Die Alten Geister

22.

Rho sah mit Erleichterung, wie Shens Finger sich aus eigener Kraft um den Becher schlossen. Shens Stimme war etwas rau, aber hatte die alte Ruhe, während er Tsusu sagte, wo seine trockene Kleidung in der Tasche lag. Rasch erhob Rho sich und ging zu Yamis Kleidung. "Heiler? Du musst dich auch umkleiden. Es hilft nichts, wenn du durchgefroren und nass herum sitzt." Um aus der Anmerkung einen Befehl zu machen, zog Rho die Tasche von Yami unter der Nussschale hervor.

Überrascht stellte Yami fest, dass er tatsächlich durchnässt war. Er nahm noch einen kleinen Schluck Tee und genoss die Hitze, dann stellte er den Becher ab und nahm von Rho die Tasche entgegen. "Du hast Recht, danke."

Als er die trockene Kleidung herausholte, die einzige Garnitur, die er zum Wechseln dabei hatte, wünschte er einmal mehr, sie wären wieder im Licht. Er wollte einmal wieder etwas Leichtes tragen, etwas Sauberes. Und Schmuck. Aber vor allem wollte er endlich wieder das Gesicht in die Sonne halten und die wärmenden Strahlen auf der nackten Haut spüren. Ihm war, als wäre er schon seit Tagen nicht mehr richtig warm gewesen.

Fröstelnd pellte er sich aus Hose und Hemd und rieb sich mit einem Tuch ab, das Rho ihm zuvorkommend reichte. Ein kleiner, ungewollter Blick aus den Augenwinkeln zu Shen und Tsusu hin ließ ihn innehalten. Tsusu umsorgte den großen Stillen, half ihm mit der Schnürung des Hemdes, reichte ihm Tee und schenkte ihm sein wunderschönes Lächeln. Shen wischte noch ein wenig ungelenk nach der Heilung das tränennasse Gesichtchen trocken und fing dann eine Hand ein, um sie zu halten und Tsusu zu sich zu ziehen. Leise flüsterten die beiden miteinander. Yami wandte die Augen ab und legte das Tuch auf den Rand der Lebensnussschale.

'Abschied', dachte er wehmütig. Das war es gewesen, als er Shen geheilt hatte. Eine Entscheidung, Tsusu endgültig gehen zu lassen.

Er zog das trockene Hemd über, dann die Hose und zum Schluss die weichen Lederstiefel, so dass er wieder ganz in Schwarz gekleidet war, ehe er die nassen Sachen zum Trocknen beim Hitzestein ausbreitete.

"Weißt du, was sie aufgehalten hat?", fragte er leise nach einem Rundumblick in die Dunkelheit jenseits ihres Lagers. Er konnte nichts sehen, auch nicht, wenn er die Augen schloss und vorsichtig mit seiner Kraft tastete.

Rho zuckte zusammen und ballte eine Hand zur Faust. Er hatte doch tatsächlich geträumt, Yamis Blick zu Shen und Tsusu, natürlich genau, als der schöne Heilprinz fast gänzlich unbekleidet vor ihm gesessen hatte, war wie ein Funken, um Rhos Gefühle erneut entbrennen zu lassen. Yami war allein. Dank Shens Verliebtheit, dank seiner Entscheidung, Tsusu schon hier unten zu seinem eigen zu machen, zu seinem Geliebten, hatte Yami niemanden mehr.

Ungelenk bedeutete er Yami, sich von ihm abzuwenden. "Ich flechte dir besser die Haare neu, sonst verfängst du dich noch in den Wurzeln, Yami." Er holte seinen Kamm hervor und ließ sich dichter am Hitzestein nieder, dann sagte er leise: "Nein. Hast du nichts sehen können? Meinst du, dass Shen vielleicht etwas gesehen hat?" Sachte teilte er die Haarsträhnen neu ein und kämmte sie aus.

Halb schloss Yami die Augen und lehnte sich ein wenig zu Rho hin. Die behutsamen Berührungen waren angenehm und wärmten ihn, weil der Kriegerprinz sich um ihn kümmerte. Ihm wurde bewusst, wie einsam er ohne Rho wäre, und die Dankbarkeit, die er mit einem Schlag empfand, ließ ihn lächeln. "Ich habe mich so sehr auf die Heilung konzentriert, dass ich keine Aufmerksamkeit für anderes hatte. Es war... sehr anstrengend. Shen war dabei mir zu entgleiten." Er schauderte bei der Erinnerung. "Warum glaubst du, er könnte etwas gesehen haben?"

Rho flocht die Haare schnell zu einem festen Zopf und steckte diesen unter die schwarze Haube hoch, zugleich betrachtete er Shens Gesichtsausdruck, die Art, in der sein Freund den kleinen Sänger betrachtete, war irgendwie ernsthafter als zuvor. Endlich sagte er: "Es ist irgendwie sein Gesichtsausdruck. Als hätte er etwas gesehen, vielleicht hat er mit den Geistern irgendwie Kontakt gehabt." Rho erhob sich und umfing Yamis Schultern. "Du ruhst dich weiter aus, mein Prinz. Ich bringe dir gleich von der Brühe. Ich werde Shen einfach fragen, jetzt sind die Geister ruhig, jetzt ist die Zeit dafür."

Yami hätte es lieber gehabt, wäre Rho bei ihm geblieben, aber er nickte nur. Etwas zu finden, was die Geister von ihnen fernhielt, war wichtiger als sein Bedürfnis nach Nähe. "Beeile dich nicht, der Tee ist genug. Und wenn mir nach Brühe ist, kann ich sie mir selbst holen."

Er lächelte zu ihm hoch und fühlte sich besser. Shen war Rhos Freund, den dieser fast verloren hätte. Nicht nur Tsusu hatte den Geliebten zurückbekommen.

Rho hatte eigentlich an einer Entschuldigung für die Störung gearbeitet und sich Worte zurecht gelegt, aber er war noch nicht ganz in die Nähe von Shen und Tsusu getreten, als Tsusu sich schon geschäftig erhob, um die nasse Kleidung in der Nähe von seinem Hitzestein über einer Nussschale auszubreiten. Der typische Sinn für den Moment und ein ausgeprägtes Taktgefühl. Wieder wurde Rho klar, wieso der kleine Feuerkopf es so lang in der prinzlichen Equipage ausgehalten hatte.

Shen lehnte in eine Decke gehüllt dort und hielt seinen Teebecher mit zwei Händen, starrte in den unruhigen Schein des Hitzesteins unter ihrem Topf mit Brühe. Der Blick ließ Rho erneut erschrecken, wirkte so entfernt und müde. Rasch kniete er sich zu seinem Freund und drückte seine Schulter einmal. "Shen, du hast mich vorhin wirklich erschreckt. Ich bin froh, dass du Yami nicht vollkommen entglitten bist."

Shen sah in Rhos ernstes, besorgtes Gesicht empor und empfand tiefe Dankbarkeit, dass er hatte zurückkommen können. Die Begegnung mit Nuoh ob erträumt oder echt hatte ihn aufgewühlt und gleichzeitig die Vorahnung von Frieden gebracht. Er würde Zeit brauchen, um darüber nachzudenken, aber eines war sicher. Nuoh war Vergangenheit, Rho, Tsusu und Yami waren seine Gegenwart. Kurz legte er seine Hand auf Rhos, drückte sie und lächelte ein wenig. "Ich auch, mein Freund."

Erstaunt über den Ernst in der tiefen Stimme ließ Rho sich ein wenig dichter nieder und blickte Shen forschend in das Gesicht. "Weißt du, fast war es, als seist du gestorben eben. Selbst Yami sagte, dass du weit fort gewesen bist, fast zu weit für ihn. Wie ist es gewesen? Hast du... etwas gespürt, Shen?"

Shens Blick verlor sich in der Ferne, als er an das zurückdachte, was er erlebt hatte, dann glitt er zu Yami und Tsusu, die nah beieinander saßen, aber nicht miteinander sprachen. Die beiden, denen er sein Leben verdankte.

"Die Geister haben mich fast getötet. Ihr Gift hat mich zu ihnen geholt. Ohne Yami und Tsusu hätte ich nicht zurückgefunden", sagte er leise und wandte sich wieder seinem Freund zu. "Wenn Tsusu mich nicht gerufen hätte... ich hätte den Weg nicht mehr gefunden." Er verstummte, es war seltsam, darüber zu sprechen, und schwer.

Rho runzelte die Stirn. "Gerufen?"

"Ich war bei den Geistern. Für eine kurze Zeit war ich einer der ihren, glaube ich." Auch Shen runzelte die Stirn, als er versuchte, sich darauf zu konzentrieren, das, was er erlebt hatte, verständlich zu erklären. "Als Yami meinen Körper geheilt hat... wurde ich zurückgeholt, aber nicht vollständig. Um mich herum war nur Dunkelheit, kein Oben, kein Unten. Das einzige, was ich gehört habe, das einzige, was ich wahrnehmen konnte, war Tsusus Stimme. Ihr bin ich gefolgt."

Rho stützte sich auf und sah sich unruhig um. "Meinst du, dass andere Geister unseren Stimmen, Tsusus Gesang auch gefolgt sind?!"

Shen schloss die Augen und dachte an die Momente in der Dunkelheit zurück, an die leichten Sternenschleier, die er hatte wahrnehmen können.

"Nein", sagte er schließlich und lächelte, ehe er Rho erneut ansah. "Ich bin ihr gefolgt, weil ich zurückkehren wollte. Das Lied... seine Stimme... hat Ruhe gebracht. Frieden. Wenn ich keinen Grund zum Leben gehabt hätte", er fühlte der Melodie nach, die er immer noch in sich spüren konnte, "ich denke, ich wäre einfach eingeschlafen und davongetrieben."

Nachdenklich blickte Rho über das Wasser hinweg. "Es sind die Geister, nicht wahr? Sie vergiften die Bäume, oder? Es ist tragisch, dass sie nicht sehen können, dass ihre Welt schon so lange vergangen ist. Verfallen und bis vor kurzem auch vergessen." Er lehnte sich dichter an seinen Freund. "Es ist mir unangenehm, das als Soldat meines Vater zu sagen, aber ist womöglich unser einziger Weg, diese Geister zu bekämpfen, sie in den Schlaf zu singen?"

Shen gluckste leise in sich hinein. "Ein Schlaflied?" Sein Blick wanderte zu Tsusu; er fing ein kleines Lächeln auf, ehe sein Geliebter sich wieder Yami zuwandte. Es füllte Shen mit Wärme. "Er wäre der unwahrscheinlichste Kämpfer mit der ungewöhnlichsten Waffe", murmelte er.

Aber was hatte Nuoh gesagt? Die Uralten träumten. Und die Geister, die erwachten, griffen voller Zorn die Bäume an, die ihre Welt verdunkelten. "Schwert und Bogen können den Geistern nichts anhaben. Wir zwei sind vielleicht diejenigen, die hier unten am wenigsten dazu beitragen können, unsere Welt zu retten, Rho. Es käme auf einen Versuch an. Solange die Geister schlafen... sag, wie war noch einmal die Inschrift, die Yami und du entziffert habt?" Aufregung ergriff ihn und drängte die Erschöpfung zurück, die die Heilung hinterlassen hatte.

Rho war dem Blickkontakt seines Freundes mit dem Schmuckgeliebten gefolgt. Noch immer musste er über diese Verbindung zwischen Ernst und Leichtigkeit grinsen. Doch Shens Gedankengang war aufregend und machte zugleich mit einem Mal einen neuen Sinn.

"Es war immer von der Wut der Geister der Uralten die Rede. Von ihren hasserfüllten, aufgewühlten Geistern, die sich nur durch ein Lied beruhigen lassen, die zum Schlafen gebracht werden und zum Ruhen, wenn sie die altbekannte Melodie und die befriedenden Worte hören." Wieder blickte er zu Tsusu zurück. Der Kleine hatte gesungen, ein Schlaflied der Uralten. "Endlich verstehe ich, wieso diese Lieder und die Kunst, diese Lieder zu singen, bei unseren Ahnen einmal so wichtig gewesen ist."

"Und wieso es zahlreiche Wege in die Dunkelheit gab." Shen dachte an die verfallenen Überreste, die er auf seinen Reisen gefunden hatte. Es waren keine sinnlosen Relikte einer vergessenen Zeit.

Nachdenklich hob Rho seine Schwerthand an und betrachtete die kräftigen rauen Finger, dann lachte er. "Ich war immer der Ansicht, dass diese Hände gemacht sind, die hübschen Püppchen zu verteidigen. Nie hätte ich auch nur im Traum daran gedacht, dass ich mich eines Tages hinter einem singenden Schmuckgeliebten verstecken würde!" Doch dann wurde er ernst. "Shen, sag du Tsusu, was er tun muss. Erkläre ihm, worauf es ankommt, ja? Ich sehe derweilen nach Yami." Rasch umarmte er seinen Freund einmal fest.

Mehr als alle Worte zeigte Shen diese Geste, dass Rho Angst um ihn gehabt hatte. Kurz erwiderte er die Umarmung, dankbar für Rhos Freundschaft. Er lächelte, als sie sich voneinander lösten. "Geh zu deinem Prinzen; er muss müde sein."

Er stand auf, um sich Tee zu holen. Noch immer war er erschöpft, und ihm war kalt; er hoffte, dass die Geister ihnen lange genug Ruhe lassen würden, dass er und Yami schlafen konnten. Sein Blick wanderte zu dem Heiler, bei dem Rho in die Hocke ging und leise etwas zu ihm sagte. Yami hatte ihn genauso gerettet wie Tsusu. Trotzdem er ihm den Geliebten genommen hatte.

Shen füllte Tee nach, auch in Tsusus Becher, dann ging er zu dem kleinen Sänger, der neben dem einen der beiden Hitzesteine geschäftig begonnen hatte, ihre Vorräte zu sortieren, und setzte sich zu ihm. Stumm sah er ihm zu, beobachtete den warmen Schimmer der Steine auf seiner dunklen Haut und in dem Haar, das dadurch noch mehr wie Feuer wirkte. Dünn war er geworden, noch dünner als zu Beginn ihrer Reise. Es wurde höchste Zeit, dass sie sich auf den Rückweg machten. Doch Shen wusste nicht, wie lange es noch brauchen würde.

Er streckte die Hand aus und strich mit den Fingerspitzen über den schmalen Handrücken.

Tsusu hob den Blick und begegnete dem seines Geliebten. Unsicher sah er kurz zu Yami hinüber, aber der wurde von Rho beschäftigt und hatte ihnen den Rücken zugewandt, daher lächelte er warm und drehte seine Hand, um sachte einmal an Shens Fingern entlang zu streichen. Es brachte Wärme in seine Gedanken, in seinen Körper, wenn er den kräftigen Stillen ansehen konnte und wenn dieser ihm mit solch wunderschönen Blicken seine Gefühle zeigte.

Für einen Moment fragte Shen sich, ob das, was sie hier unten begonnen hatten, im Licht würde Bestand haben können. Gleich darauf schob er den Gedanken beiseite. Sie würden es ausprobieren müssen; er wusste, dass er darum kämpfen würde. Doch das war die Zukunft, erst mussten sie die Gegenwart leben.

Sacht umfing er Tsusus Hand, ehe er ihm leise erzählte, was Rho und er überlegt hatten. Ernst sah er ihm dann in die Augen. "Wenn sie mit ihrer Kälte und dem Schmerz kommen, musst du singen. So, wie du für Yami beim Heilen gesungen hast. So, wie du... für mich gesungen hast. Nicht nur, um uns zu retten, sondern auch die Kronen."

Verwirrt starrte Tsusu seinen Geliebten an. Sein Gesang sollte die Kronen retten? Seine lächerliche Gabe, wegen der er sonst immer von allen anderen Schmuckgeliebten in der Schule ausgelacht worden war. Seine eigenen Geschwister hatten es als peinliche, überflüssige Ausbildung verschwiegen, wenn sie von ihm sprachen. Nun war sie mit einem Mal wichtig. Lächelnd erwiderte er den Druck der Finger, dann flüsterte er "Ich kann mir das nicht vorstellen, Shen. Das kann nicht sein. Ich werde für Yami singen und ganz besonders... für dich. Ich geb mir Mühe, ja?"

Und noch bevor Shen ihm antworten konnte, kamen sie zurück. Viel schneller als gedacht schäumte das Wasser weiter draußen außerhalb ihres Lichtscheins auf und Rho rief ihnen zu, dass die Geister zurückkamen. Starr vor Angst kauerte Tsusu sich an Shen heran und umfasste die Finger mit festem Griff, wollte auf keinen Fall wieder los lassen, wollte seinen Geliebten nicht wieder an die Geister verlieren.

Hilflos zog Shen Tsusu an sich, um ihn mit seinem Körper zu schützen, wenn nichts anderes möglich war. Es war zu früh, sie waren noch nicht bereit. Und dieses Mal würde kein Nuoh kommen, um sie zu retten.

Yami kam mit Rho zu ihnen, um sie mit seiner Gabe zu schützen, aber die Angriffe folgten dennoch sofort und mit viel mehr Macht als zuvor. Schneidende Kälte, brennende Schmerzen, vor denen man sich nicht schützen konnte. Mit einem Aufschrei kauerte Tsusu sich in den Schutz einer Nussschale dichter an Shen.

"Tsusu, das Lied." Shen versuchte, seine Stimme ruhig zu halten, auch wenn die Schmerzen überall in seinem Körper wie eisige Messer wüteten. Es war schlimmer als das letzte Mal, er wusste, was kommen würde, und die Erwartung machte es beinahe unerträglich. Der Tod im Traum war ruhig und schön, doch das Sterben war grausam. Und wenn sie starben, würde ihre Welt mit ihnen und mit den Bäumen untergehen.

Rho schüttelte den kleinen Sänger fest an der Schulter. "Sing!", befahl er heiser. "Wir müssen es versuchen, auch wenn es das letzte ist, was wir tun. Tsusu! Du musst singen! Sing das Schlaflied! Ein beruhigendes Lied!"

Tsusu hatte die Augen zugekniffen und schüttelte nur immer wieder den Kopf. Tränen liefen ihm über die Wangen, die Angriffe wurden trotz aller Bemühungen von Yami, ihn zu schützen, schärfer und schmerzhafter. Aber die Geister griffen auch Shen wieder an. Der Stille kauerte sich schützend um Tsusu, bekam die allermeisten Angriffe zuerst zu spüren und fing ihre Wucht ab, bevor sie Tsusu erreichten. Shen sah grau aus und seinen Geliebten erneut so verletzt zu sehen, ohne dass er eine Verletzung zeigte, war grauenhaft. Sein Herz tat ihm weh, er kniff die Augen, wollte verschwinden.

Mit zitternder Stimmt sang er das Schlaflied für die Kinder. Er sang es selten, weil es eigentlich eine kleine Albernheit war. Der Text war ein Sammelsurium von Wünschen nach Ruhe, nach Licht, nach Wind, nach Dingen, die Tsusu nicht kannte. Bei einigen Zeilen kannte er nur den Wortlaut, nicht die Bedeutung.

Tsusu biss sich auf die Lippen und ballte seine Hände zu Fäusten, dann hob er seine Stimme. Die ersten Laute waren heiseres Krächzen, dann ein klägliches Wimmern, doch endlich brachte er den ersten klaren Ton über die Lippen. Er kniff die Augen zu und griff nach Shens Hand, um sie zu drücken, während er versuchte, die Worte lauter zu singen.

Zuerst spürte er die schneidende Kälte und die Schmerzen weiter. Immer wieder streifte es ihn wie mit einem Messer. Doch dann, nach und nach nahm es ab. Tsusu spürte, wie Shens Körper aufhörte zu zittern, wie sein Freund ihn fester umfasste. Er hob die Stimme und versuchte, lauter und klarer zu werden, obgleich er noch immer heiser war. Die Angriffe ebbten ab, und er konnte sich aufsetzen. Es war schwarz um sie her, wo ihre versteckten Lichtkugeln nicht hinreichten. Im gedämpften Licht in ihrer Nähe sah Tsusu, dass die Wasseroberfläche sich geglättet hatte. Er schloss die Augen wieder und schmiegte sich enger an Shen, hörte nicht auf, das Schlaflied der Uralten zu singen.

Yami konnte sehen, wie die Geister ruhiger wurden. Sie gaben ihre Angriffe auf und sammelten sich um die Insel herum, bis er nur noch dichtgedrängt ihre Präsenz spüren, keine einzelnen Gestalten mehr ausmachen konnte. Halb richtete er sich auf, um sich umzusehen.

Es war, als würde Dampf seine Sicht trüben und das Licht reflektieren. Er konnte das Wasser um die Insel nur schwer erkennen, während Tsusus klare Stimme kraftvoller wurde und mit jedem Ton mehr Bewegung in den Nebel brachte, als würde Wind hindurch wehen, der nur die Geister berührte. Und dann gingen sie. Einer nach dem anderen wurden sie selbst für ihn blasser, sie lösten sich auf, sanken hinab, und schließlich war keiner mehr zu spüren.

Die Wasseroberfläche war still und unberührt, die Dunkelheit außerhalb des Lichtkreises der Spinnwebkugeln wieder vollkommen.

"Sie sind weg", flüsterte er, seine Stimme selbst für Rho kaum zu vernehmen. Dann streckte er besorgt die Hand nach dem Mann aus. "Wie fühlst du dich?"

In ihm hallten noch die Kälte und der Schmerz wieder, obwohl er sich konstant geheilt hatte. Die anderen würden seine Kraft brauchen.

Rho hob den Kopf und blinzelte. Verschämt wischte er sich über die nassen Wangen, während er die Erleichterung nach Abebben des Schmerzes und der Kälte zuließ. Yami kniete vor ihm, noch in den Umhang eingehüllt, sein weißes Haar klebte nass und verdreckt an seinen Wangen, und auch er wischte sich über die Augen. Aber er lächelte und war wunderschön. Schöner als jeder Schmuck. Rho antwortete nicht, sondern umarmte ihn fest, zu froh, um seine Stimme zu finden.

Yami erwiderte die Umarmung heftig. Er tastete mit seiner Kraft nach ihm, heilte kleine Wunden und Kältebrände, löste letzte Spuren des Gifts auf. Aber auch als er fertig war, ließ er ihn nicht los. Er wollte spüren, dass es ihm gut ging und dass er lebte, dass die Geister ihn nicht mitgenommen hatten in ihre dunklen, kalten Gräber in der Finsternis.

Rho schmiegte sein Gesicht einmal gegen Yamis Wange, dann löste er sich von ihm. "Lass uns nach den anderen sehen." Die Stimme des kleinen Schmuckgeliebten klang noch immer warm und weich zu ihnen hinüber.

Tsusu hielt Shens Hand fest umfangen. Er sang leiser und seine Stimme schonend, aber hörte nicht auf, weil er Angst hatte, dass die Geister zurückkommen und wieder angreifen konnten. Nach einer Weile gelang es ihm, sich aufzusetzen und zu Shen umzudrehen. Der Stille sah schrecklich aus, bleich, verschwitzt und mit schmerzverzerrtem Gesicht. Müdigkeit zog graue Schatten unter seine Augen, und die Linien am Mund waren tiefer geworden. Endlich verstummte Tsusu.

"Shen, ist alles in Ordnung?" Er schob einige Haarsträhnen aus seinem Gesicht und blickte in die dunklen Augen.

Shen erwiderte den Blick voller Sorge, sah Tränenspuren und Schrammen. Die weiche braune Haut wirkte beinahe grau, und das auch hier unten immer gepflegte Haar war zerzaust und hatte sich aus dem ordentlichen Zopf gelöst. Aber sein Kleiner lebte, und alles andere würde Yami beheben können. Mit einem tiefen Einatmen zog er Tsusu an sich und drückte ihn so fest, dass er Angst hatte, ihm wehzutun. Mühsam lockerte er seinen Griff wieder, dann sah er ihm erneut ins Gesicht, legte ihm eine Hand an die Wange und studierte es sorgfältig.

"Jetzt geht es mir besser", murmelte er und küsste ihn vorsichtig auf den Mund, zart nur, weil die Spuren verrieten, dass sich Tsusu auf die Lippen gebissen hatte. Auch Shen hatte noch immer Schmerzen, aber das war nebensächlich, als er sich nach Rho und Yami umschaute. Erleichtert stellte er fest, dass es ihnen gut zu gehen schien.

Rho ging es von allen am besten, weswegen er neuen Tee kochte, während Yami Shen und Tsusu mit seiner Heilkraft half. Anschließend berieten sie, wie sie vorgehen konnten.

Rho reichte ihnen allen die Teebecher. "Yami, die Geister sind fort, aber sie waren überall im Wasser. Meinst du, dass sie die Bäume über das Wasser vergiftet haben?"

"Ich hoffe, sie bleiben fort." Yami schauderte, dann warf er Tsusu einen Blick zu und lächelte ihn an. "Ich glaube, es wird niemand mehr etwas dagegen haben, wenn du singst." Gleich darauf runzelte er grübelnd die Stirn. "Ich weiß es nicht. Es könnte sein. Allerdings haben sie kein Wasser gebraucht, um uns zu vergiften."

"Ich glaube nicht, dass sie das Wasser genutzt haben." Shen wollte sich von der Suppe nachschöpfen, dann fiel ihm ein, dass sie kaum noch Vorräte hatten, und er stellte lediglich die leere Schale ab, ehe er einen Arm um Tsusu legte. "Sonst hätte der Fisch auch tot sein müssen, oder? Ihr Gift scheint alle Lebewesen zu töten. Außer diesem Wasserwesen haben wir noch nicht ein Tier gesehen. Als ich unten war, gab es zumindest noch welche, die mich als Beute betrachtet haben."

Tsusu starrte in die Dunkelheit und behielt das Wasser im Auge. Er fürchtete sich unsäglich, dass die bösen Geister wieder zurückkehren konnten. Die anderen sprachen davon, wie sie die Bäume heilen konnten, wie sie es schaffen konnten, in möglichst nicht zu langer Zeit nach den Stämmen der Bäume zu sehen.

Endlich meinte Rho entmutigt, dass es sehr lange dauern würde, wenn sie in den kleinen kippeligen Schalen umhertreiben würden. Immerhin war es schwierig genug gewesen, diesen einen Stamm zu erreichen. Er war natürlich froh, dass Yami die Sternkrone als erstes heilen würde, aber machte sich Sorgen um die anderen Kronen.

"Wenn die anderen Kronen weiter so krank sind, dann kommt es zur Unruhe an den Grenzen. Das wäre nicht gut."

Beruhigend streichelte Shen an Tsusus Rücken entlang; er konnte die Anspannung in dem zierlichen Körper spüren. "Vor allem wissen wir nicht einmal, ob wir die Stämme überhaupt finden. Es sind mindestens sechs Kronen betroffen, und die Orientierung hier unten ist gelinde gesagt äußerst schwierig. Du könntest die Sternkrone direkt heilen, weil wir an ihrem Ursprung sind. Aber die anderen... geht es auch in den Kronen? Da wissen wir immerhin, wie man sie erreicht, und man kommt schneller vorwärts als in diesem Reich aus Wasser und Wurzeln." In dem sie noch nicht einmal etwas zu essen hatten.

Yami hatte kaum zugehört. Etwas an dem, was Rho ganz zu Beginn gesagt hatte, schlich sich durch seine Gedanken. Etwas, das wichtig war, ohne so zu klingen. 'Wasser und Wurzeln...?'

Abrupt hob er den Kopf. "Das könnte funktionieren. Ich bin mir nicht sicher, aber einen Versuch ist es wert. Das Gift mag nicht durch das Wasser gekommen sein, aber das Wasser verbindet die Bäume. Es wird zwar immer noch Tage in Anspruch nehmen; ich kann nicht alle Kronen auf einmal heilen. Aber wir müssten sie nicht suchen."

Rho blickte in die schwarze Umgebung. "Es ist einen Versuch wert. Wir schützen dich vor den Raubtieren und vor den Geistern und du versuchst die Kronen über das Wasser zu erreichen. Vielleicht könnten wir es auf die Probe stellen. Kannst du es nicht so versuchen, dass du diese Krone auch über das Wasser heilst?"

Yami nickte und lachte fröhlich auf. "Das ist eine gute Idee, Rho! Längst nicht so umständlich wie das, was ich dabei war, mir zu überlegen." Er strahlte ihn an, dann wandte er sich scheuer zu Tsusu. Es war schwierig geworden, ihn um Dinge zu bitten, weil er immer darüber nachdachte, ob es nicht zu sehr nach einem Versuch klang, ihn an sich binden und zurückhaben zu wollen. "Kannst du für mich singen?"

"Natürlich, mein Prinz."

"Danke." Yami lächelte.

"Aber erst brauchst du Schlaf." Rhos Stimme ließ keinen Widerspruch gelten.


© by Jainoh & Pandorah