Absturz mit Folgen

7.

Mit roten Ohren Mel und Vin mit Blicken ausweichend trat Raja hastig auf die Gasse hinaus. Etliche Puppen kamen zu ihm, umarmten ihn, schenkten ihm Schmuck aus Nüssen, Perlen oder schimmernden Kernen und Raja begann, sich nach und nach zu entspannen. Es passierte nichts. Er warf Vin noch einen Blick zu, dann meinte er: "Ich bin bestimmt immun gegen euch. Tom hat mir eben so etwas erzählt. Am Raumhafen kann ich mich bei einem Arzt testen lassen."

Vin öffnete gerade den Mund, um ihm zu widersprechen, dann ließ er die Luft mit einem Seufzen entweichen. Sein Kleiner war erst am Vortag vom Himmel gefallen, er war verwirrt und ein wenig krank. Wenn er sich eine Weile besser fühlte, weil er glaubte, dass er keinen Gefährten bekommen konnte, war das schon in Ordnung. Es würde ihn in Gegenwart anderer Puppen entspannen, was nur dazu beitrug, dass es ihm auf Caley gefiel. Und in der Zeit, während sie reisten, würde er ihm schon zeigen, dass ein Gefährte das beste auf der Welt war – dass er der beste Gefährte von allen für ihn war.

Sonnig lächelte Vin seinen empfindlichen Menschen an. "Lio und ich haben uns gestern reichlich umgesehen. Soll ich dich herumführen? Dann kannst du Kaktusfeigenkuchen probieren. Wein machen sie auch aus diesen Früchten. Sehr süß und sehr lecker!"

Raja verbrachte den Nachmittag sehr gern mit Vin. Dieser fasste ihn nicht an, schmiegte sich nicht an ihn heran und bedrängte ihn nicht wie die anderen Puppen, denen sie begegneten. Vin ergänzte Toms Erklärungen zu Caley und der Art, wie die Caley lebten, auf seine Art, indem er ihn herumführte und es ihm zeigte.

Der Tag in den Gärten und Läden der Oase hatte den überraschenden Effekt, dass Raja am Abend, als er wieder in Richtung Marktplatz und dem Haus von Tom und dessen Gefährten ging, bereits einige Tauschwaren sein Eigen nennen konnte. Er hatte eine gewebte, bunte Tuchtasche, Wechselkleidung und ein wenig Schmuck, vorwiegend Ketten aus Lederbändern mit eingeknüpften hübschen Perlen, Steinchen oder Nussschalen.

Als Raja in der Wohnküche ankam, waren Tom und sein Gefährte gerade aus, um etwas zu tauschen, so dass Raja und Vin jeder bei einem Becher Limonade auf sie warteten. Raja ließ sich seufzend auf der Bank nieder, seine Füße waren das viele Laufen in den flachen Sandalen nicht gewohnt und sein Hintern tat ohnehin bei jeder Bewegung weh. "Danke, dass du so zu mir hältst, Vin. Das war doch sicherlich langweilig, oder?"

Überrascht schüttelte Vin den Kopf. "Nein, gar nicht! Es ist schön, mit dir zusammen zu sein. Ich mag das, wie du mir zuhörst, als ob alles interessant ist, was ich erzähle. Und wenn ich dir Dinge zeige und du mich dazu fragst, dann kann ich sie auch ansehen, als würde ich sie nicht kennen. Du machst sie neu für mich. Das ist spannend."

Er schlüpfte aus den Sandalen und wackelte mit den Zehen. Er war schon ein bisschen stolz auf sich. Den ganzen Tag über hatte er Raja nicht angefasst, auch wenn er es immer und immer wieder gern getan hätte. Einfach nur einmal über seine Hand streichen, seinen Arm berühren, ihn in eine Richtung schieben oder den Kopf an ihn lehnen. Aber er hatte ihn ansehen können, seine Stimme hören und sogar sein Lachen. Vin liebte es, wenn Raja lachte. Und er roch so gut. Vin lächelte seine Zehen an, dann zog er die Beine an, stützte das Kinn auf die Knie und sah zu Raja hin. "Was hast du gemacht, bevor du hierher gekommen bist? Und bevor du deinen Vater getroffen hast?" Der Gedanke war noch immer befremdlich, dass ein Vater nichts von seinem Sohn wissen konnte und ihn nicht großzog.

"Was die meisten Menschen wohl tun. Ich bin zur Schule gegangen." Raja warf einen Seitenblick auf Vins rundes Gesicht und grinste. "Das, was Caley nicht tun müssen, oder habt ihr eine Schule?"

"Haben wir." Vin freute sich darüber, dass sie etwas gemeinsam hatten. "Dort lernt man, welche Inseln es gibt und wo sie liegen, wie sie heißen... einfach alles, was man lernen kann. Aber es ist viel schöner, dann über die Inseln zu reisen." Er blinzelte, als ihm ein verwirrender Gedanke kam. "Menschen reisen nicht und berühren sich nicht, um ihren Gefährten zu finden. Wie merken Menschen, dass es ihr Gefährte ist, wenn sie ihm begegnen?"

Raja hob die Schultern. Das war, wenn er ehrlich war, auch für ihn ein Mysterium. "Durch Liebe. Es klappt ohnehin nicht immer so toll. Wenn man allein meine Eltern nimmt, die waren auch nur einmal zusammen in der Kiste." Er stockte, wieder kroch die Überlegung durch ihn, was mit Sex war. Ob sie überhaupt welchen hatten?

"Aber wie bemerkt ihr die Liebe?", bohrte Vin nach. "Sex ist doch kein Zeichen dafür. Sex macht Spaß, aber wenn ich jede Puppe, mit der ich im Bett war, als Gefährten hätte... oh, oh." Er grinste.

Raja wurde heiß. Der Kleine redete so einfach frei heraus darüber. Um vom Thema abzulenken, meinte er unbestimmt: "Ich weiß es nicht, ich war noch nicht verliebt. Es heißt, dass man Herzklopfen hat oder so."

Vin hatte ohnehin keine Zweifel mehr, dass Raja sein Gefährte war. Aber das überzeugte ihn nun restlos. Raja musste einfach auf ihn gewartet haben. Sie würden so glücklich sein, wenn sich sein Mensch erst einmal eingewöhnt hatte! "Sagst du mir, wenn du Herzklopfen bekommst?"

Raja dachte zwar bei sich, dass er dauernd Herzklopfen hatte, allerdings eher, weil ihm etwas peinlich war, aber weil Vin so niedlich aufgeregt in seine Richtung blickte, nickte er. "Klar. Und du sagst mir, wenn du... ach, du bist dir dann ohnehin sicher, nicht?"

"Es gibt einfach keinen Zweifel, wenn man seinen Gefährten findet." Vin war erleichtert, dass Raja nicht gefragt hatte. Das war noch nicht der richtige Zeitpunkt, um es ihm zu sagen. 'Ich beschütze dich. Auch wenn ich noch zu klein bin, um dich vor allem zu beschützen, so kann ich es wenigstens vor der Anpassungsstörung. Und wenn wir bei Mel und Gara bleiben, können sie dich so lange vor allem anderen bewahren.' Er freute sich schon unbändig auf den Augenblick, wenn Raja ihm sagen würde, dass er Herzklopfen bekam. Wenn sie sich endlich berühren würden. 'Hoffentlich erkennt er es überhaupt, so vage wie die Menschen damit sind.'

Raja seufzte und wollte gerade sagen, dass so eine Sicherheit auch nicht so schlecht war, als Tom zurückkam, Arm in Arm mit seinem riesenhaften Gefährten. Mit seinem freien Arm hielt der Meta die schmale Puppe mit den großen Augen, die allerdings schon wieder im Schlaf geschlossen waren.

Tom lächelte, entschuldigte sich bei seinem Gefährten und winkte Raja und Vin mit durch in sein kleines Zimmerchen. "So. Hier ist das Öl. Es tut auch gut bei Muskelkater vom Reiten oder Wandern. Ich habe damit reichlich Erfahrung gesammelt." Er lachte auf. "Hast du noch Fragen, Raja?"

Raja hatte welche, und von einer Frage kamen sie zur nächsten und zur übernächsten. Er erfuhr, dass die Puppen schon nach fünf Jahren erwachsen waren und auf Suche nach einem Gefährten gingen, und er lernte, dass die Väter sie auf ihrer Wanderung über die Insel bei der ersten Runde stets begleiteten. Auch die menschlichen Gefährten mussten dies tun. Als Raja verwirrt fragte, ob es Pflicht sei, warum man sich als Mensch nicht entzog, sagte Tom nur mit einem kleinen Zwinkern: "Du willst es nicht und du kannst es nicht, glaub mir."

"Aber vermutlich bin ich ja immun, oder?"

"Nun, von dem, was ich gehört habe, gibt es ohnehin nur eine Puppe, die für dich passend wäre. Ich habe schon von Menschen gehört, die diese Art der Beziehung gesucht haben und ebenso wie die Puppen über Caley gewandert sind, nachdem sie erfahren hatten, dass es jemanden passendes für sie gibt. Und diese Menschen haben lange suchen müssen." Er wuschelte Vin über den Kopf. "Andere wiederum ereilt es viel zu schnell und ohne ihr Einverständnis. Es soll sogar etwas wie eine Anpassungsstörung geben. Der Mensch kommt nicht über den Wandel in seinem Leben hinweg und will flüchten. Ich habe es selbst nicht durchmachen müssen, aber schon einige Menschen gesehen, die ganz schön gelitten haben."

"Es gibt die Anpassungsstörung", erzählte Vin. "Und es gibt sogar einen Arzt, der sie erforscht. Er ist so hübsch! Ganz weiß. Und er hat Hängeohren und einen Schwanz. Ich habe seinen Erforschungsmensch gesehen. Den hat es ganz schlimm getroffen. Er wollte davon laufen und konnte nicht. Ihm ging es schlecht, er konnte nicht richtig schlafen, er ist immer nur wütend gewesen und auch traurig, einsam und kalt, weil er seinem Gefährten nicht gestatten wollte, ihn anzufassen." Er schauderte ein wenig und sah zu Raja hin. "Ich hoffe, das passiert nie mit dir. Es hat ihm weh getan. Ich kann mir kaum vorstellen, wie schlimm es für seinen Gefährten gewesen sein muss, ihn leiden zu sehen und ihm nicht helfen zu dürfen."

Raja zog die Beine an und schlang seine Arme darum. Die lockere Ansicht, die er sich über den Nachmittag zurechtgelegt hatte, zerrann wie weicher Sand. Unsicher sah er zu Tom hinüber. "Aber... wenn es nicht passiert, dann kann ich einfach abreisen, nicht wahr? Egal ob ich geeignet bin oder nicht, wenn es mich nicht trifft, kann ich den Planeten einfach verlassen?"

Tom nickte. "Ja, dann ändert sich nichts für dich. Du lebst dein Leben wie zuvor weiter."

Unglücklich überlegte Raja, ob er das wollte. Toms Gefährte unterbrach sie jedoch, als er sie zum Essen rief. Ohne Umschweife sollten Raja und Vin daran teilnehmen. Wieder bemerkte Raja, dass Vin sich nicht direkt neben ihn setzte, sondern den Platz einer anderen Puppe überließ. Das Essen wurde von einer lebhaften Unterhaltung über die Verbindung einer Puppe begleitet, die alle gut gekannt hatten.

Als sie die Wohnung verließen und inmitten eines ausgelassenen Straßenfestes zur Wohnung zurückgingen, in der sie noch eine Nacht schlafen würden, fragte Raja Vin nach einigen Schritten: "Hast du diese Wanderung also schon einmal gemacht? Mit deinen Vätern?"

Vin nickte. "Mit meinem Vater und seinem Gefährten."

"Dann kennst du alle Inseln schon? Ist es überall auf Caley so heiß wie hier?" Sie kamen bei der Wohnung an, aber alle schienen ausgegangen zu sein.

"Ist es dir zu heiß?" Vin lächelte. "Keine Sorge, es gibt auch kühlere Orte. Aber frieren muss man nirgends, mal von den Gebirgen abgesehen." Er hatte gar nichts dagegen, Raja für sich allein zu haben, aber es stellte ihn vor ein Problem, mit dem er nicht wirklich gerechnet hatte. Sein Schatz brauchte doch die Massage, und er konnte sie ihm unmöglich geben, auch wenn er gern wollte. Kurzerhand beschloss er, nach Mel oder Gara zu suchen, sollten sie nicht rechtzeitig zurück sein. "Soll ich dir mehr über die Inseln erzählen?"

"Ja gern, aber ich würde gern duschen und mich umziehen. Ich bin ganz verschwitzt und staubig." Raja hatte sich für die Nacht eine leichte Shorts und ein weites Hemd besorgt. "Ich komme danach wieder her, oder ins Schlafzimmer."

Gedanken huschten durch Vins Kopf, die mit einem nassen Raja zu tun hatten und Einseifen und Anfassen, deswegen nickte er nur stumm. Von all den Dingen träumend, die sie als Gefährten tun würden, ging er bereits ins Schlafzimmer vor. Er würde sich nachher umziehen, wenn sicher war, dass er nicht zu Mel und Gara laufen musste.

Raja hatte noch immer Nackenschmerzen, aber er hütete sich, Vin davon zu erzählen. Er genoss die Dusche und die angenehm leichte und frische Kleidung. Als er in das Schlafzimmer zurück kam, lag Vin auf dem Bauch auf dem Bett, das Raja in der Nacht zuvor allein gehabt hatte und sah ihn aus dem Halbdunkel im Raum an. Im Hintergrund war eine der kleinen Öllämpchen entzündet worden und warf lange Schatten. Vins Augen erschienen Raja größer und dunkler, zugleich geheimnisvoller als den Tag über. Unsicher ging er zum Bett hin und legte die Kleidung auf seine Tasche.

Doch dann blinzelte Vin, strahlte ihn mit einem seiner mitreißenden Lächeln an und begann, von den anderen Inseln zu erzählen. Es hörte sich wundervoll an, und Raja konnte es sich beinahe mit geschlossenen Augen vorstellen, weil Vin Gerüche und Geräusche mit in seine Geschichten einbaute; liebevoll betonte er Details, die Raja zeigten, dass er eine Insel ganz besonders gern hatte. Er legte sich unter die leichte Decke und schob seinen Arm unter dem Kopf. "Vin, erzählst du gerade von der Insel, auf der du aufgewachsen bist?"

Überrascht sah Vin auf, dann nickte er mit einem Lächeln und stützte das Kinn auf die Hände. Es gefiel ihm, wie aufmerksam Raja war. "Da wohnen nun mein Vater und sein Gefährte auch wieder. Bestimmt ist die nächste Larve schon am Wachsen. Diesmal wird der Gefährte meines Vaters der Vater sein."

Raja schien alles über Caley wissen zu wollen, und Vin erzählte ihm nur zu gerne. Doch bald fielen seinem Schatz die Augen zu. Erst blinzelte er nur, dann wurden die Zeiten länger, in denen er die Lider nicht öffnete. Vin ertappte sich dabei, dass er die Hand nach ihm ausstreckte, um ihm über die Wange zu streicheln, aber zuckte gleich wieder zurück.
"Du bist müde, nicht? Aber Tom hat gesagt, dass du massiert werden musst, damit es dir besser geht." Besorgt lauschte er nach unten, doch es kündigten keine Geräusche an, dass einer der Meta wiederkommen wollte. "Ich gehe und hole Mel oder Gara, ja? Bleib noch so lang wach."

"Danke, aber das ist wirklich nicht nötig. Es tut kaum noch weh." Raja war der Gedanke, dass ihn einer dieser Männer anfassen würde, nicht so angenehm. "Ich verteil mir selber was von dem Öl auf den Nacken, dann wird das schon wieder."

Vin setzte sich auf, zog die Beine in den Schneidersitz und betrachtete Raja für eine Weile mit schief gelegtem Kopf. "Du magst es nicht gerne, wenn man dich berührt... Aber du musst keine Angst haben, Gara und Mel sind beide Meta, da kann nichts mehr passieren. Und es ist doch schön, wenn man kuscheln und knuddeln kann. Es macht, dass man sich gut fühlt. Eine Massage macht auch, dass du dich gut fühlst. Ich will nicht, dass du Schmerzen hast."

"Danke, das ist nett. Aber ich glaube, ich schlafe auch so schon ein, Vin. Vielleicht bitte ich sie einfach morgen darum?" Knuddeln und Kuscheln kannte Raja nicht so richtig. Seine Mutter hatte sehr früh das Interesse an ihm verloren, im Internat war es nicht üblich und zwischen zwei Jungs wäre es noch unüblicher gewesen. Das Gefühl, etwas wichtiges verpasst zu haben, ließ sich nicht mehr wegwischen. Seufzend schob er sich noch tiefer unter die Decke. "Gute Nacht, Vin."

Etwas in Rajas Stimme und seinen Augen machte es für Vin sehr schwer, sich nicht zu ihm zu legen und ihn in den Arm zu nehmen. Er konnte es nicht benennen, aber er brauchte einen langen Moment, ehe er sich dazu bringen konnte, von dem Bett zu rutschen. Rasch lief er und holte das Ölfläschchen, um es zu Raja zurück zu bringen. Er legte es ihm auf die Decke, beugte sich zu ihm herunter und sagte leise mit einem Lächeln: "Vergiss es nicht. Es ist besser als nichts."

Es war eine weitere Heldentat von ihm, Raja nicht zu küssen, befand er, als er mit einem Seufzen zurückwich, um selber ins Bad zu gehen.


Dhanu wachte von Kaans Stimme auf, der mit ihren Gastgebern an der Tür zum Zimmer redete. Ein Meta mit dunkler Mähne reichte ihm Handtücher hinein und fragte nach Wünschen von der Bäckerei. Dhanu raffte sich auf, nachdem der Gastgeber gegangen war und rieb sich stöhnend die Augen. "Hey. Bist du schon lange auf?"

"Ich habe bereits geduscht, mich angezogen und mein enorm reichhaltiges Gepäck in der Tasche verstaut." Schmunzelnd sah Kaan auf den müden Mann hinab, dessen blondiertes Haar vom Schlaf zerzaust war. Er widerstand dem Impuls, ihm einen Guten-Morgen-Kuss auf die Wange zu drücken und warf ihm ein Handtuch zu, was Dhanu prompt fing. Kaan fand, dass es eine erstaunliche Reaktion war, dafür dass der Mann so verschlafen war. "Ich hätte dich bald geweckt, wenn du nicht von allein aufgewacht wärst. Der Gleiter müsste bald ankommen."

"Tut mir leid. War echt spät gestern." Dhanu kämpfte mit der Versuchung, Kaan zu sich zu zerren. Stattdessen stand er jedoch auf und schwang sich das Handtuch über die Schulter. "Schade, mit dir dusche ich viel lieber, Kaan."

Er streckte sich und zog sich aus, um die Schlafsachen gleich in eine Tuchtasche zu stopfen, während er die leichte Hose und das ärmellose Hemd, sowie einen sehr knappen, caleytypischen Tanga zum Bad mit hin nahm. Im Vorbeigehen drückte er Kaan einen Kuss auf die Schulter. "Ich mach es wieder gut, ja?"

"Ich warte drauf." Neckend verpasste Kaan Dhanus ausgesprochen knackigen Hintern einen kleinen Klaps. "Mich mit so was leckerem zu konfrontieren und dann es mir vorzuenthalten, ist nicht fair."

Er lachte und machte sich daran, das große Bett aufzudecken, um es nicht unordentlich zu hinterlassen, selbst wenn ihre Gastgeber es wohl neu beziehen würden. Außerdem gab es ihm etwas zu tun, während Dhanu sich fertig machte. Er war aufgeregt und noch immer besorgt, selbst wenn sicher war, dass Raja lebte. 'Ich werde mich wohl erst entspannen, wenn er wieder bei mir ist. Was ist das nur, das mich um einen fremden Menschen so viel Sorge empfinden lässt? Sicher, ich bin sein Vater – aber ich kenne ihn kaum. Viele Väter kennen ihre Söhne und scheren sich nicht um sie.'

Nach dem Frühstück, das für die Caley sehr typisch üppig war, verabschiedeten Dhanu und Kaan sich von ihren Gastgebern, um zu dem Dock für die kleine Fähre zu gehen, die sie zum Absturzort von Raja bringen würde. Dhanu hatte sich von Kaan schon all das über den Jungen erzählen lassen, was Kaan selber wusste. Es war nicht viel, aber immerhin würde er ihn vermutlich erkennen, wenn er ihn sah.

Die Fähre war gut bestückt zur Bergung der Rettungskapsel. Nach einem Abkommen waren fremde Rassen verpflichtet, keinerlei Spuren auf Caley zu hinterlassen, und insgeheim dachte Dhanu, dass es der Mannschaft gar nicht um Raja ging, sondern darum, den Schrott, vor allem den Teil mit dem Firmennamen darauf, so schnell wie irgend möglich zu entfernen, um Ärger mit den Daryller zu vermeiden.

Kaan empfand die Fahrt als angenehm. Das Wetter war so schön, wie es den Gerüchten auf den Kolonien zufolge immer war, und auch wenn die Fähre nicht auf Passagiere und Touristen ausgerichtet war, konnten sie doch einen Platz an Deck finden, der ihnen ab und an einen Ausblick auf die Inseln gewährte, die sie passierten. Der Farbreichtum war überwältigend. Kaan hatte nicht erwartet, dass es Fels in solchen Schattierungen geben konnte, und das wirkte sich natürlich auf Sandstrände und sogar auf die Vegetation aus. Natürlich hielten sie nirgends, und sein Entschluss, auf Caley Urlaub zu machen und zu reisen, festigte sich. Dieser herrliche Planet musste einfach erkundet werden!

Gegen Abend hatte er eigentlich erwartet, dass es so wie am Raumhafen kühler wurde, doch die Temperatur blieb gleich und stieg später sogar noch. Offensichtlich näherten sie sich den Wüstenregionen, in der die Rettungskapsel gelandet war. Der Sonnenuntergang war nicht spektakulärer als der auf seiner Heimatkolonie, auch wenn zwei Sonnen sich ins Meer versenkten; doch die vielfarbigen Monde, die langsam den Himmel empor zu steigen begannen, ließen ihn noch immer staunen, obwohl er sie nun schon einige Male hatte bewundern können.

Die Nacht verbrachte er eng mit Dhanu zusammengepfercht in einem Bett, das zu schmal für sie war, so dass er wenig Schlaf bekam. Es ließ ihn sich zudem unbehaglich fühlen, weil es nicht einmal in Erwägung gezogen wurde, dass sie getrennt schlafen konnten. Der Stewart hatte wohl mehr aus seiner Äußerung der Turteltauben gemacht, als wirklich vorhanden war. Kaan war aus mehr als einem Grund erleichtert, als ihnen nach einem Frühstück an Deck erklärt wurde, dass sie ihr Ziel fast erreicht hatten.


© by Jainoh & Pandorah