Abschleppdienst

10.

Die nächsten Tage setzten fort, was sie am ersten Weihnachtstag begonnen hatten. Sie schmusten viel, hatten viel Sex und genossen in jedem einzelnen Moment, dass sie sich gefunden hatten. Zwei Mal gingen sie abends weg, aber die anderen Tage blieben sie zu Hause, redeten, spielten Karten oder sahen sich einen Film an.

Matthias hatte sich schon lange nicht mehr so wohl, so vollständig gefühlt wie mit Frank zusammen. Wenn er an seinen Ex zurückdachte, musste er auch zugeben, dass es mit Frank etwas ganz besonders war. Sie passten besser zusammen, selbst wenn sie sich noch in der ersten himmelhochjauchzenden Phase befanden, in der ja ohnehin meistens alles wundervoll war.

Für Silvester hatte es Frank wirklich noch geschafft, zwei Karten für die schicke Feier mit Feuerwerk und Orchester zu organisieren. Matthias freute sich darauf, denn etwas derart Feines kannte er nur aus dem Fernsehen. Niemand kam je auf die Idee, die Mitarbeiter einer Autowerkstatt auf so ein Fest einzuladen.

Frank war sexy und gut angezogen zur gleichen Zeit mit seiner engen schwarzen Hose und dem ebenfalls schwarzen Pulli mit V-Ausschnitt, während Matthias noch darüber grübelte, ob er die Lederhose tragen konnte oder nicht und ob das weiße Hemd passender war oder ob er den engen roten Pullover genauso gut tragen konnte, in dem er sich wohler fühlte. "Frank, hilf mir, wenn du nicht willst, dass ich vollkommen peinlich neben dir wirke!"

Frank lachte und biss Matthias vom Bett aus, auf dem er sich zum Socken anziehen niedergelassen hatte, schnell in den Po. "Ich mag dich, egal was du anhast. Das weiße Hemd wäre doch gut, das hatte ich dir nach dem letzen Mal, als wir weg waren, übergebügelt." Er hatte ohnehin seine Arbeitshemden bügeln müssen und sah es als gerechten Tausch für das Regal an, dass Matthias ihm neben dem Herd noch angedübelt hatte.

"Ah, du bist ein Schatz, aber ein frecher." Matthias rächte sich, indem er Frank kurz kitzelte, dann aber mit schwarzer Hose und Hemd lachend ins Bad flüchtete, um noch einmal schnell unter die Dusche zu springen, nachdem Frank sie nun freigegeben hatte. Er klaute etwas von dem Gel seines Freundes, um seine Haare aufzustrubbeln und kam dann fertig angezogen wieder ins Wohnzimmer zurück, wo Frank schon auf ihn wartete. "Und, genehm? Kann ich so gehen?"

"Jawohl, der Herr. So kommt er mir überallhin mit." Frank küsste Matthias auf die Wange. "Gut schaust du aus. Ich freu mich richtig auf heute Abend."

Frank kannte das Hotel, zu dem es gehen sollte und wusste aus Erfahrung, dass es mit dem Parken dort schrecklich mau aussah, wenn man von der Hoteltiefgarage einmal absah. Deswegen nahmen sie einen Bus bis in die Nähe der Straße und gingen noch ein Stück am Kanal entlang spazieren. Etliche Leute waren schon mit den Kindern unterwegs, um sie mit Wunderkerzen und kleinen Hausfeuerwerken vorab zufrieden zu stellen, damit sie ins Bett gehen würden.

Hier und dort stieg eine vereinzelte Rakete in den sternenklaren Himmel. Es war schneidend kalt, so dass Frank froh war, seine Steppjacke und nicht seinen Mantel angezogen zu haben. Als sie in die Hotelhalle traten, wo ihre Eintrittskarten von einem Sicherheitsmann überprüft wurden, bevor sie ihre Jacken an einer Garderobe abgeben konnten, spürte Frank seine Finger nicht mehr, und die Ohren brannten vor Kälte. /Wir müssen dringend ein Taxi nehmen. Zu Fuß zurück und ich bin tot./

Neugierig betrat er den großen Saal, in dem eher Tanzmusik für Paartanz gespielt werden würde. Gleich im Eingang wurden sie mit einem Begrüßungscocktail versorgt und auf das Büffet im Nachbarsaal hingewiesen. Frank schob seine Finger in Matthias' ebenfalls nicht gerade warme Hand und meinte "Im letzten Jahr gab es immer ab neun schon nicht mehr so richtig viel zu essen. Kahlschlag. Lass uns lieber gleich was sichern, und vielleicht können wir uns dann schon mit ein wenig Wein betrinken, hm?"

"Ich finde, das klingt nach einem guten Plan." Matthias lächelte und drückte Franks Hand. Eine Sache, die ihm gleich sehr gefiel, war die, dass sie sich nicht verstecken mussten und dennoch nicht komisch angeschaut wurden. Zudem war es eine nette Atmosphäre, in der er sich, obwohl es ungewohnt war, sofort wohlfühlte. Die vagen Befürchtungen, dass er ein Außenseiter wäre, dem man gleich anmerkte, dass er nicht hierher gehörte, hatten sich aufgelöst.

Gemütlich schlenderten sie in den Nachbarsaal, und Matthias staunte über das Büffet, das wirklich aussah wie in einem der Filme, reichlichst Auswahl und alles so schön dekoriert, dass selbst profane Dinge wie Salate irgendwie edel wirkten. Mit gut gefüllten Tellern zogen sie sich dann an einen der Tische zurück, um ihren Raubzug zu teilen.

"Wenn das Feuerwerk genauso gut wird wie das Essen, wird es das beste Feuerwerk, das ich je gesehen habe", erklärte Matthias zufrieden und nahm ein Käse-Trauben-Häppchen, um Frank damit zu füttern.

Frank wollte gerade etwas antworten, als zwei bekannte Stimmen seinen Namen riefen. Nicht vollkommen unerwartet, aber doch überraschend kamen zwei Kolleginnen von ihm an ihren Tisch. Er mochte beide sehr gern und hatte auch schon mit ihnen gefeiert.

"Hallo, Franky! Wie sieht es aus? Weihnachten daheim gut überlebt?" Sabine aus der Kreativabteilung war schauderhaft angezogen, und ihr direkter Blick auf Matthias, um nicht zu sagen, ihm in den Schritt, war bemerkenswert indiskret. Paula, die Abrechnungssekretärin, war dafür sehr edel gekleidet und lächelte ihm zurückhaltend zu, um sich und Sabine freundlich vorzustellen, während er ihnen Matthias als seinen Freund ansagte.

"Sag, Frank. Wäre es feist, wenn wir hier bei euch am Tisch Platz nehmen?" Sabine stellte ihren Teller bereits ab, aber im Grunde war es Frank Recht. Er war sehr gern mit Matthias zusammen, aber nach einer Woche ausschließlich nur mit ihm war Frank durchaus auch einmal nach einer anderen Gesellschaft. "Ach was. Die Tische sind mal wieder in der Unterzahl, nicht wahr?"

So erfuhr er gleich erst einmal den neusten Klatsch aus der Firma, während Paula mit Matthias über Autoversicherungen zu diskutieren begann. Der Wein wurde in Flaschen auf den Tischen verteilt, und bald hatten sie alle mächtig einen in der Krone. Die Stimmung war ausgelassen, als sie in den kleinen Saal weiter zogen, wo getanzt werden konnte.

"Bleibt ihr hier in der Nähe? Ich will mir mal ein Wasser holen, hab schon fast zuviel Wein getrunken", entschuldigte Frank sich schließlich von der kleinen Gruppe, der sich mittlerweile etliche Freunde und Bekannte von Sabine zugesellt hatten. Er verabschiedete sich mit einem kleinen Kuss von Matthias und wuselte durch das Gedränge in Richtung eines Getränkestandes.

Matthias genoss die Party. Frank mit seinen Freunden und Kollegen zu erleben, war eine weitere kleine Offenbarung, die ihm viele neue Facetten seines Freundes zeigte. Zudem war es nett, einmal wieder unter Leute zu kommen. Besonders gut unterhielt er sich mit Paula, was ihn bei ihrer korrekten Art eher verwunderte, aber schließlich tanzten sie sogar für zwei Lieder zusammen, waren dabei viel am Lachen, denn der Alkohol trug nicht gerade zum Gleichgewicht bei.

Das Wasser tat Frank genauso gut wie die frische Luft in der Halle. Nach einigen Schlucken merkte er, dass sich sicherlich eine ganze Flasche lohnen würde. Mit seiner Beute unter dem Arm kehrte Frank zu der kleinen Gruppe am Rand der Tanzfläche zurück. "Ich bin noch mal kurz für Tigermäuse. Pass solange mal auf das Wasser auf, ja?", sagte er leise an Matthias' Ohr und umarmte ihn von hinten kurz einmal.

Matthias lachte und nahm die Flasche an sich, während ihm ein kleiner, wohliger Schauer über den Rücken rann. "Sicher. Aber komm mir rechtzeitig wieder zurück." Er drehte den Kopf und erhaschte einen schnellen Kuss von Frank.

Frank drehte sich unsicher einmal um sich selber. /Erst mal schnell zum Tö, dann ein wenig mit meinem Schatz tanzen. Wo war das wohl gleich?/ Er fand ein Schild und war erstaunt, wie viel des Lärms durch die nicht sonderlich solide wirkende Tür abgeschnitten wurde.

Als er in den großzügigen Vorraum mit den Spiegeln bis unter die Decke zurückkehrte, fiel sein erster Blick ausgerechnet auf die Person, die er nicht nur verdrängt und gar nicht mehr bedacht hatte, sondern wirklich auch gar nicht sehen wollte.

Mit einem schimmernden goldfarbenen Hemd bekleidet und natürlich umwerfend aussehend stand Peter vor einem der Spiegel und telefonierte. Frank erstarrte kurz, ein kleiner Stich durchfuhr seinen Magen, und ihm wurde ein wenig übel. Leise Panik stieg in ihm auf. Noch hatte Peter ihn nicht gesehen, aber er konnte doch unmöglich einfach, ohne sich die Hände zu waschen, an ihm vorbei rennen. Weg rennen. /Schon gerade nicht. Früher oder später müssen wir ja wieder reden./

Er gab sich einen kleinen Ruck und trat an das von Peter am weitesten entfernte Waschbecken. Fast hätte er gedacht, dass dieser ihn in das Gespräch vertieft vielleicht nicht bemerkt hatte. Doch als er sich umdrehte, stand Peter direkt hinter ihm. "Franky, mein Kleiner!"

Frank verschränkte erschrocken die Arme. "Was machst du denn hier?" Er stammelte unsicher und Peter lachte überlegen.

"Der andere war einfach kein Ersatz für dich. Er konnte dir das Wasser nicht reichen, ein Nichtbringer sozusagen. Ich hab mich nach dir gesehnt und bin gestern schon zurück gekommen."

"Aha."

"Ich hab versucht, dich anzurufen, aber du hast offensichtlich den Anrufbeantworter ausgestellt."

"Ich wollte meine Ruhe. Vor allen Dingen vor dir!" Damit wollte Frank weggehen, aber Peter hielt ihn auf und begann mit einer Mischung aus Babysprache und Versprechungen. Frank war zwar genervt und wütend, er machte sich abweisend los, aber er war zu nahe daran, schon wieder zu weinen, um wirklich etwas sagen zu können.

Mitternacht rückte näher, und Frank kehrte nicht zurück. Ungeduldig sah Matthias wieder und wieder auf seine Uhr. So lange konnte man doch gar nicht auf der Toilette sitzen! Dann fielen ihm seine Befürchtungen wieder ein, die er Frank direkt gesagt hatte, als dieser mit den Vorschlägen zu Feiern durch die Firma begonnen hatte. Kurzentschlossen drückte er Paula die Wasserflasche in die Hand und ging los, um nachzuschauen, wo sein Freund blieb. Im Zweifelsfall würde er besagtes Örtchen selber nutzen, um nicht ganz dumm dazustehen.

Doch er hatte kaum die Tür geöffnet, als sein Blick auf Frank fiel, auf den ein großer, aufgetakelter Affe mit schwarzen Haaren einredete und die Hand nach ihm ausstreckte, um sie ihm auf die Schulter zu legen, als wollte er seine Worte unterstreichen. Und seine Maus sah aus, als wollte er weinen und sich verstecken. /Peter. Bestimmt ist das der Arsch!/

"Finger weg von meinem Freund!" Der Zorn verdrängte den Alkohol, als Matthias zu den beiden Männern trat.

Frank hatte es Peter gesagt und wieder gesagt. Er hatte einen Freund, einen richtigen, der sich um ihn kümmerte, der ihn so liebte, wie er war und nicht nur, wenn er sich den Erwartungen entsprechend verhielt. Gerade hatte Peter gelacht darüber, dass Matthias ein Automechaniker war und vom Dorf, als dieser angeschossen kam und mit schmalen Augen und schon giftig zu nennendem Blick etwas sagte.

Frank lächelte gleich und sah Peter nun mit einem Mal um so vieles sicherer an. "Darf ich vorstellen? Peter, Abteilungsleiter bei uns in der Firma, dies ist Matthias, mein Freund." Peter war größer als sie beide, aber kam Frank mit einem Mal kleiner vor, schmächtig schon fast.

Peter lächelte falsch und sagte etwas Belangloses zu Matze, der noch immer sauer aussah. Doch gleich darauf verabschiedete sein Exfreund sich mit einem "Na ja, man sieht sich ja Montag, Frank."

Worauf er mit einem fröhlichen Lächeln daran erinnerte "Ich habe bis zum Zehnten noch Urlaub, das müsste dir ja eigentlich bekannt sein, Peter." Es tat so gut, die Tür hinter dem Mann zugehen zu sehen, dass Frank erleichtert seufzte.

"Was für ein eingebildeter Arsch! Wenn der dich noch mal anfasst, fasst er so schnell niemanden mehr an!" Matthias hatte sich redlich Mühe gegeben, Franks Ex mit Blicken zu erdolchen, als dieser den Raum verlassen hatte. Allein dessen Lächeln war ihm zuwider. Er schnaubte, drehte sich dann zu Frank und beschloss, dass der andere soviel Aufregung gar nicht wert war. Besorgt musterte er seinen Freund, aber dem ging es zum Glück gut. "Was wollte der Kerl von dir? Dich wieder zurück in sein Bett holen? Der Zug ist abgefahren."

"Das hab ich ihm auch gesagt." Frank drückte seinem Freund einen Kuss auf und umarmte ihn einmal fest. "Gleich ist es zwölf, wollen wir zum Feuerwerk raus gehen?" In ihm kribbelte und krabbelte die Freude über Matthias, über ihre Beziehung, und er fühlte sich mit einem Mal sicher, dass auch das nächste Weihnachten wieder wundervoll werden würde.

Sie schafften es nicht mehr, in dem Gedränge noch ihre Jacken zu bekommen, und so fröstelte Frank, aber eng an Matthias gedrängt war das Feuerwerk gleich ein noch mal so schönes Erlebnis. Zudem waren seine Kolleginnen bereits von seinem neuen Freund mächtig beeindruckt, offensichtlich hatten dessen Tanzkünste Paula ganz besonders überzeugt, und Sabine hatte sich schon den Zündkerzenwechsel für ihren Panda erklären lassen.

"Hab dich lieb", flüsterte Frank Matthias ins Ohr und drückte ihn einmal fester.

Lächelnd sah Matthias in den nachtschwarzen Himmel, in den die Raketen fantastischen Flammenregen in Rot, Gold und Grün sprühten. Weit darüber flimmerten die Sterne, die wegen des Feuerwerks und der Lichter der Stadt nur schwach zu erkennen waren. Matthias lächelte und schloss die Arme noch ein wenig enger um Frank, spürte den warmen Körper um so deutlicher, da jede Stelle, an der sie sich nicht berührten, vor Kälte prickelte.

"Ich dich auch", gab er ebenso leise zurück, um dann noch mal in Gedanken wie in ihrer ersten Nacht zusammen zu wiederholen /Und ich glaube, ich halte dich einfach fest und lasse dich nie wieder los./


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh
~ Ende ~