Absturz mit Folgen

15.

Lio trennte Gara und Mel, als er sich zu seinem Vater legte und war zufrieden wieder eingeschlafen. An seinen Vater geschmiegt spürte er seinen Neid auf Vins Glück nicht mehr und er konnte sich auch wieder vorsagen, dass Vin es natürlich schon vor ihm verdient hatte, seinen Gefährten zu finden.

Als Lio bei den ersten kräftigen Sonnenstrahlen wach wurde, sah er Vin und Raja Hand in Hand über das Bootsdeck zu ihnen kommen. Mit leuchtenden Augen gratulierte er Vin und dem Menschen zu ihrem Glück. Raja sah auch deutlich weniger unglücklich und wütend aus als in den Tagen zuvor. Er konnte sogar lächeln, während er mit ihnen beim Frühstück saß und Tee trank.

Sie liefen am Vormittag nach einer guten Fahrt dank sehr günstigem Wind auf der Roseninsel ein, und Lio war froh, als er noch einige Puppen traf, mit denen er zusammen sein konnte. Vin hatte keine Zeit mehr für ihn. Wenn sie gemeinsam aßen und als sie am nächsten Tag zusammen zur nächsten Insel aufbrachen, war nun Raja immer bei Vin. Sie berührten sich meist an der Hand, oder Vin hatte den Arm um seinen Schatz gelegt, und Lio fühlte sich schon ein wenig einsam.

Die Insel war die erste aus der Falterformation. Es waren zwei dreieckig geformte Inseln, die sich in der Mitte eben berührten, was man aus der Höhe der Gebirge sehen konnte. Sie waren beiderseits von hohen Gebirgen überzogen. Der von den meisten für die Wanderschaft genutzte Weg verlangte, dass die Puppen über einen steilen Aufstieg zu einem kleinen Dorf aufstiegen, das schon im Schnee lag und fast immer von Wolken versteckt wurde. Auf der anderen Seite brachte eine Gondel mit Sonnenkraft die Wanderer hinunter zum größten Ort Schatzkiste, der die beiden Inseln miteinander verband. Es gab jedoch auch einen wesentlich längeren Weg, der über zwei Gästehäuser einmal an der Küste entlang führte und breit genug für Reittiere war. Um Schatzkiste und die zweite Insel kam man nicht herum, denn die Fähren in den Norden fuhren nur von dort, während die Fähren weiter zu den tropischen Inselgruppen und dem Raumhafen von der ersten Insel aus zu erreichen waren.

Vin war so glücklich, dass er kaum wusste, wie er seine Freude ausdrücken sollte. Er hatte seinen Schatz gefunden, Raja ließ ihn zu und hatte keine schlimmen Anpassungsstörungen. Seine Berührung machte die Wachstumsschmerzen in den Gelenken erträglich, und Vin war froh, dass er bald groß und stark genug sein würde, um Raja zu beschützen. Noch boten Mel und Gara Sicherheit, aber ihm war es lieber, dass er in nicht allzu ferner Zukunft selber dafür sorgen konnte, dass Raja nichts zustieß. Dass sein Gefährte etwas gegen das Küssen hatte, war schade, erst recht, dass er keine Sex wollte, aber dazu war Vin im Moment ohnehin nicht in der Lage. Und wenn er erst ein Meta war und sie auf der Insel bei seinem Vater wohnten, konnten sie in Ruhe all die anderen Dinge angehen.

Vorsichtig kletterte er von der Fähre auf den Anlegesteg, der der schroffen Küste vorgebaut war. Das Dorf schien über ihnen die Felswand empor zu klimmen und sich in jede Nische zu krallen; steile Treppen verbanden die einzelnen Häuser, die zum Teil in die Wand geschlagen worden waren. Vin legte den Kopf in den Nacken und sah in den Himmel empor, wo Möwen ihre Kreise zogen. Ihr Geschrei drang bis zu ihnen hinab und mischte sich mit dem Rauschen der Brandung.

Vin drehte sich um und streckte die Hand nach Raja aus, um ihm von Bord zu helfen. "Ist das nicht herrlich? Ich war schon auf meiner ersten Reise gerne hier."

Raja sah ebenfalls hoch, allerdings eher zu den von Wolken verhangenen Bergspitzen. Er meinte, Schnee glitzern zu sehen. Das Dorf hieß Möwennest und war in die steilen Klippen hinein gebaut worden. Auf einer Seite konnte er zwei Meta sehen, die dabei waren, eines der Steinhäuser an der Wand besser zu verankern.

Raja hatte sich tatsächlich einigermaßen daran gewöhnt, dass Vin ihn immer anfasste. Zugleich war Vin noch mehr um ihn und für ihn da als zuvor. Es fühlte sich schön an, und Raja fühlte sich schon sicherer mit ihm. Vin hatte das Küssen und weiteres nicht wieder angesprochen, und damit war Raja auch zufrieden. So, wie sie nun zusammen waren, gefiel ihm die Nähe sehr gut. In der Nacht hatten sie nebeneinander gelegen, aber jeder unter seiner Decke, und nun sollten sie sich zwar das Bett bei dem Schneider, der sie aufnahm, teilen, aber es war für Caley typisch sehr breit und mit mehreren Decken ausgestattet.

Doch eines hatte Raja schon bemerkt, und es kam wieder zum Vorschein, als sie zwischen den Marktständen nach den geeigneten warmer Kleidung suchten, langen Hosen, festen Schuhen und Ponchos aus bunter Wolle. Vin humpelte leicht, und wann immer er sich unbeobachtete wähnte, entlastete er sein eines Bein. Besorgt zog Raja ihn bei dem Schneider, bei dem sie sich gerade dichtgewebte Hemden und gefütterte Hosen bestellt hatten, zur Seite. "Vin, was ist los? Tut dir das Bein weh? Das Knie?"

"Nur ein bisschen, nur ein kleines Ziehen in den Gelenken", beteuerte Vin gleich, um seinen Schatz nicht zu sorgen. "Ich wachse, das weißt du doch." Er lächelte Raja an und richtete sich zu seiner vollen, neuen Größe auf, die immerhin schon etwas mehr war als noch auf der Fahrt zur Roseninsel. "Siehst du?"

Er spürte auch bereits ab und an ein leichtes Prickeln an den Stellen, an denen sich später die Zeichnungen zeigen würden, und ganz leicht war sein Haar bereits dabei, in Unordnung zu geraten, weil es sich zu der Mähne der Meta aufzustellen begann.

"Hm." Raja hatte nicht den Eindruck, dass Vin sich sehr verändert hatte, aber wenn er genau hinsah, war er wirklich eine Spur größer. "Das ist die Frisur", entschied er und klopfte Vin auf seine wuscheligen Haare. Er streckte sich einmal. "Ich will mir einen Rucksack eintauschen. Mel meinte, dass ich für diese Ketten aus Nüssen sicherlich einen bekomme, die sind hier selten. Willst du mitkommen?"

Eigentlich musste Raja nicht fragen, denn Vin war ohnehin nicht von seiner Seite zu bekommen. Doch als sie nach dem Rucksack noch etwas für das Abendessen holten und dafür etliche der vielen Treppen erklimmen und wieder hinunter steigen mussten, sah Raja deutlich, dass Vin humpelte. Anstatt ihn noch einmal darauf anzusprechen, dachte Raja sich jedoch, dass es dem Caley vermutlich peinlich war und bot ihm stattdessen an, dass sie ja ihren Gastgebern und Gara beim Nähen oder vielleicht beim Kochen helfen konnten.

Die Häuser in Möwennest waren alle ebenso voller Stiegen. Die große Wohnküche allein war schon in drei Ebenen unterteilt, aber der schwere Tisch mit den Bänken und Stühlen darum gleich bei einem riesenhaften Ofen und Herd war auch hier. Diese Steinherde begannen Raja ans Herz zu wachsen. Die Wärme schuf einfach Gemütlichkeit, irgendein Topf mit eingekochtem Obst oder Suppe war eigentlich immer zu finden, und aus dem Ofen duftete es fast stetig nach frischem Brot und Kuchen. Denn eines konnten alle Meta sehr gut, und das war essen.

Vin jedoch schien es seit einigen Tagen besser zu können als jeder Meta. Raja hatte noch nie über den Appetit eines anderen Wesens so sehr gestaunt wie bei Vin. All diese Beobachtungen brachten Raja jedoch dazu, dass er mehr über die Wandlung wissen wollte. Die Meta um sie her wussten um Vins Zustand, sie schienen es sofort zu sehen oder aus seiner Art mit Raja zu lesen. Raja beschloss, dass der Abend, wenn Mel und Gara mit Lio tanzen gehen würden, die beste Zeit sein würde, um Fragen zu stellen.

Während sie Gemüse putzten, beugte er sich dichter zu Vin, der sich ohnehin direkt neben ihn gesetzt hatte, so dass ihre Beine und Schultern sich berührten. "Vin, nachher, wenn die anderen fort sind, möchte ich gern ein paar Dinge wissen, ja?"

Vin war froh, dass sie an diesem Abend nicht mehr laufen würden. Ihm tat alles weh, ganz besonders aber die Knie und die Hüftgelenke. Er wollte nichts mehr, als sich ins Bett legen und an Raja ankuscheln. Er nickte und schob einen Arm um Rajas Taille, um ihn enger an sich zu ziehen, während er von den knusprig frittierten Fischstücken aß, die einer ihrer Gastgeber ihm fürsorglich hingestellt hatte.

Es hinderte ihn nicht daran, beim Abendessen ordentlich zuzuschlagen, und er nahm sich auch noch einen Vorrat mit in das Gästezimmer, als sie später zu zweit nach oben gingen. Vin hatte Lio mit einer Umarmung und einem innigen Kuss verabschiedet und ihm Glück und viel Spaß gewünscht. Aber auch wenn er es ein wenig vermisste, mit seinem Freund zum Feiern zu gehen, war er zufrieden damit, dass er und Raja für einige Zeit allein sein würden.

Nach einer Dusche, die sie natürlich getrennt nahmen, kuschelte sich Vin immer noch durch Decken getrennt im Bett an Raja. Viel lieber hätte er ihn am ganzen Körper gespürt, aber leider war sein Schatz viel zu empfindlich dazu. Er seufzte leise, als die Ruhe und Nähe den Schmerz in den Gelenken nachlassen ließen. "So, mein... Raja. Jetzt haben wir Zeit und sind allein. Jetzt kannst du alles fragen, was du willst."

'Mein Raja...' Mit einem Lächeln sah Raja Vin in das fröhliche Gesicht. 'Was hast du sagen wollen? Schatz? Es klingt mit einem Mal nicht mehr so schlimm.'

"Dir tut alles weh, nicht?" Unsicher blickte Raja zu dem Durchgang, der über zwei Treppchen hinunter führte. Er war mit einem farbenfrohen Teppich verhängt, aber die Stimmen der Meta drangen dennoch durch. "Tom hat mir erzählt, dass man mit dem Caley, der gerade wandelt, ganz dicht zusammen sein muss. Wie dicht denn? Warum? Du fasst mich immer an, das weiß ich, aber warum genau? Hat es etwas mit dem Wachsen zu tun?"

"Einmal natürlich, weil ich es liebe, dich anzufassen. Ich will dich ganz dicht bei mir haben, und das wird auch nie aufhören. Du fühlst dich so herrlich an." Bezeichnend drückte Vin seinen Kleinen gleich ein wenig mehr an sich. "Aber während der Wandlung ist es auch so, dass deine Nähe die Schmerzen lindert. In meinem Körper und... in meinem Gefühl. Dann weiß ich, wofür ich so wachse und dass es nicht schlimm ist, wenn es zieht. Weil es für dich ist, damit ich auf dich acht geben kann."

Genau das hatte Raja sich auch schon gedacht. Er nickte leicht, dann fragte er nach: "Und je mehr du mich berührst, desto besser wird es?"

Vin nickte und konnte es nicht verhindern, seinen Schatz hoffnungsvoll anzusehen. Rasch schmuste er einmal sein Gesicht an Rajas Schulter, aber verhinderte im letzten Moment einen Kuss auf den Hals und legte den Kopf stattdessen auf seinen eigenen Arm. "Am allerbesten wäre es, wenn wir beide nackt wären und ganz eng zusammen liegen würden. Aber jedes bisschen mehr macht es schon leichter."

Raja blinzelte, dann hob er seine Decke an und sagte drohend dazu: "Okay. Du bist meine Verantwortung, denn ich bin schuld, dass du dich jetzt verwandelst, aber nackt ist nicht und mehr als liegen kannst du auch vergessen, klar?"

Vin kicherte leise, aber nutzte die Erlaubnis sofort, um seinem Schatz näher zu kommen. Sich eng an Raja anschmiegend und die Arme besitzergreifend um ihn schlingend erklärte er: "Du musst keine Sorge haben. Solange ich wandle, ist das mit dem Sex ohnehin fast nicht möglich. Auch wenn ich immer noch nicht weiß, was du dagegen hast", fügte er grummelnd hinzu. Aber er konnte es nicht verhindern, Raja einmal über den Nacken zu streicheln. "Ich liebe dich, mein wunderschöner Mensch. Was willst du noch wissen?"

Raja spürte unwillkommene Hitze in sich aufsteigen. Vins leichthin gesagten Worte brachten ihn sofort dazu, Bilder von einem ausgewachsenen und wunderschönen Meta vor sich zu haben. Hastig drehte er sich auf den Bauch und stützte das Kinn auf seine Hand. "Du brauchst mich doch nur, solange du wandelst, oder? Hinterher tut es dir doch nicht mehr weh, wenn ich nicht mehr so eng bei dir bin, nicht? Wieso muss ich bleiben? Ich hab von Tom und Gara und Mel gehört, dass die Menschen bleiben wollen. Ich will nicht, wieso muss ich bleiben?"

"Wir gehören zusammen", sagte Vin resolut. "Du bist mein Gefährte, und ich bin der deine. Wir werden zusammen eine süße kleine Larve haben, die dich auch braucht. Und ich werde dich auch immer brauchen. Ich liebe dich. Außerdem können wir uns nicht einfach trennen. Jetzt tut es mir weh, aber später wirst du es nicht aushalten können." Er streichelte Raja ein klitzekleines Bisschen über die Schulter; wenigstens etwas, wenn er ihn schon nicht küssen durfte. "Du wirst es merken, wenn du es versuchst. Es ist dunkel, und du wirst depressiv und dich einsam fühlen, so sehr, dass du den Willen zum Leben verlierst. Das werde ich nicht zulassen."

Interessiert verzog Raja eine Augenbraue. "Ich wünschte, ich hätte ein Buch, das ich über diese Sache lesen könnte", murmelte er leise. Dann wagte er es zu fragen: "Was ist mit Sex, wie soll das gehen? Wir sind beide... na gut, ich bin und du siehst so aus wie ein Mann. Sollen wir etwa miteinander schlafen? Wozu? Die Larve kriegt ihr so, das hat Tom mir schon erzählt. Es geht über die Zeichnung oder so." Raja hob den Kopf. Die Zeichnung, dazu hatte er auch noch eine Frage, aber die verschob er auf später.

"Wozu?" Vin riss die Augen auf, ehrlich überrascht. Raja tat zwar immer so abweisend, aber dass er wirklich noch gar keine Erfahrung haben sollte, so überhaupt keine, hatte er dann doch nicht gedacht. "Weil es einfach herrlich ist, besonders mit dem Gefährten! Ich habe gehört, dass Menschen das mit ihrem Caley umwerfend finden, aber es macht auch so schon Spaß. Außerdem..." Er überlegte kurz, ob er es sagen sollte, aber entschloss sich, es dann doch gleich zu tun. Vielleicht würde es Raja ein wenig ermuntern, und wenn sie erst einmal damit angefangen hatten, wollte er bestimmt nicht mehr aufhören. "Außerdem kannst du nur sehr kurz weg von mir, wenn wir es nicht tun. Wenn wir uns innig berühren, können wir unsere Energien miteinander vereinen, so dass du mich nicht jede Stunde berühren musst. Nicht, dass mich das stören würde. Aber du wirst es wohl nicht gern haben." Er lächelte. "Und wie es geht? Na ja, das innige Berühren ist genau das. Entweder bin ich in dir oder du in mir. Aber nur, wenn ich in dir bin, bekommst du genügend Kraft für eine etwas längere Trennung."

"Ja..." Raja schloss die Augen und ließ den Kopf sinken. Innig berühren war eine Umschreibung für Sex haben, und sehr offensichtlich wollte Vin mit ihm schlafen. Verwirrt und beschämt wandte Raja sich von Vin ab und murmelte leise: "Ich hab keine Fragen mehr, danke, Vin."

Ein Arm schlang sich um ihn, und der Körper des Caley schmiegte sich eng an seinen Rücken heran. Es war merkwürdig, wie geborgen Raja sich in diese Position fühlte und wie wohl. Er schloss die Augen und schlief langsam und in seine Gedanken und Sorgen vertieft ein, ohne sich davor zu fürchten, was werden sollte. Es war, als könnte Vin alles richtig machen für ihn.


Vin liebte das Gefühl, mit Raja im Arm aufzuwachen, ohne dass Decken sie trennten, und er löste sich auch erst von ihm, als Raja erwachte und aufstehen wollte. Doch es erfüllte ihn mit tiefem Glück, dass sein Schatz noch einen Moment liegen blieb und nicht sofort aufsprang. Menschen brauchten eben ein wenig länger, um zu begreifen, was gut für sie war. Und sein Kleiner machte dabei schon Fortschritte.

Doch das Glücksgefühl ließ nach, als er aufstand und feststellte, dass die Schmerzen in den Gelenken zugenommen hatten. Er humpelte nach Raja und den Meta ins Bad und anschließend in das Esszimmer hinunter, wo Lio mit einer anderen Puppe am Schmusen war. Vin hoffte sehr, dass sein Freund bald seinen Gefährten finden würde und die gleiche Freude erleben konnte wie er. Als er sich zu Raja setzte und sich gleich wieder anschmiegte, um das Unwohlsein zu lindern, bemerkte er Mels kritischen Blick, mit dem der Meta ihm eine große Schale Getreidebrei mit Früchten zuschob. Er sah ihn fragend an, bekam aber keine Antwort.

Mel lehnte sich zu Gara hin. "Ich glaube nicht, dass Vin den Aufstieg schaffen kann", sagte er leise. "Die Treppen bereiten ihm schon Schwierigkeiten."

Raja hob den Kopf. "Was heißt das?! Müssen wir hier zurückbleiben, bis er weiterwandern kann?"

"Es wäre eine Möglichkeit. Wäre das so schlimm, Raja?" Vin streichelte ihm über die Hand. "Es ist ja nicht lang, nur vier Wochen. Aber wir können auch um die Gebirge herum wandern. Nur das erste Stück vom Dorf weg ist schwieriger, dann gibt es breitere Wege, die auch mit Reittieren gut begehbar sind."

Mel verzog unbehaglich den Mund. "Ich werde euch ungern allein ziehen lassen. Aber das ist Lios Reise, und er muss definitiv in das Dorf zwischen den Gipfeln."

Für einen Moment überlegte er sogar, ob er Gara mit Lio gehen lassen konnte und die beiden Kleinen begleiten sollte, doch er schob den Gedanken sofort wieder von sich. Auf keinen Fall würde er Gara allein lassen. Wenn ihm etwas zustieß in den schroffen Bergen, und er wäre nicht da? Nein.

Sie beredeten und planten eine ganze Weile, bis ihr Gastgeber anbot, dass Vin und Raja sicherlich mit zwei Reittieren versorgt werden konnten, um den Weg um die Bergkappe auf diese Art hinter sich zu bringen. Raja stöhnte im Geiste auf. 'Wieder reiten. Mein armer Po!' Dann erfuhr er, dass auf dem Weg Gästehäuser von mehreren Metapaaren geführt wurden und sie sich unter Umständen sogar unterwegs einem Händler anschließen konnten, der sie auf seinem Wagen mitnahm.

Den Nachmittag über packten Gara und Mel zusammen mit Lio die neuen Sachen ein, während Raja Vins Hand hielt und ihm beim Essen zu sah. Hin und wieder trennten sie sich, weil Raja mithelfen wollte, weil er etwas anprobieren musste oder weil er einfach einmal loslassen können wollte. Doch stets traten dem armen Caley nach kurzer Zeit schon die Tränen in die Augen, so dass Raja ihn schnell sogar umarmte.

Sobald Raja ihn nicht mehr berührte, fühlte sich Vin nutzlos und im Weg. Ihm wurde bewusst, wie sehr ihn alles schmerzte und dass sein Schatz nicht begeistert davon war, an ihn gebunden zu sein. Erst, wenn sie sich wieder nahe waren, vergingen diese schrecklichen Gefühle, und er wusste, dass alles gut werden würde, dass der Zustand vorübergehend war und dass er danach Raja um so besser würde beschützen können.

Als die Sonne sich dem Horizont zuneigte, entführte er seinen Schatz aus dem Ort, auch wenn der Pfad, den er wählte, steil war und ihm beim Aufstieg vor Schmerz die Tränen in die Augen stiegen. Hastig wischte er sich deswegen über die Augen, als sie nach kurzer Zeit ihr Ziel erreicht hatten, ein flache Felsklippe, von der man einen schönen Ausblick über einen Teil des Strandes hatte, der abseits des Wanderweges lag. Dichtes Gras bedeckte ihn, im Windschutz einiger Felsbrocken hatten sich Büsche gesammelt, die später im Jahr süße Beeren tragen würden. Aber das wichtigste war das Meer, das man von hier sehen konnte.

"Wenn die Sonne versinkt, werden bestimmt wieder die fliegenden Fische kommen. Sie sind beinahe halb so groß wie die Fähren, und wenn sie in Schwärmen aus dem Wasser springen, ist das ein beeindruckender Anblick", erklärte Vin und zog Raja gleich wieder an sich, um ihn von hinten zu umarmen. Er konnte ihm über die Schulter sehen, aber noch nicht bequem das Kinn auflegen. Bald würde es besser werden, dann würde Rajas Kopf unter seinem Kinn sein und er konnte ihn sicher halten. "Ich dachte, es würde dir gefallen."

Irritiert bemerkte Raja, dass Vin schon wieder gewachsen war. Doch der Anblick des Meeres und der untergehenden Sonne war so atemberaubend, dass er erst einmal dazu schwieg. Der Wind frischte auf, aber Vin wärmte Rajas nackten Arme. Nur ein leichtes Jucken an den Rippen nervte ihn, aber er vergaß es gleich wieder, als die fliegenden Fische sich tatsächlich aus dem Wasser erhoben, um über der Oberfläche hinzugleiten.

Die Caley teilten die Meere friedlich mit ihnen. Sie fischten nur kleinere Fische, aber nicht selten wurde ein von einem anderen Räuber erlegter fliegender Fisch einmal angespült, aus ihren Gräten und harten Flügelspangen konnte man sehr viele nützliche Gegenstände herstellen. Raja hatte von Gara erfahren, dass seine Nähnadeln alle aus diesen Gräten geschnitzt worden waren.

Die Sonnen machte den Monden Raum, die Welt wurde fast schon grell beleuchtet, und im Dorf unten begann Musik zu spielen. Erst nun merkte Raja, dass ihre Wangen sich berührten und es ihn nicht im geringsten störte. Im Gegenteil hatte er seinen Kopf geneigt, um Vin näher zu kommen. Er schloss die Augen und horchte in sich. Er fühlte sich warm und geliebt und wohl. "Danke, Vin. Es ist sehr schön hier. Und du hast diesen Aufstieg auf dich genommen, um es mir zu zeigen."

Vin spürte so viel Zärtlichkeit für diesen Mann in sich, dass es fast zu viel war. "Ich bin froh, wenn es dir gefällt", sagte er leise und streichelte leicht über Rajas Arme. Sein Schatz roch herrlich und fühlte sich wunderbar an. "Ich will... dich glücklich machen."


© by Jainoh & Pandorah