Absturz mit Folgen

4.

Vin schwitzte, und es machte es nicht besser, dass er sich das kleine Pferdchen mit Lio teilen musste. Er hatte Lio gerne, keine Frage. Die zierliche blonde Puppe war süß. Sie küssten sich oft und hatten viel Sex. Aber auf der Wüsteninsel, die sie von einem Ende zum anderen überquerten, um zum nächsten Hafen zu gelangen, war es einfach zu heiß. Am Abend, wenn es abkühlte und sie an einer Oase rasteten und gemeinsam ein Lager teilten, war das natürlich wieder etwas anderes, aber jetzt war Nähe unangenehm.

Ein wenig neidisch sah er zu ihren Führern, zwei braungebrannten Meta, und zu Mel und Gara hin, die jeder ein Reittier für sich hatten. Gara war Lios Vater und Mel dessen Gefährte. Vin mochte auch sie gerne und war froh, mit ihnen zusammen reisen zu können, selbst wenn sich ihre Wege am Fährhafen trennen würden. Er hatte seine eigene Reise zur Suche eines Gefährten vor einigen Inseln abgeschlossen, weil er wieder an seinem Ausgangspunkt angekommen war. Dort waren sein Vater und dessen Gefährte zurückgeblieben, während Vin sich aufgemacht hatte, um sein Glück in der Ferne zu versuchen. Er freute sich schon darauf und war fast ein wenig dankbar, dass er nicht auf Caley fündig geworden war. Wie aufregend würde es sein, fremde Völker kennenzulernen! Selbst wenn die Gefahr drohte, dass er sehr vorsichtig sein musste, wenn er unter ihnen seinen Gefährten fand. Fremde hatten oft Probleme damit zu verstehen, was ihnen widerfuhr, wenn sie sich an einen Caley banden.

Vin hatte schon erschreckende Beispiele der Anpassungsstörung gesehen. Besonders Menschen neigten dazu, sich erst einmal fast umzubringen, bevor sie begriffen, was es mit dem Binden auf sich hatte. Er erinnerte sich nur zu gut an den sturen, blonden Menschen, den Devi von seiner Reise mitgebracht hatte und der Devi lieber erschlagen hätte, als ihn zu sich zu lassen. Wie fürchterlich hatte der Mensch ausgesehen! Er hatte so sehr gelitten, dass Vin sich fest vorgenommen hatte, seinem Gefährten so ein Leid zu ersparen.

Seine Gedanken wurden abrupt zurück in die Gegenwart geholt, als etwas mit ohrenbetäubendem Dröhnen über sie hinweg zischte. Das Reittier scheute und hätte Vin und Lio beinahe abgeworfen, doch es gelang ihnen gerade noch so, es wieder unter Kontrolle zu bekommen. Das Dröhnen verstummte mit einem Krachen und ließ die Stille hinterher um so tiefer erscheinen.

"Was ist da wohl passiert?", fragte einer ihrer Führer und wendete sein Reittier bereits, um nachzuschauen.

Es war nicht weit zu der Unglücksstelle. In weitem Umfeld waren Metallteile verstreut, und das Objekt, das dafür verantwortlich war, hatte einen flachen Krater im Wüstensand hinterlassen.

Neugierig hüpfte Vin von dem Pferdchen runter, als sie näher an das runde Ding kamen, das zerdellt am tiefsten Punkt lag. Es war geschwärzt, als hätte es gebrannt, etwas wie Beine ragte in Richtung des Himmels und ließ ihn vermuten, dass es auf dem Rücken aufgekommen war. Außerdem hatte es eine Tür.

"Ist das ein Raumschiff?", fragte er mit großen Augen.

Mel beäugte das Ding und schüttelte den Kopf. "Eher nicht. Dafür ist es zu klein."

Raja hörte Stimmen und rief schwach um Hilfe, auch wenn er sich, auf den Kopf gestellt, zerschrammt, zerbeult und mit schwarzer Maske vor dem Gesicht, kaum bewegen und auch nicht wirklich sprechen konnte.

Gara hob den Kopf und schob seinen Sohn Lio sofort hinter sich. "Es ist jemand in dem Ding gefangen!" Er legte den Kopf schief und starrte die Tür an, nicht sicher, wie sie dem Wesen darin helfen konnten.

Prüfend musterte Mel die Kapsel, bevor er mit den beiden Führern bis zu der Tür ging. Sie strahlte Hitze aus, aber war nicht mehr so heiß, dass man sich verbrannte. Eine verbogene Stange ließ so etwas wie einen Türgriff erahnen, und Mel zog daran. Es tat sich nichts. Nachdem sie alles abgeklopft hatten und an jedem hervor ragenden Stück Metall gedrückt und gezerrt hatten, glitt plötzlich die Tür mit einem entsetzlichen Pfeifen und Zischen ein winziges Stück zur Seite und ließ sie erschrocken zurückspringen.

Eine kleine Weile beäugte Mel misstrauisch den Spalt, ob sich noch etwas tun würde – nicht, dass die ganze Kapsel mit einem Mal in die Luft flog. Als sich nichts rührte, packte er die Tür und stemmte sich mit seiner ganzen Kraft dagegen. Es gelang ihm, sie so weit aufzudrücken, dass er sich halbwegs hindurchschieben konnte, aber ganz öffnete sie sich nicht.

"Hallo?", rief er nach drinnen.

Die Stimme war männlich und recht tief. Raja seufzte erleichtert: "Ich bekomme die Maske nicht herunter. Es wäre wirklich nett, wenn Sie mir... "

Der Rest seiner Rede ging in einem Schrei unter, als jemand ihn packte und aus den Sitzgurten und Schutzkissen befreite. Es war verdammt heiß gewesen in der Kapsel, aber Raja stellte fest, dass es draußen noch heißer war. Er brauchte eine Weile, um die Maske zu öffnen, dann blinzelte er halb blind von der stechenden Sonne zu seinen Rettern hin. Rote und violette Punkte tanzten vor seinen Augen. Erst nach und nach konnte er wieder sehen.

Er hatte sich militärische Uniformen vorgestellt, Menschen mit Abzeichen und Namensschildern. Ihm entgegen blickten die gebräunten Gesichter von vier sehr, sehr großen Männern, die nicht menschlich waren, wenn sie auch Menschen sehr ähnlich sahen. Ihre Haare umstanden die Köpfe in wilden Löwenmähnen, das allein war schon ungewöhnlich und ein wenig erschreckend. Bekleidet waren sie mit ärmellosen Hemden und halblangen Hosen; helle Tücher, die sie sich umgelegt hatten, schützten sie vor der Sonne.

Raja erhielt einen Schluck Wasser aus einem Ledersack, einer der vier Männer reichte ihm süße Früchte. Als er dankend annahm, noch immer nicht fähig, etwas zu sagen, kamen hinter einer Gruppe von Reittieren zwei kleinere Versionen hervor und betrachteten ihn aus großen Augen neugierig. Auch sie trugen der Umgebung angepasste leichte Kleidung.

"Wo... " Raja hustete und wischte sich über die Augen, die ihn noch immer schmerzten. "Wo bin ich?"

Entzückt starrte Vin den hübschesten Menschen an, den er je gesehen hatte, und das obwohl dieser rotgesichtig und zerschrammt war. Allein seine großen, dunklen Augen waren wunderschön, und das hellbraune Haar war zwar vollkommen zerzaust, aber auf eine ganz besonders niedliche Art.

"Auf der größten der Sandinseln", sagte er hilfreich.

"Auf Caley", fügte einer der Führer brummelnd hinzu.

"Sandinseln...?" Raja blinzelte den Kleinen an, der zuerst gesprochen hatte. Lichtblitze tanzten durch sein Bild von allem, aber dieser Kleine war wirklich niedlich auf eine Art. Etwas an der Stimme hatte ihn in eine deutlich bessere Stimmung versetzt. Doch sein durchgeschütteltes Gehirn lieferte ihm gnadenlos noch einige weitere Informationen. Er war auf Caley. Er hatte von dem Planeten gehört, aber wusste nicht mehr was genau es mit ihm auf sich hatte. 'Es fällt mir wieder ein.'

"Werden mich die Rettungsleute holen?", fragte er den großen hellblonden Mann neben sich hoffnungsvoll.

Gara lächelte. Der kleine Mensch war ein netter Fund. Sie würden im nächsten Dorf eine tolle Geschichte zu erzählen haben. Er zog den Jungen auf die Füße. "Wir bringen dich zum nächsten Dorf. Es ist nicht mehr weit und die Hitze nimmt bis zum Mittag derart zu, dass wir auch erst einmal eine Rast machen sollten. Mel, gib mir doch noch eines der Tücher, damit er nicht so sehr in der Sonne ist."

Vin half eifrig mit, als sie ihr Mittagslager aufschlugen, dessen wichtigster Part das große Tuch war, das von zwei Stangen gestützt als Schattenspender diente. Darunter breiteten sie ein zweites aus, damit man nicht auf dem glühenden Sand sitzen musste. Vin konnte den Blick kaum von dem Mensch abwenden, und als sie endlich fertig waren, füllte er sofort einen großen Becher mit Wasser, um ihn dem Mann anzubieten, und setzte sich neben ihn. "Hier, du hast bestimmt noch Durst. Wie heißt du? Ich bin Vin."

"Raja." Kurz überlegte er noch, ob Nachnamen von Wichtigkeit waren, dann vergaß er den Gedanken schon wieder, weil die beiden riesenhaften Männer, die sich ihm als Gara und Mel vorgestellt hatten, sich küssten. Sie küssten sich nicht nur einmal kurz und schnell, wie unter Brüdern, sie warfen sich förmlich übereinander und knutschten rum. Raja spürte, wie ihm Hitze über das Gesicht zum Hals lief, hastig wandte er sich ab und der weitläufigen Wüstenlandschaft zu, die sie umgab.

Besorgt beobachtete Vin, wie der Mensch noch röter wurde, als er ohnehin schon war. 'Er ist empfindlich, wir werden gut auf ihn aufpassen müssen.' Auffordernd schob er den Becher weiter zu ihm hin. "Du verträgst die Hitze nicht gut. Du musst mehr trinken, Raja. Du musst hier viel trinken, weil es nicht nur heiß, sondern auch trocken ist. Wo wolltest du denn eigentlich hin, bevor du abgestürzt bist?"

Raja nahm den Becher und versuchte, seine Gedanken zu ordnen. "Ich wollte zu der Kolonie reisen, in der mein Vater wohnt... wollte? Na ja, ich sollte."

Der kleine blonde Junge, der sich mit Lio vorgestellt hatte, schmiegte sich zu den beiden großen Männern in den Schatten. Der blonde Mann begann, ihm die Haare mit kleinen Perlen einzuflechten. Raja war dankbar, dass sie ihn nicht mehr weiter beschämten.

Vin bemerkte den Blick, dann fiel ihm ein, dass Menschen am Anfang wenig wussten und noch weniger verstanden. "Gara ist Lios Vater, und Mel ist Garas Gefährte. Lio ist ihre erste Puppe, und sie suchen gerade seinen Gefährten", erklärte er freundlich. "Warum fliegst du zu deinem Vater, wenn du nicht hin willst? Da kannst du ja beinahe froh sein, dass du hier gelandet bist."

"Ich kannte meinen Vater nicht bis gestern. Ich habe erst vor wenigen Wochen erfahren, dass es ihn gibt." Raja warf einen Seitenblick auf den zierlichen Jungen mit dem hübschen Schmuck um Hals, Taille und die Handgelenke und dann hinüber auf die dreiköpfige Familie. "Meine Mutter hat ihn einfach nie erwähnt, außer wenn sie mir befohlen hat, ihn nie zu erwähnen. Wo sind deine Eltern?"

"Ach, ich habe meine Reise vor einiger Zeit beendet, ohne meinen Gefährten gefunden zu haben. Mein Vater und sein Gefährte sind auf der Insel zurückgeblieben, auf der ich geboren wurde. Ich reise nun zum Raumhafen, um mich woanders umzusehen." Vin legte den Kopf schief und lächelte den hübschen Menschen an. Er wusste, was eine Mutter war, er hatte schon einige Frauen auf Caley gesehen, auch wenn er ihren Anblick noch immer überraschend fand. Nicht hässlich, aber ungewohnt. "Warum haben deine Mutter und dein Vater nicht zusammen gelebt? Haben sie sich nicht sehr vermisst?"

"Nein, es war... ich war eine Art Unfall. Er wusste nicht einmal, dass es mich gibt. Meine Mutter ist vor kurzem gestorben, und nun hab ich erfahren, dass es ihn überhaupt gibt." Raja dachte an Kaan und daran, dass sie einige Dinge gemeinsam hatten. Einen Teil des Gesichtsschnittes. Er sah zu den anderen hinüber, dann fragte er den Jungen neben sich: "Du bist also schon herumgekommen, Vin. Wie weit ist es bis zum Raumhafen?"

"Ein paar Wochen. Je nachdem, wie die Fähren fahren. Und wie viele Feste es gibt." Vin lachte auf. "Für so einen schönen Menschen wie dich, der ganz ohne Gefährten ist, wird es viele Feste geben."

Er streckte die Hand aus, um Rajas Finger zu drücken, aber dann hielt er mitten in der Bewegung inne und zog sie wieder zurück. Unsicher blinzelte er. Er wollte den Menschen berühren. Er wollte ihn gerne berühren. So gerne, dass er sich zu fragen begann, ob es eine gute Idee war. Sein Blick wurde nachdenklich, dann rauschte ein aufregendes Prickeln durch seinen Körper. Sein Lächeln vertiefte sich noch, als er Raja in die Augen sah. "Ich hoffe, du feierst gerne."

Raja starrte den Jungen an. "Feiern? Ja. Vermutlich schon."

Der andere Junge winkte ihm zu. "Komm zu uns! Wir essen jetzt was, dann schlafen wir die Hitze weg. Vin! Komm auch zu uns!"

Raja nickte und näherte sich der Gruppe schüchtern, aber der Junge umfasste seine Hand und zog ihn in die Runde. "Ich bin Lio, das hat Vin dir schon erzählt, ja?" Seine blauen Augen blitzten fröhlich, dann lachte er seinem Vater zu. "Er passt nicht zu mir, Gara!"

Sie aßen frisches und getrocknetes Obst und Brot im Schatten des Tuchs. Raja erfuhr, dass die Kleinen Puppen hießen und die Großen Meta, dass sie alle Caley waren und die auffälligen Tätowierungen Zeichnungen, die auf der Haut erschien, wenn sie ihren Gefährten erkannt hatten. Die Intensität der Zeichnung zeigte offenbar auch den Zustand des Caley, jedenfalls erwähnte Gara, dass seine Zeichnung so blass geworden war, seit Lio erwachsen war.

Lio verwirrte Raja vor allem dadurch, dass er sich an ihn drückte, was zum einen zu heiß wurde und zum anderen wirklich peinlich. Außerdem verwirrte es Raja, dass er Vin in die Seite stieß und ihn aufforderte, Raja zu berühren.

Er folgte dem schwarzhaarigen Mann daher zu den Reittieren, als dieser die Schalen wegpacken ging, bevor sie alle schlafen sollten. Während er ihm das restliche Obst und die Messer reichte, fragte er unsicher: "Mel? Warum soll Vin mich anfassen? Ist es etwas kulturelles?"

"Ich wundere mich, dass er es nicht schon längst getan hat." Mel öffnete einen Korb und legte das Obst hinein, darauf die in ein Tuch eingeschlagenen Messer, und verschloss ihn wieder. "Durch die Berührung merkt man, ob man zueinander passt. Es bindet die Gefährten aneinander."

"Bindet? Aber ich bin ein Mensch!" Mit einem Mal erinnerte Raja sich wieder an die Schulstunde, in der er etwas über Caley gelernt hatte. Er zuckte zusammen und sah sich um. Vin und Lio waren jedoch in sicherer Entfernung. Sein Lehrer hatte ihnen gesagt, dass sie die kleinen Caley, die sich Puppen nannten, nicht berühren durften, weil es gerade bei männlichen Menschen sein konnte, dass dies zu einem Leben auf Caley führen würde. Zwangsweise.

"Man muss hierbleiben, wenn es passiert?", fragte er nach und reichte Mel die Tücher, die sie zum Abwischen verwendet hatten.

"Danke. Du willst hier bleiben, wenn es passiert", erklärte Mel sicher. "Dein Gefährte wird wandeln und eine Larve bekommen, und sie kann unmöglich fern von Caley geboren werden und zur Puppe heranwachsen. Außerdem ist Caley der schönste Planet von allen. Ich würde nicht woanders leben wollen."

Raja nickte stumm. Er war vermutlich zu schockiert, um schockiert zu sein. Während er Mel zu den anderen folgte, sich dankend unter dem Sonnenschutz zusammenrollte und tatsächlich einschlief, hatte er das Gefühl und die Hoffnung, dass er sich nur in einem lebhaften Alptraum befand.

Dem war nicht so. Er wurde von den Stimmen der anderen geweckt und sah zu seinem Entsetzen, dass sich der blonde Lio schon wieder an ihn geschmiegt hatte. Hastig rückte Raja ab und schob an den langen Hemdärmeln, seine Kleidung war viel zu warm. Gara versicherte ihm zwar, dass es kein Problem sein würde, in der nächsten Oase, in der sie auch für einen oder zwei Tage rasten wollten, Kleidung zu schneidern. Raja würde diese gegen die brauchbaren Kleinigkeiten aus der Rettungskapsel tauschen, die sie herausgeholt hatten. Brauchbar hatten die beiden Meta zwei helle Decken und etliche Kabel sowie zwei Spiegel und das Glas aus der Innentür gefunden. Diese Sachen waren bereits auf den Lastentieren verstaut worden. Die Oase war für die Verhältnisse in der Wüste nahe gelegen, aber den Tagesritt dorthin würde Raja überstehen müssen.

Es wurde sehr anstrengend für ihn. Er saß bei einem der großgebauten Meta mit auf dem Reittier und schwitzte mehr als in seinem vorherigen Leben zusammen. Er war erschöpft und gegen Abend nahmen seine Kopfschmerzen so stark zu, dass ihm davon übel wurde.

Die kräftige Sonnen gingen äußerst effektvoll unter, Abendwinde brachte eine sehr angenehme Abkühlung und nach einer kurzen Zeit der Dämmerung gingen Monde auf, die derart grell schienen, dass Raja noch mehr Kopfschmerzen bekam.

Als er gerade dachte, dass sein Hintern taub war und er sicherlich von der Übelkeit durch die Schmerzen bald brechen würde, stupste der Meta ihn leicht an und sagte leise: "Wir sind gleich da, mein Kleiner. Du kannst dort baden und dich ausruhen."

Sie folgten schon seit dem Nachmittag kurz nach der Pause einem kleineren Bergkamm, um den sie nun auf einem Pfad abbogen, der von schön bemalten Steinreliefs gesäumt wurde. Kleine Töpfchen mit Räucherstäbchen, getrockneten Blumen und Gewürzhügelchen waren in den Mauernischen zwischen den bunten Bildern zu sehen. Der Meta, mit dem Raja ritt, erklärte ihm, das hier die Asche der verstorbenen Caleypuppen, denen kein Gefährte vergönnt war, untergebracht wurde. Ihre Eltern und Geschwister und einfach auch nur reisende Puppen, die hier vorbeikamen, machten ihren Geistern Geschenke und baten sie um mehr Glück bei ihrer Suche.

Vin und Lio stiegen auch von ihrem Reittier ab und legte Kaktusblüten, die sie gesammelt hatten, in eine der freien Nischen. Spontan trat Raja zu der Mauer hin, nachdem er etwas getrunken hatte und kramte in seiner Tasche nach etwas, das er geben könnte, um auch für sich um Glück zu bitten. Seine tastenden Finger fanden die Codekarte, mit der er seine Kabine im Fährschiff hatte betreten können. Er seufzte, dann schob er die Karte in ein freies Fach und ließ sich von Gara, der bei seinem Sohn stand und mit ihm bat, auch ein Räucherstäbchen geben.

Vin freute sich, dass Raja den Geistern ebenfalls etwas geben wollte. Er lächelte ihm zu und legte eine Kaktusblüte zu dem unscheinbaren Stück Plastik, damit die Bitte des Menschen ein wenig hübscher und eher gehört wurde. Er selber hatte nicht um einfach nur Glück gebeten, er hatte ganz speziell nach Raja gefragt.

Den ganzen Tag über hatte er sich solche Sorgen um ihn gemacht, weil es ihm so schlecht ging, dass es nicht anders sein konnte, als dass dies sein Gefährte war. Vin war sich sicher, dass es nicht einfach werden würde, ihn von einem Caleygefährten zu überzeugen, ohne ihn zu berühren, weil er es sich immer mehr zu wünschen begann. Aber er wollte ihn nun noch viel weniger verschrecken.

Sie machten nur kurz noch einmal Rast, dann überquerten sie den Bergkamm weiter und kamen gerade im nächsten Tal an, als die Monde sich bereits dem Horizont näherten. "Wir sind da, Raja! Dort unten ist das Dorf", tröstete Gara ihn gerade, als er schnuppernd den Kopf hob. Der Duft von frischem Grün und süßem Obst wehte vom Tal zu ihnen hinauf. Als nächstes hörte Raja das Rauschen von Palmblättern und Gurgeln und Plätschern von Wasser. Es lief von einer Quelle im Berg kommend über schmale steinerne Rinnen zwischen den Gärten hindurch, in denen leise summend oder fröhlich singend die Caley im Mondlicht arbeiteten.

Palmbäume bewegten sich im kühlenden Wind, es duftete nach Früchten und frischem Gemüse, Blumen säumten wild wuchernd die kleinen Mäuerchen und Wege. Jemand kochte vor einem kleinen Gartenhaus auf offenem Feuer eine Suppe, darum herum war ein kleines Fest im Gange. Musik klang zu ihnen hinüber und Einladungen. Die beiden Führer der Gruppe begrüßten etliche der Caley mit Handzeichen oder gar einem Kuss.

Das Dorf selber war keines im eigentlichen Sinne. Raja kniff die Augen, aber er konnte nur eine hell gekalkte Wand mit schmalen Schlitzen sehen. Pfade und reich verzierte Brücken führten an der Außenseite entlang, auf ihnen herrschte reges Treiben. Etliche Meta und Puppen gingen dort umher, trugen Obst und Gemüse in Körben oder trieben stämmige Ziegen vor sich her.

Sie stiegen an einem in den Gärten gelegenen Stall ab und entließen ihre Reittiere in die Freiheit. Unzählige der kleinen Pferdchen grasten dort oder wälzten sich im Staub. Die Caley, die sich um sie kümmerten, versprachen Gara und Mel, dass sie frische und ausgeruhte Tiere für ihre weitere Reise bekommen würden. Auch hier wurde viel geküsst, und ehe er sich versah, war Raja von einigen Neugierigen umringt. Etliche Puppen wollten ihn anfassen und gar küssen.

Raja war dankbar wie nie, als Gara ihm eine Hand auf die Schulter legte und im Befehlston sagte: "Dieser kleine Mensch muss sich erst einmal erholen. Er ist erst heute Mittag vom Himmel gestürzt. Komm mit, Raja, wir gehen baden."

Sie gingen auf die Wand zu und durch einen der schmalen Durchgänge hinein. Im Inneren befand sich eine Art Hochhaus. Die Wohnungen und kleinen Läden waren übereinander in den Berg gebaut worden und durch enge Treppchen und Brücken miteinander verbunden. Überall lief Wasser in kleinen Rinnen und Kanälen vom Berginneren zu den Wohnungen hin, Haustüren schien es nicht zu geben, und die Wohnräume, in die Raja auf ihrem Weg zu ihren Gastgebern hineinsehen konnte, waren alle gleich aufgebaut. Farbenfroh mit Mosaiken verzierte Küchen mit großen Esstischen und einem riesenhaften Herd bildeten den Hauptwohnraum, von dem aus man durch teppichverhängte Stiegen und Torbögen in weitere Räume gelangen konnte.

Caley in Meta- und Puppenform waren überall vertreten, überall gingen sie Arm in Arm, schmusten oder küssten einander. Vor allem die beiden Puppen Lio und Vin wurde immer lebhafter, je weiter sie ins Innere des Dorfes gerieten. Als sie vor dem Badehaus ankamen, hatten die beiden schon etliche Einladungen zu Feiern in der Nacht und am nächsten Abend erhalten.

Das Badehaus war offenbar mit heißem Wasser versehen und für alle Caley des Dorfes gedacht. Eine Vielzahl steinerner Tröge und größerer Becken standen in unterschiedlichen Räumen. Gara schleifte Raja und seinen Sohn Lio mit in einen der Räume, Mel und Vin folgten ihnen. Noch bevor Raja sich in dem Raum umgesehen hatte, forderte Gara ihn auf: "Gib mir deine Kleidung. Ich nehme Maß und rede mit zwei Schneidern, damit du noch heute frische Sachen bekommst."

"Aber ich..."

"Du hast nichts anderes hier und nach dem Bad willst du sicherlich nicht mehr in diese Sachen hinein, oder? Lio! Mach keinen Unsinn mit Vin, komm lieber mal her und hilf Raja, du hast ihn immerhin schon berührt."

Betäubt ließ Raja sich beim Ausziehen helfen und von dem kleinen Lio zu einer der Wannen schieben. Das warme Wasser tat unendlich gut. Mel goss ihm sogar noch heißes dazu und gab Kräuter hinein, die seine Kopfschmerzen mildern sollten. Raja schloss die Augen und vergaß, dass es ihm peinlich sein sollte, vor diesen Wesen nackt zu sein. Es war einfach zu viel in zu kurzer Zeit passiert, um über Kulturen nachzudenken.


© by Jainoh & Pandorah