Abschleppdienst

5.

Sie hielten vor dem Haus und schafften mit vereinten Kräften die Tanne auf die Terrasse, wo Karl bereits den Fuß hingeschleppt hatte. Nach einigen geschickten Axtschlägen konnte der Stamm eingeklemmt werden, und gemeinsam gingen sie ins Haus, um sich die Hände vom Harz zu befreien. Während Frank und Matthias vor dem Waschbecken standen und an ihren Fingern schrubbten, begann bereits der Duft von Braten und Rotkohl zu ihnen zu ziehen.

"Ich hoffe, dass du nicht überfahren worden bist von Ernestine. Meine Großeltern waren früher Herbergseltern der Jugendherberge hier, sie sind deswegen noch immer so gern für mehr als nur einen Gast zuständig und duzen prinzipiell jeden." Hoffnungsvoll sah Frank Matthias im Spiegel ins Gesicht. "Ich freue mich jedenfalls, dass wir uns getroffen haben."

Matthias lächelte ihn an und hielt den Blick der blauen Augen für einen Moment lang fest. Frank hatte ihn gern, dessen war er sich sicher; und er errötete schon wieder so nett. "Ich habe mich über die Einladung gefreut. Schon allein wegen dir. Schmorbraten ist dann nur noch ein Tüpfelchen auf dem I. Ebenso, dass dein Opa meinen Wagen mag." Er umfasste Franks Hand unter dem Wasserstrahl und drückte sie kurz, ehe er sich seine Hände abtrocknete.

Lächelnd schrubbte Frank seine Finger noch ein wenig länger, dann folgte er Matthias, der bereits in das Esszimmer gegangen war, um seinem Opa beim Decken zu helfen. Schön war es, mit ihm gemeinsam am Tisch zu sitzen, mit ihm und seinen Großeltern zu klönen, ohne den Druck, sich nicht verraten zu müssen. Endlich kam die Unterhaltung auf Silvester, und als die Großeltern das Geschirr in die Küche brachten, fragte Frank rasch "Was machst du denn an Silvester?"

"Ich habe noch nichts geplant. Bin die letzten zwei Jahre bei Tante Karen gewesen, aber die feiert dieses Jahr mit ihrem neuen Kerl." Da war es wieder, dieses angenehme Stechen in Matthias' Bauch, allein bei der Hoffnung, dass Frank ebenfalls frei sein würde. Er beugte sich ein wenig vor. "Hast du auch Zeit?"

Frank nickte leicht. "Ich habe noch nichts Neues geplant. Eigentlich hätte ich ja in den Bergen sein sollen." Es tat nicht mehr so sehr weh, wenn er daran dachte, dass an seiner Stelle jetzt dieser andere Typ dort war. /Vermutlich treiben sie es gerade genau in dem Bett, von dem Peter mir das Bild gezeigt hatte./ Er wischte den Gedanken fort. "Ich hab zwar Zeit, aber keine Ahnung, was man unternehmen könnte, außer, dass ich vielleicht in die Stadt fahren und von meiner Wohnung aus zu einer der Parties gehen wollte, zu denen ich über die Firma eingeladen war. Wenn du magst, könnten wir die ja gemeinsam heimsuchen."

Dass Frank eigentlich sagte, erinnerte Matthias unangenehm daran, dass sich der niedliche Mann erst Anfang der Woche von seinem Kerl getrennt hatte. Und daran, dass er nichts überstürzen wollte. Dennoch antwortete er mit einem freudigen Grinsen, das sich einfach nicht unterdrücken ließ "Ich mag gerne. Muss ja nicht unbedingt eine Firmenparty sein, wir können schauen, was bei dir in der Umgebung sonst noch so angeboten wird." Nicht, dass ihn alles an diesen Peter erinnerte.

"Och, die Parties sind ganz cool. Durch die Kunden werden wir immer wieder mal eingeladen. Zum Beispiel haben wir ein Hotel als Kunden, die veranstalten eine große Feier mit Feuerwerk und zwei Bands. Das ist sicherlich sehr nett und mit dem Taxi nicht allzu weit von meiner Wohnung entfernt. Wenn ich heute anrufe, legen sie mir bestimmt zwei Karten zurück." Er verdrehte den Blick zur Decke. "Dann ist da noch was in einem Kino, da könnten wir sicherlich einsteigen, und am Flughafen ist ein großer Rave zu Silvester, wobei das sicherlich sehr laut wird."

"Hm, klingt alles nicht schlecht", gab Matthias zu, um dann nach einer kurzen Pause hinzuzufügen "Klingt sogar ausgesprochen gut. Ich bin für das Hotel, wenn da noch was zu bekommen ist." Und bis dahin war Zeit, dass Frank seinen Ex ein wenig mehr vergessen konnte.

Die Großeltern verabschiedeten sich für zwei Stunden, da sie zum Kaffeetrinken eingeladen waren, und Frank und Matthias verbrachten die Zeit mit einem Film, den sie beide hatten sehen wollen. Matthias wurde danach jedoch nicht gehen gelassen. Bei Broten und einem schönen Rotwein begannen sie, Rommee zu spielen, und der erbitterte Kampf um die Punkte zog sich von sicherlich drei Flaschen Wein begleitet bis weit in die Nacht, als die Großeltern sich dann endlich gähnend zurückziehen wollten.

Matthias bedankte sich für den schönen Abend und das Essen und streckte sich gähnend. "Kann ich gerade mal das Telefon benutzen, um ein Taxi zu rufen? Ich fürchte, ich muss den Wagen stehen lassen. Für das Wetter habe ich ein oder zwei Gläser Wein zu viel intus."

"Musst du denn morgen sehr früh wieder bei dir sein?" Frank warf einen kleinen Blick auf seine Großmutter. Sie nickte leicht, aber ging wortlos lächelnd zum Hauswirtschaftsraum. "Sonst kannst du hier übernachten. Das Bett in meinem Zimmer ist recht groß, und das Sofa lässt sich ausziehen."

Wenn er ehrlich war, wollte er Matthias nicht gehen lassen. Ihn lachen zu sehen, mit ihm zusammen zu sein und zu fühlen, dass der andere ihn gern hatte, war so schön, dass er es nicht schon wieder missen wollte. Schmeichelnd fügte er hinzu "Ich schulde dir so viel, lass mich auch mal gastfreundlich sein."

"Dann kann ich es natürlich nicht abschlagen. Morgen muss ich nirgends sein, ist ja Sonntag." Matthias folgte ihm und grinste freudig und ein wenig betrunken vor sich hin. Bei Frank zu bleiben, war eine viel bessere Möglichkeit, als mit dem Taxi nach Hause zu fahren und dann seinen eigenen Wagen am nächsten Morgen zu Fuß abholen zu müssen. Es hätte ihm zwar eine Gelegenheit gegeben, Frank wiederzusehen, aber so würde er sogar mit ihm aufwachen und frühstücken können. Er ließ sich von Frank ein Kopfkissen in die Hand drücken, während dieser das Federbett nahm. "Wenn dein Bett groß genug ist, können wir das Sofa auch eingeklappt lassen. Dann müssen wir es nicht beziehen, und es ist ja nur für eine Nacht."

"Eins sechzig, nicht so breit wie bei dir. Wenn es dich nicht stört. Ich wühle ja nicht oder so." Frank ging die Treppe hoch und lauschte auf das altbekannte Knatschen. Oben waren nur noch ein Arbeitszimmer, sein Zimmer und das Gästebad. "Meine Großeltern schlafen unten, zum Glück aber nicht unter uns, ist nämlich selber ausgebaut und ganz schön hellhörig", erklärte er, als er Matthias den Blick auf das Zimmer mit den Schrägen freigab.

Neben dem Bett standen dort noch ein Schrank, eine Kommode und ein Schreibtisch aus Rotbuchenholz, die Franks Großeltern von dem Jugendherbergstischler für ihn hatten anfertigen lassen. Einfache, solide Möbel und sicherlich kaum zu vergleichen mit den Designerobjekten in seiner Wohnung in der Stadt. Mit einem Lächeln sah Frank, dass seine Oma ihm das Weihnachtsbettzeug aufgezogen hatte. Auf der Fensterbank standen die Spieluhr, und das Fensterbild, das er in der fünften Klasse gemacht hatte, war sauber wieder an die Veluxscheibe geklebt worden.

"Ich geb dir natürlich auch was zum Anziehen. Warte mal. Ich hab hier einen Schlafanzug, das müsste doch gehen, nicht?" Frank drehte sich zu Matthias um, der die Tür geschlossen hatte. Mit einem Mal, zum ersten Mal, wurde ihm bewusst, dass sie allein waren miteinander. Sein Herz machte einen aufgeregten Satz, selbst wenn er es nicht wagte, auch nur in das Gesicht des anderen Mannes zu sehen. Stattdessen fummelte er an der Schranktür herum und entfaltete den Schlafanzug.

Matthias legte das Kissen zu der Decke aufs Bett. Ganz gewiss störte es ihn nicht, dass es nicht so breit war, im Gegenteil. Dann warf er einen Blick auf den Schlafanzug und nickte. "Ja, wird gehen." Eigentlich wollte er ihn Frank abnehmen, doch als er zu ihm trat und der andere Mann mit geröteten Wangen wegsah, fand er sich plötzlich dabei wieder, statt dem Stoff Franks Hände zu umfassen. Selbsttätig fast streichelten seine Daumen über die Fingerrücken. Wie gut er sich anfühlte...

Zaghaft sah Frank in Matthias' Gesicht, während ihm der Schlafanzug entglitt und raschelnd auf den Boden fiel. /Zu schnell? Zu langsam? Was soll ich nur tun? Mit Peter musste ich nichts tun, er hat alles immer entschieden./ Eigentlich wollte er nicht an seinen Ex denken, aber dennoch half ihm der Gedanke. Mit einem kleinen Lächeln meinte er leise "Ich bin so unerfahren, was das angeht. Peter, der hat immer alles gemacht." Indirekt gab er zu, dass er auch erst einen Freund hatte.

Matthias gab einen unwilligen Laut von sich, als Frank Peter erwähnte, doch das Lächeln versöhnte ihn gleich wieder. "Dann vergiss ihn jetzt einfach und mach das, wonach du dich fühlst", schlug er ebenso leise vor und kam noch einen halben Schritt näher, bis sie dicht voreinander standen. "Ich fühle mich gerade danach..." Er beugte sich vor, reckte sich ein wenig empor und küsste Frank auf den Mundwinkel, leicht nur, um ihn nicht zu erschrecken. Dennoch war es herrlich, und gerne hätte Matthias den anderen einfach nur in die Arme gezogen und richtig geküsst.

/Wonach ich mich fühle./ Aufregung durchkribbelte ihn, als er seine Hände vorsichtig auf Matthias' Schultern legte, um sich zu ihm zu beugen. Wieder fiel ihm auf, dass der andere kleiner war als er. Der Gedanke verlor sich, als Frank sich weiter vorlehnte und ihre Lippen zusammentreffen ließ.

Mit einem Seufzen schloss Matthias die Augen, während er die Arme um Frank schlang, um ihn an sich zu ziehen. Ihn wirklich zu küssen, war um ein Vielfaches schöner, als nur davon zu träumen. Frank hatte wundervoll weiche Lippen, die sich auf seine schmiegten, als wären sie dafür gemacht. Matthias konnte nicht anders, als den Mund zu öffnen, sie mit der Zungenspitze nachzufahren und sie zu kosten. Mit einer Hand wanderte er zu Franks Kopf empor und vergrub die Finger in den kurzen Haaren, die andere nahm gleichmäßige langsame Bahnen über den Rücken auf. Weich schmiegte Frank sich an ihn und erwiderte den Kuss, ging sogar auf die kleinen Zungenspiele ein, die Matthias versuchte.

Matthias verlor sich darin, und auch, als sie sich wieder trennten, um Atem zu holen, bedeckte er Franks Gesicht mit zarten Küssen. "Hm, wie kann man jemanden wie dich nur sitzen lassen", murmelte er unbedacht.

Frank war in ein Traumland abgedriftet und seufzte zufrieden. Matthias' Finger und seine Lippen taten genau, was er sich bereits nach ihrem ersten Treffen erträumt hatte. Doch dann sagte der andere ausgerechnet etwas von Sitzenlassen, und ein kühler Schauer erfasste Frank. Er schob seinen Freund ein wenig von sich und hob die Schultern. "Keine Ahnung", versetzte er eingeschnappt und fügte hinzu "Ich geh mir die Zähne putzen und suche dir mal ein Handtuch und eine Zahnbürste raus, ja?" Rasch flüchtete er in das Bad.

Matthias hätte sich ohrfeigen können, dass er mal wieder gesagt hatte, was er dachte, anstatt seinen Mund mit Küssen verschlossen zu halten. /Aber wenn er nicht nur eine Ablenkung sucht, wird er damit leben müssen, da kann er mich auch gleich richtig kennen lernen/, dachte er wütend auf sich. /Und mir geschieht das jetzt gerade recht. Und das beim ersten Kuss. Verdammt!/

Auf dem Bett sitzend wartete er, bis Frank mit noch immer leicht mürrischem Blick zurückkam. "Tut mir leid. Ich kann ein ganz schönes Trampel sein, ich weiß. Aber ich weiß es immer erst dann, wenn es bereits zu spät ist."

Im Bad hatte Frank sich geärgert, dass er so heftig reagiert hatte. Deswegen schüttelte er den Kopf und versetzte "Ich habe ja damit angefangen. Ich hätte ihn nicht erwähnen sollen." Er fuhr sich durch die Haare, dann ließ er sich neben Matthias nieder. "Ich bin nur so unsicher, weil ich vor dir nur mit ihm was hatte. Ich komme mir so dumm vor dabei."

Erleichtert seufzte Matthias. Frank war nicht eingeschnappt und schien zudem wirklich ernsthaft etwas mit ihm anfangen zu wollen. "Aber schau, du bist nicht so ein Trampel wie ich. Du kannst nicht viel falsch machen. Ich... hab dich sehr gern." Und deswegen fand er ohnehin so vieles, was Frank tat, einfach nur niedlich. Aber er konnte es nicht in Worte kleiden, also ließ er es. "Mach einfach, wonach du dich fühlst. Wie vorhin. Auch, als du weggegangen bist." Er grinste. "Besser, du zeigst mir gleich, woran ich bin, als wenn du es versteckst und in dich reinfrisst und plötzlich irgendein Knoten platzt."

"Iieh, das klingt irgendwie ekelig medizinisch. Geh dir bloß die Zähne putzen, dann..." Frank wurde ein wenig rot. "Dann können wir bestimmt noch mal rumknutschen."

Matthias lachte, küsste Frank rasch auf den Mundwinkel und stand auf. "Unter den Umständen bin ich sofort weg und fast noch schneller wieder da." Er sammelte den Schlafanzug vom Boden auf und verschwand im Bad, wo er ein ordentlich gefaltetes Handtuch mit Zahnbürste oben drauf fand. Wie versprochen beeilte er sich mit dem Fertigwerden, um so schnell wie möglich zu Frank zurückkehren zu können, der kuschelig im Bett auf ihn wartete.

"Schnell genug?", fragte er mit einem Lächeln, als er zu ihm kam, sich jedoch brav unter seine eigene Decke legte. Er streckte die Hand nach ihm aus und streichelte ihm über die Wange und durch die Haare.

"Ja, ich bin begeistert", stimmte Frank leise lachend zu. Er hatte weniger getrunken als Matthias und spürte seine Erregung bei dem Gedanken an ein Zusammensein mit dem anderen Mann nicht nur im Bauch und im Kopf. Ein wenig unwohl war ihm schon dabei, weswegen er es sehr angenehm fand, dass der andere nicht gleich zu ihm unter die Decke kam. Stattdessen begannen sie sich wieder zu küssen, langsam und ohne Eile und, wie Frank erleichtert bemerkte, dieses Mal ohne Kommentare von Matthias' Seite aus. Im Zwiespalt aus Müdigkeit und Erregung gefangen, rückte Frank zwar mit seiner Decke, aber dennoch dichter an seinen Freund heran, um ihn besser umarmen zu können.

Versunken stellte Matthias fest, dass das hier wesentlich besser war als mit einem Taxi nach Hause gefahren und dann in sein einsames Bett gefallen zu sein. Während sie sich küssten, ließ er mit einem Arm von dem Bündel aus Frank und Decke ab, um das Federbett ein wenig beiseite schieben, darunter greifen zu können und wieder Franks Rücken zu streicheln. Es weckte den Wunsch nach mehr Nähe und danach, ihn enger spüren zu können, weswegen er die Decke schließlich zwischen ihnen wegzog und sie beide gemeinsam mit einer zudeckte, ohne dabei von Franks Lippen abzulassen. Zu mehr als Kuscheln und Küssen würden sie ohnehin an diesem Abend nicht kommen, dafür war er zu angeschwippst und müde.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh