Die Alten Geister

20.

Rho sah sich zu seinem Freund um und erschrak. Hinter ihrer Schale war das Wasser schon von einer feinen hellen Schicht Schaumbläschen bedeckt, als würde etwas die Oberfläche aufschlagen. Ein Gefühl wie eisige Nadelstiche durchfuhr gleich darauf seine Hand und er zuckte zurück, fiel fast ins Wasser.

"Yami, geh runter!" Rho schlug seinen Umhang zurück, um den Heiler damit zu bedecken und so besser schützen zu können.

Etwas traf Yami, glitt direkt durch seine Brust und ließ ihn um Luft ringen. Seine Hände lösten sich von der Schale, und er fiel nach hinten ins Boot. Ätzende Säure fraß sich durch ihn hindurch und ließ ihn vor Schmerz aufschreien. Er krümmte sich zusammen, und ohne nachzudenken, versank er in seiner Kraft.

Es war Gift, das durch seine Adern strömte, das gleiche, das die Kronen verfallen ließ. Und während er sich heilte, sah er sie. Wütend tobten sie um die Schalen, griffen an, versprühten ihren Hass wie Eisregen, vergifteten, saugten aus. Hände griffen nach ihnen, durchfuhren sie, nahmen das Leben davon. Etwas kam auf ihn zu, er wollte es nicht sehen, wollte es nicht fühlen, wollte nicht... Eiseskälte ließ ihn erbeben.

"Rho... Rho, es sind die Geister!" Er versuchte sich aufzurappeln, um zu ihm zu gelangen, er wollte ihm helfen. Er erwischte einen Knöchel, schloss die Hand darum und hüllte Rho in seine Kraft, kämpfte gegen Kälte und Gift an, während das Tosen der Geister um sie herum zunahm.

Rho kniff die Augen zusammen, er spürte, dass ihm kälter wurde, dass ihn sein Mut und seine Kraft verließen, als ihm gleich darauf Yamis Berührung einen warmen Schutz verlieh. Yami kämpfte gegen diese Geister an und er konnte sie sehen oder spüren.

Durch das Brodeln des Wassers und das Zischen der Geister hörte Yami Tsusus Stimme. Es war mehr ein Gefühl als wirklich ein Laut, der seine Ohren erreichte, aber es schnitt tief in sein Herz. Er wusste, sie taten ihm weh, mehr noch als Rho und ihm, weil sie beide von seiner Kraft geschützt waren.

"Hört auf!", rief er, ohne zu glauben, dass es etwas nutzte. "Hört auf, lasst ihn in Frieden!"

Die Kälte nahm zu, ebenso wie das Beißen des Giftes. Yami wusste, dass er nicht ewig standhalten konnte, aber wenn er nachließ, würden sie sterben. Vielleicht starben Tsusu und Shen schon jetzt! Wenige Schritte von ihnen entfernt und doch so weit, als würden Kronen zwischen ihnen liegen. Er atmete tief ein und entließ mit dem Ausatmen die Spannung aus seinem Körper, so wie es ihm vor vielen Jahren gezeigt worden war, um sich besser konzentrieren zu können. Um mehr seiner Kraft zu nutzen.

'Sing, Sonnenschein. Sing für mich', dachte er und fast erwartete er, Tsusus klare Stimme zu hören, wie sie das Lied des Heilens für ihn sang. Die vertrauten Töne blieben aus, doch die Übung half noch immer. Mit dem zweiten Atemzug sank er in seine Mitte, der Schmerz verblasste, als sei er nicht mehr wichtig, und aus seinem Inneren schöpfte Yami Kraft.

Um sie standen die Geister, als sei Wasser fester Boden; sie waren kalt und zornig, doch nicht weit von ihrer Schale entfernt konnte er Tsusu und Shen spüren, zwei zusammengekrümmte Körper, der größere um den kleineren gelegt. Für einen Wimpernschlag verspürte er Dankbarkeit, dass Shen versuchte, Tsusu zu schützen. Doch es würde nicht reichen.

Yami versuchte, was er noch nie versucht hatte. Er streckte die Kraft nach ihnen aus, ohne sie körperlich zu berühren... und erreichte Tsusu. Es war nur schwach, kaum nennenswert, doch es schien, als könnten die Geister ihre Verbindung sehen und wussten, wo sie herkam. Tote Augen starrten ihn blicklos an, furchterfüllt machte er sich auf einen neuen Angriff gefasst.

Ein Wispern, ein heiseres Raunen wie Blätterrascheln wogte durch die Menge, dann drifteten sie davon.

Reglos blieb Yami liegen. Er wusste nicht, was sie vertrieben hatte, aber er konnte fühlen, dass sie nicht weit waren. Vielleicht gerade nur aus dem Bereich, in dem er sie sehen konnte, um einen neuen Angriff zu planen.

Rho brach zusammen und spürte, dass die Geister ihn lange nach den Angriffen noch immer verletzen konnten. Das Wasser um sie her lag wieder ruhig da, die Schmerzen verebbten jedoch nicht, sondern pochten dumpf durch seinen Körper, wurden mit seinem Herzschlag überall verteilt. "Yami, ist es Gift?" Seine Stimme war nur ein raues Flüstern und er hustete einmal, bevor er mit lauterer Stimme noch einmal fragte.

Erschrocken rappelte sich Yami auf, was die Schale zum Schwanken brachte. Rho klang schwach und krank, und er sah blasser aus, als Yami erwartet hatte, grau beinahe. Er streifte den Umhang von sich Rhos Umhang um mehr Bewegungsfreiheit zu haben und rutschte vorsichtig etwas näher.

"Hab keine Angst", sagte er leise, als er die Hände über Rhos legte. Sie waren eisig. Das Gefühl, das ihn empfing, war ihm jedoch vertraut. Er hatte es ebenso in den Kronen gespürt wie auch nur Momente vorher bei der Attacke der Geister. "Ja, es ist Gift. Ihr Gift."

Behutsam tastete er nach der Herkunft, aber fand keinen Anfang. Es war, als hätten sie es in allen Zellen zugleich verteilt. Von den Händen ausgehend fing Yami an, ihn zu heilen, das Gift aufzulösen und das, was es angerichtet hatte, wieder in den Ursprungszustand zurückzusetzen. Jetzt, wo die Geister nicht mehr angriffen, war es nicht allzu schwer.

"Geht es wieder?", fragte er schließlich und streichelte einmal mit den Daumen über die kräftigen Hände. Sie mussten zu Tsusu und Shen, aber erst musste er sich davon überzeugen, dass mit Rho alles in Ordnung war.

Die warme Kraft, von der ihm Yami so verschwenderisch, wie es ihm schien, geschenkt hatte, erfüllte Rho und er lächelte. "Das war wunderbar. Mit dir als Heiler ziehe ich nur noch in die gefährlichsten Schlachten. Ich fühle mich großartig, Yami. Danke!"

Und Rho setzte diese neue Kraft zuerst in eine Umarmung für Yami um, dann brachte er ihre Nussschale mit kräftigen Ruderschlägen zu der anderen hinüber, damit der Heiler nach Shen und dem kleinen Sänger sehen konnte.

 

Shen fühlte sich, als habe man Spinnengift durch seine Adern gespült, er war schwach, sein Körper brannte, aber immerhin lebte er. Auch der zierliche Mann in seinen Armen atmete, und das erfüllte ihn mit mehr Erleichterung, als er beschreiben konnte. Mühsam richtete er sich kurz auf, warf im Licht der Spinnwebkugel einen Blick herum, aber konnte keine Gefahr mehr erkennen. Nur das Schalenboot von Rho und Yami schaukelte leicht auf dem glatten Wasser.

Mit einem unterdrückten Ächzen ließ er sich zurücksinken und streichelte über Tsusus Haar. "Sie sind weg, Feuervogel. Wie geht es dir?"

Tsusu hatte die Augen noch nicht gewagt zu öffnen, doch Shens raue Stimme, der erleichterte und zugleich sanfte Klang, machte ihm Mut. Er atmete einige Male durch, dann bewegte er vorsichtig seine Finger und schlug die Augen auf. Er lebte und er hatte kaum Schmerzen von der grauenhaften Attacke der Geister zurück behalten. Leise flüsterte er: "Ganz gut. Wie geht es dir, Shen?"

"Gut", antwortete Shen, auch wenn es nicht die ganze Wahrheit war. "Ich bin froh, dass es dir gut geht." Er umarmte Tsusu kurz und drückte einen Kuss auf die Feuerhaare, dann setzte er sich jedoch steif wieder auf. Sie mussten nach ihren Freunden schauen, auch wenn das leise Murmeln von Stimmen ihm sagte, dass sie beide zumindest lebten.

Als er sich aufrichtete, sah er bereits Rho, der energisch, als habe es keinen Angriff gegeben, zu ihnen paddelte. Vor ihm saß Yami, das hübsche Gesicht voller Sorge. Shen atmete auf und hielt Tsusu die Hand hin, um seinem kleinen Schatz aufzuhelfen."Wir leben noch."

Ein kleines, erleichtertes Lächeln huschte über Yamis Züge, dann drehte er sich zu Rho. "Lass uns irgendwo anlanden, ich will sie untersuchen und heilen."

Mit bewundernden Blicken verfolgte Tsusu, wie die anderen die kleinen Schalen bewegten, ihre Ausrüstung schließlich auf eine Insel brachten und wie Rho bereits begann, ein schützendes Lager zu errichten, während Yami seine Finger über Shen tasten ließ und begann, ihn zu heilen. Tsusu, das hatte Yami gesehen, brauchte keine weitere Heilung und es war Tsusu auch lieb. Seinen ehemaligen Geliebten wieder so tief zu spüren, würde seinem Körper sicherlich gut tun, aber es würde ihn zugleich auf andere Weise schmerzen.

Rho spannte Tsusu endlich ein, damit sie das durch Nussschalen zum Wasser hin wehrhaft gestaltete Lager auch halbwegs gemütlich einrichten konnten. Mit ihren Decken und Mänteln sowie den Hitzesteinen schaffte Tsusu es tatsächlich rasch, wenigstens zwei halbwegs erträgliche Schlaflager zu erstellen. Er sang leise dabei, ein Lied in der alten Sprache, das Rhos aufgewühltes Gemüt beruhigte und das Yami beim Heilen zu unterstützen schien. Danach kümmerte sich Tsusu zurückhaltend mit einem Tee und weichen Worten des Dankes um Yami.

Rho ließ sich bei Shen nieder und reichte ihm auch einen Teebecher, wartete ab, bis der Stille sich von dem Gefühl des Heilens erholt hatte. Endlich fragte er: "Was meinst du? Gibt es eine Möglichkeit, sie zu besiegen, Shen?"

Shen senkte den Kopf, um Rho seine Angst nicht sehen zu lassen, und sah in den halbleeren Teebecher. Die schreckliche Kälte in ihm hatte dank Yami ebenso nachgelassen wie das eisige Brennen des Gifts, doch er konnte noch ihren Nachhall spüren. Ihm war bewusst, wie knapp sie dem Tod entronnen waren und wie wenig sie dem hatten entgegensetzen können.

"Es muss eine geben", sagte er nach einer langen Zeit, in der er einfach geschwiegen hatte, und sah schließlich wieder auf. Rho wirkte so ruhig und zuversichtlich wie immer, und das gab ihm Kraft. "Die Legenden erzählen von ihnen; du hast die Schrift der Alten gefunden, die auf den Kampf gegen sie hinweisen. Nur was berührt Wesen, die nicht berührbar sind? Wir fassen sie an und erfrieren. Sie weichen nicht. Ich denke nicht, dass unsere Waffen einen Unterschied machen."

Rho kniff die Augen zusammen und blickte forschend über das Wasser. "Yamis Heilkraft hat sie irgendwie vertreiben können. Jedenfalls hatte ich den Eindruck, als würden sie ihn nicht berühren. Er hat auch nichts von Schmerzen oder dergleichen berichtet." Nachdenklich blickte Rho zu dem Heilprinzen hinüber, der mit seinen zarten, eleganten Fingern einen Teebecher hielt. Sein weißes Haar leuchtete unter der dunklen Haube hervor. In seiner Nähe saß der kleine Tsusu und sang noch immer verhalten. Energisch ballte Rho eine Hand zur Faust. "Wir müssen es versuchen."

"Wir versuchen es", bekräftigte Shen mit einem knappen Nicken. Es gab keinen anderen Weg, wenn sie ihre Heimat retten wollten, und Rhos Entschlossenheit bewirkte, dass es möglich schien. "Ich bin froh, mit dir hier zu sein, mein Freund."

Aber wie konnte man Geister besiegen? Der einzige, der sie berühren konnte, war nach Rhos Beobachtung Yami. Aber wie konnte ein Heiler eine Waffe werden? "Weißt du, ob Yami seine Kraft einsetzen kann, um nicht zu heilen, sondern um zu kämpfen?", fragte er gedämpft.

Rho hob überlegend den Kopf. In der Sternkrone gab es reichlich niedere Heiler mit sehr geringen Fähigkeiten, die sowohl Schmerzen lindern konnten als auch austeilen. Die sowohl Gifte erkennen konnten, als auch viel über Gift wussten. Aber das lag an der Art, in der die Sternkrone sie ausbildete. "Yami hat eine derartige Macht in der Heilkunst, niemand sonst, den ich kenne, vermag daran zu reichen. Wenn er diese Macht auch gegensinnig anwenden könnte, dann wäre er ein Gegner, den man sehr fürchten muss." Mit schweren Gliedern erhob Rho sich von seinem Sitzplatz und schob das Messer in sein Futter. "Ich frage ihn. Kümmere dich doch um den kleinen Sänger, Shen."

Shen nickte leicht. Yami hatte seinen Feuervogel nicht geheilt, er wollte sich vergewissern, dass es ihm gut ging. Er stellte den Becher beiseite und erhob sich ein wenig steif. Die Begegnung mit den Geistern hallte noch immer in ihm nach.

Einen Moment lang blieb er stehen und sah zu Tsusu hin, der wie ein helles Flämmchen in der ewigen Dunkelheit wirkte. So wunderschön und zart, dass es Shen eng in der Brust wurde. Wie sehr wünschte er, sie wären schon wieder oben im Licht! Tsusu war schon nicht für die Stille und das Schimmern geschaffen, erst recht nicht für die ewige Nacht. Und doch konnte er nicht anders als froh zu sein, dass dieser Mann bei ihm war.

Lautlos trat er zu ihm hin und setzte sich neben ihn. Sanft berührte er den Zopf, dem schon wieder zahlreiche Strähnen entflohen waren und das schöne Gesicht umspielten. "Wie fühlst du dich?", fragte er leise. "Geht es dir gut?"

Tsusu blickte kurz zu Yami hinüber, dann zu Shen zurück. Er lächelte leicht, dann schüttelte er jedoch den Kopf. "Es ist kalt und dunkel und ich fürchte mich." Er hielt den Blick aus Shens ernsten Augen fest. "Und doch... ich sehe, dass es dir gut geht nach dem Angriff, darüber bin ich froh... so froh."

Er spürte, dass er nervös wurde von seinem Wagemut. Aber der fürchterliche Kampf hatte es ihm gezeigt. Er liebte Shen, er wollte bei ihm sein. Er sehnte die Sicherheit im Licht nicht für sich allein herbei, nur wenn er sie gemeinsam mit diesem Stillen erreichen würde, dann wollte er sie auch genießen. Hastig senkte er den Kopf und beschäftigte seine nervösen Finger mit dem Teetopf.

Shen spürte die Wärme und das Licht, die von diesem Mann für ihn ausgingen, körperlich. Ihm war, als hätte die Sonne einen Strahl bis zum Grund zwischen den Bäumen hinab geschickt. Geduldig wartete er, bis Tsusu den Tee inspiziert und umgerührt, die Hitze des Heizsteins einmal und gleich noch einmal reguliert hatte. Erst, als er sich wieder zurück in eine kniende Position auf die Fersen sinken ließ, nahm Shen eine der kleinen Hände in seine. Er zog sie für einen sanften Kuss an die Lippen, dann begann er, sie zu streicheln, während er nach Tsusus Blick suchte.

"Ich bin auch froh. Über dich. Dass du bei mir bist, auch wenn ich dich lieber sicher im Licht wüsste. Wir werden zurückkommen, Feuervogel, und ich werde alles tun, um dich zu beschützen, sowohl hier wie dort."

Tsusu seufzte leise und begegnete erneut dem ernsthaften Blick seines Stillen. "Ich freue mich darauf, Shen."

Er hatte noch etwas sagen wollen, doch in diesem Moment sah er aus dem Augenwinkel, wie Yami abrupt den Kopf hob und über das Wasser sah. Sofort erfasste ein kühler Schauer der Angst Tsusu und er umschlang seinen dünnen Körper mit den Armen.

Yami schloss die Augen, sie sahen nur das Wasser, bis es von der Schwärze aufgesogen wurde. Einen Moment war es einfach nur dunkel, dann tauchten sie auf. Einer nach dem anderen, hochgewachsene Gestalten mit kräftigen Körpern, die Speere schüttelten. Hassverzerrte Gesichter, wütende Augen.

Mit einem Aufkeuchen riss er die Augen wieder auf und starrte auf das Wasser, das Schaum zu bilden begann, dann griff er nach Rhos Arm und sah ihn voller Angst an. "Sie kommen! Sie kommen zurück!"

Shen sprang auf und umfing Tsusus schmale Schultern, um auch ihn auf die Beine zu ziehen und zu Yami zu schieben. Der Heilerprinz war der einzige, der Schutz versprach, und er wollte seinen Feuervogel so sicher wie möglich wissen. Die Geste war ebenso gewohnt im Angesicht von Gefahr wie hilflos, als er seinen Dolch zog und sich schützend vor die beiden stellte.

Tsusu spürte die ersten Angriffe, bevor er es erwartet hatte. Sie rissen an ihm, durchfuhren ihn mit eisig giftigem Brennen. Die Nähe zu seinem Prinzen, in die Shen ihn förmlich gestoßen hatte, half nur wenig. Mit Tränen in den Augen brach er zusammen und kroch in eine der Nussschalen zurück, um ihnen auszuweichen. Das schien ein wenig zu helfen. Mit tränenden Augen blickte er zu Yami zurück, der in geringer Entfernung kauerte, aber nicht mit den Schmerzen zu kämpfen schien, dann sah er zu Rho und Shen.

Die beiden hatten sich vor sie gestellt, auch wenn Geister sie doch sicherlich durchdringen konnten und man sah seinem Shen an, dass er angegriffen wurde. Der Stille rief dem Heiler etwas zu, das Tsusu nicht hören konnte, aber Yami nickte und ging mit kleinen Schritten rückwärts. Und noch etwas sah Tsusu. Shen brachte die Angriffe von ihnen fort, er ging sogar bis in das eisige Wasser, um die Geister auf sich aufmerksam zu machen, während Yami in seine Nähe zurück wich.

Die warme Heilkraft umgab Tsusu gleich darauf und nahm den brennenden Schmerz. Voller Angst und zugleich Dankbarkeit schloss Tsusu die Augen, riss sie dann wieder auf, um den Kampf anzusehen, doch dann hastig erneut fort zu sehen, weil Shen von einer Attacke förmlich umgerissen wurde.

Rho kauerte sich zusammen, um geschützt zu sein. Es sah so aussichtslos aus, wie er es noch in keinem Kampf gesehen hatte. Yamis Kraft konnte die Geister bremsen, aber nicht beruhigen, im Gegenteil schienen ihre Attacken sich mehr und mehr zu häufen. Rho konnte nicht sehen, was sie taten, konnte aus der Richtung, aus der ihn die brennenden Stiche und Schnitte ereilten, nur vermuten, dass die Geister die Bäume nicht wirklich berührten, nur das Wasser nutzten.

"Yami! Bleib fort vom Wasser! Sie scheinen sich nur im Wasser zu bewegen!", rief er gerade, als er aus dem Augenwinkel Shen bemerkte, der sogar einen Schritt in das Wasser hinein tat. "Shen! Zurück!"

Shen hörte die Stimme seines Freundes nur durch einen Nebel aus Schmerz. Das eisige Brennen des Gifts pulsierte in seinen Adern, raubte ihm jede Kraft. Schwerfällig versuchte er einen Angriff ins Nichts, in die Leere über dem brodelnden Schäumen des Wassers; schwach spürte er, wie die Kälte zunahm. Wenn das Wasser wirklich der Schlüssel war, wenn sie sich nur dort bewegten, wie Rho rief, war es eine Chance.

Er taumelte einen Schritt zurück, spürte grausame Pfeile, die ihn durchbohrten und sank auf die Knie. Zu nah am Wasser. Aber vielleicht eine Chance für die anderen. Yami würde die Kronen heilen, und Rho würde ihn und Tsusu zurück ins Licht bringen. Wenn sich die Geister auf ihn konzentrierten, ... er konnte nicht mehr klar denken. Mühsam zog er sich noch ein Stück weiter empor, dann verließ ihn alle Kraft. Sein letzter Blick galt Tsusu, der mit aufgerissenen Augen und tränenüberströmtem Gesicht zu ihm hinsah.

'Ich wünschte, wir hätten ein Leben teilen können, Feuervogel', dachte er. Ein letzter Gedanke streifte Rho, das Bedauern, nie wieder mit ihm jagen zu können, Zeit mit ihm zu verbringen, reden, lachen. Dann verlor er das Bewusstsein.


© by Jainoh & Pandorah