Absturz mit Folgen

20.

Kaan nickte. "Ich verstehe. Es ist definitiv etwas anderes, wenn du dir aussuchst, dass du mit einer Person dein Leben verbringen willst." Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und sah aufs Meer hinaus, während er nach Worten suchte. "Ich habe Dhanu am Anfang gesagt, es würde mich nicht stören, auf einen mir bestimmten Caley zu treffen. Aber ich vermute, mir würde es nicht viel anders gehen als dir."

Wieder hielt er inne. Jetzt wäre es sogar richtig schlimm, weil er Dhanu verlieren würde. "Vin weiß von dir genauso wenig wie du von ihm. Du solltest mit ihm darüber reden, auch wenn es schwer fällt. Wandern werdet ihr nur noch so lange, bis ihr seine Heimatinsel erreicht habt. Dort lasst ihr euch der Tradition folgend bei seinem Vater und dessen Gefährte nieder. Aber wenn du ihm sagst, dass du ihn erst einmal kennenlernen willst, könnt ihr vielleicht fürs erste woanders allein sein. Was Caley im Blut zu liegen scheint, ist der Wunsch, ihren Gefährten glücklich zu machen. Du musst lediglich in seinen Sturschädel bekommen, dass dich das eine oder andere im Moment nicht glücklich macht. Das ist der schwierige Part, denn sie scheinen ebenso eine ganz eigene Auffassung davon zu haben, was das beste für ihren Gefährten ist."

Er drehte sich zu Raja um und lächelte. "Aber wenn ich das richtig mitbekommen habe, hast du ohnehin einen besonderen Caley abbekommen. Immerhin hat er schon einmal versucht, dir Zeit zu geben, indem er dich nicht sofort berührt hat."

"Ach, der Idiot. Er hat mich nicht berührt, aber er hat die ganze Zeit gestarrt und mich nicht einen Augenblick aus den Augen gelassen. Er dachte, dass ich dann freiwillig mit ihm gehe, statt zum Raumhafen zu fahren. Haben sie dir auch erzählt, dass er mich mit Schlafmittel betäubt hat, als ich meine Pläne nicht für den 'ach-so-Rücksichtsvollen' ändern wollte?!" Raja warf einen kleinen Seitenblick auf seinen Vater. "Ich bin nicht unglücklich mit ihm. Ich bin mir nur nicht sicher, ob das Gefühl nicht von ihm kommt, aus der Verbindung. Es fühlt sich nicht an wie mein eigenes Glück. Vermutlich ist es das, was mit der Anpassungsstörung gemeint ist, von der alle immer sprechen."

"Nun ja, schließlich und endlich ist er ein Caley. Ich habe deine Gabe an den Urnen gesehen. Du weißt, was mit ihnen geschieht, wenn sie verzweifeln." Hilflos zuckte Kaan mit den Schultern. Er konnte Raja gut verstehen, aber er konnte Vin nicht wirklich einen Vorwurf daraus machen. "Soll ich mit ihm sprechen? Soll ich ihm sagen, dass du Zeit mit ihm alleine willst? Ohne andere Meta, Puppen und Väter jeder Art?"

"Nein. Das kann ich ihm schon selber sagen. Es hat ohnehin keinen Zweck. Ich will auch zu der Insel hin, auf der sein Vater lebt. Dort soll ein Mensch sein, der für wissenschaftliche Bücher schreibt und photographiert. Ich hoffe, dass ich von ihm etwas lernen kann, wenn ich schon nicht studieren werde."

"Das tut mir leid", sagte Kaan bedrückt. "Wir hätten tauschen sollen. Ich wollte nie studieren, womit meine Eltern nicht glücklich waren." Wie sie überhaupt mit fast gar nichts glücklich gewesen waren, was Kaan angefangen hatte. "Ich kann dir aber jedes Buch schicken, das du haben willst. Du musst mir nur Listen machen."

Raja lachte humorlos auf. "Und in fünf Jahren wandern Vin und ich los, da bleiben die Bücher dann alle zurück. Danke sehr. Ich muss erst einmal sehen, wo wir überhaupt leben werden." Der Wind von der See wurde frischer, die Monde gingen auf. Raja zog die Brauen zusammen. "Ich hoffe doch, dass Vin vorsichtig ist und nicht zu weit hinaus schwimmt. Die fliegenden Fische greifen nachts alles an, was sich irgendwie bewegt. Deswegen fahren die Fähren nur bei Tag."

"Vin ist ein Caley, ich glaube kaum, dass du dir deswegen um ihn Sorgen machen musst. Er kennt die Fische. Und was die Bücher betrifft, fünf Jahre sind eine recht lange Zeit. Du würdest doch auch nicht fünf Jahre in einer Bruchbude wohnen wollen, nur weil du weißt, dass du in fünf Jahren umziehst." Kaan lächelte. "Wenn ihr die Reise über Caley beendet habt, kommt ihr zudem dorthin zurück."

"Ja. Ich werde auf jeden Fall sehen, wo und wie ich leben werde. Vin wird sehr wahrscheinlich Korbflechter werden." Und dieser Korbflechter begann Raja zu fehlen, und das machte ihn nervös. So lang waren Vin und die anderen doch noch gar nicht fort.

"Ist es noch weit? Was hat Vin von seiner Heimatinsel erzählt?"

"Ich bin mir nicht sicher, wie viele Tage wir brauchen werden. Sicherlich kürzt Vin den Weg ab, während Lio noch ein Weilchen brauchen wird, um alle Inseln gesehen zu haben. Nach der Falterformation kommen noch zwei Inselgruppen. Einmal die Sieben Perlen, die recht weit voneinander entfernt liegen und nur unregelmäßig an die Fähren angebunden sind und dann noch die Dicke Henne. Sie soll aus der Luft aussehen wie ein aufgeplustertes Huhn, das über etlichen Eiern gluckt. Die kleinen runden Inseln sind in Sichtweite zu der großen und zum Teil nicht bewohnt. Die große Insel hat sogar drei Orte, in einem leben wir dann in Zukunft. Es ist wohl ein kleineres Dorf, das einige Stunden Fußweg vom Fährhafen entfernt liegt." Raja hob den Kopf und sah Kaan an. "Meinst du, dass meine Schulfreunde mir schreiben werden, wenn meine Adresse lautet 'Bei Vin im kleinen Dorf, Dicke Henne, Caley'?"

Kaan lachte auf. "Nun, einprägsam ist sie auf jeden Fall."

Während sie sich über Caley und Inselnamen unterhielten, über Vegetation, Landschaft und die Caley selbst, fiel Kaan auf, dass sein Sohn immer unruhiger wurde. Offensichtlich begann er, seinen Gefährten bereits jetzt schon zu vermissen. Er lenkte ihn ab, so gut er es vermochte, aber es schien nur bedingt zu helfen.

 

Vin genoss die Bewegung. Zuerst schwamm er so weit hinaus, wie es ungefährlich war, so dass er kurz nach Einsetzen der Dämmerung wieder das Ufer erreichte. Dann lief er über die Bergpfade, bis er ausreichend erschöpft war und das Vermissen und Sehnen zu groß wurde. Dennoch nahm er sich die Zeit, um mit einer eiligen Dusche Salz, Schweiß und Staub weg zu waschen, ehe er sich neu einkleidete und dann zu der Terrasse eilte, auf der er Raja vermutete.

Sein Herz machte einen freudigen Satz, als er seinen Schatz so niedlich in dem großen Lehnstuhl entdeckte. Ohne auf den zweiten Mensch zu achten, ging er mit großen Schritten zu Raja, setzte sich auf die Lehne und beugte sich über ihn, um ihn zu umarmen. "Hallo, mein Kleiner. Da bin ich wieder."

Raja sah ihn mit einem kleinen Lächeln an und erwiderte die Umarmung kurz. Das Vermissen verschwand augenblicklich, als sein großer Gefährte wieder bei ihm war. "Nenn mich nicht so. Hilf mir mal auf, bitte. Du willst sicherlich etwas essen, nicht? Ich begleite dich."

Vin betrachtete Rajas schönes Gesicht, dann sah er in seine warmen, dunklen Augen. Sanft strich er ihm mit den Fingerspitzen über die Wange. Rajas Haut war weich und fasste sich wundervoll an, und er roch schon wieder so gut. In dem Moment fühlte Vin sich einfach nur glücklich. Wie sollte man es mit einem so tollen Gefährten auch nicht sein? Wieder beugte er sich dichter, bis er den Mund nahe bei Rajas Ohr hatte, um leise, damit Kaan es nicht hörte, zu sagen: "Gerade will ich lieber erst einmal einen Kuss. Bekomme ich den, mein herrlicher Schatz?"

Raja nickte leicht. Er wünschte sich eigentlich schon seit einer ganze Weile nichts anderes, als Vin wieder so nahe sein zu können. Doch dann fiel ihm Kaan ein, der gleich neben ihnen saß, und er legte eine Hand an Vins Brust.

"Drinnen, bitte", flüsterte er leise.

Kaan hatte abgewartet, ob die Begrüßung kurz bleiben würde, aber das war offensichtlich nicht der Fall. Er erhob sich gerade, als Vin den Kopf hob und ihm einen missmutigen Blick zuwarf. Kaan grinste. "Ich gehe mal schauen, ob Dhanu zurück ist. Bis nachher."

Vin folgte ihm mit den Augen, bis er verschwunden war, ehe er seine ganze Aufmerksamkeit erneut seinem Schatz zuwandte. "Jetzt ist niemand mehr hier." Zärtlich nahmen seine Finger die Bahnen über Rajas Wange wieder auf. Er beugte sich dichter, küsste Raja sanft auf die andere Wange, streifte über den Wangenknochen und dann bis zum Mundwinkel hin. Dort, ganz dicht über den Lippen, hielt er inne und flüsterte: "Bitte?"

Raja musste lächeln. "Okay", fügte er sich und streckte das Kinn ein wenig, um Vin entgegen zu kommen. Es war wunderschön, so gestreichelt zu werden, und das Gesicht, das ihn mit liebevoll leuchtenden Augen entgegen sah, wurde immer attraktiver. Raja stellte nach dem ersten Kuss fest, dass seine eine Hand sich zwar noch auf Vins Brust befand, um den Abstand zu halten, aber seine andere schon um die Schulter herum gestrichen war, damit er sich besser an ihn lehnen konnte. Sie waren allein auf der Terrasse, wie auf dem Kliff vor einigen Tagen, und Raja entspannte sich und schloss die Augen.

Vin strich über Rajas Oberarme und die Schultern, um seinen Schatz in den Arm zu nehmen. Die Position auf der Sessellehne war nicht wirklich bequem, aber er wollte sich auf keinen Fall von Raja trennen. Sein Entgegenkommen war so herrlich, dass es ein schwirrendes Gefühl in Vin hervor rief, und die Nähe ihrer Zeichnungen unterstützte diesen angenehmen Schwindel nur noch.

Schließlich trennten sie sich voneinander, ohne sich loszulassen. Vin hätte Raja gerne gesagt, wie sehr er ihn liebte, wie glücklich er mit ihm war, aber er wollte die Stimmung nicht zerstören. Und wenn Raja grüblerisch wurde, zerstörte es sie auf jeden Fall. So küsste er ihn nur noch einmal auf die Schläfe und half ihm aus dem Lehnstuhl. Dann nahm er ihn gleich wieder in den Arm, um ihn erneut zu küssen. Sie standen noch eine ganze Weile dort, ehe sie Arm in Arm in die Küche gingen, um doch noch etwas zu essen.

 

Raja fand in den nächsten Tagen kaum Gelegenheit, um sich Sorgen zu machen. Die Caley hielten ihn und auch Kaan auf Trab mit einer besonders fordernden Wanderstrecke, und in den Dörfern gab es so viele Treffen und Feiern, dass er stets fest einschlief, kaum dass er sich in das Bett gelegt hatte. Vin massierte ihm geduldig die Beine, die Füße und den Rücken, was ihn in Rajas Achtung sehr weit steigen ließ. Davon abgesehen schien Vin es zu genießen, dass er sich austoben durfte.

Lio ließ sich beim Aufstieg nicht selten tragen, so steil war der Pfad. Der zweite Teil der Falterformation wartete neben diesem anstrengenden Weg jedoch auch mit einem der schönsten Bergdörfer auf, die Raja gesehen hatte, und das zählte die Bildbände ein. Sie mussten hier auch zwei Tage warten, denn den Berg hinunter fuhr man mit einer Seilbahn, die mit Lichtenergie lief. Leider verhinderte der starke Nebel weiter unten im Tal jedoch, dass die Bahn von der Zwischenstation weiter hinauffahren konnte.

Im Bergdorf schaffte Raja es, sich zu überwinden und Vin zu gestehen, dass er Zeit mit ihm allein wollte, um ihn kennenzulernen. Typisch Caley wurde daraufhin alles möglich gemachte, damit Raja und Vin ein Zimmer für sich bekamen. Es wurde natürlich typisch Caley nicht mit Unterhaltungen am Küchentisch über ihren Wunsch nach Intimsphäre gespart, so dass Raja eine Weile lang ständig rote Ohren hatte. Aber es war schön, an Vin gekuschelt zu schlafen. Etwas daran beruhigte Raja und nahm ihm die Angst vor dem neuen Leben, die noch oft während des Tages wiederkehrte.

Im Tal kamen sie an eine kleine Fährstation, von der aus es zu der ersten Insel der Sieben Perlen ging. Sie hatten Glück und kamen gerade noch auf die Fähre, die auslaufen sollte.

Die erste der Sieben Perlen war die rosafarbene Morgenperle. Der Stein hier war tatsächlich rosa und so dann auch die Wege und Häuser aus unregelmäßig behauenem Stein. Das Wasser war herrlich, in den seichten Buchten konnte man wunderbar schwimmen. Raja war aufgeregt, denn hier lebte der Arzt, von dem alle immer sprachen. Er bewohnte ein langgestrecktes Haus, dessen Gästezimmer eine Krankenstation beherbergten. Diese waren vor allen Dingen für Menschen mit Anpassungsstörung gedacht. Der Arzt war mit einem menschlichen Mann verheiratet, aber selber nicht humanoid.

Der Name sagte Raja aus der Regenbogenpresse etwas, und als er den Arzt dann endlich sah, wusste er auch wieder woher. Der Arzt war ein Abd Jabir-Männchen, eines der scheuen, katzenhaften Wesen, die gänzlich weiß waren und sehr religiös. Es kostete Raja sehr viel Überwindung, das zierliche Wesen um einen Termin zu bitten. Er und Kaan sollten am übernächsten Tag wiederkommen, bat der Arzt sie, da er selber für einen Tag zum Raumhafen fahren würde, um seinen Mann dort abzuholen.

Raja erfuhr, dass diese beiden eines der wenigen privaten Fährschiffe besaßen. Sie hatten sehr strenge Auflagen, die sich an diesen Besitz knüpften. Es war ihnen nicht erlaubt, einfach in den Fährverkehr einzugreifen, andere mitzunehmen, wenn sie nicht krank waren, und sie durften ebenso nur bei Tag fahren, um die fliegenden Fische nicht zu stören.

Raja trennte sich am Steg von Kaan, um Vin bei ihren Gastgebern aufzusuchen. Er vermisste ihn bereits, wenn sie nur kurz getrennt waren. Vin war endlich ausgewachsen und fast fertig gewandelt. Seine Mähne war dicht und glänzend, sein Körper geschmeidig und kräftig, und, Raja gab es für sich zu, sehr schön anzusehen.

Sie trugen auf den Sieben Perlen wieder passend leichte Kleidung, wobei Raja recht knappe, aber locker geschnittene Shorts und ein ärmelloses Hemd wie die Puppen anhatte. Alle hielten ihn ohnehin für die Puppe der Beziehung. Raja fand Vin mit ihrem Gastgeber vor dem Haus, wo sie eine neue Tür einsetzten. Er trug seine Zeichnung in dunklem Kupferrot. Sie leuchtete Raja schon fast entgegen, zeigte den anderen Caley, dass sie bald eine Puppe haben würden.

"Vin?" Raja blieb dicht vor seinem Gefährten stehen und sah ihn abwartend an. "Wir müssen länger bleiben, der Arzt hat erst übermorgen Zeit."

Vin spürte den kleinen Ruck, als die Türangeln ineinander griffen. Vorsichtig ließ er die Tür runter, dann wandte er sich zu seinem Schatz um und zog ihn an sich. Noch immer ließ Raja sich nicht lange vor anderen küssen, was schade war, aber Vin nahm Rücksicht darauf und versuchte es nicht einmal. "Macht nichts. Da es so wichtig für dich ist, ihn zu sehen, können wir gern noch ein Weilchen hier bleiben. So schnell kommt unsere Puppe auch nicht. Was ist, wenn ich hier fertig bin, soll ich dir ein wenig die Insel zeigen?"

Raja nickte. "Für Kaan ist es wichtiger als für mich. Wir könnten schwimmen gehen, nicht?" Dass er eine einsamere Bucht meinte, damit sie ungestört nackt baden konnten, war Vin mittlerweile schon klar. "Ich bin gleich wieder da, ich hole nur das Fischaugengel." Raja zog Vin mit beiden Armen noch einmal fest an sich, bevor er Badetücher und das praktische Gel für die Unterwassersicht holte.

Lächelnd sah Vin ihm nach. Selten sprühte Raja mehr vor Leben, als wenn es ums Tauchen ging. Das Gel war eine der größten Entdeckungen für ihn gewesen, und die blitzenden Augen und das Lachen in seinem Gesicht, wann immer er unter Wasser etwas Neues entdeckte, ließen Vins Herz schneller schlagen und wie so vieles die Sehnsucht in ihm anwachsen. 'Ich will dich lieben, mein Schatz. Ich glaube, ich sollte es langsam wirklich mal versuchen.'

 

Dhanu war am Fährhafen damit beschäftigt, sich einen Weg zu erdenken, wie er Kaan dazu bringen konnte, Raja einmal für eine kurze Weile allein zu lassen. Kaan war noch immer nicht selten enttäuscht, wenn Raja seine zickige Ader mit einem übermäßigen Bedarf an Sicherheit und Intimsphäre zeigte, aber er ließ sich nicht davon abbringen, der Vater sein zu wollen, den Raja so lange nicht hatte haben dürfen.

Dhanu begrüßte seinen Freund mit einem Kuss und meinte: "Ich habe vorhin eine Privatfähre auslaufen sehen, das wird der Arzt gewesen sein. Habt ihr ihn vorher angetroffen?"

Für einen kurzen Moment erwiderte Kaan den Kuss. "Das war er. Er holt seinen Gatten vom Fährhafen ab, aber Raja und ich haben einen Termin in zwei Tagen." Er grinste ein wenig schief, dann wandte er sich ab und hielt das Gesicht mit geschlossenen Augen in die Sonne, lauschte auf das leise Rauschen der Wellen am Kai und die Schreie der Seevögel. "Vielleicht kann ich danach auch wieder ruhiger schlafen."

Dhanu nickte. "Es hat etwas sehr entspannendes, wenn der Arzt einem sagt, dass man nicht geeignet ist." Er ließ sich im Schatten eines Zitronenbaumes auf einer hübsch darum gezimmerten Bank nieder und zog an Kaans Hand, um ihn neben sich zu bekommen. "Hör mal, Kaan. Da ist etwas, das ich dir gern zeigen möchte. Aber das würde bedingen, dass wir mit Gara, Mel und Lio weiter zur nächsten und übernächsten Insel wandern müssten, die dein Sohn auslassen wird, um gleich zur Henne zu reisen. Meinst du, du könntest ein paar Tage auf ihn verzichten? Von der Henne zurück wäre es eine umständlichere Reise, weil gerade hier die Fähren sehr unregelmäßig fahren."

Kaan war in Gedanken immer noch bei dem kommenden Arztbesuch, als er sich zu seinem Freund setzte, dann doch lieber ein Stück wegrutschte, um sich auf die Bank legen zu können, den Kopf auf Dhanus Schoß, die Beine angezogen und ihre Hände miteinander verschränkt auf seinem Bauch. Er blinzelte zu Dhanu empor, dessen Gesicht vor dem Hintergrund aus Zitronenbaumblättern, zwischen denen der strahlend blaue Himmel hindurch blitzte, etwas Exotisches bekam. "Was willst du mir zeigen?"

"Die grüne Perleninsel. Sie ist flacher als die anderen und aus weißem Stein. Dort werden vornehmlich diese Pferdchen und Schafe gezüchtet." Dhanu strich mit den Fingern durch Kaans mittlerweile strähnchenweise aufgehelltes Haar. "Es ist sehr schön dort. Ich muss sowieso hin, weil ich Sachen brauche, die ich dort gelagert habe."

"Mmh, klingt gut. Aber meinst du denn, deine Sachen sind noch da und nicht mittlerweile Allgemeingut geworden?" Kaan grinste leicht. "Raja hat sich mit der Situation schon deutlich besser angefreundet. Vielleicht tut es ihm sogar gut, wenn er mich jetzt nicht die ganze Zeit um sich hat. Ich werde ihn fragen."

Die leichten Berührungen waren sehr angenehm; Kaan genoss sie. "Aber können wir die Entscheidung von dem Ergebnis der Untersuchung abhängig machen? Wenn der Arzt mir sagt, dass ich kompatibel bin, dann würde ich gerne so wenig wie möglich rumreisen. Und da es Raja erwischt hat..." Er schloss die Augen, ein kühler Schauer rann durch ihn hindurch. "Dhanu, wenn der Arzt mir sagt, dass ich kompatibel bin... würde das heißen, dass es irgendwo eine Puppe gibt, die stirbt, wenn sie mich nicht findet? Oder kann sie jemand anderen finden?"

Dhanu hob die Schultern. "Ob sie einen anderen finden kann, wenn es sie schon gibt, weiß ich nicht. Ich weiß aber, dass es sehr viele Leute gibt, die Caley bewandern und nie die Puppe für sich treffen, obgleich sie passend sein sollen."
Kaan drehte den Kopf und presste das Gesicht gegen Dhanus Bauch. 'Ich liebe dich. Ich will zu niemand anderem gehören.' Einen Moment verharrte er so, ehe er sich bewusst zu entspannen versuchte.

"Ich hoffe, ich bin nicht kompatibel", murmelte er dann. Diese Gedanken plagten ihn schon eine ganze Weile, aber es war ihm immer wieder gelungen, sie zu verdrängen, noch ehe sie in Angst hatten umschlagen können. Jetzt, wo er kurz vor der Bestätigung in die eine oder andere Richtung stand, war es mit einem Mal gar nicht mehr einfach. "Dhanu, ich..." Abrupt richtete er sich auf, schlang den freien Arm um Dhanu und küsste ihn heftig.

Dhanu erwiderte den Kuss und zog Kaan mit einem Arm zu sich auf den Schoß, um ihn beruhigend zu streicheln. Lio, der in der Nähe gespielt hatte, fühlte sich von ihren Gefühle mit übermannt und trennte sie mit der für ihn gewohnten Rücksichtslosigkeit, um sie beide ebenso umarmen zu können. Er war sehr kurz vor seiner Heimatinsel und hatte mehr Angst vor dem Alleinsein und der Fremde als jede andere Puppe zuvor. Dhanu grinste über Kaans Seufzen, während er Lio und ihn tröstend an sich drückte.


© by Jainoh & Pandorah