Absturz mit Folgen

8.

Die Insel, die sie schließlich ansteuerten, war größer als viele andere und bestand, soweit das Auge reichte, ausschließlich aus Sand und Fels. Dünen und Täler wechselten sich ab; unweit der Stelle, an der sie vom Meer auf Land überwechselten, konnte man das Grün einer Oase sehen. Sand stob unter dem Antrieb des Fährengleiters auf, und das Geräusch aufstiebenden Wassers wurde durch feines Prasseln ersetzt.

Dhanu kannte die Wüstenregion von Caley schon, aber noch immer war er von dieser größten der Inseln im Süden beeindruckt. Sie glitten durch ein Tal zwischen den zwei Bergketten, deren Namen er auch einmal gewusst hatte und dann in ein weites Becken. Der Wind hatte den feinen Sand zu den weichen Wellen eines stillen Meeres geformt. Einige wenige Pflanzen versuchten sich zu behaupten, aber gerade diesem Becken gab es kaum Schutz vor dem puderfeinen Sand.

Der Führer des Fahrzeugs erklärte: "Wegen einiger wandernder Gruppen werde ich einen weiten Bogen." Offenbar war die Rettungskapsel sehr dicht am seit jeher verwendeten Wanderpfad durch das Wüstenbecken abgestürzt. Dort war der Sand deutlich fester und besser begehbar.

Als sie ankamen und das Gebiet mit einem Scanner untersuchten, stellte sich zum einen heraus, dass Raja nicht mehr in der Kapsel oder auch nur in ihrer Nähe war, zum anderen stellte sich aber auch heraus, dass er sie lebend verlassen haben musste.

Der Leiter der Aktion versprach Kaan: "Wir werden den Videochip aus der Kapsel ausbauen, um darauf zu sehen, ob jemand Raja vielleicht mitgenommen hat."

Kaan nickte nur. Seine Sorge flammte erneut auf, und er hoffte inständig, dass sein Sohn nicht ohne Begleitung losgewandert war. Selbst wenn es nur eine Insel war, die nicht mit den ausgedehnten Wüsten auf Kontinenten verglichen werden konnte, war sie immer noch zu groß, um sie ohne Erfahrung lebend zu durchqueren. Und woher sollte Raja eine solche Erfahrung bekommen haben? Er würde sich verlaufen, würde verdursten.

Kaan versuchte, sich seine Ängste nicht anmerken zu lassen, als er aus der stechenden Sonne in den Schatten der Fähre ging und sich dort ganz an den Rand der Rampe setzte, über die die Wrackteile der Rettungskapsel geborgen wurden. 'Immerhin hat er noch gelebt, als er gelandet ist. Und es ist nahe einer Wanderroute der Caley.' An dem Gedanken hielt er sich fest und vertrieb Bilder von ausgetrockneten mumifizierten Leichen, die Rajas Cargohose und sein grünes Langarmhemd trugen.

Dhanu half dabei, die Teile der Kapsel mit Lastengurten für den Kran greifbar zu machen, dann ging er zu Kaan in den Schatten und kniete sich neben ihm in den Sand.

"Hey. Mach nicht so ein Gesicht. Dein Junge ist bestimmt patent und hat sich zu helfen gewusst." Er wollte Kaan lächeln sehen, wollte, dass dieser Mann seinen Sohn in den Arm nehmen und sich freuen konnte. Ein merkwürdiges Gefühl überkam Dhanu, schon lange vergessen und daher so unvertraut. Das Gefühl, dass er jemanden beschützen wollte und zu ihm gehören. Anstatt seine Gedanken auszusprechen, drückte er Kaans Schulter einmal, dann stand er wieder auf, um zu dem Leiter zu gehen, der die Computeranteile auseinander schraubte, um den Videochip bergen zu können. "Ich rufe dich, wenn wir den Film sehen können, ja?"

Kaan schüttelte den Kopf und folgte ihm stattdessen. Er hatte damit gerechnet, Raja hier zu treffen, in der Sicherheit der Landungskapsel, die, selbst wenn sie ein halbes Wrack war, dennoch die Möglichkeit zum Überleben bot, mit Notrationen und einem reichlichen Wasservorrat. Die Erkenntnis beruhigte ihn. Raja war nicht dumm. Wäre keine Hilfe in irgendeiner Form gekommen, wäre er hier geblieben. Er wäre nicht auf gut Glück losgewandert. Andererseits, warum hatte er nicht gewartet, bis eine Rettungsmannschaft kam, selbst wenn Caley ihn entdeckt hatten? Er musste doch wissen, dass man ihn nicht allein lassen würde. 'Er muss verletzt gewesen sein, vom Sturz.'

Die Zeit, bis der Videochip geborgen und als lesbar geprüft worden war, kroch voran. Kaan konnte sich nicht erinnern, jemals so ungeduldig gewesen zu sein. Als sie die Daten endlich betrachten konnten, fand er sich in Dhanus Armen wieder. Der große Mann war beruhigend und vertraut. Es war leicht, sich an ihn zu lehnen.

Der Film war beängstigend, weil er den Absturz dokumentierte, aber Kaan konnte den Blick nicht abwenden, selbst wenn er Dhanus Hand mehr als einmal vor Schreck viel zu fest drückte. Sein Herz schlug schmerzhaft vor nachträglicher Angst um Raja. Doch er brachte auch Erleichterung. Raja wirkte wie im Schock, als er von mehreren Meta aus der Kapsel befreit wurde. Aber er war am Leben.

Danach zeigte der Film nur noch den leeren Innenraum, und durch die geöffnete Tür den verwehenden Wüstensand. Kaan schloss für einen Moment die Augen und atmete mehrmals tief durch. Raja lebte, und in der Obhut der Caley ging es ihm hoffentlich auch gut.

Dhanu berührte Kaans Schläfe mit den Lippen und drückte ihn noch einmal leicht, bevor er seine Hand befreite. "Siehst du. Und wie ich die Caley kenne, werden sie Raja auf dem Wanderweg einfach mitgenommen haben. Der führt, wenn auch nicht unbedingt schnell, so doch immer auch am Raumhafen vorbei."

Gleich nach der Erleichterung folgte ein mehr oder weniger großes Ärgernis. Der Leiter der Expedition gab an, dass er nicht mehr genug Antriebsmöglichkeiten hatte, um Raja noch über den restlichen Planeten Caley zu folgen. "Zudem ist es schon gewagt genug gewesen, einen Gleiter bis in die Wüste zu fahren. Wir sollten umkehren und nicht unnötig Aufmerksamkeit erregen. Der Junge wird mit den Caley wandern. Wenn ihr ihn einholen wollt, dann auf dem Wanderpfad zu Fuß, anders geht es nicht."

Dhanu seufzte und sagte leise an Kaans Ohr: "Er hat recht. Es ist nicht erlaubt, den Weg der Caley durch fremde Einflüsse zu stören. Wir können leider nicht mit einem Gleiter hinter ihm her."

Das Wir begann Kaan zu irritieren, doch gleichzeitig gab es ihm ein vages Gefühl von Sicherheit. "Und was ist, wenn er innere Verletzungen hat? Die Caley haben keine Krankenhäuser und keine Chirurgen, oder?" Er schauderte, wand sich aus Dhanus Arm und drehte sich zu ihm um. "Ich warte auf die nächsten Caley, die vorbeikommen und gehe mit ihnen mit. Ich will meinen Sohn finden. Allzu lang kann es ja nicht dauern, wenn das einer ihrer Hauptwege ist."

"Nun, wie ich die Caley kenne, könnte es lange dauern. Wenn du möchtest, kann ich dir den Weg zum nächsten Dorf aber zeigen. Ich kann die Spuren und Wegzeichen gut lesen. Vielleicht haben wir ja auch Glück, und eine Gruppe nimmt uns mit." Dhanu legte den Kopf schief und sah Kaan nachdenklich an. "Ist es dir recht, wenn ich mitkomme? Ich gestehe jetzt gern auch alles und gebe zu, dass dies für mich der kürzeste und schnellste Weg war, einen Freund von mir zu besuchen. Er lebt mit seinem Gefährten im nächsten Dorf, jedenfalls hoffe ich, dass er nicht gerade wandert."

Verwirrt blinzelte Kaan, seine Lippen formten ein lautloses 'Oh'. Dhanu hatte ihn nicht begleiten wollen, sondern war aus ganz persönlichen Gründen hier. Einerseits erleichterte ihn das, andererseits fühlte er sich, als hätte der Mann ihn angelogen. Ausgetestet vielleicht, wie weit er gehen konnte, ob Kaan für ihn empfinden würde. Er hatte immer nur gesagt, dass er ihn gerne begleiten wollte. Nun, es war sein Recht, seine Gründe für sich zu behalten.

"Ah", sagte er schließlich und erwog gedanklich die Vor- und Nachteile. Es war angenehm, mit Dhanu zusammenzusein, und da stand immer noch eine nette Nacht in Aussicht. Genauso wenig wie Raja war er auf ein Überleben in der Wüste vorbereitet, und wenn die nächsten Caley sich sehr viel Zeit ließen, konnte die Zeit ganz schön lang werden. Zeit, in der sein Sohn an inneren Verletzungen sterben konnte. 'Hör auf damit! Er sah aus wie im Schock, nicht als hätte er große Schmerzen. Aber wären die nicht davon unterdrückt worden? Hör auf, hab ich gesagt!'

Wenn er Raja einholte, würde er ihm nicht helfen können. Er war selber kein Arzt. Und bei den verworrenen Wanderwegen der Caley war es sogar möglich, dass er ihn nie finden würde. Es wäre sicherer, wenn er einfach am Fährhafen auf ihn warten würde. 'Die Geduld habe ich nicht. Nicht bei ihm. Ich muss wenigstens versuchen, ihn zu finden.'

Langsam nickte Kaan, dennoch nicht wirklich überzeugt, dass Dhanus Begleitung bei all den Vorteilen gut war. Es war dieses Gefühl von Lüge, selbst wenn es keine wirkliche gewesen war, aber es nagte. "Es ist wohl besser für mich, besonders wenn du dich auskennst. Sonst brauche ich am Ende selber noch einen Retter."

Sie rüsteten sich mit Hilfe der Rettungstruppe aus. Viel war es nicht, was sie hatten. Ihre Taschen mit Wechselkleidung, Hüte gegen die Sonne und reichlich Wasser und Trockenwurst und -obst für zwei Tage.

Dhanu wanderte ein wenig von der Fähre weg, um die Spuren im Sand zu betrachten. Er wusste von der kleinen Karte in seinem Handcomputer, dass sie über einen Tag unterwegs sein würden und just als ihm klar wurde, dass sie unter Umständen allein irgendwo schlafen würden, fielen ihm die Spuren eines nichtmenschlichen Wesens auf. Sie führten zwischen Schleifspuren von den Wrackteilen durch den Sand von der Landestelle fort.

Dhanu blickte in die Richtung, als wollte er den Horizont absuchen. 'Rawley. Er ist Kaan gefolgt. Was hat Kaan, oder was weiß er, das ihn für Rawleys Auftraggeber wertvoll machen?' Dhanu sah sich zu dem schlanken Mann um, der sich gerade die Haare mit einem Band zusammenfasste und lächelte. Er fühlte sich gut, wenn er Kaan ansah, fühlte sich sogar noch besser, wenn er ihn umarmen, halten, küssen konnte. Er gab für sich zu, dass er dieser Observation nur zugestimmt hatte, weil es sich bei dem Objekt um Kaan drehte. 'Bitte, lass ihn nicht von der Gegenseite sein. Bitte.'

Laut rief er in Kaans Richtung: "Wir sollten trotz der Hitze losgehen! Ich habe den Verdacht, dass wir über Nacht wandern müssen. Der Weg, den alle Caley gehen, führt an die Bergkuppen dort hinten heran."


Sie wanderten bis weit in die Nacht hinein, aber Kaan war mehr als dankbar, dass Dhanu seine Drohung nicht wahrmachte, selbst wenn er den Verdacht hatte, dass sie langsamer waren, als Dhanu geplant hatte. Seine Beine fühlten sich durch das mühsame Stapfen durch den Wüstensand wie mit Blei gefüllt an, als sie endlich ihr Lager aufschlugen.

"Ich fürchte, ich bin in nichts, was sich nennenswert Kondition nennen könnte", sagte er mit einem müden Lächeln, als er sich erleichtert auf seinen Schlafsack fallen ließ. Er war verschwitzt und staubig und sehnte sich nach einer Dusche und einer Klimaanlage. Gleich darauf musste er über sich selber lachen. Wie alt man werden konnte!

Dhanu grinste und reichte Kaan die Wasserflasche. "Nein, du bist wirklich gut, mir tut alles weh. Ich wollte nur nicht vor dir aufgeben." Er zwinkerte einmal, dann meinte er: "Schlaf du zuerst eine Runde, ich passe derweilen auf." Er deutete in die Umgebung. "Wer weiß, was für Tiere sich herumtreiben."

"Danke." Dankbar lächelte Kaan den anderen Mann an. Es war nett, wie dieser es erreichte, dass Kaan sich nicht wie ein Hindernis fühlte. Hunger hatte er keinen, aber er trank ausgiebig, ehe er sich erschöpft in seinen Schlafsack wickelte. Dhanu machte zudem, dass er sich sicher fühlte, und so war er sehr schnell eingeschlafen.

Dhanu wartete, bis Kaans Atmung sich vertiefte. Er hatte darauf geachtet, dass er das Limit des Mannes ausgeschöpft hatte mit der Wanderung. Das letzte, was er wollte, war Kaan gleich hinter sich auftauchen sehen. Mit seiner Tasche stopfte er den Schlafsack aus und rutschte hinter Kaan den kleinen Abhang hinunter, auf dem sie im Windschatten der ersten Berge ihr Lager aufgeschlagen hatten. Dann krabbelte er in der Deckung der Felsen ein ganzes Wegstück weiter, bevor er in weitem Bogen bis dicht vor ihr Lager zurückkehrte.

Er holte den Handcomputer hervor und ließ einmal nach Lebenszeichen absuchen. Seine Instinkte hatten ihn nicht getäuscht. Neben dem schlafenden Kaan war eine Gestalt zu sehen, die sich zudem auch noch dichter schlich. 'Rawley, du verdammter...' Dhanu hechtete vorwärts und war hinter dem Echsenmann, als dieser sich gerade über Kaan beugen wollte.

"Oh nein. Das ist mein Freund!", zischte er und legte Rawley zugleich eine Schlinge um den Hals. Er zog zu und zerrte den zappelnden Agenten von ihrem Lager fort hinter die nächsten Felsen und Sträucher. Rawleys schwaches Röcheln zeigte Dhanu, dass er aufpassen musste, den anderen nicht zu erdrosseln, bevor er seine Informationen erhalten hatte.
"Was suchst du?" Dhanu warf den anderen zu Boden und kniete sich auf seinen Brustkorb, während er die Arme mit einer Fessel zusammenband. "Wieso folgst du ihm?"

Rawleys Augen starrten ohne zu blinzeln in seine Richtung, lediglich ein kaltes Grinsen berührte die Lippen der Kreation. "Ich suche nur, was mir gehört." Das Grinsen wurde breiter.

Dhanu blinzelte, dann holte er aus, um Rawley nieder zu schlagen. Er war nicht schnell genug. Mit heiserem Zischen und unmenschlicher Beweglichkeit zog der andere die Beine an und warf Dhanu von sich. Erst als die Schusswaffe in Dhanus Hand aufblitzte, ließ Rawley von ihm ab und flüchtete derart schnell, dass Dhanu nicht einmal aufgestanden war, als man schon nichts mehr von der Echse sehen konnte.

Mit schmerzendem Rücken und Arm und nicht schlauer geworden kehrte Dhanu zum Lager zurück, um weiter Wache zu halten, auch wenn er glaubte, dass Rawley sich vermutlich zurückziehen würde bis zu einer günstigeren Gelegenheit.

Kaan erwachte, weil ihn jemand rüttelte. Er fühlte sich kein bisschen bereit, auch nur die Augen zu öffnen, doch dieser Jemand war unerbittlich. Schließlich blinzelte Kaan müde. Es war noch nicht hell, der Himmel begann gerade, seine Farbe von dunklem Blau zu einem helleren Violett zu wechseln. Kaan starrte zum Horizont und brauchte einen sehr langen Moment, ehe er realisierte, wo er war. Die Wüste, irgendwo in ihrer Mitte, mit Dhanu, auf Rajas Spuren. Und Dhanu hatte vor wilden Tieren gewarnt. Kaan rieb mit den Handrücken über seine Augen und setzte sich auf, um nicht gleich wieder wegzunicken.

"Soll ich jetzt Wache halten?", murmelte er.

Dhanu schüttelte den Kopf und streckte sich. "Nein. Ich wollte dich bitten, ein wenig durchzuhalten. Es ist zwar hart ohne den Schlaf, aber wir kämen vielleicht vor der Mittagshitze an der Oasenstadt an. Dort kenne ich wie gesagt jemanden, bei dem wir übernachten und nach Raja fragen können."

Die Überraschung brachte Kaan dazu, ziemlich schnell wach zu werden. "Das heißt, du hast die Nacht selber nicht geschlafen? Du hättest mich wecken sollen!"

Er war ein wenig über sich selbst verärgert, weil er sich warm und umsorgt zu fühlen begann. Eilig rappelte er sich auf, um seinen Schlafsack zusammenzurollen. Im dem Moment entdeckte er im Licht des schnell hell werdenden Himmels die Spuren. Sie führten von hinter den Dünen zu seinem Lager, jenseits der, die sie selber gemacht hatten, eine doppelte Reihe führte auch wieder weg. Ein kleiner Stich an nachträglichem Schreck fuhr Kaan in den Magen. Er drehte sich zu Dhanu um und sah ihn besorgt an. Der Mann war deutlich müde, das Haar zerzaust und die Kleidung ähnlich verknittert wie Kaans. Aber ihm ging es gut.

"Deswegen hast du mich nicht geweckt, stimmt 's?" Mit einer vagen Geste umschrieb er die Spuren, als er zu ihm trat. Er ging bei ihm in die Hocke, umarmte ihn fest und küsste ihn auf die Wange. "Danke."

Dhanu lächelte. "Das war nur eine Echse. Ich wollte nicht, dass du dir Sorgen machst, Kaan." Das Gefühl, diesen Mann beschützen zu müssen, wurde stärker. Mit einem versteckten Lächeln begann Dhanu sich zu fühlen wie ein Meta, der seinen Gefährten begleitete. "Hier, es sieht aus wie Kaffee und es riecht auch so, leider schmeckt es nicht sonderlich, aber macht wach."

Sie tranken das Gebräu fröstelnd im Gehen und teilten sich einige der harten Kekse aus dem Proviant des Rettungsgleiters. Schweigend folgten sie immer der Grenze der schroffen vulkanischen Berge. Dhanu erinnerte sich, dass irgendwo ein Pfad hinauf führen musste. Weiter oben in den Bergen versteckt lag die Oase Firmament, wie einer der Caleyforscher sie genannt hatte. Der Name rührte daher, dass die senkrecht in die Felswand gebaute Stadt in der tiefen Nacht, wenn die Monde untergegangen waren, selber wie ein funkelnder Sternenhimmel aussah, weil durch unzählige Fensterchen das Licht aus den Wohnungen zu sehen war. Die Caley selber nannten sie Firm, da sie lange Namen zu kompliziert fanden, aber die Namen, die ihnen die Forscher für ihre Inseln und Dörfer schenkten, mit Begeisterung in ihr Leben einbauten.

Noch während Dhanu Kaan dies erzählte, kamen sie an den Bergpfad an und konnten in Richtung Firm einbiegen. Nicht weit nach dem Beginn des Weges erreichten sie eine der Mauern der Einsamen. Dhanu blieb stehen und seufzte leise. Die Caley waren eine merkwürdige Rasse.

"Hier, Kaan. Jede der Nischen steht für eine Caleypuppe, die überallhin gewandert ist und ihren Gefährten nicht gefunden hat. Sie sterben nach einer Weile an der Einsamkeit und vergehen. Man kann ihnen Blumen oder Schmuck schenken, um von ihnen Kraft für die eigene Suche zu erhalten. Es heißt, dass ihre Geister einem helfen, das eigene Glück zu finden." Er berührte einige der Goldkettchen in den Fächern. Typisch Caley würde nie jemand auch nur daran denken, diese kleinen Schmuckstücke oder sogar Kunstwerke zu stehlen.

Kaan schauderte, als sein Blick die langen Nischenreihen entlang wanderte. Es waren so viele, und es war nicht der einzige Ort, an dem es sie gab. Jede einzelne stand für einen Tod in Einsamkeit. Es machte ihn traurig, das zu wissen und erinnerte ihn an den Mann, der ihn betrogen hatte. Kaan hatte sich gefühlt, als würde etwas in ihm sterben, nachdem sich Jahre der Liebe als Lügen entpuppt hatten. Aber er war nicht gestorben; er hatte weitere Chancen. Er holte eines der Kettchen hervor, die er fürs Tauschen erstanden hatte, und legte es in eine Nische, ohne um etwas bestimmtes zu bitten.

Dhanu hatte Kaans Gesichtsausdruck gesehen und ging ein paar Schritte weiter, um Kaan Zeit zu lassen für seine Gedanken. Doch ein Gegenstand weckte seine Aufmerksamkeit. Unter anderen Kleinigkeiten versteckt lag eine Schlüsselkarte von der Fähre. "Hey! Kaan, dein Junge war vermutlich hier, schau mal!"

Kaan schreckte auf und lief zu Dhanu hin, um sich selber zu überzeugen. Ein Lächeln der Erleichterung überzog sein Gesicht, als er die Karte aus ihrer Nische nahm und sie in den Fingern drehte. Er suchte nach der Zimmernummer, aber da er Rajas nicht kannte, war es keine Bestätigung, als er sie fand. Leise lachte er auf.

"Ausgerechnet er bittet bei den Puppen eines Männervolks? Ob er schon auf dem Weg der Besserung ist?" Vorsichtig legte er die Karte zurück und strich mit der Fingerkuppe an ihrem Rand entlang. 'Bist du so einsam gewesen? Ich hoffe, es geht dir gut. Ich hoffe, ich finde dich bald. Es tut mir leid, dass ich nicht früher von dir gewusst habe.' Dann streckte er sich entschlossen, rückte den Rucksack zurecht und sah Dhanu auffordernd an. "Komm! Nicht, dass er uns davon läuft!"

"So gefällst du mir! Wir werden vermutlich schon am Nachmittag ankommen."

Sie gingen nicht schnell, weil es schon am Morgen sehr heiß wurde und der Pfad zudem stetig bergan führte. Schon bald waren sie beide durchgeschwitzt und selbst Dhanu taten die Beine weh. Aber mit nur wenigen kleinen Pausen kamen sie dennoch sehr gut voran. Als sie das unwirklich grün erscheinende Tal bereits vor Augen hatten, wurden sie von einer Gruppe Caley überholt, die ihnen sogar ein Reittier anboten. Dhanu lehnte dankend ab, weil sie den restlichen Weg sicherlich auch so schaffen konnten und er auf den schmerzenden Hintern verzichten wollte.


© by Jainoh & Pandorah