Absturz mit Folgen

10.

"Ich bin hier notfallmäßig abgestürzt, Vin. Ich will zu der Insel mit dem Raumhafen, denn dort wird vermutlich mein Vater auf mich warten. Wieso sollte ich denn länger hier bleiben wollen?" Raja gab es für sich zu, er hatte Vin erschrecken oder vielleicht auch aufschrecken wollen. Er wollte, dass der Kleine sich und auch ihm rechtzeitig das Umsorgen abgewöhnte.

Unglücklich sackte Vin in sich zusammen. Offensichtlich würde Raja noch eine ganze Weile brauchen, ehe er sich eingewöhnt hatte. Warum sollte er wohl länger bleiben? 'Weil er mein Gefährte ist! Warum sind Menschen nur so blind?'
Hoffnungsvoll blinzelte er ihn an. "Weil du uns gern hast? Weil es dir auf Caley gefällt? Was willst du denn woanders? Die Schule ist vorbei. Du musst deinen Gefährten finden, damit ihr Puppen bekommen könnt. Und Caley ist ein wunderschöner Ort dafür. Du bist vielleicht gar nicht zufällig abgestürzt, sondern weil du sonst gar nicht auf die Idee gekommen wärst, hierher zu kommen, obwohl jemand auf dich wartet und dich sucht."

Raja seufzte. "Vin. Ich bin Mensch. Ich finde keinen Gefährten, sondern eine Freundin oder sowas. Ich bekomme keine Puppen mit ihr, sondern höchstens ein Kind. Aber ich bin noch viel zu jung, um mich mit einer Familie niederzulassen. Außerdem würde ich gern studieren, Biologie der Meere, oder vielleicht vergleichende Aqua... Fischvergleiche, mein' ich. Ich finde Fische sehr interessant und möchte mehr darüber lernen. Das kann ich nicht auf Caley, ich muss auf eine Kolonie der Menschen."

Heftig schüttelte Vin den Kopf und zeigte dorthin, wo man Perle in der Dunkelheit schon nicht mehr richtig sah. "Wir haben hier sehr viel Meer! Du kannst dir jede Menge Fische anschauen. Du hast noch fast gar nichts von Caley gesehen. Diese Insel ist eine der größten, die es gibt und auch noch eine der heißesten, und ausgerechnet hier bist du gelandet. Aber drum herum ist Meer. Caley hat viel, viel mehr Meer als Inseln. Das musst du doch lieben!"

Er ging lieber nicht erneut darauf ein, dass Menschen sehr wohl Gefährten fanden und erinnerte ihn auch nicht an Tom. Offensichtlich fand sein kleiner Schatz den Gedanken noch immer etwas bedrohlich, warum auch immer.

Raja seufzte. "Ich will auch gern zurückkommen, aber unter anderen Bedingungen. Mit mehr Kleidung und mit mehr... Sicherheit. Ich habe gerade erst meinen Vater kennengelernt und erfahren, auf welcher Kolonie ich ein Zuhause finden soll. Das ist genug Veränderung für mich."

Von der anderen Seite rief Gara sie, und Lio winkte, weil er Hängematten gefunden hatte. Wieder lag Raja allein in einer, während Lio bei Gara und Mel schlief und Vin bei anderen Puppen. Er kam sich klein vor in der breiten Hängematte, und auch als er bei Morgengrauen nach zu wenig Schlaf zwischen all den Meta saß, fühlte er sich wie eine Puppe. 'Mein Leben als Puppe zwischen all diesen riesenhaften Männern verbringen? Niemals!' Mel und Gara küssten sich innig und Raja setzte sich so, dass er sie nicht direkt dabei beobachten musste.

Ihm tat der Hintern schrecklich weh, als er von einem Meta auf den Rücken eines Reittiers gehoben wurde. Die Sonne schien so früh am Morgen schräg in seine Augen, die große Caleygruppe war munter und fröhlich und Raja hatte schlechte Laune, weil er permanent angefasst wurde. Alle fassten ihn an, streichelten, stupsten, drückten und umarmten ihn. Nur Vin nicht. 'Warum eigentlich? Wieso berührt er mich nicht, aber bewacht mich mit Blicken, als sei ich ein Schatz?' Unruhig beobachtete Raja seinerseits den kleinen Caley.

Selbst wenn Raja grummelig aussah, machte es Vin fröhlich, dass der Mensch immer wieder zu ihm hinschaute. Raja musste etwas spüren, aber konnte nicht erkennen, was es war, weil er kein Caley war. Und wenn er nun mit der Fähre direkt zum Raumhafen fuhr, war die Zeit viel zu kurz, um sich einzugewöhnen, so anstrengend wie es für ihn war.

Während sie gemächlich den geschlängelten Bergpfad hinab ritten, grübelte Vin darüber nach, wie er seinen Schatz dazu bringen konnte, mit Mel und Gara weiterzureisen. Schließlich kam er zu dem Entschluss, dass er im Zweifelsfall schlicht das tun musste, was schon viele Caley getan hatten, um den Gefährten eines anderen Volkes mit sich zu nehmen. Schlafmittel war in jedem Ort zu bekommen. Wenn Raja schlief, konnte er nicht auf die Fähre gehen. Zwar würde sein Schatz dann sauer auf ihn sein, das war absolut sicher, aber er wäre weiterhin da und konnte sich an Caley gewöhnen. 'Ich muss Lio bitten, dass er sich dann um ihn kümmert, damit sich mein Kleiner nicht allein gelassen fühlt.' Nicht ganz zufrieden mit der Lösung, aber zumindest erleichtert, überhaupt eine gefunden zu haben, trieb er sein Pferdchen ein wenig an, um zu Lio aufzuschließen und ihm seinen Plan zu erklären.

"Hilfst du mir?", fragte er und sah ihn hoffnungsvoll an.

Lio legte den Kopf schief und blickte zu dem Menschen hin, der ein Stück vor ihnen herritt. "Gern. Wenn mein Gefährte nicht in der Stadt am Meer unten ist, dann kümmere ich mich um ihn." Er warf seinerseits einen Blick zu Gara und Mel zurück und murrte: "Ich darf schon bald ohnehin eine Nacht lang nicht bei Gara an der Zeichnung liegen, er will sich mit Mel verbinden. Mel ist unausgeglichen und gereizt und Gara wird es auch. Ich will nicht, aber ich will auch nicht schuld sein, wenn es ihnen nicht gut geht." Unglücklich senkte er den Blick auf seine Hände.

Gara hatte dies sofort gesehen und rief: "Lio! Ist alles in Ordnung?"

Hastig winkte Lio ihm zu. "Siehst du, er macht sich sofort Sorgen, wenn ich schmolle. Raja muss mich dann ablenken."

Vins Gedanken waren so sehr von Raja eingenommen, dass er die letzte Zeit wenig an seine Väter gedacht hatte. Aber die fürsorgliche Geste von Gara machte, dass er sie vermisste. Er seufzte und lächelte Lio zu. Gerne hätte er sich zu ihm gebeugt und ihn geküsst, aber von Pferdchen zu Pferdchen würde das ziemlich sicher darin enden, dass einer von ihnen herunter fiel. Stattdessen griff er nach Lios Hand, zog sie zu sich und küsste rasch die Finger. "Das wird er bestimmt, das kann er gut. Und du wirst dich freuen, wenn Mel und Gara wieder glücklich und ausgeglichen sind."

"Ja, ich spüre es ja immer auch, sobald ich Gara berühre." Lio umfing Vins Finger fester. "Wir waren auch schon lange nicht mehr zusammen, Vin. Du fehlst mir auch und bald..." Sein Blick strich über Raja hinweg. "... siehst du, bald werden wir uns eine lange Zeit nicht wiedersehen. Du wirst die Jahre für deine Puppe mit ihm brauchen."

"Wäre das nicht schön, wenn du deinen Gefährten genau dann findest, wenn Raja sich entschließt, dass er sehr wohl mit einem Gefährten leben kann?" Vin sah ebenfalls zu Raja hin, aber wandte sich dann wieder zu Lio um und drängte sein Reittier noch ein bisschen dichter zu ihm, bis sich ihre Beine fast berührten. "Dann könnten wir auf der gleichen Insel bleiben." Er streichelte Lios schlanke Hand. "Willst du Gara und Mel nicht heute Abend schon ihre Zeit zusammen lassen und bei mir schlafen? Oder vielleicht auch nicht ganz so viel schlafen", fügte er mit einem Grinsen an.

Lio lachte auf. Er sah Vin in die funkelnden Augen und nickte. "Dazu habe ich sogar ganz große Lust. Ich sage es gleich Gara und Mel, der wird sich sicherlich freuen!"

Mit Erleichterung beobachtete Raja Lio und Vin, die auf einer kurzen Rast miteinander tuschelten. Was auch immer Lio Vin erzählt hatte, es half ein wenig. Vin war nicht mehr auf ihn fixiert und beobachtete ihn nicht mehr bei jedem Atemzug. Stattdessen konnte man Lio und ihn schon fast flirten sehen. Sie küssten und umarmten sich während der Mittagspause und ritten fast die ganze Zeit über nebeneinander her, malten sich die Zukunft aus und phantasierten, von welcher Insel wohl Lios Gefährte herstammen mochte.

Offenbar, wie Raja von einem anderen Metapaar erfuhr, die ohne ihre Puppe von deren neuen Wohnort zurück wanderten, lag es in einigen Familien einfach verankert, dass sie ihre Gefährten eher in Menschen fanden. Lio war sich offenbar so sicher, dass ihm dies nicht passieren würde, weil keiner seiner Vorfahren je einen Menschen in der Linie gehabt hatte. Bei Vin hingegen schien es anders zu sein. Raja beobachtete den zierlichen Caley mit wachsendem Misstrauen.

Sie erreichten das Dorf am Meer schon am Nachmittag, als die Sonne zwar noch recht heiß war, aber schon schräg stand und vom Berg abgehalten wurde, so dass die kleinen gepflasterten Wege und die hell getünchten Häuser in angenehmem Schatten lagen. Der Berg ließ nicht viel Raum am Meer, so dass die Häuser tatsächlich wie auf eine Perlenkette am Ufer aufgereiht waren.

Die Reittiere wurden auf einem Hof übernommen. Wenn die Fähre von der Insel am nächsten Morgen ankam, dann würden sich wieder etliche Wanderer in die andere Richtung finden. Das Dorf war, wie auch das Gästehaus auf dem Berg, recht überfüllt. Raja kam mit seiner Gastfamilie jedoch noch in einem Zimmer mit zwei Betten unter. Sie badeten in dem kleinen Badehaus und gingen gemeinsam einmal über den Markt, wo Raja schon wieder von einer Menge Puppen berührt wurde. Da er so viele Dinge in der Bergstadt als Geschenk erhalten hatte, konnte er sich einige Kleidungsstücke und ein großes Brot mit Fisch und Salat tauschen.

Das System und die fröhliche Art der Caley begann ihm zu gefallen. Überall wurde er gefragt, warum er über Caley wanderte, ohne eine Zeichnung zu tragen und alle lauschten seiner Geschichte mit der Kapsel sehr erstaunt und einige auch ungläubig. Meist bekam er für die nette Geschichte etwas geschenkt, was ihn für caleysche Verhältnisse schnell reich machte. Er verschenkte eines der Kettchen an Vin und einen Armreif an Lio, bevor er sich bei den Meta entschuldigte, um noch ein wenig allein am Meer zu sitzen und dann schlafen zu gehen.

Anders als in der Stadt gab es bei den Häusern am Meer durchaus größere Fenster, aber sie waren mit schweren Holzläden versehen. Bei der Helligkeit der Monde konnte man sonst kein Auge zu tun. Dankbar schloss Raja den Laden des Gästezimmers und auch die Tür, die das Stimmengewirr aus der großen Wohnküche vorzüglich aussperrte. Lediglich vereinzeltes Lachen drang noch zu ihm durch, aber er sank sehr bald in angenehme Träume von exotischen, seltenen Fischen, die niemand zuvor gesehen hatte.

Bei all der Konzentration auf Raja hatte Vin kaum gemerkt, wie sehr er das Kuscheln und Küssen vermisst hatte. Jetzt merkte er es um so mehr; er war Lio dankbar, dass er da war und genoss es, Arm in Arm mit ihm zu laufen, als sie von einem großen Abendessen auf dem Dorfplatz zu ihren Gastgebern schlenderten. Natürlich war ein Teil seiner Gedanken noch immer bei Raja und sorgte sich ein wenig, aber Vin war so entspannt wie schon lange nicht mehr und freute sich darauf, mit und bei Lio zu schlafen. Er hoffte wirklich, dass Lio seinen Gefährten bald fand, und zwar dann, wenn auch er und Raja zusammen kamen, denn sie waren in der Nähe seiner eigenen Heimatinsel. Das würde es leicht machen, ihn zu besuchen.

Vin blieb stehen, zog seinen kleinen Freund ganz in die Arme und küsste ihn ausgiebig. "Ich hoffe sehr, dass du einen Caley findest", sagte er, als sie nach einer langen Weile weitergingen. "Menschen sind schrecklich kompliziert."

Lio lachte. "Ja, aber ich weiß, dass es ein Caley sein muss. Außerdem..." Er senkte den Blick auf seine Füße in den zierlichen roten Riemensandalen. "... ich wage es sicherlich gar nicht, allein zu wandern. Ohne... ohne Gara." Er drängte sich enger an Vin. "Ich bin so eine Puppe! Ich werde nie zum ordentlichen Meta!"

Vin lächelte ihn an und strich ihm ein paar blonde Strähnen aus dem Gesicht. "Du wirst zu genau dem Meta, der am allerbesten zu deinem Gefährten passt. Du bist so süß! Dein Gefährte wird sehr glücklich sein." Er küsste ihn noch einmal vor dem Haus ihrer Gastgeber, ehe sie in den Eingangsraum traten, der mit einer kleinen Kristalllampe gerade genug erleuchtet wurde, dass man über nichts stolpern musste. "Ich bin froh, dass ich mit Mel und Gara und dir reisen darf. Ich habe mich auch zuerst allein gefühlt."

Lio blinzelte Vin zweifelnd an. Zum einen war Vin als Puppe allein schon einiges größer und kräftiger als Lio und zum anderen war er verdammt selbstbewusst. Er hatte Raja erkannt, aber war sich so sicher, dass er gar warten wollte, um dem Menschen die Anpassung zu erleichtern. Lio war sich hingegen sicher, dass er seinem Gefährten sofort um den Hals fallen würde.

Im Haus war kaum jemand, weil die Feiern am Strand stattfanden. Hand in Hand schlichen sich Lio und Vin erst zum Bad, um eine Dusche zu nehmen. Kichernd und sich immer wieder küssend huschten sie dann an dem schlafenden Menschen zum anderen Bett, um sich im schwachen Schein des Lichts, das aus dem Bad herein fiel, zu lieben.

Raja wurde vom Geräusch der Dusche wach. Lios Stimme war zu hören, dann lachte Vin leise. Sie flüsterten in genau der Lautstärke, die verhinderte, dass er die Worte verstehen konnte, aber eben leider laut genug, um ihn wach zu halten. Als sie an ihm vorbei wieder ins Zimmer kamen, waren beide nackt.

Eine Weile lang hörte Raja nicht viel mehr als leises Rascheln. Er schlief fast ein, doch dann stöhnte Lio leise auf und Raja meinte, Vins Stimme zu hören, bevor Lio etwas lauter flüsterte. Raja öffnete die Augen und sah, dass die beiden sehr offensichtlich dabei waren, miteinander zu schlafen. Der schwache Schein aus dem Bad fiel über die schlanken Körper und betonte durch Schatten die Bewegungen noch. Ein Schauer erfasste ihn. Heiß und kalt zugleich. Verwirrt bemerkte er, dass er sauer war, weil Vin mit Lio schlief. Eine merkwürdig schmerzende und falsche Eifersucht stieg in Raja auf. 'So ein Blödsinn! Ich will daran keinen Anteil!' Er rutschte leise vom Bett und nahm seine Hose vom Boden auf. Hastig zog er sich im Flur an und lief aus dem Haus und zum Strand hin.

Vin hob den Kopf, als Raja das Zimmer verließ. Er bedauerte, dass sie ihn geweckt hatten und dass er nicht einfach zu ihnen gekommen war. Aber so unverständlich, wie sein süßer Mensch manchmal war, wusste er auch, dass letzteres ohnehin nur ein Wunschtraum sein konnte. Ob Raja Sex überhaupt mochte? Er war Berührungen so abgeneigt!

Lios warmer Körper verdrängte die Sorgen jedoch gleich wieder. Bestimmt lief Raja ohnehin nur zum Strand runter, um nun nach ein wenig Ruhe noch mit den anderen zu feiern. Vin lächelte und widmete sich wieder ganz der kleinen Puppe in seinen Armen.


Frustriert starrte Kaan die Decke im Gästezimmer an, während er auf das Plätschern der Dusche aus dem Bad lauschte, das eben eingesetzt hatte. Er wollte Dhanu. Sehr. Aber offensichtlich hatte der Mann nach dem einen Mal auf der Fähre genug von ihm. Kaan verstand ihn nicht, nicht im mindesten. Sein Verhalten ergab einfach keinen Sinn.

Nachdem Dhanu ihm an diesem Morgen schon wieder ausgewichen war, obwohl sich Kaan wirklich Mühe gegeben hatte, um ihn in Stimmung zu bringen, war es wohl eindeutig, dass Dhanu keinen Sex mehr mit ihm wollte. Darüber hinaus gab er sich aber den Anschein, als wäre er gerne mit ihm zusammen; er hielt ihn, küsste ihn, sorgte sich um ihn und kümmerte sich. Er hatte sogar so getan, als ob er nur zur Absturzstelle der Kapsel mitgereist sei, um bei Kaan zu bleiben. Aber warum? Was zur Hölle wollte er?

Kaan bekam das Gefühl, als hätte Dhanu ähnliche Gründe wie sein Ex, aber war nicht so geschickt darin, ihm etwas vorzuspielen. Es ließ ihn frösteln und schickte schmerzende Stiche durch seine Brust und seinen Bauch. Dhanu wollte nicht ihn, sondern nur etwas von ihm, was immer das sein sollte.

'Und ich begehe den Fehler, mich immer mehr zu ihm hingezogen zu fühlen. Nein, das mache ich nicht noch einmal mit. Dieses Mal verschließe ich nicht die Augen, bloß weil ich mich verliebe. Raja ist nicht mehr hier, ich habe keinen Grund, länger zu bleiben. Gleich nach dem Frühstück werde ich mich nach dem weiteren Weg erkundigen und ein wenig Proviant eintauschen. Und dann werde ich alleine weiterziehen.' Entschlossen stand er auf.

Er hatte seine Sachen gepackt und in den Eingangsbereich gebracht, noch ehe Dhanu fertig war. Als er dann nach diesem ins Bad ging, ließ er nur ein unverbindliches Lächeln sehen und wich dem Kuss aus, bevor er die Tür hinter sich schloss.

Dhanu hatte eine längere Dusche hinter sich. Er war dermaßen erregt gewesen, dass es schon lächerlich war. Er wollte Kaan, aber wollte ihn nicht unter diesen Vorzeichen. Und Kaan machte es durch seine Art sehr schwer, Nein zu sagen.
Rawley war in der Wüste zurückgeblieben, aber eine Sandechsenkreation in der Wüste war ein Fisch im Wasser. Rawley würde sicherlich bald auftauchen. Sehr bald. Dhanu hatte Angst, Kaan zu verlieren. Der Mann war ihm ans Herz gewachsen, und es brauchte nur einen Blick aus diesen treuen, liebevollen Hundeaugen, nur ein Verziehen der schönen Lippen, und es war um Dhanu geschehen. Ärgerlich ließ er dennoch zu, dass Kaan schmollte und ihm die kalte Schulter präsentierte. Stattdessen setzte er Tom auf seinen Schützling an und verzog sich in den Hintergrund.

Dhanus Verhalten bestärkte Kaan nur noch darin, dass es richtig war, sich von ihm so schnell wie möglich zu trennen. Vielleicht fand der attraktive Mann es einfach nett, sich um jemanden kümmern zu können, aber es störte ihn auch nicht sehr, wenn das Objekt seiner Aufmerksamkeit nicht mehr zu seiner Verfügung stehen wollte. Es tat weh.

Kaan ließ sich während des Frühstücks nicht anmerken, wie sehr es ihn verletzte, selbst wenn es schwer fiel. Am liebsten hätte er es auch nicht vor sich selber eingestanden, doch das war leider unmöglich. Nach dem Essen erkundigte er sich bei Tom nach dem Weg. Sein Gastgeber versuchte ihn dazu zu überreden, erst am folgenden Tag zu gehen, wenn eine weitere Reisegruppe in die Richtung des nächsten Dorfes aufbrach. Aber nachdem Kaan in Erfahrung gebracht hatte, dass es weder wilde Tiere zu fürchten gab, noch dass er sich verlaufen konnte, gab es für ihn keinen Grund, länger zu bleiben.

Er bedankte sich bei Tom, schenkte der zarten Puppe Abuh Schmuck, um sich zu revanchieren und weil er den Kleinen so niedlich fand und machte sich dann mit seinem gepackten Rucksack auf die Suche nach Dhanu, um sich zu verabschieden. Zwar wäre er lieber gegangen, ohne den Mann auch nur noch einmal zu sehen, aber das war er ihm schuldig.

Er fand ihn vor dem Haus, wo er bequem im Schatten einiger Büsche auf einer Bank saß, ein Glas Limonade neben sich, und irgendetwas in seinem Handcomputer las. Selbst dieser Anblick tat weh, und Kaan wusste, dass er ihn vermissen würde. Dennoch lächelte er nur, als er zu ihm trat. "Hey, ich wünsche dir noch viel Spaß bei deinem Urlaub hier. Danke, dass du mir geholfen hast."

Dhanu nickte und stand auf, um Kaan zu umarmen. Es war das erste Mal, dass er wirklich bereute, dass er Agent der Dainag geworden war. So konnte er Kaan nichts von Gefühlen erzählen, nichts von seiner Angst und seinem Misstrauen. Es tat ihm weh, den anderen Mann mit dem Rucksack in Richtung der Reitställe weggehen zu sehen.

Seufzend wartete Dhanu, bis Kaan um die Ecke gebogen war, dann lief er ins Haus und ließ sich von Tom seine Tasche reichen. Er prüfte seine Waffe und umarmte Tom fest. "Wir sehen uns sicherlich wieder, ich muss erst einmal weiter."

Tom legte den Kopf schief und fragte leise: "Hast du vor, Kaan zu mehr als einem Objekt zu machen, Dhanu? Du bist so besorgt und nervös mit ihm."

Dhanu umarmte Abuh und hob ihn auf den Tisch. Nachdenklich lehnte er sich gegen die Tischkante, dann gab er zu: "Das ist er schon für mich. Du hast Recht. Ich bin besorgt und schrecklich nervös. Ich wünschte, ich wüsste, warum Rawley ausgerechnet ihn verfolgt. Das kann kein Irrtum sein." Lächelnd küsste er Abuh auf die Wange und versprach: "Ich komme wieder, allein um zu sehen, ob ich nicht doch für Abuh passend wäre. Wenn ich eine Puppe zum Meta machen will, dann ist es Abuh."

Abuh biss sich errötend auf die Unterlippe und sah ihn strahlend an, aber Tom lachte Dhanu aus und scheuchte ihn aus seinem Haus. "Du bist nicht passend! Hör auf, meinem Kleinen den Kopf zu verdrehen, du Halunke!"

Ein wenig besser gelaunt folgte Dhanu Kaan in ausreichender Entfernung über den Wanderweg, der ihn über den Bergkamm zur Perle führen würde.


© by Jainoh & Pandorah