Die Alten Geister

13.

Shen hatte den Bogen fallen lassen, da abzusehen war, dass er keinen sicheren Schuss setzen konnte. Doch in dem Moment, in dem er sein Messer zog, rollte Rho über die Kante. Eisiger Schreck durchzuckte Shen; hinter ihm schrie eines der Püppchen auf. 'Bitte, bitte...'

Der Gedanke war nicht klar, aber Shen betete um die geringe Chance, dass sein Freund nicht in die Tiefe gestürzt sein mochte. Gleich darauf hörte er den dumpfen Laut eines aufschlagenden Körpers.

Mit einem Satz war er bei der Kante und sah hinab. Nicht allzu weit unter ihm, beleuchtet vom Licht der Spinnwebkugel, lag Rho und rührte sich nicht. Shens Herz machte einige schmerzhafte Sprünge, während er sich aufrichtete, den Rucksack abwarf und das Messer wegsteckte.

"Wenn sich irgendwas nähert, schreit und schlagt drauf", sagte er über eine Schulter und warf Tsusu seine eigene Lichtkugel zu. "Und lasst sie so hell strahlen wie möglich. Licht kann hier unten eine Waffe sein."

Damit ließ er sich über den Rand und kletterte an rauer Rinde und zähen Flechten hinab.

"Finsternis und Sterne, Rho! Jag' mir doch nicht so einen Schreck ein!", schimpfte er gedämpft, als er neben seinem Freund landete und in die Hocke ging. Erleichtert atmete er auf, als er den Puls fand und die leichten Bewegungen des Brustkorbs, die anzeigten, dass Rho atmete. "Zum Glück bist du so ein Dickschädel..."

Prüfend sah er nach oben, wo er die verängstigten Gesichter von Tsusu und Yami erkennen konnte, die sich vorgebeugt hatten. Oben war der Heiler, oben war der Unterschlupf. Die Strecke war weder allzu lang, noch allzu schwierig. "Such dir jetzt nicht den Zeitpunkt aus, um aufzuwachen."

Er beugte sich zu Rho und hob ihn umständlich über die Schultern. Er war deutlich schwerer als Tsusu, und Shen ächzte ein wenig.

Als er oben ankam, schwitzte er und seine Beine und Arme zitterten, aber er trug seinen Freund ohne weitere Umwege direkt in den Raum, der ihnen als Schutz dienen sollte. Da sich eine Schleichkatze darin verborgen hatte, war es ausgeschlossen, dass weitere Gefahren darin lauerten.

"Bringt die Ausrüstung rein!", rief er den beiden anderen zu, während er Rho vorsichtig ablud, doch als er sich umwandte, stellte er fest, dass sie es bereits von allein getan hatten.

Yami schob Shen energisch von Rho weg und kniete bei ihm nieder. Er legte ihm eine Hand an den Hals und schloss die Augen, um sich besser konzentrieren zu können, ehe er mit seiner Gabe zu tasten begann. Es war nicht so schlimm, wie er befürchtet hatte. Rho hatte Prellungen an Rücken, Kopf und den Schultern, eine tiefe Bisswunde und zahlreiche Kratzer und Abschürfungen, aber nichts Lebensgefährliches.

Yami seufzte erleichtert auf. Vorsichtig vertiefte er die Bewusstlosigkeit des Prinzen, dann kommandierte er Shen dazu ab, ein Lager für ihn zu richten und Tsusu, Wasser zu erhitzen. Es war einfacher und effektiver zu heilen, wenn die Wunden sauber waren.

Während die beiden anderen sich ohne Widerspruch seinen Anordnungen fügten, zog er Rho aus, einen der Hitzesteine dicht bei, damit der Prinz nicht fror, und ließ ihn dann von Shen auf die ausgebreiteten Decken heben. Als Tsusu ihm die dampfende Schale reichte, hatte Yami bereits ein weiches Tuch herausgesucht.

Shen fühlte sich ausgelaugt, als er schließlich auch noch die restlichen Lager mit Tsusus Hilfe gerichtet hatte. Ein weiterer Topf stand über dem Hitzestein, damit sie Tee kochen konnten und anschließend die Suppe. Aber eigentlich wollte er nur noch Ruhe. Seine Schultern und sein Nacken schmerzten vor Anspannung; er sorgte sich um Rho und fragte sich, ob er hätte irgendetwas ändern können.

Aber Rho war ein erfahrener Jäger, selbst wenn er sich im Schimmern kaum auskannte. Eine Katze, die er nicht gesehen hatte, hätte sich auch vor Shen erfolgreich verbergen können. Und einen deutlichen Vorteil hatte Rho. Er war der bessere Kämpfer. Shens Hauptwaffe war der Bogen, was ihm auf diese Entfernung gar nichts gebracht hätte. 'Wahrscheinlich wäre ich tot, wenn ich vorgegangen wäre.'

Rho erwachte von einem Gefühl der Wärme, das überlagert wurde von dumpfen Schmerzen in seinem Rücken. Er hatte eine trockene Kehle und drehte den Kopf vorsichtig, um sehen zu können, wo er war. Es war ungewöhnlich hell. Das Licht stammte von Tsusus gelblicher Spinnwebkugel, die Wärme daher, dass einer der Hitzesteine offenbar für ihn als Ofen verwendet wurde. Das weiche Gesicht des Heilprinzen war über einen dampfenden Topf gebeugt. Yami lächelte und nahm von Tsusu einige Kräuter entgegen, dann sah er kurz zu Rho und fing seinen Blick auf. Rho versuchte sich aufzustützen, aber der Schmerz in seiner Schulter ließ ihn lediglich keuchend zusammen sinken.

Es überraschte Yami, dass Rho bereits wieder erwacht war, nachdem er doch eigentlich seine Bewusstlosigkeit vertieft hatte. Offensichtlich war der Prinz stärker, als er gedacht hatte. Er legte ihm eine Hand auf die Brust und betrachtete aufmerksam das Gesicht, suchte nach Anzeichen für Verwirrung oder darauf, dass Rho sich übergeben wollte, und seufzte erleichtert, als er keine fand.

"Beweg dich nicht", sagte er weich. "Ich kümmere mich um dich. Es wird bald besser sein."

Verwirrt versuchte Rho, seine Erinnerungen zu ordnen. Etwas fehlte. Er konnte sich nicht mehr daran erinnern, wie er in diese Lage geraten war.

"Was ist passiert?", krächzte er und hustete.

Überrascht blinzelte Yami, dann runzelte er die Stirn. Das kam wohl von dem Aufprall. Hoffentlich hatte er nicht mehr vergessen. Yami konnte den Körper heilen, keine Erinnerungen. Gleich darauf sagte er sich, dass er zu besorgt war.

"Die Katze, die dich angefallen hat, war eigentlich zu groß, um sie zu vergessen", versuchte er zu scherzen, aber schauderte bei der Erinnerung so sehr, dass ihm die nötige Leichtigkeit im Ton fehlte. "Ihr seid hinabgestürzt, sonst hättest du sie bestimmt besiegt. Sie hat dich gebissen und dir ihre Klauen in den Körper geschlagen."

Vorsichtig betäubte er die Stelle ein wenig, ehe er begann, die Bisswunde zu reinigen.

Rho zischte leise, aber hielt still, auch wenn die Prozedur nicht sonderlich angenehm war. Statt seine Erinnerungen mit Macht zurückzurufen, blickte er nachdenklich auf Yamis Gesicht.

"Ich bin froh, dass die Katze dich nicht erwischt hat", meinte er endlich leise. "Auf dich kommt es hier unten viel mehr an als auf mich."

Yami hielt inne und erwiderte den Blick für einen Moment, dann schüttelte er den Kopf und nahm seine Arbeit wieder auf.

"Woher willst du das wissen? Wir haben keine Ahnung, was die Wurzeln bedroht. Ich bin für den Fall dabei, dass es etwas ist, was in der Kraft eines Heilers liegt. Doch was kann ich tun, wenn es die Kraft eines Kriegers braucht?" Er vertiefte die Betäubung, weil Rho schon wieder zusammen zuckte. "Aber selbst wenn ich es bin, der gebraucht wird... was würde ich ohne dich tun? Ich wäre schon in der Stille gestorben, wäre ich allein."

Ein kleines Grinsen huschte über sein Gesicht. "Ich bin auch froh, dass die Katze dich erwischt hat und nicht mich. Ich vertrage Schmerz nicht gut." Nüchterner fügte er hinzu: "Und ich wäre wahrscheinlich sofort tot gewesen, so dass ich niemandem mehr von Nutzen wäre."

"Vielleicht." Rho schloss die Augen und genoss, dass die Schmerzen einer müden Taubheit wichen. "Ist es schlimm, wenn ich einschlafe?" Einen Moment später sackte er zusammen.

Tsusu rührte mit noch immer zitternden Händen in der Suppe. Er war noch nicht über den Schock seines eigenen Sturzes hinweg gewesen, als die riesenhafte Katze Rho angegriffen hatte. Der Sturz hatte Tsusu einen Augenblick lang glauben lassen, dass Rho gestorben war, um sie zu schützen. Und er selbst konnte nichts weiter tun, als Rhos Hemd vom Haufen der Kleider zu nehmen, um die Risse zu flicken.

Sein Blick fiel auf Shen, der ebenfalls ermüdet und kraftlos auf seinem Lager saß. Rasch nahm Tsusu eine Schale Pilzsuppe und trug sie zu dem Stillen hin. Er kniete sich neben ihn und reichte ihm vorsichtig mit beiden Händen die Schale, um nichts zu verschütten.

Überrascht sah Shen auf. Bisher hatte sich Tsusu immer nur um Yami gekümmert. Doch es füllte ihn mit Wärme und entspannte ihn ein wenig. Er nahm die Schale entgegen, wobei ihm Tsusus zitternde Finger auffielen.

"Danke." Abwesend nahm er einen vorsichtigen Schluck der heißen Brühe, dann streckte er eine Hand aus und berührte Tsusus. "Alles in Ordnung?"

Tsusu sank ein wenig in sich zusammen, dann flüsterte er: "Ich weiß, dass es vorbei ist. Aber ich... es hört nicht auf, ich kann nicht aufhören zu zittern." Er hob die Hände vor sein Gesicht. "Dabei wollte ich dich aufmuntern", klagte er nach einigen tiefen Atemzügen. Matt ließ er sich auf das Lager zurücksinken. "Ich wollte mich bedanken, Shen. Du hättest mich nicht retten müssen. Ich wäre kein Verlust gewesen."

Unruhig blickte er zu Yami, aber sein Prinz war damit beschäftigt, Rho zu heilen. Erst in diesem Moment fiel Tsusu auf, dass Yami ihm die zerschürften Finger gar nicht geheilt hatte.

Unwillig zog Shen die Brauen zusammen. "Du meinst also, du wärst nicht vermisst worden?" Auch er sah zu Yami hin, dann aber gleich wieder zu Tsusu. Nach einem kurzen Zögern schüttelte er den Kopf. "Es wäre ein Verlust gewesen, Tsusu. Genauso, wie wenn Rho..." Er beendete den Satz nicht, wollte es nicht einmal denken. Stattdessen streckte er die Hand nach Tsusu aus und umfing kurz die des Schmucks. "Ich wäre für dich auch tiefer gegangen, wenn du weiter gestürzt wärst."

Tsusu lächelte dünn. Er legte sich hin und drehte sich auf den Bauch. "Vermisst. Natürlich, aber ich werde hier nicht gebraucht, hier nicht und oben im Licht... auch nicht." Er hob den Kopf und sah Shen ins Gesicht. "Yami hat mir gesagt, dass wir uns verbinden werden, wenn wir wieder im Licht sind. Es hat mich..." Er stützte sein Kinn auf und senkte den Blick. "Es hat mich nicht glücklich gemacht."

Die Antwort überraschte Shen. Es war also doch nicht das höchste Ziel aller Schmuckgeliebten, denn was konnte man sonst noch Höheres erreichen?

"Du liebst ihn nicht?", fragte er seltsam zufrieden nach, aber wartete auf keine Antwort. "Was würde dich denn glücklich machen? Gebraucht zu werden?"

Tsusu hob die Schultern. "Ich bewundere ihn und ich liebe ihn", begann er und sah sich rasch einmal nach Yami um. Er rückte dichter zu Shen auf. "Aber er braucht mich nicht, in keiner Weise. Ich will nicht nur... Schmuck sein für alle Zeiten." Er zupfte an Shens Umhang, auf dem er lag. "Ich bin nicht hübsch genug."

"Gebraucht zu werden." Shen sah auf ihn hinab. Nach einer Weile stellte er die Suppenschale auf den Boden und legte sich auf die Seite, so dass er Tsusu ins Gesicht sehen konnte. "Was stellst du dir darunter vor? Er hat dich gebraucht, als er versucht hat, die Krone zu heilen. Du warst es, nach dem er verlangt hat. Du bist es, nach dem er sich sehnt." Er strich ihm eine feuerfarbene Strähne aus der Stirn, die im Licht der gelblichen Spinnwebkugel lebendig wirkte. "Du bist hübscher als die meisten. Aber du wärest wunderschön, wenn du nicht versuchen würdest, jemand zu sein, der du nicht sein kannst." Abrupt verstummte er. So viel hatte er nicht sagen wollen.

Tsusu blinzelte überrascht. "Wie meinst du das? Wenn ich nicht versuchen würde... ich verstelle mich nicht." Er schob selbst eine seiner Haarsträhnen hinter sein Ohr zurück, nachdem er noch einmal zu Yami hingesehen hatte. Verwirrt fragte er sich, ob Shen ihm ein Kompliment gemacht hatte.

"Du hast einen Körper, der einzigartig ist." Shen folgte mit der Hand Tsusus Konturen, ohne ihn zu berühren. "Aber du versuchst, ihn in ein Bild zu pressen, das andere bestimmen. Du hast deine Vorzüge... versteckt. Du isst kaum etwas, nur um diesem Ideal zu entsprechen. Du verbirgst dich dahinter. Was wirst du machen, wenn du kein Schmuck mehr bist? Wovon träumst du?"

Er wollte es gerne wissen, wollte von den Dingen erfahren, die Tsusu bewegten, die ihm Freude bereiteten und auch von denen, die ihn ängstigten. Er wollte überhaupt viel mehr von ihm wissen. Auch er kannte nur ein Bild, dem noch so viele Pinselstriche fehlten.

Tsusu zuckte zusammen, als Shen ausgerechnet die Scham seinen Hintern betreffend ansprach. Errötend drehte er sich auf die Seite und zog die Tunika tiefer hinunter.

"Wenn ich kein Schmuck mehr bin, möchte ich einen lieben Mann kennenlernen. Vielleicht auch einen, der nicht unbedingt arm ist", gestand er mit einem schwachen Grinsen ein. "Ich würde gern eine Verbindung eingehen, ganz altmodisch, und dann würde ich in den Kronen herumreisen und meinen Gefährten bei meiner Familie herumzeigen, um anzugeben."

Shen lachte leise auf. "Wie groß ist deine Familie, dass dies den Rest deines Lebens bestimmen wird?", neckte er. "Oder gibt es daneben noch andere Dinge, die du gerne tun würdest?"

"Soweit habe ich nie überlegt. Erst einmal muss ich ohnehin an Yamis Seite bleiben und ihm ein guter Schmuck und Geliebter sein." Tsusu runzelte die Stirn. "Ist es nicht so, dass die Stillen eine Beziehung von dieser Art ablehnen? Wieso bist du so freundlich?"

Shen rollte sich auf den Rücken, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und sah zur Decke empor. "Darum lebe ich bei den Lichten. Ich verstehe das Volk meines Vaters nicht immer, aber es akzeptiert diese Seite der Liebe. So sehr sogar, dass Schmuckgeliebte entstehen konnten."

"Oh?" Tsusu wurde klar, dass Shens verschlossene Art ihn dazu gebracht hatte, einige Dinge anzunehmen, die gar nicht stimmten. "Du bist gar kein rein Stiller? Ich wusste nicht, dass du lichtes Blut trägst. Kann man es an etwas sehen?"

Für Tsusu war Shen ein perfekter Stiller. Ein helles, verschlossenes Gesicht mit schmalen Augen. Schwarzes Haar, was es bei Lichten nie gab und der hohe Wuchs, alles Zeichen für einen Stillen.

"Meine Haut ist dunkler. Meine Augen sind nicht rein grau, sondern mit deutlich blauem Einschlag. Neben einem reinblütigen Stillen erkennt man den Unterschied sofort. Du hast bisher nur wenige zu Gesicht bekommen, nicht?"

"Einen, als wir in diesem kleinen Gästehaus gerastet haben." Tsusu verdrehte die Augen. "Und eine Händlerin, wobei ich nicht weiß, ob sie nicht vielleicht auch Halbstille war." Er seufzte. "Ich bin von meinem Zuhause gleich zu Yami und von dort hier her gekommen. Dies ist meine erste Reise. Nun, was das Schimmern angeht, hoffe ich, dass ich hier lebend raus komme und nie wieder herkommen muss."

Shen ignorierte den Einwand, statt ihm zu sagen, dass es seine eigene Entscheidung gewesen war, hierher zu kommen. "Du könntest auch Händler werden. Man kommt viel zum Reisen, wenn man will." Mit einem kleinen Lächeln setzte er sich auf, um seine Schale aufzunehmen. Die Suppe war kalt geworden, aber sie schmeckte noch immer.

Er sah zu Yami hin, der mit geschlossenen Augen bei Rho hockte, eine Hand leicht auf seinem Bauch, die andere auf seiner Brust. Von der Bisswunde an der Schulter war kaum noch etwas zu sehen. Allein dafür war Shen dem kleinen Heiler endlos dankbar. 'Ich will nicht noch mehr Freunde an die Finsternis verlieren.' Erschaudernd dachte er daran, dass es nicht mehr weit war, und mit einem weiteren Schluck Suppe versuchte er, die aufkeimende Furcht wegzuspülen.

"Nein. Ich kann nicht verkaufen." Tsusu seufzte und folgte Shens Blick. "Er ist wundervoll, nicht? Ich weiß nicht, wie ich ihn verdient habe."

"Aber ich weiß es", murmelte Shen. Aufopfernd, treu, liebevoll, sanft... die Liste ließ sich endlos fortsetzen. Er stand auf, um seine Aussage nicht erklären zu müssen, sah dann aber doch wieder zu Tsusu hin. Der kleine Schmuck hatte den Blick von Yami abgewandt und ihn auf seine leicht abgeschürften Hände gerichtet, traurig irgendwie, als ob er sich fragte, ob sein Prinz ihn vergessen hatte.

Shen grollte ein wenig, weil die Wunden kaum erwähnenswert waren und er trotzdem dachte, dass Yami ihnen hätte Aufmerksamkeit widmen sollen. Natürlich war das nicht möglich, weil er sich um Rho kümmern musste. Und hätte er das nicht getan, um kleine Schürfwunden zu heilen, wäre Shen nicht verärgert, sondern jenseits von Zorn gewesen. Er holte Tücher aus seinem Rucksack, befeuchtete eines in der Schale, in der Tsusu vorher den Sud für Yami zubereitet hatte und kehrte zu dem kleinen Schmuck zurück. Bei ihm niederhockend griff er nach einer Hand und begann vorsichtig, die Schrammen zu säubern.

Überrascht hob Tsusu den Kopf und lächelte. Der Stille hielt ihn für wertvoll und keine Last. Es tat Tsusu gut, dass jemand sich um ihn kümmerte, anstatt das Gegenteil zu erwarten. Zugleich hatte er ein schlechtes Gewissen, weil er eigentlich Yamis Schmuck war. Schweigend blickte er auf die hellen, großen Hände, die vorsichtig damit begannen, leichte Stoffstreifen über die Schrammen zu wickeln. "Danke, Shen."

Shen zog den letzten Knoten fest und strich noch eine Falte glatt, dann war er fertig. Sinnend betrachtete er die schlanken Finger, deren Kuppen aus dem Stoff hervorsahen und dadurch regelrecht dazu einluden, sie zu küssen. Irritiert schob er den Gedanken von sich. Er wollte etwas sagen, doch als er den Kopf hob, wurde er von Tsusus weichem Lächeln vollkommen überrascht. Es galt ihm, und es war glücklich und warm. Shen erwiderte den Blick, während er darum rang, sich nicht darin zu verlieren. Wie schön konnte ein Mann sein? Noch dazu ein Mann, der so dünn war. Er brauchte einen Moment, ehe er sich wieder gefangen hatte.

"Gern geschehen", brummte er.

Tsusu blinzelte und fragte sich, wie er Shen fragen konnte, ob er es auch spürte, die Wärme und diese unbekannte Unsicherheit. Mit einem Mal war es ihm peinlich und unangenehm, dass der Mann seine Hand noch hielt. Er zog die Unterlippe zwischen die Zähne, dann schob er sich auf das Lager zurück und zog den Umhang um seine Schultern.


© by Jainoh & Pandorah