Die Alten Geister

21.

Das Leben in der lichten Stadt der Finsternis war für die Toten. Die Geister der Uralten lebten hier in ihrem Traum von der alten Pracht der Häuser aus Stein. Nuoh wusste nicht mehr, wie lang er schon in dieser Pracht unter ihnen gelebt hatte, als sich der tägliche, unendliche Reigen aus friedlicher Stille zu ändern begann. Immer mehr wütende Geister tauchten auf und weckten andere aus dem Traum. Sie konnten die schönen Häuser nicht mehr sehen, ihre Freude und den Frieden nicht mehr spüren, so verwirrt und ruhelos begannen sie in der Umgebung umher zu streifen.

Auch Nuoh war geweckt worden und stellte fest, dass er keiner von ihnen war. Er sah fast so aus wie sie. Hochgewachsen, mit ernstem Gesicht und dunklem Haar. Aber doch war er anders. Als er sich in der finsteren Welt umsah, in der er sich nach seinem Erwachen befand, sah er Wasser und die Stämme der uralten Bäume. Und er erinnerte sich. Mit der Erinnerung kam die Trauer, nicht die Wut, so dass er sich am Vergiften der Bäume nicht beteiligte, sondern von ihnen zurück zog.

Doch als die Kunde von Gegnern unter den Geistern geflüstert wurde, als mehr und mehr erwachten, um diese Wesen zu bekämpfen, die ihretwegen gekommen waren, die diese schrecklichen Bäume schützen wollten, da machte auch Nuoh sich auf, um sie sich anzusehen. Und er erblickte einen Teil seines alten Lebens, als er zu der kleinen Insel kam, auf der die Lebenden sich gegen das Gift zu wehren versuchten.

'Shen!' Nuoh stürzte auf den großen Mann zu, den er einst so sehr geliebt hatte, dass er sich für ihn mit seinen Eltern überworfen hatte. Er kam zu spät, in dem Augenblick, in dem er vor Shen auftauchte, sank dieser sterbend in das Wasser. Nuoh vertrieb die Geister, gebot ihnen, die Seinen nicht mehr anzugreifen und sie gehorchten.

Vielleicht war es wegen ihm, vielleicht auch nur, weil sie zusehen wollten, wie Shen einer von ihnen wurde. Als Nuoh sah, dass ein Heiler sich um seinen Geliebten zu bemühen begann, bat er für diese heilige Zeremonie um Ruhe und die Uralten nickten leicht und zogen sich in die Stadt zurück.

Als Nuoh sah, dass Shens Geist sich aus seinem Körper befreite, reichte er ihm eine Hand herunter und bat ihn: 'Komm, komm ruhig mit mir, Geliebter.' So sehr freute er sich, seine Liebe wieder zu sehen.

Shens Augen weiteten sich, als er den Mann erblickte, von dem er gedacht hatte, ihm nie wieder begegnen zu dürfen.

'Nuoh', flüsterte er. Sein ehemaliger Geliebter sah genauso aus, wie er ihn in Erinnerung hatte keinen Tag war das weiche, schmale Gesicht gealtert, noch immer von dunkelgrauem Haar umrahmt, das zu einem langen Zopf gefasst war. Die Haut war noch immer so hell, dass die dunkelgrauen Augen fast schwarz wirkten, der Körper noch genauso schlank und agil wie damals.

Shens Herz schmerzte, als er Nuohs schmale, warme Finger ergriff und aufstand. Nuoh lebte? Wie konnte das sein? Wie konnte es sein, dass er nie zurückgekehrt war? Shen warf einen Blick zurück auf seine Gefährten, vielleicht um zu erklären, vielleicht, um zu verstehen... zu Tsusu hin, der mit aufgerissenen Augen auf einen Fleck zu Shens Füßen starrte, zu Rho, dessen Mund zu einem erschrockenen Ruf geöffnet war. Zu Yami, der mit dem Blick zu Shens Füßen aufzuspringen schien und zu ihm stürzen wollte, wie in zähflüssiger Zeit gefangen.

Shens Augen folgten dem Blick der Lichten und sah sich. Zusammengekrümmt halb im Wasser liegend, das Gesicht vor Schmerz verzerrt und dennoch leblos.

'Ich... sterbe?', fragte er und sah endlich wieder zu Nuoh hin, dessen Gesicht vor Freude zu leuchten schien. 'Bist du tot?'

Die Geister der Uralten um sie her betrachteten die Szene noch einmal kurz, dann verschwanden sie in ihre Traumwelt zurück. Nuoh sah einigen von ihnen nach, aber näherte sich seinem ehemaligen Geliebten, der zu seinem alten Körper blickte.

'Die anderen nennen es den Traum. Das Leben ohne Leid.' Nuoh umfing Shen mit einer festen Umarmung. Seinen kräftigen Körper erneut fühlen zu können und wieder spüren zu können, wie gut sie zueinander passten, wie unrecht die Stillen, sein Meister, seine Eltern und alle im Dorf gehabt hatten, war für Nuoh wie ein Erwachen. 'Fühle ich mich tot an?'

'Nein. Du bist warm und lebendig.' Shen lächelte für einen Wimpernschlag und erwiderte die Umarmung kurz, weil Tsusu sie nicht sehen konnte. Er wollte seinen Feuervogel nicht verletzen.

Doch Nuoh fühlte sich wirklich nicht an wie ein Geist, wie ein Toter. Er lebte auf eine Art, er war hier. Der Mann, der sein ganzes Leben verändert hatte, war wieder bei ihm. Es war anders als damals, nicht die heimliche, verzehrende Leidenschaft, die sie geteilt hatten, sondern weich und vertraut auf eine nostalgische Weise. Es fühlte sich an wie eine Chance, auf die er keine Hoffnung mehr hatte haben können.

Die anderen Lebenden waren keine Stillen. Neugierig blickte Nuoh zu ihnen hinüber, beobachtete, wie sie Shen entkleideten, einen Tee aus Heilkräutern bereiteten. Ein wunderschöner junger Heiler legte seine Hände auf Shens Brust und entzog ihm mit konzentriertem Blick die Kälte der Geister.

Nuoh blickte Shen in das ernsthafte Gesicht. 'Bist du in das Licht gegangen, Shen?'

Shen nickte leicht. 'Ich bin dir in die Dunkelheit gefolgt, um dich zu finden. Bei meiner Rückkehr gab es ohne dich nichts mehr für mich in unserem Dorf. Auch keine Zukunft.' Nicht, wo alle wussten, dass er einen Mann geliebt hatte; nicht, wo alles ihn an Nuoh erinnert hatte. 'Mein Vater hat mich nach meiner Genesung mit ins Licht genommen. Ich habe ein neues Leben gefunden. Was hast du hier gemacht?'

Nuoh umfing Shens Hand. 'Ich habe gelebt. Die Geister träumen sich ihr Leben hier, komm, schau es dir an, ich führe dich.'

Zögernd sah Shen zurück zu seinen Freunden; Tsusu weinte, und er wollte nichts mehr, als zu ihm gehen, ihn in den Arm nehmen und trösten, ihm versichern, dass alles gut werden würde. Gleichzeitig schienen die drei, die dort um sein Leben bangten, in weite Ferne zu rücken, durchsichtig zu werden. Fast war es, als wären sie die Geister, nicht Nuoh und er.

'Ich komme zurück, ich will nur rasch schauen, dass Nuoh es gut hat', versprach er stumm, dann gab er dem Drängen seines Freundes nach.

Seinen Geliebten an der Hand haltend ließ Nuoh sich in den Traum hinab gleiten. Zuerst in das Wasser, in dem die Geister noch wach waren und die Wurzeln der Bäume angriffen. Aber Nuoh hielt nicht inne. Sie sanken unter das Wasser, und zugleich verschwand es mehr und mehr, machte Raum für einen lichten, blauen Himmel, frei von Ästen. Die Sonne wurde wärmer, deutlicher, und mit einem Mal sahen sie die Häuser.

Steine hatten die Häuser aufgebaut, sie hatten nicht in den Baum hinein geschmiegt werden müssen, sondern standen in einer weiten Ebene in einer Stadt zusammen. Gras wogte um die Stadtmauern, Tiere grasten hier, tranken von dem Wasser eines trägen Flusses. Tiere, die Nuoh auch erst kannte, seit er den Traum kannte. Sie hatten vier Beine, Hörner, liefen schnell und weit über die Ebene. In der Ferne, ganz weit fort konnte man die großen Bäume eben erkennen.

'Ist es nicht herrlich hier?' Nuoh drückte Shens Hand einmal fest, als sie in schnellem Gleitflug in den Traum eintauchten und zugleich in die Stadt. Um sie her tauchten die Geister wieder in ihrer Traumwelt auf, einige trafen auf wütende Geister, wurden aufgeschreckt und stiegen zum Teil auch auf, um zu den Wurzeln der Bäume zu gelangen.

Sie kamen vor einem kleinen Innenhof auf dem Boden an. Der Platz war aus glänzenden Steinen gepflastert, die hier und dort kleine Verzierungen trugen. Ein Brunnen in der Mitte war der Treffpunkt für einige der schlanken, hochgewachsenen Uralten. Schwatzend schöpften Frauen ihr Wasser, Kinder spielten lachend auf dem Platz mit ihren Bällen und Bändern.

Nuoh zog Shen an der Hand auf eines der Häuschen zu. Zwei Fenster und die Tür unten, darüber ein Geschoss mit drei Fensterchen. Ein Schild mit einem Vogel bewegte sich sacht an seinem Haken über der Tür.

'Das ist mein Haus. Ich wohne oben, unten im Erdgeschoss ist der Laden.' Nuoh lachte leise. 'Vogelfedern in jeder Art und Weise. Ich fertige Schmuck.'

Shen starrte mit geweiteten Augen auf die Wunder, die sich ihm darboten. Etwas Vergleichbares hatte er noch nie gesehen. Die weite Ebene, bis hin zum Horizont, ließ ihn schwindelig werden. Das gewundene Band an Wasser, das sie durchteilte, war vielleicht mit der Menge vergleichbar, die sie jetzt mit den Nussschalen überquert hatten, aber wirkte lebendiger und war von einem satten Blaugrün. Tiere derselben Art in so großer Anzahl auf einem Fleck gab es in seiner Welt nicht, vom Licht bis hinab in die Dunkelheit. Und diese unfassbare Menge an Stein übertraf alles, was er auf seinen Reisen je gesehen hatte.

'Schmuck', wiederholte er Nuohs letztes Wort; er sammelte seine Gedanken und konzentrierte seine Aufmerksamkeit auf seinen Freund, dann lächelte er. Nuoh sah hier so glücklich aus, wie er ihn selten gesehen hatte. 'Für Schmuck gibt es hier eine endlose Quelle an Möglichkeiten, scheint mir. Macht es dich glücklicher als die Jagd?'

Nuoh betrat den kleinen Laden und hielt Shen die Tür auf. Nachdenklich ließ er sich Zeit für die Antwort. 'Nein, die Jagd hat mich auf eine aufregende Art froh gemacht, aber das hier, es macht mich stolz. Die anderen Geister kommen zu mir, schmücken sich mit meinen Ideen und Kreationen. Es macht mich stolz.' Er hatte den letzten Satz mit einer Geste betont.

Genau als er zu Ende gesprochen hatte, kam sein Gehilfe und Freund aus dem Hinterzimmer. 'Oh, Shen. Darf ich dir meinen Gehilfen vorstellen? Ja, ich bin kein Lehrling mehr, ich habe selber einen Lehrling.' Der ernsthafte junge Stille nickte Shen einmal zu und zog sich sogleich wieder in das Hinterzimmer zurück. 'Gefällt dir mein Zuhause hier?'

Lächelnd sah Shen sich um. 'Es ist sehr schön', sagte er nach einem Moment und sah seinen ehemaligen Geliebten an. 'Ich bin froh, dass es dir hier so gut geht. Wenn das der Tod ist, der in der Dunkelheit wartet, ist es nichts, wovor man Angst haben müsste.'

Seine Gedanken glitten zu Tsusu, zu dem Mann, der wie eine Flamme seine eigene Dunkelheit erleuchten konnte. Der Tod war nichts, was man fürchten musste, aber ohne Tsusu wollte er nicht mehr sein. Die Erinnerung brachte eine Ahnung von Gesang mit sich, Shen spürte ein Ziehen, ein Sehnen, das ihn zurückholen wollte, und er wollte ihm nachgeben.

'Ich bin sehr dankbar, dass ich diese Gelegenheit habe, Nuoh', sagte er leise, 'dich noch einmal wiederzusehen, zu sehen, dass es dir gut geht... mich verabschieden zu können.' Er streckte die Hände aus und umfing Nuohs schlanken Finger. 'Ich fühle, dass ich gehen muss. Meine Freunde warten auf mich. Kannst du mich gehen lassen?'

Nuoh umfing Shens Hände und genoss es, noch einmal seine Wärme und Kraft zu spüren, doch der Druck der Finger, die ihn früher so sacht gestreichelt hatten, wurde weicher, undeutlicher. Am Ende fühlte sich die Berührung wie ein Nebel an, nicht mehr greifbar. Traurig lächelte er und nickte. 'Du musst gehen, Shen. Sie lassen dich noch nicht für immer träumen, ziehen dich nach oben zurück, nicht?'

Er wollte Shen umfangen, aber der Körper war nur noch ein leichter Schleier mit dem Abbild des ernsten Händlers. Als sich das Abbild allmählich auflöste und Nuoh seine Arme sinken ließ, weil es nichts mehr gab, das er umfangen könnte, spürte er die Wärme seines Lehrlings an seiner Seite. Stumm umarmten sie einander, und Nuoh fühlte sich leicht, erleichtert. Voller Freude konnte er sich nun, da er Abschied genommen hatte, seinem Traum zuwenden.

Um Shen herum wurde es dunkel; Nuoh, das Haus, die lichtüberflutete Ebene, alles verblasste. Wie leichten Sternenglanz konnte er noch die anderen Geister ausmachen, wie sie hinabsanken in die Dunkelheit, mit gelösten Gesichtern, als würden sie sich schlafen legen. Tsusus sanfte Stimme hüllte ihn ein, und bald war es das einzige, was er noch wahrnahm. Er konnte nichts fühlen, nichts riechen, nichts sehen; körperlos trieb er dahin, ohne Halt, ohne Richtung. Das einzige, was dem Nichts Struktur gab, war das leise Lied.

Shen wandte sich ihm zu, Sehnsucht füllte ihn. Er wollte dorthin zurück, wo Tsusu auf ihn wartete, ihn rief. Die Stimme wurde kräftiger, als er ihr näher kam, schien ein Feuer zu entfachen, das fern in der Dunkelheit für ihn leuchtete. Dort waren seine Freunde. Die kleine Flamme, strahlend und hell Tsusu. Mit einem Mal konnte er Wärme spüren, ein vertrautes Gefühl wie von sicherem Holz unter den Füßen, Kraft Rho. Dann tasteten sich helle Schlieren vor, durchdrangen die Dunkelheit, fingen ihn ein, und Shen fühlte, wie Yami nach ihm griff, ihn führte und leitete und...

Er keuchte auf, als sein Körper ihn wieder umfing. Seine Lider flatterten, für einen Atemzug konnte er sie alle sehen Rho, Tsusu, Yami. Dann holte ihn Schmerz ein und unendliche Müdigkeit. Sein Bewusstsein entglitt ihm erneut.

 

Rho kauerte sich auf eine etwas erhöhte Wurzel und starrte auf den Heiler hinunter, der sich wie eine Lichtfigur gegen den feuchten Boden der Insel abhob. Mit konzentriertem Blick hatte Yami schon seit einer gefühlten Ewigkeit die Hände auf Shens Brust und Stirn gelegt. Man sah seinem Körper an, dass die Ruhe ganz und gar nicht Ausruhen bedeutete, Yami stand gar der Schweiß fein auf der Stirn, sein Haar war ohnehin durch den ewiglich kalten Nebel hier unten durchfeuchtet.

Rho seufzte einmal und senkte den Blick erneut auf das Gesicht seines Freundes. Shen und er hatten schon so viel gemeinsam erlebt. Die Jagden und Erkundungen in der Stille oder auch im Licht, Abende mit Diskussionen über die Unterschiede zwischen Stille und Licht, über die Kultur der Stillen. Rho hatte von Shen schon so viel gelernt, mehr als von seinen langweiligen Lehrmeistern. Stumm bat er um mehr Zeit, bat er mit Blick auf Tsusus orange-roten Zopf und das tränennasse Gesicht auch um mehr Zeit für Shen, diesen kleinen Geliebten zu genießen. Der Stille hatte es sich verdient.

Und mit einem Mal wurde Rhos Bitten erhört. Shen kam hustend kurz zu sich, sein Körper zuckte auf, dann krümmte er sich wie unter Schmerzen zusammen, und mit einem leisen Stöhnen sank der Stille erneut zurück. Unsicher blickte Rho von Shens Körper zu Yamis Gesicht. Dort zeigte sich ein kleines Lächeln, und das war Antwort genug, der Heiler hatte es geschafft.

Der Kampf war beendet; Yami ließ sanft einen kleinen Strom seiner Kraft in Shen fließen, reinigte den Körper von den letzten Resten des Gifts, heilte kleinere Blessuren, die sich der Stille bei dem Sturz oder vielleicht schon vorher zugezogen haben mochte. Er wollte ihn so stark wie möglich zurücklassen. Selten hatte er so um einen Kranken oder Verletzten kämpfen müssen; es war, als hätte etwas versucht, die Heilung zu verhindern, und vielleicht war es das tatsächlich. Vielleicht hatten die Geister versucht, ihn zu stören, obwohl er sie nicht hatte wahrnehmen können, auch nicht versunken in seiner Kraft.

Vielleicht hatte er auch gegen sich kämpfen müssen, gegen die kleine Stimme, die ihm eingeflüstert hatte, dass Tsusu wieder frei wäre, würde der Stille gehen. Yami schämte sich dafür und hatte erst recht sein Bestes gegeben, aber dass der Gedanke gekommen war, war schlimm genug.

Die Lider des Stillen zuckten, dann öffneten sich die dunklen Augen. Yami verdrängte die unschönen Erinnerungen und lächelte.

"Wie fühlst du dich?", fragte er leise.

Shen dachte einen Moment über die Frage nach. 'Wie im Nebel verirrt' oder 'erschöpft' wären gute Antworten gewesen. Stattdessen nickte er einmal knapp und richtete sich auf. "Gut. Danke."

Er sah sich einmal um, obwohl er sicher war, dass die Geister weder hier waren, noch er sie würde sehen können, wären sie es. Dann glitt sein Blick zu seinem kleinen Geliebten, und sein Herz schnürte sich zusammen.

Tsusus Hände öffneten und schlossen sich einige Male, dann entspannte er die verkrampften Finger. Er hatte schlecht gesungen, das wusste er. Seine Sorge hatte ihn all die Gelöstheit gekostet, die es brauchte, um seine Stimme weit schicken zu können, um die Ruhe auszustrahlen, die notwendig war, um das Lied auch wirklich so zu singen, wie es gedacht war. Aber in dem Augenblick, in dem er das Lächeln auf Yamis Lippen sah und zugleich ein Nachlassen in der Spannung der schlanken Schultern, konnte auch er sich lösen.

Shens erster Blick galt ihm und das beschämte und freute ihn zu gleichen Teilen. Unbewusst an seinen Haaren zupfend lächelte er seinem Stillen kurz zu, dann kniete er sich zum Feuer, um den Heiltee in Becher zu geben. Er reichte Yami den Becher in die kühlen Finger und sah ihn an. "Mein Prinz? Darf Shen schon etwas trinken?"

"Natürlich, Tsusu. Ganz besonders etwas Warmes. Er braucht außerdem trockene Kleidung." Yami behielt das Lächeln bei, während er die Hände um den Becher schloss und für einen Atemzug die Wärme aufzusaugen versuchte. Dann erhob er sich mit steifen Gliedern und sah sich nach Rho um. Seine Hilfe war nicht weiter nötig, und Tsusu und Shen sollten einen Moment für sich haben.

Er hoffte, dass die Geister nicht zurückkamen, zumindest so lange nicht, bis er sich etwas erholt hatte. Was auch immer ihren Angriff unterbrochen hatte, war ihm nicht ersichtlich, aber in diesem Moment hatte er ihnen nichts entgegenzusetzen. Er fühlte sich verletzlich, müde und offen, wie immer nach einer Heilung, doch was im sicheren Licht im Schutz seiner Krone unbedeutend und ein Zeichen seiner Arbeit gewesen war, machte ihm hier in der Dunkelheit Angst. Unmerklich schauderte er.


© by Jainoh & Pandorah