Absturz mit Folgen

5.

Vin war sich sehr sicher, dass Raja nicht mit ihnen zu den Festen gehen würde. Sein Mensch sah viel zu müde aus dafür, und Vin wollte Gara nachher bitten, auf ihn aufzupassen, damit er sich auch wirklich ausruhte. Er runzelte die Stirn. Außerdem musste er Gara etwas sehr Wichtiges fragen, das ihm mit einem Schlag eingefallen war, als all die Puppen sich um seinen Raja gedrängt hatten.

Doch da sie hier Ruhe hatten, zog er erst einmal Lio mit zu sich in die Wanne und küsste seine Schulter entlang, ehe er vergnügt begann, ihn einzuseifen und ihm die Haare zu waschen; dann tat Lio das gleiche für ihn. Sie halfen sich auch gegenseitig beim Abtrocknen, was nicht ohne Küsse abging, denn einerseits küsste Vin einfach zu gerne und andererseits küsste Lio zu gut.

Als Raja sich noch immer nicht gerührt hatte, nachdem Vin und Lio fertig waren, legte Vin weiche Tücher neben die Wanne und ging bei Raja in die Hocke. Einen Moment lang betrachtete er ihn mit einem Lächeln; sein Mensch war so hübsch und schlank, und diese schönen Hände konnten bestimmt gut streicheln.

"Schlaf nicht im Wasser", sagte er sanft. "Sonst gehst du noch unter."

Raja war soweit unter die Wasseroberfläche getaucht, dass nur noch seine Augen und seine Nase hervor sahen. Die beiden Kleinen küssten und streichelten sich entschieden zu viel und entschieden zu viel vor ihm! Er hatte versucht, gegen die Kopfweh und die Nackenschmerzen anzudenken, aber er schaffte es nicht. Der Schock vom Absturz und die Überanstrengung, die Hitze des Tages und der leichte Sonnenbrand, den er schon auf der Nase und den Wangen hatte, hinderten jeden normalen Gedanken. Er setzte sich auf.

"Danke, Vin. Ich komme zurecht." Leicht gereizt wartete er, dass die Puppe mit den großen dunklen Augen sich von ihm abwandte. Vin tat es nicht, sondern starrte ihn in einer Art freudiger Erwartung an. Raja grinste hilflos. "Drehst du dich bitte mal um?"

Es wurde noch schlimmer. Gara betrat den Raum mit Kleidung über einem Arm und einem Korb mit Obst und Brot im anderen. Auch er starrte Raja an. Und um es noch viel schlimmer zu machen, wurde Raja schwindelig, als er aufstand.

Gara sah, wie der Junge blass wurde und stellte den Korb rasch ab, um ihn mit einem Arm festzuhalten. "Na na, du bist einfach müde und hast viel mitgemacht, Raja." Er reichte Lio die Kleider und meinte, während er Raja aus dem Becken hob: "Ihr helft ihm beim Anziehen, ja? Mel und ich haben Gastgeber gefunden und kommen euch gleich abholen, wenn wir Sandalen für Raja getauscht haben."

Die Fürsorge verwirrte und beschämte Raja gleichermaßen. Hastig wich er zurück und schlang sich ein Handtuch um die Hüften. "Ich kann das allein!"

Verwirrt blinzelte Vin. "Was hast du denn? Wir wollen dir doch nichts tun." Der Kleine hatte offensichtlich schon ohne einen Caleygefährten eine Anpassungsstörung. Hoffentlich ging die mit ausreichend Schlaf weg, er wollte gar nicht wissen, wie schlimm die richtige sonst erst werden würde.

Vin nahm Lio die Kleider ab und legte sie vor Raja hin. "Hier... Du musst keine Angst vor uns haben."

Er lächelte ihn einmal an, dann schob er Lio zu den Spiegeln, um ihn dort auf eine Bank zu drücken und ihm die Haare zu bürsten und mit Perlen zu verzieren. Dort konnten sie Raja indirekter im Auge behalten, falls der Kleine umfiel, aber er würde sich nicht so beobachtet vorkommen. Warum auch immer er damit ein Problem hatte.

Lio blickte im Spiegel zwischen Vins unsteten Fingern und Rajas misstrauischen und offensichtlich schmerzgeplagten Bewegungen hin und her. Endlich umfing er Vins eine Hand und legte den Kopf in den Nacken.

"Ich habe ihn schon angefasst und nichts ist passiert. Ich kümmere mich ein wenig um ihn, bis du ihn auch anfassen magst, ja?" Lio hatte seinen Freund noch nie so aufgeregt erlebt, aber Vin hatte ihm einmal von der Anpassungsstörung der Menschen berichtet. Offensichtlich hatte es Eindruck auf ihn gemacht.

"Danke." Vin umarmte Lio fest.

Gara holte sie jedoch ab, bevor Lio Vin noch einmal fragen konnte, warum er sich so anstellte bei Raja. Eine Berührung würde alles erklären. Sie beide würden sehr glücklich werden, wenn es passierte. Sie würden nicht unglücklich sein, wenn nichts geschah.

Raja hatte von Gara eine sandfarbene Dreiviertelhose erhalten, in deren Beintaschen er seinen Ausweis und seine Geldkarte unterbringen konnte. Als Oberteil erhielt er die gleichen Sachen wie die Kleinen, ein grün gefärbtes und mit einigen Stickereien verziertes Hemd ohne Ärmel und ein weites, leichtes Tuch aus fast weißem Stoff gegen die Sonne. Die Unterhose war sehr knapp, im Prinzip nur ein mit Bändchen versehenes Stoffstückchen, aber Raja hatte die Caley alle damit gesehen und passte sich seufzend an.

Er folgte dem quirligen Lio und seinen Eltern durch die schmale Gasse voller Marktstände, voller ungewohnter Gerüche und dieser merkwürdigen Wesen, die zwar aussahen wie kräftige Männer mit Löwenmähne, aber die sehr offensichtlich anders lebten. Überall sah man die kleinen Familien aus zwei der Großen mit einem der Kleinen. Raja senkte den Kopf und erschrak sich jedes Mal, wenn einer der Kleinen... er musste beginnen, von ihnen als Puppe zu denken... ihn anfasste oder so intensiv anstarrte.

'Puppen und Meta. Ich muss dringend ein Buch finden, das mir diese Wesen erklärt. Ein Biologiebuch. Eine Bibliothek.' Seine Gedanken verwischten durch schlimmere Kopfweh und Nackenschmerzen. Ihm wurde wieder übel.

Raja war noch nie so dankbar für ein Bett gewesen. Gara und Mel würden sich mit Lio und Vin und nun auch ihm ein Zimmer teilen, in dem zwei Betten standen. Da er krank war, schien es ohne Frage beschlossene Sache zu sein, dass Raja eines der riesenhaften Betten erhielt und die vier in dem anderen schliefen.

Es war angenehm kühl und dunkel im Schlafzimmer. Benommen zog Raja sich bis auf die sehr knappe neue Unterhose wieder aus und legte sich unter die Decke. Nachdem er die Augen geschlossen hatte, schaffte er es nicht mehr, wieder aufzustehen, als er zum Essen gerufen wurde. Aus der Ferne hörte er Musik, dann schlief er ein und hörte und sah gar nichts mehr.

Vin fand, dass Raja in vernünftiger Kleidung und gebadet noch viel verlockender und entzückender aussah. Er beobachtete ihn aus den Augenwinkeln und hätte fast vergessen, unauffällig sein zu wollen, als Raja beinahe nackt in das Bett kroch. Und er kroch wirklich. Sein Mensch war furchtbar erschöpft. Vin wartete noch eine Weile, dann schlich er zu ihm hin und zog ihm die Decke ein Stück höher, damit er auch später auf keinen Fall frieren würde.

"Schlaf dich gesund, mein Kleiner", flüsterte er, ehe er leise aus dem Schlafzimmer ging. Fröhlich hüpfte er die Treppe hinab in die große Küche. Mel und Gara saßen bereits mit ihren Gastgebern an dem großen Tisch, während Lio noch dabei war, einer anderen Puppe zu helfen, einen Obstsalat zu dekorieren. Vin winkte ihm zu, dann schlüpfte er jedoch auf den freien Platz neben Gara. Er zupfte ihn an der Weste, um auf sich aufmerksam zu machen, weil Mel gerade damit begonnen hatte, an Garas Hals herumzuküssen, was im Zweifelsfall länger dauern konnte.

Gara schob Mel ein wenig von sich und raunte: "Wir verbinden uns nachher." Dann sah er zu Vin hinunter, der sich neben ihn gequetscht hatte. "Na? Hast du ihn im Schlaf angefasst?"

Vin schüttelte den Kopf und wusste einen Moment lang nicht, wie er anfangen sollte. Seine Frage war... seltsam. Ob es darauf überhaupt eine Antwort gab? Aber wenn jemand sie kannte, dann war es Gara. Vin fand, dass Gara viel wusste.

"Ich glaube, er ist mein Gefährte, weißt du?", sagte er schließlich zögernd. "Glaubst du, er kann für noch jemanden ein Gefährte sein? Also wenn ich ihn nicht berühre, dass ihn dann jemand anderes berühren kann und er wird sein Gefährte."

Es klang selbst in seinen Ohren wirr, und er hoffte, dass Gara verstand, was er sagen wollte. Bisher hatte er sich noch überhaupt keine Gedanken über so etwas Verworrenes gemacht, er hatte sich immer nur vorgenommen, seinem Menschen Zeit zu lassen, um sich zu gewöhnen. Aber als all die anderen Puppen Raja angefasst hatten, hatte er sich für einen Augenblick erschreckt, und er wollte lieber sicher gehen.

Gara legte den Kopf schief. "Ich glaube, dass du den Zeitpunkt fühlst. Du hast ihn gern und siehst ihn gern an, das habe ich schon gesehen. Warte einfach, bis du ihn wirklich berühren willst. Vielleicht entscheidet er sich ja auch dafür."

"Ich will ihn wirklich berühren. Ich will ihn nur nicht erschrecken." Hilflos sah Vin Gara an. Er verstand nicht ganz, was der Meta ihm gesagt hatte. "Also meinst du, dass ich keine Angst haben muss, dass ihn mir jemand wegnimmt?"

Gara hob die Schultern. "Lass uns die anderen fragen, Vin. Vielleicht weiß jemand auf der Feier etwas."

Besorgt runzelte Vin die Stirn. Das würde er wirklich in Erfahrung bringen müssen, und zwar noch, so lange Raja schlief. Ehe er zuließ, dass jemand anderes ihn bekam, würde er lieber in Kauf nehmen, dass sein Kleiner eine Weile knurrig und unsicher war.

Gara hatte sich über Vin gewundert, aber war froh, dass der Kleine sich über ihre menschliche Puppe so viele Gedanken machte. Ihm fiel ein, dass Raja in dieser Form bleiben und älter werden würde, anstelle zum Meta zu werden. Es sorgte ihn ein wenig, dass Vin vielleicht davor Angst hatte, aber dieser schien nicht weiter darüber sprechen zu wollen, sondern zerrte Lio stattdessen von einer Feier auf die nächste, wo er überall herum fragte, ob jemand schon einmal davon gehört hätte, dass ein Mensch von zwei Caley als Gefährte anerkannt werden konnte. Niemand hatte dergleichen je vernommen und die meisten bezweifelten, dass es so etwas Starkes wie die Verbindung, die einen zum Meta machte, mehr als einmal geben konnte.

Gara ermahnte Lio schon früh in der Nacht nicht zu vergessen, wo sie wohnten, um die Feiern verlassen zu können. Er ließ sich nur zu gern von seinem Gefährten Mel zum Schlafzimmer zerren. Sie hatten sich schon einige Tage lang nicht mehr verbunden und er selber fühlte sich unausgeglichen. Sie entzündeten eines der kleinen Öllämpchen neben ihrem Bett und zogen sich von Küssen unterbrochen aus. Lächelnd blickte Gara zu der menschlichen Puppe hinüber, aber Raja schlief tief und fest.

"Vin sollte ihn berühren und gut ist", brummelte Mel und kitzelte mit der Zunge die Tätowierung auf Garas Bauch entlang. Dann küsste er ihn herzhaft genau in die Mitte der Zeichnung. "Der Kleine hat vielleicht ein paar seltsame Gedanken!"

"Er hat einige Anpassungsstörungen gesehen. Vielleicht hat er Angst davor." Gara vergrub seine Finger in Mels Haaren und zog ihn zu sich hoch, um ihn länger zu küssen. Die vertraute Wärme begann, seine Gereiztheit auszulöschen. "Hm. Ich wünsche mir einen Gefährten für Lio, der mindestens so wundervoll ist wie du."

"Und ich wünsche mir, dass er nicht so lange suchen muss wie ich. Jemanden so wundervolles wie dich findet er leider nicht mehr, denn ich habe dich, und dich gibt es nur einmal. Aber für dich war es jeder einzelne Tag wert." Mel lächelte und küsste Gara erneut, während er sich auf ihm zurecht schob, um ihre Zeichnungen am Bauch miteinander in Einklang zu bringen. Unwillkürlich seufzte er auf, als ihn Ruhe zu durchdringen begann.

Seine Suche nach einem Gefährten war ungewöhnlich lang gewesen. Er hatte Caley abgesucht, Ewigkeiten im All verbracht, um dann zurück zu Caley zu kehren und die Inseln ein zweites Mal zu bereisen. Schließlich hatte er sich wildentschlossen auf einer der Hauptrouten auf eine Fähre gesetzt und hatte den beiden Fährführern geholfen, um keine Puppe mehr zu verpassen. Als er schon beinahe alle Hoffnung aufgegeben hatte, war ihm endlich Gara begegnet. "Anpassungsstörungen sind harmlos. Sie gehen vorbei. Er sollte sich seinen Menschen sichern, wenn es wirklich seiner ist. Nicht, dass er so endet wie die Puppen, deren Geister wir heute besucht haben..."

Gara seufzte und schmiegte sein Gesicht gegen Mels Hals. "Hmhm." Nicht mehr fähig, die Gedanken zu beenden, die er begonnen hatte, drängte er sich enger an ihn. Er streckte sich auf seinem kräftigen Gefährten aus und drängte ihn dann, die Verbindung zu ermöglichen. "Hab mich heute nach dir gesehnt. Es ist zu lang her", flüsterte er Mel ins Ohr und schloss die Augen.

Mel schlang die Beine um Garas Hüften, während er über seinen Rücken zu streicheln begann, zum Hintern hin und über die Schultern hinweg. "Ja", murmelte er unbestimmt und suchte nach Garas Mund, um ihn erneut einzunehmen. Dankbarkeit erfüllte ihn und das Glück, einen so wundervollen Gefährten gefunden zu haben. "... brauche dich..."

Sie kamen erst zur Ruhe, als sie verbunden waren. Genießerisch und faul streichelte Gara Mel und küsste ihn. "Lass uns so schlafen, bis Lio kommt und uns ohnehin wieder trennt."

Es war eine der wenigen leidvollen Erfahrungen gewesen, die Gara und Mel mit ihrer Puppe gemacht hatten. Gleich, mit wem Lio die Feiern verlebt hatte, er wollte immer bei Gara und an seine Zeichnung geschmiegt schlafen. Natürlich ließ Gara ihn immer, auch wenn es hin und wieder einmal zu Spannungen mit Mel führte. Vor allem, wenn sie sich auf der Wanderung kaum mehr verbinden konnten deswegen.

"Ich wünschte, er würde mal eine einzige Nacht woanders verbringen", seufzte Mel, aber es war nur seine Meinung, ohne Gara zu drängen. Er tastete nach der Decke und zog sie über ihre Körper, dann schloss er die Arme um seinen Gefährten, um ihm so nah wie möglich zu sein.


Zu Kaans Glück wurde auf Caley noch der Tauschhandel praktiziert, da er ja sein gesamtes Gepäck auf der Fähre hatte zurücklassen müssen. Gegen Hilfe beim Kochen erhielt er Zahnbürste, Unterwäsche und Rasiermesser; der Puppenbonus, weil er klein und eher zierlich war, brachte ihm etwas Schmuck ein, den er zum weiteren Tauschen verwenden konnte.

Doch er konnte das unkomplizierte Leben vor Sorge um seinen Sohn nicht richtig genießen. Immer wieder ging er bei den Stewarts vorbei, die ihren Liste vervollständigten, ihm jedoch nie Neues sagen konnten. Kaan war Dhanu dankbar, dass er ihn ablenkte und aufheiterte, und wenn es nur mit banalen Dingen wie der Feststellung war, dass er in der grünen Hose aussah wie ein Frosch und die in gedecktem Rot ihm deutlich besser stand.

Kaan ertauschte sie und zog sich auch gleich in der Toilette des Empfangsgebäudes um, weil die Jeans und das alte Hemd sich siffig anfühlten. Als er seine Taschen leerte, um den Inhalt in einen kleinen Gürtelbeutel umzufüllen, entdeckte er nicht nur den Hausschlüssel und sein Portemonnaie, sondern zudem einen kleinen, unbekannten roten Chip. Überrascht betrachtete Kaan ihn von allen Seiten, aber konnte keinen Hinweis darauf finden, wem er gehörte oder wie er zu ihm gekommen war.

'Von Raja? Vielleicht hat er ihn mir zugesteckt, um mir was zu zeigen, weil er zu unsicher ist? Unfug. Was für eine Schande, dass ich meinen Computer auf der Fähre gelassen habe. Ich könnte mir Dhanus mal borgen.' Er steckte den Chip in sein Portemonnaie, stopfte die dreckige Wäsche in eine ebenfalls neu erstandene Webtasche mit bunten Mustern und ging zu Dhanu zurück, der auf einem Mäuerchen sitzend vor dem Gebäude auf ihn wartete.

Kaan drehte sich einmal vor ihm und grinste. "Besser?"

Dhanu hatte sich eine Hose ertauscht, mehr brauchte er erst einmal nicht. Grinsend nickte er. "Aber hallo." Kaan gewöhnte sich offenbar schnell in neue Kulturen ein. Schon einen Tag nach ihrer Notlandung hatte er die Kleidung und diese gewisse sonnige Art von den Caley übernommen. Sie hatten die Nacht miteinander verbracht, jedoch keinen Sex gehabt, was Dhanu angesichts seiner Anspannung wegen Rawley auch leichter fiel. "Komm mit, mein Hübscher. Ich habe eine Wäscherei gefunden."

Kaan nickte, warf sich die Tasche über die Schulter und ließ zu, dass Dhanu einen Arm um ihn legte, um ihn zu führen. Gemächlich schlenderten sie über den gepflasterten Platz, als der Stewart, den er schon so oft vergeblich nach Raja gefragt hatte, mit schnellen Schritten auf ihn zu kam. Sie hatten ein wenig miteinander geflirtet, deswegen war Kaan nicht überrascht, dass der Mann weniger formell, dafür aber mitteilsamer war, als sie sich begrüßten.

"Wir haben die letzten Passagierlisten bekommen und die Daten verglichen, Kaan. Es sieht so aus, als sei dein Sohn in der abgeschlagenen Rettungskapsel gewesen. Die Signale, die aufgefangen worden sind, sagen aber eindeutig, dass er noch lebt. Sobald der Rettungsgleiter hier ist, wird ein Team losgeschickt, um ihn zu holen. Du kannst mitfliegen, wenn du möchtest."

Kaan atmete erleichtert auf; ein Schauder lief durch ihn. Wie konnte man nur so an jemandem hängen, den man kaum zwei Tage kannte? Er lächelte und nickte heftig. "Danke. Das ist eine der schönsten Nachrichten, die du mir hast bringen können! Natürlich komm ich mit."

Dhanu warf einen misstrauischen Blick in Richtung Rawley, der sie nicht aus den Augen ließ, dann fragte er: "Ich kenne mich ein wenig aus, kann ich ebenfalls mitkommen?"

"Es wäre toll, wenn das möglich wäre", fügte Kaan hinzu, als er so etwas wie Widerstand im Gesicht des Stewarts zu sehen meinte, und schmiegte sich enger an Dhanu. Es war egoistisch, aber er wollte ihn gern bei sich haben. Dhanu war sicher und patent, konnte gut aufheitern, ablenken und war gut im Bett.

"Turteltauben", murrte der Stewart verhalten, so dass Kaan ihn kaum verstehen konnte. Dann fügte er lauter hinzu: "Du gehörst ja auch zur Crew. Wird bestimmt keine Probleme geben, dir noch einen Platz freizuhalten, Dhanu. Der Gleiter ist wahrscheinlich morgen früh da, noch vor Sonnenaufgang."

Kaan seufzte noch einmal vor Glück, als der Mann wieder gegangen war. "Jetzt geht es mir besser. Ich hoffe, mit Raja ist alles okay. Er ist doch noch nie aus seiner sicheren Schule rausgekommen. Und dann hat er dieses Problem mit Homosexualität." Er grinste leicht. "Entweder wird er hier geheilt, oder er ist hoffnungslos."

Dhanu blinzelte einmal in Richtung der Marktstände voller großer, kräftiger Männer, dann meinte er mit einem Zwinkern: "Er wird geheilt werden. Wenn ihn Caley nicht heilen kann, ist er wirklich verloren."

Sie verbrachten den restlichen Nachmittag damit, ihre Wäsche zu erledigen, so dass sie saubere Kleidung zum Wechseln haben würden. Erst als sie mit den Sachen beladen wieder zu dem kleinen Zimmerchen gingen, fiel Dhanu auf, dass Rawley fehlte. Der Echsenmann mit dem spitzen Gesicht und seiner Tarnfarbe war stets um Kaan und ihn gewesen, hatte Kaan nicht aus den Augen gelassen. Nun jedoch war er fort. Mit gerunzelter Stirn sah Dhanu sich im Schlafzimmer um. Seine Tasche war leer und das Hemd, das er zum Schlafen getragen hatte, lag so, wie er es am Morgen hingefeuert hatte. Dhanu behielt Kaan dennoch genau im Auge, als dieser seine Tasche öffnete.

Kaan blinzelte verwirrt. Statt der frisch gewaschenen Kleidung befand sich nur ein zusammengeknäultes Laken in seiner Tasche, das garantiert nicht ihm gehörte und zudem noch dreckig war. Er schaute genauer hin und entdeckte eine geringfügige Abweichung des Webmusters.

"Wie klischeehaft ist denn das?" Auflachend schüttelte er den Kopf. "Ich muss noch mal zur Wäscherei zurück. Da hab ich doch glatt die Sachen von jemand anderem erwischt."

"Oh, das ist ja ärgerlich, hoffentlich findet sich der Kerl mit deinen Hosen bald." Dhanu trat zu Kaan und zog ihn mit einem Arm an sich. "Soll ich derweilen etwas zu Essen besorgen?" Er hatte bei der Verwaltung vorbeigesehen und einige Tauschwaren mitgehen lassen. Dinge, die bei den Caley beliebt und geschätzt waren. Messer zum Beispiel. Daher konnte er nun großzügig einladen.

"Das wäre hervorragend." Kaan reckte sich ein wenig und küsste ihn auf einen Mundwinkel. Dabei fiel ihm auf, dass am Ansatz von Dhanus weißblond gefärbten Haaren die natürliche Farbe nachzuwachsen begann, deutlich dunkler. Es ließ ihn frecher wirken und machte, dass Kaan grinsen musste. "Bis später, Süßer."

Rasch wand er sich aus seinen Arm und verschwand mit der Tasche nach draußen, um seine Kleidung zurückzuerobern.


© by Jainoh & Pandorah