Absturz mit Folgen

12.

Dhanu nahm den Becher mit einem Lächeln an und meinte vorsichtig: "Ich weiß, dass es schwierig war, all das in so kurzer Zeit zu erleben. Dein Sohn, der Schreck, der Absturz und der Schock, als er nicht aufgetaucht ist. Ich bin verwundert, dass du alles so gut weg gesteckt hast, Kaan." Er nippte von dem Tee. "Und dann komme ich und mach dir noch mehr Ärger. Aber, wenn es irgendwie geht, lass mich noch ein wenig in deiner Nähe sein. Wir haben zur Zeit noch denselben Weg und ich... ich sehne mich nach dir." Er senkte den Kopf. Wieso konnte er nicht einfach einmal aufhören, Kaan mit diesem Unsinn zu belasten? "Tut mir leid, ich bin schon still."

Als Dhanu die Umstände seines Leben so nüchtern aneinander reihte, wunderte sich Kaan mit einem Mal nicht mehr, warum er so verwirrt und unausgeglichen war. Er schloss die Hände enger um seinen Becher, seufzte erneut leise und sah aus den Augenwinkeln zu Dhanu hin. "Zur Zeit noch denselben Weg... und dann?" Dhanu sagte, dass er sich sehnte, und Kaan hörte das gerne. Er sehnte sich auch, nach der Wärme und der Sicherheit, nach der Nähe des attraktiven Mannes. Aber er wollte nicht mehr davon, wenn sie sich doch nur trennen würden.

"Und dann können wir denselben Weg haben, Kaan." Dhanu zögerte. "Ich bin hiernach ungebunden und hatte noch kein festes Ziel. Wenn du mit deinem Jungen erst einmal allein sein willst, dann könnte ich das verstehen, aber ich will nicht ganz aus deinem Leben verschwinden müssen."

"Erst einmal muss ich meinen Jungen ja finden." Kaan drehte sich zu Dhanu und sah ihm in die Augen. Es überraschte ihn, dass Dhanu unsicher wirkte, aber es bewirkte, dass er sich im Gegenzug sicherer fühlte. "Ich will mit dir zusammen sein, Dhanu, so sehr, dass es jedes Mal weh getan hat, wenn du mich zurückgewiesen hast. Und noch mehr, als ich gedacht habe, dass du lügst. Ich vertrage keine Lügen mehr, das hatte ich jahrelang zu genüge. Wenn du meinst, dass du damit leben kannst, dann..."

Das war es also. Dhanu sah Kaan nachdenklich an. "Wer hat dich nur so enttäuschen können? Das ist mir rätselhaft." Er nahm Kaans Hand in seine und versprach: "Ich lüge dich nicht an, wenn ich dir verspreche, dass es mir ernst ist."

Kaan lächelte ein wenig müde. "Ich bin zu gutgläubig, zu vertrauensselig und zu sehr ein Träumer. Aber ich fürchte, ich kann 's nicht ändern." Er umfing Dhanus Hand fester, dann beugte er sich vor, schlang den freien Arm um seinen Hals und presste das Gesicht an seine Schulter. Es fühlte sich gut an, herrlich, Dhanu roch so vertraut, und Kaan schloss die Augen und begann sich zu entspannen.

Mit einem leisen Seufzen drückte Dhanu den Mann an sich und dachte bei sich, dass es eigentlich ein Wunder war, dass sie überhaupt zum Auftakt im Bett gelandet waren. Sein Verdacht lautete, dass sich mit dem anderen, der Kaan so enttäuscht hatte, wohl nicht mehr viel ergeben hatte. Aber ein Mann, der mal wieder so richtig was aufzuholen hatte, war keine schlechte Sache. Und zudem waren sie auf Caley. Sex gehörte hier zu den normalen Umgangsformen. Er streichelte Kaan einmal über die Schulter, dann löste er das Zopfband aus seinem Haar und vergrub die Finger darin, um ihn zu küssen.

Kaan rückte näher an ihn heran, um sich anzuschmiegen und beide Arme um ihn zu legen. Der sanfte Kuss tat wohl, und bald legte er den Kopf schief und öffnete einladend den Mund, um ihn inniger zu spüren und zu schmecken.

Kaan konnte herrlich küssen, und zudem schaffte er es, Dhanu sehr unpassend daran zu erinnern, dass sie beide schon seit Tagen unter einer Art unbefriedigendem Vorspiel gelitten hatten. Aber hier im Gästehaus gab es kein Bett, es gab kein ordentliches Bad, und es gab immer die Möglichkeit, dass Dhanus Auftraggeber auftauchten.

Dhanu wollte seinen Geliebten wegschieben, aber einen Moment später änderte er seine Pläne um zu 'Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg' und zerrte Kaan mit sich von der Bank hoch. Er umfing die geschickten Finger, mit denen Kaan ihn gestreichelt hatte und flüsterte: "Hier ist es sehr sehr unbequem. Bitte sag nicht, dass ich dich nicht gewarnt hab."

Kaan dachte daran, dass er müde war, dass er von dem Sturz aus der Hängematten Kopfschmerzen hatte und dass er doch eigentlich zu alt für leidenschaftliche Liebesspiele war, die einen die Umgebung vergessen ließen, und genau das schien es zu sein, was Dhanu im Sinn hatte. Aber der sinnliche Blick aus Dhanus blaugrünen Augen, sein Lächeln und das Drängen in seiner Stimme ließen ihn nicht protestieren.

"Gewarnt vor was?", murmelte er und schmiegte sich an ihn, um ihn erneut zu küssen.

"Sex in einer Hängematte." Dhanu versuchte, unschuldig zu schauen. "Mach dir keine Sorgen, du musst nichts tun, nur rumliegen und unverschämt sexy aussehen, so wie jetzt." Er küsste Kaans Hals einmal.

Kaan spürte den angenehmen Schauer, der über seinen Körper rann, aber auch gleichzeitig ein kleines nervöses Unbehagen. "Ich bin eben erst aus dem Ding rausgefallen. Ich will das ungern wiederholen."

Er löste seine Hände aus Dhanus Griff und strich mit gespreizten Fingern über seine glatte Brust. Es fühlte sich so gut an, dass er nicht anders konnte, als ihn auf die Mitte des Brustbeins zu küssen und mit der Zunge dort entlang zu streichen, während er die Hände weiter unter die Weste wandern ließ und diese dann über die Arme schob. Von allein glitt sie weiter hinab und fiel zu Boden. Kaan kümmerte sich nicht darum, als er ihrem Weg folgte und schließlich Dhanus Finger erreichte. Er umfing sie und zog die starken Arme um sich, erneut mit den Lippen nach dem Mund des Mannes tastend.

"Aber ich vertraue dir, wenn du sagst, dass du mich nicht fallen lässt", flüsterte er.

"So ist es richtig." Schmunzelnd drückte Dhanu seinen Schatz einmal an sich, dann schob er ihn ein wenig von sich fort, um ihm die Hose und das leichte Hemd auszuziehen. Er polsterte eine der übergroßen Hängematten mit Kaans Schlafsack, bevor er ihn hinschob. "Leg dich hin."

Der Stoff des Schlafsacks war rot, eine Farbe die Kaan ausgezeichnet stand. Die schlanken Glieder zeigten sich hin und wieder im flackernden Feuerschein. Dhanu konnte sehen, dass Kaan erregt war. Er beugte sich über ihn und küsste von dem Mund eine Spur über den gesamten Körper, um schließlich beim Schoß zu verweilen.

Kurz hob Dhanu einmal den Kopf und flüsterte: "Siehst du, du musst nur herum liegen und brauchst keine Angst vor dem Fallen haben." Dann umfing er Kaan mit den Fingern und dem Mund.

Überrascht stöhnte Kaan auf und klammerte sich an die Ränder der Hängematte. Das leichte Schwanken und die ungewohnte Art zu liegen fügten neue Eindrücke zu den Gefühlen hinzu, die durch ihn hindurch strömten. Er wollte protestieren, aber konnte schon nicht mehr, weil es so schön war, was Dhanu mit ihm machte und weil er wie ausgehungert war.

Dhanu hörte nicht auf, bis Kaan zum Höhepunkt kam. Er selber war auch erregt, aber Kaan hatte unter den letzten Tagen mit ihren verrückten Verwirrungen genug zu leiden gehabt. Statt sich ihm noch aufzudrängen, küsste Dhanu seinen Geliebten hinterher und deckte ihn mit einer leichten Decke zu. "Bleib einfach so liegen, ich bin gleich wieder zurück. Ich muss nur noch einmal nach meinem Gefangenen sehen."

Kaan schlang die Arme um ihn. Die Bewegung brachte die Hängematte bedenklich zum Wackeln, als Dhanu nach Halt suchte, um sein Gleichgewicht nicht zu verlieren, aber Kaan ließ nicht los.

"Dein Gefangener wird nicht viel für dich tun können", sagte er dicht an seinem Ohr und biss ihn sacht ins Ohrläppchen. "Aber ich will auch etwas für dich tun. Lass dir nicht zu viel Zeit, ja?"

Dhanu lachte leise und küsste Kaan noch einmal auf die Nase. "Ich beeil' mich, aber wenn du schläfst, wenn ich zurückkomme, dann lege ich mich einfach zu dir und schlafe auch eine Runde."

Obwohl Kaan müde war, ließ ihn die Aufregung doch nicht einschlafen, während er auf Dhanu wartete. Aus dem Schlaf gerissen und bedroht zu werden, war nichts, mit dem er Erfahrung hatte, und die Erinnerung, die langsam deutlicher wurde, war angsteinflößender, als es der Angriff in dem Moment gewesen war. Denn jetzt war er wach. Er versuchte, sie mit angenehmeren zu verdrängen, mit denen von Dhanus Berührungen und damit, dass er gesagt hatte, er hätte sich in ihn verliebt. Stattdessen kamen die Unsicherheit und die Fragen, ob er nicht doch gelogen hatte; was nun mit dem Chip geschehen und ob Dhanu ihn deswegen alleinlassen würde.

Er war erleichtert, als der Mann zurückkehrte und als dieser sich zu ihm gelegt hatte, versuchte er genauso, ihm die Lust zurückzugeben, wie sich dadurch abzulenken. Aber auch, als sie schließlich nur noch eng aneinander geschmiegt dalagen und Dhanus tiefe Atemzüge ihm verrieten, dass er längst schlief, brauchte er noch eine ganze Weile, ehe er selber wegdöste.


Dhanus Handcomputer weckte ihn mit dezentem Vibrationsalarm. Er quälte ein Auge auf; die Sonne färbte den Horizont gerade eben violett. Seufzend löste er sich von Kaan, hauchte ihm noch einen Kuss auf die Schulter und kletterte aus der Hängematte. Er zog sich rasch nur eine Hose an, dann ging er von dem Gästehaus fort, um Rawley zu holen, damit er bereit war, wenn seine Auftraggeber kamen.

Mit einem unverständlichen Murmeln versuchte Kaan, sich auf die andere Seite zu drehen, als sich ihm der warme Körper entzog. Die Bewegung brachte die Hängematte zum Schwanken und weckte ihn ziemlich schnell. Sein erstes bewusstes Gefühl war Angst, dass sich Dhanu doch entschlossen hatte zu gehen, aber als seine Gedanken klarer wurden, verdrängte er sie. Müde blinzelte er über den Rand der Hängematte und sah Dhanu zu der Stelle gehen, an der er Rawley festgebunden hatte. Kaan sank zurück in den Schlafsack, wickelte sich in die Decke und schloss die Augen wieder.

Dhanu hatte die Hoffnung gehabt, dass der Daryller, wer auch immer kommen würde, diskret dabei war. Leider war es nicht die Art der Daryller. Diskretion war aus ihrer Sicht etwas für Leute, die sich einen großen Auftritt nicht leisten konnten. Vier riesenhafte, dumpf vibrierende Schüsseln verdeckten die Sonne und brachten die Erde mit ihren Bremsmagneten kurz zum Beben, dann löste sich eine Fähre und zischte von Androiden geführt zu Boden. Die kleinen Reittiere flohen im wilden Galopp über die Bergkuppe. Rawley erwachte und witterte, um welche Rasse es sich bei dem Besuch handelte. Erschrocken wechselte er die Farbe von Tarnbeige zu Tarngrau und zischte leise.

Über die Laderampe kam ein Mann mit dunkelrotem, sehr schwerem Haar, das ihm über den Rücken fiel. Er war mit einem sandfarbenen maßgeschneiderten Anzug bekleidet und den Arm um eine quirlige, kleine Frau gelegt, deren Haare ihren Kopf in wilden Blaukombinationen wellenförmig umgaben. Sie sah latent schwanger aus, was Dhanu bei den beiden nicht wunderte. "Jotanef und Nick. Ich bin froh, dass ihr meine Post mitnehmen kommt!"

Jota war einer der älteren, ruhigeren Daryller und Nick war immer für einen Lacher gut. Dhanu hatte sich einmal mit ihr auf einer Konferenz betrunken. Sie quiekte auf und sprang fröhlich auf ihn zu. "Gott, Dhanu! Du siehst scheiße aus, Mann. Was hast du wieder angestellt? Und dann diese Haarfarbe! Sieht aus wie Pisse, lass dir das mal umfärben. Echt, ey!"

Dhanu lachte auf. "Danke, Nick. Dafür schaust du klasse aus."

Sie umarmte ihn und fummelte ein wenig an ihrer Frisur. "Geil, ne? Heißt 'Wilder Ozean'. Jota! Warum machen wir nicht mal wieder Urlaub auf Caley?! Ich hab echt keinen Bock, immer auf deinen Planeten rumzuhocken, hier ist wenigstens Party!"

Jotanef, der erstaunlich resistent gegen ihre Art war, legte lediglich eine Hand auf ihren Nacken und streichelte sie leicht mit dem Daumen. "In ein paar Wochen, Nick. Erst einmal will ich den Handel abschließen und meinen Eltern berichten. Außerdem - in deinem Zustand werden die Lemar uns auf dem Heimatplaneten erwarten. Wir können nach der Geburt immer noch wieder hierher kommen."

Dhanu verbeugte sich leicht. "Respekt, Nick. Das ist schon das vierte Kind, oder? Wollt ihr einen eigenen Stamm gründen?"

Nick pustete gegen die Haare und seufzte. "Die ersten drei waren Lemar. Sie sind im Alter von drei Monaten in den Urwald abgehauen... Mann, hab ich geflennt, Dhanu. Diesmal soll es endlich humanoid sein. Behauptet LeRoux, der alte Verbrecher!"

Jotanef übernahm nach einem tröstenden Streicheln seiner Gefährtin dann den Gefangenen und den Chip.

Kaan lugte über den Rand der Hängematte und fühlte sich unglaublich fehl am Platz. In ihm stritten Neugierde und Furcht miteinander, aber keines der Gefühle gewann die Oberhand. Das Dröhnen der Raumschiffe hatte ihn aus seinem leichten Schlaf geweckt, und mit aufgerissenen Augen hatte er nur starren können, wie sich eine Fähre löste und genau an diesem Rastplatz auf Caley landete. Kaan hatte sich eilig die Hose übergestreift, um nicht nackt zu sein, weil er sich sonst noch schutzloser vorgekommen wäre. Aber das bisschen Bekleidung würde auch nichts gegen den Daryller helfen, wenn der sich entschloss, ihn zum Mittag zu verspeisen.

Im Moment machte er keinen besonders bedrohlichen Eindruck, und die zierliche Frau an seiner Seite sowie Dhanus Ruhe unterstrichen das, aber Kaan legte trotzdem keinen größeren Wert darauf, ihn näher kennenzulernen. Das war es also, warum Dhanu ihn gefragt hatte, ob er sich vor Daryller fürchtete. 'Ich muss nachher dringend ein ernstes Wörtchen mit ihm reden, dass er es nicht bei Andeutungen und allgemeinen Fragen belassen soll, wenn so was ansteht!'

Nach wenigen freundlichen Worten und nachdem Jotanef für Dhanu von seinen Androiden noch ein wenig Ausrüstung für die weitere Reise hatte besorgen lassen, verabschiedeten er und seine Gefährtin sich. Nick küsste Dhanu auf beide Wangen. "Aber nächstes Mal sagst du deinem Kerl, dass er sich ruhig mal dichter ranwagen darf. Wir beißen nicht... na ja, ich beiße nicht. Jota! Ich hab unglaublichen Appetit auf Schokoladenpudding und Zitroneneis!"

Dhanu lachte noch, als die riesenhaften Raumschiffe sich mit dumpfem Brummen entfernten. Noch immer grinsend ging er zu Kaan zurück. "Gott, ich liebe Nick. Sie ist einfach klasse. Guten Morgen und entschuldige, dass du so unsanft geweckt wurdest."

"Du hättest mich warnen können", meinte Kaan mit einem schiefen Grinsen, aber fühlte sich gleich viel wohler, da der Daryller nun wieder außer Reichweite war. "Und nicht nur mal eben vage fragen, was ich über Daryller denke!" Mit einem Gähnen streckte er sich und rutschte aus der Hängematte. "Immerhin bin ich jetzt wach. Und wir... sind Rawley und den Chip los. Könnte jetzt bitte ein bisschen Ruhe in mein Leben einkehren?"

"Wenn ich dich gewarnt hätte, hättest du kein Auge zugetan. So haben wir beide ein wenig geschlafen und haben genug Energie, um den Abstieg nach Perle zu schaffen." Dhanu deutete den Weg hinunter, wo das kleine Dorf in rosa Morgenlicht getaucht eben auszumachen war. "Dort unten wird dein Leben vielleicht ruhiger werden, aber ich mache auf Caley keine Versprechungen."

Mit einem Seufzen gestand Kaan sich ein, dass Dhanu recht hatte. Dann musste er gleich wieder lächeln, weil sich der Mann Gedanken um ihn und sein Wohlergehen machte. Es war schön. Er ging in die Hocke und griff nach seinem Hemd. Zu Dhanu aufsehend vertiefte sich sein Lächeln noch. "He, und wo machst du dann für was Versprechungen?"

"Im Bett." Dhanu grinste. "Die halte ich alle ein."


Raja war am Strand in eine der Feiern geraten, die mit Gesang an einem Lagerfeuer einher gingen. Die Puppen wollten alle mit ihm feiern, und etliche wollten ihn offensichtlich auch locken, mit an einem intimeren Spiel Teil zu haben. Raja war es schrecklich peinlich. Wieder hatte er das Bild von den beiden ihm so vertrauten Puppen vor Augen. Zugleich spürte er wieder das Hitzegefühl und die Scham, die sein Verlangen nach genau dem ausgelöst hatte. Er hatte eine Sehnsucht nach Vin gespürt und Neid auf Lio, der ihn berühren durfte. Ein irrationales Gefühl, das Raja peinlich war und das er nicht erklären konnte. Er war am Strand in einige Decken gewickelt eingeschlafen und erwachte erst im Morgengrauen, als Seevögel sich um einen angespülten toten Fisch weiter draußen am Riff zu streiten begannen.

Raja hatte einmal gelesen, dass der frühe Morgen die beste Zeit war, um Fische zu sehen. Er stand gähnend auf und bemerkte dann, dass es offensichtlich auch die beste Zeit war, um Fische zu fangen. Etliche Meta standen oder knieten mit freiem Oberkörper oder auch komplett nackt in flachen Barkassen und warfen feine Netze aus. Es schien ungefährlich zu sein, denn in der Nähe der Stege schwammen etliche Puppen im Wasser und tauchten nach Muscheln.

Vin strahlte, als er Raja am Strand entdeckte. Offensichtlich waren seine Sorgen umsonst gewesen, als er festgestellt hatte, dass sein hübscher Mensch nicht wieder zurückgekommen war. Anscheinend hatte er nette Gesellschaft gefunden und war deswegen bei dem Fest geblieben, bis er irgendwo eingeschlafen war. Vin war das selber oft genug passiert.

Er sprang die Stufen zum Meer hinab und lief winkend auf seinen Schatz zu. "He, Raja, guten Morgen! Hast du schon gefrühstückt?"

Die vertraute Stimme erinnerte Raja unpassend an seine peinliche Sehnsucht von der letzten Nacht. Er wurde rot und nickte, dann schüttelte er den Kopf.

"Ich hab keinen Hunger", murrte er und wandte sich den plantschenden Puppen zu. "Ich wollte schwimmen gehen, gibt es hier Badehosen und vielleicht Tauchbrillen oder Sauerstoffsets?"

Vin legte den Kopf schief. Ob Raja sehr viel getrunken und deswegen Kopfschmerzen hatte, dass er so grummelig war? Andererseits hatte Vin ihn noch nie Alkohol trinken sehen. Ob ihm jemand schlechte Laune gemacht hatte? Gleich fühlte Vin das Bedürfnis, Raja zu beschützen. Doch es war niemand in der Nähe, vor dem er ihn hätte schützen können.
"Warum brauchst du Hosen zum Baden? Das Wasser ist warm, du wirst nicht frieren." Mit einer kleinen Geste wies er zu den muschelsuchenden Puppen. "Sie haben bestimmt Fischaugengel, damit kannst du unter Wasser sehen. Aber komm, lass uns erst frühstücken gehen. Sonst wird dir noch schlecht im Wasser."

"Ich will nicht nackt schwimmen." Raja verschränkte die Arme. Er wollte sich nicht mit Vin über ihre unterschiedliche Anatomie unterhalten. Ihm war schon aufgefallen, dass die Caley zwar aussahen wie Menschen, aber sie hatten weder Brustwarzen, was den Oberkörper seltsam glatt wirken ließ, noch waren die Geschlechtsteile bei näherem Hinsehen wie seine. Um es schlimmer zu machen fügte er unbedacht hinzu: "Ich werde dauernd betatscht, wäre ja noch schöner, wenn mich wer ..." Er wurde rot und wandte sich ruckartig vom glitzernden Meer ab. "Vergiss es! Ich muss eh zum Zimmer zurück und packen!"

Überraschte von dem Ausbruch folgte Vin Raja, vorsichtig scharfkantigen Muschelbruchstücken und Treibholz ausweichend, denn er hatte die Sandalen im Zimmer gelassen. "Aber du bist schön, Raja! Da ist es doch kein Wunder, wenn dich alle anfassen wollen. Jeder würde sich freuen, wenn du sein Gefährte wirst."

Er wollte ihn aufhalten und küssen, um ihm zu zeigen, wie wunderschön er war, wie wunderschön Berührungen waren, und es tat beinahe körperlich weh, dass er sich zurückhielt. Vielleicht sollte er die Idee doch aufgeben, ihm Zeit zum Eingewöhnen zu lassen. Raja hatte ja auch so schon eine gehörige Anpassungsstörung, vielleicht würde es ihm helfen, wenn er wüsste, wohin er gehörte. Vin beschloss, dass er dringend mit Gara oder Mel reden musste, um sie zu fragen. Und vor allem brauchte er ein Schlafmittel.

Raja verschränkte die Arme noch fester. 'Schön.' Vor dem Gästehaus blieb er abrupt stehen. "Ich bin schüchtern, okay?! Ich bin nicht wie ihr, die stolz ihre Körper schmücken und überall rumzeigen. Ich bin nicht... nicht wie du, der einfach... einfach..." Vins Gesicht war so besorgt und seine Augen, der Ausdruck darin, berührten Raja auf eine Art, gegen die er sich nicht wehren konnte. "Lass mich in Ruhe", flüsterte er heiser und lief in das Haus hinein, an den Meta vorbei, die das Frühstück machten.

Lio schmuste mit Gara, den er die Nacht über nicht hatte spüren dürfen. Er ließ sich zugleich für eine neue Shorts ausmessen und schrak zusammen, als Raja in den Raum gestürmt kam. Mit großen Augen beobachtete er, wie der Junge seine Tasche nahm und zum Bad weiter lief.

Gara blinzelte ein wenig verwundert, dann fragte er besorgt: "Raja? Ist alles in Ordnung mit dir? War etwas mit Vin?"

Raja stockte in der Tür. "Nein. Alles in Ordnung. Ich bin nur müde." Warum wusste Gara, dass es Vin war? Woher? Raja musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass Vin auch in den Raum trat, er spürte seine Blicke förmlich auf dem Hinterkopf. "Ich beeil mich, Gara." Hastig schob er die Tür zu und lehnte sich dagegen.

Vins Schultern sanken herab. Er wusste nicht, was er tun sollte, was er falsch gemacht haben könnte und wünschte sich so sehr, dass sein Vater und dessen Gefährte da wären, um ihm zu helfen. Er krabbelte auf die Sitzbank, raffte ein Kissen an sich und drückte es gegen seinen Bauch. Stumm starrte er eine Weile die Tür an, hinter der Raja verschwunden war.

"Gara...? Meinst du, es wäre leichter für ihn, wenn ich ihn gleich berühre?", fragte er leise. "Er ist so empfindlich und so kompliziert."

Gara lächelte. "Es ist deine Entscheidung. Du trägst für ihn die Verantwortung, denn er wird nie Meta sein können. Willst du ihn berühren, bevor er mit der Fähre zum Raumhafen fährt? Sie geht am späten Morgen, und er weiß von wo sie abfährt."

Erschrocken fuhr Vin zu ihm herum, dann sprang er auf und warf das Kissen von sich. "Oh nein, das ist zu früh! Und es wird ihn nicht aufhalten. Gara, wenn er versucht zu gehen, lass ihn nicht weg! Ich muss..." Noch ehe er den Satz beendet hatte, stürzte er panisch nach draußen.


© by Jainoh & Pandorah