Absturz mit Folgen

23.

Mit einem Erschaudern lachte Raja auf. Es klang genauso nervös, wie er auch war. Er senkte den Kopf: "Ich weiß, ich kann es nicht immer aufschieben, nur weil ich mich fürchte. Ich wollte nicht schmutzig oder verschwitzt sein, sondern perfekt, weil... ich dachte, dass es dann leichter wird." Er seufzte. "Vielleicht sollte ich einfach noch mehr trinken."

Verwirrt betrachtete Vin seinen Schatz. "Du... fürchtest dich? Aber warum? Du kannst nur perfekt für mich sein."

Raja spürte, dass er rot wurde. Er ließ sich auf dem Bett nieder und zog nachlässig einen der überweiten hellen Vorhänge zu sich heran, um daran herum zu zupfen. "Danke, aber ich will es für mich sein. Oder ich will, dass es perfekt wird und habe Angst, dass es das nicht sein kann, weil ich nicht..." Unsicher sah er Vin an. "Egal."

Vin setzte sich zu ihm und zog ihn in die Arme. Er lächelte ihn an und strich ihm einige braune Strähnen aus der Stirn, ehe er seinen Nacken zu streicheln begann. "Nun, mein Schatz, es wird auf jeden Fall schön werden, das ist schon mal sicher. Und es ist ja nicht so, als hätten wir nur dieses eine Mal. Wenn irgendwas nicht stimmt, können wir es beim nächsten Mal ändern." Wieder küsste er ihn weich, ehe er fragte: "Willst du trotzdem vorher duschen?"

Raja nickte und stand entschlossen auf. "Will ich."

Er zog die ohnehin leichte Kleidung aus und nahm sein Handtuch. Von der Tür aus sah er zu Vin zurück, der kräftig und selbstbewusst auf dem Bett saß. Die Zeichnung schien Raja an diesem Abend irgendwie verlockender, fast wäre er gleich wieder zu seinem Gefährten zurückgegangen. "Musst du auch duschen?"

Vin hatte es nicht vorgehabt. Er hatte ihm noch etwas Zeit allein gönnen wollen, damit sich vielleicht die Nervosität legen konnte. Aber als Raja diese Frage stellte, nickte er, stand auf und folgte seinem Schatz. Er betrachtete die schöne Rückseite, den durch das viele Wandern straff gewordenen Hintern, die schlanken Beine und die schmalen Schultern und seufzte leise vor Glück. Als Raja in die Dusche stieg und ihm dabei einen fragenden Blick zuwarf, lächelte er jedoch nur und kam ihm hinterher.

Während Raja das Wasser temperierte, wählte Vin eine Seife mit zartem Blütenduft aus, der beinahe den Blumen entsprach, die er für seinen Gefährten in der Rasthütte zum Baden gesammelt hatte; dann begann er, ihn genüsslich einzureiben. Der geschmeidige Körper fühlte sich herrlich wie immer unter seinen Händen an, und Vin freute sich unbändig darauf, dass sie sich bald vereinen würden.

Noch während Vin sich eigentlich seinem Rücken widmete, drehte Raja sich zu ihm um und schlang die Arme um seinen Hals. Er schmiegte sich enger, aber konnte ihre Zeichnungen wegen ihres Größenunterschieds nicht richtig zum Einklang bringen. Doch die Nähe war schön, und die großen Hände, die über seinen Rücken zum Po strichen, fühlten sich richtig an.

Vin drückte ihn an sich und genoss, wie vertrauensvoll und anschmiegsam sein Schatz werden konnte, wenn sie allein waren.

"Ich liebe dich", murmelte er und nippte zart an der nassen Schulter, ehe er damit fortfuhr, ihn einzuseifen. Er blieb damit bei der Rückseite und küsste sich über Brust und Bauch weiter nach unten vor. Den Schoß selbst berührte er nicht, sondern widmete sich all den empfindlichen Regionen um ihn herum, während er Rajas Beine zu waschen begann, von den Waden beginnend sich nach oben arbeitend.

Tief atmend schwankte Raja leicht, dann lehnte er sich gegen die Wand. "Wenn du so weitermachst, hab ich zu weiche Knie, um zum Bett zu gehen", flüsterte er eben hörbar.

"Das macht nichts." Vin sah zu Rajas Gesicht hoch. Sein Schatz war noch einmal so schön, wenn er erregt war. "Dann trage ich dich."

Er schob sich an ihm empor und schauderte leicht vor Wonne, als für einen kurzen Moment die Zeichnungen übereinstimmten. Dann wich er jedoch weit genug zurück, um ihn auch vorne waschen und gleichzeitig ansehen zu können. Er lächelte wegen der roten Wangen und konnte nicht widerstehen, sie zu küssen, ehe er Raja abspülte und das Wasser abstellte. Rasch wickelte er ihn in ein weiches Tuch und hob ihn hoch.

Wenn ihre Zeichnungen sich berührten, durchschauerte ein Glücksgefühl Raja, das ihn immer vergessen ließ, was ihn sonst sorgte. Noch schöner war es, wenn er erregt war wie in diesem Moment. Er ließ sich klaglos hochheben und schlang einen Arm um Vins Hals, um sich an ihn zu pressen, auch wenn der störende Stoff sie trennte. Noch bevor sie beim Bett angekommen waren, zerrte Raja wild mit seiner freien Hand an dem Tuch, um es zu Boden zu werfen.

Vin setzte sich aufs Bett und ließ sich nach hinten sinken, ohne seinen Schatz loszulassen. Mit Rajas Hilfe ruckelte er ihn zurecht und zog ihn gleich in den nächsten Kuss. Seine Hände wanderten über den schlanken Körper, über den Rücken, den Hintern und zu den Beinen, dann zurück zum Po. Während Raja überraschend heftig seinen Mund attackierte, tastete Vin blind nach der Ölflasche.

Menschliche Gefährten brauchten ein wenig mehr Zuwendung als Caley. Mit dem Daumen entkorkte er den Verschluss, goss eine ordentliche Portion auf Rajas Po und begann, ihn einzureiben. Zuerst nur die festen Backen, dann vorsichtig dazwischen. Zuerst verspannte sich Raja, doch als Vin nicht weiter ging, schien er die Berührung zu genießen.

Vin ließ sich Zeit, seinen Schatz zu necken, zu liebkosen und zu erregen. Er wollte ihn nicht überrumpeln und gleichzeitig wollte er gewiss nicht, dass Raja sich zurückzog. Erst, als dessen Bewegungen fahriger wurden und seine steigende Lust verrieten, als er sich mehr und mehr an Vin zu reiben begann, drängte Vin vorsichtig mit einem Finger in ihn.

Vin zu küssen, während ihre Zeichnungen sich berührten, hatte Raja immer am liebsten gehabt. Er wusste an diesem Abend jedoch genau wie Vin, dass sie mehr tun würden, und so konnte er nicht anders, als darauf zu lauschen, was sein Gefährte tat. Er spürte den großen Händen nach, die ihn verwöhnten und verdammt richtig streichelten, und er horchte darauf, wie Vin auf ihn horchte.

Sie belauschten einander, und Raja musste gerade darüber grinsen, wie achtsam und verkrampft sie beide waren, als Vin diese kurze Abgelenktheit ausnutzte, vermutlich, weil er so auf ihn geachtet hatte. Raja spannte sich kurz an, dann entspannte er sich bewusst und schob sich noch besser auf Vin zurecht, um seine Beine zu beiden Seiten des kräftigen Körpers sinken zu lassen und leicht anzuziehen. Er wollte es, genau wie Vin auch, wenn er sich noch immer nicht sicher war, wie er es überstehen würde. Mit geschlossenen Augen bewegte er sich gegen Vins Schoß, um sich von seinem Finger abzulenken.

Vin suchte auch in Raja nach empfindlichen Stellen, weil er wusste, dass es sie gab. Aber er hatte selber noch nicht allzu oft mit Menschen geschlafen, und so konzentrierte er sich erst einmal auf Bekanntes, von dem er wusste, dass es Raja gefiel. Nachdem er seinem Schatz noch ein wenig mehr Zeit gelassen hatte, sich an das Gefühl in ihm und einen weiteren Finger zu gewöhnen, zog er sich aus ihm zurück.

Er rollte mit Raja herum, positionierte ihn unter sich und schob ein Kissen unter seine Hüften, um es einfacher zu haben. Sich auf einem Ellbogen abstützend, half er mit der freien Hand ein wenig nach, um mit dem Verbindungsglied in Raja einzudringen. Leise seufzte er auf, weil es sich so gut anfühlte, aber hielt dann doch erst einmal inne, während er besorgt Rajas angespanntes Gesicht betrachtete. "Schatz?"

Mit geschlossenen Augen streckte Raja sich, dann ruckelte er sich zurecht. "Alles in Ordnung, Vin. Sei nicht so eine Glucke", murrte er dann trotz seiner steigenden Erregung.

Er griff fest nach Vins Schulter, um ihn auf sich zu ziehen, damit die Zeichnungen sich wieder berühren konnten. Während sein Körper sich an das ungewohnte Eindringen gewöhnen musste, nahm Rajas Erregung unerträglich zu. Er stöhnte auf und bewegte sich hilflos gegen Vin.

Vin spürte reine Freude in sich, als er die Verbindung so innig werden ließ, wie er es sich schon die ganze Zeit gewünscht hatte. Er konnte seinen Schatz fühlen, nicht nur körperlich, sondern auch in sich, selbst ihre Larve war darin eingeschlossen. Rajas Erregung griff auf Vin über; er schloss die Augen und drängte sich erschaudernd enger an ihn, während er sich in seinem Schatz zu bewegen begann, auch wenn für ihn die Verbindung an sich ausreichend war. Aber Menschen mochten es gern auf diese Art, und Raja schien keine Ausnahme zu bilden.

Raja hatte einen derart heftigen Orgasmus, dass er Sterne sah und sich eine Weile lang nicht rühren konnte, während er sich mit Tränen in den Augen an Vins Schulter versteckte. Hastig hielt er seinen Gefährten auf, der sich noch immer leicht gegen ihn bewegte. Er wollte einfach nur daliegen, zu Atem kommen und ihren Herzschlag spüren. Im ganzen Körper hallte die Verbindung wieder und brachte Wärme und ein euphorisches Glücksgefühl.

Vin küsste sein Gesicht und streichelte seine Haare, er hörte die dunkle Stimme Worte flüstern, aber wusste nicht, was der Caley ihm da sagte. Etwas anderes nahm seine Aufmerksamkeit viel mehr in Anspruch. Wie bei einer besonders tückischen Brandungswelle kehrte seine Erregung unverhofft zurück, der Sog der Gefühle wurde stärker und riss Raja mit sich. Wortlos begann er, sich erneut zu bewegen, bis er noch einmal den Höhepunkt erreichte, wobei er vom Rausch überwältigt in Vins Schulter biss und ihn viel zu heftig an sich presste.

Doch danach kehrte die Ruhe ein in ihm, in seinem Körper und seinen Gedanken. Eine Klarheit wie nach einem besonders heftigen Gewitter. Er hatte das Gefühl, dass er frei war. Von seinen Sorgen, von seinen Ängsten und von der viel zu engen Bindung an Vin. Erschöpft ließ Raja sich auf das Bett zurück fallen und murmelte: "Mir tut morgen bestimmt alles weh."

 

Er sollte nicht Recht behalten. Von der Anspannung hatte er einen leichten Muskelkater, als er von Geschirrklappern wach wurde, aber ansonsten fühlte er sich herrlich. Er schob Vins Arm von sich und rollte vom Bett, um die Fensterläden ein wenig zu öffnen. Im Vorgarten stand Holy und unterhielt sich mit einem Nachbarn, der ihm offenbar Fisch gebracht hatte. Es schien um Raja zu gehen, denn die Gesten umschrieben seine Größe, und offensichtlich wurde er schon wieder mit einer Puppe verglichen.

Raja duschte und rasierte sich, dann kehrte er in das Schlafzimmer zurück und kniete sich vor der Truhe hin, in der laut Tem die alten Sachen von Vin waren, die er als Puppe getragen hatte. Dort waren nun auch die Kleider, die ihm geschneidert worden waren, im Stil der Puppen auf Caley, nur ein wenig größer. Er zog sich weiße Sachen an und schob die Füße in die geflochtenen Ledersandalen, als es ihm auffiel. Er war frei. Frei von dem Verlangen nach Vin. Er grinste noch, als er in die große Küche kam, wo ihn Holy mit einem Kuss auf die Schläfe begrüßte.

Raja hielt mit wissenschaftlichem Interesse fest, wie lange diese Freiheit anhielt und war zufrieden zu sehen, dass er über einen Zeitraum von fünf Tagen gut ohne Vin sein konnte. Allerdings brachte es Diskussionen mit Vin, der nicht verstehen konnte, warum Raja überhaupt wissen wollte, wie lang es ging und der sich viel lieber in jeder Nacht mit seinem Schatz verbunden hätte.

Nach den fünf Tagen, in denen Raja sich schon sehr gut in Flickerl einleben konnte, ließen Raja und Vin sich früh am Morgen wecken, um in der Kühle zur Hafenstadt zu wandern, wo sie zum einen Arkay und Cedric besuchen wollten und zum anderen nach den Fähren sehen. Kaan konnte immerhin wieder auftauchen.

Die Fähre kam, und brachte keine bekannten Gesichter, dafür aber die Unterwasserkamera für Raja samt einer Biologin, mit der Raja sich mit glühenden Wangen die ganze Nacht durch über Fische unterhalten konnte. Bevor sie am anderen Tag mit reichlich eingetauschten Dingen zurückwanderten, verpflichtete Stur sie, zu seiner Abschiedsfeier zu kommen. Er wollte mit Devi und Cedric auf der nächsten Fähre die große Wanderung beginnen.

 

Kaan fühlte sich ausgeruht und entspannt, als sie Dhanus Haus und die ruhige Insel hinter sich ließen. Die Zeit ohne potentiell gefährliche Puppen und ohne sich um Raja sorgen zu müssen, aber auch ohne seine Zicken, mit denen er nicht umgehen konnte, hatte er nötig gehabt.

Während er sein Gesicht in den leichten Fahrtwind der Fähre hielt, dachte er amüsiert daran, dass Raja und er sich vielleicht zu ähnlich waren, auch wenn man es kaum für möglich halten mochte. Zwei Zicken auf engem Raum, das konnte nicht lange gut gehen. Er wusste, dass er durchaus selbst ab und an zickig und empfindlich war.

Kaan wandte den Kopf und sah zu Dhanu hin, der mit einem Händler wegen Bernsteinbauchkettchen verhandelte, und lächelte. Dhanu konnte ganz souverän mit seinen Macken umgehen, und Kaan liebte ihn noch ein Stück mehr dafür. Er schlenderte zu ihm hin, als sein Schatz zufrieden das Ergebnis des Handels einsteckte und umarmte ihn von hinten. "Na, Süßer? Ist das Abendessen wieder mal gesichert?"

Dhanu schüttelte den Kopf. "Nein, aber ein Gastgeschenk auf der großen Insel. Hast du Hunger?" Kaan war braungebrannt, die Schrammen und die Müdigkeit von der Wanderung waren vergessen, und er war guter Laune. Die Zeit in Dhanus Haus hatte ihm selbst gezeigt, dass er mit diesem Mann zusammensein wollte und konnte. Sie hatten beschlossen, Raja noch einmal zu besuchen und dann zu Kaans Restaurants zu reisen, um dieses gemeinsame Leben dort zu beginnen.

Kaan lachte unbekümmert. "Nur auf dich, und ich hoffe, das hört nie auf." Er reckte sich ein wenig und küsste seinen Freund in die Halsbeuge, ehe er neben ihn trat und die Hand in Dhanus schob. "Wir legen gleich an. Magst du mit mir zum Bug kommen? Mal sehen, ob wir bekannte Gesichter ausmachen können."

Die Fähre hielt in der Bucht und nur eine Puppe mit Vater und dessen Gefährten ließ sich im Beiboot hinüber rudern. Im Austausch kamen jedoch einige Meta zum Handeln mit ihren Waren auf die Fähre. Gara trug Lio und reichte ihn Mel an Bord hoch, weil der Kleine weinte. Der Flecken Land war die vorletzte seiner Inseln auf Caley vor der Raumstation gewesen, und er hatte seinen Gefährten noch immer nicht gefunden. Jenseits der Insel mit dem Raumhafen würden sie nur noch eine kleine Insel besuchen, bevor er auf seine Heimatinsel kommen würde. Die Angst vor einer Wanderung allein machte Lio weinerlich und ließ ihn noch mehr als sonst klammern. Gara zog ihn an sich und wiegte ihn beruhigend, während er von ihrer Reise über die anderen Inseln erzählte und einige Dinge zeigte, die er zum Tausch auf dem großen Markt der nächsten Stadt genäht hatte.

"Hey, Lio..." Kaan kramte in seiner Tasche nach und fand ein besonders schönes Tuch in fröhlichen Farben, das eigentlich auch als Gastgeschenk geplant gewesen war. Aber der Kleine tat ihm leid. Er trocknete ihm die Wangen und drückte ihm das Tuch dann in die Hand. "Wenn du auf der Henne auch niemanden finden solltest, kannst du noch ein Stück mit Dhanu und mir mitreisen, wenn du magst."

Lio senkte den Kopf, dann flüsterte er: "Nein, aber ich danke dir."

Gara seufzte. "Er ist zu schwach dazu", meinte er leise und fügte hinzu: "Ohne mich zu sein."

Erschrocken sah Kaan zu ihm auf und musste an die Gräber der toten Puppen denken. Ein kalter Schauder überlief ihn. Sein Blick huschte zwischen Gara und Mel hin und her. "Dann lasst ihr ihn auch nicht alleine, oder?"

Gara seufzte und zog Lio enger an sich heran, aber er schwieg.

Dhanu hatte noch keine Familie in so schlechter Stimmung auf Caley gesehen, und er wusste nicht, wie er es anders lösen konnte als zu fragen: "Sollen Kaan und ich die Nacht auf Lio achten? Ihr wart lang nicht ohne ihn, oder?"

Es erstaunte ihn, dass Lio selbst diese Idee gut zu gefallen schien, und so fanden Kaan und er sich mit einem wuseligen und zugleich traurigen Caley in ihrer Mitte wieder, als die Monde aufgingen und die reisenden Meta zu kochen, zu erzählen und zu singen begannen. Direkt neben ihnen lagen Gara und Mel in inniger Verbindung, und Dhanu konnte wieder verstehen, dass die wandernden Puppen sich nach der Vollständigkeit sehnten.

Kaan mochte es, Lio in den Armen zu halten; er freute sich, dass der Kleine sich an ihn kuschelte. Zugleich hätte er Dhanu gerne gefragt, ob die Meta ihren Sohn wirklich allein lassen würden, wenn sie wussten, dass er sterben würde; sie konnten ja noch eine weitere Reise über Caley machen. Aber er wollte das Thema nicht vor Lio anschneiden.

Erst, als der Kleine schon eine ganze Weile ruhig lag und seine tiefen Atemzüge verrieten, dass er eingeschlafen war, sagte Kaan leise: "Dhanu, ich will keine Nische für Lio. Können sie keine zweite Runde machen?"

"Willst du das von ihnen verlangen?"

Überrascht hob Kaan die Brauen. "Er ist ihr Sohn! Sie lieben ihn. Würdest du das nicht für dein Kind tun, wenn du wüsstest, dass es sonst stirbt?"

Dhanu stützte sich auf den Ellenbogen auf und blickte an Lios Wuschelkopf vorbei zu Kann hin. "Wir sind Menschen, Kaan. Ich weiß, dass es für dich nicht leicht ist, die kulturellen Unterschiede zu akzeptieren, aber die Caley sind von der Abstammung her Insekten, und sie leben schon länger auf diese Art, als wir Menschen uns auf unsere eigene Existenz auf der Erde entsinnen können."

"Abstammung hin oder her... sie lieben den Kleinen doch!" Beschützend umfing Kaan Lio enger. "Sonst wären sie ja nicht traurig. Sie haben verstanden, warum ich Raja suchen musste und wollte. Wenn Lio allein unterwegs sein könnte, wäre das etwas anderes. Aber... wenn er... Dhanu, was ist, wenn er ihn einfach immer nur verpasst? Wenn sein Gefährte genau immer eine oder zwei Inseln vor ihm ist? Die Möglichkeit ist gegeben, und sogar recht reell. Da können sie ihn doch nicht..." Er spürte die Wärme der zierlichen Puppe und ihren Atem, erinnerte sich an das Lachen und an die Tränen diesen Mittag. "Da können sie ihn doch nicht sterben lassen", flüsterte er und fühlte ein Brennen und Ziehen in sich.

Dhanu ließ sich wieder auf den Rücken sinken und seufzte leise. "Doch, wenn es zum Leben dazu gehört. Sie können ihn nicht auf ewig in diesem einsamen Zustand stärken, obwohl der Partner vielleicht nicht da ist und nie da sein wird."
Kaan schloss die Augen und spürte Tränen, die sich unter den Lidern hervor drängten. Er wollte die Puppe in seinen Armen nicht sterben lassen, aber er wusste auch nicht, wie er Lio helfen konnte. 'Hoffentlich findet er seinen Gefährten schnell. Oh bitte...'


© by Jainoh & Pandorah