Die Alten Geister

2.

Shen überprüfte noch ein letztes Mal die Anordnung der Waren, die er mitgebracht hatte und die vor ihm ausgebreitet auf den mosaikverzierten Tischen lagen. Es war eine Schande, diesen Aufwand für nichts zu betreiben.

Kostbarer Schimmer aus den Tiefen unter den Kronen war in Tiegelchen ausgestellt; auf den Bällen war er begehrt, denn er verlieh der dunklen Haut der Lichten den Anschein, als würde sie in der Nacht fluoreszieren. Pilze und süße Früchte, die es in den obersten ästen nicht gab, teilten sich den Platz mit nachtschwarzen Pelzen. Und eine ganze Hälfte des Tisches war dem Schmuck gewidmet, den Shen mitgebracht hatte. Kostbarer Granit in verschiedenen Schattierungen und edler Sandstein, glänzende Marmorperlen und eleganter Basalt waren nur ein Teil seines Sortiments. Seltener noch als die Steine waren die kleinen Edelsteine, Gold und Silber. Es war ein Vermögen, das gewiss die Aufmerksamkeit der königlichen Familie auf ihn lenken würde.

Unzufrieden richtete Shen eine Kette anders aus und ging dann wieder hinter den Tisch, um sich zu Rho zu setzen, während die anderen Händler zum Teil noch damit beschäftigt waren, ihre Ware auszupacken. "Wir werden Eindruck machen, da bin ich mir sicher, wenn ich die anderen sehe. Und dann kann ich diesen Vorteil nicht mal ausnutzen."

Rho hob die Schultern und schob ebenfalls an einigen Tiegeln. "Verkaufen können wir die Waren, aber vor allem müssen wir darauf achten, dass wir zum Ball bleiben dürfen. Als Gäste von Prinz Yami, wenn es geht."

Er war froh, dass Shen bei ihrem gewagten Plan mitmachen würde. Den berühmten Heilprinzen Yami zu entführen, würde nicht leicht fallen. Zum einen war er der Augenstern seiner Krone und wurde gut bewacht, zum anderen war niemand in der Umgebung so auffällig wie Yami mit seinem fast weißen Haar. Alle Farben des Regenbogens waren häufig, in allen Schattierungen, aber Weiß gleich mit welchem Farbeinschlag war eine Seltenheit oben im Licht.

Rhos Blick glitt über die geschmückten höheren Lichten, die sich im Palast gesammelt hatten und begierig darauf warteten, dass Yami mit seinen Eltern und Schwestern erscheinen und den Handel nach einem Rundgang eröffnen würde. Natürlich gehörte dem Prinzen das Recht, als erster mit den Händlern zu sprechen und sich Waren auszusuchen.

"Shen, schieb die Ketten mehr in den Vordergrund, ich habe gehört, dass Yami seinen Schmuckgeliebten sehr verwöhnt", riet Rho gerade, als die Flügeltüren aus feinem Spinnweb sich öffneten und Glockenspiele die hohe Familie ankündigten.

Shens Blick glitt zu den Türen, aus denen zuerst ein Herold trat, dann sah er zurück zu Rho, dessen grüner Schopf sich über die Ketten beugte, um seinen Vorschlag selbst auszuführen. Ohne diesen Mann wäre er gar nicht hier. Aber Rho war sein bester Freund; er hatte ihn unmöglich allein zu diesem gefährlichen Unternehmen aufbrechen lassen können, gerade auch, weil er als Händler mit seltenen Waren so hervorragend in diesen Plan passte. Leider war Shen davon überzeugt, dass ihr Vorhaben zum Scheitern verurteilt war, selbst wenn es ihnen gelang, den Heilprinz zu entführen.

Er richtete sich auf und schob die Gedanken beiseite. Ein kurzer Blick an sich herunter bestätigte ihm, dass die enge, bis zu den Knien gewickelte dunkle Hose und die offene schlichte Weste ordentlich saßen. Beides mit dem leichten Glanz, der darauf hinwies, dass die Kleidung mit Fett wasserabweisend gemacht worden war. Zwar war das im Licht überflüssig, aber er hatte entschieden, das Erbe seiner Mutter zu betonen, die eine Stille gewesen war und von der er die schwarzen Haare, die grauen Augen und die helle Haut geerbt hatte, die ihn besonders unter den dunkelhäutigen Lichten auffallen ließ. Bei einem Händler, der mit den Waren aus der Stille und dem Schimmern handelte, war das von Vorteil.

Rhos Aufmerksamkeit wurde zu den Toren gezogen, ein Raunen ging durch die Menge. Es war verständlich, denn der Anblick des Prinzen war ein ungewohnter. Mit vor Staunen runden Augen stieß Rho seinem Freund in die Seite. "Das ist mal ein schöner Prinz, hm? Er und sein Schmuck können leicht verwechselt werden." Shen folgte dem Blick und musterte den Prinzen, zu dem sich ein zierlicher Mann mit orangefarbenen Haaren gesellte, dann meinte er humorlos: "Zu mager, alle beide. Diese Schmuckgeliebten entziehen sich noch immer meinem Verständnis. Ich weiß nicht, was ihr Lichten an diesen Püppchen findet."

"Das ist zur Zeit die Mode. Hättest mal meinen letzten Schmuck sehen sollen. Da hab ich mich nicht gewundert, dass mein Bruder den nicht mehr haben wollte. Wie hieß er noch einmal... na, egal." Rhos älterer Bruder Io war der Thronerbe ihrer Krone. Er hatte damit natürlich die beste Auswahl an Schmuckgeliebten, aber war schnell einmal von ihnen gelangweilt und schob sie dann zu seinem unscheinbaren und unbekannten Bruder Rho ab, der selbst keine Lust hatte, sich dieses Statussymbol auf Bällen oder Empfängen zu erwählen. "Ich war froh, als wir ihn verheiratet hatten. Mager und zickig, enttäuscht von meinem Bruder und dazu noch deprimiert. Immer hab ich sie deprimiert und zu mager von Io bekommen."

Grinsend erinnerte Rho sich, wie aber ausgerechnet der neuste Schmuckgeliebte seines Bruders zum unfreiwilligen Informanten geworden war. Es hatte sich herausgestellt, dass ausgerechnet ihre Krone und die des Heilprinzen, die sich seit Generationen nicht grün waren, ihre Schmuckgeliebten aus derselben traditionsträchtigen Familie bezogen. Die blumigen, romantischen Briefe, die Ios derzeitiger Geliebter erhalten hatte, sprachen von den wundervollen Fähigkeiten, die der Prinz Yami ausüben konnte, von der Leichtigkeit, mit der Yami heilte und linderte.

Rho lehnte sich dichter zu Shen hin. "Und kannst du dir vorstellen, dass der Schmuck an der Seite des Prinzen sich in seinen Briefen als zu unansehnlich, gar unförmig bezeichnet hat?"

"Unförmig? Der braucht ein bisschen mehr Fleisch auf den Rippen, dann würde er vielleicht sogar nett aussehen." Shen gönnte dem Wesen mit den flammfarbenen Haaren einen zweiten Blick und dachte bei sich, dass die Mode der dürren Schmuckstücke zumindest einen Vorteil hatte. Viel Gegenwehr war von dem zierlichen Mann nicht zu erwarten, wenn sie seinen Prinzen entführten. Er dämpfte seine Stimme noch ein wenig mehr und fügte an: "Aber wenn alles gut geht, dann wirst du dich ja bald für einige Zeit in der Nähe dieses hübschen Prinzen aufhalten dürfen. Du darfst dir auch ganz allein sein Wehklagen anhören, wenn ihm die Wege in der Stille nicht gefallen und er sich vor den Spinnen fürchtet."

Rho sah seinem Freund in die schmalen, grauen Augen. "Ich liebe deinen Humor, Shen." Er grinste und rückte noch ein wenig dichter auf. "Wenn wir Glück haben, können wir uns die beiden zusammen greifen, dann trösten sie sich gegenseitig, hm?"

"Trösten?", brummte Shen und zog zweifelnd die Augenbrauen hoch. "Dann schreien sie eher doppelt so laut."

 

Tsusu verneigte sich tief vor dem König und der Königin, die mit ihren Schmuckgeliebten an ihm vorbei in die Halle traten. Die Händler hatten auf den bunten Ständen bereits begonnen, ihre Waren so vorteilhaft wie möglich auszubreiten, auch wenn zunächst die Unterhändler einiger Kronen mit dem König reden und über Güter verhandeln wollten.

Als nächstes traten die Prinzessinnen in die Halle und endlich folgte Yami. Mit einem strahlenden Lächeln ergriff Tsusu seine Hand und küsste ihm die Fingerspitzen.

"Du hast mir gefehlt, mein Prinz", flüsterte er ihm leise zu und schmiegte sich leicht an ihn, während er seinen Blick über die Marktstände gleiten ließ.

Yami erwiderte das Lächeln freudig und drückte die schlanken Finger, dann ließ er sie wieder gehen, um einen Arm um Tsusu legen zu können.

"Ich fühle mich immer allein ohne dich", sagte er leise. Er hielt ihn, bis sein Vater endlich die Gespräche mit den Abgesandten beendet hatte und zu dem ersten Händler schritt. Die Reihenfolge war festgelegt.

Yami wartete, bis seine Eltern die ersten beiden Tische passiert hatten, ehe er mit Tsusu an der Hand, ihre Finger ineinander verschränkt, seine Runde begann.

"Vergiss nicht, du kannst dir wünschen, was immer du willst", erinnerte er seinen Geliebten und küsste ihn rasch auf die Schläfe, während sie Stoffe betrachteten, Zierborten, Spielzeug, Tand und Schmuck. Es war altbekannt, wenn auch neu in den Mustern oder Farben, und Yami hoffte auf Abwechslung durch die Tische der neuen Händler.

 

Nun doch ein wenig nervös beobachtete Rho, wie Shen mit den Händlern des Königs einen Preis für etliche Felle ausmachte. Das Königspaar war schon weiter gegangen, und so fiel es ihm zu, die Prinzessinnen mit Schmeicheleien auf Federschmuck und Spitzen aufmerksam zu machen. Ihre Geliebten waren zu seinem Glück sehr verwöhnte Dinger und blieben wegen der Andersartigkeit ihrer Waren neugierig stehen. Rho hob mit behandschuhten Fingern Spinnwebspitzen für sie an, ließ Perlen und Steine auf dunklem Samt glitzern und machte Komplimente wie noch nie in seinem Leben. Die ganze Zeit über blickte er jedoch mehr zum Prinzen, der mit seinem Geliebten im Arm immer näher kam.

Die Prinzessinnen entschieden sich gerade für einige Steine und Rho ließ Shen das Gespräch übernehmen, als Yamis Geliebter seine kleinen Hände nach einem reich mit schillernden, roten Federn geschmückten Gürtel ausstreckte. Es war bekannt, dass Tsusu eigentlich eher grün trug und er versteckte seinen Po stets gut mit ausladenden Gürteln, weil dieser unziemlich zu sein schien. Jedenfalls nach der Philosophie der Schmuckgeliebten.

Tsusu blinzelte irritiert, weil der Händler ihn statt mit säuselnden Worten eher mit einem dämlichen Grinsen begrüßte. Hastig zog er seine Finger von dem Federgürtel zurück und schob sich enger an Yami heran. Hatte der Händler ihm auf den Hintern gestarrt? Was für eine Unverschämtheit! Er zupfte das breite Band darüber weiter herunter und seufzte unhörbar, bevor er sein Lächeln wieder auf die Lippen zwang. Das war kein Ort für trübe Gedanken und Befürchtungen. Yami liebte ihn, er betete seinen Prinzen an. Er kaschierte sein aufdringliches Anschmiegen, indem er sich zu ihm wandte und leise flüsterte: "Der Gürtel gefällt mir, ich bin aber unsicher, ob er mir in dieser Farbe bekommt."

Shen verneigte sich noch einmal in Richtung der Prinzessinnen, ehe diese weiter gingen, dann wandte er sich dem Prinzen und seinem Geliebten zu. Seine feinen Ohren hatten die letzte Bemerkung des Schmuckstücks aufgefangen, und er erlöste Rho, der sich trotz seiner mangelnden Erfahrung im Handel bis dahin recht gut gehalten hatte, auch wenn er es nun irgendwie geschafft hatte, Tsusu zu empören.

"Er stiehlt dem Haar deines Schmucks die Aufmerksamkeit, Hoheit. Dieser hier hingegen würde ihm schmeicheln und die Blicke auf sein Feuer lenken." Er zog einen schwarzen Federgürtel unter dem roten hervor und ließ ihn über seine Hand gleiten. Geschickt verwobene Silberfäden glitzerten auf und ließen die Pracht fließend wirken, während kleine Perlen Akzente setzten. "Ich habe zudem Haar- und Armschmuck, der dazu passt."

Tsusu sah sich nach dem hochgewachsenen Händler um, zögerlich löste er sich von Yamis Arm und trat zu ihm, um den Gürtel zu betrachten. Es war in der Tat ein Kunstwerk und würde sicherlich die Aufmerksamkeit aller auf ihn lenken, wenn er ihn zum Ball an diesem Abend tragen würde. Fragend blickte er in die dunkelblauen Augen des Prinzen.

Yami lächelte. "Er gefällt dir, mein Liebling? Dann sollst du ihn haben. Du wirst bezaubernd damit aussehen. Zeig mir den Haarschmuck, Händler."

"Er ist sehr ungewöhnlich, Hoheit", warnte Shen, während er unter dem Tisch hervor ein flaches Kästchen holte. Als sich der Prinz ihm zuwandte und ihn aus diesen unglaublich blauen Augen mit leicht schief gelegtem Kopf ansah, verstand er mit einem Mal die Lieder, die um den zarten Mann gesungen wurden. Dann vertiefte sich Yamis Lächeln, was Shen für einen Moment überrascht innehalten ließ. Der Prinz war wirklich außergewöhnlich, selbst eine einzigartige Kostbarkeit. Mit einem Mal war er froh, ein ganz besonderes Schmuckstück zurückgehalten zu haben.

"Deswegen sind wir hier." Yami beugte sich neugierig weiter vor, als das Kästchen geöffnet wurde, dann formten sich seine Lippen zu einem kleinen, überraschten "Oh!"

Auf einem Bett aus rotem Samt ruhte ein schwarzer Vogel mit ausgebreiteten Schwingen, deren Spitzen mit einer Kette verbunden waren. Von ihrer Mitte herab hing ein filigraner Anhänger mit einem nachtschwarzen Stück Obsidian.

Shen deutete auf den Stein. "Er liegt auf der Stirn, der Vogel schmiegt sich an den Hinterkopf, so dass seine Schwanzfedern über den Rücken fallen. Und dieser hier", er schob ein weiteres Kästchen nach vorne, obwohl Yami seinen Blick noch gar nicht richtig von der Spange lösen konnte, "ist von ähnlicher Machart."

Yami hob vor überraschung die Hand an den Mund. Es war ein Fisch, ein Fabeltier, von dem gesagt wurde, es könne Wasser atmen. Und dieser Fisch war in schillerndem Weißblau gehalten, mit einem atemberaubenden Himmelsfeuerstein anstelle des Obsidians. Einen Atemzug lang konnte Yami nur entzückt starren, dann sah er zu dem Händler auf und stellte fest: "Du hast diese Stücke für mich und meinen Geliebten ausgesucht." Shen ließ ein halbes Lächeln zu. "Das ist richtig, Hoheit. Sie schienen mir wie für euch gemacht."

Die Wahrheit war eher, dass er tagelang seine Lager durchgegangen war und sogar eine Reise tief hinunter ins Schimmern unternommen hatte, um geeignete Stücke zu finden, die den Prinzen beeindrucken konnten. Offensichtlich war es ihm gelungen.

"Das soll nicht unbelohnt bleiben, Händler. Sag mir deinen Namen. Ich will euch gerne zu dem Ball einladen."

"Ich bin Shen, und mein Gehilfe heißt Rho." Trotz der Zufriedenheit, dass ihr Plan bis dahin gelungen war, amüsierte es Shen, dass er seinen eigenen Prinzen auf diese Weise vorstellen konnte. Doch er ließ es sich nicht anmerken, als er sich vor Yami verneigte. "Du bist großzügig, Hoheit, ich danke dir."

Yami lachte leise und schob seinen Arm wieder um Tsusu. "Nein, ich bin nur ein wenig eigensüchtig. Ich hoffe natürlich, dass wir am Abend die Geschichte der Schmuckstücke zu hören bekommen. Pack sie ein, sie werden abgeholt werden."

Er nickte dem Händler zu, streifte dessen grünhaarigen Gehilfen mit einem freundlichen Blick und ging dann mit seinem Geliebten weiter.

"Wirst du die neuen Stücke auf dem Ball tragen?", fragte er leise und drückte den schlanken Körper enger an sich. "Du wirst damit der Stern des Abends sein."

Aufgeregt hatte Tsusu das fremdartige Schmuckstück angesehen. Er konnte sich bereits gut vorstellen, dass er in der Tat die Blicke auf sich ziehen würde, erst recht mit dem wundervollen Prinzen an seiner Seite. Er schmiegte sich enger an ihn heran.

"Ich danke dir, Yami", flüsterte er leise und küsste ihn sacht einmal auf das Ohr, bevor er sich in Richtung des hochgewachsenen Händlers verneigte, als sie weitergingen.

Rho blickte dem schönen Paar hinterher und trat dann zu Shen, um ihn in die Seite zu stoßen. "Der Köder ist schon einmal angenommen worden."

Shen nickte. "Das war einfach. Jetzt kommt der schwierige Part. Und er beginnt mit dem Ansturm der hohen Herrschaften, den wir nun bewältigen müssen. Immerhin wird es mir einen netten Profit bringen." Dann lächelte er und wandte den Blick zu Rho. "Du schlägst dich gut. Solltest du jemals müde werden, ein Prinz und Kämpfer zu sein, kannst du jederzeit bei mir als Partner einsteigen."

Rho lachte auf. "Nein, vielen lieben Dank. Ich bin lieber Prinz. Zudem, so aufregend eine Reise durch die Stille sein mag, allzu oft mag ich das nicht über mich ergehen lassen. Die Dunkelheit gefällt mir nicht."


© by Jainoh & Pandorah