Die Alten Geister

11.

Yami fühlte sich nicht wohl in der neuen Kleidung eng anliegende schwarze Hosen, ein schwarzes Hemd und eine ebenfalls schwarze Lederweste, dazu Stiefel, die seine Füße einengten. Außerdem würde er ein Tuch tragen müssen, das seine auffälligen weißen Haare verbarg. Shen hatte darauf bestanden. Für das Schimmern und noch weiter darunter gab es besonders warme Kleidung im Gepäck.

Noch viel weniger wohl fühlte er sich allerdings mit Tsusu. Sein kleiner Geliebter war so traurig gewesen, seit er wusste, dass sie sich trennen würden, dass es Yami fast das Herz brach.

"Aber es ist besser für dich", flüsterte er, als er ihn zum Abschied umarmte und fest an sich drückte. Sie brachen nicht vom Palast auf, sondern von Shens Haus aus. Es war früher Morgen, die meisten Leute schliefen noch. Yami wollte Tsusu nicht loslassen, er spürte einen Druck in seinen Augen und eine Enge in seiner Kehle, als müsste er gleich weinen. Trotzdem brachte er sich zu einem Lächeln, als er sich schließlich löste und in Tsusus orangefarbene Augen sah. "Vergiss nicht, dass ich dich liebe, mein Sonnenstrahl."

"Das werde ich niemals vergessen, Yami!" Tsusu erwiderte die Umarmung und versuchte ein Lächeln, das ihm misslang. "Ich habe so schreckliche Angst um dich."

Er hatte darauf bestanden, mit Yami und Rho zu Shens Haus zu gehen, von wo aus die Gesellschaft aufbrechen würde. Nun drückte er den Prinzen noch ein letztes Mal an sich, bevor es auch schon an der Tür klopfte und der Händler fragte, ob sie losgehen konnten.

Yami floh regelrecht vor Tsusu aus dem Haus. Er wollte niemanden sehen lassen, dass er nun doch weinen musste. Das schlimmste an diesem Abschied war, dass er nicht wusste, ob er Tsusu jemals wiedersehen würde. Für den Fall seines Todes hatte er mit Io ein Abkommen getroffen, damit Tsusu gut versorgt war, aber es half wenig, seinen Kummer zu lindern.

Shen sah ihm kurz hinterher, dann trat er zu der verloren wirkenden Gestalt des kleinen Schmucks. Weil es ein Abschied war, gestattete er es sich, ohne Grund das weiche volle Haar zu berühren.

"Ich achte auf ihn", versprach er. "Pass du auf dich auf."

Damit wandte er sich ab und folgte Yami nach draußen, wo Rho bereits wartete. Er rückte seinen Rucksack zurecht, sah zum gerade eben erst heller werdenden Himmel empor und nickte seinem Freund zu, der ebenso schwer bepackt war. Nur Yami hatte ein leichtes Bündel. "Lass uns gehen."

Rho musste zu seiner Freude feststellen, dass Yami allein sehr gut mit ihnen mithalten konnte. Leider war er unter der schwarzen Kleidung der Stillen versteckt, aber nach und nach konnte Rho von ihm auch nur noch den schwachen Schein der Lichtkugel sehen. Hin und wieder konnte er das Gesicht erkennen, ansonsten blieben ihnen nach einiger Zeit nur noch die leise geflüsterten Bemerkungen zur Beschaffenheit des Weges.

Am Abend war es nur noch finster um sie her und die Schreie der nachtaktiven Tiere begannen. Yamis Schritte wurden mühsamer, so dass Rho schon kurz davor war, Shen nach dem Nachtlager zu fragen. Er sah dann jedoch, dass der Händler sie zu einem Unterschlupf geführt hatte, wie sie in der Nähe von Dörfern der Stillen häufiger für Jäger zu finden waren.

Das langsame Tempo, das durch Yami vorgegeben wurde, hatte Shen nicht sonderlich ermüdet, aber immerhin hatte es dazu geführt, dass sie in dieser Nacht in einigermaßen bequemen Betten und ohne Wachen schlafen konnten. Der Unterschlupf war mit seiner festen Tür und den Läden vor den Fenstern sicher. Allerdings zwang er ihn auch zu einer Entscheidung.

Als sie in die Stille abgestiegen waren, hatte er gemeint, einen Schatten zu sehen, der ihnen folgte, doch dann hatte er ihn aus den Augen verloren und als den eines Tieres abgetan. Erst später, weit nach Mittag war er ihm wieder aufgefallen, mehr durch einen unterdrückten Aufschrei als dadurch, dass er sichtbar war.

Er musste Tsusu ein gewisses Maß an Respekt zollen, dass er in der Stille, die er fürchtete wie kaum etwas anderes, so gut Schritt gehalten hatte und dabei auch so unauffällig gewesen war. Doch seit er wusste, wer ihnen folgte, hatte er einige der Abstecher, um ihren Weg zu erkunden, in die falsche Richtung unternommen, um sicher zu gehen, dass Tsusu nicht bedroht wurde.

'Dieser dumme, kleine... Was glaubt er denn, wie er später überleben wird? Eine Nachtkatze nimmt ihn doch gerade einmal als Vorspeise.' Leider hatte der Kleine nicht von allein aufgegeben, wie er gehofft hatte.

Verärgert nahm Shen den Rucksack ab und legte ihn auf ein in das Holz geformtes Lager. Dann verließ er die Höhle, ohne eine Spinnwebkugel mitzunehmen, während Yami und Rho die Hitzesteine auspackten, um ihr Essen zu bereiten. Seine Augen brauchten nur einen Moment, ehe sie sich an das wenige Licht gewöhnt hatten. Er lauschte einen Atemzug lang auf die Stimmen der Nachttiere, ehe er lautlos in die Richtung glitt, in der er Tsusu wusste.

 

Zu seinem Entsetzen sah Tsusu, dass die Nacht mit noch mehr Schwärze über die ohnehin schon graue Welt hereinbrach und die unheimlichen Geräusche um ihn her zunahmen. Er wusste, dass er sich übernommen hatte mit dem ehrgeizigen Vorhaben. Er war gut ausgestattet. Sein Rucksack war eine Spur zu schwer für ihn, aber dafür hatte er einen eigenen Hitzestein in sicherer Hülle und mit kleinem Ständer zum Kochen. Er hatte eine Lichtkugel, auch wenn er sie nur selten zu benutzen wagte, und die Kleidung war an die angepasst, die auch Yami und Rho trugen. Aber dennoch fürchtete er sich und rollte sich in der Nähe des einsamen Unterschlupfes unter seinen Umhang zusammen, weil er es nicht wagte, den Hitzestein hervorzuholen, solange die anderen noch wach waren.

 

Shen sah auf das zusammengerollte Bündel hinab, das gerade noch von dem Licht gestreift wurde, das durch die Ritzen der Fensterläden fiel, und schüttelte leicht den Kopf. Tsusu hatte ihn nicht bemerkt, so wie er auch keinen der zahlreichen Jäger der Stille bemerken würde. Was wollte der Kleine überhaupt hier? Sich offenbaren, wenn sie weit genug in die Dunkelheit gestiegen waren, so dass es zu spät war, ihn zurückzuschicken vermutlich. Denn als Verfolger konnte er seinem Herrn nicht dienen.

Ein Gefühl von Gefahr ließ Shen abrupt den Kopf heben. Ein warnendes Kribbeln lief durch seinen Körper, die feinen Härchen in seinem Nacken richteten sich auf. Angestrengt lauschte er, nahm die fernen Schreie eines Grabenspechts war, die knarrenden Balzrufe von Moosschrecken. Wasser tropfte irgendwo in einen Tümpel. Der stetige leichte Wind, der die Höhen umschmeichelte, wisperte geisterhaft in den Zweigen. Shen nahm den Bogen von der Schulter und legte einen Pfeil an die Sehne.

Das kaum wahrnehmbare tiefe Surren war so charakteristisch, dass Shen ruckartig nach oben sah. Das gedämpfte Licht aus dem Unterschlupf spiegelte sich in einer Vielzahl von Augen wieder. Die acht Beine standen von dem schlanken Körper ab, bewegten sich nur hier und dort leicht, um den Kurs zu korrigieren, während sich die Jägerspinne von einem über ihnen gelegenen Ast hinab ließ. Daher rührte auch der Ton; er kam von dem Wind, der sich in ihrem Faden verfing und damit wie mit einem Saiteninstrument spielte.

Einen Moment lang bewunderte Shen die Schönheit des großen Tieres, das graue Muster auf dem schwarzen Bauch, das wie ferne helle Durchbrüche im Geäst der Kronen wirkte. Langsam hob Shen den Bogen und spannte die Sehne, langsam genug, dass sie seine Bewegungen nicht wirklich wahrnehmen konnte. Dann erst zischte er warnend, den Laut eines Rivalen imitierend. Er wollte die Spinne nicht töten, wenn es sich vermeiden ließ.

Sie wirbelte zu ihm herum, die Zangen um ihre Mundöffnung spreizten sich. Herausfordernd erwiderte sie das Zischen, lauter als er. Noch ehe sie geendet hatte, fauchte Shen; er zielte und spannte gleichzeitig den Bogen weiter. Der erste Schuss musste sitzen. Die Spinne zögerte, als sie das unverhohlene Drohen vernahm, doch dann entschied sie sich für die Beute.

Shen sah die kleine Bewegung, mit der sie den Faden kappte, und schoss. Noch ehe der Pfeil sein Ziel traf, griff er bereits nach dem zweiten. Die Jägerspinne landete mit einem dumpfen Laut, der in einem Krachen unterging, als würde ihre harte Haut bersten, dann rührte sie sich nicht mehr. Dennoch schoss Shen ein zweites Mal auf sie und wartete einen Moment, ehe er es wagte, sich ihr zu nähern.

Er stieß sie mit seinem Bogen an, und erst, als sie sich noch immer nicht bewegte, trat er energischer mit einem Fuß gegen den reglosen Körper. Sehr offensichtlich war die Spinne tot. 'Du wärest besser wieder zurück auf deinen Ast geklettert. Ich habe dich gewarnt.'

Dann wandte er ihr jedoch den Rücken zu, um sich um Tsusu zu kümmern. Nachher würde er noch die Beine holen; die Muskeln in dem Chitinpanzer schmeckten gekocht hervorragend, und wenn sie frisches Fleisch hatten, mussten sie nicht auf ihre Vorräte zurückgreifen.

Unzufrieden verzog Shen das Gesicht. Bis natürlich auf Tsusu, der kein Fleisch aß. Das Bündel aus Umhang und Lichtem bebte sichtbar, als er zu ihm trat.

"Was hast du dir bei diesem irrwitzigen Unternehmen gedacht?", herrschte er ihn an, plötzlich wütend auf den zarten Mann. Ihm hätte alles nur Erdenkliche passieren können! Bei der Finsternis, wie konnte er so unvorsichtig sein?

Tsusu hatte nicht viel erkennen können, aber die Geräusche, die er vernommen hatte, lautes Zischen und Fauchen, gleich in seiner Nähe, hatten ihn erstarren lassen vor Schreck. Er hatte es nicht einmal gewagt zu atmen. Als eine dunkle Stimme ihn anfuhr, brauchte er einige Augenblicke, um zu erkennen, dass es sich um den Stillen handelte.

Benommen setzte Tsusu sich auf und zog die Beine an den Körper. Er schaffte es nicht, etwas zu sagen, bevor sein Blick auf die Spinne fiel, die Shen offensichtlich gerade erlegt hatte. Hastig wandte er den Kopf wieder ab und presste eine Hand auf seinen Mund. Sein Atem ging zu schnell, ihm wurde schwindelig.

Besorgt ging Shen bei ihm in die Hocke und legte ihm einen Arm um die Schultern, um ihn zu stützen. "Sie ist tot, Kleiner. Aber wenn dich der Anblick schon so schwach macht, wie bist du nur auf die Idee gekommen, uns zu folgen?"

Kurzerhand schob er ihm den anderen Arm unter die Kniekehlen und hob den leichten Körper hoch. Er stand mit ihm auf und ging auf den Unterschlupf zu.

Tsusu hatte ein erschrockenes Piepen hervorgebracht, aber klammerte sich dann mit feuchten Fingern so fest an Shens Weste, dass er im Unterschlupf nicht mehr in der Lage war, die Finger von ihm zu lösen.

Yami starrte den Stillen, der ihm seinen Geliebten brachte, wie eine Erscheinung an. Er hatte mit Jagdbeute gerechnet oder damit, einzuschlafen, bevor Shen zurück war. Jedoch bestimmt nicht damit, dass er Tsusu in die sichere Höhle trug. Tsusu, der verängstigt und blass war und zitterte.

Erschrocken sprang Yami auf und eilte zu ihm hin, kaum dass Shen den Schmuck auf seine Füße gestellt hatte. Er musste ihn sofort berühren, um sich zu vergewissern, dass er nicht verletzt war. Shen löste die verkrampften Finger von sich und verschwand wortlos und ohne eine Erklärung wieder nach draußen.

Yami brauchte einen Moment, um seine Sinne zu sammeln. Tsusu war ihnen gefolgt! Sein kleiner, ängstlicher, liebenswerter, süßer, unendlich treuer Sonnenstrahl. Yami wollte ihm böse sein, weil er sich in Gefahr gebracht hatte, aber er konnte es nicht. Stattdessen umarmte er ihn stumm und brachte ihn dann zu seinem Lager, wo er ihn auf die Decke drückte. Tsusu sah ohnehin aus, als wollte er auf den Boden sinken. Yami ging zu der Kochstelle, wo sie die Hitzesteine ausgelegt und einen Topf darüber gestellt hatten. Er schöpfte einen Becher voll heißen Tee für seinen Liebling, ehe er sich zu ihm setzte. "Hier, das wird dir gut tun."

"Es tut mir so leid, Yami. Ich konnte dich einfach nicht allein in die Finsternis gehen lassen!" Tsusu schob die schwarze Haube von seinen fest an den Kopf geflochtenen Haaren, dann nahm er den Becher mit beiden Händen und schaffte es nach einer Weile, sein Zittern zu kontrollieren, so dass er trinken konnte. Ihm wurde klar, dass es nicht nur die Angst gewesen war, sondern auch die Überanstrengung. Betroffen senkte er den Kopf.

"Ich werde euch behindern und im Weg sein", flüsterte er und blickte in das freundliche Gesicht seines Herrn. "Ich hab nicht nachgedacht, es tut mir so leid!"

Rho schüttelte den Kopf. "Das sollte es auch. Verdammt noch mal! Du musst mitkommen, wir drehen jetzt nicht mehr um!"

Um nicht zu ausfallend zu werden, stapfte er Shen hinterher, der offenbar eine der riesenhaften Raubspinnen erlegt hatte. "Hm, lecker. Wollen wir sie heute gleich rösten?", fragte er und grinste schon wieder. Dann entdeckte er den Rucksack des Schmuckgeliebten und meinte: "Ich will den beiden noch einen Moment lassen. Er muss mitkommen, ob wir wollen oder nicht."

"Ich weiß", grummelte Shen. Er hatte seine Pfeile zurückgeholt; sie waren zu kostbar, um auf sie zu verzichten. Hier gab es kein Werkzeug, um gute neue herzustellen. "Ich hatte gehofft, er kehrt um, so lange noch Zeit ist. Aber er ist stur. Und loyaler als jeder andere Schmuck, den ich kennengelernt habe. Oder er liebt seinen Herrn aufrichtig." Der Gedanke verärgerte ihn genauso wie der, Tsusu in Gefahr zu wissen.

"Ich glaube, dass es nicht schwer fällt, Yami zu lieben. Seine Heilkraft wärmt und lässt einen fröhlich werden, wenn man ihn nur anschaut. Es muss wirklich schön sein, ihn zu lieben." Natürlich hatte Rho das niemals vor, diese Art Wunsch war zu unangebracht.

Shen war gerade in die Hocke gegangen, um Tsusus Bündel aufzuheben, und sah überrascht zu Rho hoch. Das Licht, das durch die angelehnte Tür des Unterschlupfs fiel, erhellte das dunkelhäutige Gesicht, aus dem die grünen Augen wie der Frühling schimmerten, und ließ seinen Freund beinahe abwesend und verträumt wirken. Dann verlagerte Rho sein Gewicht, und der Eindruck verwischte. Shen nahm den Rucksack, stand auf und wies mit dem Kopf zu ihrem Lager hin, ehe er vorausging.

Bei dem schweigsam eingenommenen Abendessen entschied sich Yami dazu, kurzfristig ebenfalls fleischlose Kost zu bevorzugen, nachdem er mitbekommen hatte, was Shens Jagdbeute war. Auch Rhos freundlicher Hinweis, dass es ausgezeichnet schmeckte, konnte ihn nicht dazu bringen, seine Meinung zu ändern. Stattdessen teilte er sich mit Tsusu die Pilze und Früchte, die der Stille auf ihrem Weg gesammelt hatte.

Als er später mit seinem Geliebten zusammen unter einer Decke lag, die Arme um den warmen Körper geschlungen, mit seinem vertrauten Atem neben sich und seinem leichten Duft, war er trotz seiner Sorge froh, dass Tsusu bei ihm war. Was konnte sich ein Mann mehr wünschen, als einen so treuen Geliebten? Was wollte ein Prinz mehr, als einen derart loyalen Schmuck?

Er richtete sich halb auf und strich mit einem Finger die orangefarbenen Strähnen aus Tsusus spitzem Gesicht, erwiderte den Blick der halb geschlossenen Augen. 'Mutig, wunderschön, ich liebe ihn, er liebt mich... Wenn wir wieder zurück kommen... wenn wir... ich will...' Er beugte sich zu ihm hinab und küsste weich seine Lippen.

"Tsusu", flüsterte er leise und küsste ihn erneut. "Wenn wir zurück sind... lass uns den Bund schließen."

Tsusu blinzelte erstaunt. Das hatte er nicht erwartet. Er runzelte die Stirn und schmiegte sich eng an Yami, um es zu verstecken.

"Du ehrst mich", flüsterte er dann leise. In seinem Inneren begann der Streit zwischen dem Für und Wider. Immer an Yamis Seite sein zu können, würde herrlich sein, aber zugleich würde es bedeuten, dass er sich sein Leben lang anstrengen musste, so schön zu sein. Er seufzte leise und streichelte Yami sachte. "Erst einmal müssen wir die Finsternis überstehen."

"Ich ehre dich nicht einfach, ich liebe dich." Mit einem zufriedenen Seufzer barg Yami das Gesicht in Tsusus Haar, was ungewohnt durch die Zöpfe war, und zog ihn eng an sich. "Aber zuallererst müssen wir schlafen, sonst werden die beiden anderen morgen ungehalten, wenn wir müde sind." Er lachte leise und küsste Tsusus Kopf. "Sonst würde ich dich natürlich jetzt noch verführen, ganz romantisch, wie es sich zu so einem Antrag gehört." Allein der Gedanke rief ein warmes Kribbeln hervor, aber er war ohnehin zu müde dazu. "Ich bin so glücklich, dass du bei mir bist", murmelte er und schloss die Augen. Nur einen Moment später war er eingeschlafen.

 

Rho erwachte von leisen Geräuschen. Etwas raschelte, und sofort hatte er sein Wurfmesser in der Hand. Sein Blick fiel jedoch auf Tsusu, der sich vorsichtig ein wenig zurechtmachte, die Aufmerksamkeit auf Yami gerichtet, der noch schlafend auf der Matte lag. Anstelle etwas zu sagen, beobachtete Rho seufzend, wie Tsusu sich auszog und wusch, um dann die schwarzen Hosen und die schmale Tunika mit den langen Ärmeln wieder überzustreifen. Der kleine Schmuck holte als nächstes seinen Hitzestein und die Halterung hervor, um einen leichten Tee zu kochen. Als Yami sich rührte, war er sofort an der Seite des Prinzen und zupfte den Umhang weiter über ihn. Rho konnte nicht anders, als Yami um diese Fürsorge zu beneiden.

Als Yami die Augen öffnete, sah er direkt in Tsusus Gesicht. Gleich musste er lächeln, weil er sich an die Treue seines Liebsten erinnerte. Er richtete sich halb auf und küsste ihn leicht auf den Mundwinkel, ehe er ihm einen guten Morgen wünschte und sich aufsetzte.

Während er seinen Tee trank, kämmte ihm Tsusu die Haare und ließ ihm Zeit, ganz wach zu werden. Yami genoss die sanften Finger, die ihn geschickt wie immer verwöhnten. In friedlicher Stimmung gefangen, die nicht mit dem Grund ihrer Reise zusammen passte, suchte er mit Blicken nach ihren Gefährten. Shen war offensichtlich schon unterwegs, aber Rho lag noch auf seinem Lager. Ihre Blicke trafen sich, und Yami lächelte. "Guten Morgen."

Eigentlich war es Tsusu unangenehm, dass sie von jemandem beobachtet wurden, wenn Yami und er noch nicht so richtig präsentabel waren. Aber an Rho hatte der Prinz sich offensichtlich bereits gewöhnt, und so war auch Tsusu beruhigt, als er bemerkte, dass der Blick der schmalen, dunkelgrünen Augen noch immer auf ihnen ruhte.

Rho nickte Yami nur zu und lächelte ein wenig, dann nahm er sich einen Tee und hoffte, dass Shen es ihm nicht übel nahm, wenn er zum Frühstück von dem Fleisch aß. "Tsusu, ich hoffe, dass du wirst mithalten können. Ich weiß, dass wir ab heute tiefer steigen werden, um dem Baum zu folgen, der unsere Krone bildet. Unser Weg wird auch über Lianen führen. Wenn du dich nicht richtig festhältst, dann stürzt du in die Finsternis."

Tsusu senkte den Kopf über Yamis Haarschopf, den er gerade fest verflocht, damit der Prinz sein Haar besser unter der Kappe verstecken konnte.

"Ja, ich weiß. Ich werde mich anstrengen, euch nicht zu enttäuschen", versprach er und wusste, dass allein die Angst vor der Finsternis ihn sicherlich dazu bringen würde, niemals aufzugeben.

"Wir haben Seile dabei, damit werden wir euch sichern." Shen trat in den Raum und zog die Tür hinter sich zu. Seine Laune war nicht die beste. In der Nacht hatte ein Raubtier den Spinnenkadaver fortgeschleppt, und er hatte Spuren von Krallen gefunden. Natürlich war er selbst schuld, er hätte am Abend einen Fleischvorrat mit nach drinnen nehmen sollen. Aber nachdem sowohl Tsusu als auch Yami schon allein von der Vorstellung bleich geworden waren, hatte er darauf verzichtet. Er sollte rigoros aufhören, Rücksicht zu nehmen. Die beiden Püppchen mussten ihr Püppchen-Gehabe früher oder später ohnehin ablegen. Die Welten unter den Kronen waren nun mal kein lichter Palast.

Yami schauderte vor der finsteren Miene des Stillen. Nach einem kargen Frühstück, das hauptsächlich aus kalten Resten vom Vortag bestand, versuchte er dann, seine Sachen zu verstauen. Doch sein Rucksack schien mit einem Mal viel zu klein zu sein. Geduldig half Tsusu ihm und räumte alles noch einmal um, bis es passte. Es war das erste Mal, dass sich Yami wirklich nutzlos vorkam; beschämt und verärgert über sich presste er die Lippen zusammen und hielt den Blick gesenkt, um nicht die Missbilligung in Shens und Rhos Gesichtern zu sehen.

 

Im Gegensatz zum Vortag verlangsamte Shen das Tempo, aber die Reise wurde trotzdem beschwerlicher. Sie konnten keine Treppen mehr nutzen, sondern stiegen über steil abfallende Äste nach unten, die nass vom Regen waren. Glitschiges Moos und faulende Blätter machten es umso schwerer, und oft mussten sie mit Hilfe der Seile oder an Lianen nach unten klettern. Shen war vorsichtig, und zumeist sicherte er Yami und Tsusu, so dass sie beide von ihm oder Rho gehalten werden konnten, wenn eine riskante Kletterpartie anstand. Dennoch schmerzten Yamis Arme bald vor Überanstrengung, und dagegen half auch seine Heilkraft nur wenig.

Am Abend waren er und Tsusu kaum noch in der Lage, sich zu bewegen. Rho und Shen schlugen das Lager in einem Astloch auf, das wohl schon häufiger für diesen Zweck genutzt worden war. Wie im Unterschlupf zuvor waren Lagerstätten vorgeformt Mulden an der Wand, die zusätzlich Schutz boten, auch wenn es hier keine Tür gab.

Yami zwang sich dazu, Tsusu bei der Zubereitung von Tee zu helfen, was beinahe schon zu viel der Anstrengung war. Zudem verweigerte er seinem Geliebten schlicht, dass dieser ihn so umsorgte, wie er es sonst immer tat. Auch Tsusu war erschöpft, mehr sogar noch als er.

Yami döste vor sich hin, während Shen das Essen zubereitete. Am liebsten hätte er die große Schale Eintopf ausgeschlagen, die bald vor ihn gestellt wurde. Es schien unmöglich, alles aufzuessen. Aber der Stille blieb unerbittlich. Tsusu wurde sogar wütend angefaucht, als er seinen Teller von sich schieben wollte. Immerhin war es keine Spinne, das war ein kleiner Trost.

Kaum, dass er nach dem Essen auf sein Lager gefallen war, schlief er auch schon ein.

Er wurde davon geweckt, dass ihn jemand unsanft an der Schulter rüttelte. Das Frühstück war schon gerichtet, und nachdem er sich müde angekleidet hatte, stellte er fest, dass er sogar hungrig war.

Der Tag verging genauso ereignislos wie der vorherige. Immer wieder verschwand Shen, um sich nach Gefahren umzusehen und ihren Weg auszukundschaften, und Yami sehnte jede dieser kurzen Pausen verzweifelt herbei. Dennoch war er am Abendlager nicht mehr ganz so erschöpft, wie er erwartet hatte, und auch am Morgen darauf kam er wesentlich besser aus den warmen Decken.

Als sie ihren Unterschlupf dieses Mal verließen, stellte Yami fest, dass nun auch das letzte Zwielicht verblichen war. Sie konnten nur noch mit Hilfe der Spinnwebkugeln sehen. Mit dem Verschwinden des Lichts waren auch die beinahe vertraut gewordenen Laute der Tiere verstummt. Nur noch hier und da zischelte es in der Dunkelheit jenseits der Lichtkegel, ab und an war ein geisterhaftes Wispern zu hören, das Yami kalte Schauer den Rücken hinablaufen ließ.


© by Jainoh & Pandorah