Die Alten Geister

15.

Rho hob den Kopf und grinste über das ganze Gesicht. "Ha! Hab ich es doch gewusst!", rief er unbeabsichtigt laut aus und flüsterte mit einem kleinen Stoß in Shens Rippen: "Dann aber mal hurtig, Shen. Wenn du ihn dir nicht erbeutest, tue ich es wirklich."

Er lachte noch einmal und meinte zu Tsusu, der mit verstörtem Blick näher trat: "Shen wird dir den Verband erneuern. Er hat mich gerade angefahren, weil ich das nicht kann und er nicht will, dass ich das Tuch verschwende." Noch immer grinsend ging er zum Hitzestein, um den verbliebenen Tee mit etwas Wasser zu strecken.

Shen hatte das Bedürfnis, ihn zu schlagen, als er ihm mit finsterem Blick nachsah. Sollte Rho erobern, wen er wollte; von Tsusu jedoch hatte er die Finger selbst dann zu lassen, wenn der Schmuck Shen nicht erhörte. Es sei denn, Rho begann, für ihn zu fühlen. Noch immer grimmig bedeutete Shen Tsusu harsch, sich zu setzen, aber sein Griff nach der kleinen Hand war sanft, als er anfing, die schmalen Tuchstreifen abzuwickeln.

Tsusu erschrak über Shens finstere Miene. 'Er ist wütend, weil ich zugelassen habe, dass Rho mich berührt. Er hält mich sicherlich für ungehörig.' Verzweifelt blickte er auf Shens dunklen Scheitel. Endlich fand er den Mut, um zu versichern: "Ich habe ihn nicht ermutigt."

Überrascht sah Shen auf, seine Miene wurde weich, und er lächelte. Die Worte füllten ihn mit Wärme. Vielleicht durfte er doch hoffen, selbst wenn Tsusu zwischen Prinzen wählen konnte. Aber was konnte er einem Schmuck wie ihm bieten? 'Die Reisen, die er sich wünscht. Schmuck und Kleider, eine große Baumhöhle. Diener, wenn er will. Er müsste auf nicht viel verzichten, nur auf Einfluss. Und auf Yami. Wie sehr lieben sie sich wirklich?'

Es überraschte ihn noch mehr, dass er begonnen hatte, von Tsusu als möglichen Teil seines Lebens zu denken. Als jemandem, mit dem er es verbringen wollte. Mit einem Mal war er sich sicher, dass er ihn bei sich haben wollte, nicht nur für diese Reise. Es war eine schöne Erkenntnis, die sein Lächeln vertiefte, als er in die Feueraugen sah. "Ich wollte nicht, dass er dich verbindet. Nicht weil er ungeschickt ist, sondern weil ich es tun wollte."

Tsusu blinzelte einmal, dann lächelte er schüchtern. "Ja? Das ist lieb von dir. Ich..." Er senkte den Blick hastig wieder. "Ich freue mich, dass du dich kümmern willst."

Hoffnungsvoll dachte er, dass Shen sich vielleicht mehr kümmern wollte, vielleicht wollte er ihn näher kennenlernen, ihn gar umwerben und seine Freiheit von Yami verlangen? Mit einem Mal begann Tsusu sich zu wünschen, dass ihre Reise bald gut endete. Mit einem Mal wollte er sofort in das Licht zurück, mit Shen. Sein Herz tat einen wilden Sprung, und er errötete, aber wagte es nicht mehr, den Blick zu heben.

Shen strich mit den Fingerrücken über eine heiße Wange, spürte die zarte Haut und wünschte sich, sie mit den Lippen zu berühren. Er gab dem angenehmen Sehnen nicht nach, sondern widmete sich erneut Tsusus Händen, was schön genug war und ausreichend für den Beginn.

 

Yami wusste, dass die anderen Rücksicht auf ihn genommen haben mussten und ihn lange hatten schlafen lassen, denn beim Erwachen spürte er trotz Rhos umfassender Heilung keine Erschöpfung. Er lächelte, rieb sich über die Augen und blinzelte, ohne sich aufzusetzen. Gleich darauf verschwand das Lächeln. In der Mitte des Raumes saßen Shen und Tsusu beieinander, Shen hielt Tsusus Hand, und Tsusu war voll der verlegenen Scheu, die Yami nur an ihm kannte, wenn er selbst ihm eine Freude bereitete.

Der Anblick füllte ihn mit einem ängstlichen Drücken, einer schmerzhaften Sorge, dass er Tsusu verlieren könnte; denn gleichzeitig erinnerte er sich, dass Tsusu auf seine Frage nach dem Bund nicht mit Glück, sondern mit einer Formel geantwortet hatte.

'Aber er liebt doch mich!', dachte er erschrocken und setzte sich auf. Dann sah er, dass Shen seinem Geliebten die Hände verband. Die beiden hielten einen ziemlichen Abstand zueinander ein, und Tsusus gesenkter Kopf war nur ein Zeichen, dass er sich trotz der Nähe nicht ungehörig verhalten wollte.

Yami wandte den Blick ab und sah fröstelnd zu der Waschschale, die Tsusu ihm wie jeden Morgen bereitet hatte, daneben stand eine Tasse mit Tee. Er hatte sich gekümmert, wie immer, doch das dunkle Gefühl wollte sich nicht vertreiben lassen, als Yami sein Hemd abstreifte und nach dem Waschtuch griff.

Erschrocken bemerkte Tsusu, dass Yami sich schon auszog, um sich zu waschen. Er war das erste Mal, seit er bei seinem Herrn lebte, beim Aufwachen nicht an seiner Seite gewesen. Hastig schob er das Ende des Verbands unter eine Lasche und steckte es fest, um atemlos zu Yami zu laufen und sich bei ihm hinzuknien.

"Verzeih mir, ich war unaufmerksam, Yami", flüsterte er und entwand ihm das Waschtuch.

Ängstlich suchte Yami in seinem Gesicht nach einem Anzeichen, dass er nicht gern bei ihm war, aber er fand nur das Schuldbewusstsein für die vernachlässigte Aufgabe.

"Es war nicht dein Fehler", sagte er leise und beugte sich vor, um Tsusu wie jeden Morgen auf die Wange zu küssen, ehe er sich den wissenden Händen überließ. "Ich habe über die Heilung des Prinzen meinen treuen Liebsten vergessen. Willst du..." Er hatte nach dem Bund fragen wollen, um sicher zu gehen, aber nun wagte er es nicht. "Willst du, dass ich sie heile?"

"Ich spüre dich gern, das wäre nett. Wenn es dich nicht zu sehr ermüdet." Tsusu betrachtete seinen Herrn mit einem kleinen Lächeln. "Es fühlt sich wundervoll an, wenn du das tust."

Yami erwiderte es erleichtert und spürte die Sorge schwinden. Tsusu war ihm das Wichtigste in der Welt, und er wollte ihn niemals verlieren. Nachdem er sich angekleidet hatte, widmete er sich Tsusus Händen mit aller Sorgfalt, um es ihm auch zu zeigen.

 

Rho fühlte sich noch immer nicht gut, aber nachdem das Gewicht seines Gepäcks ein wenig auf Shen und auch Tsusu verteilt worden war, konnte er gut mithalten. Es war kein sonderlich weiter Weg zu Shens letztem Unterschlupf, aber er war bereits gefährlicher als jede Strecke davor. Morsche Triebe, glatte Flechten und lange Strecken, die sie an Lianen abwärts klettern mussten, verlangten ihnen viel ab.

Dankbar scheuchte Rho eine Fledermausfamilie aus dem Unterschlupf und ließ sich mit Shen in einer Ecke nieder, während Tsusu sich emsig daran machte, das Lager aufzuschlagen. Diese Höhlung zwischen Gesteinsbrocken, die so groß waren, dass der Schatz am sonst so seltenen Stein schier unermesslich schien, war so schmal, dass sie alle nebeneinander liegen würden, anstelle wie sonst durch die Hitzesteine und ihr Gepäck getrennt. Rho konnte nicht anders, er freute sich darauf, Yami dichter bei sich haben zu können.

Leider machte Shens missmutiges Gesicht ihm Sorgen. Er ließ sich neben seinem Freund nieder und schlug vor: "Wir müssen uns ab jetzt abwechseln. Einer geht vor, um den möglichen Weg zu erkunden, der andere bleibt und schützt den Heiler und das Püppchen."

"Nein! Wir bleiben zusammen!" Shen war selbst über die bissige Schärfe seines Tons überrascht, aber er konnte es nicht ändern. Er wollte nicht, dass sie sich trennten. Dann sah er Rhos verwirrten und auch ein wenig verletzten oder verärgerten Gesichtsausdruck und wandte den Blick ab.

Es war nicht klug, das wusste er selbst. Die ganze Gruppe auf jeden im Nichts endenden Ast und wieder zurück zu schicken, kostete unnötig Zeit und Kraft und war gefährlich. Dennoch brauchte er einen Moment, ehe er ruhiger hinzufügen konnte: "Du hast Recht. Es ist das Beste."

"Shen, alles in Ordnung?" Besorgt legte Rho seinem Freund eine Hand auf den Unterarm. "Derjenige, der voran geht, entfernt sich nicht zu weit von der Gruppe, aber es ist der beste Weg, um zu vermeiden, dass wir alle umsonst laufen müssen."

"Ich weiß." Shen entspannte sich ein wenig durch Rhos Nähe und die Sicherheit und Freundschaft, die er verkörperte, und lehnte den Kopf gegen die Wand. Einen Moment lang sah er zu Tsusu hin, dann wandte er den Blick zurück zu Rho, dessen dunkelgrüne Augen im schwachen Licht schwarz wirkten, aber dennoch einen warmen Schimmer zeigten. "Und ich weiß, dass ich mich absurd verhalte. Ich bin ein einziges Mal in der Finsternis gewesen. Damals war ich allein, sehr viel jünger und kaum ausreichend ausgerüstet. Jetzt habe ich Erfahrung, einen guten Freund an meiner Seite und weiß, worauf ich mich einlasse."

Er verstummte, aber entschied sich nach einem Moment, doch weiter zu sprechen. Sie waren gemeinsam hier, und Rho sollte wissen, was den Stillen, den er als besonnen und zuverlässig kannte, zu einer solchen Reaktion veranlasste. Die Stillen duldeten keine Männerliebe, und als der Vater seines Geliebten Nuoh herausfand, dass sein Sohn nicht nur Federn an den Halbblut-Händler verkaufte, hatte er ihn verprügelt und verstoßen. Nuoh hatte wohl versucht, ihn zu erreichen, doch er war nie angekommen.

"Ich wäre damals nicht in die Finsternis gestiegen, wenn ich bei klarem Verstand gewesen wäre. Aber ich habe meinen Geliebten an sie verloren, und ich wollte ihn finden. Lächerlich. Selbst wenn ich nur einen Augenblick gebraucht hätte, um aus der Stille hinab zu gelangen, hätte es keinen Sinn gehabt. Der Sturz war viel zu tief. Stattdessen bin ich ihm beinahe gefolgt." Das nächste sagte er so leise, dass Rho sich dichter zu ihm beugte, um ihn zu verstehen. "Ich habe Angst vor ihr. Sie ist wie ein wildes hungriges Tier."

Rho erschauderte und zog unwillkürlich die Schultern an. Doch dann hob er den Kopf und schob sein Kinn vor. "Dann werden wir dieses Mal dafür sorgen, dass sie weiterhungern muss!"

Shen sah, wie sowohl Tsusu als auch Yami erschrocken den Kopf hoben und zu ihnen herübersahen, und lächelte, einerseits um sie zu beruhigen, denn die beiden Püppchen waren ängstlich genug, und andererseits, weil er Rho dankbar war. Er hatte sich im Licht vorgenommen, allein in die Finsternis zu steigen, um herauszufinden, was die Kronen bedrohte. Aber in diesem Augenblick wurde ihm bewusst, dass er ohne seinen Freund an genau dieser Stelle umgekehrt wäre. So, wie er immer umgekehrt war.

Er drückte Rhos Hand und stand auf. "Ich gehe jagen. Noch kenne ich mich aus, kenne die Gefahren, und du kannst den Rest der Erschöpfung durch die Heilung auskurieren. Es wird außerdem gut sein, unsere Vorräte aufzustocken. Was man am Grund essen kann, weiß ich nicht."

Er zog die schwarze Weste über, die er in der geschützten Höhle, die von ihren Hitzesteinen erwärmt wurde, abgelegt hatte. Dann griff er nach seinem Bogen, warf den Köcher über und ging durch den schmalen Gang nach draußen.

Unmittelbar empfing ihn feuchte Kühle. Während sich seine Augen an das schwache Licht gewöhnten, das die wenigen Pflanzen verbreiteten, knöpfte er die Weste zu, dankbar für das weiche Fell, mit dem sie gefüttert war. Der Ast, auf dem er stand, nahm Konturen an, und Shen glitt mit lautlosen Schritten in die Dunkelheit davon.

Derart nahe an der Finsternis war es schwer zu jagen. Das Schimmern hatte viel seiner Kraft eingebüßt, und selbst er konnte wenig erkennen, aber eine Spinnwebkugel vertrieb Beutetiere. Shen warf einen seitlichen Blick nach unten und erschauderte. Dort lauerte sie, so vollkommen schwarz und greifbar, dass man den Eindruck gewann, sie würde die Seele trinken, wenn man zu lange hinsah. Rasch ging Shen weiter, folgte dem Weg, den sie gekommen waren, ein Stück zurück und wieder nach oben.

Er brauchte nicht lang, um ein Flughörnchen zu erlegen, doch es freute ihn viel mehr, als er durch Zufall sein Nest fand, eine kleine Baumhöhle in Augenhöhe von dem Ast aus, auf dem er stand. Nach sorgfältigem Lauschen und dann etwas Stochern mit einem abgebrochenen Zweig, ob sich nicht doch etwas Gefährliches darin verbarg, griff er hinein und sammelte die Nüsse und Früchte ein und steckte sie in seine Westentaschen. Gemahlen und mit Eiern und Honig gemischt, auf heißen Steinen ausgebacken, gaben solche Vorratslager zwar jedes Mal andere, aber immer leckere Kuchen. Shen bedauerte, dass er sie hier nicht würde für Tsusu machen können. Er musste grinsen. Außerdem war das eines von Rhos Lieblingsessen aus der Stille.

Das Fauchen einer Schleichkatze direkt hinter ihm ließ ihn erschrocken herumfahren und nach seinem Messer greifen. Doch als er die leicht wippenden Augen in der Dunkelheit nur wenige Schritte von sich entfernt sah, atmete er erleichtert auf. Sie schwebten unter einem Ast im Nichts, aber darüber konnte Shen schwach die Umrisse eines Katzenvogels ausmachen.

'Dein Trick mag bei anderen Jägern funktionieren, aber wir brauchen Vorrat für die Finsternis', dachte er, als er den Bogen spannte und schoss.

Mit einem ersterbenden Krächzen, das keinerlei Ähnlichkeit mehr mit einer Schleichkatze hatte, fiel der Vogel getroffen zu Boden. Shen band die beiden Tiere mit einem Stück Fadenmoos zusammen und warf sie sich über die Schulter, dann machte er sich auf den Rückweg zu ihrem Lager. Vor dem Eingang riss er dem Vogel die zwei Schmuckfedern aus und wusch das Blut in einer Mulde ab, in der sich Wasser gesammelt hatte. Im Licht waren die langen schwarzen Schwanzfedern sehr begehrt, und er wollte sie Tsusu schenken. Noch schimmerten die Augenmale, was sich jedoch im Laufe der Zeit verlieren würde.

Als er die Höhle betrat, saßen Yami und Rho beieinander und unterhielten sich leise. Beide sahen nur kurz auf und lächelten, ehe sie sich wieder in ihr Gespräch vertieften. Tsusu saß auf seinem Lager ein wenig von den beiden entfernt und flickte ein Hemd. Shen legte seine Beute neben dem Höhleneingang ab und winkte ihn auffordernd zu sich.

Sofort verlor Tsusu die Ruhe. Etwas kribbelte in ihm, und er mochte nicht zu lang in Shens Richtung sehen. Das Gefühl war neu, unvertraut und machte Tsusu nervös. Er fühlte sich noch viel mehr als sonst, als sollte er sich zusammenreißen, und er fühlte sich mit den dicken und dreckigen Kleidern hässlich. Seine Haare musste er flechten und hochstecken, damit sie nicht hinderlich waren, und er hatte keinen Schmuck mitgenommen.

Als Shen ihm zuwinkte, dachte Tsusu bekümmert, dass er nun vermutlich helfen musste, ein Tier zu häuten oder zu rupfen. Das hatte er einmal versucht, und der Brechreiz hatte ihn eine ganze Weile begleitet. Er legte seine Weste auf das Lager und ging unsicher auf den Stillen zu. "Du hast etwas gefangen, das ist wunderbar."

Shen schmunzelte ob der mühsam beherrschten, aber dennoch deutlich wenig begeisterten Miene. "Ich habe auch Nüsse und Früchte gefunden, das dürfte dich mehr interessieren. Komm mit." Als er den Schreck in Tsusus Augen sah, fügte er ein wenig grummelig hinzu: "Nicht weit, nur in den Gang raus, wo das Licht der Kugeln nicht hinfällt." Es schien Tsusu nicht wirklich zu beruhigen, also packte er ihn schlicht an der Schulter und schob ihn vor sich her, während er erklärte: "Ich will dir etwas zeigen." Er dirigierte ihn nur um die erste Biegung und drehte ihn dann zu sich um. "Schließ die Augen."

Erschrocken über die ruppige Behandlung kniff Tsusu die Augen zu, dann entspannte er sich jedoch und meinte mit einem kleinen Lächeln: "Hier unten macht mir alles Angst... sogar, sogar du."

Shen betrachtete das zarte Gesichtchen, die Augenlider mit den langen Wimpern, die schmale Nase, die weichen Lippen. Der kleine Schmuck war viel zu schön und zu zerbrechlich für die Welt unter den Kronen, und dennoch war er hier. Aus Liebe und Treue.

Shen wollte ihn küssen und spürte ein verlangendes Erschaudern in sich, aber beugte sich nur herab zu Tsusus spitzem Ohr und sagte leise und dunkel: "Ich würde eher mein Leben geben, um das deine zu beschützen, als dir zu schaden." Sachte strich er mit den Federn über die nackte Haut an Tsusus Hals, dann hielt er sie so, dass die Male die richtige Entfernung hatten, um Katzenaugen zu imitieren. "Schau."

Tsusu erschauderte merklich und bekam eine Gänsehaut. Shens Stimme hatte ihn mehr berührt als Yamis Zuwendungen es je gekonnt hatten. Er war dankbar für seine Furcht, sonst hätte er sicherlich mit einer unpassenden Erregung zu kämpfen gehabt. Dann strich etwas über die empfindlichste Stelle an seinem Hals, und er zuckte zugleich zusammen und unterdrückte ein Zähneklappern, indem er die Unterlippe mit den Zähnen fasste.

Als er die Augen aufschlug, erblickte er wunderschöne, schillernde Federn. Schwarz mit einer exotischen Zeichnung, die ihm geheimnisvoll entgegen leuchtete. "Oh. Die sind wunderschön, Shen."

Tsusu hob den Kopf und erstarrte, als er sich in dem Blick aus Shens ebenfalls fast schwarz wirkenden Augen gefangen sah. Atemlos versuchte er sich abzuwenden und hob zugleich die Hand, um die Federn zu berühren.

'Nicht so schön wie du.' Aber Shen konnte es nicht sagen, zu sehr waren seine Sinne von dem Mann vor ihm beansprucht. Das scheue Niederschlagen der Lider, um ihn dann doch wieder anzusehen, das Lächeln um leicht geöffnete Lippen, das vorsichtige Tasten. Shen kam ihm entgegen, strich mit den Federn über seinen Arm, dann hielt er es nicht mehr aus.

Er griff nach den kleinen Fingern, küsste sie und drückte Tsusu gleich darauf die Federn in die Hand. Jetzt musste er etwas sagen. Irgendetwas, etwas Elegantes, Gewandtes. Ihm fiel nichts ein, selbst die Erinnerung an Dinge, die er als Händler oft gehört hatte, wenn jemand seinen Schmuckgeliebten mit Komplimenten bedacht hatte, war wie durch einen Schleier verhüllt, auf dem er nur Tsusu sehen konnte. Ihn umarmen, küssen, halten, nie mehr loslassen...

Tsusu starrte auf Shens Hände, die seine hielten. Der Stille ließ ihn nicht los, aber sagte auch nichts. Als er seinen Blick erneut hob, sah Tsusu sich wieder gefangen im ernsthaften Ausdruck des anderen Mannes. Er war verlegen um eine Möglichkeit zu reagieren.

Der einzige, der ihm bislang die Aufwartung gemacht hatte, seit er bei Yami lebte, war ein reicher Besitzer einer Astgabelung gewesen. Er hatte Tsusu eine Schlafschaukel aus einer ganzen Lebensnussschale geschenkt, in ihr hatte Tsusu ganz verschwinden können. Unzählige Kissen hatten sie ausstaffiert, und die Seile und Seiten waren mit Paradiesvogelschwingen verziert gewesen.

Als dieser Mann ihn mit dem Geschenk umwerben wollte, hatte Tsusu sehr freundlich lächeln und ihm danken können. Er hatte ihm ein Lied gewidmet und sein Angebot mit Yami besprochen und abgelehnt. Doch nun konnte er nicht lächeln, er brachte kein Wort heraus. Nicht einmal einen einfachen Dank. Auch Shen sprach nicht, wie es wohl von einem Stillen zu erwarten war. Tsusu suchte nach einem Hinweis auf seine Gefühle, aber fand nur ein fast ausdrucksloses Gesicht und den auf ihn gerichteten Blick. Mit erhitzten Wangen und viel zu schnell schlagendem Herzen entzog Tsusu seine Finger, um Shen einmal zu umarmen.

Shen schloss die Augen, als er die schlanken Arme um sich spürte. Er konnte nicht anders, als Tsusu fest an sich zu drücken, sich seines Körpers unendlich bewusst zu sein, den zarten Duft zu riechen, der von Tsusu ausging und der verriet, wie viel Zeit der Schmuck auf seine Pflege verwandte. Er fühlte weiche Haut, als er Tsusu höher zog, während er sich gleichzeitig ein wenig hinabbeugte. Vorsichtig streifte Shen mit den Lippen über Tsusus Wange, irgendetwas in ihm warnte ihn und ließ ihn für einen Atemzug innehalten, doch dann verschwammen seine Gedanken, und er bedeckte Tsusus Mund mit seinem.

Tsusu erstarrte. Es war herrlich und grausam zugleich. Herrlich war es, weil es genau das war, was Tsusu herbeigesehnt hatte. Es versetzte seinen Körper in warmes Wünschen und heißes Begehren zugleich. Schrecklich war, dass Shen ihn einfach so, ohne Vorwarnung berührte und damit seine Treue in Frage stellte. Hastig schob er den anderen Mann von sich, die Federn fielen trudelnd zu Boden. Er atmete schwer und sah sich zum Unterschlupf um, seine Wangen brannten und Tränen sammelten sich in seinen Augen.


© by Jainoh & Pandorah