Absturz mit Folgen

2.

Kaan lächelte und begann, sich entgegen seiner Befürchtungen zu Beginn des Tages sehr wohl zu fühlen. Einen Arm um Dhanus Taille schiebend hakte er seinen Daumen in einer Gürtelschlaufe ein und zog ihn dichter. Dhanu sah nicht nur gut aus, er fühlte sich auch gut an, trainiert, und er roch gut, trotz des langen Arbeitstages; Kaan gefiel das sehr. "Noch besser? Da bin ich neugierig. Der hier war schon extrem lecker."

Dhanu hatte eine Kabine für sich allein im Zwischendeck, das die reguläre Reiseklasse von der Ersten Klasse trennte. Es war sicherlich nicht Standard für einen Bartender, aber er war auch kein normaler Mitarbeiter auf der Fähre. Lächelnd öffnete er die Tür mit Fingerabdruck. Der Lichtsensor sprang an, als er Kaan den Vortritt ließ. Es war aufgeräumt und sauber.

Dhanu warf einen schnellen Blick in die Runde zwischen der Küchenzeile und dem recht breiten Einzelbett, dann deutete er auf das flache Sofa. "Nimm Platz, Kaan."

Die Tür zu der Badenische surrte auf, als er eintrat, um auch hier einen Blick schweifen zu lassen. Es lag nichts herum, Dhanu war zufrieden und setzte tatsächlich einen Kaffee für sich und seinen Gast auf.

"Du bist also auf dieser Fähre, um dich mit deinem Jungen zu treffen?" Dhanu deckte breite Tassen und einen Teller mit Keksen. "Was machst du sonst? Bist du oft im daryllischen System unterwegs?"

Kaan war beeindruckt von der Größe der Kabine. Sie war mit Sicherheit dreimal so groß wie seine eigene und nicht gerade das, was er erwartet hatte. Doch vor allem, dass das Bett mehr Platz bieten würde, war eine nette Überraschung. Er ließ den Blick einmal rundum gleiten, dann widmete er sich wieder dem attraktiven Mann, um ihm von seinen Cafés und dem Restaurant zu erzählen.

"Früher bin ich oft gereist, zumeist nur mit einem halbleeren Rucksack und der Fahrkarte und hab mir die anliegenden Planeten angesehen. Jetzt ist das eher selten geworden. Und im daryllischen System war ich noch nie." Er zog sich das Band aus den Haaren und lehnte bequem den Kopf an. "Und du? Bist du hauptsächlich auf dieser Fähre oder wechselst du?"

"Ich bin mal hier, mal dort. Meistens arbeite ich auf Fähren in der Nähe des daryllischen Systems, man wird besser bezahlt, viele haben Angst vor der Arbeit in der Nähe der Daryller." Dhanu goss den Kaffee auf und streifte die Schuhe und Socken ab, während er ihn ziehen ließ.

Sie redeten über die kleineren Planeten in der Nähe der Ferienkolonien um Calderan und tranken den Kaffee über einem Vergleich, wer mehr heruntergekommene Koloniehäfen gesehen hatte. Kaan gewann, weil Dhanu nicht alle seine Besichtigungen mit einbringen wollte.

Als Kaans Tasse leer war, stand Dhanu auf und begann, sein Hemd aufzuknöpfen. "Ich werde jetzt duschen und würde es toll finden, wenn du mir Gesellschaft leistest."

"Ich auch", gab Kaan zu und erhob sich, um zu ihm zu gehen. Er mochte die Geschwindigkeit, mit der Dhanu vorging, sie war genau richtig. Ein wenig Nähe, ein wenig Abstand, in genau dem richtigen Maß. Er konnte nicht widerstehen, ihm das Hemd von den Schultern zu streifen, während seine Fingerspitzen über die warme Haut strichen. Langsam glitt sein Blick über die glatte Brust und die breiten Schultern, dann sah er wieder in Dhanus Gesicht auf, während er sein eigenes Hemd öffnete.

Dhanu half seiner Beute für die Nacht beim Ausziehen und mochte den Anblick, der sich ihm bot sehr gern. "Eine interessante Rückseite hast du da." Sachte strich er an den über der Hüfte tätowierten Flügeln entlang.

Ein warmer Schauer rann durch Kaan hindurch. "Ein Ex meinte, ich bin ein Engel und er müsste mein Paradies betonen. Ich konnte ihn davon abhalten, meinen gesamten Körper dazu zu erklären. Aber das eine Tattoo gefällt mir sehr gut." Er drehte sich um und öffnete Dhanus Hose. "Hast du auch ein paar interessante Geheimnisse?"

Eigentlich meinte er den Schoß, doch als er Dhanu die Hose herunterzog, entdeckte er die kleine Tätowierung auf der rechten Leiste. Sie schimmerte silbern und war winzig, kaum daumengroß. Kaan nahm sie gerne als Entschuldigung, um in die Hocke zu gehen, um sie genauer zu betrachten und Dhanus ansprechendes gutes Stück gleich dazu. Verdutzt las er ausgerechnet einen Frauennamen. "Lola?"

Dhanu grinste. "Ja... es gibt so Sachen, die erzählt man in Ruhe." Er schob die Hose nachlässig von sich, dann umfing er Kaans Hand und zog ihn mit sich zur engen Duschkabine. "Ruhe hab ich jetzt wirklich nicht, wenn ich dich so sehe mit deinem süßen Paradies hier." Er ließ Kaan den Vortritt in die Kabine, um ihm einmal auf das erwähnte Körperteil zu klopfen.

Kaan vermutete, dass er die Geschichte zu der Tätowierung nie erfahren würde, als er das wohl temperierte Wasser einschaltete, das wie ein warmer gleichmäßiger Regen von der Decke herab rieselte. Er fühlte eine gewisse Zufriedenheit dabei. One-Night-Stands hatten den großen Vorteil, dass man nur die angenehmen Seiten mitbekam, für eine Nacht, und sich nicht gefühlsmäßig in irgendetwas binden musste.

Mit geschlossenen Augen hielt er das Gesicht in das Wasser und strich sich die Haare aus der Stirn, dann drehte er sich zu Dhanu um, lächelte und hielt ihm einladend die Hand entgegen. Der Mann wurde noch einmal attraktiver, als er zu ihm kam und sein trainierter Körper von der Nässe zu glänzen begann. Der Anblick erregte Kaan; er zog ihn näher zu sich und strich mit der flachen Hand über seine Brust. 'Ah, er ist zu schön beinahe. Wie eine Statue.'

Dhanu hatte mittlerweile fest vor, sich gleich nach dem Trockenprogramm der Dusche an dem wirklich knackigen Paradies von Kaan zu erfreuen. Er drehte ihn von sich weg und schmiegte sich der Länge nach an den kleineren Mann, um ihn mit einer Hand zielsicher zu umfangen, während er mit der anderen sein Kinn für einen Kuss hob. Er streifte den einladenden Mund jedoch nur einige Male leicht mit den Lippen, bevor er begann, den Hals zu küssen, um seine Hände für die Seife frei zu haben. Langsamer und genießerischer als er eigentlich vorgehabt hatte, verteilte Dhanu den Schaum auf dem anderen Mann. Er biss ihn sachte ins Ohr, dann fragte er leise: "Ich liege oben, ist das recht?"

"Sehr recht." Kaan entfuhr ein leiser Laut des Wohlbehagens. Er lehnte den Kopf gegen Dhanus Schulter und drehte ihn leicht zur Seite, um dem Mann mehr Raum für die erregenden Küsse zu geben. Gleichzeitig griff er um ihn herum und umfasste seinen festen Hintern, um ihn zu massieren und den harten Körper gegen sich zu ziehen. Lasziv bewegte er die Hüfte und rieb sich an der beginnenden Erektion des anderen Mannes.

Dhanu grinste und freute sich noch mehr. Ein guter Fang für die Nacht. Er spülte er die Seife von Kaan und sich erst herunter und stellte das Trockenprogramm ein, als sie beide schon sehr erregt waren. Die Zeit bis zu dem weichen Gong, der ihm sagte, dass die Dusche abgeschlossen war, verbrachten sie mit einer wilden Knutscherei. Sie brachen die Küssen nur kurz ab, um in das Bett zu wechseln.

Kaan machte sich nicht nur nass in der Dusche gut, auch vertrauensvoll und erregt im Bett sah er ganz genau so aus, wie Dhanu sich seine Liebhaber wünschte. Und weil er den Mann so gern ansah und seinem Stöhnen noch lieber lauschte, bot Dhanu ihm auch das Luxusprogramm mit allen Beilagen. Es machte Spaß, Kaan durchs Bett zu scheuchen und so weckte Dhanu ihn nach einer Weile, die sie hinterher gedöst hatten, sogar für eine zweite Runde, bevor er ihn zu seinem Leidwesen in seine eigene Kabine schicken musste.

Er küsste den weichen Mund noch einmal entlang, bevor er die Tür öffnete. "Tut mir leid, dass ich dich nicht hier schlafen lassen kann, Kaan. Meine Arbeitszeiten. Ich hoffe, dass wir uns wieder sehen, das war wirklich großartiger Sex." Er fuhr mit beiden Händen in die weichen, ein gutes Stück zu langen Haare und küsste Kaan noch einmal.

Kaan verlängerte den Kuss, weil Dhanu darin genauso begabt war wie in all den anderen Bereichen, die er hatte kennenlernen dürfen und weil es Spaß machte, ihn zu küssen. Dann biss er ihm mit einem Grinsen ins Kinn. "Ich werde bestimmt öfter in der Lounge sein. Und wenn sich dann noch mal was ergibt... gerne. Du bist gut – aber das weißt du ohnehin."

Er ließ ihn los und wandte sich ab, um zu seiner eigenen Kabine zurückzukehren, ohne sich noch einmal umzudrehen. Es war ihm ohnehin lieber, in seinem eigenen Bett zu schlafen, deswegen störte ihn Dhanus Arbeitszeiten-Entschuldigung nicht. Gemeinsam zu schlafen hatte etwas Vertrauliches, von dem er gar nicht erst den Eindruck erwecken wollte, es zu suchen.

Sehr zufrieden schloss er die Tür hinter sich und ließ sich auf die Matratze fallen. Träge schüttelte er die Schuhe von den Füßen und knöpfte im Liegen das Hemd auf. Dank Dhanu würde er hervorragend schlafen können; er war sogar viel zuversichtlicher, dass er Raja würde klarmachen können, dass schwul nicht abartig war. Mit einem nachlässigen Wedeln in Richtung des Bewegungsmelders schaltete er das Licht aus, warf die Klamotten gerade einmal auf den freien Platz vor dem Bett und rollte sich dann unter der Decke zusammen, um nur wenige Momente später bereits zu schlafen.


Dhanu hatte Kaan nachgesehen, aber mehr um sicher zu stellen, dass der Mann es sich nicht noch einfallen lassen würde, zu ihm zurückzukommen. Ein kurze Blick auf die Zeitanzeige sagte ihm, dass er reichlich Luft hatte. Er trank einen Kaffee, duschte erneut, dann zog er sich die Uniform der Wartungsleute samt einer dunklen, ihm zu weiten Mütze über, schob seinen Handcomputer in die Beintasche und verließ seine Kabine.

Er orientierte sich nach den Angaben in seinem Computer, bis er die Lüftungsklappe erreicht hatte, in die er einsteigen wollte. Dhanu war mit seinen Eins Siebenundachtzig nicht gerade klein und schmal war er auch nicht. Der Weg durch die Lüftungsschächte war somit auch kein Spaziergang für ihn. Doch es lohnte sich. Das Ende des Schachts öffnete sich direkt auf den hochbewachten Flur, wo die Suiten seiner Zielobjekte lagen.

Er lächelte, stieg nach einigen Rundumblicken aus dem Schacht aus und ging mit gesenktem Kopf und ins Gesicht geschobener Mütze an den Kameras vorbei, um in die Klimakontrolle für diesen Flur zu gelangen.

Ein Wachmann kam ihm entgegen. "Hey, was machst du um diese Zeit hier?!"

Der Ton war aggressiv, Dhanu fragte sich, ob bereits etwas vorgefallen war.

"Hey Mann, ich hab mir das auch nicht ausgesucht, mitten in der Schlafenszeit hier herkommen zu müssen", grollte er und zog die Schlüsselkarte durch das Lesegerät. Er wurde freigegeben. "Aber wenn die Meister sich über die Wärme beschweren, muss ein armer Arbeiter wie ich wohl ran. Lass mich bloß in Ruhe!"

Der Wachmann schnaubte, aber wusste keine Antwort als: "Du meldest dich bei mir ab, sonst gibt es Ärger, klar?!"

Die Tür glitt zu und Dhanu grinste. "Vollidiot."

Er zog den Computer wieder hervor, fand die richtigen Sperren und schaltete einige Systeme zusammen, die nicht auf diese Art geschaltet sein sollten. Einige Einstellungen an der Türkontrolle später konnte er locker pfeifend zu seiner Kabine zurückkehren.

Dhanu packte eine kleine Tasche mit seinem Computer, einigen seiner Ausweise, zwei Waffen und den Schlüsseln zu zwei von seinen Häusern. Er war perfekt in der Zeit und trank noch einen Kaffee. Müde rieb Dhanu sich die Augen, während er auf dem Bett liegend an den ersten Teil der Nacht zurückdachte. Kaan hatte ihm erzählt, wo er ein Restaurant betrieb. Es war eine kleine, sehr weit abgelegene Kolonie, auf der sich eine alternative Szene allmählich zu Künstlern und Lebenskünstlern mit Erfolg gewandelt hatte.

Dhanu schob die Finger über die Augen hinweg in seine Haare, dann lachte er. "Ach, wenn ich schon ein Ziel brauche, ist er sicherlich nicht das schlechteste."


Raja wachte von ungewohnten Geräuschen auf und erinnerte sich erst dann, dass er ja in einer Raumfähre unterwegs war, um seinen Vater kennenzulernen. Als nächstes erinnerte er sich daran, welche Enttäuschung er bei Kaan erlebt hatte. Genau in dem Augenblick, in dem er begonnen hatte, den Mann zu mögen.

Er wusch sich notdürftig, soweit es in der Enge seiner Kabine möglich war und zog sich die einzigen legeren Sachen an, die er hatte. Eine Cargohose, die er einem seiner Schulfreunde abgekauft hatte, und ein grünes langarmiges Hemd. Er schob seinen kleinen Handcomputer in die Gesäßtasche und machte sich auf den Weg, um etwas zu frühstücken.

Dabei wollte er sich Gedanken machen, wie er sich bei Kaan entschuldigen konnte. Er war zwar noch immer sauer. Der Mann hätte das ruhig früher sagen können. Er war auch enttäuscht. Nach all den Träumen von einer normalen Familie hatte Kaans lockere Feststellung das Kartenhaus schmerzhaft zum Einstürzen gebracht. Dennoch war es kein Grund, sich so zu benehmen, wie er es getan hatte.

Von einem Kiosk holte Raja sich ein Sandwich und einen Kakao, dann tippte er Kaan eine kleine Botschaft, in der er beifügte, dass er auf der Aussichtsebene sein würde. Mit seinem Frühstück begab Raja sich auch gleich dorthin, um in einem der Sessel zusammengekauert an dem Brot zu kauen und in die vorbeijagenden Lichter zu starren.

Eine warme Frauenstimme verkündete nach einer Weile, dass sie das daryllische System verlassen hatten und im freien Raum seien. Sie wies auf die Infocomputer hin, bei denen man sich über die nächsten Raumhäfen informieren konnte und gab die restliche Flugdauer für all diejenigen durch, die beim Zwischenhalt aussteigen wollten.


Die aufregende Nacht hatte Kaan lange schlafen lassen. Er fühlte sich ausgeruht und wohl, als er schließlich aufstand, um den neuen Tag in Angriff zu nehmen. Nach einer Dusche in beengten Verhältnissen, die es nicht mit dem Luxus von Dhanus Bad aufnehmen konnte, zog er sich die Jeans vom Vortag und ein bequemes langarmiges Shirt über. Während er noch plante, den Tag bei einem Frühstück im Restaurant zu planen, bemerkte er Rajas Nachricht auf dem Display seines kleinen Computers.

Er lächelte erleichtert. Offensichtlich hatte der Junge doch nicht beschlossen, jeden Kontakt abzubrechen. Kaan beschloss kurzerhand, auf dem Aussichtsdeck zu frühstücken und schickte eine Antwort zurück, in der er Raja bat, auf ihn zu warten. Rasch zog er sich Turnschuhe an, kämmte sein noch feuchtes Haar durch und steckte das Haarband in die Hosentasche, um sich später einen Zopf binden zu können. Dann verließ er seine Kabine und steuerte das Aussichtsdeck an.

Raja hatte den Eingangsbereich nicht beachtet, nachdem eine ganze Weile lang keine Antwort gekommen war. Als sein kleiner Computer ihm die Bitte von Kaan zeigte, drehte er seinen Sessel herum und starrte auf die Tür, um ihn zuerst sehen zu können.

Er war sich nicht sicher, was er sagen sollte. Noch immer fühlte er sich unwohl bei dem Gedanken, dass sein Vater, mit dem er nun leben sollte, mit einem anderen Mann zusammen sein wollte. Er fühlte sich vor allen Dingen bei dem Gedanken unwohl, was er selber dabei fühlte. Die anderen Jungs an seiner Schule hatten alle stets mit ihren Eroberungen geprahlt, Raja selber hatte zwar einige Verabredungen auf ein Eis oder einen Besuch im Aquarium gehabt, aber über Küsse war es nie hinausgegangen. Er hatte sich langweilig und uninteressant neben den anderen gefühlt und fürchtete sich davor, wie er sich neben Kaan fühlen würde.

Sein Vater kam mit Jeans und dunkelgrünem Hemd bekleidet durch die Tür und sah von weitem auf jeden Fall jünger aus, als er war. Vielleicht waren es die langen Haare, vielleicht auch die beschwingte, irgendwie fröhliche Art, mit der er auf Raja zu kam. Raja musste grinsen und konnte gar nicht mehr nervös sein, auch wenn er noch immer nicht wusste, wie er seine Gefühle in Worte fassen sollte.

Kaan erwiderte das Grinsen mit einem breiten, erleichterten Lächeln. Es war gut gewesen, dass er Raja am Abend nicht hinterher gelaufen war. Der Junge schien wesentlich gelöster. Er winkte ihm zu und wurde eine Spur schneller.

"Hey, guten Morgen. Danke, dass du gewartet hast", sagte er, als er ihn erreichte. Er stützte sich mit den Händen leicht auf einen Sessel gegenüber von Raja und wies mit dem Kopf auf ein Café am anderen Ende der Ebene, dem mit reichlich Pflanzen und einer terrassierten Fläche der Eindruck verliehen worden war, als befände es sich unter freiem Himmel und nicht in einem Schiff. "Hast du schon gegessen? Ich lad dich ein. Ich bin gerade erst aufgestanden und noch nicht zum Frühstücken gekommen. Mit leerem Bauch bin ich immer etwas unkonzentriert."

"Ja, ich hab schon gegessen, aber ich komme mit." Raja folgte seinem Vater zu einem der kleinen Tische.

Nichtsdestotrotz gab Kaan ihm einen Kakao aus, als er sich ein Frühstück aus Rührei mit Speck, Toast und einer großen Tasse Milchkaffee bestellte. Natürlich entschuldigte er sich nicht, aber erklärte Raja, warum er sich nichts dabei gedacht hatte, sein Schwulsein nur nebenbei zu erwähnen. Er hatte den Eindruck, dass Raja es verstand, selbst wenn es ihm sichtlich unangenehm war und er errötete, so dass Kaan danach erst mal das Thema wechselte. Bewusst wählte er die Aquarien in seinem Restaurant und erzählte von den Fischen und Pflanzen darin, was eine ganz neue Seite an seinem Sohn hervorrief – reges Interesse, glänzende Augen und detaillierte Fragen.

Als er sein Frühstück beendet hatten, waren sie wieder in eine entspannte Unterhaltung vertieft, die nichts mehr von Rajas abrupten Abgang erahnen ließ. Kaan begann sogar, sich richtig auf die Zeit mit seinem Sohn zu freuen.

"Das Meer ist nicht weit von der Stadt", erzählte er vergnügt und kramte nach seinem Portemonnaie, um zu zahlen. "An der Küste gibt es eine Touristenattraktion, die dir gefallen wird. Sie haben gläserne Tunnelsysteme gebaut, die viele Kilometer weit nach draußen reichen. Man kann sie entweder durchwandern oder mit ferngesteuerten Gleitern durchfliegen."

Er stockte, tastete noch einmal irritiert nach und stellte fest, dass er ohne jegliche Karte sein Zimmer verlassen hatte. "Raja, kannst du hier einen Moment lang ohne mich ausharren?" Unbehaglich schnitt er eine kleine halb witzig gemeinte, halb verlegene Grimasse. "Bestell dir noch einen Kakao oder was immer du willst. Ich habe mein Portemonnaie liegen lassen und muss es holen."

"Wehe du lässt mich mit der Rechnung sitzen." Raja verschränkte die Arme, aber versprach in gnädiger Stimmung, auf Kaan zu warten.

Kaan war gerade ein paar Minuten weg und die Bedienung kam an den Tisch, um Raja nach weiteren Wünschen zu fragen, als die grünen Lampen über den Ausgängen auf orange schalteten und zu blinken begannen. Die dunkle, weiche Frauenstimme begann, abwechselnd in verschiedenen Sprachen Anweisungen zu geben. Hier und dort wurden Rufe lauter und Raja starrte erschrocken zur Tür.

Überall erschienen in die Luft projizierte hellblaue Pfeile, die Frauenstimme kam bei einer Sprache an, die Raja verstand und forderte ihn auf, so schnell er konnte zum nächstmöglichen Rettungsflieger zu gehen und dabei den Pfeilen zu folgen. In der Ebene mit den Cafés war es derart voll, dass Raja statt den Pfeilen zu folgen einfach zu der Ebene mit dem Schwimmbad hochfuhr. Er lief den Gang entlang, auch hier wiesen die leuchtenden Pfeile ihm den Weg.

Als er eine Rettungskapsel bestieg, wurde hinter ihm von vorbeilaufendem Personal die Tür verschlossen, obwohl er allein darin saß.

"Hey! Das ist Verschwendung!" Aber niemand hörte oder achtete auf ihn.

Es zischte leise, dann schloss sich eine zweite Tür und Raja spürte, wie der Druck in der Kapsel zunahm. Eine ruhige Stimme forderte ihn auf, sich einen Platz zu wählen und anzuschnallen. Mit zitternden Fingern leistete Raja dem Folge. Als nächstes sollte er eine Strahlenschutzmaske aufsetzen, das Sichtfenster dunkelte ein, um seine Augen zu schützen, es wurde fast schwarz um ihn her. Raja hörte ein leises Zischen, das immer lauter wurde und schließlich mit einem kleinen Knall und Ruck endete.

'Kaan!' Panik machte sich in ihm breit, doch Raja kam zu keinem schlauen Gedanken mehr, denn seine Kapsel wurde mit unangenehmer Beschleunigung abgeschossen und suchte trudelnd nach dem nächsten sicheren Ort. Raja hörte, wie die freundliche Stimme ihn zur Ruhe mahnte und darum bat, im Interesse seiner Augen die Maske nicht abzusetzen.

Dann wurde der Kurs stetiger, nur noch leises Zischen drang an Rajas Ohren, und lange Zeit spürte und sah er nichts anderes, so dass er eindöste. Der Sauerstoffgehalt der Kapsel musste auf Sparmodus geschaltet worden sein, sein Rajas Kopf wurde schwer, seine Gedanken trübten sich und endlich schlief er ein.

Er konnte nicht sagen, wie lang er dahin getrudelt war, teils wach, zum Teil in einen unwirklichen Schlaf gefangen. Doch mit einem Mal setzte ruckartig weiteres Zischen ein, die Kabine, in der er saß, erwärmte sich merklich. Die freundliche Stimme forderte ihn auf, seinen Kopf nach vorn gegen die weichen Kissen zu pressen, um bei der Landung möglichst wenig Schaden zu nehmen. Doch zu Rajas Pech überschlug sich seine Kapsel bei der Landung, so dass er nach einigem Geschüttel und Gerüttel kopfüber liegen blieb. Er kam durch das verrutschte Schutzkissen nicht einmal an die Maske heran, um sie abzunehmen.


© by Jainoh & Pandorah