Die Alten Geister

16.

"So bin ich nicht... so bin ich... nicht..." Er zog seine zitternde Lippe zwischen die Zähne, dann drehte er sich fort, um wegzulaufen, stockte, weil er nicht wusste wohin. Mit Tränen in den Augen konnte er unmöglich zu Yami zurückkehren. Unglücklich und ängstlich ging er in die Hocke und versuchte, sich zu beruhigen.

Die Reaktion erschreckte Shen und riss ihn aus seiner Versunkenheit. Finsternis und Sterne, er hätte es wissen müssen, aber er hatte nicht mehr denken können! Wann war ihm das letzte Mal eine solche Dummheit passiert? Es war ewig her, aber er war wiedergeküsst worden. Und auch Tsusu hatte sich zuerst nicht gewehrt. Shen war sich sicher, dass es ihm gefallen hätte, wenn nicht... wenn es da nicht Yami gäbe. Die Werte, die er an Tsusu so bewunderte, stellten sich nun unerbittlich in seinen Weg.

"Schhhh, nicht weinen. Es tut mir leid... es tut mir leid", murmelte er und ging neben Tsusu in die Hocke, ohne ihn zu berühren, auch wenn es genau das war, was er gerne getan hätte ihn in den Arm zu ziehen und zu trösten. "Es war mein Fehler, du kannst nichts dafür. Vielleicht hast du doch Recht, Angst vor mir zu haben."

Hilflos starrte er auf den Boden, auf dem die Federn lagen. Er hob sie auf und ließ sie durch seine Hand gleiten, dann legte er sie behutsam auf Tsusus Beine. "Du bist so wundervoll, Tsusu, dass ich nur daran denken konnte, wie sehr ich mich nach deiner Nähe sehne. Ich will zu Yami gehen und ihn bitten, dich freizugeben, damit ich angemessen um dich werben kann. Wirst du mir das erlauben?"

Tsusu hob den Kopf und wischte sich beschämt über die Wangen. Vorsichtig nahm er die Federn und ließ seine Finger darüber streichen. Dann nickte er lächelnd. Shen wollte ihn in seiner Nähe haben.

Er flüsterte: "Das würde mich glücklich machen." Unsicher blickte er zum Unterschlupf und wischte sich noch einmal über die Wangen. "Ich muss mich herrichten, sonst macht Yami sich Sorgen."

Rasch sprang er auf und lief in den kleinen Raum. Er kniete sich auf seine Decke und wusch sich das Gesicht mit ein wenig Kräuterwasser ab. Dann löste er seine Haare und begann, sie mit Öl zu kämmen, weil er die Federn hineinflechten wollte. Er wollte schön sein, wenn er umworben wurde.

Nervös dachte er daran, dass es Yami traurig und wütend machen konnte, wie er sich verhielt. Tsusu hatte noch nicht mit dem Prinzen darüber reden können, dass er nicht ewiglich an seiner Seite bleiben wollte. Er ließ die Hände mit dem Kamm sinken und warf einen Blick zu Yami hinüber, der mit Rho die Sprache der Alten aus überlieferten Liedern zu entschlüsseln versuchte.

Yami war sich den Bewegungen von Tsusu und Shen nur zu bewusst gewesen, seitdem der Stille zurückgekommen war. Es hatte ihn geängstigt, als sie beide den Unterschlupf verlassen hatten. Seine Konzentration auf die Sprache war abgelenkt, obwohl er es genoss, von Rho zu lernen. Doch es wurde noch schlimmer, als Tsusu zurückkam.

Er hörte Rho etwas sagen, aber verstand es nicht, als er sich umdrehte und die Federn in der kleinen Hand seines Geliebten sah. Dann begann Tsusu, sich herzurichten, und Yami wusste, dass er es nicht für ihn tat. Sein Herzschlag wurde schmerzhaft, und in seinem Bauch sammelte sich Kälte. Als Tsusu sich zu ihm umwandte und ihre Blicke sich trafen, wurde die Furcht zu Gewissheit.

"Entschuldige, Rho", flüsterte Yami und zwang sich zu einem Lächeln für den Prinzen, ehe er aufstand, zu Tsusu lief und bei ihm niederkniete. Er hatte Angst. Soviel Angst wie noch nie zuvor. Seine Finger bebten leicht, als er die Federn berührte und in bemüht leichtem Ton fragte: "Hast du einen neuen Verehrer, mein Liebling?"

Tsusu ließ den Kopf sinken. Er berührte ebenfalls die Federn sachte mit den Fingerspitzen und versuchte Worte zu finden, die angemessen waren. Alles, was ihm einfiel, war Yami zu umarmen.

"Es tut mir so leid", flüsterte er seinem Herrn an das Ohr. "Ich liebe dich doch so!"

Aber die Umarmung machte Tsusu zugleich klar, dass er nicht das gleiche fühlte wie in Shens Armen. Die Aufregung und Hitze fehlten. Es war Sicherheit und Zuneigung in seinen Gefühlen, aber kein Begehren, kein Sehnen.

Yami drückte ihn an sich, presste das Gesicht an Tsusus Hals und wünschte sich verzweifelt weg von hier, zurück in seine Gemächer im Palast, wo es keinen Shen gab. 'Ich liebe dich auch. Ich liebe dich so sehr, dass es weh tut, dich mit ihm zu sehen.'

Lange hielten sie einander, und Yami versuchte, alles wegzudrängen aus seinen Gedanken und Gefühlen, bis auf den Mann in seinen Armen. Aber als sich Tsusu für einen Wimpernschlag in seinen Armen versteifte, kaum spürbar, und sich dann leicht bewegte, wusste er, dass Shen den Raum betreten hatte.

Vorsichtig löste er sich von Tsusu und sah ihm in das geliebte Gesicht. Mit einer Fingerspitze fuhr er die geschwungenen Brauen nach, die Nase, dann umkreiste er den Mund. Es war so vertraut, so geliebt. Aber die Augen erwiderten seinen Blick unglücklich. Yami konnte nicht mehr zurück in die nun trügerische Sicherheit und Nähe, die er immer gespürt hatte, wenn sie zusammen waren, konnte nicht mehr die Wärme genießen und das liebevolle Prickeln. Alles in ihm war kalt vor Angst.

"Wirst du dann den Bund mit mir schließen?", wisperte er. "Oder wirst du mich verlassen?"

Tsusu schüttelte den Kopf und wischte sich über die Augen. "Ich... liebe dich, aber..." Er zog seine Knie mit den Armen fest an den Körper und lehnte sein Gesicht dagegen. "Aber... nicht so. Gleich wie sehr ich es mir wünsche. Nicht so." Er konnte die Tränen nicht aufhalten und wagte es nicht, Yami anzusehen.

Yami starrte ihn an, während sich der Schmerz in ihm weiter ausbreitete. Sein Bauch tat weh, seine Brust und ganz besonders sein Herz. Tsusu war sein Ein und Alles, sein Sonnenstrahl, den er so sehr liebte, dass er sich gegen alles und jeden hatte stellen wollen, um mit ihm zusammen zu sein.

Aber das Gefühl der Unsicherheit, dass er nicht auf gleiche Weise wiedergeliebt wurde, war ebenso vertraut. Er wusste, dass es nicht nur die beängstigende Umgebung war, die seinen Schmuck zu einem Mann hinzog, der mehr geeignet war, ihn zu schützen. Es war nicht das aufregende Neue, kein prickelndes Feuer, mit dem er nur kurz spielte.

Yami fühlte die Tränen, die sich in seinen Augenwinkeln sammelten, aber er wollte sie nicht zeigen. Nicht vor Rho und Shen, und nun nicht einmal mehr vor Tsusu. Er stand auf und stolperte zum Höhleneingang hin, tastete sich blind weiter vor, während die Nässe schon über seine Wangen zu laufen begann. Feuchte Kälte und Dunkelheit empfingen ihn, und ihm wurde klar, dass er nicht weiter gehen konnte. Weinend sackte er nahe dem Eingang zusammen, schlug die Hände vor das Gesicht und verwünschte den Tag, an dem Rho und Shen als Händler in seinen Palast gekommen waren.

Rho starrte Yami hinterher und warf dann einen wütenden Blick auf Shen. Er stand auf und ging zu seinem Freund hin.

"Hättest du das nicht nach dieser Sache machen können?!" Er hörte Yami aufschluchzen und verschränkte die Arme, wollte noch etwas sagen, aber ließ es dann einfach, bevor er Yamis Umhang aufnahm, um hinaus zu gehen.

Schweigend legte er dem Prinzen den Umhang um die Schultern. Er hätte ihn gern getröstet, aber stellte fest, dass er nicht die richtigen Worte wusste. Er selbst hatte auch schon einmal einem Schmuckgeliebten hinterher geweint, aber der war umworben worden, als Rho noch sehr jung gewesen war, deutlich jünger als sein Schmuck. Der Werber hatte ihn offiziell von Io abverlangt und nach der auferlegten Frist abgeholt, um ihn mit seiner Tochter zu vermählen. Eine Weile darauf hatte Rho noch einen Brief von dem Schmuck erhalten mit einem entzückenden Bild von zwei Kindern dabei. Der Schmuck war natürlich glücklich mit seiner Familie, und Rhos Liebeskummer war schnell vergangen.

Statt Yami mit dieser Geschichte zu beleidigen, drückte Rho ihm einmal die Schulter und ging dann wieder in den Unterschlupf zurück, um ihm ein wenig Zeit allein zu lassen.

 

Tsusu starrte erschrocken auf den Eingang. Er hatte solche Angst vor dem Augenblick gehabt, in dem er Yami gestehen musste, dass ihr Leben getrennt verlaufen musste. Aber es war schlimmer als gedacht. Viel schlimmer. Dann kam auch noch der Prinz zu ihm und blickte ihn aus dunklen Augen forschend an. Rho sagte nichts, aber Tsusu schämte sich.

Shen war verärgert über Rhos Reaktion. Natürlich waren die Kronen ein besserer Ort, um zu werben, und es tat ihm für Yami leid, dem nun nicht nur die Dunkelheit aufs Gemüt schlug. Er mochte den kleinen Heilerprinzen und seine freundliche Art, auch wenn dieser beinahe genauso anstrengend zu beschützen war wie Tsusu. Aber er fand nicht, dass er sich etwas vorwerfen musste. Wenn Tsusu Yami nicht auf diese Art liebte, war es nur gerecht, wenn er es so schnell wie möglich erfuhr. Auf so engem Raum war es ohnehin nicht lange zu verheimlichen. Und nicht zuletzt war Rho noch am Vortag ebenfalls der Meinung gewesen, dass es keinen Grund zu warten gab.

Er warf seinem Freund einen grimmigen Blick zu, als dieser von draußen zurückkam, dann trat er zu Tsusu, um ihm zu sagen, dass er auf Yami Acht geben würde, und verließ die Höhle. Er ging an dem Heilerprinzen vorbei, gab vor, ihn nicht zu sehen, um ihn wegen der Tränen nicht auch noch in Verlegenheit zu stürzen und verschwand in der Dunkelheit. Er hielt erst inne, als er sich sicher war, dass Yami ihn nicht mehr sah und setzte sich dann auf einen Felsblock, um den weithin leuchtenden weißen Haarschopf im Auge zu behalten.

Er musste nicht so lange wachen, wie er gedacht hatte. Bald stand der kleine Prinz auf, wischte sich über das Gesicht und straffte sich, als wollte er den Ausbruch ungeschehen machen, dann verschwand er wieder nach drinnen. Shen ließ sich einen Moment länger Zeit, ehe er ihm folgte.

Tsusus Anblick tat nicht weniger weh, als Yami zurück ins Licht und in die Wärme kam. Aber die Dunkelheit draußen war trotz seines Kummers beängstigend und wenig tröstlich. Außerdem wusste er, dass Tsusu sich Sorgen machen würde. Ohne jemanden anzusehen ging er zu seinem Schlaflager zurück und wusch sich das Gesicht mit Kräuterwasser ab, aber merkte erst verspätet, dass das Trockentuch, das er danach verwendete, Rhos Mantel war. Als er aus den Augenwinkeln zu seinem Schmuck hinsah, kniete dieser noch immer reglos an dem gleichen Platz wie zuvor, und die tränennassen Wangen zu sehen, tat Yami noch einmal so weh. Er konnte nicht anders, als zu ihm aufzurücken und ihn in die Arme zu nehmen. Ihn an sich drückend und ihn ganz leicht wiegend versuchte er genauso, Tsusu zu trösten wie sich selbst.

Rho setzte eine Suppe auf, um etwas zu tun zu haben. Er hatte aus demselben Grund auch schon das Fleisch von Shen aufbereitet. Einen Teil gab er in den Suppentopf, einen Teil legte er zwischen harte Flechten über den Hitzestein, um Trockenfleisch für später herstellen zu können. Er beobachtete, wie der Heiler und sein Schmuck einander umarmten und trösteten und war insgeheim froh, dass er sich bis auf das eine Mal in jungen Jahren nie so eng an einen Schmuck gebunden hatte.

Sie waren schön, sanft, angenehm und man durfte sie nicht vermissen. Es wunderte ihn, dass Yami sich so eng an seinen Schmuck gebunden hatte, offensichtlich brauchte er ein sanftes Wesen, das ihm schmeichelte. Ein wenig brummelig dachte Rho, dass er vermutlich nie in der Lage sein konnte, Yami auf diese Art zu gefallen. Eher würde er ihn noch mehr aufregen, verletzen oder ärgern.

 

Shen fand an diesem Abend keine Gelegenheit mehr, mit Yami zu sprechen. Die beiden Püppchen verhielten sich, als wären sie eins und lösten sich kaum voneinander, so dass Shen ihnen lediglich die Schale mit den Nüssen und Früchten hinstellte, nachdem er eine Handvoll für Rho herausgenommen hatte.

Auch der nächste Morgen, einzig dadurch bestimmt, dass sie aufwachten, bot keine Möglichkeit. Yami ließ sich nur bedingt von Tsusu helfen und wich Shen deutlich aus. Shen hatte keine Lust, ihm seine Aufmerksamkeit aufzuzwingen, wenn er so offensichtlich vor ihm zurückschreckte und gab ihm lieber noch etwas Ruhe.

Es tat ihm leid, das ausdruckslose Gesicht des Prinzchens zu sehen, während er das erste Mal seit Beginn der Reise die beiden hilflosen Lichten begleitete und Rho vorweg ging, um den Pfad zu erkunden. Aber weder hatte er Schuld, dass Tsusu und er sich ineinander verliebt hatten, noch konnte oder wollte er etwas daran ändern. Dennoch wünschte er, es ihm leichter machen zu können.

Sein Unbehagen, das er schon in den vergangenen Tagen gespürt hatte, wuchs, während die Feuchtigkeit zunahm und die schimmernden Pflanzen zu Ausnahmen in der ewigen Schwärze wurden. Dumpfer, modriger Geruch umwehte sie, der stetig stärker wurde, und brachte das Gefühl von Verfall und Krankheit mit sich. Im Schimmern hatte Shen den Bogen häufig in seiner Halterung getragen, hier hielt er ihn immer bereit. Rho entfernte sich nicht weit, doch oft außer Sichtweite; manchmal konnte man nicht einmal mehr den Schein seiner Spinnwebkugel sehen, was nur noch zu Shens Anspannung beitrug.

Es wurde so finster, dass Tsusu, als seine Spinnwebkugel einmal flackerte und erlosch, weil sie zu warm geworden war, die Hand nicht vor Augen sehen konnte. Es wurde nicht nur finster, es wurde auch feucht auf die Art, die dichter Frühnebel in den kühleren Tagen im Licht brachte. Der Nebel war aber nicht frisch und klar, sondern moderig wie alter Holzschnitt in den Gemüsegärten. Die Luft schmeckte nach Verfall, und es wurde bis auf das stetige Geräusch von tropfendem Wasser still. Es schien keine Tiere mehr zu geben.

Sie fanden einen halbwegs trockenen Unterschlupf zwischen nach unten in die Schwärze verlaufenden knorrigen Ästen. Tsusu legte seine Sachen wieder neben Yamis aus, aber wagte es nicht, ihm die Kleider abzunehmen oder die Haare mit einem Tuch zu trocknen. Stattdessen besah er sich seinen Anteil des Proviants und teilte ihn in kleine Rationen ein, um später nicht ohne Nahrung sein zu müssen. Er legte seinen Umhang in die Nähe des Hitzesteins und setzte einen Tee auf.

Shen und Rho waren noch einmal los gegangen, um etwas mehr von den Pilzen zu pflücken, die nur noch spärlich zu finden waren, Rho kehrte als erster zurück und begann ebenfalls mit den Vorbereitungen für das Essen. Sie schwiegen, und Tsusu litt unter der gespannten Atmosphäre.

Yami hatte das Gefühl, in einem Alptraum gefangen zu sein. Es war dunkel, es war schrecklich, und gleichzeitig war es nicht real. Tsusu war immer da gewesen, hatte für ihn gesorgt, war nah gewesen. Er war der einzige, vor dem er sich hatte öffnen können, der ihn verstand. Tsusu hatte ihn geliebt. Yami hatte ihn vor allem beschützen wollen, hatte getan, was er konnte, um ihn glücklich zu machen, hatte versucht, alle seine Wünsche zu erfüllen. Er liebte ihn.

Nun waren sie sich fern. Es war nicht das Geständnis vom letzten Rastplatz, das es so deutlich machte, sondern all die Kleinigkeiten über den Tag verteilt, die er bisher als selbstverständlich genommen hatte, die ihm Sicherheit gegeben hatten. Ein kleines geteiltes Lächeln, ein Hinüberlehnen für Nähe. Das Festhalten aneinander an unsicheren Stellen, das Greifen nach einander, wenn sie sich fürchteten. Mit einem Mal war es so fremd. Das Aufwachen, ohne die vertraute Wärme noch in den Decken zu spüren. Kein Morgenkuss. Kein liebevoller Blick in Feueraugen.

Yami richtete seine Decken selbst, wickelte sich in eine ein und lehnte sich gegen einen der Äste, die ihren Unterschlupf umschlossen. Er schloss die Augen und versuchte, damit auch das Gefühl von Einsamkeit und Schmerz auszuschließen. Doch es brachte nur, dass er sich an die schönsten Momente mit Tsusu erinnerte, an die ersten Blicke, an errötende Wangen, an den ersten Kuss. An die Freude in dem zarten Gesichtchen, als er ihm das erste Mal gesagt hatte, dass er ihn liebte.

Yami kämpfte gegen die Tränen an und war beinahe dankbar, als Shens Stimme seine Gedanken unterbrach. Er hatte nicht gehört, wie der Stille zurückgekommen war, aber das war kein Wunder, so lautlos wie er sich bewegen konnte. Doch als Yami die Augen öffnete, stand er direkt vor ihm, groß und ernst.

"Der Moment ist vielleicht nicht gut, aber vermutlich gibt es für so etwas keinen passenden. Ich muss mit dir sprechen. Wegen Tsusu." Shen war überrascht, wie hilflos und verletzlich der Heilerprinz aussehen konnte. Die blauen Augen waren unglaublich groß in dem dunklen Gesicht, und er hatte durch die Strapazen der Reise abgenommen, was ihn zart und zerbrechlich wirken ließ.

Yami erschauderte und nickte, dann ließ er die Decke von den Schultern gleiten und stand entschieden auf, um zumindest annähernd an den Stillen heranzureichen. Er war der Kronprinz seines Reiches, er war es gewohnt, sicher und zuversichtlich aufzutreten, gleichgültig, wie er sich fühlte.

Unvermittelt hörte er Rhos feste Stimme in seinem Kopf, als dieser von der Verantwortung gegenüber der Krone gesprochen hatte. Die Krone war nicht nur der Baum, die Krone war auch das Volk, das darin lebte. Tsusu war seine Verantwortung, und auch wenn er nicht machen konnte, dass er ihn liebte, hatte er doch dafür Sorge zu tragen, dass es ihm gut ging. Es war niemandem geholfen, wenn er sich gab wie ein verletztes Kind.

Die Veränderung überraschte Shen. Mit einem Mal wirkte Yami mehr wie der Prinz, nicht wie ein junger, verängstigter Mann in einer Umgebung, die bedrohlich und fremd war. Aber er ließ sich nicht lange beirren. "Gib ihn frei, Yami. Ich bitte um ihn. Ich will ihn umwerben dürfen, ohne dass er sich schuldig fühlen muss."

Yami spürte eine unwillkommene Enge in der Kehle, als er nickte. "Er hat mir lange und treu gedient. Er ist frei, seinen eigenen Weg zu gehen. Aber er steht noch immer unter meinem Schutz, Shen!" Es waren nicht ganz die formellen Worte, doch das störte Yami nicht. Er konnte ohnehin nicht formell für Tsusu fühlen. Sich zu seinem ehemaligen Schmuck drehend sagte er etwas lauter: "Ich gebe dich frei, Tsusu. Aber wann immer du etwas brauchst..." Mit einem Seufzen unterbrach er sich und versuchte ein Lächeln, auch wenn es ihm schwer fiel. "Nun ja, die Details müssen wir klären, wenn wir zurück im Licht sind. Hier kann ich dich kaum gerecht entlohnen."

Tsusu hatte eigentlich ebenfalls ernst sein wollen, aber Yamis Gesichtsausdruck sehen zu müssen, tat ihm weh. Anstelle einer durchdachten Antwort brachte er nur hervor: "Ich habe viel mehr von dir bekommen, als ich verdient habe." Seine Finger gruben sich in den Stoff vom Umhang, aber er wollte Yami nicht umarmen und so daran erinnern, was einmal gewesen war.

Yami schüttelte den Kopf. Seine Stimme war weich, als er antwortete: "Nein, Tsusu. Du hast mir so viel gegeben, so viel mehr, als du weißt, so viel..." Er spürte neue Tränen und schluckte hart.

"Nun, jetzt beginne ich, hungrig zu werden", sagte er ablenkend und trat zu Rho, der beim Hitzestein saß und die Suppe umrührte. Er sah in den Topf, ohne wirklich etwas zu sehen und setzte sich dann neben den großen Mann. "Aber sie braucht wohl noch ein bisschen. Rho, magst du mir mehr der alten Sprache beibringen?"

Rho beobachtete, wie Shen sich neben Tsusu setzte und meinte leise: "Es ist erlaubt, traurig zu sein, Yami. Aber lass mich dir doch einfach etwas in der Sprache der Alten erzählen, während ich versuche, diese Suppe schmackhaft zu machen. Du brauchst dich nicht darauf zu konzentrieren."

Yami nickte dankbar. Er genoss die Hitze des Steins, die ein wenig gegen die Kälte in ihm ankämpfte, wenngleich auch nicht sehr erfolgreich. Rhos dunkle Stimme war ein angenehmes Brummen im Hintergrund, das ihm die Einsamkeit leichter machte, selbst wenn er nicht verstand, was er sagte.

Shen war Yami mit Blicken gefolgt, froh darüber, dass er nicht wieder nach draußen ging, sondern zu Rho hin. Er erinnerte sich an seine eigenen Worte, als sein Freund ihn gefragt hatte, ob sich Prinz und Schmuck wirklich lieben würden. Dass er den Eindruck hatte, dass Tsusu das einzige war, was Yami zum Liebhaben hatte. Er runzelte die Stirn, aber er konnte es nicht ändern.

Tsusus trauriger Anblick berührte ihn mehr, als er sich zu ihm drehte. Beinahe konnte man meinen, der kleine Schmuck habe seine Liebe verloren. 'Nicht Schmuck. Das ist er jetzt nicht mehr.' Er streckte die Hand aus und berührte vorsichtig Tsusus Fingerspitzen.

"Ich bin nicht gut mit Worten", sagte er leise. "Aber ich hoffe, dass ich dich irgendwann glücklich machen kann."

Das Kribbeln und Sehnen in Tsusu begann schon wieder. Die Unsicherheit über diesen großen Schritt, zu dem Shen ihn gezwungen hatte, über die Möglichkeit, dass der Stille gelogen hatte, verflog jedoch bei der Berührung. Er lächelte ein wenig und flüsterte: "Ich bin mir sicher, dass du das kannst." Sachte umfing er Shens Finger und zog seine Hand dichter zu sich heran.

Nach einem Blick zu Yami, um sicherzugehen, dass er nicht zu ihnen sah, beugte Shen sich zu Tsusu und küsste ihn rasch auf den Mundwinkel. Dann löste er sich von ihm, stand auf und holte zwei Becher Tee, ehe er sich erneut zu ihm setzte und seine Hand zurückeroberte. Er ließ Tsusus kleine Finger zwischen seine gleiten und streichelte ihn mit dem Daumen. Dafür, dass sie bald die Finsternis erreichten, war er unverschämt glücklich. "Ich bin froh, dass du hier bist."

Tsusu lächelte und neckte leise: "Und? Das hättest du damals nicht gedacht, als du mich gefunden hast, nicht?"

Er nahm den Tee und wärmte sich daran. Ihm fehlte das Licht. Nun, als er begann, an das Glück zu glauben, wünschte er sich noch viel mehr in die Wärme zurück und in ein Leben ohne Dreck und Nässe und Bedrohungen von allen Seiten.


© by Jainoh & Pandorah