Die Alten Geister

5.

Erschrocken riss Yami die Augen auf. In der Stille? Aber es machte Sinn. Hierher würden die Soldaten seines Vaters nur ungern gehen, und sie kannten sich kaum aus. Um zu entkommen, war es die beste Möglichkeit. Bestimmt war der dunkelhaarige Händler Shen auch irgendwo, vielleicht verwischte er ihre Spuren.

"Was wollt ihr von mir?", fragte er unsicher und ängstlich, auch wenn Rho nicht bedrohlich wirkte.

"Du bist Heiler. Wir brauchen deine Fähigkeiten. Sehr dringend, wie du an den Mitteln sehen kannst." Rho löste die Fesseln und reichte die Trinkschale aus einer ausgehöhlten Nuss zu ihm hin.

Dankbar nahm Yami sie entgegen und trank sie in einem Zug leer; er fühlte sich ausgetrocknet.

"Du hast recht", sagte er, nachdem er sich den Mund abgetupft hatte. "Ich bin Heiler. Und das bedeutet auch, ich würde niemandem die Tür weisen, der meine Hilfe dringend benötigt. Bring mich zurück, Rho. Ich verspreche dir, du und dein Freund, ihr werdet nicht bestraft werden. Wer braucht mein Talent derart dringend, dass du zu solchen Risiken bereit bist? Deine Geliebte? Ein Verwandter? Ein Freund?"

Rho ließ sich neben ihrem Gefangenen nieder. Es sagen zu müssen, brachte die Kühle zu ihm zurück. Die Furcht davor, was werden mochte, wenn ihr Plan versagen sollte.

"Es ist kein Freund, den ich zu dir bringen kann, Yami. Die Kranke ist unsere Krone." Er reichte dem Prinzen mehr Wasser. "Seit einiger Zeit sind Berichte von den äußeren Ästen zum König hereingekommen, dass die Krone nicht mehr blühen mochte. In dieser Blütezeit dann hat man keine einzige Dolde mehr erblicken können, keinen einzigen neuen Trieb. Und nun..." Rho zog die Beine an den Körper. "Nun ist das Grün verblasst. Ich habe es selber gesehen, sonst hätte ich keine Vorstellung von dem Grauen. Die Äste sind unbewohnbar, trocken, einige sind abgebrochen und die Heimatlosen aus anderen Kronen sind ebenfalls bereits an unserem Hof aufgetaucht. Ist denn noch kein Bericht von der Krankheit der Kronen an deinen Hof gedrungen?"

Yami wandte den Kopf zum Eingang, durch den das graue Licht der Stille fiel. Er vermisste die jubilierenden Vogelstimmen, das Klingen der Windspiele und ganz besonders Tsusus zärtliche Fürsorge. Sein kleiner Liebling würde sich furchtbare Sorgen machen, aber immerhin war er in Sicherheit. Dass Rho und sein Freund ihm etwas getan hatten, konnte er sich nicht vorstellen. Rho... Sein Verhalten hatte sich geändert, er war nicht mehr der freundliche Händler, der zu gefallen versuchte, und mit einem Mal wusste Yami, wer er war. Natürlich hatte er von den Krankheiten der Kronen gehört; eine befreundete Königin hatte ihn auch bereits deswegen um Hilfe gebeten. Seine Reise zu ihr war vergeblich gewesen. Yami hatte den Zerfall des Baumes gespürt, aber er hatte ihn nicht aufhalten können. Nur eine kurzfristige Erleichterung war möglich gewesen. Und wenn Rho nicht den diplomatischen Weg gegangen war, gab es nicht viele Reiche, aus denen er kommen konnte.

"Prinz Rho von der Sternkrone. Dein König muss wahrlich verzweifelt sein, wenn er seinen Sohn auf eine derartige Mission schickt." Yami trank mehr Wasser, und erst jetzt fiel ihm auf, dass es anders schmeckte. Es war nicht gereinigt, sondern trug einen Unterton von Moos in sich. "Dennoch hätte er um Hilfe bitten sollen, anstelle mich entführen zu lassen. Die Krankheit der Kronen ist mehr als eine Streitigkeit zwischen unseren Reichen, sie betrifft nicht nur euch. Man hätte ihm gesagt, dass es vergeblich ist."

"Vergeblich?" Rho schüttelte den Kopf. "Das kannst du nicht sagen! Was sollen wir denn noch tun? Den Fabelmärchen Glauben schenken?!" Verzweifelt ließ er sich gegen die Wand der kleinen Höhle zurück sinken und sah den Heiler an. Vermutlich wollte Yami alles daran setzen, um wieder in sein gemütliches Heim zu kommen. Um wieder der angebetete und verwöhnte Prinz sein zu können, der sich keine trüben Gedanken machen musste. "Nein, ich gebe nicht so leicht auf." Rho stellte seine Füße an und wickelte die weichen Lederteile wieder neu um seine Beine fest, um etwas zu tun zu haben.

Ein wenig missgestimmt sah Yami ihn an, aber verzichtete darauf, ihm von seiner Reise zu erzählen. Wahrscheinlich würde Rho alles in dem gleichen Licht sehen, vielleicht konnte er gar nicht anders. Die Lage war ernst, und Yamis Fähigkeiten waren immerhin ein Grund zur Hoffnung. 'Ob er auch denkt, dass ich nicht helfen will, wenn wir seine Krone erreichen und ich nur so wenig tun kann?'

Yami vermutete, dass es seiner eigenen Heimatkrone nur so gut ging, weil er dort lebte und beinahe schon unbewusst täglich jeden Schaden zu minimieren versuchte. Er schauderte, als er daran dachte, was seine Abwesenheit bedeuten konnte und dass Kronprinz Io darauf bestehen könnte, dass er fortan als Gefangener bei ihm am Hof leben sollte, wenn er die gleichen Schlüsse zog.

'Ich könnte trotz seiner Warnungen zu entkommen versuchen. Ich muss nur ins Licht zurückkehren, und das Licht ist oben.' Er streifte den Gedanken kurz und verwarf ihn wieder, als ein Frösteln seinen Körper hinabrann. Die Äste der Bäume unterhalb der Kronen endeten oft im Nichts, und neben der Gefahr, in die Finsternis zu stürzen oder zu verhungern, lauerten hier überall gefährliche Tiere.

Eine Bewegung lenkte seine Aufmerksamkeit zur Seite und tiefer in die kleine Höhle. Ein unordentlicher Schopf flammfarbenen Haares ragte aus einem langen Bündel hervor, das er bisher im Halbdunkel nicht wahrgenommen hatte. Der Schreck ging tiefer als der über seine eigene Entführung. "Oh nein! Tsusu! Oh, wie konntet ihr!"

Er huschte die zwei Schritte zu ihm, kniete bei ihm nieder und öffnete mit fliegenden Fingern die Knoten, um seinen Geliebten an sich zu ziehen. "Tsusu..." Sachte strich er ihm über die Wange, während er ihn bereits von dem Gift zu heilen begann. Er warf einen bitterbösen Blick in Rhos Richtung und schloss Tsusu fester in den Arm. "Es gab keinen Grund, ihn in die Sache zu ziehen!"

Rho hob die Schultern. "Es war auch nicht geplant", brummelte er von Yamis Arroganz verärgert. Er wünschte sich Shen her, damit sie endlich weitergehen konnten und er diesen überheblichen Blick des Prinzen nicht mehr ertragen musste.

Tsusu erwachte unsicher mit Kopfschmerzen und einem fürchterlichen Geschmack im Mund. Sein Prinz war bei ihm. Die weiche Stimme flüsterte beruhigende Worte. Er bemerkte, dass Yami ihn heilte. 'Was ist nur passiert? Bin ich gestürzt? Erkrankt?' Er hatte keine Erinnerung mehr, die über den Abend nach dem Handel hinaus reichte. Mühsam wollte er Worte formen, aber schaffte es nicht. Seine Zunge klebte am Gaumen und die Augen brannten.

Eine zweite Stimme mischte sich mit einem Mal ein, dunkler und nicht sonderlich freundlich. "Gib ihm das Wasser! Sicherlich braucht er länger als du!"

Yami ignorierte Rho. Er konnte nicht ertragen, wenn man Tsusu verletzte, und das hatte der fremde Prinz getan. Es machte ihn wütend, doch Wut half seinem Liebling nicht. Sachte strich er eine Strähne aus dem schweißfeuchten Gesicht und legte einen Finger auf die trockenen Lippen.

"Schhhh, du musst nicht reden. Dir wird es gleich besser gehen." Erst, als die Wimpern flatterten und sich Tsusus Lider öffneten, griff er nach der Wasserschale und hielt sie ihm an den Mund, während er ihn mit einem Arm stützte.

Das Wasser half Tsusu, ein wenig Klarheit in seine Gedanken zu bekommen. Doch er erschrak fürchterlich, als er die Augen gänzlich öffnete und es noch immer düster war. "Yami! Meine Augen! Es ist so dunkel..."

"Deine Augen sind in Ordnung, mein Liebling. Hier gibt es nur nicht viel Licht." Sanft streichelte Yami über Tsusus Haare und drückte ihn noch ein wenig enger an sich, weil Tsusu sich bestimmt gleich fürchten würde. "Wir sind in der Stille, aber hab keine Angst, unsere Entführer sind hoffentlich auch unsere Beschützer."

"Natürlich sind wir das! Ihr seid immerhin kostbare Personen... na ja, du bist es zumindest, Prinz." Unglücklich blickte Rho auf den wahrhaft nutzlosen Fang, den Shen ihnen da zugemutet hatte.

Tsusu zitterte und drängte sich enger an den Prinzen. 'Natürlich, Yami ist kostbar. Ich bin nur eine vergängliche und ersetzbare kleine Zierde an seiner Seite.' Die Übelkeit ließ nach und er konnte sich aufsetzen. Unglücklich zupfte er an den sicherlich nicht für ihn gedachten Lederkleidern.

Yami küsste Tsusu auf die Stirn. "Ich passe auf dich auf. Ich lasse nicht zu, dass dir etwas passiert." Und er würde es durchsetzen. Leise fügte er hinzu: "Du bist unendlich kostbar für mich, das weißt du. Wenn sie etwas von mir wollen, müssen sie dich anständig behandeln."

 

Shen war erleichtert, sich unbeschwert in seiner Heimat bewegen zu können. Selbst wenn er schon seit Jahren im Licht wohnte und es ihm dort gefiel, war er in der Stille geboren und aufgewachsen. Allein war er lautlos, war er einer der Bewohner hier, gehörte zu ihnen, war eins. Sogar die Müdigkeit wurde von den ewigen Bäumen aufgesogen, so dass er sich trotz der langen Nachtwanderung erfrischt fühlte.

Gewandt lief er über schmale Äste, die kaum einen Fuß breit waren, kletterte an Lianen hinab und an anderen wieder hinauf und schlängelte sich durch dichte Schattengewächse, die ihre großen Blätter nach oben ausgerichtet hatten, um möglichst viel des gedämpften Lichtes einzufangen.

Bald erreichte er die ersten Treppen, die größere Höhen überspannten und von kleinen Hängegärten zu einer einzelnen Baumhöhle führten. In der arbeitsintensivsten Zeit der Jahreszyklen übernachteten hier diejenigen, die sich um die Gärten kümmerten das spärliche Licht musste so gut wie möglich genutzt werden. Jetzt war sie leer. Eine überdachte Brücke brachte ihn von einem der gewaltigen Hauptäste zu einem anderen, und von dort ging es über weitere Wendeltreppen nach oben dem Dorf entgegen.

Kinderlachen empfing ihn, und unwillkürlich musste Shen lächeln. Im Laufe der Zeit lernte man in der Stille, dass es gefährlich sein konnte, zu laut zu sein, aber das galt nicht in den Dörfern. Und im Gegensatz zu dem, was die Lichten glaubten, konnten auch die Stillen ausgelassen feiern. Sie taten es nur nicht so oft wie die im Licht, wo es manchmal schien, als sei jeder zweite Tag einer Festlichkeit gewidmet.

Als er den Treppenabsatz erreichte, sah er, was das Lachen auslöste. Eine Gruppe Kinder spielte mit einem Flugaffen Haschen. Die fröhlichen, intelligenten Tiere waren beliebte Spielgefährten. Doch kaum erblickte das erste Kind ihn, war die Aufmerksamkeit von dem Spiel abgelenkt. Fremde waren selten.

Shen ließ sich die Höhle des hiesigen Händlers zeigen, der zum Glück anwesend war und nicht auf einer Reise hinab in das Schimmern oder auf der Jagd. Als er sich vorstellte, wurde er zurückhaltend begrüßt. Shens Name war nicht unbekannt, war er doch einer der wenigen, die mit den Lichten Handel trieben. Leider war der Makel, der ihm anhaftete und der ihn aus seiner Heimat vertrieben hatte, ebenso damit verbunden.

Die beinahe abwehrende Höflichkeit tat nicht mehr weh nach all den Jahren, aber Shen war dennoch froh, als er mit der Kleidung für Tsusu das Dorf wieder verlassen konnte. Er hatte Schwarz für die Hose und das Hemd gewählt, weil es besser zu dem flammenden Haar passte als das dunkle Braun, das der Händler noch im Angebot gehabt hatte. Dazu gab es eine warme, fellgefütterte Weste und weiche, ebenfalls gefütterte Stiefel, denn bestimmt fror der Kleine leicht. Außerdem hatte er Honigtaler gekauft. Hoffentlich würden sie die Laune der beiden verwöhnten Püppchen ein wenig steigern. Nichts war schlimmer als keifende Schmuckstücke.

Als er zurück zu der Höhle kam, in der sie Rast gemacht hatten, waren die beiden Gefangenen schon wach. Sie saßen eng beieinander und hielten sich, wobei Tsusu aussah, als würde er sich fürchten und Yami böse Blicke verschoss. Offensichtlich war er mit seiner Lage alles andere als glücklich. Shen hätte jedoch nicht gedacht, dass die tiefblauen Augen so wütend funkeln konnten.

Die Laune ignorierend verneigte er sich leicht vor dem Prinzen und seinem Schmuck. "Schön, dass ihr wach seid. Ihr seid zwar nicht schwer, aber auf die Dauer merkt man das Gewicht doch. Hier, Tsusu. Das dürfte dir besser passen."

Er warf Tsusu das Bündel in den Schoß, dann ging er zu Rho, um sich bei ihm niederzulassen. "Und? Haben sie dir schon die Ohren vollgejammert?", fragte er trocken und leise genug, dass die beiden Gefangenen ihn nicht hören konnten.

Rho nickte leicht. "Der Prinz ist sauer, weil wir seinen kleinen Schmuck mit ihm entführt haben. Ehrlich gesagt passt er mir auch nicht. Zum Glück lebt sein Bruder bei uns, das könnte ihn ein wenig versöhnen."

Unwillig verzog Shen einen Mundwinkel. "Ich dachte, er wäre wach. Natürlich ist er Ballast, und mir wäre es auch lieber, er wäre noch im Palast. Aber ob wir nur den Prinzen oder den Prinzen und seinen Schmuck entführen, dürfte für alle außer uns wenig Unterschied machen."

Mürrisch sah er zu Tsusu hin. Vermutlich hätte er ihn besser zusammengeschnürt ans Bett gefesselt, aber dafür war es nun zu spät. Und zudem es war besser, wenn die beiden ganz verschwunden waren, als wenn jemand offensichtlich überfallen in den Gemächern lag. So würde man erst einmal suchen, ehe man vom schlimmsten ausging. Zumindest hoffte Shen das.

Rho streckte sich und schlug Shen leicht gegen die Schulter. "Mach dir nichts draus, ich finde es nicht schlimm. Im besten Fall erkauft uns das Verschwinden der beiden eine Menge Zeit, in der die Garde nur denkt, dass sie schon früh spazieren gegangen sind oder so."

Tsusu hatte sich mit Yamis Hilfe in die ungewöhnlichen Kleider gehüllt und seufzte leise, weil er sich nun schon bedeutend besser fühlte. Er blickte sich in der Höhle ein wenig um und wusch sich das Gesicht mit dem Wasser, das in einer Mulde beim Eingang stand. Dann kroch er wieder zu seinem Prinzen und kauerte sich neben ihn, um wenigstens die weißen Haare von Yami in einen ansehnlichen Zustand zu bringen. Nach einem Kamm zu fragen, wagte er nicht.

Shen entschied, dass die beiden Püppchen das Gebäck auch im Laufen essen konnten, und so trieb er bald zum Aufbruch an. Zu seiner Überraschung klagten die beiden nicht, als sie die Höhle hinter sich ließen und tiefer in die Stille vordrangen, der Sternkrone entgegen. Zumeist gingen die beiden nebeneinander, Hand in Hand, nur wenn es enger wurde, lief der Prinz voran.

Rho blieb bei ihnen, um auf sie Acht zu geben, während Shen nur ab und an zu der Gruppe zurückkam, um Rho die Richtung zu weisen. Sonst kundschaftete er den Pfad aus, hielt nach den Fallstricken von Jägerspinnen Ausschau und nach lauernden Nachtkatzen, deren Pelze sich hervorragend verkaufen ließen, deren Gefährlichkeit jedoch die horrenden Preise durchaus rechtfertigte. Zum Glück waren sie Einzelgänger und verteidigten große Reviere.

Zum Nachmittag hin ließ er eine kurze Rast einlegen, weil der Prinz und sein Schmuck es nicht gewohnt waren, lange Strecken zu laufen. Sie waren insgesamt derart langsam, dass Shen beinahe versucht war, Rho vorzuschlagen, die beiden wieder zu tragen.

Als er am späten Nachmittag wieder voranging, ließ ihn Tsusus Schreckensschrei nur kurz darauf voll Sorge zurück hetzen. Ein bebender Schmuck hatte sich seinem Prinzen zugewandt und das Gesicht an seiner Schulter vergraben, Rho stand entspannt daneben. Grinsend klärte sein Freund ihn darüber auf, dass sich der Schmuck lediglich vor einer Nebelratte erschreckt hatte, die unvermittelt vor ihm über die moosbedeckte Rinde gehuscht war. Es brachte Shen dazu, das Lager bereits aufzuschlagen, als das Licht zu schwach für die Lichten wurde, um den Weg noch erkennen zu können. Sie würden länger brauchen, aber er wollte es nicht riskieren, dass einer ihrer beiden kostbaren Gäste vor Nervosität in die Finsternis fiel.

Dieses Mal gab es keine Höhle, aber ein verwachsenes Dickicht, das in die Höhe strebte und direkt am Ast, wo es verwurzelt war, keine Blätter mehr hatte. Es bot ausreichend Schutz vor dem einsetzenden Nieselregen und durch die verwobenen Zweige eine sichere Wand im Rücken. Shen überließ es Rho, die Decken für die Nacht auszubreiten. Er holte das kleine Podest für den Hitzestein aus seinem Bündel. Dann packte er den Hitzestein selbst aus, der in feuerfestes Leder gehüllt war. Vorsichtig setzte er ihn auf seinen Platz und genoss die Wärme, die sich gleich in ihrem Unterschlupf verbreitete. Er legte die Spinnwebkugel daneben und breitete ein dünnes Tuch über sie, um ihr Licht zu dämpfen.

Tsusu kauerte leicht bebend neben seinem Prinzen und zog sich die ungewohnten Stiefel von Füßen. Er hatte bereits schmerzende Blasen. Überhaupt taten ihm seine Beine schrecklich weh. Noch immer jagte sein Herz von den vielen Schreckmomenten, wenn ein gefährliches Tier direkt vor ihm aufgetaucht war, ein Geräusch wie ein Schrei ihn hatte zusammenfahren lassen oder er auf den schmalen Pfaden den Tritt verloren hatte.

Er war erschöpft und verängstigt, ihm war nur noch nach Weinen zumute, aber er wollte Yami nicht sehen lassen, dass er litt. Der Prinz war sicherlich selbst müde. Nach einigen kleinen Schlucken vom Wasser, das ihm der grünhaarige Entführer gereicht hatte, überwand er sich und festigte seine Stimme, bevor er leise fragte: "Soll ich dir etwas singen, Yami?"

Yami fühlte sich schrecklich. Er hatte keine Schmerzen, aber er war erschöpfter als jemals zuvor in seinem Leben. Und er hatte Angst. Nicht vor seinen Entführern, aber vor all dem, was um sie herum war. Vor der Dunkelheit und den Tieren, selbst vor den Pflanzen, denn mehr als einmal hatten sie einen Umweg gemacht, weil giftige Gewächse ihnen den Pfad versperrt hatten. Über die Stille zu hören und in ihr zu sein waren zwei vollkommen verschiedene Dinge.

"Ja, das wäre schön. Aber erst sehe ich nach deinen Füßen." Sachte strich er über die gerötete empfindliche Haut, linderte Schmerzen und ließ Schwellungen zurückgehen. Gerne hätte er sie auch massiert, aber das würde er nicht vor den beiden Entführern tun. Es ziemte sich nicht für einen Prinzen, und er wollte keine Schwäche und gewiss auch keine zu große Intimität zeigen. Dennoch schmiegte er sich danach an seinen Liebling, legte die Arme um ihn und lehnte das Gesicht in sein zerzaustes Haar. So sehr er wütend auf Rho und Shen war, so froh war er doch, Tsusu bei sich zu haben.

Rho legte sich auf seine Decke und drehte sich zu Shen um. "Die zwei sehen ziemlich zerschunden aus, meinst du, sie halten die folgenden Tage der Wanderung noch durch?"

Der Gedanke mit zwei halbtoten Entführten vor Io anzulangen, machte Rho nicht unbedingt glücklich. Ganz leise begann Tsusu in dem Moment vom Licht der Sterne zu singen, ein Kinderlied zum Schlafengehen. Seine Finger kämmten Yami durch die silbrigen Strähnen und sein Blick war auf das Gesicht des Prinzen gesenkt.

"Sicher." Shen legte seinen Bogen griffbereit neben sich. Das Licht und der leise Gesang konnten unliebsame Gäste anlocken, aber da er keine Spuren einer Nachtkatze gesehen hatte, war er bereit, es zu riskieren, um den beiden empfindlichen Gefangenen ein wenig Trost zu gönnen. Nach einem zweiten Blick sagte er leise: "Zur Not müssen wir sie tragen. Langsamer werden wir dadurch auf keinen Fall."

Er holte Proviant aus seinem Bündel, Wurst, getrocknete Früchte und Brotfladen, und schob zwei großzügige Portionen zu Tsusu und Yami hin. "Esst, sonst brecht ihr mir morgen zusammen."

Tsusu blinzelte, dann flüsterte er den Blick noch immer gesenkt haltend: "Ich esse kein Fleisch." Er schob Yami den größten Teil seiner Ration auch noch zu. Er musste zwar Kräfte sammeln, aber auf gar keinen Fall würde er sich jetzt vor Fremden vollstopfen.

Rho grinste und blickte rasch zu Shen. Die Meinung über Schmuckgeliebte, die sein Freund schon oft hatte verlauten lassen, kam ihm wieder in den Sinn. "Ihr solltet euch tüchtig stärken, wir haben sicherlich noch vier Tagesreisen vor uns, vermutlich sogar mehr."

Tsusu riss die Augen auf und starrte den Prinzen an, der seinen Herrn so rücksichtslos entführt hatte. Sie würden mehrere Tage durch diese Dunkelheit und den Dreck laufen müssen? Er konnte nicht mehr anders. Hastig wandte er sich von allen ab, als die ersten Tränen über seine Wangen kullerten.

Shen verdrehte die Augen. Wie konnte man derart empfindlich sein? Was für ein Glück, dass sie nur die paar Tage reisen mussten und ihre Krone nicht weiter entfernt war. Dennoch taten sie ihm leid, besonders der kleine Schmuck, der vollkommen überflüssig war und sich einzig durch Shens Schuld hier befand. Er wollte ihm etwas Tröstliches sagen, doch er fand keine Worte. Verärgert griff er nach dem Bogen und stand auf.

"Ich überprüfe noch einmal die Gegend, damit wir sicher sind", verkündete er in den Raum und war einen Moment später bereits in der Dunkelheit verschwunden.


© by Jainoh & Pandorah