Die Alten Geister

12.

Während sie sich eng beieinander haltend dem Weg folgten, den Shen vorgab, merkte Yami, dass auch die Pflanzen verschwunden waren. Wo es zuvor immer wieder grünes Moos oder bleiche Pilze, ausladende Büsche mit riesigen Blättern oder Büschel wogender Gräser in Ritzen gegeben hatte, wuchs hier nichts. Der Schlick, der die Äste bedeckte, war schwarz und glänzte unheimlich. Ihre Schritte erzeugten schmatzende Laute, wenn er sich in Mulden sammelte.

Mehr und mehr ließ die Freude über die Pausen nach, wenn Shen wieder einmal verschwand. Die Anwesenheit des Stillen verhieß nun mehr Sicherheit, und Yami rückte dichter zu Rho auf. Tsusus Gesicht leuchtete blass und verschreckt aus der Dunkelheit, in der er durch seine schwarze Kleidung kaum auffiel. Yami tastete nach seiner Hand und umfing sie, wobei er feststellte, dass sie genauso kalt und feucht wie seine eigene war. Als Shen wieder zurückkam, überraschte es Yami, um seinen Mund die Andeutung eines Lächelns zu sehen.

"Wir haben das Schimmern erreicht", sagte er leise. Er dämpfte das Licht der Spinnwebkugeln, dann winkte er ihnen zu folgen.

Vorsichtig tastete Yami sich voran, noch immer mit Tsusu an der Hand. Ihm war danach, die andere nach Rho auszustrecken, aber er wagte es nicht. Dafür wäre er beinahe gegen den großen Prinzen geprallt, als dieser unvermittelt stehenblieb. Ängstlich hob Yami den Blick vom Boden, um zu sehen, welche Gefahr ihn abgelenkt hatte, doch dann vergaß er alle düsteren Gedanken.

Nichts hatte ihn auf diesen Anblick vorbereitet, keine Erzählungen konnten die Wirklichkeit einfangen, die sich vor ihm ausbreitete. Mit einem Mal verstand er den Namen, den die Stillen der Ebene unter ihrer Heimat gegeben hatten. Die Schwärze wurde durchbrochen von Pilzen, von Schwämmen und bizarr geformten Pflanzen, die ein bläuliches, weißliches oder violettes Licht aussandten gerade genug, um sie zu erkennen, um sie schimmern zu lassen, wenn man den Kopf bewegte, aber nicht ausreichend, um die Äste zu erleuchten. Sie wirkten wie schwebende Inseln, losgelöst von allem in der Dunkelheit.

Mit offenem Mund tastete Tsusu sich weiter in die Finsternis, um einen besseren Blick auf die bizarren, leuchtenden Figuren zu erhalten.

"Wie in den alten Liedern", flüsterte er erstaunt und entzückt. "Sie sind wunderschön. Shen? Sind sie giftig?"

Im Vorbeigehen löschte Shen die Kugel, die Rho trug, dann seine eigene und trat zu Tsusu, um ihn vorsichtig mit einem Arm zu umfangen, damit er vor lauter Bewunderung nicht zu nahe an den Rand ging. Es freute ihn, dass die Überraschung gelungen war; er hatte auf eine solche Reaktion gehofft. Das Schimmern war genauso gefährlich wie die Stille, wenn nicht sogar noch mehr, aber es war auch atemberaubend schön. "Manche sind es, manche nicht. Siehst du den Schwamm, der wie tropfender blauer Kristall wirkt? Er schmeckt sehr lecker in Suppe. Da drüben die weißen Pilze, die sich in Kreisen sammeln, die solltest du nicht einmal berühren. Sie ätzen dir die Haut weg."

Die Dinge, die Shen ihm sagte, waren zum Teil nicht sonderlich beruhigend, aber es war die dunkle Stimme, so nahe an seinem Ohr, die Tsusus Herzschlag beschleunigte. Unbewusst schmiegte er sich dichter.

Es erfüllte Shen mit Zufriedenheit, dass sich der zarte Mann ihm anvertraute und nicht scheu zurück wich. Er drückte ihm kurz die Schulter und lächelte in die Dunkelheit. Eine Weile standen sie so da, dann vernahm Shen ein scharrendes Geräusch, das nicht von Yami oder Rho kam, und rasch wich er von Tsusu zurück und entflammte die Spinnwebkugel. Seine Augen waren an wenig Licht gewöhnt, aber das Schimmern war selbst für ihn zu dunkel.

Blinzelnd sah er gerade noch, wie eine schattenhafte Gestalt einen beinahe vertikal verlaufenden Ast hinauf huschte und verschwand. Es war nur eine ungefährliche, neugierige Drachenechse gewesen, erkannte Shen, aber gerade mit Tsusu und Yami, auf die sie Acht geben mussten, wollte er kein Risiko eingehen.

Außerdem konnten sie nicht zu lange verweilen, wenn sie den nächsten sicheren Rastplatz innerhalb der Kraftreserven der beiden Püppchen erreichen wollten. Bald würden sie ohnehin in vollkommen unbekannte Gefilde vordringen, dann würde es schwieriger werden, etwas Annehmbares zu finden.

"Kommt." Er wies mit dem Kopf die Richtung und ging gleich darauf voran, nur um sich noch einmal umzudrehen und zu Tsusu zu sehen. Er konnte noch immer spüren, wo sich der schlanke Körper an seinen gelehnt hatte, und es fühlte sich schön an.

Tsusu folgte dem hochgewachsenen Stillen und schämte sich dafür, dass er sich so hatte gehen lassen. Bestimmt war dieser von ihm zurück gewichen, um ihm höflich klar zu machen, dass sie sich zu nahe gekommen waren. Zudem fiel Tsusus Blick auf seinen Herrn. Yami kam besser mit auf dieser Wanderung als er, und dennoch war seine Stimmung stetig schlechter geworden. Am Abend zuvor hatte Yami Tsusu gar brüsk und nicht gerade freundlich abgewiesen.

Seitdem hielt Tsusu sich von ihm entfernt und mochte auch nicht mehr so sehr in seiner Nähe sein. Es war eine Seite an dem Prinzen, die ihm nicht gefiel. Ihm wurde klar, dass er sich einfach so wohl bei ihm gefühlt hatte, weil er sich sicher hatte fühlen können. Das tat er nun ganz und gar nicht mehr.

Sicher fühlte er sich, wenn Shen seine Hand nahm, um ihm über einen dünnen Ast oder an einer Lianenbrücke zu helfen. Er fühlte sich beim Essen sicher, wenn Shen ihm versprach, dass ein Eintopf kein Fleisch enthielt. Er hatte sich eben gerade, so dicht bei Shen, mehr als nur sicher gefühlt.

Nachdenklich starrte er sich auf dem Hinterkopf des Stillen fest, was unweigerlich dazu führte, dass er stolperte und ausglitt. Erst im letzten Moment konnte er sich festkrallen, um nicht in einen Abgrund zu stürzen. Seine Finger griffen auf die Haut rücksichtslos in eine harte Flechte am Abgrund. Mit den Beinen trat er hilflos gegen die Rinde, bis er auf einem schmalen Grat Halt fand.

Shen fuhr herum, der Ausruf blieb ihm in der Kehle stecken. Für einen Moment sah er nicht nur Tsusu stürzen, sondern auch noch einen anderen Mann, seinen Geliebten, der vor langer Zeit auf diese Art den Tod gefunden hatte. Dann klärte sich das Bild; Tsusu hatte Halt gefunden.

Shen handelte, ohne nachzudenken. Er streifte den Rucksack ab, und noch ehe dieser landete, schlang Shen bereits sein Seil um einen Stumpf. Mit den Füßen gegen den Ast gestemmt ließ er sich daran hinab. "Ich bin gleich bei dir, Tsusu. Keine Angst, bin gleich da."

Es dauerte nur Momente, bis er mit Tsusu auf einer Höhe war. Vorsichtig, um ihn nicht durch eine Erschütterung seines Haltes zu berauben, kam er näher. Er schlang das Seil einmal um seine linke Hand und streckte den freien Arm nach Tsusu aus.

"Bin fast da", murmelte er, während sein Herz vor Angst, dass etwas schief gehen konnte, viel zu schnell schlug. Endlich konnte er ihn umfassen und an sich ziehen.

Zutiefst erschrocken und beschämt krallte Tsusu sich an ihn. Atemlos entschuldigte er sich und weinte zugleich.

Rho war zur Kante gestürzt und hatte seinerseits ein Seil befestigt, das er nun zu Shen und Tsusu hinunter ließ. "Shen, binde ihn fest. Yami und ich ziehen ihn hoch, du sicherst ihn von unten!" Er drehte sich zu Yami um. "Du bleibst besser hinter mir beim Ziehen, es ist sehr glatt hier."

Yami nickte, zu erschrocken, um etwas sagen zu können. Für einen Moment hatte er gedacht, Tsusu verloren zu haben, und der Schmerz war schrecklich gewesen.

"Ich geb' Bescheid!", rief Shen nach oben, während er mit den Füßen nach besserem Halt an der rauen Rinde suchte. "Hör auf, dich zu entschuldigen. Komm, nimm das Seil und bind es um. Ich halte dich. Keine Angst."

Mit zitternden Fingern löste Tsusu seine Hände von Shens Weste und ergriff das Seil, um es sich um den Bauch zu binden. Unsicher zog er den Knoten fest und sah dann zu Shen auf, aber fand keine Worte. Schmale, dunkle Augen hatten seine Bewegungen verfolgt und begegneten seinem Blick nun kurz.

"Danke", flüsterte Tsusu leise.

Shen nickte zur Erwiderung und drückte ihn einmal fester, ehe er den Knoten prüfte und noch einmal nachzog. "Halt dich fest und stemm die Beine gegen den Ast. Immer mitlaufen, das macht es einfacher." Als Tsusu der Anweisung folgte, rief er nach oben: "Zieht ihn hoch!"

Es war eine Erleichterung, als das zusätzliche Gewicht nicht mehr an seiner linken Hand hing. Shen veränderte seine Position und folgte Tsusu dicht auf, nicht willens zu riskieren, dass der Kleine erneut abstürzte.

Als sie ebenen Boden erreichten, legte er ihm noch einmal kurz die Hand auf die Schulter, dann ging er zu dem Ast, an dem er sein eigenes Seil befestigt hatte. Den Rücken den anderen zugewandt löste er den Knoten und begann, es langsam aufzuwickeln. Noch immer schlug sein Herz vor Furcht zu schnell; seine Finger bebten leicht, und er konnte sie nicht daran hindern.

'Sterne, ich dachte, ich hätte ihn verloren...' In der Bewegung hielt er inne und starrte auf seinen zuckenden Schatten, der von Rhos Spinnwebkugel erzeugt wurde. Die Erkenntnis ließ ihn schaudern. 'Ich ihn? Ich habe ihn für seinen Prinzen gerettet. Das ist doch das einzige, worauf die ganzen Schmuckgeliebten aus sind. Reichtum und ein hoher Titel. Außerdem ist er mir viel zu mager. Nichts dran zum Anfassen.' Dennoch hatte Tsusu sich gut an ihm angefühlt.

Shen drehte sich um und sah auf Tsusu, der in Yamis Armen lag, sich festhaltend, als würde er erst jetzt begreifen, dass er hätte sterben können.

Yamis Augen waren weit und voller Dankbarkeit, als sie sich auf Shen richteten, dann schlossen sie sich, und Yami presste das Gesicht gegen Tsusus Hals. Shen hörte leises Flüstern, aber konnte keine Worte verstehen. Er merkte kaum, dass sich seine Brauen zusammenzogen, als er sich abwandte. Festen Schrittes ging er zu seinem Rucksack, um ihn sich überzuwerfen und dann das Seil wieder über die Schulter zu legen.

 

Yami war nach diesem dummen Unfall um Tsusu wie eine Klette, und so konnte er Shen nicht auf seine Dummheit ansprechen oder sich dafür entschuldigen. Rho scheuchte sie allerdings auch und war nicht sonderlich guter Laune. Sie mussten sich sehr beeilen, und Rho ging sogar einige Male voran, sichtbar nervös bei jedem Geräusch. Seine Nervosität machte auch Tsusu wieder ängstlicher. Aber er war vollauf damit beschäftigt, auf den Weg zu achten, der sich durch den Schimmer seiner eigenen kleinen und eher gelblichen Lichtkugel nur schlecht erhellen ließ.

Rho war auf Shen wütend, denn dieser strebte sehr häufig voran, meldete sich nicht ab, kehrte zurück, ohne etwas zu sagen und zeigte den Weg allein dadurch an, dass er ihn wählte. Der Stille kannte sich in dieser Tiefe noch aus, aber sehr bald würden sie in unbekanntes Gebiet vordringen, und Rho hätte sehr gern zuvor einmal abgesprochen, wie sie sich der Finsternis nähern wollten.

Der andere Umstand, der ihn ärgerte, war der nutzlose Schmuckgeliebte des Heilers. Tsusu nervte ihn, weil der Kleine permanent hinterher hinkte, und dies Rho dazu brachte, ebenfalls zurückzufallen, um ihn nicht aus den Augen zu lassen. Dies brachte ihn noch weiter ab von Shen und den Entscheidungen, wie sie wohin gehen würden.

Zum anderen nervte es ihn, wie Yami und auch Shen sich um Tsusu sorgten. Er war nicht verzogen. Er war es gewohnt, wenn man sich nicht um ihn, sondern mehr um seinen Bruder Io oder gar seine Schwester gekümmert hatte, aber an den Abenden in einem Unterschlupf hätte er es nett gefunden, wenn nicht nur Tsusus Wünsche beim Essen berücksichtigt wurden und nicht nur Tsusu und Yami eine Ecke erhielten, in der man auch wirklich liegen und ausruhen konnte.

Rhos Ärger vermehrte sich noch, weil Tsusu und Yami aneinander klettend noch mehr hinterher hinkten als sonst und Shen für die meiste Zeit nur noch in der Ferne durch seine Lichtkugel sichtbar war. Wenn sie ihn eingeholt hatten, meinte Rho den Blick des Stillen auf sich zu spüren, als sei er an der Langsamkeit schuld.

Als sie jedoch an einer Lianenbrücke entlang noch tiefer hinabstiegen, vergaß Rho kurzfristig, wie wütend er war und was für eine Rede er an die Reisegesellschaft hatte halten wollen. Sie kamen auf den sagenumwobenen Resten der Uralten an. Diese hatten in Steinhäusern gewohnt. Die Türme waren zum Teil tatsächlich noch vorhanden, von Flechten, Moosen und Pilzen überwuchert.

Shen nickte in Richtung eines Durchgangs, um Rho anzuzeigen, dass dort der Unterschlupf für die Ruhezeit war. Von Tag und Nacht konnte man in dieser Tiefe schon längst nicht mehr sprechen. Der Stille wandte sich dann ab, vermutlich um Pilze für Tsusus Suppe zu sammeln.

Rho zischte und erinnerte sich an seine Wut, aber war zugleich neugierig auf die Steingebäude. Er ging auf die Knie und wollte gerade in den Unterschlupf hineinkriechen, als er einen fremden Geruch wahrnahm. Gleich darauf öffneten sich direkt vor ihm die schmalen Augenschlitze einer Schleichkatze von nicht zu verachtender Größe.

Dunkles Grollen stellte Rhos Nackenhaare auf. Er hatte sein Messer noch nicht gezogen, als die Katze ihn ansprang und zurückwarf. Sein Rücken und Kopf prallten hart auf den Untergrund, Sterne tanzten vor seinen Augen und sein Kampfarm schmerzte dumpf pochend. Gleich darauf stieß er dem Tier ein Knie in den Leib und krallte sich mit einer Hand an seiner Kehle fest. Mit der freien Hand versuchte er noch immer, sein Messer zu ziehen.

Die Katze versuchte, ihn zu beißen, bis ein zweiter Tritt Rho genug Raum für den Griff nach seinem Messer verschaffte. Sie rollten herum, und er hörte, wie Shen ihm zurief, dass er still halten solle, damit ein Schuss möglich war.

'Still halten?! Idiot!' Wütend warf sich Rho auf das Tier und rang es zu Boden, um sein Messer in der Brust versenken zu können. Gleich darauf rollte die Katze aufjaulend mit ihm wieder herum und verbiss sich in seiner Schulter. Rho schrie, aber kam zu keiner Abwehr. Das Sims vor der Höhle war abrupt zu ende, sie rollten über den Abgrund hinunter.

Die Katze ließ von ihm ab und krallte sich an einem Ast fest, aber rutschte durch den Schwung ab. Rho versuchte, sein Messer in die Wand zu stoßen, mit der freien Hand griff er nach allem, was er kriegen konnte. Er prallte im nächsten Moment dumpf auf einen harten Untergrund, während die Katze an dem Sims, auf dem er gelandet war, vorbei stürzte. Rho blinzelte stöhnend, dann verlor er das Bewusstsein.


© by Jainoh & Pandorah