Absturz mit Folgen

21.

Vin lächelte, als Raja aufgeregt winkte und auf irgendeine Koralle deutete. Mit einem Armzug und einem kleinen Beinschlag kam er näher und warf einen kurzen Blick auf die Fransenschnecke, die sich gemächlich den Stamm empor arbeitete. Sie brachte die Korallenblüten dazu, sich zurückzuziehen, wenn sie ihnen zu nahe kam oder die farbenfrohen Fransen durch die Strömung gegen sie drifteten. Aber Vin fand den Anblick seines Schatzes wesentlich interessanter als jede Schnecke. Der schlanke Körper, der mühelos durchs Wasser glitt, weckte wieder und wieder dieses sehnsüchtige Kribbeln in Vin. Sein Haar wehte bei jeder Bewegung wie die Algen, kleine Luftblasen aus dem handtellergroßen Atemgerät verfingen sich wie Schmuck und lösten sich wieder.

Raja warf einen kleinen Blick auf sein Atemgerät und sah, dass er es neu aufladen musste. Es war ohnehin Zeit für eine Pause, sicherlich hatte Vin schon wieder Hunger, auch wenn die Essattacken nach und nach seltener wurden. Mit einem Winken in Vins Richtung bog er um einen Korallenstamm herum und tauchte gemächlich höher, bis er die flache Lagune erreichte, in der er mit leichtem Schlag seiner Flossen auf den schmalen, einsamen Strand zuschwamm. Er hätte Kaan am liebsten geküsst. Sein Vater hatte weite Teile seines Schmucks und seinen letzten Schreiber für das Atemgerät getauscht, das Raja nun die wunderbare Freiheit unter dem Wasser ermöglichte.

Raja watete auf den weichen, rosafarbenen Sand und schüttelte den Kopf, um das Wasser aus den Ohren zu bekommen. Das Fischaugengel war fast verbraucht, er rieb es vorsichtig weg. Nachdem er seinen kostbaren Besitz auf die von Gara genähte Tuchtasche gelegt hatte, zog er die ohnehin sehr spärliche Unterhose aus, um sie mit etwas Süßwasser auszuwaschen und zum Trocknen aufzuhängen. Er selber schlang das Badetuch um sich und ließ sich nieder, um sich von dem anstrengenden Schwimmen zu erholen. Natürlich hatte er es wieder übertrieben, als er einem breiten Rochen gefolgt war.

Vin schüttelte seine Mähne aus, warf die Flossen achtlos auf den Strand und legte vorsichtiger das Atemgerät darauf. Er setzte sich auf sein Badetuch, holte ihren Proviant aus seiner Tasche und reichte eine dicke Stulle an Raja weiter. Sein Blick blieb an den Zeichen auf Rajas Bauch hängen, die sich nicht mehr ganz so dunkel von der Haut abhoben, denn sein Schatz hatte durch das viele Tauchen ordentlich Farbe bekommen. Die unteren Spitzen jedoch, die auf den Schoß zuliefen, waren durch das Handtuch verborgen.

Vin trank einen ordentlich großen Schluck Saft, dann beugte er sich vor und strich mit einem Finger auf Rajas Haut am Rand des Tuches entlang.

"Warum musst du dich immer verstecken?", beschwerte er sich. "Du bist so schön! Ich will dich sehen. Ich verstecke mich ja auch nicht vor dir."

"Ich bin das so gewöhnt." Die Berührung schuf ein erregendes Kribbeln in Raja. Anstatt Vin zu verwarnen, legte er sich auf die Decke, in den Halbschatten. Das Brot reichte er angebissen an Vin zurück und trank stattdessen von dem kalten Früchtetee, den sie in einer Kürbisflasche mitgenommen hatten. Er schloss die Augen und streckte sich. Vins Finger streichelten die Ränder der Zeichnung entlang, die feinen Zacken, die bei Raja von den Rippen aus über den Bauch liefen. "Hm, das ist schön."

Vin lächelte. Nachdem er das Brot gegessen hatte, streckte er sich neben Raja aus und stützte sich auf dem Ellbogen ab, während er mit den Fingerspitzen der anderen Hand fortfuhr, die Zeichnung zu liebkosen. Bald wich er jedoch von den vorgegebenen Bahnen ab und strich über die Rippen, unter der Brust entlang und auf dem Brustbein empor, um den Schlüsselbeinen zu folgen. Sich vorbeugend nippte er von Rajas Lippen, während er mit der flachen Hand über einen Oberarm und die Schulter zu streicheln begann.

Raja dachte daran, was er dem Arzt sagen würde, wenn ihn dieser nach seiner Beziehung fragte. In der Küche des Hauses, in der sich auch das inoffizielle Wartezimmer befand, hatte er eine Bilderserie gesehen, die von einer der wenigen weiblichen Gefährten eines Caley angefertigt und dem Arzt geschenkt worden war. Es zeigte das normale Leben, aber auch erotisch zu nennende Szenen von mit ihr befreundeten Paaren.

Raja öffnete die Augen einen Spalt weit und betrachtete Vins kantiges Gesicht. "Du willst mehr, oder?"

Vin nickte und küsste ihn erneut. "Hier ist es zu sandig, um miteinander zu schlafen. Aber ich will nicht aufhören, dich zu berühren. Du bist so herrlich anzufassen."

Er strich mit den Lippen über Rajas Hals und berührte ihn mit der Zunge an der Stelle, von der er schon wusste, dass sein Schatz dort sehr empfindlich war. Es freute ihn, als er das leichte Erschaudern spürte. Hoffnungsvoll ließ er die Hand über Rajas Seite hinabwandern und dann in kleinen Kreisen über den Bauch gleiten.

Raja schloss die Augen wieder und murmelte: "Das ist mir auch lieber so."

Dann lehnte er den Kopf ein wenig zur Seite, an Vins Schulter und schmiegte seine Wange an die warme Haut seines Gefährte. Es war schön, wenn sie zusammen waren. Raja fühlte sich wohl und geliebt. Sachte küsste er Vins Schulter und hob das Kinn, um noch einen richtigen Kuss zu erhaschen.

Vin strahlte. Glück sprudelte in kleinen Wellen durch ihn hindurch. Sein Schatz wich nicht zurück, er wollte mit ihm zusammen sein! Zärtlich bedeckte er Rajas Mund mit seinem, und während er ihn in einen innigen Kuss verwickelte, löste er endlich das störende Handtuch. Er schob den Arm, auf den er sich abgestützt hatte, unter Rajas Kopf und zog den schlanken Körper mit dem anderen eng an sich, so dass sich ihre Zeichnungen ergänzen konnten.

Noch immer hatte Raja sich nicht an das Gefühl der Vollständigkeit und Wärme gewöhnte, das ihn durchrann, wann immer Vin ihre Zeichnungen zusammenbrachte. Er atmete tief ein und grub seine Zähne in die Unterlippe. Er ließ es sonst eigentlich nur dann zu, wenn er sich sicher sein konnte, dass ihm keine peinliche Erektion dazwischen kommen würde. Aber an diesem Nachmittag konnte er Vin einfach nicht mehr von sich schieben, obwohl es ihn erregte.

Vin lockte ihn, den Mund wieder zu öffnen, weil er ihn küssen wollte. Gleichzeitig begann er, über Rajas Rücken zu streicheln, von dort über die Hüfte zu den Beinen hin. Den Hintern ließ er vorerst noch aus, um seinen kleinen Schatz nicht zu erschrecken. Es war auch so schon wunderschön, ihn auf die Art spüren zu dürfen, ganz nah. Nach einer Weile drängte er ihn wieder auf den Rücken und begann, den Hals hinab zu küssen, dann die Brust mit kleinen Bissen und Zungenspielereien zu bedecken, immer darauf lauschend, ob es Raja gefiel oder ob er zu unsicher wurde.

Raja war zu erregt, um es noch verstecken zu können. Mit sanftem Druck versuchte er, Vins Hand in Richtung Schoß zu schieben, die freie Hand vergrub er in der dichten Mähne.

Vin gab dem Drängen nur zu gerne nach, da er wusste, wie empfindlich Menschen zwischen den Beinen waren und weil Raja ihm bisher immer verwehrt hatte, ihn dort zu berühren. Meistens durfte er ihn dort ja nicht einmal ansehen. Fasziniert betrachtete er die Erektion, ehe er sie mit der Hand umfing und zu streicheln begann. Noch viel faszinierender fand Vin jedoch Rajas Gesicht.

Sein Schatz war rot vor Erregung, feine Schweißtröpfchen glitzerten überall, und die Laute, die ihm entfuhren, auch wenn er sich immer wieder auf die Lippe biss, waren herrlich. Schließlich zog er Raja wieder auf sich und ruckelte ihn zurecht, damit sie sich optimal ergänzen konnten. Erst dann schob er beide Hände auf Rajas Hintern, um ihn zu massieren und zwischen den Pobacken zu streicheln. Sachte begann er, sich gegen ihn zu bewegen.

Vin berührte Raja zwar auch an Stellen, die er gern unberührt lassen wollte, aber dennoch war es einfach zu viel. Das Streicheln, der warme, große Körper, nach dem Raja sich immer so sehr sehnte, wenn Vin einmal länger als eine Stunde von ihm getrennt war und die richtigen Berührungen. Er erreichte mit verhaltenem Stöhnen den Höhepunkt und sank auf Vin zusammen. Schließlich hob er den Kopf, schämte sich schon.

"Entschuldige", flüsterte er leise. "Ich denke, wir sollten noch einmal ins Wasser gehen."

Verwirrt hob Vin die Brauen, dann küsste er Raja auf die roten Wangen. "Für was entschuldigst du dich? Ich verstehe nicht." Noch einmal küsste er ihn, dieses Mal auf den Mund, dann rappelte er sich auf, ohne seinen Schatz loszulassen und hob ihn hoch, um ihn zum Wasser zu tragen. "Aber ich will Danke sagen. Ich bin froh, dass du mir endlich genug vertraust."

"Lass mich runter." Raja zappelte, um freizukommen. "Ich vertraue dir, das weißt du doch! Aber laufen kann ich allein!"

Vin lachte und stellte ihn im Wasser ab. "Das heißt, wir können das jetzt öfter machen, ja?"

Raja watete tief genug hinein, um sich waschen zu können, dann warf er einen Blick zurück auf seinen großen, selbstbewussten Gefährten und nickte leicht. "Aber nur, wenn wir allein sind, klar?!", warnte er. Er blickte zum Sonnenstand und schlug vor: "Lass uns im Haus gleich noch einmal duschen. Ich hab versprochen, dass ich das Gemüse für den Salat aus dem Garten hole und schneide."

Vin grinste und küsste Raja auf die Schulter, ehe sie zu ihren Sachen zurückgingen. Er hatte keine Ahnung, ob sich die Schüchternheit seines Gefährten irgendwann legen würde, aber es störte ihn auch nicht, solange sie zusammen sein konnten. Er liebte seinen Schatz mit all seinen skurilen, anbetungswürdigen Eigenarten.

 

Adiva hatte die Nacht mit Daniel genossen. Sie hatten einander dank einiger geschäftlicher Angelegenheiten seines Mannes fast einen Monat lang nicht mehr gesehen, und das Vermissen musste natürlich erst einmal ausgelöscht werden.

Dennoch wartete eine Gruppe Menschen und Caley in seiner Küche bei Tee und Kuchen, den jemand mitgebracht haben musste, bereits auf ihn, als er mit seiner weißen Tunika bekleidet aus dem Schlaftrakt seines Hauses kam. Er lächelte den Wartenden entgegen und richtete ein kleines Frühstück für Daniel, damit dieser nicht nach dem Stress der letzten Zeit gleich als erstes mit all dem Besuch konfrontiert wurde.

"Ich bin gleich für euch alle da", versprach er und huschte rasch mit Teebechern und zwei Tellern mit Kuchen wieder fort.
Raja blickte den kleinen Arzt hinterher und stieß Kaan leicht an. "Abd Jabir sind faszinierend, nicht?"

Kaan nickte. "Eine interessante Kultur, ja. Aber ich habe kein gesteigertes Bedürfnis, Jabir zu besichtigen. Ihre Frauen sind weit entfernt ihres Heimatplaneten schon arrogant genug."

Er war derart nervös, dass er am Morgen nichts hatte essen können, und wünschte sich, bereits die Ergebnisse der Tests vorliegen zu haben. Es half auch nichts, sich zu sagen, dass sein Verhalten irrational war.

Der Arzt stellte sich dann bei einem Becher Tee allen als Adiva vor und nahm als erstes Raja mit sich in sein Untersuchungszimmer. Die Untersuchung beinhaltete eine Befragung zu seinem Befinden und den Hinweis darauf, dass er sich erst längere Zeit von Vin trennen konnte, ohne unter der Sehnsucht zu leiden, wenn er und Vin sich nach Art der Caley richtig verbunden hatten. Übersetzt hieß es, dass sie Sex haben sollten.

Raja starrte den Arzt an, der einen Scan seiner Zeichnung anfertigte und die Antworten zu seinen Daten hinzufügte. In aller Selbstverständlichkeit hatte er von dem geredet, das Raja nur peinlich war und ihm Angst machte. Die Frage, ob es sich umgehen ließ, erübrigte sich für Raja.

Adiva schien seine Probleme erkannt zu haben, denn er lächelte ein wenig und meinte: "Wenn du nicht dagegen bist, berauschendes Getränk zur Hilfe zu nehmen, dann würde ich es damit versuchen, um die Furcht davor zu besänftigen."

Grummelnd ging Raja in das Wartezimmer zurück, wo er sich von Vin auf den Schoß ziehen ließ.

"Mit mir ist alles in Ordnung, kein Grund zur Sorge", sagte er leise. "Ich erzähl dir nachher mehr."

Adiva blickte auf seine Liste und rief als nächstes Kaan auf, Raja musste über dessen Nervosität grinsen. "Viel Glück, Kaan!"

Kaan schnitt ihm eine Grimasse, ehe er dem Abd Jabir in das Behandlungszimmer folgte. Bemüht, sich seine Furcht nicht zu sehr anmerken zu lassen, lächelte er dem Arzt zu, drückte ihm die Hand und setzte sich dann auf die Liege, zu der er gewiesen wurde.

"Mir geht es gut", antwortete er auf die Frage nach seinem Befinden. "Ich bin nur hier, um untersuchen zu lassen, ob ich mit den Caley kompatibel bin oder nicht."

"Willst du es sein?" Adiva hielt seine Hand aus. "Ich brauchen einen Tropfen Blut."

Kaan schüttelte den Kopf. "Bevor ich hier gelandet bin, war es mir reichlich egal. Aber mittlerweile bin ich in einer glücklichen Beziehung mit einem Menschen."

Adiva lächelte. "Und dann bist du hier? Ah, Raja eben ist der Grund, oder? Ist er dein Sohn?" Er entnahm Kaan die Blutprobe und gab sie in das daryllische Testgerät.

"Unsere Raumfähre hatte einen technischen Defekt, deswegen sind wir hier gelandet. Rajas Rettungskapsel ist bei der Landung vom Kurs abgekommen, deswegen bin ich los, um ihn zu suchen." Kaan verschränkte die Hände, um sie am Zittern zu hindern, während er jede Bewegung des Arztes verfolgte. "Tja, und er ist über Vin gestolpert. Ich kann ihn doch nicht allein lassen. Aber es würde mich enorm beruhigen, wenn ich nicht kompatibel wäre."

"Ja, der Unfall. Ich hab einige der Passagiere, die bei den Perlen gelandet sind, hier gehabt. Zwei hatte es bereits erwischt. Es war sogar eine Frau dabei, ein interessanter Fall für mich." Das Gerät zeigte mit leisem Summen das Ergebnis und er lächelte fast wehmütig. "Es sieht ganz so aus, als würdest du ein Risiko eingehen, Kaan. Du bist zwar bald aus dem Alter heraus, in dem es dich ereilen kann, aber die nächsten paar Jahre noch wirst du mit der Gefahr leben müssen, erkannt zu werden. Wie alt bist du?"

"Neununddreißig." Kaan sackte in sich zusammen; ein Stich fuhr durch seinen Magen, der sich danach anfühlte, als hätte Kaan zu viel kalte Limonade getrunken. Er hatte so sehr gehofft, sicher zu sein! "Das heißt, ich bin kompatibel?"

"Oh, du bist älter, als ich gedacht hatte. Ja. Du bist kompatibel, aber nach meinen Forschungen ereilt es selbst diejenigen, die kompatibel sind, nur noch sehr selten jenseits des vierzigsten Lebensjahres. Ich würde sogar soweit gehen zu sagen, dass du jetzt auch schon außer Gefahr bist. Der ältester Mensch in meiner Fallsammlung war sechsunddreißig Jahre alt, aber garantieren kann ich natürlich nichts."

Kaan nickte unglücklich, aber lächelte dann schief. "Danke. Das ist immerhin schon mal etwas. Lass mich raten, eine Tablette dagegen gibt es nicht?"

Adiva schüttelte den Kopf. "Hast du noch andere Fragen? Zu Raja kann ich natürlich nichts sagen. Schweigepflicht."

Kaan wollte Adiva die gleiche Frage stellen wie Dhanu, ob es nun eine Puppe gab, die gestorben war oder sterben würde, doch dann schloss er den Mund wieder. "Nein. Ich denke, das war alles. Danke dir."

Nach einer kurzen Verabschiedung verließ er das Behandlungszimmer. Raja und Vin schmusten mal wieder miteinander, und Kaan musste lächeln, weil sein Sohn die Nähe nun ganz selbstverständlich zuließ. "Ich hab Pech gehabt. Na ja, dann kann ich nur hoffen..."

Raja legten den Kopf schief, dann hopste er von Vins Schoß und meinte ein wenig ätzend: "Na, so ein Pech aber auch. Was machst du jetzt?"

"Danke für deine Anteilnahme. Jetzt gehe ich Dhanu suchen." Verstimmt sah Kaan seinen Sohn an. Immerhin war Raja in keiner Beziehung gewesen, als ihn das Schicksal mit Vin ereilt hatte.

Kaan nahm seine Tasche auf und verließ das große Haus. Ohne auf Raja und Vin zu warten, lief er die kurze Strecke zum Dorf zurück und fragte bei ihren Gastgebern nach Dhanu. Er erfuhr, dass sein Freund schwimmen gegangen war und bekam auch die ungefähre Richtung gewiesen. Kaan packte ein paar Früchte und eine Kürbisflasche mit Limonade ein, dann macht er sich auf den Weg.

Er folgte einem kleinen Pfad an der Küste entlang, der ihn zuerst über ein recht steiles Stück auf eine Hügelkuppe führte, dann oberhalb einer seichten Bucht entlang, in der mehrere Puppen spielten. Kaan sah ihnen eine Weile lang zu und spürte, wie sich seine Anspannung etwas verlor. Adiva hatte immerhin gesagt, dass es unwahrscheinlich war, dass ihn noch jemand als Gefährten beanspruchen würde.

Gemächlicher ging er weiter und stieg einen Berghang empor. Die folgende Buch war sehr viel kleiner als die davor und der Weg hinab steiler, aber unten konnte er Dhanu im Wasser sehen, der mit kräftigen Kraulzügen ins offenen Meer hinaus schwamm.

Kaan lächelte. Den trainierten Körper würde er wohl mittlerweile überall und aus jeder Entfernung erkennen. Vorsichtig stieg er hinab und hockte sich dann in den Schatten der kleinen Baumgruppe, in der Dhanu seine Sachen abgelegt hatte, um auf seinen Schatz zu warten.

Dhanu hatte eigentlich nur einen Blick zurückwerfen wollen, um die Entfernung abschätzen zu können, als er Kaan bei seinen Sachen erblickte. Er hätte nicht erwartet, dass der Arztbesuch so schnell vonstatten gehen würde, weil alles auf Caley seine Zeit brauchte. Rasch schwamm er zurück zu Kaan, gespannt, ob sich dessen Sorgen bestätigt hatten oder beruhigen ließen.

Nachdem er sich mit den Fingern das Wasser aus den zu lang gewordenen Haaren gewuschelt hatte, ging er nackt, wie er war, zu Kaan, um ihn kurz zu küssen. "Na, mein Schatz? Was hat der Arzt gesagt?"

Kaan himmelte seinen Freund ein wenig an, der Mann war einfach viel zu attraktiv, um klar denken zu können, und das ganze wurde noch einmal schlimmer, wenn er glänzend vor Nässe war.

"Der Arzt hat gesagt, ich bin ein armes Schwein, sollte mir ein passender Caley über den Weg laufen, denn dann müsste ich fortan auf all das hier verzichten." Er strich mit den flachen Händen einmal über Dhanus Brust und Bauch und lächelte dann zu ihm empor. "Na ja, ganz das war es nicht. Aber so fühle ich mich. Es könnte mir passieren, aber es ist unwahrscheinlich, weil ich schon fast vierzig bin."

"Ja. Ich habe einmal gelesen, dass nur Menschen unter dem mittleren Alter für die Verbindung mit einem Caley anfällig wären. Ich meine, dass die Zahl Mitte vierzig gelautet hat in dem Bericht." Dhanu ließ sich bei Kaan nieder, nachdem er sich ein leichtes weißes Hemd und eine Shorts übergezogen hatte. "Und? Heißt es nun, dass du lieber gleich zum Raumhafen und von hier fort willst?"

"Ich weiß nicht." Unschlüssig starrte Kaan aufs Meer. "Adiva meinte, ich sei relativ sicher. Und auch, wenn ich nicht weiß, ob Raja wirklich Wert auf meine Nähe legt, will ich ihn ungern schon allein lassen."

"Natürlich legt er Wert auf deine Nähe, Kaan. Du darfst nur nicht erwarten, dass ihr so eine Beziehung haben könnt wie du zu deinem Vater oder so. Zumal ich den Verdacht habe, dass Vin eine ganze Weile erst einmal Rajas Priorität sein wird." Dhanu trank von seinem Tee und blickte mit leicht zusammengekniffenen Augen zu Kaan hinüber. "Hey, ich mach dir keinen Vorwurf, wenn du lieber auf Nummer Sicher gehen willst und zum Raumhafen fahren möchtest. Ich hole die Sachen, die ich brauche, und dann treffen wir uns dort wieder."

"Vin wird immer Rajas Nummer Eins sein. Dagegen ist ja auch nichts einzuwenden. Und wenn er eine Beziehung wie ich zu meinem Vater haben würde... nun, ich habe von meinen Eltern schon seit Ewigkeiten nichts mehr gehört."

Kaan ließ sich nach hinten in den Sand sinken, verschränkte die Arme unter dem Kopf und sah durch die Blätter nach oben. Wieder einmal war der Himmel unglaublich blau und vollkommen ohne Wolken. "Aber ich weiß nicht, ob ich ihm willkommen bin. Er hat mir nicht einmal gesagt, dass er sich freut, dass ich hier bin. Ich kann es ihm auch nicht ansehen. Wann immer ich versuche, ihm zu helfen oder für ihn da zu sein, tue ich früher oder später etwas, was ihn dazu bringt, mich anzuätzen oder sich verärgert oder beschämt abzuwenden. Vielleicht bin ich einfach nur ein lästiger Fremder für ihn, der aus Versehen sein Vater ist; und er will eigentlich, dass ich gehe und ihn in Frieden lasse, aber er traut sich nicht, das so offen zu sagen." Kaan schloss die Augen und lauschte auf das ruhige Meeresrauschen. "Und ich traue mich nicht, ihn das zu fragen, weil ich es nicht hören will. Aber vermutlich sollte ich das langsam mal tun."

Dhanu blinzelte einige Male, dann meinte er: "Und ich denke, dass du Raja überinterpretierst. Er ist sehr offensichtlich gehemmt und ein wenig zickig dabei, aber bislang hatte ich nie den Anschein, dass er dich nicht bei sich haben will."

"Du bist ja auch nicht der, den er ständig anzickt", antwortete Kaan trocken. "Ich habe keine Lust, dich zu verlieren, um dann zu erfahren, dass ich für ihn nur lästig oder bestenfalls uninteressant war."

Der Gedanke begann aufs Neue, ihm Magenschmerzen zu bereiten. Er hatte Angst davor, Dhanu zu verlieren. 'Ich sollte gehen. Dann müsste ich mir darum keine Sorgen mehr machen. Aber dann würde ich mir um Raja Sorgen machen. Meine Güte, warum tue ich das? In ein paar Monaten ist eh alles vergessen. Dann ist er mit seinem Caley glücklich, die Anpassungsstörungen sind überwunden, sie haben eine dieser hässlichen Larven, die zu so einem hübschen Kerlchen wird. Dann kann ich ihn immer noch besuchen, dann bin ich über vierzig.'

Kaan wünschte sich eine Zigarette. Oder besser gleich ein ganzes Päckchen. "Du hast nicht eine Ahnung, ob ich hier irgendwo was zu rauchen bekomme?"

"Du machst dir zu viele Gedanken um Dinge, die nicht sind. Und zu rauchen gibt es hier nichts, nur was zum Trinken." Dhanu umfing Kaans Nacken mit einer Hand und zog ihn zu sich. "Hey, was ist denn das für ein Gesicht? Du bist enttäuscht, weil du gedacht hast, dass du dich ab heute freier bewegen kannst. Aber sieh es mal so, du hast es Raja offensichtlich vererbt." Er legte den Kopf schief. "Lio, Gara und Mel werden sich heute Abend verabschieden. Ihre Fähre läuft morgen sehr früh aus und das wäre auch meine Fähre." Er küsste Kaan auf den Hals. "Ich schlage folgendes vor. Du feierst heute Abend mit uns. Die Puppen auf dieser Insel hast du sicherlich alle schon berührt. Raja feiert mit uns, Lio und Mel und Gara auch. Entweder du entscheidest dich, mit zu wandern, dann ist es eine Abschiedsfeier für dich, oder du entscheidest dich, mit Raja und Vin zu gehen, dann ist es auch eine Abschiedsfeier."

Kaan lächelte, als er sich an Dhanu anlehnte. Er sah zu ihm auf und in seine schönen, blaugrünen Augen, die wie das Meer auf seiner Heimatkolonie an einem Sonnentag strahlten. "Der Arzt hat gesagt, es ist relativ sicher, und Magenschmerzen werde ich so und so haben. Ich würde dich gern begleiten. Das tut mir dann eben mal gut, wenn ich ein wenig Abstand von Raja bekomme."

Dhanu zwinkerte einmal und küsste Kaan auf die Schläfe. "Das mit dem Abstand mag nicht so verkehrt sein. Vielleicht... nur ganz vielleicht braucht er den Abstand ja auch, um sich zum Sex durchzuringen. Ich hab ein wenig Mitleid mit ihm, wenn ich mich da an meine ersten Versuche erinnere..."

Kaan lachte auf. "Und vielleicht ist er hinterher nicht mehr so zickig", fügte er grinsend hinzu. "Für die Ausgeglichenheit wirkt Sex ja Wunder." Sein Grinsen wurde breiter. "Hm, da ich im Moment ziemlich unausgeglichen bin... könnte es sein, dass du mich vernachlässigst? Ich finde, wir sollten nach der Feier heute Abend was für meine Ausgeglichenheit tun."

Lachend versprach Dhanu seinem Schatz alles, was er wollte.


© by Jainoh & Pandorah