morgenkaffee getrunken hatte, schrieb er Frank eine Nachricht, stellte ihm die Thermoskanne samt Milch und Zucker ans Bett, dazu ein Glas Wasser, und legte die Schachtel Aspirin daneben. Sorgfältig drapierte er den Zettel so, dass Frank ihn gleich würde sehen können und verließ dann bedauernd die Wohnung.

 

Frank erwachte nur zögerlich. Einige Male blinzelte er und stellte fest, dass das Bett sich anderes anfühlte, als er es gewohnt war. Der Geruch im Raum war ebenso ungewohnt. Schließlich versorgte ihn seine Erinnerung mit dem Wissen, dass er bei Matthias gelandet war. /Hat er mich doch schon wieder abgeschleppt/, dachte Frank vergnügt und hob den Kopf. Erleichtert bemerkte er, dass von einem düseligen Gefühl abgesehen keinerlei Kater hatte.

Als er seine Füße testend in die kalte Luft hielt, fiel sein Blick auf das Arrangement auf dem Nachttisch. Lachend zog er die Unterlippe zwischen seine Zähne, wie immer, wenn er sich freute, und las die Nachricht, die ihm Matthias hinterlassen hatte. 'Guten Morgen, Schlafmütze! Biste ausgeruht? Hoffentlich ist der Glühwein nicht nachtragend. Fühl dich ganz wie zu Hause, der Kühlschrank steht zu deiner Verfügung. Brot ist im Schrank darüber. Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder. Matze'

"Sehr bald!", bestimmte Frank, aber ging nicht einmal duschen, sondern trank nur eine Tasse Kaffee und räumte das Geschirr in die nicht wirklich ordentliche Küche, bevor er sich rasch auf den Weg machte, damit seine Großmutter nicht vor Sorge umkam.

In den nächsten zwei Tagen hatte Frank zwei Treffen mit alten Schulfreunden, von der Berufsschule, und er besorgte noch einen neuen Morgenmantel für seinen Opa als Weihnachtsgeschenk, wozu ihn die Oma Ernestine angestiftet hatte. Am Samstag wollte er eigentlich gleich am Vormittag bei Matthias anrufen, denn er begann den Mann zu vermissen, wollte wenigstens seine Stimme einmal hören, aber Karl und Ernestine schleiften ihn erst auf den Wochenmarkt und dann zum Weihnachtsbaumhandel, der auf der Ausfallstraße beim Gewerbegebiet lag. Im Vorbeifahren warf Frank einen kleinen Blick zur Garage von Matthias' Betrieb hin, aber der lag bereits dunkel dar.

Ernestine stapfte energisch voran, und Frank trieb sich bei den kleinen Bäumen weiter vorn herum, hätte sich nicht wirklich entscheiden können. Es war zudem ganz schön voll. Die Händler hatten alle Hände voll zu tun, zudem war es beißend kalt geworden, eisige Windböen peitschten über das benachbarte Feld und erschufen Winterwüsten mit scharfkantigen Dünen dort.

"Oma, ich bin gleich wieder bei euch!" Rasch holte Frank seinen Fotoapparat, lief ein Stück auf das Feld hinaus und begann, einige der Bilder einzufangen.

Matthias hatte Frank schon gleich vermisst, als er am Abend nach Hause gekommen war und das leere, ordentlich aufgedeckte Bett gesehen hatte, das Schlafshirt ebenso ordentlich gefaltet auf das Kissen gelegt. Seufzend stellte er fest, dass es nicht einmal mehr nach Frank roch; es hatte zu gut den Tag über gelüftet. Er überlegte, ob er ihn gleich anrufen sollte, ließ es dann aber bleiben. /Erst vier Tage seit dem Arschloch. Lass es langsam angehen, Matze./

Am Freitag war er nach der Arbeit mit Freunden in der Stadt im Kino verabredet und ertappte sich auch dabei, daran zu denken, wie nett es wäre, wenn Frank mitgekommen wäre. Nachdem er am nächsten Tag ausgeschlafen hatte, bekam jedoch seine Tante Karen bei einem gemütlichen Frühstück ausführlich von dem neuen Traummann in seinem Leben erzählt. Im Gegensatz zu seinen Eltern konnte er mit ihr über alles reden. Er hatte lange bei ihr gewohnt, als es zu Hause unerträglich geworden war, nachdem sein Vater entdeckt und nicht gut aufgefasst hatte, dass sein ältester Sohn schwul war. Seitdem standen sie sich sehr nahe.

"So, dann ist es dir dieses Mal also ernst. Fein. Es wurde ja auch Zeit, dass du Daniel aus deinem Leben streichst", erklärte sie zufrieden beim gemeinsamen Spülen in ihrer kleinen Küche.

Matthias schnitt ihr eine Grimasse, aber sie hatte recht. Ebenfalls zufrieden stellte er das erste Mal bewusst fest, dass es nicht mehr weh tat, sich an seinen Ex zu erinnern, der ihn wegen eines anderen hatte sitzen lassen. Daran musste er auch denken, als er von seiner Tante wieder nach Hause fuhr. Es schmerzte schon länger nicht mehr, aber erst jetzt durch Frank war es ihm aufgefallen. Im Radio dudelte 'Last Christmas', und Matthias sang fröhlich mit. Gleich, wenn er zu Hause war, wollte er die Nummer von Franks Großeltern heraussuchen und ihn anrufen.

In der Straße, die an der Werkstatt vorbei führte, entdeckte er nur wenig vom Tannenbaumstand entfernt Franks kleinen schwarzen Polo, als hätten ihn die Gedanken herbei gerufen. Matthias grinste fröhlich und parkte direkt hinter ihm, um kurz entschlossen auszusteigen. Suchend sah er über die schwatzenden Leute und aufgeregt zwischen den Bäumen herumwuselnden Kinder hinweg und wollte sich gerade in das Gedränge wagen, als er die auffällige rote Jacke weiter oben an der Straße entdeckte, natürlich mit Frank drin.

Mit langen Schritten lief Matthias ihm entgegen und winkte, als sie noch weiter voneinander entfernt waren. Franks Gesicht war von der Kälte gerötet, und sein Lächeln war noch viel umwerfender, als er es in Erinnerung hatte.

Überrascht kniff Frank die Augen und erkannte Matthias kräftige Gestalt, wild in seine Richtung winkend. Er tupfte seine Nase einmal rasch mit einem Taschentuch ab, dann lief er ihm entgegen und umarmte ihn spontan, wenn auch kürzer, als er gewollt hätte.

"Hallo, Matthias! So ein Zufall, ich wollte dich gleich nachher anrufen." Er zog unbewusst seine Unterlippe zwischen die Zähne und redete ein wenig aufgeregt weiter; sein Herz schlug zu schnell und die Röte in seinem Gesicht fühlte sich nicht mehr so an, als käme sie nur noch durch den scharfen Wind. "Wir holen uns den Baum schon heute, damit wir noch einen mit nur einer Spitze bekommen. Meine Oma ist da hinten, willst du auch eine Tanne kaufen?"

Matthias schüttelte den Kopf und genoss das Prickeln in seinem Bauch. "Nein, war gerade bei meiner Tante zum Frühstück und hab angehalten, weil ich deinen Wagen gesehen habe. Kommt mir so lange vor, seit du bei mir gewesen bist. Das ist echt verrückt."

Frank sah ihm rasch ins Gesicht, dann gestand er leise "Mir auch. Ich hätte dich anrufen sollen. Tut mir leid, die Zeit verging so schnell, ich hab so viele Verabredungen mit Schulfreunden gehabt." Er wollte gerade noch etwas sagen, als Ernestine ihn jedoch zum Verkünden einer Meinung zu der von ihr gewählten Tanne zurückbeorderte.

"Gerade ist sie und nur eine Spitze. Ich finde schon, dass sie passend ist." Unsicher sah Frank zu seinem Polo hin, dann zu Matthias. Was dieser ihm eben gesagt hatte, geisterte in seinem Kopf umher. /Das ist echt verrückt. Meint er damit, dass er mich gern hat?/ Er selber konnte sich nicht davon abhalten, wieder und wieder zu Matthias hinzusehen.

Gerade überlegte er noch, wie er ihn fragen konnte, ob er nicht Zeit und Lust hatte, ihn einmal zu besuchen, als Ernestine sich fröhlich bei Matthias bedankte, dass jener ihren Enkel so nett gerettet hatte in der Nacht. "Wenn du nichts vor hast, Matthias, dann komm doch zum Essen zu uns. Es ist zwar schon spät, aber wir haben noch kein Mittagessen gehabt. Es gibt Schmorbraten", schlug sie locker vor, als Matthias ihnen dabei half, den Baum zum Polo zu bringen.

"Schmorbraten, lecker! Mein Frühstück war spät, also passt das schon. Danke, gerne!" Kritisch betrachtete Matthias den kleinen Wagen, nachdem sie den Baum darin verstaut hatten. "Wollen Sie dann gerade bei mir mitfahren? Das wird sonst eng neben der Tanne."

Begeistert warf Opa Karl sich auf den Beifahrersitz und würde sicherlich schon am Anfang der Fahrt mit Fachsimpelfragen zur Maschine und zum Verbrauch beginnen. Oma Ernestine winkte ab. Ich werde mal mit meinem Enkelsohn fahren, wir treffen uns gleich am Haus. Karl, bring den Baum auf die Terrasse hoch."

Kaum hatte Frank den Wagen gestartet, als Ernestine ihn auch schon in die Seite knuffte. "Na? Und?"

Frank wurde rot, aber bog erst auf die Straße, um hinter Matthias her zu fahren. "Er ist nett, Oma, findest du nicht auch?"

Sie lachte. "Ja. Aber das ist ja unwichtig. Findest du ihn nett? Nett genug, meine ich?"

"Ja. Das ist es ja. Ich bin doch gerade erst mit..."

"Peter. Na und? Es ist ja nicht so, dass du dich ihm gleich vollkommen an den Hals werfen musst, Frank. Aber vielleicht findest du in ihm ja auch einfach mal einen guten Freund, mit dem du reden kannst. Seit ich dich kenne, hast du nur Freunde, die nicht wirklich Bescheid wissen, und später Freunde von Peter erwähnt."


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh