Die Alten Geister

4.

Je höher sie kamen, umso kostbarer und ausgefallener wurden die Gänge, die überdachten Brücken und die Säle. Shen prägte sich die Strecke gut ein, Säulen und Schränke, hinter denen man sich verstecken konnte, Seitengänge, die Schutz gewährten. Denn ihm würde es zufallen, den Rückweg zu finden. Schließlich erreichten sie die Gemächer des Prinzen. Sie wurden genau bis in das vorderste Empfangszimmer gelassen, wo sie die Truhe abstellten. Die Dienerin war sehr offensichtlich erleichtert, als sie die Tür hinter sich schließen konnten.

Als sie den öffentlichen Teil des Palastes wieder erreicht hatten, schickte Shen den Träger zurück zum Zelt, um selbst noch einmal in die Ballsäle zurückzukehren und Yami auszurichten, dass die Schlangen sich nun in seinem Besitz befanden. Dann zog er sich erleichtert zurück, um dem Lärm zu entkommen, während er darauf wartete, dass der Ball endete.

 

Rho lauschte eine ganze Weile fast atemlos, bevor er sich vorsichtig aus der Truhe erhob. Er musste einige der Schlangen hastig einfangen, dann konnte er den Raum mit einem Blick durchstreifen und fand rasch das Gesuchte den Brunnen des Prinzen, aus gereinigtem Wasser gespeist, das stetig von kleinen Schöpfkellen in diese Höhe befördert wurde. Rho stoppte die Kellen in ihrem Umlauf und gab das Schlafmittel in großzügiger Dosis in das Wasser.

Er hatte gerade umgerührt und einen Krug in der Nähe zur Vorsicht ebenfalls mit dem feinen Öl versetzt, als er Stimmen hörte, die sich näherten. Hastig trat er auf den Balkon hinaus, um sich im Schatten der überhängenden Blumenranken zu verstecken.

Tsusu und Yami betraten die Kammer und verabschiedeten sich von den Leibgarden, die sie bis zum Treppenabsatz begleitet hatten. Der Prinz und sein Geliebter waren offensichtlich schon ein eingespieltes Paar. Yami hielt ohne Aufforderung seine Arme aus und ließ sich von seinem Schmuck und den kostbaren Tüchern befreien.

Während Yami sich aus einer Schale mit bereits gewärmtem Wasser wusch, entkleidete Tsusu sich und Rho wandte den Blick ab, weil es ihm anerzogen worden war, dass man einen Schmuckgeliebten nicht entkleidet und entschmückt betrachten durfte. Er lauschte stattdessen und hörte die zärtlichen Worte zwischen den beiden und das Lob, das Yami für seinen Schmuck in überreichlichem Maß fand.

Endlich hörte er, wie sie an den Trinkbrunnen traten und Tsusu seinem Prinzen eine Schale mit frischem Wasser reichte. Eine leise Bemerkung über den stehenden Brunnen erschreckte Rho kurz, aber gleich darauf vernahm er, dass sie tranken. Er wusste, dass sie sich benommen fühlen würden und dann schläfrig.

Offenbar war die Dosis ein wenig höher gewesen, denn er hörte nur noch, wie Tsusu sich über Schwindel beklagte und offensichtlich niedersank. Wenig darauf war es gänzlich still im Raum, so dass Rho gefahrlos zu ihren Opfern hinblicken konnte. Sie lagen auf dem Bett, wohin Tsusu das Wasser gebracht hatte und stöhnten leise, aber rührten sich nicht.

Rho vertäute das Seil am Balkongeländer und warf es in den kleinen Innenhof hinunter, wo Shen warten sollte. Dann machte er das verabredete Zeichen, einen Vogelruf und blickte hinunter.

Shen hatte die kostbare Kleidung gegen schwarze ausgetauscht und die Sandalen gegen Stiefel mit weicher Sohle, die keine verräterischen Geräusche machen würden. Um den Kopf trug er nun ein Tuch, wie er es auch immer in der Stille anlegte. Es hielt ihm die Haare zuverlässig aus dem Gesicht und schützte vor den häufigen Regengüssen. Dann hatte er gewartet, bis endlich die Stimmen leiser geworden waren und sich schließlich verloren hatten.

In den unbewachten Innenhof zu schleichen und sich dort im Schatten einiger Büsche zu verbergen, war ein Leichtes gewesen. Dann hieß es wieder zu warten, doch das fiel Shen nicht schwer. Das leise Rauschen, als das Seil zu Boden fiel, ließ ihn zum Balkon aufsehen. Gegen den dunklen Himmel konnte er schwach Rhos Silhouette erkennen, und nur einen Moment später hörte er das Signal.

Lautlos stand Shen auf und trat zu dem Seil. Kurz prüfte er, ob der Knoten hielt, dann turnte er gewandt nach oben. Unterhalb der Kronen kam man häufig nur auf diese Weise vorwärts. Rasch holte er das Tau ein, kaum dass er über die Brüstung geklettert war und folgte Rho ins Innere des Raumes. Yami und sein Schmuck lagen reglos beieinander. Das helle Haar des Prinzen schimmerte im Mondlicht wie der Mond selbst.

"Das war einfach", murmelte Shen und wandte sich Rho zu. "Der Weg durch den Palast ist lang. Ich denke, es ist gefahrloser, wenn wir den Prinzen auf dem gleichen Weg nach unten befördern, wie ich hochgekommen bin."

Rho nickte leicht. "Die Leibgarde dürfte auf den Treppen wachen."

Er öffnete die Truhe und entließ die Schlangen in eine trügerische Freiheit. Darunter, in einem ledernen Sack, hatte er schwarze Kleider und eine schwarze Netzmütze für den Prinzen, so dass man ihn nicht so gut erkennen würde. Während Shen das Tau für das Abseilen vorbereitete, kleidete er den Prinzen vorsichtig ein. Mit einem kleinen Lächeln stülpte er ihm die Mütze über das helle Haar und strich einmal über das zarte Gesicht. "Tut mir leid, du bist einfach zu begabt, um nur für eine Krone zu heilen. Ich bin so weit, Shen."

Rho ließ sich von Shen mit Yami im Arm und durch einen weiteren Strick gesichert langsam abseilen. Einmal trat unten auf dem Hof jemand kurz durch einen der Torbögen und jemand hustete, dann hörte Rho, der hastig das Zeichen zum Anhalten gegeben hatte, dass es betrunkene Händler waren, die den Ausgang suchten.

Erleichtert schulterte Rho seine kostbare Last sobald er unten angekommen war, und trug ihn unter ächzen vom Hof fort zur mittlerweile leeren Festhalle hinüber, wo er auf Shen warten sollte.

Shen wollte seinem Prinzen gerade folgen, als er das Stöhnen aus dem Gemach hörte. Er fuhr herum und sah zum Bett hin, auf dem Tsusu lag. Der kleine Schmuckgeliebte hatte sich bewegt, und für einen Moment dachte Shen, seine Augen zu sehen, wie helle Schatten in dem dunklen Gesicht. Mit einem lautlosen Fluch huschte er zu ihm hin und sah auf ihn hinab. Rührte Tsusu sich nicht, weil er sich bewusstlos stellte? Oder schlief er wirklich? Shen rüttelte ihn vorsichtig an einer Schulter, dann etwas heftiger. Der Mann ließ es mit sich geschehen, ohne zu reagieren. Hätte er nicht wenigstens stöhnen sollen? Das hatte er vorher ja schon einige Male getan.

"Du lässt mir keine Wahl, Kleiner", murmelte Shen unwillig. Er sah sich um und entdeckte feine Tücher auf einem Stuhl. Schleier, wohl zum Tanzen gedacht.

Er führte sie einer anderen Verwendung zu, als er eines als Knebel und andere zum Fesseln benutzte. Kurz überlegte er, Tsusu ans Bett zu fesseln, damit er nicht Alarm schlagen konnte, aber entschied sich dann anders. Er hüllte Tsusu in die Decke, unter der sich Rho verborgen hatte, womit er zumindest die offensichtlichsten Spuren entfernte, die auf sie hinwiesen. Das Tsusubündel band er sich auf den Rücken. Noch immer bewegte sich der Schmuckgeliebte nicht, und Shen fragte sich, ob er nun starr vor Angst war oder doch schlief.

Vorsichtig trat er auf den Balkon und suchte nach Beobachtern, dann knüpfte er das Tau neu und ließ sich über die Brüstung hinab. Rasch kletterte er nach unten und löste den Fangknoten, so dass das Seil hinabfiel. Eilig rollte er es auf und schlang es um sich, ehe er zu dem Treffpunkt schlich.

Rho blinzelte verwundert, als er Shen mit seiner Last erblickte. "Aha? Hast du dir noch ein Andenken mitgenommen?"

Shen antwortete nicht. Es war gerade Wachablösung, so dass sie mit ihren Bündeln unbehelligt durch das Tor an der Halle schleichen konnten.

Erst vor den Toren der Krone, am Stieg in die Stille, hielten sie kurz an, um ihre dort vorher versteckten Bündel aufzunehmen. Rho war noch immer froh darüber, dass Shen zugestimmt hatte, seine Waren durch den Träger zu seinem Lager in der Stille bringen zu lassen. So konnten sie nun mit den Bewusstlosen besser zurecht kommen. "Da wären wir. Ab jetzt musst du den Weg führen. Ich hoffe, dass wir noch in der Nacht weit genug kommen, um unerkannt zu bleiben. Yami ist in seiner Krone sehr beliebt, aber darüber hinaus wird sicherlich kaum einer wissen, wie er aussieht, nicht?"

"Selbst wenn sie es wissen, werden wir die Dörfer der Stillen meiden. Und dass uns einer begegnet, der spontan beschließt, den Prinzen zu befreien, falls er ihn erkennt, ist unwahrscheinlich." Shen sah auf den eingepackten Tsusu hinab, den er abgelegt hatte, um sein Reisebündel aufnehmen zu können. "Aber zumindest einmal werde ich einen Abstecher machen müssen... Wir brauchen mehr Kleidung." Er hockte nieder und rollte die Decke auf, um Rho zu zeigen, was genau das Andenken war.

Rho hob eine Hand an seinen Mund, dann lachte er auf. "Du hast den Schmuck gestohlen?" Er schlug seinem Freund auf die Schulter und lachte noch einmal. "Du bist vielleicht ein Racker. Ich dachte, du hast nichts für die dürren Dinger über?" Er ließ sich rückwärts auf seinen Hintern plumpsen, dann meinte er: "Es ist nicht gut, wenn man einen Schmuck durch direkte Blicke entwertet. Ich habe in meinem Bündel noch eine Hose und eines dieser langarmigen Hemden. Das kannst du ihm anziehen, bis wir an deinem Lagerhaus sind." Er öffnete die Schnüre an seinem Bündel und reichte Shen die Kleidung heraus. "Hoffentlich schlafen die beiden bis morgen durch, bis dahin sind wir schon ein gutes Stück gewandert, schätze ich."

"Ich habe gedacht, das Schlafmittel hätte bei ihm nicht gut genug gewirkt", knurrte Shen, während er Tsusu von den Fesseln befreite. Wegen dieser unverständlichen Sitte der Lichten kleidete er ihn gewiss nicht ein. Aber unter den Kronen war es zu kühl für die dünnen Stoffe, die Tsusu trug.

Natürlich waren Hose und Hemd dem zierlichen Mann zu weit und zu lang; er sah niedlich aus und ein wenig kindlich. Um sich nicht ständig in den lästigen Haaren zu verfangen, flocht Shen sie rasch zu einem Zopf, ehe er Tsusu wieder in die Decke wickelte, aber dieses Mal den Kopf frei ließ.

Er holte die Spinnwebkugel aus seinem Beutel hervor; ein sachtes Darüberstreichen ließ sie erstrahlen. Shen warf sich Tsusu über die Schulter und wartete, bis Rho Yami aufgenommen hatte, dann ging er voran hinab in die Stille.

Sie ließen das Zirpen der nächtlichen Insekten hinter sich und ebenso das letzte Licht der Sterne und des Mondes, als sie die schmalen Stufen hinunter stiegen. Das unregelmäßige Flackern der Kugel erhellte ihren Weg, hob Äste aus der Dunkelheit hervor, die sich um die Treppe wanden oder von ihr umgangen wurden. Nässe glänzte auf Rinde und Holz, an geschützten Orten hatten sich dicke Lagen Moos festgesetzt. Flechten hingen wie Spinnenschleier von Zweigen herab. Weit entfernt schrie ein Geisterkauz, und Shen lächelte. Es war eine Begrüßung, ein gutes Omen.

Rho hatte nie behauptet, dass er die Stille mochte, aber er hatte sehr wohl schon verkündet, dass er die Stille bei Nacht hasste. Wieder bekam er einen deutlichen Eindruck, warum dies so war. Geräusche aus dem Nichts umgaben sie; kühle, unangenehme Feuchtigkeit durchdrang seine Kleidung, und das unruhige Licht von Shens Kugel hob die Schatten vom Geäst derart hervor, dass Rho hinter jedem zweiten einen Gegner zu erkennen meinte. Einzig Shens Ruhe und der sanfte Duft aus Yamis Haar halfen ihm, seine ängste zu überstehen.

Es war erstaunlich leicht, den Prinzen zu tragen. Rho war verwundert darüber, aber die zarte Gestalt, die sich warm und schlaff auf seinen Rücken schmiegte, kam ihm um einiges leichter vor als die Jagdbeute, die er bei seiner letzten Wanderung über die schmalen Grate und krummen, vor Feuchtigkeit und Moos glatten Treppen geschleppt hatte. Yami machte, dass man ihn sicher an sein Ziel bringen wollte. Nicht nur, weil Io ihnen beiden den Hals umdrehen würde, wenn dem Heilprinzen etwas passierte, sondern auch weil Rho nicht wollte, dass Yami etwas zustieß, ging er besonders vorsichtig.

Shen führte Rho über einfache Wege, die zwar länger waren, aber für die Lasten, die sie trugen, besser geeignet. Klettern würde sie zu sehr ermüden. Lediglich einmal nutzten sie das Seil, um noch einige Äste tiefer zu gelangen. Wenn die Soldaten des Königs ihnen folgten, würden sie suchen müssen. Aber einen Stillen in seiner Heimat zu finden, der nicht entdeckt werden wollte, war ohnehin schwer, wenn man ein Lichter war. Vom Anbruch des Tages in den Kronen merkten sie erst nicht viel. Shen konnte es anhand kleiner Hinweise erkennen, als sich die Tiere der Nacht zur Ruhe begaben und ihre Stimmen leiser wurden, während die Dunkelheit außerhalb des hellen Kreises der Kugel für seine empfindlichen Augen lichter wurde. Doch er hielt erst an, als sie eine der Höhlen erreichten, in der sie das Lager errichten konnten.

Ein großer Ast war aus einem weiteren gebrochen, der selbst wie ein gigantischer Baum anmutete, und hatte dabei die Höhlung hinterlassen. Das Wachstum der Gabelung hatte die Kanten und Splitter geglättet, und der Boden war durch verwitterte Pflanzen eben geworden. Vorsichtig legte Shen seine leichte Last ab und streckte sich.

"Das Dorf ist nicht allzu weit von hier. Wenn ich ohne Tsusu gehe, bin ich schnell wieder zurück. Pass auf die beiden auf." Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte er sich um und huschte in das heller werdende Zwielicht davon.

 

Yami stöhnte leise. Sein Kopf schmerzte, seine Glieder waren zu schwer, um sie zu bewegen, und seine Zunge klebte trocken am Gaumen. Er konnte sich nicht erinnern, sich jemals so schlecht gefühlt zu haben. Noch ehe er richtig wach war, begann er bereits damit, sich zu heilen. Es fühlte sich an wie eine leichte Form der Vergiftung, ein heftiger Alkoholrausch, aber so viel hatte er nicht getrunken.

Die Heilkraft strömte durch ihn hindurch und ließ ihn sich sofort besser fühlen. Nur der Durst blieb und seltsamerweise auch das Gefühl, sich nicht bewegen zu können. Yami blinzelte verwirrt und öffnete die Augen. Es war nicht dunkel, aber keine Sonne durchflutete sein Zimmer. Die Decke über ihm war unvertraut, kaum zu erkennen und aus rohem, gewachsenem Holz gänzlich ohne geformte Ornamente oder Farbe. Als er erneut versuchte sich aufzurichten, stellte er fest, dass er gefesselt war.

Schreck durchfuhr ihn genauso wie Verwunderung. Wer hatte ein Interesse daran, ihn zu entführen? Als das wenige Licht von einer Gestalt noch weiter verdunkelt wurde, die den Raum betrat, erkannte er den grünhaarigen Händler wieder. War er überhaupt ein Händler? Wollten sie ihn zu einer anderen Krone bringen? Aber das war unnötig. Wenn jemand Hilfe suchte, konnte er direkt zu ihm kommen. Yami kümmerte es nicht, woher die Person kam. Oder wollten sie etwas von seinem Vater erpressen? Er fühlte noch leicht benommen eine Sorge, die an Angst grenzte.

Rho ging neben dem Prinzen in die Hocke und stupste ihn leicht an. "Du bist aufgewacht, hm? Ich werde deine Fesseln gleich lösen, damit du etwas trinken kannst. Versprich mir bitte, dass du nicht versuchen wirst, davon zu laufen. Wir sind in der Stille, hier kannst du jederzeit in die Finsternis stürzen, wenn du unvorsichtig bist."


© by Jainoh & Pandorah