Die Alten Geister

23.

Tsusu hatte seine Stimme mit dem warmen Tee wieder beruhigt und stimmte das Heillied an, das Yami am liebsten hörte. Er hätte sich gern an ihn gelehnt, wie sonst, aber wagte es nicht, weil er Yami nicht verletzten wollte und Shen nicht eifersüchtig stimmen. Sie hatten bislang nicht viel mehr als einige kleine Küsse getauscht und sich an den Händen gehalten, aber Tsusu war sich sicher, dass Shen wachsam sein würde.

Yami sah in die Richtung, in der er den Stamm vermutete, der die Sternkrone trug. Das Licht war zu schwach, als dass es bis dorthin gereicht hätte, und selbst wenn sie die verbliebenen zwei Spinnwebkugeln vollkommen zum Erstrahlen gebracht hätten, zweifelte er, dass es die Entfernung überbrückt hätte. Das Gewirr an gigantischen Wurzeln, das sie vor dem Angriff der Geister gesehen hatten, war derart gewaltig, dass sie bestimmt lange Zeit hätten klettern müssen, ehe sie bis zum Zentrum vorgestoßen wären.

Tsusus leiser Gesang gab ihm Kraft und Ruhe, als er am Rande des Wassers in die Hocke ging. Er war ausgeruht, sie hatten lange geschlafen. Yami lächelte, als er daran dachte, dass es Rho war, der darauf bestanden hatte, dass er sich ausruhte, ehe er zu heilen begann. Immerzu sorgte sich der Kriegerprinz um sie und machte, dass man sich in seiner Nähe sicher und beschützt fühlte.

Vorsichtig tauchte Yami die Fingerspitzen in das eisige Wasser. Kleine Kreise breiteten sich davon aus und verloren sich schnell wieder auf der glatten Oberfläche, dennoch schauderte Yami. Die Erinnerung an die Geister war zu frisch. Mit einem tiefen Durchatmen schloss er die Augen, leerte sein Bewusstsein von der Besorgnis, dann senkte er seine Konzentration ins Wasser.

Zuerst geschah gar nichts. Schwärze hüllte ihn ein, als würde er einen Stein ertasten. Doch dann begann er Funken zu sehen, kleine Lichtpunkte inmitten der Dunkelheit. Winzige Tierchen huschten umher, wurden durch größere aufgescheucht und verfielen wieder in ihre kleinen Routinen, kaum dass die Störung verschwunden war. Ein heller, riesiger Schatten glitt gemächlich unter ihm hinweg.

Yami riss erschrocken die Augen auf und verlor die Sicht. Nur sein schwaches Spiegelbild sah ihm von der Oberfläche aus entgegen. Einen Moment zögerte er, ehe er sich erneut konzentrierte. Dieses Mal tastete er direkt nach der Wurzel, auf der er hockte. Er konnte ihre blasse, kränkliche Spur verfolgen, wie sie sich nach unten wand und in den Grund bohrte, dicker wurde und mit einer anderen verdrehte, ehe sie zum Stamm emporstieg.

Leise hörte Yami das klare, einfache Lied im Hintergrund, das Tsusu ihm immer in seinen Empfangszimmern beim Heilen gesungen hatte. Er begann, im leichten Auf und Ab der Töne zu atmen, dann ließ er die Heilkraft in das Wasser strömen, das wie das Lied mit einem Mal klar und rein schien. Die Töne nahmen Gestalt an, wurden eins mit dem steten Strom, der aus Yamis Inneren kam; in leichten Wellen breiteten sie sich in alle Richtungen aus wie der Gesang.

Und wie das Wasser nahmen die Wurzeln sie auf. Yami lächelte mit geschlossenen Augen, als er spürte, wie die Kälte und die Dunkelheit wichen, wie Fasern gereinigt wurden und Adern sich wieder öffneten. Das Leben kehrte zurück, voller Kraft wie ein junger Frühling nach hartem Winter.

Yami gab, bis er nichts mehr hatte. Das Bild verschwamm, das helle Leben trübte sich und alles wurde schwarz, als seine Kraft versiegte. Yami schwankte und öffnete die Augen. Das Wasser kam näher, und er begriff, dass er nach vorne sackte. Nach Halt suchend fiel er schließlich zur Seite und schloss die Augen. Er war müde, und ihm war kalt.

Rho hatte den Blick nicht von dem Heilprinzen wenden können, während dieser scheinbar unermüdlich mit seiner Gabe arbeitete. Er bedeutete Shen, dass er schlafen sollte, um später wachen zu können, dann ließ er sich mit einem Bogen und seinen Wurfmessern dicht bei Yami nieder und betrachtete sein Gesicht. Mal entspannt, fast entrückt, dann wieder von kleinen nachdenklichen Fältchen verzogen. Die Kraft, die Yami aussandte, war um ihn her fast zu schmecken. Warm, weich und freundlich. Wie er selbst. Unendlich hilfsbereit und willkommen heißend. Rho lächelte grundlos, während er den Blick wieder und wieder über das Wasser und zu dem schönen Gesicht des Heilers streifen ließ.

Als Yami zusammenbrach, berührte Rho ihn zunächst zögerlich, dann hob er ihn hoch und legte ihn auf seine Decke und seinen Umhang, die im Schutz einer umgedrehten Nussschale in einer kleinen Höhle vom Hitzestein angenehm trocken und warm gehalten worden waren. Kurzentschlossen legte er seine Waffen ab und weckte Shen, damit dieser wachen konnte. Dann legte er sich neben den anderen Prinzen, deckte sie beide mit den Decken zu und zog ihn an sich, bevor er die Augen schloss.

 

Tsusu nippte vom Tee, um seinen Hals ein wenig zu beruhigen. Mit einem leisen Seufzen legte er seinen Kopf auf Shens Beine, seinen restlichen Körper hatte er unter seiner und Shens Decke zusammengerollt. Er tastete nach der Hand seines Geliebten und spielte mit geschlossenen Augen mit seinen Fingern, ertastete die feinen Rillen, die durch die Bogensehne in die Kuppe gepresst worden waren. Es war schön zu schweigen, und es war auch schön, Yamis friedliches Gesicht sehen zu können, wie er mit Rho in der kleinen Schlafhöhle lag.

"Sie sind so schön zusammen", flüsterte er. "Wie ein Prinz und sein Schmuck."

Shen lächelte und strich mit den Fingerkuppen seiner freien Hand an Tsusus Haaransatz entlang. Er genoss die vertrauensvolle Nähe des zarten Mannes und freute sich auf das Licht, wo sie gemeinsam leben würden, sobald Tsusu formell zugestimmt hatte.

"Als wir euch das erste Mal gesehen haben, waren wir uns einig, dass man euch verwechseln kann. Wer der Prinz und wer der Schmuck ist." Er beugte sich hinunter und küsste Tsusus Schläfe, dann lehnte er sich zurück an die Lebensnuss. "Du bist zu dünn, aber ich habe dich von Anfang an schöner gefunden", erklärte er zufrieden. "Und du bist der wertvollste Schatz, den ich je von unten mitbringen werde."

"Zu dünn?" Tsusu lächelte schläfrig zu ihm hoch. "Ich muss aufpassen, ich hab leider eine Neigung dazu, eine zu runde Rückseite zu bekommen. Verleite mich nicht so sehr zum Essen."

"Hmpf. Der ist nicht zu rund, sondern sehr hübsch." Shen schob eine Hand unter die Decke und umfasste Tsusus kleinen Hintern. Er hatte sich nicht viel dabei gedacht, aber jetzt fühlte es sich nett an. Sehr nett. Shen sah in die orangefarbenen Augen und wünschte mit einem Mal noch viel intensiver, dass sie oben im Licht wären. Oder zumindest in einem sicheren Unterschlupf im Schimmern oder in der Stille.

"Du bist kein Schmuck mehr, der sich an bizarre Ideale halten muss. Und ich werde dich noch viel mehr verleiten", verkündete er entschieden, während er die Hand über Tsusus Rücken zu den Schultern hin streichen ließ, um sich selbst von unüberlegten Handlungen abzuhalten. "Schlaf, mein Kleiner", fügte er dann leise an. "Ich bewache deinen Schlaf."

Shens Hand auf seinem Hintern hatte Tsusu unerwartet heftig Hitze spüren lassen. Ein Verlangen, das ihm auf ihrer beschwerlichen Wanderung in der Finsternis unbekannt geworden schien.

Mit Prinz Yami hatte Tsusu derartiges Begehren nicht gespürt, nur ein wohliges Wünschen, eine Freude an der Berührung und daran, den Höhepunkt zu erreichen. Aber bei Shen war es Begehren. Nach ihm, nach mehr von ihm. Der Ausspruch 'mehr verleiten' schien ihm etwas zu verheißen. Tsusu fühlte, wie seine Wangen sich erhitzten, während er sich enger an seinen Geliebten schmiegte und sein Gesicht versteckte.

"Oh, wenn wir nur schon im Licht wären", murmelte er leise und warf einen kleinen Blick auf die anderen beiden, bevor er Shens Kopf zu sich heranzog, um ihn einmal rasch zu küssen.

Der Kuss half Shen nicht gerade, die Vernunft zu bewahren. Er schlang einen Arm um die schmalen Schultern seines Schatzes, den anderen um dessen Beine und zog Tsusu ganz auf seinen Schoß.

'Feuervogel', dachte er, als sich die langen, geschwungenen Wimpern wie Schwingen halb über die flammenden Augen senkten. Tsusu hatte mit seinem spitzen Gesichtchen schon etwas von einem kleinen Vogel, wenngleich auch keinen Schnabel, sondern einen sehr verlockenden, schmolligen Mund. Shen hatte den Gedanken noch nicht beendet, als er die weichen Lippen bereits mit seinen bedeckte.

Mit einem kleinen Laut schloss Tsusu die Augen ganz, als Shen das tat, was er sich gerade gewünscht hatte. Er vergaß die Schwärze, die Kälte und die vergangenen Ängste, während sich seine Lippen teilten, um mehr von Shens Geschmack und dem wundervollen Gefühl der Erregung zu bekommen. Tsusus Finger fanden sich hinter Shens Nacken, um ihn fest zu umfangen, zugleich spürte er, wie sich der Griff in seinem Rücken festigte.

Unbewusst streichelte Shen über die Schultern, während er Tsusu mit der Zungenspitze zu necken begann. Erst strich er nur zart über die Unterlippe, folgte ihrem sanften Schwung, dann erkundete er die Oberlippe und verweilte einen Moment am Mundwinkel, ehe er in die feuchte Wärme eintauchte. Tsusu schmeckte herrlich, und das Gefühl der kleinen Zunge, die ihm entgegenkam, war wunderbar.

Shen küsste ihn lange, vollkommen versunken. Die Finsternis, ihre Aufgabe, alles war nebensächlich geworden.

Erst ein Plätschern direkt bei ihnen ließ ihn aufhorchen. Er lauschte, aber es waren nur Wellen, die vermutlich von einem Tier wie dem großen Fisch hervorgerufen worden waren. Mit einem Lächeln sah er zurück in Tsusus Gesicht, dessen Wangen leicht gerötet waren und ihn noch schöner machten. Mit einem Finger umkreiste er den leicht geöffneten Mund, dann legte er die Hand an Tsusus Wange und zog den Kopf gegen seine Schulter. 'Glück... das bist du. Mein größtes Glück.'

Tsusu seufzte leise, dann streckte er sich und flüsterte Shen ans Ohr: "Ich liebe dich."

Mit einem glücklichen Lächeln zog Shen die Decke hoch, um seinen Schatz einzuhüllen.

 

Rho grinste von einem Ohr zum anderen, während er über Yami hinweg auf Shen und Tsusu blickte, die wie verliebte Vögel miteinander schmusten. Der Ausdruck in dem sonst so ernsten und nicht selten auch abweisenden Gesicht seines Freundes machte Rho glücklich und kribbelig zugleich. Er seufzte und zog die Decke höher über Yamis Brust, damit er nicht zu sehr auskühlte.

'Shen hat eine romantische Ader, wer hätte das gedacht. Und dann auch noch in den Armen eines nutzlosen Püppchens. Darf ich lachen?' Er wollte Yami nicht wecken, aber konnte sein Kichern nicht ganz zurückdrängen.

Yami wusste, wo er war. Bei Rho, dessen Körper ihn mehr wärmte als der entfernte Hitzestein. Auch wenn er die Augen geschlossen hielt, war er wach. Trotz seiner Erschöpfung konnte er nicht schlafen, wie er es nie konnte, direkt nachdem er geheilt hatte. Er spürte Rhos Fürsorge und hörte dann sein leises dunkles Lachen. Ein Lächeln schlich sich in sein Gesicht. Er drehte den Kopf ein wenig in Rhos Richtung, um seine beruhigende Wärme zu riechen.

"Ich höre dich gern lachen", murmelte er.

Rho stützte sich hastig auf, so dass er Yami nicht mehr so nahe war und meinte leise: "Entschuldige, ich wollte dich nicht schon wecken. Du hast dich vollkommen verausgabt." Er lächelte und strich mit zwei Fingern die in der Wärme getrockneten Haarsträhnen aus Yamis Stirn zurück. "Wie geht es dir?"

"Ich habe nicht geschlafen. Aber ich fühle mich gut. Ich fühle mich immer gut, wenn ich heilen kann. Wenn ich erst einmal schlafe, wird mich ein Lachen nicht wecken können." Yami spürte den Fingern nach, dann blinzelte er und sah zu Rho hoch, ohne sich zu bewegen. Das helle Grün seiner Haare, in dem das Licht der Spinnwebkugel spielte, erweckte beinahe den Eindruck, wieder in der Stille zu sein, und der Blick der dunkelgrünen Augen war weich. Yamis Lächeln vertiefte sich noch, weil Rho auch lächelte. "Ich glaube, ich kann die anderen Kronen von hier aus erreichen. Auf jeden Fall geht es der Sternkrone wieder besser. Bald müssten sie oben neue Knospen sehen können."

"Ich weiß nicht, wie ich dir danken soll, Yami!" Rho umarmte den anderen Prinzen einmal fest, dann rückte er jedoch von ihm ab, um ihn nicht in Verlegenheit zu bringen. "Ruh dich einfach aus, es ist nur wenig Zeit vergangen."

Er sah, dass Tsusu und Shen voneinander abgerückt waren und unterdrückte ein Seufzen. Noch immer hatte er Angst, dass es Yami traurig machen könnte, sie so zu sehen.

"Es ist nicht mehr so schlimm", antwortete Yami auf Rhos unausgesprochene Gedanken hin; der Blick war deutlich gewesen. "Zumindest macht Shen ihn glücklich, das kann ich sehen."

Aber es tat noch immer weh. Nicht, sie zusammen zu sehen, sondern zu wissen, dass Tsusu nicht mehr bei ihm sein würde. Niemand war ihm je so nah gewesen, und es hinterließ einen leeren Platz in Yamis Herz. Er schloss die Augen und rollte sich ein wenig zusammen.

"Bleibst du bei mir?", fragte er leise. "Ich fühle mich sicher, wenn du da bist."

Rho seufzte nun doch, auch wenn er es nicht hatte zulassen wollen. Er wollte kein Mitleid für Yami fühlen, dafür war der Heilprinz zu schön, zu stark und zu sehr zu bewundern. Es tat gut, dass Yami sich bei ihm wohl fühlte. "Natürlich. Ich bin immer in deiner Nähe."

Um es ihm zu zeigen, legte Rho eine Hand leicht auf Yamis Schulter, während er mit der freien Hand seinen Teebecher aufnahm. Tsusu begann an Shen gekuschelt erneut das Schlaflied zu singen. Seine Stimme war leicht rau, aber noch immer beruhigten die Klänge. Rho schloss die Augen und begann, über Yamis Schulter zu streicheln, tröstend gemeint und um ihm zu zeigen, dass er da war.

"Danke..." Das Lächeln kehrte in Yamis Gesicht zurück, und er entspannte sich. Die große Hand war beruhigend kräftig und angenehm warm, und als sein Atem sich an den gleichmäßigen Rhythmus des Streichelns anpasste, driftete Yami in den Schlaf.

 

Von seinem erhöhten Punkt auf einem Knoten in der Wurzel sah Shen auf ihr kleines Lager hinab. Seit einer Zeitspanne, die er für sich drei Tage nannte, weil sie sich nun das dritte Mal zur Ruhe gelegt hatten, rasteten sie dort. Die Nussschalen, die sie als schwimmende Brücken genommen hatten, waren beide umgekippt und zu den Hitzesteinen hin aufgestellt, so dass sie kleine Höhlen bildeten, eine für Rho und Yami, die andere für Tsusu und ihn.

Shen lächelte, als er das Bündel aus Decken betrachtete, wo nur Tsusus wilder Haarschopf verriet, dass sein kleiner Feuervogel dort schlief. Sie waren noch immer nicht weiter als bei Küssen und würden vermutlich auch nicht darüber hinaus kommen, bis sie das Licht erreichten. Er sehnte sich nach mehr, aber ohne Yami zu verletzen, würden sie sich kaum näher kommen können. Zudem zweifelte er daran, dass Tsusu zu mehr bereit war, wenn sie keinen geschützten Raum für sich hatten.

Sein Blick driftete weiter, zu Rho hin, der im Schlaf einen Arm um den Heiler gelegt hatte. Wenn Yami heilte, ließ Rho ihn nicht aus den Augen, und offensichtlich entließ er ihn auch sonst nie aus seinem Bewusstsein. Shen fragte sich, ob sein Freund mehr für den Prinzen aus der Nachbarkrone empfand. Aber sich danach zu erkundigen, wäre zu persönlich.

Gelangweilt zog er sein Tuch vom Kopf, strich sich ein paar Strähnen aus der Stirn und zog es wieder auf. Sie hielten immer noch Wache, aber bisher war es nicht notwendig gewesen. Diese Finsternis ähnelte wenig der, an die Shen sich erinnerte. Vielleicht war es wirklich die Anwesenheit der Geister gewesen, die alles vergiftet hatten, was lebte.

Trotzdem wünschte sich Shen, dass Yami endlich fertig werden würde. Er langweilte sich, was er in der Finsternis nie für möglich gehalten hatte. Rho und er hatten die Wurzelinsel, auf der ihr Lager war, erkundet, soweit es ging. Sie waren selbst auf den angrenzenden schon gewesen, so weit der Lichtschein reichte und sie die beiden Kleinen nicht aus den Augen verloren. Aber sie hatten nichts gefunden. Rho hatte immerhin ihren Vorrat erweitert, weil es ihm gelungen war, einen dieser seltsamen Fische zu fangen, den sie mit der Lichtkugel angelockt hatten, so dass die Reste an Pilzen und Früchten für Tsusu blieben. Dennoch neigte sich auch das nun dem Ende zu.

Ein leises kontinuierliches Plätschern nagte an Shens Aufmerksamkeit; überrascht hob er den Kopf, als er bemerkte, dass es sich näherte. Er brauchte einen Moment, ehe er orten konnte, woher es kam, dann hob er die Spinnwebkugel und ließ sie heller strahlen. Zuerst sah er nichts, doch dann bemerkte er die Wellen auf der glatten Oberfläche gerade am Rand des Lichtscheins.

Ein formloses, dunkles Wesen schwamm heran, nicht direkt auf ihren Rastplatz zu, seine Route würde daran vorbeiführen. Zudem war es nicht sonderlich groß, höchstens so groß wie Tsusu, wenn er sich zusammenkauerte. Es ragte nicht weit über das Wasser, aber etwas daran machte Shen nervös. Er konnte keinen Kopf erkennen, nur zwei kurze Stummel von irgendetwas. Sie zuckten mal in die eine, dann in die andere Richtung. 'Ohren? Aber...'

Als das Wesen weiter ins Licht schwamm, griff Shen nach seinem Bogen und glitt so lautlos wie möglich von der Wurzel hinunter, ohne es aus den Augen zu lassen. Er schlich zu Rho hin und hockte gerade bei ihm nieder, als das Wesen eine Wurzel unweit der ihren erreichte, die eine flache, kleine Insel bildete.

Ein kühler Schauer lief Shens Rücken hinab, als es aus dem Wasser stieg. Es war nicht klein. Die Fortsätze waren in der Tat Ohren, und das, was er gesehen hatte, war lediglich der Kopf gewesen. Es war riesig und fellig und hatte vier mächtige Beine wie Säulen, die in Krallen endeten.

Shen legte Rho die Hand auf den Mund, um ihn daran zu hindern, einen Laut von sich zu geben, und stieß ihn dann an. Die grünen Augen flogen auf, ansonsten rührte sich Rho nicht. Shen legte einen Finger auf die Lippen und deutete zu dem Wesen hin, das sich gerade schüttelte und bei einem Gähnen bedrohliche Zähne offenbarte. Noch immer konnte Shen keine Augen erkennen, vermutlich war es blind.

Rho starrte das fremde Tier an und konnte nicht umhin, seine Schönheit zu bewundern. Er legte eine Hand auf Shens Arm und schüttelte den Kopf, um ihm anzuzeigen, dass der Stille es nicht töten sollte.

Sie beobachteten, wie es dort stand, schnüffelte und sich schließlich wieder ins Wasser gleiten ließ, trotz seiner Größe und Massigkeit eine geschmeidige Bewegung. Dann schwamm es davon. Shen seufzte erleichtert.

"Ich weiß nicht, ob man es töten kann", murmelte er. "Ich hatte Sorge, dass es hierher kommt, um seinerseits zu versuchen, uns zu töten. So wie es aussieht, hätte ich deinen Schlaf nicht stören müssen." Er sah noch einmal in die Richtung, in der das Tier verschwunden war. "Die Wesen kommen zurück, die von den Geistern vertrieben worden sind. Und es werden welche dabei sein, die nicht an uns vorbei ziehen. Wie lange braucht er noch?"

Rho blickte zum erschöpften Heiler zurück. "Frag ihn. Ich habe kaum ein Wort mit ihm wechseln können in der letzten Zeit. Er ist sehr konzentriert."

Und Rho wollte auch nicht unnötig viel mit Yami sprechen. Seine Gefühle für den Heilprinzen waren von Bewunderung, über Beschützerinstinkt zu einer unangenehmen Wärme und Verwirrung seiner Gedanken gewechselt. Rho vermutete, dass er sich ein wenig zu sehr in Yami verliebt hatte. Er war noch nie so unsicher gewesen. Wenn er sich sonst verliebt hatte, dann war es fröhlich und lustig, nicht so ernst und ängstigend. Er wollte auf gar keinen Fall mit Yami darüber sprechen. Er wollte ihm nahe sein, ihn beschützen und ihn berühren, aber er wollte nicht darüber nachdenken, was er fühlte.

Die Antwort überraschte Shen; er hatte gedacht, die beiden würden sich näher sein. Aber er nickte. "Wir könnten zumindest zu der Insel zurückkehren, auf die wir von den Lianen aus gekommen sind. Das gäbe uns eine Möglichkeit, uns zurückzuziehen, wenn es hier zu gefährlich wird. Und einer von uns beiden könnte hoch und jagen. Ob er hier heilt oder dort dürfte keinen Unterschied machen."

Rho nickte leicht, den schwarzen See vor ihnen im Auge behaltend. "Mir wäre auch wohler, wenn wir endlich wieder ins Licht zurückkehren könnten. Die Dunkelheit und Kälte werden langsam aber sicher deprimierend."

Er senkte den Blick auf seine Messer und dachte an den Aufstieg. Der würde noch einmal sehr anstrengend werden und gerade für Tsusu, der kein Fleisch aß, hatten sie nicht mehr viele Vorräte, die seine Kräfte stärken konnten. "Ich werde zu der Insel fahren, aufsteigen und eine Leiter aus Lianen knüpfen, damit wir uns auch wirklich schnell zurückziehen können. Vielleicht, mit Glück, finde ich auch noch ein paar Pilze und einen Vogel für uns. Bleib du solange hier."

"Wir sollten alle zu der Insel, Rho. Nur zur Sicherheit. Damit es zumindest die letzte Bootsfahrt ist." Mit gespielter Grummeligkeit fügte Shen hinzu: "Auch wenn ich jagen gehen wollte, um mal ein bisschen Abwechslung zu bekommen. Aber du hast es wohl nötiger." Seine finstere Miene wurde zu einem kleinen Grinsen. "Du hast ja nicht mal einen Schmuck hier. Lass uns packen, übersetzen, und dann pass ich auf den Heiler auf, während du uns versorgst."

Rho warf einen missmutigen Blick auf seinen Freund und fragte sich ernstlich, ob dieser annahm, dass ihm der Sex bei all den kräftezehrenden und gefährlichen Erlebnissen in der Finsternis tatsächlich fehlen konnte. Er sagte jedoch nichts weiter dazu, seine Laune war schlecht genug.

Als sie die kleine Insel mit dem Aufstieg in Richtung des Schimmerns erreicht und dort ein annehmbares Lager aufgeschlagen hatten, packte Rho seine Sachen für eine Jagd und machte sich ohne Abschied von Yami auf, das Tau wieder zu erklimmen.

Er wollte nicht mit dem Heiler sprechen, bis er sich nicht im Klaren war, was er ihm sagen wollte. Rho fühlte einen Ernst in sich, den er nicht mochte, der ihn unsicher machte. Er fühlte sich beobachtet und bewertet, wenn er versuchte, für Yami da zu sein. Als wäre es mit einem Mal wichtig, dass er alles richtig machte.

Über seine eigene Unsicherheit verärgert zeigte Rho Shen rasch ein Lichtzeichen, dann machte er sich auf, um in den Ruinen nach weiteren brauchbaren Lianen zu suchen. Er knüpfte sie zu einer Art Leiter zusammen und prüfte die Haltbarkeit auf schon pedantische Art. Als er müde wurde, kehrte er mit seinem Werk zum Abstieg zurück und signalisierte Shen mit Lichtzeichen, dass er da war, aber oben bleiben würde. Er wollte sich noch ein wenig ausruhen und dann für die anderen jagen.


© by Jainoh & Pandorah