Absturz mit Folgen

9.

Die Stadt Firmament sah aus künstlerischer Sicht betrachtet vermutlich ein wenig so aus wie eines. Vor allen Dingen bei Nacht. Sie war fast senkrecht an eine Bergwand heran gebaut worden und führte auch ein gutes Stück in den Berg hinein. Die Gärten und Weiden der Caley füllten das Tal aus; von zwei Quellen aus dem Berginneren gespeist lag ein glitzernder See direkt in der Mitte der Oase.

Dhanu und Kaan wurden mit freudigem Winken begrüßt. Nur sehr selten verirrten sich Menschen ohne Gefährten in die Oase. Sogleich entspannen sich über einem Tauschhandel für das Abendessen und der Nachfrage nach dem Badehaus einige Unterhaltungen, aber keiner der Gefragten hatte Raja gesehen. Dhanu führte Kaan daher zuerst zu dem Badehaus im Inneren der Oase. "Wir baden erst einmal und ziehen uns um, dann gehe ich Tom suchen und du ruhst dich bei einem Tee aus und fragst einfach deinerseits jeden, der dich anspricht, ob er Raja gesehen hat."

Doch gleich der erste Caley, dem sie begegneten, hatte Raja gesehen. Der Meta, der im Badehaus für die Handtücher sorgte, nickte lebhaft und berichtete von einer Familie auf der Wanderschaft mit einer einzelnen Puppe und einer Menschenpuppe, die sehr müde aussah. "Sie sind zum Baden hier und dann bei einer Familie am Markt zu Gast gewesen."

Alle Müdigkeit war vergessen, als Kaan den Meta hoffnungsvoll ansah. "Sind sie noch hier? Weißt du, ob mit dem Menschen alles in Ordnung war bis auf die Müdigkeit?"

"Keine Ahnung, sie waren nicht noch mal hier." Bedauernd schüttelte der Meta den Kopf. "Aber sie wollten zum Fährhafen und nicht den anderen Weg durch die Wüste nehmen. Allerdings kann ich nicht sagen, wann sie weiter wollten. Vielleicht heute, vielleicht morgen. Vielleicht sind sie auch schon weg. Ich frag gerne mal die anderen danach. Irgendjemand wird 's schon wissen."

Kaan war danach, den Meta zu umarmen. Doch er strahlte ihn nur an, bedankte sich und umarmte stattdessen Dhanu. "Wenn sie noch hier sind, werden sie aber kaum jetzt noch aufbrechen, nicht? Es ist ja bald schon Abend. Das heißt, wir haben ausreichend Zeit zum Baden."

Das heiße Wasser tat gut und entspannte Kaans schmerzenden Muskeln, als er mit geschlossenen Augen den Duft des Badeöls einatmete. Er war müde und bewunderte Dhanu dafür, dass dieser so viel Energie hatte, obwohl er in der Nacht kaum zum Schlafen gekommen war. Blinzelnd sah er zu der Wanne nebenan, aus der Dhanu gerade aufstand und lächelte, als er den Blick des Mannes auffing. "Wirst du eine Weile bei deinem Freund bleiben, wenn du ihn hier findest?"

"Das kommt darauf an, was er so zu tun hat. Als ich das letzte Mal hier war, hatten er und sein Gefährte gerade ihre erste Puppe aus dem Kokon geholt und mussten sich viel um ihn kümmern." Er trocknete sich ab und seufzte. "Ich bin froh, wenn ich heute Nacht in einem gemütlichen Bett schlafen kann." Mit einem kleinen Stirnrunzeln band er die Hose zu und zog sie auf die Hüften hinunter. "Soll ich dir ein Einzelzimmer organisieren, oder macht es dir nichts aus, das Zimmer und vielleicht auch das Bett zu teilen, Kaan?"

Kaan ließ den Blick an Dhanus trainiertem Körper hinabgleiten, streichelte ihn beinahe. Der Mann sah einfach zu gut aus, um ihn nicht anzuschauen, besonders wenn seine Haut noch feucht schimmerte und vom Waschen mit dem heißen Wasser eine gesunde Farbe bekommen hatte. Als Reisegefährte war Dhanu wirklich perfekt. Er war attraktiv, kannte sich aus, kümmerte sich ganz selbstverständlich um vieles. Kaan spürte ein kleines Flirren in seinem Bauch und hatte mit einem Mal den Wunsch, Dhanu zu berühren. Er stand nicht auf, um dem Bedürfnis nachzukommen, aber lächelte den Mann an. "Es macht mir gar nichts aus."

Dhanu erwiderte das Lächeln und beugte sich kurz zu Kaan, um ihm einen Kuss aufzudrücken. "Prima. Du wartest hier in der Nähe und ich bin zurück, sobald ich Tom gefunden habe."

Der Weg führte Dhanu zuerst einmal zurück zu dem Caley beim Eingang zum Bad. Wenige Fragen reichten. Eine Puppe wurde gerufen, um ihn zu der Wohnung von Tom und seinem Gefährten Nees zu bringen. Die Wohnung lag wie schon bei Dhanus letztem Besuch eingebettet in die Gasse, wo die meisten der Gärtner lebten.

Und Dhanu hatte großes Glück. Er traf Tom in der Wohnküche an, wo dieser Gemüsesuppe vorbereitete. Eine der kleinsten Puppen, die Dhanu je gesehen hatte, saß im Schneidersitz auf dem Esstisch und pulte emsig und sehr geschickt Erbsen aus.

Tom sah schweigend vom Herd auf und seufzte, dann wischte er sich die Finger am Geschirrtuch ab und legte den Kopf schief. "Na, was hast du nun schon wieder verbrochen?"

Dhanu hob beschwichtigend beide Hände. "Aber nein! Ich bin unschuldig... dieses Mal zumindest. Ich will die Geschichte aber nicht vorweg nehmen, sondern wollte fragen, wie es mit deinem Gästezimmer aussieht. Ich reise nicht allein und werde sicherlich in einem oder zwei Tagen weiterziehen."

Misstrauisch zog Tom die Brauen zusammen. "Nicht allein? Bist du doch nicht immun?"

"Zum Glück reise ich mit einem Menschen. Vor einigen Tagen ist hier in der Nähe eine Rettungskapsel runtergekommen. Der Mann ist der Vater von dem Jungen, der in dieser Kapsel gesessen hat."

"Ah. Sein Name lautete Raja, ich habe ihn behandelt."

"Es geht ihm also gut?" Dhanu spürte, wie er sich mittlerweile auch Sorgen zu machen begann, aber Tom wehrte ab und entschied, dass sie weiteres auch mit dem Vater von Raja gemeinsam besprechen konnten.

Dhanu seufzte und meinte dann leise: "Bitte erwähne die Dainag nicht und auch nicht, dass ich kein Bartender bin. Er kennt mich nur so und ich soll ihn beschatten, weil er für jemanden von Interesse zum Ziel geworden ist. Wir wissen nicht warum. Ich hoffe zur Zeit noch, dass es sich um ein Versehen handelt."

Als der Gefährte von Tom herein kam, um seinen Sohn ein wenig an sich zu drücken, damit der Kleine in der Nähe der Zeichnung sein konnte, verabschiedete Dhanu sich bis zum Abend und ging zu Kaan zurück, den er bei einer Caleyfamilie am Tisch vorfand. Eine Gruppe Puppen hatten sich in der Nähe versammelt.

"Raja war hier. Tom hat ihn sogar gesehen", begrüßte Dhanu Kaan und ließ sich neben ihm nieder. Eine schwarzhaarig Puppe kroch auf seinen Schoß und schmiegte sich neugierig an. "Wir müssen Tom und seinem Gefährten aber noch ein wenig Zeit geben. Sie haben eine junge Puppe, die viel Zuwendung braucht. Wir dürfen bei ihnen übernachten, dann erzählt Tom uns, was er weiß." Lächelnd streichelte Dhanu der Puppe über die wuscheligen Haare.

Kaan schenkte Dhanu ein weites, dankbares Lächeln. "Du bist großartig!"

Spontan beugte er sich zu ihm und küsste ihn auf den Mundwinkel. Die Nachricht bedeutete zwar, dass Raja nicht mehr in Firm war, aber immerhin würde er Neues über seinen Sohn erfahren.

Dhanu war schrecklich müde und schon bevor sie zu Tom gingen, gähnte er einige Male. Ihm fehlten in den letzten Nächten einfach zu viele Stunden Schlaf. Er war sicher, dass Tom sie sogar vor Rawley beschützen konnte und freute sich auf das Ausschlafen. Der Nachmittag zog sich daher auch hin für ihn, so dass er dankbar war, als die Zeit gekommen war, um Tom wieder zu besuchen.

Die Wohnung mit den ein wenig zu großen Möbeln, wie sie auf Caley überall an die riesenhaften Meta angepasst zu finden waren, war mit einem Mal deutlich leerer. Keine Puppen waren zu sehen und auch keine fremden Meta. Tom erklärte dies auf Dhanus verwunderten Blick hin.

"Die Fähre von der Küstenstadt in Richtung des Raumhafens und der großen Inseln geht vermutlich morgen. Unsere Gäste haben sich alle aufgemacht, um sie zu erreichen. Sie fährt sehr unregelmäßig und selten." Dann reichte Tom Kaan die Hand und stellte sich selber vor. "Ich bin Tom, ich war einmal eine Art Krankenpfleger, nun bin ich schon seit etlichen Jahren Caley."

"Hallo. Schön, dich kennenzulernen. Ich bin Kaan." Aufmerksam musterte Kaan den Mann, der nicht nur eine Verbindung zu seinem Sohn, sondern auch ein Stück von Dhanus Vergangenheit darstellte. Mit ein wenig Besorgnis stellte er fest, dass er entschieden zu interessiert an dem anderen Mann war. "Danke, dass wir bei dir und deinem Gefährten übernachten dürfen."

Sie unterhielten sich über Alltäglichkeiten, während Nees, Toms riesenhafter Gefährte, den Tisch deckte und eine große Schüssel Salat mit Fladenbrot brachte, ohne seine Puppe vom Arm zu lassen. Der Kleine war extrem zierlich und so niedlich, dass Kaan das Bedürfnis bekam, ihn zu knuddeln. Natürlich tat er es nicht. Aber er lächelte, als die Puppe ihn aus hellblauen Kulleraugen ansah und freute sich, als das Lächeln erwidert wurde. Es erinnerte ihn an seinen Sohn.

"Dhanu hat gesagt, du hättest Raja behandelt." Kaan wandte sich wieder Tom zu. "Wie geht es ihm?"

Tom ließ sich neben seinem Gefährten und ihrer Puppe nieder und begann, den Salat auf die Teller zu häufen. "Es geht ihm gut. Er hat bei dem Absturz eine leichte Gehirnerschütterung abbekommen und sich ein wenig den Nacken verspannt. Er war mit einer wandernden Familie hier und schien sich sehr gut mit ihnen zu vertragen. Er war optimistisch, dass sie bald zum Raumhafen wandern würden."

Nees mischte sich ein, während er ihrer Puppe das Brot in kleine Häppchen schnitt. "Sie werden aber nicht direkt fahren wie die anderen, sondern über einige kleinere Inseln und bei dem Arzt vorbei, der auf den Sieben Perlen lebt."

Kaans gesamter Körper schien vor Erleichterung nachzugeben. Ihm war nicht bewusst gewesen, wie sehr ihn die Ungewissheit wegen Raja belastet hatte. Mit einem Mal konnte er leichter atmen, der Raum schien heller zu werden, und seine Reise zu einem angenehmen Urlaub statt einer sorgenvollen Suche. Für einen Moment schloss er mit einem Lächeln die Augen und stützte die Stirn auf die Hand. 'Danke...' Nun störte es auch nicht mehr, dass die Fähre nur unregelmäßig und selten fuhr. Er atmete einmal tief durch, dann nahm er sich noch etwas von dem Eistee. Er schmeckte frisch und nach unbekannten Kräutern, was Kaan gefiel, er aber erst jetzt bemerkte.

"Dann sieht Raja wenigstens etwas von Caley, genauso wie ich, da ich ihm ja folge", scherzte er. "Ein guter Sohn, dass er so an seinen Vater denkt. Ich wollte mir Caley schon seit Jahren ansehen, aber ohne diesen Absturz wäre es wohl auch bei dem Traum geblieben. Was hat dich denn ursprünglich hierher verschlagen, Tom?"

Tom lächelte. "Neugierde. Es war eine Zeit über der letzte Schrei, so mutig zu sein und Caley zu besuchen. Das Ergebnis kann man ja sehen." Er legte den Kopf schief. "Könnte auch Raja oder dir passieren, Kaan."

"Ich beneide dich um das Ergebnis deiner Neugierde." Kaan sah zu Nees und der Puppe hin. "Ich wäre nicht traurig, wenn mir das gleiche geschieht. Raja wäre wohl nicht so begeistert, aber man hat schließlich und endlich keine andere Wahl, als glücklich damit zu werden, nicht?"

Nees sah auf und grinste. "Menschen", sagte er dann leise und schüttelte den Kopf.

Tom lachte auf. "Da hat Nees Recht. Auf Caley sehen wir es so, dass was passieren soll, auch passiert. Man kann es nicht verhindern und nicht hervorrufen." Er fing ein Gähnen von Dhanu auf. "Ich zeige euch nach dem Essen das Zimmer. Heute Nacht werden sicherlich keine Feiern sein, weil alle Puppen zum Hafen gewandert sind."

"Ich glaube, auch mit Feiern würden wir schlafen wie die Steine." Kaan sah zu Dhanu hin, als ihm wieder einfiel, dass der Mann die letzte Nacht sogar für ihn wach geblieben war. Das warme Glücksgefühl in seinem Bauch verstärkte sich noch, das mit Toms Bericht, dass es Raja gut ging, begonnen hatte. Gleichzeitig weckte es einen diffusen Widerstand in ihm.

'Es wird Zeit, dass wir uns trennen. Er ist nicht ehrlich gewesen in seinen Gründen, warum er hierher kommen wollte. Er hat es aussehen lassen, als wollte er mich begleiten. Als wollte er mich damit für sich einnehmen. Es ist seine Sache, aber ich will nicht für ihn zu fühlen beginnen.' Und da war er unglücklicherweise schon viel zu dicht dran.

Nach dem Essen führte Tom sie zu einem der großen Gästezimmer mit den traditionellen zwei Doppelbetten. Kaan wusste, dass er wieder bei Dhanu schlafen würde, selbst wenn er eine Alternative hatte. Es festigte seinen Entschluss, dass sie sich trennen mussten, nur noch weiter. Er machte gleich einen Anfang damit, dass er Tom wieder in die Küche folgte, während Dhanu sich bereits für die Nacht herrichtete.

Bei einem Glas Dattelwein, der einen seltsam prickelnden Beigeschmack hatte, unterhielten sie sich über Caley. Kaan genoss es, dass jede seiner Fragen beantwortet werden konnte. Er war neugierig. Letzten Endes konnte er sich jedoch nicht verkneifen, auch nach Dhanu zu fragen. "Kennt ihr euch schon lange?"

Tom hob die Schultern. "Na ja. Wir kennen uns nicht direkt wie Freunde. Wir sind in demselben Verein, könnte man sagen und ich habe ihn einmal beherbergt, als er sich auf Caley verletzt hatte. Er hat die Tendenz, sich für diejenigen, die er beschützen will, sehr ins Kreuzfeuer zu werfen." Tom legte den Kopf schief. "Ihr kennt euch noch nicht so lang, hm?"

Kaan nickte. "Keine zwei Wochen. Wir sind auch nicht zusammen, falls du das denkst. Ich hatte nur das Glück, dass mein Sohn in der Gegend abgestürzt ist, in die auch Dhanu wollte. Er kennt sich aus, ohne ihn hätte ich in der Wüste ernste Probleme bekommen... Ich bin ihm dankbar dafür. Was meinst du damit, im gleichen Verein? Habt ihr mal zusammen auf einem Fährschiff gearbeitet?"

"Oh. Ich denke, dass Dhanu bald weiter reisen wird. Nees und ich haben einige Sorgen mit Abuh und sind dankbar, wenn die nächste Zeit über nicht so viel Aufregung herrscht. Was den Verein angeht, nein, das ist so eine Art Hobby von uns gewesen. Hier auf Caley verliert man den Kontakt zu allem, so dass ich froh sein kann, wenn mal jemand vorbeikommt und mir Neuigkeiten berichtet."

Kaan wollte weiterfragen, weil er gerne mehr über Dhanus Hobbies gewusst hätte. Aber einerseits schien Tom ihm auszuweichen, und er wollte ihn nicht drängen, zum anderen sollte er sich wirklich zurückhalten. Mehr zu wissen schien in diesem Fall nur zu mehr mögen zu führen. Unbehaglich verdrängte er den Gedanken und bot Tom stattdessen an, ihm von den Neuigkeiten anderer Planeten zu erzählen.

Sie redeten bis weit in die Nacht, bis Kaan die Augen kaum mehr offen halten konnte und sich schließlich entschuldigte, um sich in das Gästezimmer zurückzuziehen. Nach einer schnellen Dusche stieg er zu Dhanu ins Bett, schmiegte sich an ihn an und schob vorsichtig einen Arm um seinen Brustkorb. Alle Vernunft schien nicht zu helfen; bei ihm fühlte er sich geborgen und sicher. Mit einem unzufriedenen Seufzer schloss Kaan die Augen und war binnen weniger Momente eingeschlafen.


Raja hatte das Reiten nie so besonders gern gehabt. Nun hasste er es. Die kleinen zähen Reittiere zuckelten mit spitzen Schritten über den Bergpfad dahin, jeder Stoß wurde direkt an Raja weitergegeben. Nach dem halben Tag hatte er einen leichten Sonnenbrand und sein Hintern tat ihm schrecklich weh. Mel und Gara waren überaus besorgt um ihn gewesen und hatten ihm abwechselnd das Öl auf die Nackenmuskeln massiert.

Zynisch senkte er den Kopf und dachte: 'Kaan wäre stolz auf mich. Ich werde hier an Berührungen durch große Männer daran gewöhnt. Wenn er mich dann in die Kolonie mitnimmt, kann er meinetwegen mit seinem Kerl knutschen wie er will, mich wird das wirklich nicht mehr schrecken.'

Ein anderer Faktor, der Raja nervte, war Vin. Der kleine Kerl war unheimlich lieb und zugleich auf liebe Art unheimlich. Es verging kein Moment, in dem Raja sich nicht von ihm beobachtet oder wenigstens beachtet fand. Vin sorgte dafür, dass er Wasser hatte, dass er frisches Obst ohne braune Stellen bekam, dass die Pferdedecke, auf der er beim Reiten saß, nicht voller kleiner Stachelsamen war und er sah all dies, bevor Raja noch daran denken konnte. Schon bevor Raja pinkeln musste, forderte Vin eine Pause zu genau diesem Zweck ein und als Vin ihm einen kleinen Tiegel mit einer durchsichtigen, fettenden Paste reichte, fiel ihm erst auf, dass seine Lippen rau waren. Raja fühlte sich wie ein kleiner Prinz, der von allen Seiten verwöhnt wurde und das begann ihm Sorgen zu machen. Er hatte die geheime Angst, dass es ihm fehlen würde, wenn sie sich trennten. Dass ihm der Blick aus den großen, dunkelbraunen Augen fehlen würde.

Der Ritt wurde schlimmer, als die Nacht kam und die Monde aufgingen. Raja war müde, ihm tat alles weh, und er konnte die Einöde des kargen Vulkangesteins nicht mehr sehen. Doch all seine Sorgen verflogen, als sie den Bergkamm erreichten, wo ein Gästehaus für die Reisenden stand. Das Gästehaus war überfüllt, so dass sie im Freien in Hängematten schlafen mussten, die in kleinen Höhlen überall in den Stein gehauen waren. Es gab mehrere Feuerstellen, wo Suppen gekocht und Kaffee und Tee ausgeschenkt wurden. Musik und Stimmen erfüllten den Platz.

Das Schöne an dem Haus war jedoch, dass man von dem Plateau direkt hinunterblicken konnte, wo ganz unten eine Gruppe weißer Gebäude im Mondlicht auszumachen waren. Gleich dahinter begann das Meer. Raja erinnerte sich daran, dass Caley ein Planet war, der überwiegend von einem leicht salzhaltigen Meer bedeckt wurde. Einem Meer, in dem die Artenvielfalt atemberaubend sein sollte.

Er folgte zunächst den anderen, die ihre Reittiere zu dem Platz brachten, wo im Schatten einiger Bäume schon eine große Herde trank und von einem Heuhaufen fraß. Doch als die anderen zu den Feuern gingen, um Bekannte und Freunde zu begrüßen, ging Raja mit seinem Becher Tee und einer Schale Suppe zu der Mauer hin, von der aus man das Meer sehen konnte. Die Monde spiegelten sich in der glatten, ein wenig glitzernden Oberfläche. Er konnte nicht anders, als lächelnd hinunter zu starren und sich zu wünschen, dass sie schon dort sein mochten.

Vin hatte das Stück der Reise mehr genossen als jeden anderen Tag davor. Auch wenn Raja erschöpft war, so war er doch gesund und es machte Freude, ihn zu umsorgen. Davon würde er nie genug bekommen. Rajas ab und an irritierten Blicke und etwas, das beinahe Misstrauen zu sein schien, machten ihm zwar Sorgen, aber es würde sich im Laufe der Zeit verlieren.

Es gelang ihm, einen ganzen Teller Suppe am Feuer zu essen und Raja Ruhe zu gönnen, ehe er eine Decke nahm und seinem Schatz folgte. Er musste lächeln, als er ihn auf dem Mäuerchen sitzen sah; das Mondlicht zeichnete schimmernde, blassfarbige Reflexe in Rajas Haar, sein Gesicht war gelöst und glücklich und machte Vin noch glücklicher. 'Er ist so schön... und so lieb...'

Nachdem Vin ihn eine Weile nur angeschaut hatte, trat er zu ihm, aber achtete darauf, dass Raja seine Schritte hören konnte und nicht erschreckte. Fürsorglich legte er ihm die Decke um und streichelte mit ihrem Schutz einmal über Rajas Oberarme, ehe er von ihm abließ und sich neben ihn setzte.

"Der Blick ist schön, nicht?", sagte er, aber sah weiterhin seinen Schatz an.

Die warme, freundliche Geste machte, dass Raja sich noch mehr umsorgt fühlte. Eigentlich wollte er sich gar nicht erst daran gewöhnen, oder es gar nicht zulassen. Aber gegen Vins alles sehende Fürsorge kam er nicht an. Noch nicht jedenfalls.

"Danke für die Decke. Welches Meer ist das dort?" Raja deutete hinunter zur schimmernden Fläche. Die Monde gingen gerade unter, ohne ihr Licht wurde es fast schwarz auf Caley, denn viele andere helle Sterne gab es nicht.

"Wir nennen es Unda-Meer. Der Lehrer in der Schule hat erzählt, dass ein Forscher es nach einem Meer auf dem Erdenmond benannt hat, auch wenn dort kein Wasser ist. Von Mare Undarum. Das soll Wellenmeer heißen. Ich weiß nicht wieso. Jedes Meer hat Wellen, nicht?" Vin lachte leise. "Das Dorf, was dort unten liegt, ist die Perle. Weil es im Mondlicht aussieht, als seien die Häuser Perlen, die sich zu einer Kette zusammen fügen."

Raja sah Vin von der Seite her an. Seine Haare wehten ihm ins Gesicht, und er hatte eine Decke um seine Schultern gezogen, aber seine Augen glänzten begeistert. Der Kleine war stolz auf den Planeten und zugleich ging er selbstverständlich mit der Unart der Forscher um, alles mit ihrem eigenen Namen zu belegen. "Ich habe vorhin von Mel gehört, dass ihr normalerweise zusätzlich in der Ferne auf die Suche nach eurem Gefährten geht. Hast du das auch vor?"

Vin schüttelte den Kopf und legte ihn dann schief, um Raja mit einem kleinen Lächeln in die Augen zu schauen. "Nein. Ich bin mir sicher, dass ich nicht von Caley weg muss. Mel war weg und hat Gara dann doch hier gefunden. Weißt du, wie er es gemacht hat? Er hat mir erzählt, dass er nicht herum gereist ist, sondern dass er schließlich gewartet hat, dass Gara zu ihm kommt. Auf einer Fähre an einer Route, über die fast alle Puppen reisen."

"Oh. Na, ich wünsche dir jedenfalls viel Glück mit der Suche." Raja schwieg einen Moment, dann sagte er: "Die meisten hier werden die Fähre direkt zum Raumhafen nehmen, also zur Insel, von der aus man dorthin gelangen kann. Ich werde mit ihnen gehen und von da an dann nicht weiter mit euch reisen."

Überrascht und erschreckt sah Vin ihn an. "Aber wieso?"


© by Jainoh & Pandorah