Absturz mit Folgen

13.

Vin wusste nur vage, wo er Schlafmittel bekommen konnte, aber einige gezielte Fragen brachten ihn schnell zu einem kräuterkundigen Metapaar in der Mitte der Siedlung. Ein Meta mit brauner Mähne stellte ihm Fragen, während er Gläser mit getrockneten Pflanzen aus den Regalen nahm. Es erschien Vin endlos langsam. Was, wenn Raja doch einfach ging? Sein Kleiner war so aufgeregt, vielleicht würde er durch ein Fenster klettern und fliehen! Aber nachdem er erklärt bekommen hatte, dass das Mittel auf Raja abgestimmt sein musste, damit ihm nichts geschah, zwang er sich zur Ruhe. Er wollte nicht, dass seinem Schatz etwas zustieß.

Endlich bekam er ein Tütchen überreicht, zusammen mit den Anweisungen, wie das Mittel zu verwenden war. Es an sich drückend rannte er zurück. Sein Gesicht war von dem schnellen Lauf gerötet und sein kastanienfarbenes Haar zerzaust, als er in das Haus stürmte und sich hastig umsah. Raja war nicht zu sehen, ob er schon weg war oder noch, konnte Vin nicht sagen. Aber Gara und Lio saßen nach wie vor in der Küche, mittlerweile war auch Mel bei ihnen, der gut gelaunt viel Essen vor sich aufgetürmt hatte und sowohl seinem Gefährten wie auch Lio die besten Stücke auf die Teller legte.

"Ich muss einen Tee daraus machen, Gara. Er wird ein bisschen ziehen müssen. Weißt du, wo Raja ist?", sprudelte Vin atemlos hervor.

Gara hatte den Mund voll und Lio auf dem Schoß, so dass er nur mit dem Daumen hinter sich in Richtung der Schlafzimmer zeigte. Dann streckte er die Hand in Richtung der Kräutertüte aus, um anzudeuten, dass er den Tee brauen würde.

"Oh, das ist lieb." Vin reichte ihm den Beutel, dann schummelte er sich halb an Lio vorbei, um Gara dankbar zu umarmen. "Ich bin so froh, dass ihr mir helft..."

Rasch küsste er auch Lio auf die Wange, verließ jedoch gleich darauf die Küche. Er hatte keinen Hunger, er war zu nervös. Stattdessen ging er zum Schlafzimmer und klopfte vorsichtig an, um Raja nicht zu erschrecken. "Kann ich reinkommen?"

"Das ist auch euer Zimmer." Raja hatte sich die frischere der beiden Hosen angezogen, aber noch kein Hemd. Sie waren beide dreckig und verschwitzt. Unsicher blickte er in seine Tasche und packte die Zahnbürste ein. "Ich wollte gleich zum Frühstück runterkommen, Mel hat mich schon gerufen."

Vin nickte. "Geht es dir jetzt ein wenig besser? Ich wollte dich nicht erschrecken vorhin."

Raja seufzte. "Du hast mich nicht erschreckt. Es ist nur so..." Er hielt die beiden Hemden hoch und ließ sich wieder sinken. "Ich tue mich nur schwer, euch gleich zu verlassen. Du machst es mir noch schwerer."

Vin näherte sich ihm langsam, beinahe vorsichtig, aus Angst, ihn doch noch zu verschrecken. Hoffnungsvoll sah er ihn an, als er sich ans Fußende des Bettes setzte und die Beine anzog. "Ich will nicht, dass du gehst. Ich will bei dir sein. Du könntest mit uns den anderen Weg zum Fährhafen nehmen. Bitte?"

"Nein, das geht nicht." Raja hatte das dringende Gefühl, Vin umarmen zu müssen. Stattdessen nahm er die Hemden und beschloss: "Ich wasche die beiden noch schnell. Während des Frühstücks können sie trocknen." Er ging in das Bad hinüber und war dankbar, dass er etwas zu tun hatte und zugleich Vins trauriges Gesicht nicht ansehen musste. "Ich würde gern, aber mein Vater macht sich Sorgen, da bin ich mir sicher, und zu dem muss ich zuerst hin."

"Und wenn ich mit dir zum Fährhafen gehe... und du dort mit deinem Vater gesprochen hast... bleibst du dann noch hier?" Vin folgte ihm ins Bad und sah zu, wie Raja eine große Schale hervorholte, um die Hemden einzuweichen. Er war schön, wenn er nur spärlich bekleidet war, und Vin wollte so gern fühlen, ob er sich auch so gut anfasste, überall, aber besonders dort, wo er sich von den Caley unterschied, an der Brust mit den beiden kleinen Erhebungen, am Bauch mit der Mulde und zwischen den Beinen. Wenn Raja nun versprach, dass er bleiben würde, konnte man auf das Schlafmittel verzichten. Dann musste er sich nicht ängstigen.

"Das könnte schon sein. Aber es kann auch sein, dass ich gezwungen sein werde, die Fähre zu nehmen, die uns weiter fährt." Raja hoffte, dass Vin es einsehen würde. Ein Abschied am Kai, ein wenig Winken, fertig. Raja hängte die noch leicht tropfenden Hemdchen aus den schmalen Fenster und klemmte sie mit der Holzlade fest. "So. Dann sollten wir was essen gehen."

"Es kann dich niemand zwingen, von hier wegzufahren! Ich..." Vin wollte sagen, dass er ihn beschützen würde, aber da er noch eine Puppe war, würde Raja ihm wohl kaum glauben. Doch ein 'Könnte' war nicht genug. Er öffnete noch einmal den Mund, um ihm zu offenbaren, dass er sein Gefährte war, doch dann schloss er ihn wieder und folgte ihm nur in die Küche.

Raja ließ sich neben Mel nieder, der ihm einen Teller mit Kuchen und Eibrot hinschob. Geräucherter Fisch war auf einer Platte mit Salat angerichtet. Gara reichte Raja einen Becher Tee, und es fiel ihm noch schwerer, von ihnen allen Abschied zu nehmen. "Ich weiß nicht, wie ich mich bei euch bedanken soll. Ihr habt mich mitgenommen und..." '... und aufgenommen. Wie in eine Familie. So etwas habe ich noch nie gehabt.' Raja spürte Tränen in seinen Augen prickeln und senkte den Kopf. "Danke", presste er hervor und wurde von Garas großer Hand überrascht.

Der Meta streichelte ihm einmal über den Kopf und brummelte: "Wir haben dich gern bei uns gehabt, Kleiner."

Hastig trank Raja von dem leichten bittersüßen Tee, dann aß er den Kuchen und spülte mit noch mehr von dem Tee nach, weil er Angst hatte, dass er doch weinen würde, wenn er noch einmal etwas sagen musste.

Vin war ganz und gar nicht mehr überzeugt davon, dass es eine gute Idee war, Raja die Anpassungsstörung erleichtern zu wollen. Sein Schatz sah aus, als wollte er weinen, und Vin hätte ihn am liebsten in den Arm genommen. 'Aber immerhin will er nicht wirklich gehen. Natürlich nicht. Er weiß ja tief in sich, dass er hierher und zu mir gehört. Er kann es nur nicht sehen.'

Doch wenn er nun so schrecklich reagierte wie der Mensch, den Vin auf seiner Reise gesehen hatte? Der Mann hatte sich beinahe umgebracht durch seine Sturheit, hatte sich Schmerz zugefügt, und das wollte Vin seinem künftigen Gefährten ersparen.

Besorgt beobachtete er, wie Raja die Lider schwer wurden, und als sein Mensch in sich zusammensackte, griff er ohne nachzudenken zu, um ihn aufzufangen. Doch Mel war schneller. Er hob Raja von der Bank hoch und trug ihn ins Schlafzimmer zurück, wo er ihn auf ein Bett legte. Vin fand, dass er in den Armen des Meta noch viel zarter aussah, als er ohnehin schon war. 'Gara hat Recht. Er wird nie ein Meta werden. Ich muss gut auf ihn aufpassen.'

Während sie packten, warf er immer wieder Seitenblicke zu Raja hin und überzeugte sich davon, dass es ihm gut ging. Er sammelte Rajas Hemden ein und trug ihre beiden Taschen, während Mel wieder Raja auf dem Arm hatte, der wie eine kleine müde Puppe wirkte. Als sie am Hafen ankamen, war die Fähre, die Raja hatte nehmen wollen, bereits am Auslaufen. Die andere in Richtung der Roseninsel war recht leer, so dass sie sich ausbreiten konnte. Vin richtete seinem Schatz ein Lager und sorgte dafür, dass er so gemütlich wie möglich lag und dass er der Sonne nicht direkt ausgesetzt war. Dann setzte er sich zu ihm, um seinen Schlaf zu bewachen.

"Ist er nicht süß?" Lächelnd betrachtete er das entspannte Gesicht, ehe er zu Lio hinsah. "So störrisch und so niedlich. Er wollte gar nicht wirklich fort, aber meint, es tun zu müssen. Sein Vater kann stolz sein, eine Puppe wie ihn zu haben."

Lio kaute auf einer getrockneten süßen Schote herum und mümmelte dazwischen hervor: "Willst du ihn erst berühren, wenn er wieder wach ist?"

"Ich will ihn eigentlich erst berühren, wenn er sich hier wohlfühlt. Richtig wohl. So wohl, dass er gern bleiben will." Nachdenklich zog Vin die Beine an und stützte das Kinn auf. "Die Menschen, die ich kennengelernt habe, wollten alle nicht gern an jemanden gebunden sein, deswegen hat es so lang gedauert, bis sie es akzeptiert haben. Und manche mochten auch die Inseln nicht. Aber ich will ihn so gern halten, ihn berühren, ihn küssen. Ich will die Traurigkeit wegmachen, mit der er manchmal schaut. Und dann weiß ich nicht, ob ich ihn nicht doch anfassen sollte, auch wenn er so widerstrebend ist. Ob es nicht einfacher für ihn wäre, weil er dann keine Wahl mehr hat. Ich habe einen Menschen kennengelernt, der ist deswegen fast gestorben. Cedric heißt er. Kennst du Devi? Das ist sein Gefährte. Und Cedrics Freund, der auch ein Mensch ist, hat mir gesagt, dass Menschen gerne eine Wahl haben."

Lio schüttelte den Kopf. Er kaute noch eine Weile, dann stellte er fest: "Vin, du bist nicht ganz richtig. Fass ihn einfach an, wie sich das gehört. Das, was du jetzt machst, ist auch nicht gut für euch beide."

"Wenn es ein bisschen schwer für mich ist, macht das nichts." Versonnen betrachtete Vin Raja. Für seinen Schatz war es das wert. "Ich warte ab, wie er sich fühlt, wenn er aufwacht. Vielleicht ist er ja froh, doch hier zu sein. Dann kann ich es ihm sagen. Wenn er aber verärgert ist, gebe ich ihm noch einen Tag, um sich an den Gedanken zu gewöhnen. Du hast versprochen, dich zu kümmern, vergiss das nicht. Und dann fasse ich ihn an."

Lio lachte auf. "Wenn er verärgert ist? Sag lieber, solange er verärgert ist." Er grinste und kniete sich neben Rajas Kopf. Sachte streichelte er ihm eine leicht gewellte Strähne aus der Stirn. "Ich kümmere mich natürlich gern um ihn, Vin. Wenn du das wirklich willst."

Vin nickte. "Nur noch ein wenig. Er soll sich nicht alleine fühlen." Er selber fühlte sich endlich ein wenig besser, nun wo er ein Ende der Ungewissheit vor Augen hatte.

Raja wachte allmählich auf, weil ihn etwas im Gesicht berührte. Er hatte einen trockenen Mund und fühlte sich schwankend, ein wenig komisch im Bauch. Verwirrt fragte er sich, ob er den Morgen nur geträumt hatte. Hatte er die Unterhaltung mit Vin und sein merkwürdiges Heimweh bei dem Gedanken, ihn zu verlassen, auch nur geträumt? Ein Gesicht schob sich in sein Sichtfeld. Blondes Haar und strahlende Augen. "Lio?"

"Vin! Er wacht auf!" Lio half Raja dabei, sich aufzusetzen und reichte ihm einen Becher gekühlten Tee. "Hier, trink das erst einmal. Du hast länger geschlafen, als wir gedacht haben. Es ist schon Nachmittag."

Raja blinzelte und sah sich um. Nicht er schwankte, sondern seine Unterlage. Er war auf einem der breiten Fährschiffe aus dem rötlichen Holz, die von Sonnensegeln angetrieben über das Meer fuhren und so die Inseln verbanden. Er sah sich um und entdeckte Vin gleich hinter Lio, mit erwartungsvollem Blick. Unter einem Sonnensegel weiter hinten saßen zwei weitere Familien mit Gara und Mel zusammen und redeten.

"Wo bin ich, Lio? Was ist passiert?" Raja hob eine Hand an seine Stirn. Er fühlte sich ein wenig unstet. "Bin ich krank geworden? Begleitet ihr mich zum Raumhafen?"

Lio reichte ihm noch einmal den Becher und antwortete: "Du bist auf der Fähre zur Roseninsel. Nicht wir begleiten dich, du begleitest uns. Wir alle freuen uns so, dass du mitkommst!"

Raja nippte vom Tee und starrte blinzelnd auf die Taue, die das Sonnensegel straff in den Wind gezurrt hielten. Ein leichter Salzgeschmack lag in der Luft, und er atmete einmal tief ein. Sehr langsam begriff er.

"Warum bin ich auf der falschen Fähre?" Irgendwie hatte Raja den Eindruck, dass er diese Frage Vin stellen sollte und sah zu ihm hinüber.

"Weil du unmöglich einfach gehen kannst." Vin lächelte ihm hoffnungsvoll zu. "Du bist verwirrt, das verstehe ich ja. Aber dann muss ich dir eben helfen. Du brauchst noch ein wenig Zeit, um Caley kennenzulernen, ehe du dich entscheiden kannst. Und wenn du direkt zum Fährhafen gehst, hast du die nicht."

"Was?!" Raja starrte Vin an. Er hatte aufgeschrien und das lockte die anderen Caley an. Mit rotem Kopf starrte er in die Runde. Alle sahen freundlich lächelnd zurück. "Kannst du mich vielleicht bitte mal vorher fragen, wenn du mir helfen willst?! Wieso hab ich geschlafen?"

"Ich habe es versucht, aber du wolltest ja nicht hören." Vin zog unbehaglich die Schultern hoch. Nein, sein Schatz nahm es nicht gut auf. Soviel zu seinen Träumen. Er war froh, dass er Lio gebeten hatte, sich um ihn zu kümmern, auch wenn es sehr schwer sein würde, es nicht selber zu tun. Schwerer als alles andere zuvor, wie er fürchtete. "Der Tee, den du getrunken hast, hat dich einschlafen lassen."

"Seid ihr total krank?!" Raja starrte wild um sich. Die Gesichter waren noch immer verständnislos freundlich.

"Nein, wir wollen nur nicht, dass du krank wirst", erklärte Vin geduldig. Wahrscheinlich würde er doch nicht warten können, ihm zu sagen, dass er sein Gefährte war. "Es würde dir gar nicht gut tun, von hier wegzugehen. Ich würde niemals etwas tun, das nicht gut für dich ist."

Gara legte Vin eine Hand auf die Schulter. "Vin. Ihr habt euch nicht berührt. Ich sehe keine Zeichnung auf dir und ich sehe nicht, dass du Meta wirst. Wir haben dir geholfen, aber zieh uns nicht in deine Pläne mit hinein. Sieh zu, dass ihr diese Sache bald beendet." Er zog ein wenig an Vin, dann umfing er seine Hand. "Und jetzt geh bitte erst einmal zu den anderen und lass Lio und mich mit dem Kleinen reden."

Gara war nicht so erfahren wie Mel, aber er machte sich mittlerweile wirklich Sorgen um Vin und Raja. Es war ganz normal, dass ein Gefährte sich während der Zeit der Anpassung ein wenig wehrte. Aber schon bevor irgend etwas passiert war, sollte kein Mensch diese Unsicherheit spüren müssen.

Vin sträubte sich gegen den Griff. 'Ich weiß es doch! Ich spüre es! Es kann nichts anderes sein. Wieso sonst sollte ich mich so fühlen?' Doch Garas Blick ließ ihn nach einem Moment nachgeben. Der Meta machte sich Sorgen, und vielleicht konnte er Raja ja beruhigen. 'Sollte ich das nicht machen? Ich sollte ihn wirklich berühren. Dann sehen es alle, und... Ich will doch nur, dass er... aber jetzt ist er schon wie ein Mensch mit Anpassungsstörung, und dabei ist wirklich noch gar nichts offensichtlich. Gara hat Recht.' Schließlich nickte er.

"Ich sag's ihm, wenn du fertig bist, ja?", flüsterte er, dann trottete er davon, zum Bug der Fähre, wo er sich setzte, aber Raja nicht aus den Augen ließ.

Raja starrte giftig von Gara zu Vin und erschrak, als Lio ihn sachte umarmte. Der kleine Caley hatte Tränen in den Augen, und allein sein Blick machte Raja ein unbegründetes schlechtes Gewissen.

"Bist du wirklich sehr böse mit uns, Raja?" Lio presste sich enger an den Menschen.

Raja schüttelte den Kopf, dann nickte er. "Ja. Es ist nicht richtig! Ich will zu meinem Vater und zurück zum..." Ja, zu was eigentlich? Unsicher ließ er den Blick über die Wasseroberfläche schweifen. "Zum richtigen Leben", endete er schwach und zuckte zusammen, als ein riesiger Schwarm fliegender Fische mit violett schimmernden Flossen aus den leichten Wellen hervorgeschossen kam, um mit schnatterndem Rufen kurz neben dem Boot herzufliegen.

Raja starrte auf das Meer hinaus. "Was soll das mit Vin? Wieso meint er, dass ich krank werde? Was soll das?"

Gara seufzte und ließ sich auf der anderen Seite von Raja nieder. Er sah ebenfalls auf die Wellen hinaus. "Vin ist sich sicher, dass sich herausstellen wird, dass du sein Gefährte bist, Raja. Eigentlich hätte er dich gleich, wenn er dich sieht, berühren müssen, dann würde man an der Hautzeichnung sehen, dass ihr zusammengehört. Er würde durch dich zum Meta und ihr würdet zusammenbleiben wie Mel und ich... wie Tom und Nees, erinnerst du dich?"

"Klar erinnere ich mich. Aber warum zum Teufel hat er mich nicht einfach erst mal angefasst?! Wozu dieser Wirbel?"

Lio blickte zu seinen Zehen. "Ich glaube, er will, dass du hier leben willst, bevor du es musst."

"Lio hat es wohl erfasst. Du sollst Caley mögen und freiwillig bei ihm bleiben."

"Das funktioniert so nicht." Raja verschränkte die Arme und wandte sich ab. "Dann müsste ich ja mit ihm..." Er wurde rot und schloss die Augen. Er konnte den beiden unmöglich sagen, dass er keinen Sex mit einem fremden Wesen wollte, wenn er es noch nicht einmal mit einem Menschen getan hatte. "... zusammen bleiben."

Gara legte den Kopf schief und streichelte Raja die Haare aus der Stirn. "Hör zu. Wir haben dich wirklich gern bei uns, Raja. Der Weg führt zwar über einige kleinere Insel, aber er führt zum Raumhafen. Sei nicht mehr sauer auf uns und auf Vin. Er hat es gut mit dir gemeint, wenn er es auch ein wenig falsch angefangen hat."

Raja nickte leicht und senkte den Kopf. "Was soll ich schon groß machen? Ewig wütend sein ist anstrengend." Zugleich mit einem Gefühl der Angst spürte er wieder diese Einsamkeit und Sehnsucht in sich. Gara und Lio umarmten ihn und es tat ihm gut, als hätte er die Nähe gebraucht.

Unsicher ließ er sich von den beiden zum niedrigen Esstisch locken, wo Lio mit ihm auf einem der Kissen saß und ihn mit Fisch und Brot fütterte und ihm Wein zu trinken gab, während zwei reisende Meta begannen, auf Flöten zu spielen. Vin blieb recht weit entfernt, und Raja sah ihn auch nicht an. Der verlogene Kleine war schließlich schuld an der Sache.

Raja war erst an zwei Abenden in seinem Leben betrunken gewesen. Einer davon war in einem schrecklichen Kater geendet. Dieser Abend endete ebenfalls damit, dass Raja betrunken war, aber er endete nicht mit einem Kater, sondern eher mit Lio. Der kleine Caley wich Raja nicht mehr von der Seite, während das Essen in eine Unterhaltung überging; Erzählungen von Menschen und ihren Problemen auf Caley.

Raja hörte vor allen Dingen Mel gern zu, der herrlich spannend erzählen konnte. Er berichtete aus seiner langjährigen Erfahrung als wandernde Puppe, während der er so viele Menschen mit Anpassungsstörungen gesehen hatte, dass er selber sehr froh war, einen Caley zum Gefährte zu haben. Während sie erzählten, ließ Vin Raja die gesamte Zeit nicht aus den Augen, Raja ignorierte ihn so gut er konnte. Je mehr Wein er trank, desto leichter wurde es für ihn, mit den Blicken von der anderen Seite des Tisches umzugehen.

Schließlich brachte Lio ihn zu seiner Tasche und half ihm beim Ausziehen. Als Raja sich dann betrunken und seiner Selbst unsicherer als je zuvor auf die Matten und Kissen fallen ließ, war Lios Anschmiegsamkeit eine willkommene Ablenkung, denn wieder meinte Raja, die Blicke von Vin förmlich zu spüren.

Lio warf einen Blick zu Vin hinüber und sah ihn fragend an. Raja lag dicht neben ihm und roch lecker nach Wein und Salz und Sonne. Seine Haut war ein wenig überwärmt und seine Haare verweht, so dass sie ihm in die Stirn fielen. Sachte streichelte Lio Rajas Haare und küsste seinen Haaransatz, dann den Nasenrücken entlang. Er seufzte leise und flüsterte: "Ich bin gleich wieder da."

Raja schloss die Augen und streckte sich. Es hatte sich schön angefühlt, kribbelnd und zugleich warm, als Lios Körper sich an seinen gepresst hatte. Er war zu betrunken, um erregt zu sein und sicherlich auch, um sich zu schämen.

Lio krabbelte zu Vin und sah ihm forschend in die Augen. "Ich habe gemacht, was du wolltest, Vin. Soll ich auch die Nacht noch bei ihm verbringen? Das würde ich sehr gern, er riecht nach Sonne und ist warm und schön, aber ich will nicht, dass du dann dort sitzt und weiter so schaust."

Der ganze Abend hatte Vin weh getan, weil er sich so sehr gewünscht hatte, statt Lio bei Raja zu sein und ihn zu berühren. Er war Lio endlos dankbar, dass er die Wut aus seinem kleinen Schatz vertrieben und sich gekümmert hatte, aber eigentlich sollte er das tun. Und jetzt war Raja betrunken und würde am nächsten Tag noch wütender sein.

"Lass mir noch einen Moment zum Überlegen Zeit", wisperte er, doch dann begann er zu weinen.

Lio seufzte und hockte sich neben Vin hin. "So. Das ist nun dein toller Plan, nicht wahr?" Er zupfte an Vins Haaren und flüsterte: "Hör zu. Ich schlafe bei ihm und passe auf ihn auf. Morgen früh wecke ich ihn und bringe ihn zum Bootsheck, damit er sich den wunderschönen Sonnenaufgang ansehen kann. Und dort berührst du ihn dann. Ganz leicht." Er wischte Vin über die Wange. "Ja? Hör schon auf, du Heulsuse." Sachte küsste er ihn auf die Wange.

Vin nickte und musste sogar ein wenig lachen, als er vom Weinen einen Schluckauf bekam. Er umarmte Lio fest. "Ich bin so froh, mit dir, Gara und Mel zu reisen. Danke." Er küsste ihn einmal zurück, ehe er ihn losließ, aber er sah ihm nicht nach, als Lio zu Raja zurückkehrte.

Lio schmiegte sich an Raja heran, aber musste zu seinem Missfallen sehen, dass der schöne Mensch bereits fast am Schlafen war. Sie küssten sich ein wenig und schmusten, aber schon bald wurden die Atemzüge von Raja tiefer und er sackte in den Schlaf fort. Seufzend schmiegte Lio sich an ihn und war froh, dass er nur diese Nacht auf ihn achten musste. Viel lieber wollte er an Garas Zeichnung geschmiegt schlafen als an einen Menschen, der betrunken war und einem anderen gehören würde.

Gara hatte kurz nach seiner Puppe gesehen, aber Lio tat, was er Vin versprochen hatte. Er achtete auf Raja und hatte sich eng an ihn geschmiegt. Lächelnd deckte Gara die beiden zu und küsste Lio einmal auf die Schläfe, dann kehrte er zum Lager zurück, auf dem er mit Mel und den zwei anderen Familien fuhr. Das Paar neben ihnen hatte sich verbunden und schmuste mit geschlossenen Augen.

Gara lächelte und zog sich aus, um sich zu seinem Gefährten zu legen. "Hm, Lio ist tatsächlich bei dem Menschen, mein Liebling. Ich bin froh, dass er so gut mit Vin und seinem Gefährten umgeht. Ich wäre, glaube ich, schon sehr neidisch geworden. Aber Lio ist ganz zuversichtlich, dass er nicht mehr lange zu suchen hat."

"Ich glaube, dass Vin neidisch auf Lio ist. Der Kleine ist aber selber Schuld mit seinen verrückten Ideen. Ich war nahe dran, ihn einfach zu packen und zu Raja zu legen." Mel schüttelte den Kopf und zog seinen Gefährten an sich. "Aber dass unser Kleiner so geduldig ist, ist kein Wunder." Mit einem Lächeln küsste er Gara und breitete die Decke über ihn. "Er ist dein Sohn, und du bist bestimmt der geduldigste Caley von allen." Sanft streichelte er über Garas Wangen, seine Nase und die Lippen, ehe er ihn erneut küsste.

"Ich bin geduldig? Das kann nicht sein, Mel. Wenn ich dich sehe und nicht spüren kann, werde ich immer sehr unleidlich." Gemütlich schloss Gara die Augen und streckte sich Mel entgegen.

© by Jainoh & Pandorah