Absturz mit Folgen

19.

Raja hatte ihre Gastgeber gebeten, sie am Morgen zu wecken, damit sie sehen konnten, ob Vin und auch er in der Lage waren, weiter zu wandern. Es stellte sich als unnötig heraus, denn zum einen krähte ein Hahn direkt vor ihrem Schlafzimmerfenster und zum anderen hatte Vin Hunger und sein Magen knurrte so laut, dass Raja lachen musste.

Vin lachte ebenfalls, einfach, weil Rajas Fröhlichkeit ansteckend war. Das brachte wiederum seinen Schatz zu noch mehr Gelächter, so dass sie eine ganze Weile nichts anderes taten, als zu lachen. Atemlos hielten sie schließlich inne, und Vin drückte noch immer grinsend seinen Gefährten einmal kräftig an sich.

"Das ist eine herrliche Art, den Morgen zu beginnen", entschied er und streckte sich, was seine Gelenke zum Knacken brachte. "Aber jetzt habe ich Hunger."

"Ach. Das ist mir noch gar nicht aufgefallen." Raja flüchtete unter die Dusche, wohin Vin ihm natürlich folgte. Beim Rasieren lenkte Vin Raja so sehr ab, dass er sich am Hals schnitt, worauf es eine lautstarke Abfuhr an den Caley gab und einen Rauswurf. Raja kam trotz all der Zeit, die sie sich gelassen hatten, ihrem Gastgeber schon entgegen, als dieser sie wecken wollte.

Während Vin sich noch anzog, half er, das Frühstück zu richten, aber wurde sehr rasch auf eine der Bänke gedrückt. Seine Hände waren noch immer durch breite Abschürfungen verunstaltet, so dass er kaum etwas anfassen konnte, und von der wilden Flussfahrt hatte Raja etliche blaue Flecken, die nun durchschlugen, Striemen über den Rippen und der Wirbelsäule und natürlich die Erkältung. Er sah ein wenig verprügelt und ausgesetzt aus. Aber er fühlte sich nicht schlapp, und er war entschlossen, dass sie zu den anderen aufholen sollten.

"Sie machen sich Sorgen, Vin. Ich will es so, und wenn wir reiten, geht es doch, oder?" Er goss seinem Gefährten noch einen Becher voll, während er an seiner Honigmilch nippte.

Vin runzelte die Stirn. Er wollte auch gern so schnell wie möglich zu seiner Heimatinsel, und natürlich wollte er nicht, dass Lio, Mel und Gara sich Sorgen machten. Aber andererseits ging es Raja nicht gut. Einen Moment lang grübelte er über diesen Zwiespalt nach und entschied schließlich: "Wir versuchen es. Aber wenn es dir schlecht geht, machen wir in Schatzkiste so lange Halt, bis du ganz gesund bist. Und zwar ohne, dass du meckerst, okay?"

"Ich meckere nie!", behauptete Raja mit drohendem Blick, weil er sich vor den anderen sicherlich keine Diskussion mit Vin liefern wollte.

Vin grinste fröhlich. "Also abgemacht, mein Schatz. Dann können wir nach dem Frühstück packen und dann aufbrechen."

Es klang leichter gedacht als getan das Packen und Aufbrechen, denn sie mussten erst noch einige von Vins Kleidern aussortieren. Er war herausgewachsen. Nach Caleyart wurde verschenkt oder getauscht, was man selber nicht mehr brauchen konnte. Die Gastgeber wollten Kleider und zu enge Stiefel übernehmen und dem nächsten Händler mitgeben, die Puppen in Möwennest oder Schatzkiste würden sicherlich so schöne Sachen nicht ausschlagen.

Als sie endlich aufbrachen, war es schon fast Mittag, und Raja war froh, dass der Berg ihnen nicht selten Schatten warf. Wieder ritten sie zu zweit auf einem der Pferdchen, Vin hatte ihn besitzergreifend mit einem Arm umfangen, mit einer Hand hielt er die Zügel, weil Raja das mit seinen verletzten Händen noch nicht konnte.

Raja seufzte. Jetzt fiel ihm wirklich auf, wie viel größer Vin schon war. Und er war sehr offensichtlich auch auf dem besten Weg, noch deutlich kräftiger zu werden. Die breiten Schultern füllten sich bereits aus und stakten nicht mehr so knochig durch das Hemd. Da Raja nicht aufpassen musste, döste er vor sich hin und lehnte sich nach einer Weile an Vin an, dessen Arme ihn sicher hielten. Halb schloss er die Augen und murmelte: "Vin, du weckst mich, wenn etwas ist, ja?"

"Sicher, Schatz." Vin grub seine Nase direkt neben dem Ohr in Rajas Haar und genoss seinen Duft und die Nähe, während er das kleine Pferd nur soweit lenkte, dass es nicht zum Grasen stehenblieb. Es kannte den Weg.

Gerne hätte er sich ein wenig ausgetobt, und er nahm sich fest vor, in Schatzkiste zumindest schwimmen zu gehen. Seine neuen Muskeln wollten ausprobiert werden. Aber so gemütlich, wie Raja in seinen Armen lag, wollte er sich nicht einmal zu sehr bewegen, um ihn nicht zu stören.

Die gleichmäßige Bewegung lullte auch ihn ein, und so träumte er davon, dass sie die Heimatinsel erreicht hatten und ihre Larve bereits geboren war. Sie würden so glücklich sein, Raja würde ihn nicht mehr von sich weisen, wenn er vermutlich auch immer noch zickig wäre, aber das war nun mal sein Schatz. Und er war der beste Gefährte von allen. Dagegen konnte man nichts sagen. 'Ich liebe dich, mein Kleiner.'

Als sie um eine der vielen Kurven bogen, die der Weg um den Berg machte, kamen ihnen zwei Menschenmänner entgegen. Es überraschte Vin, dass sie ohne Begleitung eines Meta waren, denn so etwas sah man selten. Aber seinen Schatz würde es freuen, sich mit Männern seiner eigenen Art zu unterhalten. Er drückte Raja ein wenig fester an sich und nippte an seinem Ohr. "He, Kleiner. Da kommen zwei Menschen. Die willst du bestimmt nicht verpassen, oder? Aufwachen."

Raja hatte nicht wirklich geschlafen, aber mit halbgeschlossenen Augen gedöst. Er gähnte und blinzelte, aber der Anblick der beiden Männer weckte ihn dann gleich ganz auf. "Kaan?!"

Es war sein Vater, der dort mit einem blonden Mann über den Weg auf sie zu kam. Er hatte das lange Haar wieder zu einem Zopf gefasst und trug die Kleider der Meta. Raja setzte sich auf und winkte den beiden zu.

"Raja!" Kaan spürte, wie sein Herz vor Freude einen Sprung machte. Er wollte loslaufen und ihn umarmen, aber das war kaum angemessen für einen Mann, den man im Grunde genommen kaum zwei Tage lang kannte. Stattdessen strahlte er nur und beschleunigte seinen Schritt.

Der Caley, der seinen Sohn hielt, war sehr offensichtlich mitten in der Wandlung, zerrupft und schlacksig, doch nach nur einem Moment war Kaans Aufmerksamkeit wieder bei Raja. "Ich bin so froh, dass ich dich gefunden habe!"

Er griff nach Rajas Hand, um sie zu drücken und erschrak, als er die Striemen sah. Erst da fielen ihm auch ein blauer Fleck an der Wange auf und ein weiterer am Oberarm. Doch trotz seines lädierten Äußeren leuchteten Rajas Augen mit einer Lebendigkeit, die er auf der Fähre nicht gehabt hatte.

Raja sah seinen Vater zusammenzucken und grinste verlegen. "Ich sehe fürchterlich aus, nicht?" Er machte ein ernstes Gesicht und deutete mit dem Daumen hinter sich. "Dieses Monster schlägt mich jeden Tag", sagte er mit fester Stimme, auch wenn er fast wieder gelacht hätte. Kaan zu treffen, machte ihn seltsam froh. "Vin, hilf mir mal absitzen, bitte."

Vin grummelte ob dieses unpassenden Scherzes, aber sprang vom Pferd, um Raja behutsam herunterzuheben. "Ich warne dich; wenn du noch mal so etwas behauptest, muss ich wieder von deinen Nörgeleien anfangen, Kleiner." Dann wandte er sich zu den beiden Menschen um und begrüßte sie mit einer kurzen Umarmung. Der zweite Mensch musste Kaans Gefährte sein, hatte Vin beschlossen. "Ich bin froh, dass ihr uns gefunden habt. Jetzt muss mein Schatz nicht mehr zum Raumhafen reisen, um euch zu sehen."

Kaans Lächeln wurde noch ein wenig glücklicher, als er seinen Sohn ansah. Er hatte zu ihm kommen wollen. Wirklich und wahrhaftig.

Unsicher betrachtete Raja seinen Vater, dann ging er einige Schritte von den beiden anderen weg und blickte auf den Fluss hinunter. Er wartete, bis Kaan zu ihm trat. "Ich bin froh, dass du gut aus dem Crash rausgekommen bist", sagte er dann leise.

Kaan musterte ihn aufmerksam von der Seite. "Meine Rettungskapsel ist ordnungsgemäß gestartet und nahe dem Fährhafen gewassert. Ich hatte Angst um dich. Besonders, als es hieß, dass du allein bist und dann noch in der Mitte von Nirgendwo notgelandet." Er hatte nicht damit gerechnet, aber plötzlich spürte er einen unangenehmen Druck in der Kehle und auf den Augen, und er atmete tief durch, um gegen die Tränen anzukämpfen. "Ich bin so froh, dass es dir... dass du hier bist. Wie geht es dir? Was ist passiert, dass du so zerschunden bist? Vom Absturz kann das nicht sein. Wir haben Mel, Gara und Lio in Schatzkiste getroffen."

"Ah. Ihr wisst schon, wie alles gelaufen ist, nicht?" Raja streifte Kaan mit einem Blick. Caley hatte ihm gut getan, er sah blendend aus. "Ich bin in den Fluss gestürzt, der Fluss ist nicht gut mit mir umgegangen." Er machte eine hilflose Geste in Richtung Vin, der bei den Pferden wartete. "Er behandelt mich natürlich gut, das war ein Scherz." Raja spürte, dass er rot wurde, er verschränkte die Arme und senkte den Kopf.

"Ich weiß." Unsicher folgte Kaans Blick dem seines Sohnes. Vin sah aus schmalen Augen zu ihnen hin, als wollte er seinen Schatz bewachen. "Aber... wie geht es dir damit? Bist du... glücklich? Du siehst nicht unglücklich aus, lebendiger irgendwie, aber..."

Raja wandte sich gequält ab. "Lass uns im Ort darüber reden, nicht hier. Wer ist denn der Typ bei dir?"

"Entschuldige." Verlegen rieb sich Kaan unter seinem Zopf im Nacken. Für einen Moment dachte er darüber nach, ob es für Raja besser gewesen wäre, wenn sie nie voneinander erfahren hätten. 'Dann wäre er nicht hier und an einen Caley gebunden. Aber daran ändern kann man nun ohnehin nichts mehr...' "Dhanu. Mein Freund. Er war Stewart auf dem Fährschiff. So haben wir uns kennengelernt. Dann hat er beschlossen, mir bei der Suche nach dir zu helfen."

"Habt ihr beiden denn keine Angst, dass es euch auch erwischen könnte?" Raja hob den Kopf. "Ich habe schon erfahren, dass in der Nähe vom Raumhafen irgendwo ein Arzt lebt, der einen darauf testen kann, habt ihr euch testen lassen?"

Kaan zuckte mit den Schultern. "Dhanu hat es irgendwann mal getan. Er ist nicht mit den Caley kompatibel. Ich hingegen – keine Ahnung. Es war keine Zeit für eine Untersuchung. Aber es hätte auch nichts geändert. Ich konnte ja nicht... Ich konnte dich doch nicht allein lassen." Er warf Dhanu einen Blick zu und musste lächeln, als er merkte, dass sein Freund zu ihm hinsah. "Ich hoffe, ich habe keinen Caley-Gefährten hier irgendwo."

Raja senkte den Kopf. 'Bei mir ist es ja zu spät mit dem Hoffen.' "Danke, dass du das Risiko auf dich genommen hast. Lass uns zum Ort reiten, oder wandern. Ich bin immer noch nicht ganz oben auf, die Schwimmrunde im Fluss war nicht so toll." Er ging zu den beiden anderen zurück, die sich über die Pferdchen unterhielten und stellte sich noch einmal richtig bei dem aus der Nähe blondierten Mann vor.

"Vin, ich will ein Stück wandern, vielleicht werde ich munterer", sagte Raja seinem Gefährten über die Schulter und ging dann zügig los. Es war ihm mit einem Mal wieder peinlich, wie nahe er Vin schon war und wie schnell der Caley seine Abwehr untergraben hatte. Zudem war es ihm peinlich, wenn sein Vater ausgerechnet ihn so vertraut mit einem doch offenbar männlichen Wesen sah, nachdem er ihm zuletzt genau deswegen fortgelaufen war.

Kaan küsste Dhanu im Vorbeigehen auf die Wange und lächelte ihm zu, aber schloss dann an dem grummelnden und offensichtlich nicht so glücklichen Caley vorbei zu Raja auf. Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander her.

"Ist es dir unangenehm, dass ich hier bin?", fragte Kaan schließlich. "Immerhin ist die Situation nicht ganz einfach."

Raja lächelte leicht. "Sie wird durch dich nicht schwerer. Ich bin eigentlich ganz froh, wenn ich ein wenig menschliche Unterstützung bekomme. Hast du Tom und seine Familie getroffen? Er hat mich in Firm behandelt"

"Tom und Dhanu sind befreundet." Kaan fühlte sich gleich wohler, weil sich Raja über seine Anwesenheit freute. Er verschob das Gewicht des kleinen Rucksacks und begann von ihrer Reise zu erzählen, während sie zum Dorf zurückwanderten.

Schatzkiste sah von ihrem Wanderweg auch wirklich aus wie eine. Die schmale Verbindung zwischen den beiden Inseln der Falterformation diente als Verbindungsbrücke zwischen den beiden Teilen der kleinen Stadt. Die Häuser waren hier in mehreren Etagen in den Berg hineingebaut worden, die Wände waren mit der weit verbreiteten roten Farbe gestrichen. Doch die Dächer, Türrahmen und Fensterläden schimmerten durch dicke Goldschichten, überall waren aus Alltäglichkeiten liebevoll Schmuckstücke gemacht worden. Ein Schild, das Wanderer zum Markt wies, war von wunderschönen, zum Teil geschliffenen Rubinen eingerahmt.

Vor der Stadt gaben sie die Reittiere an einem Hof ab, dann schlossen sie sich einigen Wanderern an, die soeben aus dem Bergdorf kamen. Staunend folgte Raja Kaan und Dhanu durch die schmalen Gassen zum Haus, in dem Gara, Mel und Lio auf sie warteten. Er und Vin wurden von der Familie mit sorgenvollen Fragen begrüßt, auch und vor allem weil Vin so stark gewachsen war. Über einem großen Teller Eintopf mit viel Gemüse und Fisch mussten Vin und Raja erzählen, wie es zu diesem Unfall gekommen war.

Gara und Mel schlugen Vin daraufhin vor, dass er mit ihnen schwimmen gehen sollte und danach noch ein gutes Stück über die Bergwege laufen. Sie schienen besorgt, dass er sich nicht genug bewegte und auch Lio neckte Vin, dass er aufpassen sollte, um nicht reizbar zu werden.

Allein der Gedanke, Raja so lange allein zu lassen, machte Vin dann auch entsprechend reizbar, andererseits wusste er, dass Mel und Gara recht hatten, und er sehnte sich nach Bewegung. Aus Rücksicht auf seinen Schatz zog er ihn nach dem Erzählen und Essen in eine ruhige Ecke, wo sie nicht beobachtet werden konnten, und umarmte ihn und küsste ihn, um das Vermissen so gering wie möglich zu halten.

"Dann hast du nun ein wenig Ruhe von mir, Kleiner. Genieß es." Er lächelte ihn an und küsste ihn gleich noch einmal. Doch gleich wurde sein Blick besorgt. "Versprichst du mir, keine Dummheiten zu machen, wie mit deinem Vater wegzulaufen."

Raja wuschelte Vin durch die Mähne. "Du machst dir zu viele Sorgen. Ich bin viel zu kaputt dazu. Ich werde mich drüben auf der Terrasse auf eine Liege legen und gut zudecken."

Und das machte Raja dann auch. Während die anderen mit ihren Gastgebern zum Markt gingen, um ihren Bedarf an Gemüse und Getreide zu tauschen, nahm er sich eine der Flickendecken, die ihm einer der Meta gegeben hatte und ließ sich seufzend in dem übergroßen Korbmöbel nieder. Es war schön warm auf der Terrasse, aber nicht zu heiß, weil der Abend mit leichtem Wind einherging. Ein Eckchen vom Meer war zu sehen, und Raja rückte sich die Liege so, dass er hinausschauen konnte. Lächelnd wartete er auf die fliegenden Fische und die Monde.

Kaan war eigentlich davon ausgegangen, dass Raja und Vin länger zusammen brauchen würden. Aber als er Vin allein in Richtung Strand laufen sah, ließ er sich kurzerhand von Dhanu bei ihren Gastgebern entschuldigen, um zu Raja zu gehen. Sein Junge hatte gesagt, dass sie mit Gesprächen warten sollten, bis sie im Dorf waren, und wann er das nächste Mal ohne seinen struppigen Anhang war, konnte man nicht wissen. Kaan schmunzelte. Er hatte in der Zeit auf Caley erst wenige Meta in Wandlung gesehen, aber ihm waren dabei immer Vögel in der Mauser in den Kopf gekommen. Große, staksige Vögel, die sehr zerrupft waren.

Als er schließlich auf der Terrasse den hellbraunen Schopf seines Sohnes aus einer Decke herausragen sah, die schmale Gestalt versunken in einem übergroßen Liegestuhl, wurde das Schmunzeln zu einem Lächeln. Er betrachtete das Profil mit der runden Stirn und dem kleinen Kinn, den weichen geschwungenen Mund und die langen Wimpern und befand, dass er einen hübschen Sohn hatte. "Hey Raja. Was dagegen, wenn ich mich zu dir setze? Ich dachte, die Gelegenheit ist günstig, wo dein Caley dich mal nicht bewacht."

Raja schreckte aus seinen Gedanken auf und sah Kaan kurz an. "Sie haben einen ausgeprägten Beschützerinstinkt, nicht? Vin war außer sich, als ich in den Fluss gefallen bin." Er hob seine Hand und blickte auf die noch immer schmerzenden Striemen. "Ich hab aber auch Glück gehabt. Wäre diese Auffangvorrichtung an der Holzmühle nicht gewesen, wäre ich in dem eisigen Wasser vermutlich erfroren."

Kaan schauderte; er wandte sich ab, um es zu verbergen und zog einen Stuhl heran. Umständlich nahm er Platz und sah zum Meer hin, über dem sich langsam die Sonne zu senken begann. Es war ein friedlicher Ort, auch wenn ihm durch den Kopf ging, dass Dhanu behauptet hatte, die Caley würden sich auch ohne die Daryller gut verteidigen können.
"Ich bin froh, dass ich dich nicht verloren habe. Weder bei dem Absturz, noch in diesem Fluss", sagte er schließlich nach einem Moment des Schweigens leise. "Es gibt so viele Dinge, die ich dir sagen will, auch wenn ich dauernd denke, es ist nicht der passende Augenblick. Aber wann kommt er? Vielleicht ist es irgendwann zu spät. Ich hab dich gern, auch wenn ich dich kaum kenne. Ich habe schreckliche Angst um dich gehabt. Und jetzt fürchte ich mich davor, dass du hier vielleicht nicht glücklich werden kannst. Kann ich... irgendetwas für dich tun?"

Raja hob unsicher die Schultern. "Alles ist so neu für mich. Ich war vorher immer nur in der Schule und hab mich nie umsehen können, habe keine richtige Familie gehabt, war allein, und jetzt muss ich so vieles auf einmal akzeptieren. Eine neue Umgebung, viel Familie und einen besitzergreifenden Gefährten. Ich hab darüber nachgedacht. Ich wünschte, dass ich auf der Fähre nicht einfach davongelaufen wäre. Das tut mir immer noch leid." Er warf einen Seitenblick auf Kaan. "Jetzt mache ich mich wirklich im Nachhinein lächerlich. Mein Gefährte ist vielleicht kein Mann, aber er ist männlich."

Kaan schüttelte den Kopf. "Du bist schließlich zurückgekommen. Wenn uns dieser Absturz nicht unterbrochen hätte... der kam wirklich ungünstig, was?" Er grinste. "Es war ein Defekt in der Klimaanlage, ist das nicht lächerlich? Na ja..." Aus den Augenwinkeln sah er wieder zu Raja hin. "Hast du Scheu vor Vin? Ich meine, weil die Caley doch ein recht lebenslustiges Völkchen sind." Unvermittelt unterbrach er sich. Raja würde sich bedanken! Er wollte bestimmt keine gut gemeinten Ratschläge, und vermutlich war ihm das ganze Thema ohnehin furchtbar peinlich.

Raja sah sich einmal um, dann gestand er leise: "Ich hab keine Ahnung von diesen Dingen." Er wurde rot und senkte den Kopf. "Ich hab keine Erfahrung, nicht mal mit Mädchen, und Vin ist... männlich. Ich habe keine Angst vor ihm, aber es ist alles so ungewohnt, und ich weiß nicht was ich tun soll."

"Das macht gar nichts." Innerlich seufzte Kaan erleichtert auf. Keine Angst war schon mal gut. "Im Grunde genommen ist es ganz einfach, auch wenn sich das leicht sagt. Mach, was immer dir und ihm gefällt. Hey, im Grunde genommen hast du sogar bei jeder neuen Beziehung keine Ahnung. Ich kenne mich zwar nicht mit Caley aus, aber mit Männern, und ich hab die Erfahrung gemacht, dass man herausfindet, was richtig ist, indem man es einfach versucht. Caley scheinen zudem noch mal ganz anders zu sein. Ich habe jetzt nicht allzu viele menschliche Gefährten getroffen, aber Dhanu meinte, dass einen wohl ohnehin nichts darauf vorbereitet, mit einem Caley zusammen zu sein."

Raja senkte den Kopf. "Vielleicht... hätte ich einfach gern ein wenig Zeit, um meinen Partner kennenzulernen. Ich weiß, dass hier keiner so richtig verstehen will, dass ich mich nicht gern auf Anhieb toll fühle, weil die Caleybiologie mich erwählt hat. Aber ich fühle mich nicht wohl damit! Ich bin immer allein gewesen vorher, und von einem Tag auf den anderen muss ich immer zu zweit sein können. Das ist verdammt noch mal schwer!" Er wurde rot und sah sich noch mal um, dann gestand er: "Es macht mir Angst. Ich soll mein Leben mit ihm verbringen, das ganze Leben von nun an, und ich kenne ihn nicht. Ich habe in mir verankert ein Gefühl, dass wir zusammen gehören, aber das macht ihn mir nicht vertrauter." Er schloss seine Hände zu fest um den Stoff seiner Decke und lockerte sie zischend, weil die Wunden schmerzten.

© by Jainoh & Pandorah