Absturz mit Folgen

24.

Mürrisch steckte Cedric eine Dose zusätzlicher Speicherkristalle in das Seitenfach seines Rucksacks. Daniel hatte ihm besonders gute mit mehr Platz besorgt, aber sie würden auf keinen Fall fünf Jahre reichen. Fünf Jahre, in denen sie sich immer weiter von dem klitzekleinen Verbindungsstück zur Zivilisation, das der Raumhafen darstelle, entfernen würden. Doch Sturs aufgeregtes Aufspringen, Herumwuseln und spontanes Umarmen seiner beiden Väter war zwar lästig, aber liebenswert, und es ließ Cedric lächeln.

Dennoch maulte er Devi an. "Diesen Part werde ich dir nie verzeihen, du Untier. Nicht nur auf einen Planeten am Rande des Universums, sondern auch noch mitten in die tiefsten Gefilde weit weg von allem, was zivilisiertes Leben ist."

Stur legte seine schmalen Arme von hinten um Cedrics Hals und lachte. "Ach was, du freust dich doch, Ced!" Vergnügt quietschte er auf, als Cedric seine Hände vor der Brust festhielt und mit ihm aufstand. Er zappelte ein wenig, dann schlang er die Beine um Cedrics Hüften und ritt huckepack bis zum nächsten Tisch mit, wo er wieder abgeladen wurde.

"Das denkst aber auch nur du, kleine Nervensäge", brummte Cedric, aber konnte es sich nicht verkneifen, seinem Sohn durch die Haare zu wuscheln.

Raja hatte Cedric schon erzählt, wie faszinierend aber auch anstrengend die Reise über Caley war. Arkay hatte Cedric sogar die Bequemlichkeit vorgeworfen, aber nun fühlte Raja ein wenig Mitleid. Er entdeckte die Sonnensegel des Fährschiffs und schlug Stur vor: "Lass uns zum Hafen gehen und fragen, wann die Fähre wieder ausläuft."

Mit einem wie aufgezogen neben ihm herhopsenden Kerlchen ging er mit der Gruppe Händler aus dem Ort zum Hafen hinunter, in dem an den anderen Tagen eigentlich nur die Fischer zu finden waren, die träge singend ihre Netze und Reusen reparierten. An diesem Nachmittag versammelten sich etliche Händler und Neugierige, um zu sehen, wer von der Fähre kam und was sie brachten. Raja beschattete seine Augen und streckte sich, um sehen zu können, ob Kaan an Bord der Fähre war.

"Morgen oder übermorgen fährt sie ab, und dann sind Devi, Cedric und ich unterwegs. Ich bin so aufgeregt, Raja!" Stur hüpfte ein Stück in die Höhe, um besser sehen zu können. "Meinst du, ich finde auch einen Menschen? Devi hat Ced, Jann hat Arkay."

Raja grinste. "Vielleicht. Das scheint in der Familien zu liegen, nicht?" Doch dann entdeckte er Kaan. "Das ist mein Vater, der mit den langen Haaren."

Stur lachte und winkte. "Vielleicht bekomme ich ja ihn?"

Dann weiteten sich seine Augen jedoch, als sein Blick von dem Mensch auf den Meta daneben fiel. Dieser trug eine Puppe auf dem Arm, die sich an ihn lehnte. Der Kleine war zierlich, hellhäutig und hellblond, und eine ungewohnte Aufregung erfasste Stur bei seinem Anblick.

Raja lachte auf. "Das wäre zum Piepen!" Doch dann fiel ihm die Unruhe in Sturs Gesten auf. Vom lockeren Winken war dieser zum ungeduldigen Drängen an den Steg übergegangen. "Nein... Stur, sag jetzt nicht, dass es wirklich er..." Unsicher hob Raja den Blick erneut und entdeckte Lio. "Lio! Hey!"

Lio hatte Schluckauf bekommen. Sein Blick war gleich über die winkende Menge geglitten und genau in dem Moment, in dem Gara zu Kaan sagte: "Dort ist dein Sohn. Gut schaut er aus, ob er es getan hat?", sah Lio die Puppe neben Raja, und sein Herz machte einen Satz, um schneller weiter zu schlagen.

"Gara..." Blass geworden umfing er die Hand seines Vaters fester und schloss die Augen, um seine Aufregung zu bekämpfen.

Gara lächelte und suchte die Menge ab. "Es sind viele Puppen hier, Lio. Du hast vielleicht umsonst geweint."

Stur konnte die Augen nicht von der Puppe lassen, während die Fähre anlegte und ein großer Meta vor ihm eines der Seile auffing, mit denen das Boot sicher festgezurrt wurde.

"Kennst du die Familie? Wie heißt die blonde Puppe da bei deinem Vater? Ist das Lio?", fragte er aufgeregt. Als Raja nickte, drängte er sich auf dem Anlegesteg nach vorne, um als einer der ersten die Neuankommenden begrüßen zu können. Er hörte nicht mehr, was Raja sonst noch sagte. Beinahe hungrig starrte er zu Lio hin.

Lio fühlte, dass er angestarrt wurde, aber erst, als er spürte, wie Gara und Mel sich in Bewegung setzten, um über die Rampe zu gehen, öffnete er seine Augen. Beinahe sofort begegnete er dem direkten Blick aus großen hellbraunen Augen. Die fremde Puppe fühlte das selbe wie er.

"Lass mich allein gehen, Gara", flüsterte er heiser. Wackelig folgte er seinem Vater den Steg hinunter, der Puppe entgegen. Die Stimmen der anderen verschwammen im Hintergrund, er nahm nichts anderes mehr wahr.

Stur wäre den Steg am liebsten empor gestürmt, aber ein Meta hatte ihn bei seinem ersten Versuch gleich beiseite gehoben und gutmütig gemeint, dass er es nicht derart eilig haben könnte. Sturs Blick hing an Lio, an den dunkelblauen Augen, die zurückschauten, an dem hübschen, blassen Gesicht, das verriet, dass es der zarten Puppe nicht gut ging.

Als die Familie den Steg verließ, stolperte Lio; Stur zuckte zusammen und schoss nach vorne, an dem blonden Meta vorbei, der offensichtlich Lios Vater war. Doch der schwarzhaarige Meta hinter Lio hatte gut aufgepasst und fing Lio, so dass Stur einfach nur vor ihm stehenblieb. Lio war klein, kleiner als er, und wunderschön. Stur lächelte ihn verzückt an, dann streckte er die Hände nach ihm aus und zog ihn in seine Arme.

Das Gefühl war schon so stark, dass sie sich nicht hätten berühren müssen, um sicher zu sein. Die Umarmung machte alles noch stärker. Der Jubel der Umstehenden, Garas Umarmung, die Lios Gefährten mit einschloss, all das umwirbelte Lio und der Wirbel wurde stärker. Er seufzte leise und flüsterte: "Endlich habe ich dich gefunden", dann fiel er in Ohnmacht.

Gara lachte und hob seinen Sohn hoch, bevor er dessen Gefährten küsste. "Mach dir nichts daraus, Kleiner, Lio ist in der letzten Zeit schon sehr deprimiert gewesen, er ist sehr empfindsam. Die Aufregung hat ihm offensichtlich geschadet. Bringst du uns zu deinem Vater?"

Mit großen Augen hatte Raja zugesehen, wie Stur und Lio einander umarmt hatten. Der Kleine sah nicht gut aus. Blass und dünn, deprimiert und als hätte er geweint. Raja freute sich sehr, dass die Sorgen der zierlichen Puppe nun vorbei sein würden. Doch dann winkte er seinem Vater. "Kaan! Ich wollte dich und Dhanu abholen. Wir alle übernachten zur Zeit bei Devi und Cedric."

Kaan umarmte seinen Sohn kurzerhand ebenfalls und drückte ihn fest. Er war derart erleichtert, dass Lio seinen Gefährten gefunden hatte, dass er kaum wusste, wohin mit seiner Freude. Und dass Raja gesund und glücklich aussah, machte ihn nur noch kribbeliger. "Schön, dich wiederzusehen, Junge. Dir geht es gut?"

Raja nickte. "Ich habe mich schon ein wenig eingelebt. Arkay hat einen Computer für mich bestellt. Es wird wohl aber noch ein paar Wochen dauern, bis ich ihn bekomme." Er folgte Stur, der Gara und Mel aufgeregt zum Haus führte. "Eigentlich sollte Stur mit seinem Vater Devi und Cedric, dem Journalisten, mit dieser Fähre auf seine Reise gehen. Es schaut so aus, als würde die Reise nicht mehr nötig werden."

Kaan lachte. "Ich bin froh darüber. Ich hab mir Sorgen um Lio gemacht. Wer ist Arkay? Ein Schwiegerelternteil?" Das war er nicht, und auf dem Weg zum Haus zurück ließ sich Kaan ein wenig über Rajas neue Heimat erzählen.

Stur rief bereits nach Devi und Cedric, als sie den Garten erreichten. Er ging sogar soweit, Lio loszulassen und zwei Schritt voraus zu laufen, aber konnte sich dann doch nicht von seinem eben erst gefundenen Schatz trennen, sondern kehrte gleich wieder zurück. 'Ich muss schnell zum Meta werden, damit ihn nicht mehr sein Vater trägt. Damit ich ihn beschützen kann, wenn er so empfindlich ist!'

Die Rufe ließen Cedric seinen Rucksack unter die Eckbank und damit aus dem Weg schieben, ehe er zur Tür ging, um zu sehen, was seinen Kleinen so aufgeregt sein ließ. Zuerst sah er die bewusstlose zierliche Puppe und wollte erschrocken gleich loslaufen, um Arkay zu holen, wenn schon Adiva nicht hier war. Dann stellte er jedoch fest, dass niemand besorgt zu sein schien; im Gegenteil leuchteten die Gesichter aller vor Freude. Und Stur... etwas hatte sich in der kurzen Zeit an seinem Sohn verändert. Es war nichts Greifbares, eher ein Gefühl, aber als Cedric Sturs Strahlen sah und wie behutsam er die Hand der kleinen Puppe hielt, erfasste die Freude auch ihn.

Er ließ sich in die typisch bärigen Begrüßungsumarmungen der beiden Meta ziehen, die sich als Gara und Mel vorstellten, knuddelte seinen Sohn und musste herzlich lachen, als dieser ihm zuflüsterte: "Ich hoffe, du bist jetzt nicht zu sehr enttäuscht, dass wir nicht über die Inseln ziehen werden."

Cedric zauste ihm grinsend einmal durch die Haare und versicherte: "Ich bin froh, dass du deinen Gefährten so schnell gefunden hast, so dass du hier bleiben kannst. Und jetzt werde ich das Monster suchen, das dein Vater ist."

Es erwies sich als unnötig, offensichtlich hatten eifrige Puppen die Nachricht schon verbreitet. Noch bevor Cedric die erste Treppe in Richtung des Hauses ihrer Freunde herabgestiegen war, kam ihm bereits Devi entgegen gestürmt.

Devi umarmte und küsste die neuen Mitglieder der Familie und drückte seinen Sohn freudig an sich. Gemeinsam mit Gara richtete er das freie Bett für Stur und Lio in dem Zimmer her, in dem auf dem anderen Bett Raja und Vin untergebracht waren. Lio wurde ausgezogen und unter ein Laken gelegt, dann beorderte Devi Gara jedoch mit sich in die Küche, um bei den Vorbereitungen für die Freudenfeier zu sorgen, nun anstelle der Abschiedsfeier.

Lio kam immer wieder ein wenig zu sich, aber behielt die Augen geschlossen. Erst nun spürte er, dass er in den letzten Nächten kaum noch geschlafen hatte. Er war selbst auf den kleinen Inseln bei jedem Hof gewesen, um dort nach seinem Gefährten zu suchen, während Gara und Mel sich ausgeruht hatten. Doch endlich wurde es still um ihn her, er wurde auf ein Bett gelegt und lauer Wind trug den Duft von frischen Kräutern zu ihm. Als er die Augen aufschlug, blickte er wieder direkt in das Gesicht seines Gefährten.

"Ich bin Lio", flüsterte er leise und hielt seine Arme für den anderen aus.

"Ich weiß." Gleich legte sich Stur zu ihm und zog ihn an sich. Er seufzte vor Glück und lächelte seinen Schatz an. "Ich bin Stur." Vorsichtig streichelte er über die blassen Wangen, dann küsste er Lios Schmollmund. "Jetzt musst du keine Angst mehr vor der Fremde haben. Wie bin ich froh, dass du mit dieser Fähre gekommen bist! Nur eine später..." Er schauderte und drückte Lio fest; das schöne Gefühl, ihn zu halten und zu spüren, dass sie zusammen gehörten, ließ jedes Unbehagen sofort verschwinden.

Lio lächelte und flüsterte glücklich: "Nein, alles war genau so vorgesehen. Stur, hm? Bist du es denn auch? Ich fühle, dass du Meta sein wirst. Ich werde gut auf dich achten in der Wandlung."

"Devi hat mich wegen Ced so benannt. Ced war grausam stur, er hat die heftigste Anpassungsstörung gehabt und wollte auf keinen Fall nach Caley. Er brummelt auch jetzt noch immer, aber das macht er nur aus Prinzip." Unbekümmert lachte Stur und küsste seinen Schatz gleich noch einmal. "Eigentlich dachte ich, ich bekomme auch einen Menschen, weil Jann und nach ihm Devi einen gefunden haben, aber so ist das viel besser." Er verstummte und betrachtete die zarte Puppe, die nun sein Gefährte war. "Wenn du auf mich aufpasst, dann muss ich es um so mehr auf dich. Hast du Hunger oder Durst? Soll ich dir was holen? Ich beeile mich auch."

"Nein, bleib einfach bei mir und lausche. Ich kann die Zeichnung schon spüren, du auch?" Lio festigte seine Umarmung und streckte den nackten Körper der Länge nach gegen Sturs. Er war einiges zierlicher, aber wusste in sich, dass er für seinen Gefährten zäh sein konnte und sein würde.

Raja stand in der Tür und blickte zu dem von leichten Gardinen versteckten Paar, das sich auf die simple Caleyart gefunden hatte. Es war schön, wenn man zusehen konnte, wie selbstverständlich die Caley ihrem Lebensweg folgten. Seufzend ging er dann jedoch ganz in den Raum hinein und stellte das Tablett mit dem Krug kalten Tee und einem Teller mit Gemüsesandwichs neben dem Bett auf den Boden. "Lio, ich habe gehört, dass du nicht mehr gegessen hast vor Sorge. Stärk dich also, Stur lässt dich sicherlich nicht los."

Dankbar strahlte Stur Raja an. "Das ist so lieb von dir, wir haben eben davon gesprochen! Aber er wollte mich nicht gehen lassen." Er half seinem Schatz beim Aufsetzen, dann beugte er sich hinab und holte den Teller hoch, um Lio gleich darauf erneut in die Arme zu schließen. "Iss", kommandierte er.

Während Lio abwechselnd abbiss und das Brot dann für Stur hinhielt, meinte Raja: "Ich bringe euch den Kuchen, wenn er abgekühlt ist. Ruft einfach, wenn ihr etwas braucht."

Er kehrte so leise zur Küche zurück, dass ihn die Meta und Menschen dort nicht bemerkten. Vom Türrahmen aus beobachtete er, wie Vin seinem Vater und Dhanu mit ausladenden Gesten etwas erzählte. Er hatte den Verdacht, dass es um etwas Intimes ging, aber es machte ihm nichts mehr aus. Die Indiskretion der Caley war unerschütterlich und genauso wenig schädlich.

Grinsend beobachtete Raja, wie eine schwarzhaarige Puppe Kaan von hinten umarmte und er nach kurzem Schrecken wieder entspannter dasaß, weil der Kleine fröhlich weiter lief. Dhanu hatte die Haare schneiden lassen, sie waren nun dunkel, was ihm deutlich besser stand als das falsche Blond zuvor. Raja gab für sich zu, er war froh, dass sein Vater einen so attraktiven Fang gemacht hatte.

Er sah zu Vin zurück und ihre Blicke trafen sich. Mit einem Lächeln ging Raja zu ihm. Natürlich nicht so attraktiv und wundervoll, wie sein Fang war. Seufzend schmiegte er sich an Vins Seite und beruhigte dann Gara und Mel, dass mit Lio und Stur alles in bester Ordnung war.

© by Jainoh & Pandorah
 
Ende