Die Alten Geister

17.

Sie schliefen bis sie ausgeruht waren, dann gingen Rho und Shen abwechselnd voran, um einen geeigneten Weg zu finden. Yami und Tsusu blieben oft allein zurück, an eine Wurzel gekauert und in die Finsternis starrend. Tsusu hätte gern etwas gesagt, um Yami glücklich zu machen, aber ihm fehlten die Worte und der Mut.

Es war nun stetig nass. Die Luft war schwer und feucht. Es wurde klamm, und die Kleider wärmten nicht mehr. Als sie nach zwei Wandertagen an ein Gebäude kamen, in dem Treppen weiter hinunter führten, war Tsusu vor Kälte und Nässe steif in den Gliedern und rutschte auf den ersten Stufen aus. Rho fing ihn ab, so dass ihm nicht viel passierte, aber der Ausdruck in Shens Gesicht, als sie für eine heiße Tasse Tee rasteten und der Stille ihm die Finger wärmte, tat Tsusu weh. Er wollte keine Last sein.

Rho warf einen kleinen Blick auf Tsusus Haarschopf, der unter Shens Umhang und in seinen Armen kaum zu sehen war. Dann blickte er zurück auf seinen anderen Reisegefährten. Der rötliche Schimmer der Hitzesteine malte Yami rote Wangen auf und brachte seine Augen zum Glänzen. Aber der Prinz war noch immer trübsinnig. Er wanderte verbissen mit ihnen, kroch unter Ästen hindurch, zwischen Lianen und Gesteinsbrocken, über deren Größe sie nicht einmal mehr in Erstaunen gerieten. Aber er schwieg. Seit er Tsusu hatte freigeben müssen, seit der Schmuck bei jeder Rast mehr auf Shens Schoß saß als auf seiner Decke, sah man von Yamis Gesicht nur noch eine starre Maske.

Rho wollte ihn wieder lachen sehen, wollte seine weiche Stimme hören und die lieben Worte, mit denen er für ein wenig Hoffnung und Heiterkeit hatte sorgen können. Er versuchte es mit seinen Mitteln. Erst, indem er Yami einen schönen Stein schenkte, danach überließ er ihm seinen letzten Honig, und als sie nun im Turm rasteten und er die Schriftzeichen der Alten an einer Wand entdeckte, putzte er diese frei von Flechten und dem grauen feuchten Belag, der überall zu finden war, um sie dem Heiler zu zeigen.

"Yami, ich habe Schriftzeichen entdeckt! Wollen wir gemeinsam versuchen, sie zu lesen?" Gespannt hockte Rho sich vor den Heiler hin und versuchte, nicht zu Shen und Tsusu hinüberzusehen.

Yami hatte nicht gewusst, wie schwer es sein würde, nachdem er Tsusu frei gegeben hatte. Shen und Tsusu nahmen Rücksicht auf ihn, dessen war er sicher, aber es war trotzdem nahezu unerträglich, sie miteinander zu sehen. Dazu kamen die ständige Dunkelheit, die Kälte und die Nässe. Er war Rho jenseits von Worten dankbar, dass er sich bemühte, ihn abzulenken und ihn sich besser fühlen zu lassen. Allein, dass er da war, half.

"Danke", sagte er leise und stand auf.

Rho war stolz auf sein Werk und gab auch eine kurze Weile lang überreichlich Licht mit seiner Spinnwebkugel, um die runden Zeichen der Alten einmal deutlicher zeigen zu können. Sie waren geschnörkelt in großen Lettern als Borte an der Wand entlang gemalt worden. Es war sicherlich einmal eine goldschimmernde Farbe auf dunkelblauem Grund gewesen, von der nun nur noch hier und dort kleine Reste zu sehen waren.

"Es ist die Sage von den Geistern. Ich dachte, dass es dich vielleicht interessiert." Rho hob seinen Stab mit der Spinnwebkugel an und deutete die Zeichen entlang. "Hier steht, dass die Bäume eines Tages begannen, sich zu wehren, sich über den Grund zu erheben, weil sie schlecht behandelt worden waren. Sie verdunkelten mit ihren Kronen den Himmel und die Finsternis entstand." Er trat dichter zu Yami. "Finsternis. Das Wort ist besonders schön anzusehen. Wenn du dich erinnerst, es gibt die Finsterkrone in der Nachbarschaft bei euch, dies ist das Zeichen auf ihren Bannern. Ein wenig wie Wellen."

Mit einem Frösteln trat Yami dichter zu Rho hin. "Ich mag die Sternkrone lieber", sagte er und ließ seinen Blick über die Zeichen gleiten. Sie waren hübsch, eher wie Muster als wie Schrift. Wenn sie zurück im Licht waren, sollte er mehr Zeit damit verbringen, sie zu lernen. Falls sie zurück ins Licht kehren konnten. "Rho, wir haben nur die Geschichten der Stillen. Was, wenn sie sich irren? Was, wenn es keinen Grund gibt? Es ist so kalt hier. Wird es noch kälter werden?"

"Das kann ich nicht sagen. Aber hier steht, dass sich Wasser gesammelt hat, weil es feucht wurde ohne Licht. Hier drüben in der Ecke ist es abgebrochen, aber es steht etwas von Gift und Geistern. Vielleicht finden wir in einem anderen Raum mehr Hinweise. Ich glaube, dass nach diesen Zeichen stand, dass die Geister derjenigen, die in der Finsternis zurückgeblieben sind, versuchen die Bäume zu zerstören, damit die Kronen sterben. Sie wollen so das Licht wieder bis nach unten dringen lassen."

Rho studierte die zur Hälfte zerstörten Zeichen. "Ich finde es einleuchtend. In den Gärten im Licht werden die kleinen Hecken auch geschnitten, damit die Blumen darunter wachsen können."

Yami starrte auf das Symbol, von dem Rho ihm gesagt hatte, dass es Geister bedeutete. Er bewunderte ihn immer mehr dafür, dass er die Schrift so mühelos entziffern konnte, so gut sogar, dass er Sinn in Texten fand, die nicht mehr vollständig waren.

"Die Blumen in den Gärten sterben ohne Licht. Aber unsere Gärtner sind es, die ihnen Licht geben. Keine Geister. Shen hat gesagt, er hat keine gesehen." Yami wollte nicht an die Geister glauben. Die Finsternis war beängstigend genug, ganz ohne sie. "Komm, lass uns mehr von der Schrift finden."

Shen und Rho hatten die Räume nach Gefahren abgesucht, bevor sie das Lager aufgeschlagen hatten, deswegen ging Yami ohne Furcht voran in den nächsten Raum.

Rho blickte ihm nachdenklich hinterher, bevor er sich beeilte, den Heiler einzuholen. "Warte! Geh nicht allein in die Räume. Hier könnten doch überall..." Er stockte, als er sah, dass in diesem Raum ebenfalls Worte zu finden waren und Bilder. "'Die Geister' steht hier auch. Hilf mir mal, die Zeichen frei zu legen!" Aufgeregt begann er, den grauen Belag von der Wand zu wischen.

Rhos Enthusiasmus war ansteckend, und Yami half ihm eifrig, auch wenn er die Zierborte kaum erreichen konnte. Hier und dort erkannte er Symbole wieder, Stimme, Wasser, Baum, aber er konnte keinen Zusammenhang und keinen Sinn finden. Mit vor Neugierde und Erregung erhitzten Wangen trat er schließlich zurück und sah zu Rho hin. "Was steht da?"

Rho war aufgeregt, weil das Geschriebene wirklich mit der Krankheit der Kronen im Zusammenhang stehen konnten. Zugleich machte es ihm Freude, Yami zu beobachten. Der andere Prinz war von seinem Kummer abgelenkt, und selbst wenn Rho und er hier nur eine dumme Sage freigelegt hatten, war es ein wertvoller Fund gewesen. Yami in seiner Begeisterung und Neugierde war wundervoll.

Es motivierte Rho, sich zu konzentrieren und ihm die Zeichen, die er schon gelernt hatte, zu zeigen. "Hier steht, dass ... dieses Wort kenne ich nicht, aber was auch immer es ist, es steht im Wasser, im Grund und ist mit den Bäumen und ihren Kronen verbunden. Die Geister haben geschworen, dieses, was ich nicht entziffern kann, zu zernagen, zu vergiften und mit ihrem Hass zu zerstören. Offenbar brauchen die Bäume dies, um leben zu können."

Rho trat einen Schritt weiter zur Seite. "Hier steht etwas von Liedern, um die Geister zu besänftigen. Offensichtlich ist es nicht das erste Mal, dass sie wütend geworden sind, denn dies hier ist das Zeichen für die Vergangenheit. Das hieße auf den Satz bezogen, dass alles, was hier steht, vergangen ist, schon einmal geschehen." Rho nahm seine Kappe ab und raufte sich durch die Haare. "Schon einmal geschehen. Es gibt also eine Möglichkeit, die Krankheit hier unten im Wasser zu besiegen!"

Yami spürte ein erleichtertes Prickeln durch sich hindurch rinnen. Es war, als wäre ihm ein Gewicht von der Seele genommen worden, von dem er nicht gewusst hatte, dass es auf ihm lastete.

"Wenn es eine Möglichkeit gibt, werden wir sie finden." Er trat vor und berührte eine Stelle der Borte. "Ich dachte, es heißt Stimme. Macht es der Fortsatz daran zu dem Zeichen für Lied? Und was ist das Wort, das du nicht kennst? Steht dazu nicht mehr da? Wir sollten wissen, worauf es die Geister abgesehen haben. Vielleicht wissen wir dann, was wir tun können."

"Es kann auch Gebet heißen. Leider fehlt uns der Zusatz für den Sinn des gesamten Teils. Zu dem Wort, das ich nicht kenne, kann ich keinen Hinweis finden. Leider habe ich auch noch viel zu lernen." Rho ging in die Hocke und starrte zur Wand hinauf. "Geister. Was meinst du, Yami, sind es wirklich die Geister von denjenigen, die diese Steinwohnungen gebaut haben? Meinst du, dass jemand so sehr hassen kann?"

Sein Blick glitt über Yamis helles Gesicht, dann weiter in Richtung der Öffnung zur nächsten Treppe. Leider einer zerbrochenen, so dass sie Seile aus Lianen verwenden mussten, um hinabsteigen zu können. Das würden sie nach der Rast als nächstes tun. Shen hatte schon begonnen, die Lianen zu knoten.

"Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass Hass eine genauso starke Kraft sein kann wie Liebe." Für einen Moment wurde Yamis Gesicht verschlossen, als er an Tsusu und Shen denken musste, dann drängte er den Gedanken beiseite. Das hier war aufregend genug, um sich abzulenken und wichtig.

"Vor Jahren ist ein Mann zu mir gekommen, den der Hass aufgefressen hat. Er wollte, dass ich ihm helfe, doch ich kann nur den Körper heilen, nicht die Seele. Aber als er bei mir war, hat er die Freundin meiner zweiten Schwester kennengelernt. Sie konnte ihm viel besser helfen als ich. Die beiden bekommen bald ihr drittes Kind." Yami lächelte und hielt Rho die Hand hin, um ihm aufzuhelfen. "Der einzige, den sein Hass zerstört hat, war er. Vielleicht ist es eine Umschreibung. Komm, lass uns weiter suchen. Wir waren noch nicht überall."

Rho ließ sich aufhelfen und folgte dem Heilprinzen durch einige kleinere Räume, in denen lediglich die Symbole für Winde, Himmelsrichtungen und Blumennamen zu finden waren. In vielen waren die Zeichen nicht mehr zu entziffern. Müde, vollkommen verdreckt und durchnässt, aber sehr zufrieden kehrten sie schließlich zu den beiden anderen zurück, die in der Zwischenzeit ein dickes Tau aus den Lianen geknüpft hatten. Im Kreis mit den anderen beiden erzählte Rho von den Zeichen und ihrer Bedeutung.

Shen lauschte aufmerksam, und als die alten Lieder erwähnt wurden, sah er zu Tsusu hin. Yamis Frage nach der Finsternis lenkte seine Aufmerksamkeit jedoch wieder auf das Gespräch. "Ich habe weder übermäßig viel Wasser gefunden, noch sind mir Geister begegnet. Aber ich war schon nicht mehr richtig bei Sinnen, als ich unten angekommen bin, und im Endeffekt habe ich nur sehr wenig erkundet. Einige Wurzeln, die sich um Felsbrocken wanden, größer als der Palast, vermute ich. Meine Spinnwebkugel hat kaum noch Licht gegeben, und ich war froh, als ich einen Weg zurück nach oben fand."

Yami neigte sich zu Rho. "Das Zeichen, das du nicht lesen konntest, könnte es etwas mit den Wurzeln zu tun haben? Etwas, um das sie wachsen? Was ihnen Kraft gibt?"

Rho hob die Schultern und gähnte. Er nahm sich einen Teebecher und hängte den Umhang dichter an die Hitzesteine. Die Nässe ließ ihn frieren, und die Müdigkeit durch diese ewigwährende Düsternis umher half ihm auch nicht gerade. "Der Schacht, den wir morgen hinuntersteigen werden, könnte zum Grund führen. Vielleicht sehen wir dort schon die Wurzeln und vielleicht auch die Geister. Leider habe ich keinen Hinweis darauf gefunden, ob die Geister auch uns schaden können oder wirklich nur den Kronen."

"Wenn es wirklich Geister gibt." Yami hängte seinen Umhang zu Rhos und zog die dreckigen Stiefel aus, damit die Hitze der Steine seine Füße besser erreichen konnte. Die Suppe tat ein Übriges, um ihn aufzuwärmen, und er fühlte sich besser als die Abende zuvor, als er später unter seine Decke kroch und die Augen schloss.

Dieses Mal kreisten seine Gedanken auch nicht mehr um Tsusu und Shen, sondern um die Zeichen und die Sage. Wenn es schon einmal geschehen war, was war dann der Platz, an dem sie gerade rasteten? Offensichtlich hatte es die Kronen bereits gegeben; die Alten hatten nicht mehr dort gelebt, wo nun die Finsternis war. Ob es ein Wachposten gewesen war? Um zu verhindern, dass es noch einmal geschah? Yami fühlte sich beinahe sicher, umgeben von den steinernen Wänden.

Er drehte den Kopf und blinzelte im leichten Nachglühen der Hitzesteine zu Rho hin, der eingewickelt in seine Decken kaum zu erkennen war. Der Kriegerprinz schlief am nächsten beim Ausgang, dort, wo die Gefahr am ehesten herkommen konnte. Seit Rho mit der Schleichkatze gekämpft und Yami ihn geheilt hatte, fühlte er sich sicher in seiner Nähe. Wieder schloss er die Augen, und als er eingeschlafen war, träumte er von den Uralten in der Gestalt von Katzen und von Rho, der mit ihnen sprechen konnte.


© by Jainoh & Pandorah