Absturz mit Folgen

1.

Raja blickte noch einmal auf sein silbergraues Lesegerät, während er in der einzigen Lounge des kleinen Fährschiffes in einen der Sessel sank. Auf dem Bildschirm des Gerätes war das Gesicht eines Mannes zu sehen. Raja hatte ihn noch nie in seinem Leben getroffen, aber offenbar handelte es sich bei dem Menschen um seinen Vater.

Der Schiffsrumpf brummte dumpf und einen weibliche Stimme begrüßte die Passagiere. Die Flugroute war unbeliebt, weil sie durch Teile des unwichtigen Randsystems in der Nähe der daryllischen Planeten führte. Raja wusste nicht viel darüber, aber er wusste sehr wohl, dass man in dieser Fähre wenigstens eine Kabine bezahlen konnte. In den Fähren, die über Kemjasheri fuhren, hätte er sich vermutlich nicht einmal einen Schlafsessel leisten können.

Noch einmal sah Raja auf das schlanke Gesicht, das von etwas zu langen, dunklen Haaren umrahmt wurde. Die Augen zwinkerten freundlich, als würde er gern lachen, als sei er zufrieden mit seinem Leben gewesen. Raja seufzte, verglich die um ihn her sitzenden Geschäftsleute erneut mit dem Bild, dann schaltete er sein Handgerät aus und zog das dunkelblaue Hemd glatt, während er die Fenster der Lounge mit suchenden Blicken entlang strich.

Der Mann, der sein Vater war, hatte ihm eine Mitteilung geschickt. Eine Videobotschaft, die derart verzerrt angekommen war, dass Raja nur mit Mühe und unter Mithilfe seines Informatiklehrers den Wortlaut hatte entschlüsseln können. Es war eine Einladung, einander auf einer Fahrt zu dem System kennenzulernen, in dem Kaan, wie sein Vater hieß, lebte.

Kaan hatte geschrieben, dass er Raja bis zur Raumstation am Rand des daryllischen Systems entgegen kommen würde, damit sie mehr Ruhe und Zeit hatten. Das klang fast so, als hätte Kaan sich gut mit den Mönchen des Ordens verstanden, in dem Rajas Mutter untergetaucht war, bevor sie an einer Krankheit verstorben war. Raja hatte die Tiefen ihres komplizierten Glaubens nie wirklich erfasst, aber er hatte bei einigen wenigen Besuchen stets eines sehr sicher gefühlt, er wollte niemals in diesem Orden leben.

Daher hatte er zugestimmt, sich mit seinem Vater zu treffen. Seine Mutter war tot, der Orden war nicht sein Zuhause und die Schule war beendet. Dort durfte er nicht mehr wohnen.

Wieder suchte Raja den Raum ab und entdeckte den Mann an der kleinen Rezeption. Er hatte sich umsonst Sorgen gemacht, das Bild war offensichtlich sehr aktuell. Lange braune Haare hatte er und trug sie zu einem Zopf gebunden. Er hatte ein legeres weißes Hemd an und stach gegen die reichlich vorhandenen Männer mit schwarzen Anzügen hervor, die sich offensichtlich geschäftlich auf der Fähre trafen. Die Frau an der Rezeption schüttelte den Kopf und Raja seufzte, weil er tatsächlich vergessen hatte, einfach dort nachzufragen oder sich anzumelden. Rasch hob er einen Arm und winkte, als die Frau und der Mann zugleich einmal den Raum absuchten. Dann stand er auf und ging auf seinen Vater zu.

Nervös zog Kaan noch einmal an seiner Zigarette, dann drückte er sie im Aschenbecher aus und winkte mit einem Lächeln zurück, erleichtert darüber, dass er Raja gefunden hatte. Bis vor wenigen Wochen hatte er nicht einmal gewusst, dass er einen Sohn hatte, und er hatte es auch nicht gerade auf gefühlvolle Weise erfahren. Rajas Schule hatte ihn suchen lassen, weil die Mutter des Jungen das Schulgeld nicht bezahlt hatte und man sich nun auch nicht mehr gerichtlich an sie wenden konnte.

Kaan hatte bei der sachlichen Forderung Schreck und Unsicherheit empfunden, gemischt mit dem vagen Gefühl, um die Zeit mit einem Sohn betrogen worden zu sein. Bis auf den Schreck hatte sich nichts daran geändert. Der junge Mann, der auf ihn zukam, war ein vollkommen Fremder. Er wusste nichts von ihm, wusste nicht einmal, ob sie sich sympathisch sein würden. In den eckigen Zügen konnte Kaan die junge Frau von damals erkennen, mit der er für die Dauer eines Konzertbesuchs zusammen gewesen war – er erinnerte sich noch gut an sie, denn sie war die einzige Frau, mit der er jemals geschlafen hatte.

Besonders um die Augen herum waren sie sich ähnlich, dachte Kaan bei sich, als der Junge näher kam. Raja hatte die gleichen großen, dunklen Augen, leicht schräg wie ihre und von genauso langen Wimpern umgeben. Er atmete einmal tief durch und kam ihm entgegen. Zurückhaltend lächelte er erneut und hielt ihm die Hand hin. "Hi."

Raja drückte die Hand nur kurz. "Hi." Neugierig betrachtete er den Mann, von dem ihm seine Mutter immer gesagt hatte, dass er nicht gut für ihn sein würde.

"Die Nachricht ist zerschossen angekommen", begann er unsicher. "Ich bin froh, dass ich dich nach dem Standbild erkannt habe."

"Oh, das tut mir leid. Ich glaube, ich hätte dich auch ohne Bild erkannt. Du siehst deiner Mutter ähnlich." Kaan wies auf einen Tisch, der etwas abgeschiedener in einer Ecke stand. Es war seltsam zu wissen, dass der junge Mann mit ihm verwandt sein sollte. Sein Sohn. Es fühlte sich nicht so an. "Lass uns dorthin gehen. Magst du was trinken? Ich... lad dich ein."

Raja nickte leicht und zog eine Schnute. 'Wäre ja auch noch schöner, wenn ich zahlen sollte, wenn er in so eine Nobelbar gehen will.'

Sie durchquerten den Raum durch dicken Teppich abgefedert und gingen, von Kaan geführt, zu einem Tisch in einer der Nischen, von denen aus man die schwarz eingerichtete Bar und die kleine noch leerstehende Bühne gut einsehen konnte. Die tiefen roten Plüschsessel brachte einen dazu, sich zwangsläufig zu entspannen. Zugleich machte das edle Ambiente Raja aber auch auf seine Kleidung aufmerksam. Er senkte den Blick auf die Getränkekarte und erschrak über die Preise.

Kaan winkte hastig ab. "Such dir aus, was du willst. Es ist nicht so, dass ich mir das jeden Tag bis zum Exzess leisten könnte, aber ab und an ist das durchaus drin. Man trifft sich auch nicht jeden Tag mit einem Sohn, den man eben erst kennengelernt hat."

"Hmhm." Raja wählte einen Milchshake aus und schob sich wieder tiefer in den Sessel. "Meine Bücher und mein Fahrrad sind an deine Adresse geschickt worden. Ich hoffe, dass es in Ordnung war. Ich habe keine andere Möglichkeit gehabt. Dem Orden traue ich nicht." Er warf einen scharfen Blick auf seinen Gegenüber und dachte bei sich, dass er dem Mann eigentlich auch nicht trauen sollte.

"Was willst du wissen?", fragte er dann nervös mit den Beinen wackelnd.

"Klar war es in Ordnung. Ich hatte dir so was ähnliches in der letzten Nachricht angeboten. Stört es dich, wenn ich rauche?" Kaan bestellte einen Cognac und legte die Karte beiseite, um das Zigarettenpäckchen aus der Hemdtasche zu holen. Er rauchte nicht oft, eigentlich nur, wenn er nervös war. "Ich will alles – so vieles – über dich wissen", sagte er nach einem kleinen Zögern. "Aber ich bin für dich genauso ein Fremder wie umgekehrt. Oder wusstest du, wer dein Vater ist? Wusstest du... irgendetwas über mich?"

Raja schüttelte den Kopf auf beide Fragen. Mit einer knappen Bewegung schob er seinem Vater den schwarzen Ascher hinüber und knibbelte an seinem Hemd.

"Ich wusste nicht mal, dass ich einen Sohn habe... Sie hat mir nie etwas gesagt." Sicherheit aus den vertrauten Griffen schöpfend zündete Kaan sich eine Zigarette an; der Rauch wurde neutralisiert, ehe er sich ausbreiten konnte, aber Kaan fand es trotzdem unhöflich, nicht zu fragen. Wieder musterte er den jungen Mann vor sich. Den weichen Mund konnte sein Sohn von ihm haben, ebenso wie den Schwung der Brauen, aber das runde Kinn war nicht wie seines. Auch die haselnussbraunen Haare musste er von jemand anderem geerbt haben, vielleicht einem Großelternteil.

"Und was willst du wissen? Fragen wir abwechselnd", schlug er in der Hoffnung vor, dass sich irgendwann einfach ein ganz normales Gespräch entwickeln würde.

Eine Kellnerin mit ärmellosem Top und sehr enger Hose kam an ihren Tisch und stellte die Getränke vor ihnen ab. Der Shake stellte sich als ganze Mahlzeit mit reichlich Obstdekoration heraus. Raja wartete, bis sie sich entfernt hatte, dann fragte er: "Wie alt bist du?", bevor er am Strohhalm zog.

"Neununddreißig." In dem Moment stellte Kaan fest, dass er doch ein wenig mehr über Raja wusste als umgekehrt. Immerhin einige grobe Informationen hatten sie ihm geben müssen, als sie ihn mit der Nachricht des Sohnes überfallen hatten. Er kannte sein Geburtsdatum, wusste, dass er gut in der Schule war, und zwar in allen Fächern. Das war auch etwas, in dem er gar nicht nach seinem Vater kam. "Und im Gegensatz zu dir habe ich nicht mal einen ordentlichen Schulabschluss. Was willst du werden? Willst du studieren?"

"Weiß noch nicht." Raja trank noch einen Schluck. "Vielleicht was mit Biologie, Meeresbiologie", fügte er unbestimmt dazu. "Was arbeitest du denn?"

Kaan grinste. "Diese Unentschlossenheit musst du von mir haben", gab er zu und lehnte sich bequemer in seinen Sessel zurück. "Ich habe mangels interessanten Alternativen in einem Café gejobbt, als ich mit der Schule fertig war – mehr schlecht als recht fertig war. Ich habe lieber gefeiert als gelernt."

In dem Moment begriff er, warum es so schwer war, mit Raja zu reden. Normalerweise hatte er keine Probleme, auf andere zuzugehen. Entweder man mochte sich oder man mochte sich nicht. Doch bei Raja lagen die Dinge anders. Er wollte, dass sein Sohn ihn gern gewann.

"Das Café gehört jetzt mir, ebenso wie ein zweites. Das eine eher edel, das andere alternativ. Und ich habe ein Restaurant, Erdenküche, was in der Kolonie gut ankommt." Er blinzelte einmal, als ihm ein weiterer Gedanke kam. Wenn Raja die Gastronomie gefiel, hätte er jemanden, an den er die Geschäfte vererben konnte. Raja wäre versorgt. Wenigstens etwas, das er für seinen Sohn tun konnte, nachdem er nun schon seine Kindheit verpasst hatte. "Das Restaurant hat neben reichlich Pflanzen drei kleine und ein großes Meerwasseraquarium zur Dekoration. Vielleicht würde es dir gefallen." Er nippte an seinem Cognac und fragte dann: "Hast du eine Freundin? Oder einen Freund?"

'Ein Meerwasseraquarium?' Raja nuckelte an seinem Getränk, während er überlegte, ob es zu uncool war, nach den Aquarienfischen zu fragen. Er entschied, dass er sie ohnehin bald zu Gesicht bekommen würde und verneinte stattdessen die Frage. Verärgert bemerkte er, dass er rot geworden war. Er hatte sich noch nie für ein Mädchen erwärmen können. Mit einem Jungen konnte er auch nichts anfangen, da hätte ja das ganze Wohnheim über ihn gelacht, außerdem war er zu schüchtern.

Um von diesem überaus peinlichen Thema abzulenken, fragte Raja seinen Vater weiter aus und erfuhr, dass dieser in einem netten Haus lebte und selber nur Fahrrad fuhr, um die Atmosphäre der Kolonie zu schützen. Kaan erzählte von seinen Urlauben und von der Arbeit in den Cafés. Besonders von der Arbeit und wie viel Freude es ihm machte, was Raja den leisen Verdacht bescherte, dass Kaan ihn als freiwilligen Kellner einstellen wollte.

Sie bestellten sogar noch etwas zu trinken, dann etwas zu essen, ohne aus der Lounge in ein Restaurant zu wechseln, weil eine Sängerin mit wirklich schöner Stimme auf die Bühne kam und sie einen guten Blick auf die Show hatten. Endlich hatte Raja sich soweit gesammelt, dass er fragen konnte, ob Kaan denn verheiratet war. Immerhin würde die Stiefmutter sein Leben deutlich mit beeinflussen.

Kaan sah auf die Essensreste auf seinem Teller und stellte fest, dass es noch immer weh tat, an seinen Ex zu denken. Der Mann hatte ihn belogen, betrogen und ausgenutzt, so dass Kaan ihn schließlich vor die Tür gesetzt hatte, aber er vermisste ihn dennoch. Er verzog die Mundwinkel ein wenig und warf Raja einen Blick zu, doch der junge Mann war verlegen damit beschäftigt, das Schirmchen an seinem Drink anzustarren. "Nein. Ich stand kurz davor, ihm einen Antrag zu machen. Es hat sich anders ergeben, stattdessen haben wir uns getrennt."

"Das tut mir leid... Ihm?!" Raja starrte den Mann an und spürte zugleich, wie ihm heiß wurde. 'Ihm?!'

Verwirrt erwiderte Kaan den Blick. Rajas Wangen hatten sich gerötet, und irgendwie wirkte er fassungslos. Es war Kaan schon seit einer Ewigkeit nicht mehr vorgekommen, dass jemand seltsam reagiert hatte, weil er schwul war, aber Rajas Reaktion erinnerte ihn daran, dass es noch immer Leute gab und wohl immer geben würde, die es für unnormal hielten. Mit einem Mal fürchtete er sich ein wenig. Hatte Raja deswegen Probleme bekommen? Oder hatte er am Ende selber damit Probleme? "Ja. Ihm. Ich habe mit einem Mann zusammengelebt."

Raja legte mit zitternden Fingern die Gabel hin. Er hatte eine verkorkste Mutter gehabt, die nie für ihn da war. Sie hatte ihn nur bekehren wollen zu ihrer Sekte und hatte seine Geburtstage vergessen, wenn sie ihm nicht gerade eine bekehrende Nachricht geschickt hatte. Nun tauchte ein netter Mann auf, der auch Fische mochte und sein Vater war. Der Mann schien auf den ersten Blick nicht übel zu sein. Und kaum hatte Raja sich an den Gedanken gewöhnt, dass er einen Vater hatte, stellte der Mann sich auch als verkorkst heraus.

Raja stand abrupt auf und biss sich auf die Unterlippe. "Warum kannst du nicht normal sein? Ich will nicht..."

Er brach ab und rannte aus der Lounge. Sein Weg führte ihn von der schön verzierten Ebene mit den Geschäften, Restaurants und Bars in die Ebene mit den Schlafkammern hinunter. Er war nur froh, dass sein Vater nicht wusste, in welcher Kabine er schlafen würde.

Kabine war geprahlt, es war ein Bett mit Waschbecken gegenüber. Man konnte darin nur seitlich stehen und bekam Panik, wenn das Licht aus war. Es war ihm jedoch egal, dass er sich die Ellenbogen und Knie stieß. Er warf sich auf die Koje und weinte enttäuscht in das flache Kissen.

 

Kaan war halb aus seinem Sessel aufgesprungen, um Raja aufzuhalten oder ihm zu folgen, aber hatte sich dann doch wieder hineinsinken lassen.

'Nicht normal.'

Er hatte vergessen, dass es weh tun konnte. Mit beiden Händen rieb er sich über das Gesicht, dann lehnte er den Kopf an die Lehne und starrte an die Decke. Dabei war das Gespräch bis zu dem Punkt richtig nett verlaufen, sie waren aufgetaut, hatten sogar lachen können, und dann kam das. Aber er wollte diese Seite von sich nicht verstecken. Es war nicht unnormal.

'Verdammt!' Ob Raja jetzt noch mit zu ihm kommen wollte? Seine Sachen immerhin waren bei ihm.

Er bestellte einen dritten Cognac, dann zündete er sich eine weitere Zigarette an. Doch nach dem ersten Zug rauchte er nicht mehr, hielt sie nur locker und klopfte ab und an die Asche ab. 'Nicht normal. Und was will er nicht? Vielleicht ist er nur... unsicher und verwirrt. Weil er sich ein Bild von mir gemacht hat, das nun nicht passt. Er hat heute viel Neues erfahren. Ich auch. Aber ich kenne ihn trotzdem nicht. Mein Sohn. Der Gedanke ist noch immer seltsam.'

Er beschloss, dass er ihm Zeit lassen wollte, um über alles nachzudenken. Aber er würde hartnäckig bleiben, sollte Raja versuchen, den Kontakt abzubrechen. 'Ich habe dich nicht kennengelernt, um dich gleich wieder zu verlieren.'

 

Dhanu schickte seine Kollegin in den Feierabend, als die Sängerin und der Pianist zusammenräumten. "Ich mach das hier allein weiter, sind ohnehin nur noch die drei Tische." Er fuhr sich einmal durch seine blondierten Haare und warf einen kontrollierenden Blick in den Spiegel hinter den Tresen, dann nahm er den Cognac auf, um zu dem Mann zu gehen, der vor einer kleinen Weile sitzen gelassen worden war.

"Hi. Ich bin ab jetzt für deine Wünsche zuständig, mein Name ist Dhanu." Er lächelte und stellte das Glas ab. "Wenn du noch etwas brauchst, einfach rufen oder an die Theke kommen."

Das erste, das Kaan sah, als er den Blick zu dem Mann mit der angenehm dunklen Stimme hob, waren ungewöhnliche blaugrüne Augen. Dann erfasste er das ganze markante Gesicht. Ein attraktiver Barkeeper, in etwa sein Alter. Kaan erwiderte das Lächeln mit leicht schief gelegtem Kopf. "Danke, Dhanu."

Das Gesicht war hübsch. Weich, von leichter Sorge erfüllt. Die braunen Augen trugen diesen zarten, treuen Hundeblick, der Dhanu immer schwach werden ließ. "Aber immer doch. Feuer?" Er holte ein altmodisches Feuerzeug hervor, als er sah, dass dem Mann die Zigarette ausgegangen war.

"Danke." Kaan klopfte die Asche ab und beugte sich vor, um sich Feuer geben zu lassen. Als die Zigarette wieder glomm, nahm er einen Zug und betrachtete den Mann noch einmal aus den Augenwinkeln, während er den Rauch langsam ausatmete. Die obersten Knöpfe des schwarzen Oberhemds waren offen und ließen vermuten, dass Dhanu unbehaart oder zumindest gut rasiert war, und die hochgekrempelten Ärmel ermöglichten einen Blick auf trainierte Unterarme. Ein wirklich gut aussehender Mann, beschloss Kaan. Ob er vielleicht nach Schichtende Lust auf eine nette Nacht hatte?

Entschlossen nahm er das Cognacglas und stand auf. "Ich komme mit zur Theke, dann musst du nicht dauernd nach hinten in die Ecke laufen." Als er zu ihm hochsah, stellte er fest, dass Dhanu eine ganze Ecke größer war als er.

Dhanu war der Blick nicht entgangen. Es erfüllte ihn mit nicht wenig Stolz, dass er diese Art Reaktion noch immer von Männern jeden Alters erreichen konnte. Sie gingen zur Theke, wo er begann, ein wenig an Gläsern zu polieren.

"Was ist passiert? Wieso ist ein Mann wie du allein hier?", fragte er nach einer Weile, die sie schweigend verbracht hatten.

"Meinst du wegen des Jungen, der vorhin... ja, eigentlich schon geflüchtet ist?" Kaan seufzte und trank von dem Cognac, nachdem er den Zigarettenstummel ausgedrückt hatte. "Das ist mein Sohn. Ich habe ihn heute kennengelernt. Offensichtlich mag er nicht, dass sein Vater schwul ist."

Dhanu grinste. "Und hier bin ich, der immer dachte, dass nur Eltern einem Vorhaltungen deswegen machen. Die Jugend von heute, man glaubt es nicht." Er zögerte, dann legte er eine Hand leicht auf das Handgelenk des Mannes und schlug vor: "Ich mache dir mal meinen Spezialkaffee. Damit lässt sich über alles reden."

Der Spezialkaffee war eigentlich eine kleine Tasse mit starkem Espresso, aber Dhanu fügte dem noch einige Gewürze hinzu. Er stellte das Tässchen vor den Gast hin und lehnte sich an den Tresen. "Wie alt ist der Kleine denn? Es sah mir ganz so aus, als hätte er eine Schuluniformhose angehabt."

Genießerisch schloss Kaan die Augen, als er den feinen Duft des Kaffees einatmete. "Zwanzig. Er ist gerade mit der Schule fertig geworden." Nach einem vorsichtige testendem Schluck, weil das Getränk so heiß war, beschied er: "Deine Spezialmischung ist sehr gut. Die werde ich wohl öfter trinken."

Er stützte sich mit den Ellbogen ab und beugte sich ein wenig vor, dem attraktiven Mann entgegen. "Der Flug bis zu dem Ende der Kolonien, wo ich lebe, ist noch lang. Ich hoffe, ich kann Raja bis dahin davon überzeugen, dass es auch nur eine Art zu leben ist und nichts Unanständiges. Er wollte bei mir wohnen. Und", er zuckte hilflos mit den Schultern, "ich mag ihn. Vielleicht nur, weil ich weiß, dass er mein Sohn ist. Weißt du, wie seltsam das ist, nach zwanzig Jahren zu erfahren, dass du einen hast?"

"Oh, ich bin nahe dran, es mir vorstellen zu können. Ich habe mich zum Glück bisher nie in die Gelegenheit begeben, dass ich solch eine Überraschung befürchten muss." Der Mann hatte den Blick gesenkt, was Dhanu die Gelegenheit gab, sein Gesicht näher zu betrachten, ohne aufdringlich zu sein. Ihm gefielen die Wangenknochen, die dem Mann einen edlen Anschein verliehen. Lächelnd beobachtete er, wie der andere den Kaffee genoss und stellte sich gleich vor, wie er wohl aussehen würde, wenn er andere Dinge genoss. 'Dhanu, du bist schrecklich.'

Ein Blick auf die Uhr an der gegenüberliegenden Wand sagte ihm jedoch, dass er bald schließen sollte, um nicht Ärger zu bekommen.

"Wenn dein Junge so empfindlich ist, dann wirst du wohl mit Gesellschaft auf der Fahrt vorsichtig sein, oder?", testete er seine Chancen an.

Kaan lachte leise und sah dem Mann in die aufregend intensiven Augen. "Ich werde nicht direkt vor ihm stundenlang herumknutschen. Aber es ist mein Leben, und entweder wird er mich so mögen, wie ich bin, oder gar nicht."

"Morgen ist sicherlich auch noch ein Tag. Vielleicht muss er sich auch erst einmal über die Nacht ein wenig abregen." Dhanu erwiderte den Blick und genoss die Vorfreude. Mit einem Mal war er sich sicher, dass er die Nacht nicht allein verbringen würde. "Verrätst du mir deinen Namen?"

"Ah, das hab ich ganz vergessen. Sorry. Ich bin Kaan." Angenehm überrascht stellte Kaan fest, dass Dhanu streicheln konnte, allein durch die Art, wie er einen ansah. Es war ein neckendes, einladendes Liebkosen, das Lust auf mehr machte. Und dieses Mehr war etwas, das Kaan genießen würde, um den Frust und die Nervosität wegen Raja zu verbannen. Er stützte sein Kinn auf den Fingerrücken ab und beobachtete Dhanu ohne jede Scheu, wie er die Bar aufzuräumen begann.

Da Kaan ihn im Blick behielt, gab Dhanu dem Mann reichlich Gelegenheiten, ihn gründlich von allen Seiten zu betrachten, bevor er die Spülmaschine auf Reinigung und Wartung stellte und seine Tücher aufhängte.

"Komm, ich gebe dir noch einen Kaffee aus, Kaan." Dhanu ging um die Theke herum und legte selbstverständlich den Arm um den Mann. Kaan war genau das Stück kleiner und schmaler, dass es ihnen sehr bequem ermöglichte, Arm in Arm zu gehen. Dhanu gefiel der Mann immer mehr. "Auf meiner eigenen Maschine gemacht schmeckt er noch besser."


© by Jainoh & Pandorah