Absturz mit Folgen

11.

Zuerst schritt Kaan sehr zügig aus, um möglichst viel Strecke zwischen sich und Dhanu zu bringen. Der Mann hatte nicht einmal versucht, ihn zurückzuhalten oder mit ihm zu kommen. Was auch immer sein Interesse gewesen war, es war offensichtlich vollkommen verflogen. Die Bewegung tat gut und ließ den Schmerz erträglich werden, und bald konnte Kaan die Wanderung genießen.

Der Himmel war unglaublich blau und hob den Kontrast zu dem scharfen Fels der Berge um so schärfer hervor. Kaan begann Pflanzen am Wegesrand zu bemerken, obwohl er zuvor noch gedacht hatte, dass er sich in einer toten Steinwüste befand. In Nischen und dem Schutz von Vorsprüngen hatten sich zähe kakteenartige Gewächse festgesetzt, manche mit Stacheln, manche mit unglaublich fleischigen Blättern, die beinahe wie Gliedmaßen wirkten. Kaan erinnerte sich, dass eine dieser Arten Larvenkissen hieß, weil sie häufig so wuchsen, dass es aussah, als sei eine Caleylarve auf weichen Polstern abgelegt worden.

Gegen Mittag machte er im Schatten einer hohen Kakteengruppe Rast. Das Blau des Himmels war mit der gleißenden Sonne heller geworden, so dass es in den Augen weh tat. Kaan genoss die Früchte, die er mitgenommen hatte und die besser waren als der trockene Reiseproviant, der sonst noch zur Auswahl stand. Obwohl das Wasser warm war, schmeckte es durch seinen Durst hervorragend. Unter halb geschlossenen Lidern sah er den Weg entlang, den er gekommen war und folgte ihm mit Blicken bis nach Firm. Selbst das Grün der Oase wirkte in der Entfernung staubig und trocken.

Eine Bewegung weiter unten am Pfad ließ ihn aufsehen. Hatte sich doch noch jemand entschlossen, bereits an diesem Tag nach Perle aufzubrechen? Er kniff die Augen zusammen und versuchte, etwas zu erkennen. Doch er sah nichts mehr und kam nach einigen Momenten zu dem Schluss, dass es lediglich die vor Hitze flimmernde Luft gewesen sein musste, die ihn genarrt hatte.

Er hielt seine Pause kurz, denn auch wenn ihm nach Ruhe war, so wollte er doch am Abend das Gästehaus auf halber Strecke erreichen und nicht unter freiem Himmel übernachten. Während er sich weiter den Pfad empor kämpfte, vergaß er bald sowohl die Pflanzen, wie auch seine Sorgen um Raja und seine Enttäuschung über Dhanu. Es war anstrengend, zu heiß und viel zu staubig.

Dhanu freute sich sehr darüber, dass Kaan es offenbar nicht wagte, eines der kleinen zähen Reittiere zu nehmen. Er konnte ihm auf diese Art wesentlich leichter folgen. Aber seiner Sorge um den Mann tat es keinen Abbruch, denn Rawley war so sicher wie die Sonne wieder aufgetaucht und folgte Kaan. Der Echsenmann war schnell und ermüdete nicht so leicht, aber er ließ dem Mann einen weiten Vorsprung. Offenbar war ihm noch immer daran gelegen, ungesehen zu bleiben. Es verwunderte Dhanu, weil es in der Einöde, in der nur sie wanderten, doch ein Leichtes war, Kaan verschwinden zu lassen. Natürlich konnte es immer sein, dass ein Satellit der Daryller diesen Pfad beobachtete, aber so weit abseits der Hauptrouten bezweifelte Dhanu das stark.

Als die Sonnen sich senkten, um dem grellen Licht der Monde Platz zu machen, erreichte Kaan das Gästehaus auf dem Berg. Dhanu sah dies von dem kleinen, höher gelegenen Pass aus und er sah auch, wie Rawley sich hinter dem Haus versteckte, als Kaan sich in der Quelle wusch. Dhanu sattelte die beiden Reittiere ab und löste ihr Zaumzeug. Mit einem Klaps auf den Hintern schickte er die graubraunen Tiere los. Sie würden allein zur Futterkrippe und Tränke beim Haus laufen, und es würde kaum auffallen, wenn zwei der Tiere allein umher trabten.

Er selber wanderte vorsichtig jede Deckung nutzend zum Gästehaus, um sich in der Nähe zu verstecken, bis die Lichtverhältnisse es ihm ermöglichen würden, sich anzuschleichen. Seufzend beobachtete er, wie Kaan sich über der Feuerstelle einen Tee kochte und von seinem Trockenfleisch aß.

Kaan versuchte, die Gedanken an Dhanu zu verscheuchen, während er aß, aber es war schwer. Er sehnte sich nach ihm, wollte sich in seine Arme kuscheln und seine warme Nähe spüren. Warum nur hatte er diese Tendenz, sich in die falschen Männer zu verlieben? Noch mehr als zuvor wünschte er sich die Sicherheit, die Caley hatten. Wenn sie einander gefunden hatten, wussten sie, dass ihr Partner immer bei ihnen bleiben, sie sich immer lieben würden. Sie kamen nicht einmal auf die Idee, einander auszunutzen. 'Vielleicht weiß ich aber auch nur zu wenig über die Caley. Es gibt immer eine dunklere Seite.'

Er wusste nicht recht, ob er dankbar oder enttäuscht sein sollte, weil er allein in dem Gästehaus war und es damit keine Feiern gab. Die meisten Reisenden waren entweder schon in Perle oder noch in Firm oder würden erst sehr viel später kommen, von der einen oder der anderen Richtung. Er war müde, aber hätte Ablenkung zu schätzen gewusst. Nach einer Weile, die er noch gegrübelt hatte, holte er schließlich seinen Schlafsack heraus, stellte den Rucksack in die Nische, die er sich ausgesucht hatte und krabbelte in die Hängematte.

Dhanu hatte sich im Schutz der Dunkelheit bis an die erloschene Feuerstelle heran geschlichen und sah, dass Rawley gerade ebenfalls sein Versteck verließ. Angespannt beobachtete Dhanu, wie Rawley in Richtung Kaan bewegte. Doch dann griff der Echsenmann sich nur den Rucksack und lief eilig, aber fast lautlos davon.

Irritiert folgte Dhanu ihm. Rawley blieb hinter dem Verschlag für die Reittiere stehen und leerte den Rucksack vorsichtig auf die flachen Steine neben der Quelle dort. Er untersuchte jedes Kleidungsstück, dann die Taschen vom Rucksack, schließlich schlitzte er mit einem Messer sogar den Boden vom Rucksack auf. Er schien nicht zu finden, was er suchte.
Vollkommen unerwartet sprang er so schnell zu Kaan zurück, dass Dhanu ihn nicht mehr einholen konnte. Offensichtlich wütend warf Rawley Kaan aus der Hängematte zu Boden, hielt ihm das Messer an die Kehle und zischte ihn an: "Was hast du damit gemacht, du dummer Mensch?!"

Kaan rang nach Atem; der Aufprall hatte ihm die Luft aus den Lungen gepresst. Sein Kopf schmerzte, und er begriff nicht, was das Wesen wollte. Aber was er begriff, war, dass er festgehalten wurde, dass ihn schmale gelbe Augen wütend anfunkelten und dass etwas Scharfes gegen seinen Hals gedrückt wurde.

"Was meinst du?", krächzte er, noch viel zu benommen für ein Gefühl wie Angst.

Dhanu schaffte es gleich nach Kaans verwirrter Frage, Rawley bewusstlos zu schießen.

"Verdammte Echse", knurrte er und fesselte den Kerl schon zum zweiten Mal. Dann reichte er Kaan die Hand, um den schockierten Mann hochzuziehen. "Ist alles in Ordnung?" Besorgt suchte er nach Verletzungen, aber sah nur eine Schramme an Kaans Hals, vermutlich von Rawleys Krallen.

"Ich... weiß nicht." Verwirrt starrte Kaan von Dhanu, der aus dem Nichts aufgetaucht war, zu dem Echsenwesen und zurück. Er konnte wieder atmen, der Schmerz wich ebenso wie die Benommenheit. Damit kamen der Schreck und die Angst. Nachträglich begann er zu zittern, was sich einfach nicht unter Kontrolle bringen lassen wollte.

Als er sich nach seinem Rucksack umdrehte, um sich einen Tee zur Beruhigung zu kochen – etwas Heißes zu trinken tat immer gut – stellte er fest, dass sein Gepäck nicht mehr dort war, wo er es abgestellt hatte. Er blinzelte, schlang schließlich die Arme um sich und lehnte sich gegen den noch immer warmen Fels. "Was will er? Und was machst du hier?"

Dhanu ging in die Hocke und stupste Rawley an, aber der Echsenmann schlief tief und fest. "Ich folge Rawley, der offensichtlich dir gefolgt ist. Die Frage ist, warum? Was hast du, was er will?" Er sah zu Kaan hoch. "Umbringen wollte er dich offenbar nicht, dazu hatte er mehr als eine Gelegenheit."

"Woher soll ich wissen, was er will? Er hat es mir nicht verraten." Kaan starrte auf das Wesen und begann, sich richtig elend zu fühlen. Es passte nicht. So etwas geschah jemandem wie ihm nicht. Und es warf ein noch viel ungemütlicheres Licht auf Dhanu. Er war offensichtlich die ganze Zeit nur dieser Kreation gefolgt, nicht ihm; es war ihm vollkommen gleichgültig, ob es Kaan war, von dem Rawley etwas gewollt hatte oder jemand anderes. Er wäre jedem anderen ebenfalls hinterher geschlichen.

"Er muss mich verwechseln", murmelte er.

Dhanu seufzte und fachte das Feuer wieder an. "Kaan, bitte. Ich habe mir Gedanken gemacht, und ich habe mich schrecklich gesorgt, weil ein Typ wie Rawley ausgerechnet jemandem wie dir gefolgt ist. Denk nach. Rawley handelt nicht grundlos sondern im Auftrag." Bei sich dachte Dhanu wieder und wieder: 'Bitte, sei nicht mein Feind, bitte nicht.'

Kaan war es nicht gewöhnt, in Lebensgefahr zu schweben, die Situation erschien ihm zu irreal. Also hielt er sich an das, was besser zu begreifen war. "Du hast dir Gedanken gemacht und dich schrecklich gesorgt? Ach? Ich habe keine Ahnung, was der Kerl von mir will! Aber ich weiß, dass du mir nur wegen ihm hinterher gelaufen bist. Vielleicht war die Nacht auf der Fähre sogar noch echt, 'ne nette Abwechslung, wie auch für mich. Aber danach warst du nur noch wegen dem Kerl da, richtig? Weil da irgendwas ist, was dich interessiert. Hätte er sich an den Stewart geheftet, wärst du dem hinterher scharwenzelt."

Er hob seinen Schlafsack vom Boden auf, setzte sich auf die Seite der Feuerstelle, die am weitesten von Dhanu entfernt war, und wickelte sich ein. Ruhiger fügte er hinzu: "Es ist deine Sache. Aber es wäre nett gewesen, wenn du nicht so getan hättest, als würde dir was an mir liegen. Ich habe keine Ahnung, was Rawley von mir will. Ich habe nichts, was ihn interessieren könnte. Offensichtlich hat er mir sogar meine gesamte Reiseausrüstung weggenommen, um das herauszufinden. Er muss mich einfach verwechseln."

"Hätte Rawley sich an den Stewart geheftet, hätte ich dem folgen müssen, aber ich hätte nicht mit ihm schlafen wollen, falls es das war, was dich interessiert." Dhanu schob einen Topf mit Wasser über das Feuer und knurrte mit einem Mal schlechter Laune: "Deine Sachen hat Rawley dort hinten verstreut. Was immer er gesucht hat, es ist klein."

"Mit mir hast du auch nicht schlafen wollen", erinnerte Kaan ihn nüchtern und stand wieder auf. In seinen Schlafsack eingewickelt ging er in die Richtung, die Dhanu gewiesen hatte und fand nicht weit entfernt seine verstreuten Sachen. Ein kalter Schauer durchlief ihn, als er sah, dass der Rucksack aufgeschnitten worden war. Was immer dieser Rawley gesucht hatte, musste ihm wichtig gewesen sein. 'Wichtig genug, um mich vielleicht auch umzubringen? Was zur Hölle wollte er?'

Statt den ruinierten Rucksack zu nehmen, sammelte er seine Habseligkeiten in den Schlafsack. Es würde anstrengend werden, mit diesem unhandlichen Bündel bis Perle zu kommen. 'Wahrscheinlich muss ich Dhanu sogar dankbar sein, dass er Rawley gefolgt ist. Wenn er sich nur nicht so verhalten hätte, als fände er mich interessant...' Unglücklich knäuelte er das Bündel zusammen und kehrte zum Feuer zurück.

"Danke für deine Hilfe", sagte er reserviert, als er sich wieder setzte. Er verteilte seine wenigen Sachen um sich und starrte sie an, in der Hoffnung, herauszufinden, was das Echsenwesen daran interessiert hatte. Offensichtlich war das Gesuchte nicht dabei gewesen. Kaan tastete nach dem Beutel, den er an seinen Gürtel gebunden hatte. Darin steckte sein Portemonnaie und sein Hausschlüssel, beides viel zu langweilig, um jemandem tagelang über Caley zu folgen. Hatte es vielleicht was mit seinem Ex auf sich?

Er holte das Portemonnaie heraus und flippte durch die Karten. Bankkarten, Bonuskarten, Schlüsselkarten. Das ausgedruckte Foto seines Sohnes. Wehmütig blinzelte Kaan es an und suchte weiter. Sein Führerschein für Gleiter und andere Vehikel. Rajas komischer roter Chip. Kaan hielt inne. Rajas Chip? Gerade wollte er ihn herausholen und Dhanu zeigen, als ihm die Frage kam, wieso er meinte, dem Mann vertrauen zu können. Sicher, er hatte ihn gerettet, aber das war reiner Eigennutz gewesen. 'Kann ja genauso gut sein, dass er mich umbringt, wenn er hat, was er will.'

Über das Feuer sah er zu ihm hin und konnte es nicht glauben. Dhanu sah missmutig und griesgrämig aus, angespannt und viel zu attraktiv, aber nicht wie jemand, der ihn töten wollte. Andererseits war Menschenkenntnis nicht gerade seine Stärke, wie einmal mehr bewiesen worden war. "Und wer bist du, Dhanu, dass ich dir vertrauen sollte? Hast du mir einen guten Grund dafür gegeben?"

"Hab ich dir einen Grund gegeben, mir nicht zu vertrauen?" Dhanu füllte sich Tee ab und warf einen kurzen Blick auf Kaan und seine wenigen Habseligkeiten.

"Oh, für mich ist es schon eine etwas größere Sache, wenn ich das Gefühl bekommen soll, dass jemand gern mit mir zusammen ist, um dann zu erfahren, dass er es nur tut, weil irgendeine Echse hier herumschleicht." Kaan griff nach seiner Tasse, um sich ebenfalls Tee zu nehmen. "Was machst du hier? Wer bist du? Wer ist dieser Rawley? Was will er? Was weißt du von ihm? Was für eine wie auch immer geartete Beziehung habt ihr, dass du ihm hinterher läufst?"

Dhanu rieb sich mit den Zeigefingern die Schläfen. "Ich habe von Rawley keine Ahnung. Was mich angeht... Ich bin Teil einer Gruppe, die für die Sicherheit in diesem Gebiet des Raums sorgt. Mein Auftrag auf dem Fährschiff war es, einige Waffenhändler zu beobachten. Das hatte sich erledigt, und eigentlich wollte ich meine Kündigung wirksam werden lassen und mich zur Ruhe setzen, der Job ist stressig." Er grinste schief. "Man bekommt schrecklich wenig Schlaf. Aber hier auf Caley habe ich stattdessen den Auftrag erhalten, Rawley zu folgen. Dafür zu sorgen, dass dir nichts zustößt, war mein persönlicher Wunsch."

Kaan schnaubte leise. Gerade wollte er bissig fragen, warum Dhanu ihm immer noch Honig um den Mund schmieren wollte, als ihm auffiel, dass der Mann das eigentlich nicht nötig hatte. Sie hatten sich getrennt, ohne dass Dhanu irgendetwas dagegen unternommen hatte. Er hätte es dabei belassen können. Andererseits war da noch die Sache, die Rawley wollte.

'Dhanu hätte mich ganz leicht durchsuchen können, während ich schlafe. Ich hätte es nicht gemerkt. Aber Rawley hat ja auch nichts gefunden.' Es verwirrte ihn. 'Und soll ich ihm diese abstruse Geschichte etwa abkaufen? Aber eins ist sicher. Rawley hat mich bedroht, Dhanu hat mich beschützt. Ich bin so dumm. Ich will ihm glauben. Das wollte ich doch auch schon bei meinem Ex. Lerne ich denn nie?'

Dennoch holte der den Chip aus seinem Portemonnaie und drehte ihn in den Fingern. "Könnte es das sein? Ich habe ihn am Fährhafen in meiner Tasche gefunden und gedacht, dass er vielleicht Raja gehört. Es ist das Einzige, von dem ich nicht weiß, wo es herkommt."

Dhanu blinzelte den Chip an und nickte benommen. Es war lange her, dass er einen Lenker-Chip aus intelligentem Metall gesehen hatte. Vorsichtig streckte er seine Finger danach aus. "Wow, so ein kleines Biest."

Kaan zögerte einen langen Moment, ehe er den Chip in die ausgestreckte Hand legte. Jetzt hatte Dhanu keinen Grund mehr, bei ihm zu bleiben. Und wahrscheinlich würde er das auch nicht. Er musste sich um den Echsenmann kümmern, er musste den Chip irgendwohin bringen. Vielleicht würde er ihn auch einfach nur verkaufen, wer wusste das schon. "Was ist es?"

"Ein Steuerungschip. Aus intelligentem Metall. Vermutlich für eine Waffe." Dhanu holte seinen Handcomputer aus der Tasche und machte ein Bild von dem Chip, um es sofort zu versenden. Er tippte die Frage 'Rawley?' mit dazu, dann hob er den Kopf und sah Kaan an. "Sei froh, dass du das Ding nicht durch irgendwelche Sicherheitskontrollen geschleppt hast. Vermutlich solltest du dazu dienen."

Kaan nickte fröstelnd. Waffenschmuggel war gefährlich, selbst wenn man unschuldig war, ganz besonders im Raum der Daryller. Er trank von seinem Tee und wünschte sich, die Fähre wäre nie abgestürzt. Dann wäre er nun mit Raja schon sehr viel näher an der Heimatkolonie; sie würden sich vermutlich bereits um einiges besser verstehen und all die Dinge tun, die ein Vater mit seinem Sohn auf einer Reise tun konnte. 'Wenn ich morgen aufwache, ist Dhanu bestimmt weg. Wenn er nur nie in meinem Leben aufgetaucht wäre!'

Dhanus Computer pfiff, und er blickte auf sein Display. 'Holen den Chip und Rawley bei Morgengrauen ab.'

"Oh." Ungemütlich blickte Dhanu zu Kaan. "Wie steht es bei dir mit der Angst vor Daryller?", fragte er dann möglichst nebensächlich.

Kaan antwortete, ohne nachzudenken. "Ich habe nicht wirklich das Verlangen herauszufinden, ob die Gerüchte der Wahrheit entsprechen." Dann wurden seine Augen schmal. Misstrauisch starrte er Dhanu an. "Wieso?"

"Der Chip gehört ihnen." Dhanu stand auf und ließ sich dicht neben Kaan nieder. "Wir sind ja nun mal fast allein", er warf einen Blick auf den Bewusstlosen, "da wollte ich dich gern etwas fragen, Kaan." Aufmerksam betrachtete er das schlanke Gesicht. Man sah ihm die Sorgen und Anstrengungen der vergangenen Tage deutlich an, aber er war noch immer verdammt gutaussehend und anziehend. Gerade im weichen Schein des Feuers.

'Er weiß, was er für eine Wirkung auf mich hat', dachte Kaan frustriert und war bemüht, weder vor Dhanu zurückzuweichen, noch sich in seine Richtung zu lehnen. Und er war verwirrend wie eh und je. "Ja?"

"Was hat es dir bedeutet, mit mir zu schlafen?" Dhanu brach den Blick nicht ab, aber er fügte hinzu: "Wenn du so gereizt warst, weil es dich nervt, deine Bettbekanntschaft nicht mehr loszuwerden, dann sag es mir. Ich..." Er seufzte und sah doch wieder von Kaan weg und zum Feuer hin. "Ich hab so ein Ding für dich entwickelt. Ich konnte das nicht verhindern."

Eine Welle an Hitze überspülte Kaans Gesicht und brachte ein Prickeln mit sich, das sich an seiner Kopfhaut sammelte und von dort nach unten zog, um sich in seiner Brust und seinem Bauch einzunisten. 'Ich sollte ihm nicht alles glauben. Ich... Er hat alles, was er will. Seinen Chip, den Echsenmann. Er muss nicht mehr nett sein. Wenn er jetzt noch nett ist...' Kaan fühlte sich schwach und schwebend zugleich.

"Es war nett und aufregend, aber nichts außergewöhnliches. Außer vielleicht außergewöhnlich gut." Er grinste das Feuer an, weil er es nicht wagte, Dhanu ins Gesicht zu sehen. "Aber dann, als du mich nicht mehr gewollt hast..." Sein Lächeln schwand. "Da wollte ich dich loswerden. Weil ich mich gefühlt habe, als würdest du nur so tun, als ob du mich gern hast. Weil du irgendwas von mir wolltest. Irgendwas und nicht mich. Das war es im Endeffekt ja auch."

"Also hast du mich über die eine Nacht hinaus nicht so gern um dich. Das ist so schade, Kaan. Ich war irgendwie dabei, mich in dich zu verlieben." Dhanu stand auf und ging zu Rawley hin. "Das hat es mir so schwer gemacht, die Finger von dir zu lassen. Aber wenn du das willst, dann lasse ich dich natürlich in Ruhe." Es tat mehr weh, von Kaan wegzugehen, als Dhanu gedacht hätte. Unsicher blickte er zum Feuer zurück.

"Ich wollte nie, dass du die Finger von mir lässt!", protestierte Kaan empört. "Im Gegenteil! Du warst es, der mir wieder und wieder ausgewichen ist! Warum hast du das getan, wenn du jetzt sagst, dass du mich gern hast und mit mir zusammen sein wolltest?"

Dhanu seufzte und zerrte an Rawley, um ihn vom Gästehaus wegzutragen. "Ich kann nicht mit jemandem zusammen sein, den ich observieren soll. Das ist mir zu verlogen." Er hob Rawley ächzend hoch. "Tut mir leid, dass du es als abweisend empfunden hast."

"Aber wir haben geküsst, wir haben zusammen... also beieinander geschlafen, du hast mich gehalten, dich gesorgt und dich gekümmert. War das nicht verlogen?" Beunruhigt sah Kaan zu Dhanu hin. "Wo willst du ihn hinbringen? Solltest du ihn nicht hier behalten, damit du ein Augen auf ihn haben kannst? Oder willst du jetzt gehen?"

"Der wacht vor dem Morgen nicht auf und wenn, ist er gefesselt. Ich will ihn dorthin bringen, wo er gut abgeholt werden kann. Ich bin gleich zurück, Kaan. So leicht wirst du mich nicht los." Die Wahrheit war, dass Dhanu den Echsenmann schlicht nicht mehr sehen wollte. Er wollte endlich seine Ruhe haben, und er würde sicherlich keinen weiteren Auftrag mehr annehmen. Er legte Rawley auf eine der Hängematten und fesselte ihn daran. Zur Sicherheit verpasste er ihm noch einen guten Schuss Betäubung. Dann holte er seine Sachen aus dem Versteck und kehrte zu Kaan an das Feuer zurück.

Kaan hatte ernsthaft damit gerechnet, dass Dhanu trotz seiner Ankündigung nicht mehr wiederkommen würde. Erleichtert seufzte er nur lautlos auf, als der Mann sich zu ihm setzte und reichte ihm einen Becher mit frischem Tee. Er wusste nicht, was er sagen sollte.

© by Jainoh & Pandorah