Die Alten Geister

18.

Tsusu erstarrte, als er sah, was Shen mit Abstieg in die tiefere Finsternis gemeint hatte. Rho sollte voran klettern und Shen würde ihnen als letzter folgen. Tsusu sollte als zweiter hinunter klettern, und er wusste mit tödlicher Sicherheit, dass er vor Angst kaum zufassen konnte. Wie ein schwarzer Rachen tat sich die Finsternis unten auf. Das schwache Licht von Rhos Spinnwebkugel wurde verschluckt und Tsusus eigenes Licht musste einige Zeit lang ruhen, um wieder kräftig genug zu werden. Solange würde er es nicht verwenden können.

Während Shen ihn mit einer Sicherheitsleine um den Körper an die Lianen knotete, versuchte er, mit tiefem Ein- und Ausatmen zur Ruhe zu kommen. Ängstlich blickte er hinunter, dann wieder auf die großen, sicheren Hände des Stillen.

Auch Shen hatte Angst, mehr Angst, als er sich eingestehen wollte, so viel, dass kalter Schweiß seinen Rücken hinabrann. Doch Tsusus graues Gesicht half ihm, sich zu fassen und sie nicht zu zeigen. Einzig Rho wusste davon, der ihn lange genug kannte, und es war mit ein Grund, dass sein Freund voran ging.

Shen nahm die bebenden Finger in seine Hände und streichelte sie, umfing sie dann mit einer, um mit der anderen Tsusus Kinn anzuheben und ihm in die vor Furcht weiten Feueraugen zu sehen.

"Es gibt den Grund", sagte er fest. "Rho ist da und wartet auf dich, und wir kommen gleich nach. Du bist so mutig gewesen, als du uns alleine gefolgt bist. Jetzt bist du nicht allein. Ich weiß, dass du es kannst."

Er ließ das Kinn los, wollte den zarten Mann eigentlich gehen lassen, doch als er das kleine Beben der Unterlippe bemerkte, zog er ihn in seine Arme und drückte ihn fest an sich. Er war sich Yamis Gegenwart bewusst, aber ignorierte sie. Dort unten lauerte die Finsternis, vielleicht war es das letzte Mal, dass er Tsusu halten und mit ihm sprechen konnte. Einen Moment lang bewegte er sich nicht, spürte mit geschlossenen Augen Tsusus Nähe, dann murmelte er: "Lieb dich, Kleiner."

Tsusu umarmte Shen und presste das Gesicht fest gegen seine Brust, dann gegen den Hals. Heiser flüsterte er: "Komm schnell nach, Shen. Ich brauche dich!" Es kostete ihn mehr Überwindung, seine Finger von Shens Kleidung zu lösen, als sich der gähnenden Schwärze zu stellen.

Rasch versuchte er ein Lächeln in Yamis Richtung, dann machte er sich an den mühsamen Abstieg, immer Rhos schwacher Lichtkugel folgend. Seine Finger waren taub und seine Arme schmerzten, aber er kletterte verbissen weiter hinunter, die Augen zugekniffen und ohne dem Drang nachzugeben, eine Pause einzulegen.

Als Tsusu am Grund ankam, war er überrascht, das Plätschern von Wasser zu hören. Das stetige Tropfen war ein bekanntes Geräusch, aber hier schien ein richtiger See zu sein. Rho hielt ihm die Hand hin, um ihn gleich auf eine kleine Insel aus Gestein zu ziehen, damit Yami und auch Shen ebenfalls unten ankommen konnten.

Rho blickte mit gerunzelter Stirn auf die Wasserfläche, die sich vor ihnen auftat, soweit der Lichtschein reichte. Die Fläche spiegelte glatt und war nur von den dicken Wurzeln unterbrochen, die in die Tiefe stießen.

"Das Wasser, von dem die Rede war. Die Wurzeln reichen bis in das Wasser. Der Grund liegt darunter." Die Luft war unangenehm schwer, so dass Rho nicht viel sprechen mochte. Er hatte einen Ast gefunden und stocherte nun in das Wasser hinein. "Es ist zu tief, um darin gehen zu können."

Yami war froh, dass Rho zuerst gegangen war. Ihn unten warten zu wissen, nahm ihm etwas seiner Angst. Er wusste, es entsprach nicht der Wirklichkeit, aber in seiner Erinnerung war die Schleichkatze gewachsen, und er hatte das Gefühl, dass es wenig gab, vor dem Rho sie nicht beschützen konnte. Und da er ohnehin nach unten musste, wollte er dieses Gefühl auch auf keinen Fall vertreiben. Es half allerdings nicht gegen die Länge der Strecke, und auf den letzten Metern zitterten seine Hände und Arme so sehr, dass er fast gefallen wäre.

Dankbar ließ er sich helfen und setzte sich auf einen feuchten Stein, den Mantel fest um sich gezogen. Die Kälte konnte er trotz der Anstrengung spüren. Erst nach einigen erschöpften Atemzügen sah er sich um, und seine Augen weiteten sich. Sie waren in der Finsternis, sie waren am Grund, und es war vollkommen anders, als er es sich vorgestellt hatte.

Das Licht der Kugel reichte nicht weit genug, um einen Stamm zu sehen, und Yami hätte nicht einmal gewusst, zu welcher Krone er gehörte, wenn einer zu sehen gewesen wäre; sie hatten oft die Richtung gewechselt auf dem Weg nach unten und waren weite Strecken gelaufen. Aber die Wurzel, an der sich die kleine Felsinsel anlehnte, wand sich dick und riesig hinter ihm entlang, als wäre sie selber ein liegender Stamm.

Und das Wasser... So viel Wasser hatte Yami noch nie auf einem Fleck gesehen; es war, als wären sämtliche Teiche und Seen der Kronen vereint und vervielfältigt worden. Aber es war schwarz und zeigte nicht, was unter der Oberfläche lag, und unwillkürlich zog er die Füße näher an sich, weiter weg davon.

Nach einer Weile merkte er, wie Rho unruhig wurde und begriff, dass Shen schon lange überfällig war. Fröstelnd stand er auf und trat zu dem anderen Prinzen hin, der neben Tsusu stand und nach oben starrte, als würde es seinen Freund herbei rufen.

Gerade als Yami das Für und Wider überlegte, ob jemand zurück klettern und nach Shen sehen sollte, bewegte sich die Liane ruckartig, und wie aus dem Nichts tauchte der Stille auf; zuerst sah man nur die hellen Hände und das Gesicht, so wenig hob sich die schwarze Kleidung und das Gepäck vor der allgegenwärtigen Dunkelheit ab. Dann konnte man auch seinen Körper erkennen, und schließlich sprang er mit einem Satz zu ihnen auf die Insel. Er sah nicht gut aus, krank mit grauer Haut und verschwitzt, als hätte er Fieber. Yami spürte, wie sich seine Nackenhaare aufrichteten, als er begriff, dass Shen Angst hatte. Unstet huschte der Blick des Stillen umher, als suchte er nach Gefahren, dann traf er Tsusu.

Shen atmete ein paar Mal tief durch und gewann seine Ruhe zurück. Er wusste nicht, vor was genau er sich gefürchtet hatte, und das war das schlimmste gewesen. Nun war er am Grund, es war nichts geschehen, und nichts griff sie an. Plötzlich war ihm leichter zumute.

Tsusu wusste, dass er Yami schonen sollte, aber er konnte nicht anders, als sich kurz an Shen zu schmiegen und seine Hand zu drücken. Unsicher beobachtete er, wie Rho mit seinem Stock in dem schwarzen Wasser stocherte, er fand keinen festen Grund.

"Sitzen wir hier fest? Was machen wir denn jetzt?" Er sah Yami an und fragte: "Kannst du spüren, ob hier etwas Schädigendes ist?"

Yami schauderte leicht. Er hatte vermieden, den Baum mit seiner Kraft zu berühren, weil er Angst davor hatte. Aber genau deswegen war er hier. Er trat zu der gigantischen Wurzel, deren Durchmesser seine Körpergröße weit übertraf, und legte die Fingerspitzen auf die nasse Rinde. Dann schloss er die Augen und konzentrierte sich.

Er unterdrückte einen erschrockenen Aufschrei, aber konnte nicht verhindern, dass er zusammenzuckte. Sein Herz flatterte; unwillkürlich wich er einen Schritt zurück. Er hatte sich an das Gefühl von Zerfall gewöhnt, auch wenn es beständig im Hintergrund gelauert hatte. Doch den Baum mit seiner Kraft zu sehen, war ungleich viel intensiver, und die Krankheit und das Gift waren so viel direkter zu spüren als in der Krone. Sie fühlten sich eiskalt und brennend zugleich an. Innerlich wappnete er sich, ehe er einen weiteren Versuch unternahm.

Tsusu kauerte sich neben einem Schutz aus abgebrochenem Gehölz und Geröll zusammen. Überall in der Nähe lagen herabgestürzte Gesteinsbrocken und Lebensnussschalen. Während Yami versuchte herauszufinden, woher das Gift kam, hielten Rho und Shen in der Nähe des Wassers Ausschau. Tsusu schob einige der Nussschalen von der Insel, um einen kleinen Platz für den Hitzestein und das Lager zu schaffen. Er musste seine Finger und Füße aufwärmen, sie waren gefühllos geworden vor Kälte, und er traute sich keinen Schritt mehr zu und auch keinen Aufstieg über das Tau.

Nach einer Weile gesellte sich Yami zu ihm, dankbar für die Wärme. Gleichgültig, was Rho und Shen beschließen mochten, würden sie hier erst einmal Rast einlegen. Frierend setzte er den Teetopf auf seinen Halter über dem Stein und füllte von dem letzten Vorrat Wasser ein. Zwar gab es hier genug, aber Yami misstraute ihm, auch wenn sie bald wohl keine andere Wahl haben würden, als es auszutesten.

"Ich weiß nicht, wo der Ursprung ist", sagte er schließlich, als er getrocknete Kräuter in den Topf streute. "Es fühlt sich an, als würde es von überall und nirgendwo kommen."

Tsusu sah sich um. "Vielleicht sind es doch Geister."

Mit einem Frösteln rückte Yami dichter an die Wärmequelle. "Glaubst du daran?"

Rho kam zu ihnen und nahm sich einen Becher Tee. "Ich beginne, daran zu glauben. Die Frage bleibt nur, wie können wir uns hier unten umsehen? Wir können wohl kaum dauernd hinaufklettern, weiter erkunden und wieder hinunterklettern. Aber das Wasser ist viel zu tief, um darin zu gehen und es ist auch zu kalt." Er wärmte sich die Finger auf. "Es gibt keine Brücken oder Lianen, mit denen wir zu den Wurzeln gelangen könnten, die dort hinten zu sehen sind."

Yami wandte den Kopf in die gewiesene Richtung, aber er sah nichts außer dem Rand der Insel, einigen im Wasser dümpelnden Lebensnussschalen und viel Schwärze. "Ich weiß nicht einmal, ob ich auch nur den Weg zurückkomme, über den wir herunter gelangt sind. Nach unten war es über die Liane anstrengend genug..."

Etwas kräuselte die glatte Oberfläche des Wassers, und er erstarrte. Erst, als sich die Wellen wieder beruhigt hatten, wandte er den Blick ab. Mit einem Mal musste er an den Tag denken, an dem die Händler in den Hof gekommen waren. Es schien ewig her zu sein. Er lächelte unsicher. "Ob hier die Fabeltiere wohnen, von denen ihr mir den Haarschmuck gebracht habt? Fische, die Wasser atmen."

Rho legte den Kopf zur Seite und hob die Schultern. "Es wäre alles denkbar." Er blinzelte. "Das muss das Wort sein, das ich nicht kannte. Fisch. Aber es macht so wenig Sinn. Dann hätte der Text geheißen: 'Durch den Gesang, der den Fisch ruft, beruhigt sich der Geist'."

Er blickte über das schwarze Wasser hinweg und runzelte die Stirn, als er einige der großen Schalen, die Tsusu ins Wasser geschoben hatte, davon treiben sah. "Shen! Was meinst du, können wir versuchen aus den Nussschalen eine Brücke zu bauen? Sie scheinen zu schwimmen."

Shen kam hinter der Wurzel hervor; er hatte versucht, auf sie zu klettern, um zu sehen, ob man über sie vielleicht weiter gelangen konnte. Doch sie war durch schleimige Moose so rutschig, dass es schwer sein würde, auf ihr zu gehen, und zum anderen hatte er gesehen, dass sie in einiger Entfernung ins Wasser abtauchte. Er folgte Rhos Blick, während er sich zu den anderen an den Hitzestein setzte. Gleich bekam er von Tsusu einen Becher Tee gereicht, was ihn lächeln ließ.

"Ich glaube nicht, dass es funktioniert", sagte er schließlich, nachdem er versucht hatte, sich eine Konstruktion mit den Schalen vorzustellen. "Wie willst du sie verbinden? Es gibt kaum genug Pflanzen hier, die wir als Seil nutzen könnten. Und selbst wenn du genügend von oben herabbringst, würden sie unter den Füßen wegrutschen oder genug schwanken, dass wir eher ins Wasser fallen, als das Gleichgewicht zu halten." Er grinste. "Erinnerst du dich an den langbeinigen Vogel, der im Tümpel im Palastgarten auf einem der Blumenschiffchen hat landen wollen? So würden wir wahrscheinlich enden, nur dass wir keine Flügel haben, mit denen wir uns fangen können." Das empörte Gezeter hallte ihm noch jetzt in den Ohren.

Dann verschwand sein Grinsen, als das Bild eine andere Idee in ihm weckte. Er sah zu Rho hin, der seinen Blick mit leuchtenden Augen erwiderte. Offensichtlich hatte sein Freund den gleichen Einfall gehabt. "Meinst du... es könnte gehen?"

Rho trat auf einige noch am Rand ihrer kleinen Insel angeschwemmte Schalen zu. Eine war groß genug für zwei von ihnen. Oben in den Kronen waren sie das Material, aus dem fast alle Möbel hergestellt wurden.

"Vielleicht trägt so eine Schale ja sogar einen von uns." Er kletterte hinein und nahm seinen Stock auf. "Gib mir mal einen Schubs, ich versuche mal ein wenig voranzukommen."

Die Angelegenheit war schwankend wie auf den zarten Ästen weit oben in der Krone, und Rho hatte Mühe, seine Lage zu halten, doch mit etwas Übung konnte er mit Hilfe des Stocks ein wenig von der Insel fort.

Tsusu starrte auf die schwimmende Nussschale, er presste beide Hände vor seinen Mund und biss vor Aufregung in die Finger. Rho winkte ihnen einmal, dann glomm seine Spinnwebkugel dämmrig auf, und er bewegte sich taumelnd auf die nächsten Wurzeln zu.

Nach einer geraumen Zeit kehrte er erst wieder um und kam zu ihnen zurück. "Es gibt etliche Inseln. Dort drüben scheint das Herz eines Baumes zu liegen, die Wurzeln sind mächtiger als hier. Wollen wir versuchen, mit den Schalen als schwimmende Brücken ein wenig weiter zu gehen? Vielleicht könnten wir uns mit Stücken von anderen Schalen voran bringen."

"Wir haben nicht viel Wahl", meinte Shen beinahe vergnügt, weil die Idee funktionierte. Es war auf jeden Fall besser als die glitschigen Wurzeln, die sie nirgendwohin brachten. Die Schalen hingegen waren frei zu lenken; sie wären nicht auf feste Wege angewiesen.

Yami hatte protestieren wollen, das schwarze Wasser machte ihm Angst. Er hatte kaum hinsehen können, während Rho in der schwankenden Schale saß. Was, wenn von unten irgendein Monster kam? Man sah es nicht herannahen, und sie würden nicht mal kämpfen können. Sein Bauch begann zu schmerzen, aber nicht einmal Tsusu schien übermäßig besorgt zu sein. Deswegen sagte er nichts, als sie zu dem provisorischen Lager zurückgingen, um ihr Gepäck neu zu verteilen.

Tsusu war aufgeregt, weil der Versuch so gut funktioniert hatte. Er würde sich mit Shen eine Schale teilen und freute sich darauf. Seine Furcht vor dem Wasser und dem, was vielleicht in der Tiefe lebte, verschwamm vor der Hoffnung, dass sie ihr Ziel auf diese Art erreichen konnten. Er war durchgefroren, aber half Shen, zwei große Löffel zur Fortbewegung aus zerbrochenen Schalen herzustellen.

Endlich krabbelte er in das schwankende Gefährt, kniete sich auf seine Schlafdecke und den Umhang und hielt sich am Rand fest, als Shen der Schale einen herzhaften Schubs gab.

Sie fuhren in Richtung der dickeren Wurzeln und immer weiter auf die Mitte des Baumes zu. Tsusu hörte Rho hinter ihnen reden, über die Bedeutung der Schriftzeichen im Turm und über die Möglichkeit, aus ihnen die Hilfe für die Bäume zu bekommen.

Endlich erreichten sie die nächsten Wurzeln, ein Gewirr aus Wasserwegen zwischen dicken Stämmen tat sich vor ihnen auf. Tsusu sah Rhos Lichtschimmer zwischen den Wurzeln verschwinden, dann wieder auftauchen.

Tsusu leuchtete ebenfalls in Richtung eines Weges, aber er sah schon, dass die Wurzeln sich zusammenschlossen und nirgends eine Möglichkeit zum weiteren Fortkommen geboten wurde.

"Hier geht es nicht weiter!"

Shen zog unwillkürlich den Kopf ein, als Rhos laute Stimme zu ihnen herüberdrang und die Stille durchbrach, die bis auf das Tropfen von Wasser und das Plätschern ihrer Steuerlöffel vollkommen schien. Hastig sah er sich um. Sie sollten nicht so einen Lärm machen. Es würde jedes Lebewesen in weitem Umkreis anziehen, und die wenigsten waren ihnen freundlich gesinnt, da war er sich sicher.

Unbeholfen wendete er das ungelenke Gefährt und paddelte zurück aus dem Wurzelkanal, um wieder mit Rho und Yami zusammenzutreffen. Yami sah nicht glücklich aus. Die Hand, mit der er die Lichtkugel hielt, zitterte leicht; mit der anderen klammerte er sich so fest an den Rand der Schale, dass die Fingerkuppen hell wurden.

"Wir sollten es hier herum versuchen", sagte Shen leise und wies in die Richtung, die näher zu Rho und Yami lag. "Es sieht aus, als würden die Wurzeln dort flacher ragen, so dass wir vielleicht raufklettern können, um einen Überblick zu bekommen."

Yami hörte kaum zu, aber er nickte dennoch. Alles, was ihn aus dieser Nussschale brachte, war gut. Das Schwanken des kleinen Gefährts war anders als das der Äste im Wind, und es machte, dass ihm schlecht wurde. Außerdem bildete er sich beständig ein, Schatten im Wasser huschen zu sehen, große Schatten, bedrohliche Schatten, die sie nur noch nicht entdeckt hatten, was ihr einziges Glück war. Er fürchtete sich zu Tode, und er schämte sich dafür, aber er konnte es nicht ändern. Alles, was er wollte, war aus der Schale zu kommen.

Am Rande des Lichtkreises, den die Spinnwebkugeln warfen, kräuselte sich das Wasser erneut, und Yami zuckte zusammen. Dieses Mal verschwand es nicht. Etwas Glänzendes hob sich über die Oberfläche empor, wie der Rücken einer Schlange mit einem langgestreckten Hautflügel. Es tauchte ab und zeigte sich erneut, näher dieses Mal, sehr viel näher.

"Rho", wimmerte er, auch wenn er schreien wollte.

Tsusu hatte aufgeschrien, bevor er es geschafft hatte, die Finger vor den Mund zu pressen. Er ließ die Spinnwebkugel vor Schreck in seinen Schoß fallen, wo sie erlosch.

Eisiger Schreck durchzuckte Shen. Mit fliegenden Fingern griff er nach seinem Bogen und legte einen Pfeil an. Er wollte zielen, doch es war nichts mehr zu sehen. Dann entdeckte er im Licht von Yamis Kugel den Schimmer heller Schuppen direkt unter ihnen. Nur einen Wimpernschlag später erschütterte ein Stoß die Boote. Er hörte Yami gellend aufschreien, sah ein Wesen wie aus einem Alptraum emportauchen, mit Stacheln an einem gigantischen Kopf und einem riesenhaften Maul.

Ein neuer Stoß ließ ihre Schale schwanken. Shen verlor den Halt und ließ den Bogen los. Er spürte, wie er fiel, griff verzweifelt ins Leere, dann umfing ihn das kalte Wasser.


© by Jainoh & Pandorah