Absturz mit Folgen

22.

Der Abend wurde herrlich. Die Feier wurde am Strand abgehalten und gab Dhanu, Kaan und Raja die Gelegenheit, nicht nur einen Tanz der Abd Jabir von dem Arzt zu lernen, sondern auch einen der reichsten Erdbewohner bei einem Becher Wein zu sprechen. Daniel gab Raja gleich noch ein Paket für seinen Freund Cedric mit und bat sie auszurichten, dass er zur Verabschiedung von Stur, der Puppe von Ceds Gefährten, auf jeden Fall dabei sein würde.

Für Raja war das Wissen, dass der Mensch bald wandern würde, auf jeden Fall Grund genug, um sich mit der Reise zu der großen Insel zu beeilen. Vin war einer Meinung mit ihm, denn er brannte darauf, seinem Vater Tem und dessen Gefährten Holy Raja zu zeigen. Freudig sprach er schon davon, dass Raja und er mit ihrer Puppe vielleicht gar gemeinsam mit Tem, Holy und deren zweiter Puppe wandern konnten.

Erst in den Morgenstunden, als die Fähre mit Lio, Gara und Mel sowie einem sehr betrunkenen Kaan und auch nicht gerade nüchternen Dhanu auslief, verabschiedeten sich die letzten Caley von der Feier. Die Fahrt über eine dankbarerweise ruhige See verschlief Dhanu fast vollständig.

Erst als gegen Nachmittag die Insel in Sicht kam, weckten Hunger, Durst und ein schrecklicher Kater ihn auf. Die weiß-grüne Insel zog sich länglich hin. Es gab keinen richtigen Ort, sondern eher eine verstreute Anzahl kleiner Höfe. Schafe und Pferdchen sowie Milchvieh liefen wild überall umher und wurden von allen gemeinsam betreut, geschoren und gemolken.

Im Fährhafen war ein Gästehaus errichtet worden, in dem sich Lio mit seinem Vater und Mel niederlassen würde. Dhanu aber zog Kaan an der Hand über den Weg weiter. "Ich will zu einem bestimmten Haus", erklärte er, während sie über die flachen Hügel gingen.

In einer kleinen Talsenke lag im Schatten schon recht großer Obstbäume dann das langgezogene, weiße Haus mit buntlackierten Fensterläden. Ein älteres Metapaar hatte sich dort niedergelassen und begrüßte Dhanu und Kaan mit dem üblichen Kuss. Sie freuten sich über den Besuch und noch mehr, als sie hörten, dass Dhanu das Haus mit einigen Caley vor Jahren gebaut hatte.

Sie wurden zum leerstehenden Zimmer geschoben, das eigentlich von einer Puppe der Meta bewohnt worden war. Der Kleine war aber noch auf der Wanderung oder vielleicht auch vergangen.

"Wir haben seit langem nichts mehr von ihm gehört", meinte der unglückliche Vater. "Aber wir hoffen natürlich, ihn einfach auf der Wanderung mit der eigenen Puppe wiederzusehen."

Als Dhanu und Kaan allein waren, umarmte Dhanu seinen Freund und fragte: "Wie findest du das Haus? Einsam, nicht? Ich hab hier etwa ein halbes Jahr gewohnt, als ich mich einmal verletzt hatte und Erholung brauchte."

"Herrlich! Kaum Puppen." Kaan lachte und schmuste sein Gesicht gegen die Schulter seines Freundes. "Hättest du mir das nicht früher sagen können? Dann wäre mir die Entscheidung viel leichter gefallen. Das ist genau das, was ich brauche. Ruhe, Erholung und dich."

Dhanu grinste. "Die drei Dinge gibt es hier reichlich. Und dann gibt es noch Schafe, Schafe und Schafe. Deswegen grün-weiße Insel. Grünes Gras und Bäume und weiße Wollknäuels."

Und er mochte die Schafe von Caley sehr gern, sie waren nur sehr klein, gingen ihm gerade bis ans Knie, und ihre Wolle war mehr ein feines Fell, das sehr häufig geschoren werden konnte. Die Caley stellten daraus auf genau dieser Insel auch den leichten Stoff her, aus dem so ziemlich alle Kleidungsstücke waren. "Wenn du mit mir da so sehr einer Meinung bist, mein Lieber, dann werden wir uns jetzt gründlich erholen."

 

Raja hatte Kaan mit gemischten Gefühle wegfahren sehen. Ein wenig hatte die Nervosität seines Vaters auch auf ihn abgefärbt. Immer, wenn eine neue Puppe ihn angefasst hatte, hatte Raja auch schon gelauert, ob es Kaan ebenso ereilen würde. Als sie der Fähre winkten und Vins Arm sich um seine Schultern schlich, war er jedoch recht froh, dass er eine Weile lang mit seinem Gefährten allein sein konnte.

Sie hatten ihre Beziehung noch nicht richtig beginnen können. Immer war da das Weiterwandern gewesen oder Lio, der Trost brauchte oder Mel und Gara, die Vin zum Helfen haben wollten oder Kaan, der reden wollte. Raja war dankbar, dass sie allein sein konnten. Die Male, die er mit Vin in eine einsamen Buch zum Schwimmen und Tauchen gegangen war, hatte er immer als sehr schön in Erinnerung. Sie konnten zusammen sein, ohne dass Kaan lauernd starrte, Dhanu bescheuert wissend grinste, oder Lio taktlos fragte, ob sie es endlich getan hätten. "Ich freue mich auf die Henneninsel, Vin. Ich hoffe, dass wir ein Zimmer für uns haben werden."

"Natürlich werden wir das! Es ist hell und groß und mit vielen Körben ausgestattet." Vin lachte. "Mein Vater kann alles mögliche flechten. Aber das Bett", er zwinkerte Raja zu und küsste ihn auf den Hals, "das Bett ist nicht aus Korb."

Nach einem Umweg über den Markt, wo Vin etwas Karamell für sie eintauschte, schlenderten sie zu ihren Gastgebern zurück, um selber zu packen.

"Was wünscht du dir für unser neues Zuhause außer einem eigenen Zimmer?", fragte Vin, während er ein neu erstandenes Hemd zusammenlegte, um es in die Tasche zu stecken.

Raja überlegte. "Ich möchte gern einen Computer mit Lesegerät haben, vielleicht kann ich dann hin und wieder im Raumhafen Bücher aufladen." Er wickelte sein Atemgerät sorgfältig ein und schob die Flossen in ein Netz zu denen von Vin. "Aber ich denke, dass ich Dhanu oder Kaan darum bitten werde. Sie können mir sicherlich ein neues Modell kaufen."

Vin lächelte. Sein Gefährte war herrlich. Wenn er nicht mehr brauchte, um glücklich zu sein, war das nicht schwer zu erfüllen. "Dein Vater wird es bestimmt gerne tun. Dann bin ich zuversichtlich, dass es dir auf der Henne gefallen wird, mein Schatz." Er konnte nicht anders, als einmal über das Bett auf die andere Seite zu springen, um seinen Kleinen in die Arme zu ziehen und zu küssen. "Sie werden dich alle so lieben!"

Da war Raja sich auch sicher. Und er hatte die Caley ebenfalls gern. Ihre fröhliche, immer hilfsbereite Art machte es einem auch schwer, ihnen etwas übel zu nehmen. Er war voller Hoffnung und freute sich, dass Vin nicht in der Einöde oben auf den hohen Bergen der Falterformation lebte, von wo er nur selten zum Raumhafen und damit an neue Bücher gekommen wäre. Gut gelaunt ließ er sich drücken und küssen und schob Vin mit einem freundlichen Klaps auf den Hintern weg, um zuende aufräumen zu können.

 

Vin war aufgeregt, als er seine Heimatinsel am Horizont auftauchen sah. Allzu lange war er noch nicht von ihr fort, nachdem er die erste Reise mit seinem Vater und dessen Gefährte beendet hatte, aber seitdem war viel passiert. Er hatte seinen eigenen Gefährten gefunden, der nicht einmal Caley war, und sie würden bald eine Puppe haben.

Er hielt Raja im Arm, während sie näher kamen, und zeigte und benannte ihm hier einen Berg und dort eine Bucht, in der er als Puppe gerne gebadet hatte, wobei er die Namen benutzte, die die Menschenforscher verwendeten. Er erzählte Raja von den Fischen und versprach, ihm all die schönen Stellen im Meer zu zeigen, die er kannte. Als die Fähre anlegte, sprang er gleich herunter, um seinem Schatz auf den Kai zu helfen. Fröhliche Puppen hießen sie und die anderen Fährgäste mit Umarmungen und Küssen willkommen.

"He, du hast einen Mensch mitgebracht, Vin! Da wird sich Cedric freuen." Hellbraune Augen strahlten Vin aus einem herzförmigen Gesicht entgegen. Stur hatte ihn trotz der Wandlung sofort entdeckt und erkannt.

"Ihr bleibt bei uns zu Gast", entschied der Kleine auch gleich energisch.

Mit einem Auflachen hob Vin die Puppe hoch und drückte sie einmal. "Stur, schön dich noch mal zu sehen, bevor du zu deiner Reise aufbrichst!" Dann stellte er den Kleinen wieder ab und nahm sowohl seine eigene wie auch Rajas Tasche auf. "Raja, das ist Stur, der Sohn von Cedrics Gefährten Devi."

Henne war eine vergleichsweise große Insel mit mehreren Orten. Gleich am Hafen befand sich auch ein kleines Städtchen, das an den recht steilen Berg hinauf gebaut worden war. Etliche Plattenwege und Treppchen verbanden die Häuser und Werkstätten untereinander, jenseits der letzten Häuser konnte Raja Weinhänge sehen und eine Windmühle oben auf dem Berg. Eigentlich wollte Raja gern gleich das Dorf sehen, in dem er nun leben würde, aber Stur machte seinem Namen alle Ehre und zerrte sie an den Händen zu seinem Wohnhaus.

Der Kleine sah ein wenig aus wie Vin als Puppe, aber entstammte einer Beziehung zwischen einem Menschen und einem Caley, ganz wie es bei der Puppe von Vin der Fall sein würde. Raja und Vin wurden zu einem geräumigen Haus mit mehreren Terrassen und einem großen Gemüsegarten am Rande des Ortes gebracht.

Es war schon später Nachmittag, aber die Gartenarbeit war nach der Mittagshitze wohl eben erst wieder begonnen worden. Der kleine Stur winkte den Meta und Menschen im Garten nur schnell, dann brachte er Raja und Vin in eines der Gästezimmer und fragte Vin gleich aufgeregt nach seinen Erlebnissen.

Raja legte seine Sachen auf einen der Körbe, dann sagte er seinem Gefährten: "Geh doch ruhig mit den anderen reden, ich möchte mich erst duschen und umziehen."

"Ich warte unten auf dich, mein Schatz." Vin küsste ihn schnell auf die Wange, ehe er sich Stur schnappte, um ihn unter den fröhlichen Fragen des Kleinen nach unten zu tragen. Vin freute sich schon auf ihre eigene Puppe.

In der Wohnküche begrüßte er Cedric, der dabei war, Fisch für das Abendessen zuzubreiten und gleichzeitig auf seinem Handgerät einen Brief zu lesen. Cedrics schwere Anpassungsstörung war der Grund gewesen, aus dem Vin so vorsichtig bei Raja gewesen war. Der Mensch war mal wieder nicht rasiert, sondern trug einen Stoppelbart, der nett bei ihm aussah, aber ansonsten wirkte er fast wie ein Meta, mit den aufgerichteten Haaren.

Mit einem Befehl schaltete Cedric das Lesegerät aus, dann grinste er Vin zu. "Na, ich hab gehört, du hättest auch einem Mensch das Verderben gebracht. Armer Kerl."

Grummelnd starrte Vin ihn an. "Sag ihm nicht so was, sonst bekommt er gleich wieder Angst!"

"Ich will auch einen menschlichen Gefährten!" Stur lachte und zappelte, damit Vin ihn runterließ. "Sie sind so niedlich!"

Raja fühlte sich nach der Dusche und in frischen Sachen deutlich wohler. Er nahm das Paket von Daniel und brachte es in die Küche. Dort war ein hochgewachsener Mann mit der Zeichnung der Meta und auch in deren Kleidung am Herd dabei, einen Fisch zuzubereiten. Vin war mit der Puppe beschäftigt, ein kräftiger Meta sah gerade durch die Tür, aber rief nur, dass er gleich Tomaten hereinreichen würde.

Wieder fiel Raja auf, dass die Häuser für die Meta gebaut waren. Auf der Bank konnte er wie ein Puppe mit den Beinen baumeln, und der Herd war fast zu hoch für ihn. Der Mann hingegen war zu seinem Glück groß genug, um dort gemütlich arbeiten zu können.

Raja sah ihm einen Moment lang zu, dann fragte er: "Bist du Cederic?"

"Jupp." Cedric grinste ihn an. "Wie du ein Opfer der Biologie. Willkommen auf der dicken Henne."

"Danke. Daniel hat mir das hier mitgegeben. Er sagte, dass er wegen Adivas Arbeit erst in ein paar Tagen losfahren kann." Raja überreichte das Paket, dann fragte er, ob er in der Küche helfen konnte, wie in den Tagen zuvor bei den anderen Gastgebern.

"Wenn Devi gleich da ist, kannst du dich um Tomatensalat kümmern", schlug Cedric vor. "Messer sind dort hinten im Block, Schneidebretter in der Schublade drunter und... Hey, Vin, reich mal eine Schale runter!"

Während Vin nach der Schüssel angelte und sich dabei der verspielten Puppe zu erwehren versuchte, wandte Cedric sich wieder zu Raja. "Danke für das Paket. Ich hoffe, Daniel hat mir die neuen Speicherplatinen für die Kamera geschickt. Die alten haben den Geist aufgegeben. Zuviel Salzluft. Bist du freiwillig hier? Oder hat es dich auch hinterrücks erwischt?"

Raja holte sich ein Brett und das bezeichnete Messer an den Tisch, dann erwiderte er: "Eher hinterrücks, ich bin von dem Raumfährenunglück aus hier gestrandet. Ich weiß nicht, ob du viel darüber gehört hast hier." Wie eine Puppe kniete er sich auf ein Kissen auf die Bank.

"Also hattest du es auf keinen Caley abgesehen? Ich war nicht mal hier, als es mich erwischt hat. Mein Devi hat mich mit Schlafmittel eingelullt und hierher verschleppt. Ich hab vorher nicht mal gewusst, was es mit den Caley auf sich hat." Cedric verdrehte die Augen, aber grinste dann. "Man kann sich an ihre Art gewöhnen, nicht? Damals hätte ich ihm am liebsten den Hals umgedreht, heute bin ich recht zufrieden." Er drehte den Kopf, als Devi zur Tür reinkam und lächelte. "Holst du noch was von dem Wein aus dem Keller, Kleiner? Die Tomaten kannst du gleich hierher bringen, Raja hilft aus."

Devi umarmte Raja einmal und gab ihm die Tomaten, dann küsste er seinen Schatz auf die Wange. Raja war es mittlerweile schon gewohnt, dass er wie ein Puppe behandelt wurde von allen. Ein kleiner, hübscher und noch nicht allein lebensfähiger Teil der Familie, der nicht mithelfen musste, wenn er nicht wollte.

Ein wenig ärgerte es ihn noch immer, wenn jemand ihn einfach hochhob, ihn umarmte oder wenn die Händler ihm Dinge mit einem Augenzwinkern einfach schenkten. Die Caley machten es nicht, weil sie ihn für ein Kind hielten, sondern weil er sie an ihre wunderschönen Puppen erinnerte, die man einfach liebhaben und verwöhnen musste. Und schmücken.

Raja bekam ständig Schmuck geschenkt und trug ihn jedoch nur selten, weil er es nicht passend fand. An diesem Abend erhielt er einen zarten Gürtel aus ineinander verschlungenen Kettchen für seine Hose und legte ihn sogar um. Er trug ein Hemd der Puppen, das den Bauch frei ließ und ihm somit besser die Möglichkeit gab, Vin mit der Zeichnung berühren zu können.

Während er sich mit Arkay, dem von ihm bewunderten Planetenforscher, und Cedric unterhielt, saß er gar auf Vins Schoß und war froh um die Nähe. Den Nachmittag über hatte Vin ihn wegen der vielen Freunde und Bekannten, die er besuchen wollte, nicht berührt und Raja war sofort melancholisch geworden.

 

Am nächsten Tag brachen sie auf, um weiter zu Vins Vater und dessen Gefährten zu wandern. Raja versprach Cedric zum Abschied, dass er beginnen würde, Unterwasserbilder zu machen und Artikel dazu zu schreiben, sobald er eine Kamera und einen Computer haben würde. Arkay versprach Raja darauf, dass er versuchen wollte, diese Ausrüstung als Forschungshilfe von Interplanet zu erhalten. Immerhin war Cedrics erstes Buch sehr gut verkauft worden, die Fortsetzung der Serie sollte nun auch Berichte über Tiere und Pflanzen enthalten.

Es war keine weite Wanderung mehr, aber führte über einen sehr schönen Weg an der Küste entlang. Etliche Händler und Handwerker begegneten ihnen und grüßten freudig. Viele kannten Vin und gratulierten ihm zu seinem wunderschönen kleinen Gefährten. Es war Raja direkt wieder peinlich, wie viele neckische Einladungen er zum Tanzen erhielt.

Je näher sie dem Ort kamen, um so aufgeregter wurde Vin. Alles war vertraut und geliebt. Er wich vom Weg ab, um Raja einen Busch mit besonders vielen Beeren zu zeigen und nur Augenblicke später erneut, um ihn den Ausblick über ein paar zerklüftete Felsen im Meer genießen zu lassen, die wie ein Schwarm Wasservögel wirkten. "Man findet dort die leckersten Muscheln, wenn man hier hinab taucht. Und schau! Da auf der Wiese gibt es die herrlichsten Kräuter!"

Dann tauchte hinter einer Wegbiegung sein Heimatdorf auf, und mit einem breiten Lächeln hielt Vin inne. Im Gegensatz zu dem am Berg erbauten letzten Ort schmiegte sich dieser deutlich kleinere an einen flachen Hang, der sanft mit einem breiten Strand zum Meer hin auslief; die Häuser hatten nur ein Stockwerk und waren alle eben, zumeist mit einer Stufe im Inneren, um den geringen Höhenunterschied auszugleichen. Ausgedehnte Gärten umgaben sie, denen Blumen und Früchte bunte Tupfen verliehen.

"Da, das ist Flickerl. Ist es nicht wunderschön?"

Raja nickte und sah zurück, wo er den Berg noch erkennen konnte, bei dem der größere Ort lag. "Niedlich. Wo werden wir denn leben?" Neugierig betrachtete er die farbenfrohen Fensterläden, Türvorhänge und Tischgruppen in von Wildblumen erfüllten Gärten, während sie auf einem Plattenweg über den Hang hinunter wanderten.

Strahlend wies Vin auf ein Haus, in dem im Schatten eines Baumes ein Meta mit kastanienfarbener Mähne saß, einen unfertigen Korb, zwischen die Knie geklemmt. "Das ist mein Vater. Tem! Tem!"

Der Meta sah auf, dann winkte er und sprang auf. Mit großen Schritten kam er ihnen entgegen. Die Ähnlichkeit zwischen ihm und Vin war unverkennbar. "Vin, mein Kleiner!"

Er zog Vin in eine bärige Umarmung, die nur einen Moment später auch an Raja angewendet wurde, nachdem Vin ihn vorgestellt hatte. Raja blickte auf zwei Versionen von Vin und lächelte schüchtern.

"Ich freue mich, dich kennenzulernen", sagte er artig und betrachtete das Haus. Es gefiel ihm hier, und ein Blick in Richtung Strand zeigte ihm eine schöne Lagune mit weitläufig vorgelagerten Riffs.

Natürlich wurden sie gleich erst einmal in das Haus geführt, wo Tem seinem Sohn einige Neuerungen zeigte. Das Bad, das zu Rajas und Vins Zimmer gehören würde, war neu gefliest worden, überall zwischen den Fliesen blitzten Edelsteine aus den Bergen der Falterformation. Raja lächelte, als er sah, dass in dem Zimmer nur ein Bett stand, das von einem schön gewebten Vorhang umgeben war. Ein Windspiel aus vergoldeten Holztierchen mit Edelsteinaugen drehte sich schimmernd und funkelnd im Fenster.

Raja drückte Vins Hand einmal und fragte: "Willst du dich erst einmal im Dorf umsehen? Ich möchte duschen und mich ein wenig ausruhen und dann vielleicht in der Küche helfen."

"Bist du schon müde, mein Schatz? Wir sind doch gar nicht so lang unterwegs gewesen. Ich würde dir gern alles zeigen! Vor allem will ich dich zu Holy mitnehmen. Das ist Tems Gefährte. Es ist nicht weit, sie sind bestimmt in der Werkstatt. Er hat unser Bett gemacht." Vin zog Raja in den Arm, vergrub sein Gesicht in dem weichen, lang gewordenen Haar und seufzte. "Ich bin so froh, dass wir endlich hier sind."

Raja nickte. "Ich bin auch froh, Vin. Na gut, ich komme mit, aber du musst mich nach Hause bringen, wenn ich müde werde. Keine spontanen Feiern heute, ich bin von gestern noch geschafft."

Sie liefen erst einmal zum kleinen Fischereihafen hinunter, wo Vin einige Caley begrüßte und Raja herum zeigte, von dort wandten sie sich zum Marktplatz weiter oben. Um ein Badehaus herum waren Verkaufsstände und etliche Werkstätten zu finden. Die meisten waren halb offen, fröhliche Stimmen sangen hier und dort, Hämmern, Schleifen, dunkle Stimmen und leise metallische Geräusche vermischten sich mit dem Rauschen des Meeres von weiter unten. Ein leichter Wind umstrich spielende Puppen vor dem Badehaus, die natürlich alle erst einmal herbei kamen, um Vin und Raja zu begrüßen.

Als sie zu einer Tischlerei kamen, sahen sie zwei Meta leise summend nebeneinander sitzen. Sie verschönerten ein Bettgestell mit Schnitzereien. Einer von beiden hatte braunes Haar und frappierend grüne Augen. Er blinzelte einmal, dann warf er sein Werkzeug von sich.

"Vin! Du bist mit einem Gefährten zurück!" Gleich darauf wurden Vin und Raja in einem feste Umarmung geschlossen.
Vin erwiderte die Umarmung innig. Er hatte seinen Vater und dessen Gefährten vermisst und war froh, dass sie in seiner Heimat waren und nicht zu Rajas Eltern ziehen würden.

"Ich musste nicht einmal Caley verlassen", sagte er mit einem wonnigen Lächeln. "Er ist mir vom Himmel gefallen. Raja, das ist Holy, Tems Gefährte. Holy, mein Gefährte Raja. Wir müssen unsere Heimkehr unbedingt feiern, aber es wäre schön, wenn wir das nicht heute, sondern erst morgen machen könnten", fügte er aus Rücksicht auf Raja hinzu. Verhindern würde man eine Feier nicht können, und das wollte er auch gar nicht; er war viel zu glücklich dazu, um sich zu verstecken.

Raja lächelte ein wenig schief und nickte. "Ich bin noch von der Abschiedsfeier in der Hafenstadt ein wenig mitgenommen, und Vin sollte sich langsam wirklich mal schonen", fügte er streng an und warf einen Seitenblick auf Holy, der nach seiner Zeichnung auch eine Larve austrug.

Holy drückte Raja einmal und meinte: "Ist mir auch recht, ich bin ja seit einigen Wochen in diesem Zustand." Dann lachte er auf und rief: "Vin! Wir werden gemeinsam wandern. Ich freue mich schon so auf unsere Puppen! Wie wird deine erste Puppe heißen?"

Vin strahlte und umarmte Holy gleich noch einmal. Was für eine herrliche Vorstellung! "Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Ich war mit anderem beschäftigt." Er lächelte und zwinkerte Raja zu, dann nahm er seinen Gefährten in den Arm. "Lass das Bett heute stehen und komm mit nach Hause. Wir haben viel zu erzählen."

Natürlich entstand eine Feier, als die Nachbarn vorbeikamen, um Raja kennenzulernen und sie beide im Dorf zu begrüßen. Ein Metapaar hatte eine frisch geschlüpfte Larve dabei, und der stolze Vater, der sie dicht bei seiner Zeichnung hielt, präsentierte sie Vin und Raja gleich.

Fröhlich fütterte Vin sie mit einem Stück besonders saftigem Pfirsich. "Ist sie nicht niedlich, Raja? So wird unsere Larve auch sein. Was meinst du, wie wir sie nennen sollen?"

Raja hatte schon von dem erschreckenden Aussehen der Larven gehört, aber er zuckte dennoch zusammen. Unsicher lächelte er dem stolzen Meta zu und antwortete: "Es ist deine Entscheidung, Vin."

"Sicher. Aber das heißt nicht, dass ich dich nicht nach deinen Wünschen fragen kann. Immerhin werden unsere Larven beide von mir sein, da du keine bekommen kannst." Vin umarmte seinen Schatz von hinten und konnte es sich gerade noch so verkneifen, ihn auf den Hals zu küssen. Stattdessen murmelte er: "Magst du nicht bald mit mir in unser Schlafzimmer kommen? Ich habe Sehnsucht nach dir."

Raja schloss die Augen und lehnte den Kopf leicht zurück, gegen Vins Brust. "Ja, ich komme jederzeit mit." Er überlegte. "Wenn du noch keinen Namen hast, könnten wir die Puppe doch Kaan nennen, oder? Immerhin haben wir uns getroffen, weil ich zu ihm fliegen wollte."

Vin schmuste sein Gesicht in Rajas Haar. "Da siehst du mal wieder, wie gut wir zusammen passen, mein Schatz. Ich war am Überlegen, ob dir dieser Name für unsere Puppe gefallen würde." Er winkte seinem Vater und Holy zu, die miteinander am Schmusen waren; dann schob er Raja in Richtung der Tür, während er bereits eine Hand auf seinen Bauch schummelte, um die Zeichnung zu streicheln.

Raja löste sich von Vin, als sie das Zimmer erreichten und schob ihn ein wenig von sich. "Ich will noch einmal duschen, das Bett ist so schön frisch."

Vin blinzelte einmal. "Ich hatte eigentlich nicht vor, das Bett so schön frisch zu lassen." Gleich zog er Raja wieder an sich. "Mit sehnen meine ich begehren", sagte er dunkel und sah ihm in die Augen, um ihn dann weich auf die Lippen zu küssen.


© by Jainoh & Pandorah