Die Alten Geister

9.

Shen hatte den halben Tag mit dem Diener einer reichen Adligen verbracht, die ein exquisites Stück für ihr privates Empfangszimmer suchte. Er hatte gezeigt, was ihm passend erschien, eine Liste zusammengestellt und mit dieser den Diener zu ihr zurück geschickt. Es hatte länger gebraucht, als er gedacht hatte, und so kam er erst spät zum Essen. Es war bereits gekocht worden, und Shen sah gleich, dass Tsusu wieder nur eine winzige Portion zu sich genommen hatte. Es verärgerte ihn weit mehr als die seltenen Male, bei denen Rho ihn mit Schmuckgeliebten besucht hatte und diese das Essen auch kaum angerührt hatten.

'Zum Glück ist er bald weg, dann bricht er wenigstens nicht bei mir zusammen', dachte er knurrig, als er ein reichhaltiges Abendessen bei seiner Hilfe orderte und dann Tsusu aufsuchte, der die letzten Strahlen der Sonne genießend auf dem Balkon vor dem Gästezimmer saß, seine Stickarbeit unbeachtet im Schoß. Shen konnte gar nicht anders, als auf den flachen Bauch zu starren, über dem die Rippen viel zu deutlich sichtbar waren. "Komm essen", sagte er nach einem Moment der Stille.

Tsusu zuckte zusammen und hob ertappt den Kopf. Er war müde gewesen und hatte mehr gedöst, denn gestickt. "Ich komme gleich, ich räume nur erst meine Handarbeit in das Schlafzimmer."

Bevor er zum Essen ging, machte er sich natürlich für Yami noch einmal schön, für den Fall, dass dieser bald zurückkehren sollte. Bereits nach dem Mittagessen hatte er sich einige schwarze Perlen in die Haare eingeflochten und sie fransig um seinen Kopf hochgesteckt, wie es in Yamis Krone gerade in Mode war. Zu dem schwarzen, ebenfalls knappen ärmellosen Hemdchen zog er sich für den Abend nur einen kurzen Rock an und war froh, dass Shen ihm erlaubt hatte, sich Kleidung aus seinem Lager zu wählen.

Schüchtern blickte er auf den reichlich gedeckten Tisch im Esszimmer und ließ sich vor einem der vier Teller nieder. "Danke für die Kleidung, Shen. Ohne deine Großzügigkeit wüsste ich gar nicht, wie ich schön sein könnte."

Shen setzte sich gemütlich Tsusu gegenüber und beugte sich vor, um ihm von dem frittierten Gemüse aufzugeben. "Du bist schön." Er wiederholte nicht noch einmal, dass er zu dünn war. Es würde den Schmuck nur wieder beschämt oder verlegen erröten lassen und nichts ändern.

Tsusu versuchte, seinen Teller vorsichtig wegzuziehen, um Shen daran zu hindern, ihm noch mehr aufzutun. Zugleich lächelte er ihn an. "Danke. Du bist für einen Entführer sehr freundlich."

Die Tür klappte und sofort schob Tsusu den Teller ein wenig von sich und sprang auf, um rasch noch einmal in einen der Spiegel zu sehen, bevor er seinem Herrn entgegen eilte. Als er Yami durch den Torbogen zwischen Diele und Wohnraum kommen sah, erschrak er jedoch sehr.

"Mein Prinz!" Fast grau konnte man die Gesichtsfarbe schon nennen und Tsusu sah, dass die Hand, mit der Yami sein Tuch von sich löste, leicht zitterte. Rasch lief Tsusu auf seinen Herrn zu und nahm ihm das Tuch ab. Er legte einen Arm um seine Schultern und blickte ihm besorgt in die Augen. Sich dicht an sein Ohr beugend flüsterte er: "Alles in Ordnung?"

Es war eine Erlösung, Tsusu bei sich zu haben. Yami schmiegte sich an seinen Geliebten, barg das Gesicht an seiner Schulter und schloss ihn in die Arme, ohne sich darum zu kümmern, was Rho oder Shen denken mochten. Einen Moment lang hielt er ihn nur und ließ sich halten, spürte die vertraute Wärme und zog Sicherheit aus ihr. Endlich hob er den Kopf und sah Tsusu in die besorgten, erschrockenen Augen. Er lächelte ein wenig. "Jetzt geht es wieder besser", sagte er leise, um dann noch einmal zu schaudern. "Die Krone stirbt, und ich weiß nicht, wie ich es aufhalten kann."

Tsusu blinzelte. Er konnte den Umfang dieses Urteils nicht begreifen. Diese große und reiche Krone starb? Unsicher blickte er zu Shen, der zu ihnen getreten war, dann zu Rho. Aus den Gesichtern konnte er lesen, dass sie genau dieses Urteil befürchtet hatten. "Oh."

Er drückte Yami noch ein wenig enger an sich und führte ihn zum Esstisch. Es erschien ihm unangebracht, nach so einer Nachricht zu essen, aber Yami brauchte seine Kraft. Mit einem Lächeln schob er ihm den Teller mit Gemüse zu, den Shen ihm gerade aufgehäuft hatte und zog seinen Teller und Stuhl dichter zu ihm heran.

Shen starrte auf den Heilerprinzen, der hungrig zu essen begann, als hätte er seit Tagen nichts bekommen, dann sah er zu Rho hin. Sein Freund war blass und müde, nicht körperlich erschöpft, sondern voll Sorge. Er legte ihm eine Hand auf die Schulter und drückte sie kurz. "Es war nur eine kleine Hoffnung. Aber was er tun kann, ist der Krone Zeit geben, bis uns etwas Besseres einfällt."

Rho verzog den Mund leicht. "Das zumindest hatte ich ja auch gehofft."

Seufzend aß auch er und blickte immer wieder zum Prinzen hin, den er so rücksichtslos mit dem Anblick konfrontiert hatte. Endlich waren Yami und Tsusu mit dem Essen fertig und hielten beide ihre Teebecher in der Hand. Shen brachte die Teller fort und holte zum Nachtisch eine Schale mit Nüssen, die er in die Mitte des Tisches stellte.

"Prinz Yami hat gemeint, dass die Krankheit aus der Tiefe, vielleicht gar aus der Finsternis kommt", begann Rho und blickte zu Shen hin. "Das würde zu den Sagen passen, von denen du schon so oft gesprochen hast."

Shen nickte, und nach einem Moment begriff Yami, dass er die Aussage lediglich bestätigt hatte und sie nicht als Aufforderung sah, die Sage auch zu erzählen. Die Stillen waren ein geheimnisvolles Volk, und offensichtlich hatte Shen sehr viel von ihnen, mehr vielleicht als von den Lichten, auch wenn er eines der seltenen Kinder beider Völker war. Seine Haut war dunkler als die der Stillen, und der blaue Schimmer seiner grauen Augen verriet seine Herkunft ebenfalls.

Yami trank einen weiteren Schluck Tee und nahm eine Handvoll Nusssplitter, ehe er bat: "Erzähl mir davon, Shen."

Die Stillen waren den unteren Regionen näher, vielleicht gab es Hinweise in ihren Geschichten, die ihm helfen konnten. Die Krone war ein zu großes und ein zu fremdes Lebewesen, als dass er sie wie den Körper eines Lichten begreifen konnte, wenn er sie berührte.

Shen sah ihn an, ein wenig überrascht davon, dass der Prinz zuhören wollte und sich nicht schon allein durch die Idee, dass die Kronen Wurzeln hatten, mit einem unwilligen Schnauben abwandte oder milde Amüsiertheit zeigte. Auf der anderen Seite war er Heiler, vielleicht hatte er es gespürt.

"Es heißt, dass die Welt am Anfang der Zeit aus Stein bestand, auf dem nur wenig wuchs. Aber schon damals waren die Bäume der Schutz des einen Volks der Uralten. Sie hatten nur wenig Magie und nutzten das Feuer, und die Bäume gaben ihnen Holz dafür. Dann wurden einige der Uralten gierig; sie wollten mehr Feuer und begannen, die Bäume zu töten. Andere lehnten sich dagegen auf. Es gab einen Krieg, der alles zu vernichten drohte.

Bäume brauchen leider eine lange Zeit, um die schnellen Wege der Sterblichen zu sehen, aber endlich wurden sie zornig. Sie nahmen die, die sie beschützten, in ihre Kronen und wuchsen, bis sie die Welt aus Stein bedeckten. Die gierigen Uralten blieben zurück in Finsternis und ohne Schutz, wo sie starben. Bei den Stillen heißt es, dass ihre Geister noch immer zwischen den Wurzeln leben und nach dem Licht und dem Tod der Bäume streben, ohne es je erreichen zu können." Er verstummte, um dann doch noch hinzuzufügen: "Ich habe in der Tiefe keine Geister gesehen, aber Wurzeln und die Welt aus Stein gibt es."

So emotional hatte Shen noch nie am Stück gesprochen, seit Yami ihn kennengelernt hatte. Der Stille musste weit mehr um seine Krone besorgt sein, als man ihm ansah. Dann erst begriff er, was Shen eben gesagt hatte, und er riss überrascht die Augen auf. "Du bist schon einmal in der Finsternis gewesen?"

Shen nickte knapp, nicht bereit mehr darüber zu sagen. Weder die Erinnerung an die Reise hinab und wieder hinauf, noch der Grund dafür waren schön.

Rho starrte seinen Freund fasziniert an. Shen war in der Finsternis gewesen, das wusste er. Den Grund hatte der Händler aus der Stille ihm nie verraten. Gerade in der ersten Zeit der Krankheit hatte er daran erinnert, dass er Wurzeln und Stein, viel Stein als Untergrund gesehen hatte, als er über das Schimmern hinaus in die Tiefe gestiegen war. "Was du uns damit sagen willst, ist, dass die Ursachen für das Sterben vielleicht bei diesen Uralten und den Wurzeln liegen?"

"Ich habe keine Uralten gesehen", wiederholte Shen. "Aber es gibt die Wurzeln. Und wenn Yami sagt, dass die Krankheit von unten kommt..."

Für Yami war schwer zu glauben, dass die riesigen Bäume, die ihre Heimat waren, wie jede gewöhnliche Pflanze in irgendeiner Art Grund wurzeln sollten, und dass sie nicht die Welt waren, sondern auf einer Welt standen. Dennoch war es nicht ganz unmöglich, denn sie fühlten sich wie jedes andere Lebewesen an, nur größer und nicht zu begreifen.

"Aber wenn es von den Wurzeln kommt und man zu ihnen gelangen kann..." Er verstummte erschrocken, sah zu Rho hin und wandte sofort den Blick ab. "Es ist eine Legende", beschied er, "nicht mehr."

Der Prinz hatte zu so verzweifelten Maßnahmen gegriffen, wie ihn zu entführen. Wer wusste, auf was für verrückte Ideen er sonst noch kommen konnte?

Bedrückt nickte Rho. "Das sagt Io auch. Er denkt, dass es eine Krankheit aus dem Inneren ist, aber er glaubt nicht, dass es etwas in der Finsternis gibt. Weder gut noch schlecht. Dort ist nur Finsternis."

Es gab niemanden, der so tief hatte vordringen können und zurückgekehrt war, um darüber zu berichten. Einzig Shen war schon einmal in der Tiefe gewesen und auch er sollte, wenn Rho den Geschichten glaubte, mehr tot als lebendig wieder in die Stille zurückgekehrt sein.

Shen zog verärgert die Brauen zusammen. "Io war nie unten. Was er sagt, beruht genauso auf Legenden wie die Sage der Uralten. Wenn ihr euch nur auf Sagen verlasst, wird es bald niemanden mehr geben, um sie zu erzählen."

Mit einem Mal wusste er, was er tun würde. Er würde abwarten, was Yamis Heilungsversuche brachten und dann ein zweites Mal in die Finsternis gehen, auch wenn ihm vor dem Gedanken graute. Er zweifelte daran, dass er etwas tun konnte, aber vielleicht konnte er den Grund für die Krankheit finden. Einmal hatte er diese Reise überlebt, und damals war er Hals über Kopf aufgebrochen. Die Aussichten standen gut, dass er auch ein zweites Mal lebend zurückkam, wenn er besser ausgerüstet war.

Shen stand nach seinem Ausbruch gegen den Kronprinzen abrupt vom Tisch auf und verschwand mit einer Bemerkung über seine Rechnungen, die er noch schreiben wollte. Tsusu huschte hinter ihm her, um für die Audienz Kleider und etwas Schmuck für Yami aus dem Laden zu besorgen.

Recht bald gingen sie zu Bett.

 

Als Rho am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang erwachte, hörte er die leisen Stimmen von Tsusu und Yami bereits durch die geöffneten Fenster. Die beiden Gäste wider Willen bereiteten sich ernsthaft und übermäßig rechtzeitig auf das Treffen mit dem Kronprinzen vor.

Sie aßen kaum etwas zum Morgen und brachen auf, noch bevor Rho hatte mit Shen sprechen können. Es ärgerte ihn, dass der Stille sich so abweisend verhielt, aber er hatte nicht die Zeit, mit ihm darüber zu diskutieren, ob und warum sein Handeln falsch war. Er hoffte inständig, dass Io und seine Berater in der Zwischenzeit schon eine Lösung gefunden hatten.

Als der Palast sich mit seinen gewundenen Türmchen, Zimmern und dem Zierrat vor ihnen auftat, in aller Pracht und von der Krankheit noch unbeeinträchtigt, schien es, als könnte man sich einen Untergang der Krone auf diese Art kaum vorstellen.

Rho trat neben Yami, der seinen Schmuck im Arm hielt. "Dort oben sind die Zimmer der Prinzen und hier vorn gleich am Tor sind die Hallen, in denen die Händler ihre Waren präsentieren. Es war nicht schwer für mich, den Weg durch euren Palast zu finden. Er ist kleiner, aber fast genauso aufgeteilt wie dieser hier."

Yami nickte und stellte erneut fest, dass sich die Kronen nur wenig unterschieden. Fast konnte er sich Zuhause fühlen. Aber nur fast er hatte Gewohnheiten, die hier niemand kannte, die ihm aber wichtig waren. Deswegen hielt er an, legte eine Hand auf Rhos Unterarm und sah ihm ernst ins Gesicht. "Ich kenne deinen Bruder nicht und weiß nicht, was er plant. Aber wenn ich versuchen soll, die Krone zu heilen, werde ich das nicht in der Öffentlichkeit tun. Es wird mich jedes Bisschen meiner Kraft kosten. Ich brauche danach Ruhe, Rho, und ich brauche Tsusu. So will ich nicht gesehen werden."

"Du bist uns schon so gut gesonnen, Yami. Ich bin mir sicher, dass wir jeden deiner Wünsche erfüllen können, jeden." Rho nickte den Wachen am Eingang zu und ließ sich bei Io melden, der zu dieser Zeit meist mit den Kundschaftern beschäftigt war.

Rho mochte den Palast und die Regeln dort nicht sonderlich, und niemand war dankbarer als er, dass es Io war, der die Geschicke im Land leiten würde. Seit der König selbst die äußeren Grenzen der Sternkrone verteidigte und sich dort in seiner Residenz aufhielt, waren auch an Rho die Ansprüche vom Protokoll gestiegen, aber es gefiel ihm nicht. Auch nun erwiderte er die Grüße der vielen Angehörigen der Beratergruppe um den König und den Kronprinzen nur sehr kurz und stellte Yami bei niemandem vor, was ihn sicherlich unbeliebt bei ihnen machte.

Einzig der alte Berater des Königs, der nun auch Io zur Seite stand, erkannte den Prinzen aus der kleinen Krone natürlich. Er hatte es sich zum Zeitvertreib gemacht, die komplizierten verwandtschaftlichen Verbindungen zwischen den Kronen und ihren Prinzenhäusern auf großen Schriftrollen festzuhalten.

Als sie nun in den himmelblauen, hellen Thronsaal traten, wo Io mit seinem Schmuckgeliebten und sogar seiner Angetrauten am Tisch mit den neuen Meldungen saß, kam der Berater sogleich an Yamis Seite und begrüßte ihn mit Fragen zu seinen Eltern und Schwestern.

Tsusu war hinter Yami hergegangen und hatte sich besorgt in dem riesenhaften Palast umgesehen. Es ging dort fast genauso zu wie bei ihnen in der Krone. Steife alte Berater und ihre Schmuckgeliebten und Gefährten kreuzten überall ihre Wege. Er war eingeschüchtert von der schieren Menge an Wachen, Angehörigen, Bediensteten und natürlich auch von der Pracht.

Überall führten kleine Bögen, Brücken oder Treppen zu Balkonen oder Nebenhallen, die scheinbar ohne Nutzen waren, jedoch alle liebevoll mit Mosaiken und Brunnen sowie mit schillernden Gärten ausgestattet waren. Paradiesvögel sangen von höher gelegenen Ebenen, zahme Schleichkatzen und Flugaffen wurden von Hütern ausgeführt.

Doch als sie den Thronsaal betraten und Yami gleich von einem der alten Berater mit Fragen überfallen wurde, entdeckte er seinen jüngeren, und wie er fand, hübscheren Bruder Amei. Er war der Schmuckgeliebte des Kronprinzen. Mit seinem flammend roten Haarschopf passte Amei sehr gut zu Ios dunkelblauem Haar. Zudem war er fröhlich und neckisch, was Ios Ernsthaftigkeit ausglich.

"Amei!" Tsusu schlug sich die Hand vor den Mund und schob sich erneut hinter Yami, von wo er seinem Bruder zuwinkte.

Amei neigte sich kurz zu Io und lief dann seinem Bruder entgegen, als er die Erlaubnis erhalten hatte. Nachdem er sich einmal vor Rho und vor Yami verbeugt hatte, zog er Tsusu in eine kurze Umarmung.

Yami lächelte. "Ihr habt bestimmt viel zu erzählen, Tsusu. Vorerst werde ich dich noch nicht brauchen. Du kannst gern mit ihm gehen." Er küsste ihn einmal leicht auf die Wange, dann folgte er Rho zu dem blauhaarigen Kronprinzen hin.

Io entschuldigte sich bei der Kronprinzessin und winkte Rho und Yami zu seinem privaten Schreibzimmer durch. Dort ließ er sich auf weichen Polstern um einen niedrigen Tisch nieder, eine Dienerin brachte Tee, dann schloss der alte Berater die Türen und begann die Vorstellung der Prinzen voreinander, wie es die Form gebot.

Rho bemerkte, dass sein Bruder ungeduldiger als sonst war. Er spielte mit seinem Siegelring und ließ den Blick stetig zwischen dem Berater und Yami hin und her huschen, wie um das Frage- und Antwortspiel dadurch abzukürzen. Endlich schwieg der Berater und Io ergriff schon fast erleichtert das Wort. "Entschuldige, Yami, dass ich dich habe entführen lassen. Ich kann nicht in Worte fassen, wie dringlich die Lage in dieser Krone geworden ist, es ist..."

Rho unterbrach Io nur selten, in diesem Fall fühlte er sich verpflichtet. "Ich bin gestern mit ihm am alten Markt gewesen, Io."

"Oh. Dann braucht es keine Worte. Du verstehst hoffentlich, dass wir einfach alles versuchen müssen."

Yami nickte. "Ich habe Rho bereits gesagt, dass ich den diplomatischen Weg bevorzugt hätte, aber ich will tun, was ich kann. Dennoch wird es nicht viel sein, Prinz Io. Deine Krone stirbt, und ich kann ihren Tod vielleicht herauszögern, aber ich kann ihr nicht die Gesundheit zurückgeben."

Es hatte keinen Sinn, den Zustand des Baumes schön zu reden. Wie Shen bereits gesagt hatte, musste der Kronprinz nach anderen Wegen suchen. Yami wünschte, er könnte mehr tun.

"Woran stirbt sie? Hast du etwas fühlen können, Heiler?"

Yami erzählte noch einmal von diesem Gefühl wie kaltes Gift, das den Stamm emporkroch und versuchte so deutlich wie möglich seine diffusen Empfindungen in Worte zu fassen. Die Erinnerung ließ ihn schaudern.

Rho musste nichts sagen. Es war tatsächlich einmal der sonst nicht sonderlich nützliche alte Berater, der von der Sage um die Alten und um die Wurzeln in der Finsternis begann. Leider sprach Io auch das aus, was Rho selbst noch nicht gedacht hatte. Nicht zu denken gewagt hatte.

"Selbst wenn es so wäre. Wen sollen wir denn dort hinunter schicken? Es ist nahe an einem Todesurteil und niemand wird sich freiwillig in diese Tiefe begeben. Man bräuchte einen Stillen als Führer. Wir alle wissen, wie die Stillen über eine Zusammenarbeit mit uns Lichten denken."

Io drehte in Gedanken verstrickt eine seiner Haarsträhnen um seinen Finger und blickte zum Fenster, von dem aus man den gelblichen Schimmer der fernen kranken Äste erkennen konnte. Sein Gesicht sah grau und mutlos aus. Ein Anblick, der Rho vollkommen neu war.

Er sprach es aus, bevor er darüber nachgedacht hatte. "Io, ich würde gehen! Ich bin entbehrlich. Vielleicht stimmt es doch. Ich kann kämpfen und könnte diese bösen Monster besiegen!" Er blinzelte und schloss den Mund hastig wieder.

Io warf ihm einen Blick zu und wollte gerade etwas sagen, als es sachte an der Tür klopfte und ein zartes Geschöpf mit violettem, recht kurzem Haar hereinkam. Gerade noch rechtzeitig erinnerte Rho sich, dass es sich um seinen derzeitigen Schmuckgeliebten handelte. Und genau zum richtigen Zeitpunkt schnappte Io: "Du störst hier!"

"Nein, er hat ein Recht, bei mir zu sein!", verteidigte Rho den erschrockenen Schmuck und winkte ihn zu sich. In Wirklichkeit war er nur froh, dass der Schmuck von seinem ungeheuerlichen Angebot ein wenig abgelenkt hatte.

"Ich war lange nicht in meinen Zimmern, das tut mir leid", wandte er sich an ihn und der Schmuckgeliebte nickte leicht, aber ließ sich statt eines Beweises seiner Zuneigung nur hinter Rho nieder und starrte Yami misstrauisch an.

Yami hatte dem Schmuck einen kurzen, desinteressierten Blick gewidmet und ihn gleich wieder vergessen. Er dachte über Ios Worte nach und bewunderte gleichzeitig Rho für seinen Mut, dass er ohne Zögern in die Finsternis gehen wollte. "Ein Stiller als Führer. Das könnte Shen tun. Er hat doch gesagt, er wäre schon einmal unten gewesen. Für dich und mit dir geht er bestimmt ein zweites Mal, Rho."

"Das kann ich nicht von ihm verlangen. Er hat schon einmal beinahe sein Leben in der Finsternis verloren." Rho seufzte. "Vielleicht könnte er mir den Weg beschreiben. Ich werde heute Abend mit ihm sprechen. Io, kannst du Yami und seinem Schmuck hier im Palast Unterkunft gewähren? Wir haben Shens Haus und seine Waren lange genug strapaziert. Die Rechnung wird er deinem Berater sicherlich noch überbringen."

Io nickte und bedeutete seinem alten Berater, jemandem Bescheid zu geben, dass Räumlichkeiten für Yami und Tsusu gerichtet wurden. "Ich werde mit Yami morgen noch einmal zum kranken Ast hinaus fahren und hoffe, dass es vielleicht doch noch Hinweise auf eine Ursache geben kann. Aber zugleich werden wir eine hohe Belohnung für diejenigen aussprechen, die es wagen, in die Finsternis zu gehen. Vielleicht meldet sich ja doch ein wagemutiger Stiller."


© by Jainoh & Pandorah