Absturz mit Folgen

6.

Dhanu wartete einen Augenblick, dann folgte er Kaan durch die schmale Marktstraße. Es war nicht einfach, jemanden zu beschatten, der einen gut kannte, aber in dem Gedränge aus riesenhaften, kräftigen Caleymeta konnte Dhanu gut untertauchen. Kaan ging tatsächlich zur Wäscherei und redete dort mit den Caleypuppen, die dem Besitzer halfen, während sie auf ihre Fähre zur nächsten Raumstation warteten.

Rawley war noch immer nirgends zu sehen und so machte Dhanu sich auf, um tatsächlich zwei große Portionen gebratener Nudeln mit Gemüse und Fisch zu besorgen, die er in der Küche ihrer Gastgeber aufwärmte.

Kaan bat darum, dass ihm seine Tasche gebracht werden würde, sollte sie noch an diesem Abend auftauchen, und gab seinen vorübergehenden Wohnort an. Sollte der Besitzer des Bettlakens den Irrtum erst später bemerken, würde er auf die Jeans verzichten. Wegen dem bisschen Kleidung lohnte sich mehr Umstand kaum. Vorsichtshalber ertauschte er auf dem Rückweg noch eine weitere Hose samt passender Weste und etwas Schmuck, der weiter vom Raumhafen entfernt begehrt war. Vielleicht würde Raja etwas brauchen.

Als er in der Küche von leckeren Essensdüften empfangen wurde, fiel ihm auf, dass er noch eine andere Art von Hunger hatte. Für eine lohnenswerte Affäre und dafür, dass sie zusammen wohnten, hatten Dhanu und er viel zu wenig Sex. Jetzt, wo ihm versichert worden war, dass sein Sohn lebte, fühlte Kaan sich auch wieder entspannt genug dafür. Statt sich eine Zigarette anzuzünden, was er vor Nervosität viel zu oft in den letzten zwei Tagen getan hatte, begrüßte er Dhanu mit einem längeren Kuss und einem Knabbern im Nacken.

"Hey, hey!" Dhanu lachte auf und drehte sich für einen kurzen richtigen Kuss um. "Hast du so großen Hunger?"

Er teilte die zwei übergroßen Portionen Nudeln in vier auf und gab zwei Puppen, die auf der Durchreise bei ihnen im Haus wohnten, auch etwas ab, wofür diese ihnen große Becher mit frischem Tee reichten. Gemütlich ließ Dhanu sich am Tisch nieder. "Hast du deine Sachen zurückbekommen?"

Kaan änderte seine gedankliche Planung in erst Essen, dann etwas Verdauen und dann Sex um und setzte sich zu seinem Liebhaber. "Nein. Da scheint jemand sein Bettlaken nicht sonderlich zu vermissen. Oder meine Jeans hat gefallen. Na, was soll's." Er probierte die Nudeln und fand sie ausgesprochen lecker.

Ob Raja etwas dagegen hatte, wenn sie eine Woche Urlaub an den aufregenden Unfall hängten, da sie nun schon einmal hier gelandet waren? Trotz der vielen männlich anmutenden Wesen? Kaan grinste und sah Dhanu an. Der war auf jeden Fall nicht nur männlich anmutend. "Ich bin sehr hungrig, nicht nur auf Essen."

Dhanu warf Kaan einen fröhlichen Blick zu, dann verzog er sein Gesicht. "Leider muss ich nach dem Essen erst einmal zu meinen Chefs und den Urlaub oder eine Kündigung einreichen, sonst muss ich mit der Rettungsfähre zum nächsten Raumhafen fahren, ob ich will oder nicht."

Natürlich brauchte er sich nirgends wirklich abmelden, sie würden ihn nicht vermissen, weil er auf keiner der Listen erschien. Aber zum einen musste er dringend nach Rawley suchen und zum anderen wollte er nicht wirklich Sex haben mit dem Mann, den er beschatten sollte. Er drehte einige Nudeln auf seine Gabel. "Das ist ärgerlich, hoffentlich halten sie nicht auch noch eine Sicherheitssitzung für die Angestellten ab. Es soll ein Fehler in der Klimaanlage gewesen sein, der zu diesem Alarm geführt hat."

Enttäuscht verzog Kaan das Gesicht, aber stellte dann klar: "Wegen mir musst du keinen Urlaub nehmen und ganz gewiss nicht kündigen. Es wäre nett gewesen, wenn du mitgekommen wärst, aber es ist nun wirklich kein Muss. Geh du nur zu deinen Sitzungen. - Klimaanlage, he? Wegen so einer Banalität? Da meint man, die Dinger seien alle doppelt und dreifach gesichert, um Fehlalarme auszuschließen... Ich freu mich schon auf den Papierkrieg mit der Versicherung." Er lachte trocken.

Dhanu lehnte sich dichter zu ihm. "Ich möchte dich aber gern begleiten, Kaan." Er blickte dem Mann in die Augen und legte eine Hand an seine Wange. "Wenn ich darf. Ich wollte mir sowieso einen neuen Job besorgen und auf Caley kann man günstig umher reisen. Wir können uns doch später noch immer trennen, wenn wir uns nerven sollten, hm?"

In dem Moment erwog Kaan, ob er nicht besser von sich aus ablehnen sollte. 'Gerne begleiten mögen' klang zu nett, ein wenig zu sehr nach Gefühlen. Aber vielleicht war es auch nur das Vermissen von wirklich gutem Sex, zu dem sie dummerweise an dem Abend nicht mehr kommen würden. Und in einem hatte Dhanu Recht, sie konnten sich trennen, ganz schnell und problemlos. Vor allem würde es wohl eh nur ein kurzer Trip werden. Mit dem Gleiter zu Raja und mit Raja wieder hierher zurück. Dann konnte man weiter sehen. Zögernd lächelte Kaan und nickte. "Wenn es nicht wegen mir ist, ist es in Ordnung."

Dhanu bemerkte die leichte Verstimmung, die er durch sein Ablehnen hervorgerufen hatte, aber konnte sich auch in der Nacht nicht dazu bringen, Kaan für mehr als nur einen Kuss im Schlaf zu stören. Er war nach einer anstrengende Suchaktion Rawley betreffend müde. Die frustrierende Zwiesprache mit seinen Auftraggebern hatte lediglich ergeben, dass er sowohl Rawley als auch Kaan im Auge behalten sollte. Offensichtlich war etwas abhanden gekommen, das die Waffenschieber brauchten.

Dhanu hatte so etwas noch nie gehofft, aber dieses Mal, als er Kaan im Bett liegen sah, hoffte er, dass sein dummes Gefühl bei Kaan und Rawley ihn täuschen mochte. Er wollte nicht, dass der naive Mann Ärger hatte.


Vin hatte sich am Morgen besonders hübsch gemacht. Sein kastanienbraunes Haar war glänzend gebürstet und mit Perlen verziert, die sich auch als Anhänger an dem goldenen Taillenkettchen und den Kettchen um die Fußgelenke wiederfanden. Er wollte schön sein für seinen süßen Menschen. Raja schlief noch immer, obwohl die Sonne schon weit über dem Horizont stand; offensichtlich war er sehr erschöpft gewesen. Vin hatte die Fensterläden besonders sorgfältig geschlossen, damit Raja nicht vom Licht gestört wurde.

Er hatte seinem Schatz sogar Frühstück am Bett gerichtet, damit dieser den Tag ruhig beginnen konnte und nicht gleich von den Puppen erschreckt wurde, die ihn alle begrüßen wollten. Sehnsüchtig sah Vin von dem Bett, das er sich mit Mel, Gara und Lio geteilt hatte, zu Raja hin. Es machte Freude, ihn zu anzuschauen, aber noch viel mehr wünschte er sich, ihn berühren zu dürfen.

Raja wurde von leisen Stimmen wach. Er blinzelte und bewegte sich. Ihm taten alle Knochen weh, sein Nacken war verspannt und zudem hatte er im ersten Moment keinerlei Ahnung, wo er war. Dann beugte sich ein großer blonder Mann über ihn und fragte mit brummeliger Stimme: "Na? Hast du dich ausgeschlafen, Raja?"

Die Erinnerungen wirbelten noch kurz durcheinander, dann konnte Raja aus den vielen Einzelteilen ein Gesamtbild zusammenstellen. "Gara. Ja, mir tut alles weh, aber ich glaube, das wird schon wieder."

Gara legte den Kopf schief und betrachtete den kleinen Menschen. "Du siehst nicht so gut aus, Raja. Wir sollten dich nachher auf jeden Fall einmal ansehen lassen. Vielleicht ist ein Arzt in diesem Ort, ich werde herum fragen. Bis dahin kannst du etwas essen, Vin hat sich sehr viel Mühe gegeben."

Groggy richtete Raja sich auf und bemerkte dann, dass er nur die kleine Unterhose trug, zugleich sah er aus dem Augenwinkel, dass Vin ihn anstarrte. Unsicher zog er sich seine Hose heran und schlängelte sich hinein.

"Guten Morgen, Vin. Danke für das Frühstück." Er sah sich um. "Wo ist denn das Bad?"

"Ich zeig es dir", bot Vin gleich an und sprang auf. Vorsichtig passte er auf, dass Raja ihn an der engeren Stelle des Flurs nicht berührte, als er ihm die Tür wies und dann an ihm vorbei ging. Eilig lief er in die Küche, um frischen heißen Tee zu holen. 'Ich werde mich so dumm fühlen, wenn er dann doch nicht mein Gefährte ist... aber nein, das kann nicht sein. So wie bei ihm habe ich mich noch nie gefühlt.' Er lächelte und summte leise vor sich hin, während er einschenkte und dann ins Zimmer zurückkehrte.

Raja wusch sich das Gesicht, spülte seinen Mund aus und blickte eine recht lange Zeit in dem mosaikverzierten Spiegel in sein Gesicht. Er hatte Schatten unter den Augen, ein etwas ungesunde Farbe hatte er auch. 'Ich war zu lang auf der Fähre unterwegs.' Er wusste nicht genau, was er nun tun sollte. In dem Ort bleiben, um nahe der Absturzstelle zu sein, oder allein zum Raumhafen wandern? Immerhin würde ein Rettungstrupp ihn hier leichter finden. Wenn überhaupt jemand kam, alles war auf der Fähre so chaotisch erschienen.

Er dachte an den Vorabend und die große Zahl von Meta und Puppen, das fröhliche Gewusel auf den Straßen. 'Hier findet mich nie jemand.' Sein nächster Gedanke wurde von Gara unterbrochen, der ihm eine Zahnbürste gab und ihm sagte, dass Mel ihn nachher zu einem Menschenmann bringen würde, der etwas von den Verletzungen der Menschen verstand. Der Gedanke erleichterte Raja schon wieder. Er wusch sich rasch und zog das grüne Hemdchen über, bevor er in das Schlafzimmer zurück ging.

Dort erwarteten ihn, beinahe feierlich auf dem gemachten Bett sitzend, Vin mit einem recht ausladenden Frühstück. Auf dem anderen Bett saß Lio, der sich von seinem Vater die Haare bürsten ließ. Raja bemerkte einen genervten Seitenblick von Mel auf den Kleinen, aber lächelte dann Vin zu. "Danke, das sieht toll aus. Wie ein Picknick."

Unsicher ließ er sich auch auf dem Bett nieder und nahm den Teebecher auf. Mit Vin stimmte garantiert etwas nicht. Er fasste Raja nicht an. Alle Puppen, denen sie am Abend zuvor begegnet waren, hatten ihn begrapscht, es schien zur Kultur zu gehören. Vin jedoch nicht. Im Gegenteil vermied er es sogar. Raja nippte vom Tee. 'Ob er krank ist? Ob es ihm peinlich ist?'

Vin strahlte erfreut. "Wenn du magst, kannst du mir Fragen stellen", schlug er vor, um Raja seine Unsicherheit zu nehmen. Je eher sein Schatz mehr wusste, um so eher würde er sich entspannen und um so weniger Anpassungsstörungen würde er haben. "Du warst ja noch nie hier, und dann bist du auch noch so rabiat vom Himmel gefallen."

"Ja. War nicht so toll." Raja versuchte sich locker hinzusetzen, aber sein Hintern tat vom Reiten schrecklich weh und sein Nacken war noch immer verspannt. "Es ist also so, dass ihr euch in einen Meta verwandelt, wenn ihr den Partnercaley findet?"

Er nahm sich ein Brot. Sein Magen teilte ihm auch genau in dem Augenblick grummelnd mit, dass er das Abendessen ausgelassen hatte. Verlegen errötete Raja und rieb sich den Bauch ein wenig.

Vin nickte. "Vorher sehen wir so aus wie Lio und ich, und später wie Gara und Mel. Aber der Gefährte muss kein Caley sein. Es gibt auch einige Menschen hier. Sonst müssten wir ja nicht von Caley wegreisen, wenn wir auf den Inseln unseren Partner nicht gefunden haben. Aber die anderen Völker wandeln nicht. Und können keine Larve bekommen. Doch das macht nichts. Dafür bekommt dann der Meta der Verbindung eben zwei, wenn er will. Und die meisten wollen das."

Raja verschluckte sich und hustete. Hastig spülte er mit Tee nach und rang nach Luft. "Menschen auch?" Er hatte noch keine Menschen gesehen in dem Dorf. "Wenn ich von all den Puppen berührt werde, da kann es sein, dass ich einen von euch zum Meta mache?" Er klang so skeptisch wie er war.

Vin nickte begeistert. "Und dann... dann bist du an den Meta und der Meta an dich gebunden. So wie Mel und Gara. Du wirst geliebt und beschützt werden, und du wirst den besten Gefährten von allen für dich haben. Es ist eine tiefe, eine ganz besondere Verbindung, die von innen kommt. Aber es gibt nur einen Einzigen für dich." Zumindest war es das, wovon jeder überzeugt war, und Vin wollte es gerne glauben.

"Vielleicht gibt es auch eine Einzige für mich und zwar in der Kolonie, zu der ich fahren wollte. Ich bin ein Mensch und die meisten männlichen Menschen mögen sehr gern ein Mädchen finden." Raja wollte auf jeden Fall mit jemandem sprechen, der sich in dieser Sache auskannte. Nicht, dass er nun jedes Mal, wenn ein Caley ihn berührte, in Angstschweiß ausbrechen musste, dass sich solch ein Monstermann aus dem Jungen entwickelte. Und überhaupt - er aß vor Stress überreichlich von dem Obstsalat - was hieß Larve? Raja schielte zu Vin hinüber, der ihn mit reichlich Schmuckstücken herausgeputzt freundlich abwartend anblickte, aber wagte es nicht zu fragen.

"Ich weiß, dass es nicht einfach für Menschen ist, wenn sie hier ihren Gefährten finden. Die meisten haben Anpassungsstörungen. Sie wollen es nicht glauben und wollen weglaufen, aber das geht nicht. Es tut ihnen weh. Und ihrem Gefährten auch. Im allerschlimmsten Fall kann es sie umbringen." In dem Moment kam Vin der Gedanke, dass es vielleicht keine gute Idee war, Raja so etwas zu erzählen. Aber da war es schon zu spät. "Bisher haben sich aber noch alle daran gewöhnt", fügte er schnell hinzu. "Und sie sind alle sehr glücklich geworden. Du wirst mit einigen reden können auf dem Weg zum Raumhafen. Da willst du doch hin, nicht? Wir reisen in die gleiche Richtung."

Raja starrte Vin an, der dort unschuldig mit seinen riesenhaften Kulleraugen vor ihm saß und von Schmerzen und dem Tod sprach. 'Ich muss hier so schnell weg, wie ich kann!' Er wusste nichts zu sagen, sondern trank hastig noch mehr von dem Tee.

Mel kam gerade von draußen herein, wo er mit ihren Gastgebern gesprochen hatte, und hörte Vins letzten Sätze. "Du willst zum Raumhafen, Raja?"

Raja hob den Kopf und nickte dann. "Ja, mein Vater sucht mich vielleicht." Er wusste nicht, ob Kaan das wirklich tun würde, aber rechnete sich aus, dass das Wort Vater den komplett immer männlichen Caley mehr sagen würde, als wenn Raja so etwas sagte wie: 'Ich muss hier weg! Ich will eine Frau und keinen Meta!'

"Er sucht dich bestimmt, wenn du ihm abhanden gekommen bist. Gara und ich würden Lio auf jeden Fall suchen." Mel lächelte zu seinem Gefährten und dessen Sohn hin, was sich noch vertiefte, als Gara seinen Blick auffing. Dann wandte er sich wieder dem kleinen Mensch zu. "Dann musst du definitiv zum Raumhafen. Wir können dich mitnehmen. Das ist auch unsere Richtung." Eigentlich hatte Mel das schon längst beschlossen. Der Kleine war so hilflos wie eine junge Puppe.

Raja wog seine Möglichkeiten ab, dann fragte er Mel: "Kann ich erst mal mit dem Menschen sprechen, von dem Gara mir vorhin erzählt hat?" Er war stolz auf sich, weil er die Namen der anderen gleich so leicht behalten hatte.

"Sicher. Der muss ohnehin ein Auge auf dich werfen", antwortete Mel gemütlich. "Nicht, dass dein Himmelssturz noch was in dir kaputt gemacht hat. Ich bringe dich gleich hin, wenn du mit dem Frühstück fertig bist."

Raja trank den Tee hastig aus. "Ich bin fertig. Lass uns gehen!" Ein wenig schuldbewusst wandte er sich gleich drauf an Vin. "Danke für das Essen."

"Das habe ich gerne für dich gemacht." Vin wog ab, ob er mitgehen sollte, weil er gern bei Raja bleiben wollte oder ob es besser war, wenn er ihm ein bisschen Ruhe gönnte, weil... 'Weil was? Von was?' Entschlossen schnappte er sich das Tablett, um es auf dem Weg nach unten in der Küche abzustellen. "Ich komme mit."

Mel nickte nur und nahm ihm das Tablett gleich wieder ab, weil es so schwer war und Vin sich mühte. "Bis später, Gara." Im Vorbeigehen beugte er sich zu seinem Gefährten und küsste ihn, dann verließ er das Zimmer, gefolgt von Vin und dem Menschen.

Der Weg führte sie von etlichen Unterbrechungen durch Schwätzchen oder ein Tauschgeschäft verlängert auf die andere Seite der Marktstraße. Da Raja lang geschlafen hatte, waren nicht so viele Puppen unterwegs, die meisten hielten bereits Mittagsschlaf. Er war misstrauisch um sich blickend hinter Mel hergetrottet und paranoid jeder Puppe ausgewichen bis sie an einer der kleinen Wohnungen ankamen.

Die Wohnküche war voller Leben, wie überall. Etliche Puppen und Meta blickten Mel, Vin und Raja entgegen, aber auch ein Mann mit einem grauen Dreitagebart sah von seinem Teller auf. Auf seinem Schoß saß eine rothaarige, sehr zarte Puppen, in seinen Arm geschmiegt und die hellblauen Augen, die Raja über den Tischrand hinweg begutachteten, hatten dieselbe Farbe wie die des Mannes.

"Hallo! Du bist hier unverhofft reingesegelt, habe ich gehört?" Der Mann erhob sich. Die Puppe, die ihn nicht los ließ, hievte er kurzerhand auf die Hüfte. "Komm mit durch, Junge. Hier vorn ist es zu wuselig für ein ordentliches Gespräch."

Vin wollte gerade hinter Raja hertrotten, als er von Mel gepackt und in die andere Richtung geschoben wurde, wo ein blonder Meta dabei war, einen Vorratskorb zu flechten. "Komm, Kleiner, lass uns mal dort drüben hingehen. Das machst du doch auch gern."

"He, ich will nicht...", begann Vin zu protestieren und wand sich in dem kräftigen Griff; über die Schulter hinweg und an Mel vorbei sah er hilflos zu Raja hin, der mit dem anderen Menschen fortging.

"Lass ihm Ruhe, er wird sich sicherer fühlen, wenn er mit einem seines Volkes allein ist."

Mel ließ ihn nicht los, und nach einem Moment des Nachdenkens gab Vin seinen Widerstand unglücklich auf. Dennoch ließ er Raja nicht aus den Augen, bis dieser das Zimmer verlassen hatte. Das dringende Bedürfnis, ihm doch noch zu folgen, überraschte ihn, und er wäre ihm nachgerannt, hätte Mels große Hand auf seiner Schulter ihn nicht zurückgehalten. Grummelnd fügte er sich schließlich.

Der Mann winkte Raja, und sie gingen von der Wohnküche eine Treppe hinauf zu einem kleinen, mit Mosaiken verzierten Raum, in dem lediglich eine Liege stand und ein Schrank mit Büchern. Der Mann ließ sich auf einem Sitzkissen nieder, die Puppe rollte sich in seinem Arm zusammen.

"Setz dich. Ich bin Tom. Ich bin kein Arzt, aber ich war Krankenstationsleiter in einem Fährhafen, bis mich mein Schicksal ereilte. Dies ist der zweite Sohn meines Gefährten. Er ist erst gerade aus seinem Kokon geschlüpft und ist noch sehr empfindlich und scheu." Das rothaarige Wesen war vor allen Dingen eingeschlafen. "Sein Vater ist im Garten, da kann er noch nicht mit, also hab ich ihn, damit er bei der Zeichnung sein kann." Tom fuhr sich mit einer Hand an der metallisch glänzenden Tätowierung entlang, die seine Brust überzog.

Raja machte den Mund auf, um etwas zu fragen, schloss ihn wieder, weil sich mehrere Fragen überschnitten. Er holte erneut Luft, dann seufzte er und fragte kleinlaut: "Ist es unausweichlich? Wie passiert es?"

Tom grinste. "Ah. Es kommt wohl auf die Blutgruppe an. Ich kenne nur einen Arzt auf Caley selbst, der bestimmen kann, ob du tatsächlich empfindlich gegen sie bist, oder vielleicht immun. Leider ist es vermutlich so, dass du schon sehr viele angefasst haben wirst, bis du zu ihm kommst. Er lebt auf einer kleinen Insel nahe am Raumhafen." Tom legte die Puppe auf den Kissen ab. "Frag einfach alle deine Fragen. Glaub mir, ich bin seit fast zwanzig Jahren hier und ich bin sicherlich nicht beleidigt. Ich habe schon viele verwirrte Menschen gesehen."

Raja erfuhr durch Fragen und Toms bereitswillige Erzählungen von dem Leben der Caley, von dem Zyklus aus Larve, Puppe und Meta und der unausweichlichen Verbindung, die auch die Menschen betraf. Schockiert betrachtete er die Zeichnung genauer, die Toms Oberkörper überzog. Dunkelrote Symbolgruppen wanden sich über seine Haut, warfen sie ein wenig auf, schienen zu leben. Es war nicht tätowiert, sondern nach der Verbindung gewachsen.

Tom untersuchte Raja, sah ihm in die Augen, führte zwei Messungen mit Geräten der Abd Jabir durch und befand, dass einige wenige Massagen seinen Nacken sicherlich entspannen konnten, sonst fehlte ihm nichts. "Keine Sorge, mein Junge. Sicherlich werden dich die Meta, mit denen du auf Reisen bist, gern ein wenig umsorgen."

Raja fand den Gedanken nicht sonderlich entspannend. Noch weniger entspannend fand er die Aussicht, dass es ihn ereilen könnte, zu einem von diesen riesenhaften Männern zu gehören. Er wagte es jedoch nicht, nach Sex zu fragen und Tom musste nach einer Weile, die sie geredet hatten, mit der Puppe und seinem Gefährten zusammen sein, damit der Kleine stärker wurde.

Der Gefährte war ein riesenhafter Meta mit wilder roter Mähne und funkelnden goldenen Augen. Raja fand ihn ebenso faszinierend wie beängstigend, auch wenn Tom Raja versicherte, dass dies der sanfteste Meta sei, den er je kennengelernt hatte. "Komm am Abend noch einmal bei mir vorbei, Raja. Ich gebe dir ein paar Sachen, die du brauchen wirst, ja?"

Zu Rajas Entsetzen befahl Tom Mel, als sie wieder in die Küche kamen, dass er oder sein Gefährte für eine Nackenmassage sorgen sollte und sagte ihm dazu noch, dass er wärmendes Öl bereiten wollte, das am Abend fertig sein würde.


© by Jainoh & Pandorah