Abschleppdienst

8.

Frank hatte es genossen, dass Matthias ein wachsames Auge auf ihn hatte, aber ihn kommentarlos fahren ließ. Der Weg durch die Altstadt, in der Nähe vom Weihnachtsmarkt, weckte Erinnerungen daran, und er drückte Matthias mehr als einmal verstohlen die Hand. Erleichtert sah er, dass die Kneipe ein bunt gemischtes Publikum bot und er sich nicht zu jung oder falsch angezogen fühlen musste. Von den größeren Gruppen an den Tischen vorn war lautstarkes Gelächter zu hören, die Kellner liefen hektisch zwischen den großen mit Gruppen belegten Tischen hin und her, und die Weihnachtsdekoration aus etlichen Lichterketten war hier und dort aus der Form geraten.

Dankbar schmiegte er sich in eine Ecke und fragte "Hast du dich mit Freunden verabredet, Matthias?" Frank hatte die Jacke im Auto gelassen und befreite sich nun noch von der Steppweste und dem dicken Pullover, weil es ziemlich warm war. Matthias schüttelte den Kopf und winkte einem der Kellner zu, der ihn von weiter hinten im Raum grüßte. "Nein, bin ja mit dir hier. Und mal abgesehen davon, dass ich dich gerade im Moment am liebsten für mich ganz allein habe, weiß ich noch viel zu wenig über dich. Zum Beispiel, was du davon hältst, wenn plötzlich eine ganze Horde meiner Freunde ungewarnt auftaucht."

Frank lachte "Wenn sie nicht wie die Adams Family sind, soll es mir recht sein."

Er fühlte sich toll. Zum ersten Mal, seit er wusste, dass er schwul war, fühlte er sich nicht unsicher damit oder als müsste er es verstecken, sondern im Gegenteil hinausschreien. Es gab doch das Verlieben und sich sicher sein. Nicht nur Sex, nicht nur hohles Geschwätz mit Blick auf den nächsten Hintern. Zu glücklich zum Nachdenken bestellte er sich einen warmen Kinderpunsch und freute sich, als Matthias ihm eine Hand auf das Bein legte, um ihn sachte zu streicheln, während sie über die Schulzeit redeten und über Freundschaften.

Es war gerade Zeit, um sich in Richtung der Disco zu bewegen, nachdem sie jeder schon das dritte Getränk leerten und die Musik sich zu wiederholen begann, als jemand fröhlich Matthias' Namen rief. Frank sah sich zuerst nach der Stimme um und stupste seinen Freund an. "Da, hast den Abend über von ihnen geredet und schon ist ein Freund von dir herbeigeeilt."

Gleich darauf wurden sie beide von einem ein wenig angetrunkenen jungen Mann mit Schlaghose und einem voluminösen rostfarbenen Schal umarmt. Er roch recht ordentlich nach einem Parfum, das Frank bekannt vorkam und ließ sich voll Freude und ohne Nachfrage bei ihnen nieder. "Hallo, Matze. Dass man dich mal wieder hier rumtingeln sieht. Also, ehrlich. Und dann noch mit einem neuen Freund? Sehe ich das etwa richtig?"

Er wandte sich betulich an Frank und ließ Matthias gar nicht zu Wort kommen. "Das ist nämlich ein ganz Schlimmer, unser Matze... wenn du dem erst mal in die Finger geraten bist, dann kannst du deiner Jungfräulichkeit gleich mal 'auf Wiedersehen' sagen, mein Kleiner."

Frank öffnete und schloss den Mund einige Male, dann entschloss er sich zu lächeln, auch wenn es ihn nervte, weil der andere so schrecklich übertrieb und Matthias als einen Herumtreiber in den Betten darzustellen versuchte. Das konnte sich Frank gar nicht vorstellen. Zugleich mit dem Ärger begann jedoch ein neckender Gedanke in seinem Hinterkopf, der ihm sagte, dass sein Freund am Abend zuvor verdammt gut im Bett gewesen war, erfahren gewirkt hatte. Er verdrängte das ganze und erhob sich rasch.

"Ich geh nach vorn und bezahle dort an der Kasse", sagte er schnell und ging, bevor ihm Matthias noch Geld geben konnte.

Matthias war nicht wirklich begeistert davon, dass ausgerechnet Christian zu ihnen gestoßen war. Nicht, weil er ihn nicht mochte, sie waren auch schon zusammen im Bett gelandet, und es war durchaus nett gewesen. Aber wenn der andere zu viel getrunken hatte, fing er an zu schwatzen. Und es gab einige Dinge, die wollte er Frank lieber in seinem Tempo erzählen und vor allem selber und nicht unbedingt von einem Freund, der zudem noch gerne übertrieb. "Krischi, mir ist es ernst mit ihm. Sei nett und halte dich etwas zurück, ja?"

Christian richtete seine Haare ein wenig und schmollte gekonnte. "Ach, mit ihm. Sind wir heuer empfindlich, oder wie sehe ich diese Show? Ernst ist es dem Herrn mit einem Mal? Wie war das denn mit all den anderen Eroberungen, hast du nicht jedem gesagt, dass es Ernst ist? Nä, gell? Da waren wir erfrischend ehrlich. Das hatte ich so gemocht an dir." Er verschränkte die Arme. "Und? Soll die kleine Prinzessin mit in die Disse? Willste ihm nicht lieber vorher was sagen? Nicht, dass er sich wundert, wenn jeder zweite dort sich freut, dich mal wieder zu sehen, und vielleicht fragte der eine oder andere ja, ob du nicht auch der Meinung bist, dass Weihnachten das Fest der Liebe ist!"

Frank erstarrte vor dem Tisch. Der Kellner war ihm gleich auf halbem Wege begegnet, und er hatte die Rechnung schnell begleichen können. Zu schnell offensichtlich, denn diese blonde Tucke machte gerade Matthias an und die Rede war von mehr, von einer Mehrzahl. Als auch noch fröhlich erzählt wurde, dass Weihnachten ja das Fest der Liebe war, kamen all seine Befürchtungen wieder hoch. /Das war es ja auch für mich! Bis eben gerade!/ Hastig riss er seinen Pullover an sich und lief aus der Kneipe und die Straße hinunter in Richtung des Parkhauses. "Scheiße." Frierend musste Frank nach einigen im Laufschritt verbrachten Metern aufgeben, weil es schneidend kalt draußen war. Er stülpte sich hastig den Pullover über den Kopf, und in dem Augenblick fiel ihm ein, dass er mit Matthias' Wagen gefahren war.

"Scheiße." Enttäuscht und verwirrt blickte er die Straße hoch. Den Autoschlüssel hatte Matthias, aber konnte nach dem Wein, der er intus hatte, nicht mehr fahren. /Egal, eines seiner Betthäschen wird ihn schon kutschieren. Aber was mache ich?/ Unentschlossen wandte Frank sich dem Bahnhof zu, an dem er sich ein Taxi erhoffte. Nach Hause würde es ihn zwar höllisch viel kosten, aber das war besser, als sich auslachen zu lassen. "Scheiße."

"Verdammt, Krischi! Kannst du nicht einfach mal die Klappe halten?" Fluchend sprang Matthias auf, schnappte seine Jacke und lief Frank hinterher. An der Tür wurde er von einer hereindrängenden Gruppe lachender Leute aufgehalten, die sich nicht entscheiden konnten, wo sie sich nun hinsetzen wollten, ob an die Theke oder doch lieber an einen der Tische. Er drängte sich ruppig durch sie hindurch und warf die Jacke über, als die eisige Luft, die ihn empfing, ihn daran erinnerte, dass er nur ein T-Shirt und die Weste trug. Frank war schon ein ganzes Stück weit entfernt, und Matthias folgte ihm im Laufschritt. /Scheiße! Verdammt! Klar, dass er da empfindlich ist. Warum musste dieser Idiot von Krischi auch.../ "Frank, warte!"

Frank schwankte zwischen Weglaufen und Matthias eine Chance geben. Er entschied sich für letzteres, auch wenn er sich schrecklich schämte für seine empfindliche Art. Noch bevor Matthias etwas sagen konnte, begann er schon leise und auf seine Füße starrend zu erklären "Ich bin sonst nicht so, aber zweimal in so kurzer Zeit, das vertrage ich nicht. Ich bin sonst sicherlich auch dem Spaß nicht abgeneigt, aber... na ja, ich hab ja auch mitgemacht und hab dich sicherlich auch angemacht, aber die Hintergedanken, die Hoffnung, dass es nicht bloß ein Spaß ist, waren wohl doch stärker, als ich dachte, und jetzt gehe ich lieber, bevor ich dir noch den Abend versaue und losheule, okay?"

"Es ist nicht bloß Spaß, Frank!" Matthias packte seinen Freund an den Schultern und drehte ihn zu sich um. Er wollte ihn nicht gehen lassen, würde ihn nicht gehen lassen und hatte mit einem Mal Angst, alles so zu erklären, dass es für den anderen nur noch mehr ein Grund war, ihn wegzuschicken. "Du versaust mir nur den Abend, wenn du mich jetzt allein lässt, um nicht mehr wiederzukommen. Es ist mir ernst mit dir; die Hoffnung, die Hintergedanken habe ich doch auch. Es gab andere in meinem Leben, klar. Aber die sind Vergangenheit."

Frank hatte sich so sehr zusammen gerissen, aber nun fing er erst Recht an zu heulen. Unterbrochen von heftigem Atemholen sagte er endlich "Und ich... habe... habe dir... den Abend versaut." Das machte ihn noch trauriger, und der Umstand, dass er nicht aufhören konnte, sich wie eine hysterische Tucke zu benehmen, machte die Sache nicht leichter. "Ich... bin noch nicht... nicht drüber weg... glaube ich", gab er schnüffelnd und sein Taschentuch zerknüllend zu.

"Und ich hab ihn dir versaut, da sind wir gleichauf. Ich hätte vorher was sagen sollen", murmelte Matthias und strich über Franks Wangen, um die Tränen abzuwischen. "Lass uns zum Auto gehen, hm? Ich glaube, wir müssen reden und nicht tanzen. Und hier ist es eiskalt und ungemütlich."

Frank nickte und ließ sich zum Parkhaus führen. "Tut mir leid, ich bin einfach... Es war zuviel auf einmal. Wenn du noch ein Weilchen wartest, dann bin ich wieder fit... dann kann ich sicherlich auch wieder fahren, ja?" Energischer tupfte er sich über die Augen. Matthias' Reaktion hatte die Hoffnung in ihm geweckt, dass der andere es doch ernster meinte. Ernst genug jedenfalls, um die Heul-Nummer nicht übel zu nehmen, dafür allein liebte Frank ihn schon wieder ein Stückchen mehr.

Matthias zögerte, aber dann nickte er. Frank war nüchtern, und immerhin hatte er es bei denkbar schlechteren Wetterverhältnissen von zu Hause aus ins Dorf geschafft, direkt nachdem er seinen Ex mit einem anderen erwischt hatte. Zwar fühlte sich Matthias noch durchaus in der Lage zu fahren, aber eine Polizeikontrolle würde das garantiert anders sehen.

Im kalten Licht des Parkhauses sah Frank noch verheulter und blasser aus, und er hätte ihn gern in den Arm genommen. Doch er öffnete ihm nur die Fahrertür und drückte ihm kurz die Schulter, ehe er ums Auto herumlief und auf der anderen Seite einstieg. Gleich nachdem sie die Türen geschlossen hatten, schaltete er die Standheizung ein, während er sich überlegte, dass er eigentlich gar nichts falsch gemacht hatte. Sicher hatte er einen Haufen One Night Stands gehabt, aber das war vor Frank gewesen, und zudem war der letzte schon über zwei Monate her.

Es ließ ihn sich sofort besser fühlen. Alles, was er tun musste, war, es seinem Freund begreiflich zu machen. Und das würde er. Er holte aus dem Handschuhfach ein frisches Päckchen Tempos, drückte eines davon Frank in die Hand, mit einem anderen wischte er ihm sachte die Wangen trocken. "Wenn's wieder geht, fahren wir zu mir nach Hause, dann koche ich uns einen Kaffee, und dann wirst du sehen, dass es viel schlimmer klang, als es ist."

Frank nickte und lächelte Matthias entschuldigend zu. "Ich... hab mich grade so dumm gefühlt. Ich werde mich sicherlich bald wieder im Griff haben, das verspreche ich dir." Er sah seinen Freund aufmerksam an. "Immerhin wollen wir beide, dass dies hier funktioniert, nicht? Länger funktioniert, meine ich."

Matthias seufzte erleichtert und erwiderte das Lächeln. "Ja, das wollen wir wohl." Er küsste seinen Freund auf die Wange, stopfte das zerknitterte Tempo in die Jackentasche und lehnte sich zurück in seinen Sitz.

Die Heimfahrt verlief schweigsam. Matthias wollte sich nicht im Auto darüber unterhalten; doch er fühlte sich nicht unwohl mit der Stille zwischen ihnen. Es war im Gegenteil angenehm, neben Frank zu sitzen und dem leisen, weihnachtlich eingestimmten Gedudel des Radios zu lauschen, während draußen der Schnee wieder zu fallen begann, in dicken schweren Flocken zuerst, die jedoch bald zu einem feinen Gestöber wurden. Frank fuhr auch in diesem Wetter sicher und gut, und Matthias war sogar noch entspannter als auf der Hinfahrt.

Als Frank den Wagen auf dem Parkplatz vor dem Wohnblock einparkte, war Matthias in netten Träumen gefangen fast eingedöst. Sie stiegen aus, und er legte seinem Freund einen Arm um die Taille, während sie zum Haus liefen. Erst, als sie in der Wohnung waren und die Tür hinter sich geschlossen hatte, sprach er wieder. "Geh ins Wohnzimmer und mach's dir bequem, Maus. Ich setze gerade Kaffee auf." Unwillkürlich musste er grinsen bei dem Kosewort, aber es stimmte. Frank war seine Maus, genauso süß und genauso leicht zu erschrecken.

Frank war schon einige Schritte in Richtung des Wohnzimmers gegangen, als ihm das Wort Maus erst aufgefallen war. Statt in das Wohnzimmer zu gehen, folgte er Matthias in die Küche und ließ sich dort an dem kleinen Klapptisch nieder, um ihn beim Kaffeekochen zu beobachten. "Maus", flüsterte er leise.

Matthias lächelte und zählte weiter die Kaffeelöffel in den Filter, gab nach kurzem Überlegen noch einen extra dazu. Dann füllte er Wasser auf und schaltete die Kaffeemaschine ein, ehe er sich zu seinem Freund umdrehte. "Kaffee im Pott, oder soll ich dir einen Latte Macchiato machen?" Er hatte die Gläser und den Milchaufschäumer geschenkt bekommen, benutzte beides aber fast nie. Jetzt fiel es ihm wieder ein, weil es irgendwie zu Frank passte.

"Latte Macchiato mag ich gern, aber du musst dir nicht so viel Mühe machen." Frank war auch so schon klar, dass Matthias sich die Mühe machen wollte. Das Wissen ließ allein ein warmes Gefühl in ihm entstehen. Dieser tolle Mann mochte ihn, er fand seine Schüchternheit niedlich, und seine Zicken schienen nicht ins Gewicht zu fallen.

Die Fahrt über hatte Frank sich gesammelt und auf die Unterhaltung mit Matthias vorbereitet. Nun war er soweit, mit ihm zu reden; aber jeder Moment, den sie normal miteinander verbrachten, nicht in Diskussionen verstrickt, erschien ihm entspannender. Während Matthias die Gläser aus dem Schrank nahm und in einer Schublade nach dem Aufschäumer kramte, legte er sich seine Entschuldigung für das peinliche Verhalten vom Abend zurecht.

Matthias machte den Latte Macchiato fertig, füllte dann den großen Rest des Kaffees in eine Thermokanne um und drückte diese samt zwei Tassen Frank in die Hand. Die Milchtüte mit einem Ellbogen festhaltend und mit dem anderen die Zuckerdose, trug er die beiden vollen Gläser ins Wohnzimmer rüber, gefolgt von seinem Freund.

"Geht's jetzt wieder besser?", fragte er, nachdem sie saßen und Frank den ersten Schluck getrunken hatte und mit der Zungenspitze den Milchschaumbart wegleckte.

Frank nickte leicht und schämte sich noch ein Stück weit mehr. "Ich hab so schrecklich peinlich reagiert. Es tut mir so leid, das war alles, weil ich in meinem Kopf ein so falsches Bild von dir aufgebaut hatte."

Etwas verlegen rieb sich Matthias den Nacken. "Na ja, falsche Bilder sind dazu da, um korrigiert zu werden. Ich hoffe nur, es ist nicht so falsch, dass du im Endeffekt nichts mehr von mir willst. Ich kann verstehen, dass du im ersten Moment enttäuscht warst. So aus dem Zusammenhang gerissen klang es wirklich, als hätte ich nur die Hintern von fremden Männern im Kopf. Um der Wahrheit Ehre zu geben hatte ich auch eine Zeitlang. Aber es fühlt sich nach einer Zeit ziemlich schal an, da weißt du dann, dass es nicht das ist, was du suchst." Morgens mit jemandem aufzuwachen, den man nicht einmal kannte, wenn überhaupt und nicht einfach nur das Schlafzimmer leer war und dennoch nach Sex roch. "Ich hab aber keinem erzählt, es wäre was ernstes. Es waren nur Bettgeschichten, für beide Seiten."


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh