Die Alten Geister

10.

Yami verneigte sich höflich vor dem Kronprinz, als der kleine Rat beendet wurde, dann verließ er mit Rho den Raum, gefolgt von dem Schmuck. Sie liefen ein paar Schritte schweigend nebeneinander her, wobei Yami den grünhaarigen Prinzen aus den Augenwinkeln beobachtete. Er war so ernst und still.

"Wirst du wirklich gehen?", fragte er schließlich, als sie zu hohen Fenstern traten, die eine große Halle mit Licht durchfluteten. Darunter waren Kissen ausgebreitet, damit man den schönen Ausblick genießen konnte, aber sie blieben stehen.

Rho nickte endlich. "Was soll ich hier? Zusehen, wie die Krone stirbt? Es ist auch mein Reich, selbst wenn ich nicht darüber bestimmen werde wie Io. Und mein Bruder selber muss bleiben und dafür sorgen, dass unser geschwächtes Gebiet nicht noch von Feinden im Kampf überrannt wird." Er senkte den Kopf. "Zudem, ich habe keine Angst zu sterben, auch vor der Finsternis fürchte ich mich nicht."

Yami sah auf und in Rhos Gesicht; der Ausdruck darin überraschte ihn. Rho wirkte mit einem Mal verletzlich.

"Dann bist du sehr mutig", sagte er leise. "Fürchtest du dich nicht einmal davor, dort unten allein zu sein?"

Rho begegnete dem Blick aus den dunkelblauen Augen für einen Moment, dann wandte er sich ab und trat einen weiteren Schritt zu den Fenstern, um die warme Berührung der Sonne auf sich spüren zu können.

"Ja." Er schloss die Augen. "Ja, das tue ich! Aber es hilft nichts! Die Prinzenfamilie ist verantwortlich für die Krone. Einer von uns muss hinunter und sehen, ob du Recht hast. Du bist ein Prinz, du weißt auch um diese Pflichten. Und du weißt auch, dass du dich gern opfern willst, wenn du die Krone retten kannst, oder?"

Yami schauderte, als er sich an die Kälte und Feuchtigkeit in der Stille erinnerte, an das Zwielicht und die unheimlichen Tiere. Weiter unten würde es schlimmer werden. Aber trotz seiner Angst würde Rho gehen ohne Begleitung, wenn er musste. Yami konnte nicht anders, als ihn zu bewundern. Und gleichzeitig wirkte der große Prinz auf eine Art zerbrechlich, die er nicht in Worte fassen konnte.

"Nein", sagte er und folgte ihm, bis er neben ihm stand. "Ich würde es nicht gerne tun. Ich glaube, ich würde es tun, wenn ich es müsste und wüsste, dass ich damit die Krone retten kann. Aber nicht gerne. Ein anderer Weg würde mir besser gefallen." Er sah nach draußen und konnte wieder die kränkliche Aura spüren. Wie aus einer zufälligen Bewegung heraus streifte er Rhos Finger mit seinen. Krankheit. Was konnte ein Krieger gegen Krankheit tun? Yami fröstelte und wagte kaum, den Gedanken zu denken, dessen Wahrheit ihn zu überwältigen drohte. "Wirst du warten, bis ich versucht habe, das zu tun, was ich tun kann? Wirst du warten, bis ich mich davon erholt habe?"

Rhos Kopf fuhr herum. Erstaunt starrte er den Prinzen an, dessen Haut und Haar im Sonnenlicht gebadet noch kontrastreicher und auffälliger waren. "Würdest du mit mir kommen, Yami?" Fassungslos sah er in das weiche Gesicht.

"Was wirst du tun, wenn du allein dort unten bist und feststellst, dass es keine Monster sind, sondern eine Fäulnis der Wurzeln?" Yami lächelte, auch wenn er sich schrecklich zu fürchten begann. "Oder wenn dir etwas auf dem Weg passiert? Ich könnte dich heilen. Aber ich würde nie wagen, was du zu tun bereit bist, allein in die Finsternis zu steigen. Dennoch hast du Recht. Ich bin ein Prinz. Ich weiß um diese Pflichten. Und deine Krone ist nicht allein, nur am ärgsten betroffen." Er musste sich zwingen, die nächsten Worte zu sagen, schon ihr Klang machte ihm Angst. "Wenn du wartest, begleite ich dich."

Rho spürte erst, dass er Yamis Hände ergriffen hatte, als er sie schon fest drückte. "Ich warte", versprach er und nickte einmal.

Insgeheim hatte Yami gehofft, Rho würde sich wehren und weigern, ihn als Bürde betrachten. Aber selbst wenn er mit ihm langsamer vorankam, war Yami alles andere als eine Last; durch seine Fähigkeit einmal und zum anderen bestimmt auch, weil zu zweit die Dunkelheit leichter zu ertragen war. Und als Rho ihn berührte, freute er sich mit einem Mal darüber, dass er ihm helfen konnte und über die Erleichterung in Rhos Augen.

Er erwiderte den Druck leicht, während sich sein Lächeln vertiefte und echt wurde. "Dann möchte ich dich bitten, dass du mir einen Boten zur Verfügung stellst, damit ich eine Nachricht an meine Eltern schicken kann. Sie werden sich zwar nicht weniger Sorgen machen, bei unserem Ziel, aber immerhin wissen sie dann, wo ich bin und dass ich aus freien Stücken gehe."

Rho nickte und versprach: "Io wird dir einen Boten schicken. Ich werde mit Tsusu zu Shen gehen und eure Dinge holen, in Ordnung? Du ruhst dich hier ein wenig aus und kannst deiner Krone Bericht erstatten. Io wird sicherlich noch einmal mit dir sprechen wollen."

Yami nickte und erschauderte erneut, als ihm klar wurde, dass er für lange Zeit ohne Tsusu sein würde. Auf keinen Fall konnte er von seinem zarten Geliebten verlangen, dass er ihn in die Finsternis begleitete. Das Wissen bildete ein Gefühl wie von einem Knoten in seinem Bauch und seiner Brust, und sein Lächeln verschwand. Wie würde er Tsusu vermissen!

"Ist alles in Ordnung?" Besorgt sah Rho in das hübsche Gesicht des Heilers.

Es überraschte Yami, dass Rho sich kümmerte und es überraschte ihn beinahe noch mehr, dass er ihm offen Antwort gab. "Seit er mein Schmuck geworden ist, bin ich fast nie ohne Tsusu gewesen. Aber er wird auf keinen Fall mitkommen. Ich will nicht, dass er in Gefahr gerät. Er wird mir sehr fehlen. Und er wird traurig sein."

"Er kann hier bei seinem Bruder bleiben und auf deine Rückkehr warten, Yami. Ich werde dafür sorgen, dass es ihm solange gut geht." Ein wenig störte ihn der Gedanke, dass Yami sich offensichtlich an Tsusu zu binden gedachte, dennoch fragte er: "Willst du dich offiziell an ihn binden, bevor wir gehen?"

Yami erwog den Gedanken einen Atemzug lang. Es war nicht das erste Mal, dass er sich wünschte, dass Tsusu sein Gefährte wurde, doch als er es einmal auch angedeutet hatte, hatte Tsusu ihn entweder nicht verstanden oder eher ihn nicht verstehen wollen, weil er sich nicht als passend ansah.

'Ich werde mich an ihn binden, wenn wir die Reise lebend überstehen', dachte er entschlossen. Auf Rhos Frage hin schüttelte er den Kopf. "Ich weiß nicht, ob ich zurückkehre. Ich will ihn nicht zu einem Witwer machen. In diesem Fall würde der Zorn einer ganzen Krone auf ihm ruhen, sollte ich sterben. So kann er hingegen für jemand anderen ein Schmuck werden, wenn er das wünscht."

 

Rho brachte Yami in die Zimmer der hohen Gäste und suchte dann Tsusu auf, um mit ihm zusammen zu Shens Haus zu gehen. Die wenigen Dinge, vor allem Kleider, die Tsusu und Yami in den zwei Tagen von Shen erhalten hatten, waren durch den aufmerksamen Schmuck schon in eine Tuchtasche gepackt worden. Aber Rho suchte seinen Freund Shen noch auf, um ihm den Stand der Dinge mitzuteilen.

Als er mit seinem Entschluss und der Aussicht auf die Begleitung durch ausgerechnet Yami endete, fügte er noch hinzu: "Io will eine hohe Belohnung auf denjenigen aussetzen, der mit in die Finsternis hinunter steigt. Es wäre mir persönlich auch lieber, wenn wenigstens noch ein guter Jäger bei uns wäre, der mir hilft, Yami zu schützen."

Tsusu presste sich an die Wand und atmete tief durch. Er hatte nicht lauschen wollen, aber das, was er vernommen hatte, erschreckte ihn. Yami wollte freiwillig in die Finsternis gehen? Unvorstellbar für Tsusu, dass er auch nur einen Schritt weit in die Dunkelheit gehen würde, aber seinen Prinzen allein in diese tödliche Gefahr tappen lassen? Verängstigt presste Tsusu die Tasche an sich und lauschte, was der Stille wohl dazu sagen würde.

Shen verzog einen Mundwinkel zu einem angedeuteten Lächeln. "So ist der Kronprinz also doch noch zur Vernunft gekommen. Ich wollte allein gehen. Aber mit dir an meiner Seite wird mir die Reise besser gefallen. Wann brechen wir auf?"

"Du kommst mit? Ich freue mich, Shen!" Rho knuffte seinen Freund gegen die Schulter. "In einigen Tagen. Zuerst muss Yami sich erholen und wir müssen uns vorbereiten. Ich bin mir sicher, dass wir aus deinem Laden die Dinge beziehen können, die wir brauchen werden. Hitzesteine, Lichtkugeln, Kleider und Waffen. Wenn du das planst, dann habe ich weniger Befürchtungen."

Tsusu hielt es nicht mehr aus. Er stürzte durch den Durchgang, stolperte leider und fiel sehr ungeschickt auf eines der Polster. Mit großen Augen starrte er die beiden anderen an. "Das dürft ihr nicht tun! Es ist schrecklich dort unten, ihr könnt doch nicht meinen Herrn dazu zwingen..." Er brach in Tränen aus. "Bitte. Nehmt ihn nicht weg von mir!"

Überrascht sah Shen den aufgelösten Schmuck an. Etwas in dem Blick und dem tränennassen Gesicht berührte ihn und machte, dass er ihn beschützen wollte. Gleich darauf fragte er sich irritiert, woher der Gedanke kam. Es gab nichts, das Tsusu gefährlich werden konnte. Er trat zu ihm und hockte vor ihm nieder, einen Unterarm auf sein Knie gestützt.

"Er kommt freiwillig mit. Niemand zwingt ihn." Bevor er sich davon abhalten konnte, hatte er die Hand ausgestreckt und trocknete Tsusus Tränen, ein ziemlich hoffnungsloses Unterfangen, denn neue kamen sofort nach. "Wir beschützen ihn."

Tsusu blinzelte und wischte sich mit den Fingern über das Gesicht. Ihm war danach, sich gegen den Händler zu werfen, der die Ruhe selbst schien, um sich von ihm trösten zu lassen.

"Das kannst du nicht versprechen", flüsterte er schließlich und drehte sich fort. Es war peinlich, dass er vor ihnen weinte, auch wenn sie ihn zerrupft und verschmiert, sogar nackt gesehen hatten. Rasch ließ er die Tasche fallen und lief zum Badezimmer.

Amei würde wieder mit ihm schimpfen. Schon für die schwarze Kleidung hatte Tsusu einiges zu hören bekommen, dann für den Zustand seiner Haare und Fingernägel, für den Mangel an Schmuck an den Füßen natürlich auch. Amei war richtig böse geworden, weil Tsusu die Schönheit, seine eigene vor allen Dingen, nichts bedeutet hatte vor Furcht in der Dunkelheit und vor Sorge um seinen Herrn. Mit einem Mal wurde Tsusu klar, was er tun musste.

Erst nachdem er sich gefangen und ein wenig hergerichtet hatte, kehrte er zu den beiden zurück, die über einer Liste der wichtigen Dinge saßen und berieten, wie viel Gewicht sie sich zumuten konnten. Er kniete sich neben den Händler auf die Polster und wartete, bis dieser ihn ansah, dann fragte er zaghaft: "Darf ich weiterhin hier wohnen, bis ihr von der Wanderung zurückkehrt? Meinem Bruder mag ich nicht zur Last fallen."

"Du bist einen lebendigen Palast gewohnt." Shen warf einen prüfenden Blick in das blasse Gesicht und nickte dann. Er würde seiner Hilfe sagen, dass er besonders gut auf den kleinen verhungerten Schmuck aufpassen sollte. "Wenn es dir zu einsam wird, ist der Markt direkt vor der Tür. Fühl dich ganz wie daheim."


© by Jainoh & Pandorah