Die Alten Geister

24.

Yami war erleichtert gewesen, als sie zurück zu ihrem Ausgangspunkt in der Finsternis gekehrt waren. Ob er hier oder dort heilte, machte wirklich keinen Unterschied. Doch was einen Unterschied machte, war Rhos Abwesenheit. Als er müde sein letztes Bisschen Kraft gegeben hatte, sicher, dass er sich nur noch ein weiteres Mal verausgaben musste, bevor sie zurückkehren konnten, war Rho nicht da. Es war Shen, der ihn auffing und zu dem Lager im Schutz der Lebensnuss trug und Tsusu, der ihm etwas zu essen und seinen Teebecher reichte und ihn zudeckte, nachdem er gegessen hatte.

Yami rollte sich zusammen, schloss die Augen und suchte nach einer gemütlichen Position zum Schlafen. Doch er vermisste Rhos dunkle Stimme, die warme Hand, die ihm immer Sicherheit gegeben hatte, und unterschwelliger noch seinen Geruch. Rho war nicht da, um die Gefahren zu vertreiben, und obwohl Yami wusste, dass Shen wachsam war und zuverlässig, war es nicht das gleiche. Dann fiel ihm auf, dass Rho sich nicht einmal verabschiedet hatte.

'Bestimmt ist er rücksichtsvoll gewesen, weil er mich nicht stören wollte.' Aber das Vermissen in ihm wurde stärker. Es dauerte lange, bis er endlich schlief.

Als Rho mit einer kleinen Beute aus Baumratten, die er schon zum Essen vorbereitet hatte, und etlichen Pilzen für Tsusu zu dem kleinen Lager zurückkehrte, war Yami erneut tief versunken dabei, über das Wasser zu heilen. Rho begrüßte Shen und überließ ihm und Tsusu die weitere Arbeit mit den neuen Vorräten. Er selbst machte sich ein wenig frisch und zog sich ein trockenes Hemd unter die dick gefütterte Weste, dann kniete er sich in die Nähe von Yami und betrachtete ihn. Grau sah der Heilprinz aus und man sah sogar seinem Gesicht und den Fingern an, dass sie nicht genug zu essen hatten. Er hatte tiefe Schatten unter den Augen, und Rho tat es weh, wenn er sehen musste, wie Yami sich fröstelnd in das sicherlich eiskalte Wasser tastete.

Er wünschte sich, den schönen Heiler wieder ins Licht bringen zu können, ihm den schönsten Ort der Krone zu schenken, ihm alles zu richten, wie er es wollte, mit den sanftesten Schmuckgeliebten. Er wollte ihn lachen sehen und wollte, dass er seine neckende Art zurückgewann. So müde und erschöpft, wie Yami nun war, wollte Rho ihn eigentlich nur noch in den Arm nehmen und vor allem beschützen. Seufzend stützte er sein Kinn auf die Hände und kauerte sich weiter zusammen, aber ließ Yami nicht aus den Augen.

Yami spürte Wärme, als wäre ein Sonnenstrahl bis ganz nach unten in die Finsternis gedrungen und würde ihn berühren. Er wollte ihn ansehen und das Gesicht darin baden, wollte die Schwärze und Kälte vergessen. Mit einem Seufzen zog er die Hände aus dem Wasser zurück und lächelte sein Spiegelbild an, als er die Augen aufschlug.

Es war genug. Er hatte alles gegeben, was er konnte, hatte seine Kraft so weit geschickt wie möglich, aber hier und jetzt war es genug. Es würde immer etwas geben, das zu heilen war, aber die Schäden, die durch die Geister verursacht worden waren, waren soweit beseitigt, dass die Bäume sich selbst heilen konnten. Sie mussten nur noch ihre Kraft zurückgewinnen, mussten neue Triebe wachsen lassen und alte Äste stärken.

Er drehte sich um, wollte die schöne Nachricht verkünden und entdeckte den Sonnenstrahl. Rho war zurück. Yamis Lächeln wurde strahlend. Nicht nur hatte er ihn vermisst, er hatte auch begonnen, sich Sorgen um den Kriegerprinzen zu machen, als dieser so lange nicht wiedergekommen war. Einen langen Moment sättigte er sich nur an dem Anblick. Rho war nicht schön, wie es ein Schmuckgeliebter war, aber Yami konnte ihn immer wieder ansehen und sich an dem runden, lieben Gesicht erfreuen, dessen dunkle Augen ihn voller Wärme betrachteten, gleichgültig, wann sich ihre Blicke trafen.

"Rho..." Yami stand auf und ging die zwei Schritte zu ihm hin, um bei ihm niederzuknien und ihn fest zu umarmen, kurz nur, aber er konnte all das fühlen, was er so vermisst hatte. "Ich weiß, dass ich mich um dich nicht sorgen muss, aber ich habe es trotzdem getan. Ich bin froh, dass du zurück bist."

Rhos Herz schlug schneller, und er spürte Hitze in seinen Wangen. "Das ist nett von dir. Ich habe uns eine Mahlzeit gejagt. Du musst dich stärken, Yami." Er stand auf, um seine Unsicherheit zu verbergen. "Wie lange wirst du noch brauchen?"

Yami erhob sich ebenfalls und legte den Kopf schief, dann lachte er. Plötzlich fühlte er sich glücklich. Rho war da, er kümmerte sich schon wieder, und sie konnten zurück ans Licht. "Ich wollte es eben sagen, als du mich abgelenkt hast. Wir können aufbrechen, sobald ich ein wenig ausgeruht habe. Nicht lange, nur einen Moment, in dem ich was essen kann."

"Du wirst dich gefälligst richtig ausruhen, Yami!", befahl Rho, aber freute sich an dem Blitzen in den Augen. "Nein. Vielleicht hast du ja Erbarmen und lässt mich ein wenig ausruhen. Ich bin sehr müde, habe die Ruhezeit dort oben ausgelassen, weil ich allein war und nicht überfallen werden wollte."

Sie aßen und waren sehr gut gelaunt. Rho genoss es, Tsusu und sogar Shen lachen zu sehen und er freute sich, dass Yami seinem ehemaligen Schmuckgeliebten wieder ins Gesicht blicken konnte, ohne diesen tieftraurigen, verletzten Ausdruck zu bekommen. Doch sehr bald schon legte er sich auf seine Decken und schloss den Umhang um sich ziehend die Augen.

Yami sah ihm nach und folgte ihm nur kurze Zeit später. Er war auch müde und sollte besser schlafen, um sie später nicht aufzuhalten. Aber mehr noch als das wollte er bei Rho sein. Bei ihm niederkniend betrachtete er ihn dann jedoch erst einmal nur, sah die Erschöpfung in seinen Zügen, die nicht nur von der einen fehlenden Ruhezeit herkam.

'Du hast dich um so vieles sorgen müssen... nicht nur um Tsusu und mich, sondern auch um deine Krone, die so schlimm betroffen war. Und trotzdem warst du immer da.' Sachte strich er ihm eine Strähne aus der Stirn und lächelte. 'Ich will dich auch beschützen.'

Sorgfältig zog er Rhos Decke über seine Schultern, dann legte er sich neben ihn und wickelte sich in seine eigene. Sich auf die Seite drehend schloss er die Augen.

 

Es gelang Yami sogar, vor Rho aufzuwachen. Einen Moment lang blieb er noch liegen, freute sich über die Nähe, dann stand er auf. Shen sah zu ihm herüber, aber rührte sich nicht, denn Tsusus Kopf ruhte auf seinem Schoß, und er hatte eine Hand in dem orangefarbenen Haar vergraben. Der Blick des Stillen folgte Yami, als er neuen Tee machte und mit einem Becher davon und Resten des Bratens zu Rho zurückkehrte, um sich wieder zu ihm zu setzen. Erst da fiel ihm auf, dass er nicht einmal richtig bemerkt hatte, dass sein ehemaliger Schmuck so vertrauensvoll bei Shen lag.

Rho erwachte noch immer mit schmerzenden Muskeln und einer dumpfen Müdigkeit, die einfach nicht mehr weggehen wollte, seit sie so lange in der Finsternis waren. Er streckte sich und stieß dabei gegen Yami, der in seiner Nähe gesessen hatte.

"Oh, entschuldige." Er hob den Blick und sah, dass Tsusu und Shen ihre Sachen bereits ordentlich verpackt hatten, bevor sie sich zur Ruhe gelegt hatten. "Ach nein! Habt ihr auf mich warten müssen? Ich bin sofort soweit!" Hastig sprang Rho auf, um seine Decken zusammenzurollen.

"Warte!" Yami griff nach seinem Ärmel, um ihn aufzuhalten. "Iss erst mal was! Hier, und ich habe dir Tee gebracht." Energisch zog er ihn wieder zu sich und drückte ihm auch gleich den Becher in die Hand. "So viel Zeit muss sein. Immerhin bist du wegen uns oben gewesen und hast nicht schlafen können." Er lächelte und griff bereits nach den Decken. "Und ich räume das zusammen. Keine Widerrede."

Verwirrt blinzelte Rho, dann fügte er sich und trank den Tee. Yami räumte die Decken, die übrigen Töpfe und seinen Hitzestein fort. Er schien in der Aufgabe, die Tasche perfekt zu packen, vollkommen aufzugehen. Rho hob den Kopf und rief: "Shen, wieso kletterst du nicht mit Tsusu vorweg?! Lasst diese schwere Tasche hier, die kann ich nehmen und komme mit Yami nach, sobald ihr oben seid."

Shen nickte und nahm den Rucksack auf, ehe er Tsusu mit seinem half. Yami sah aus den Augenwinkeln, dass er Tsusu etwas zuflüsterte, was Tsusu lächeln und erröten ließ. Eines war sicher, sein ehemaliger Schmuck war glücklich.

'Und ich werde es auch sein, spätestens, sobald wir das Licht erreicht haben. Wie ich mich danach sehne!' Zufrieden sah er auf die gepackte Tasche und erinnerte sich, wie ungeschickt er sich mit solchen Kleinigkeiten zu Beginn ihrer Reise angestellt hatte.

Rho ging neben Yami in die Hocke und legte den Kopf schief. Er wusste, dass es schwer war, solche Dinge zu einem wundervollen Prinzen wie Yami zu sagen, aber er musste es tun. Der Anblick allein machte, dass sein Herz schneller schlug, und so senkte Rho den Blick auf seine Tasche und seine Finger, die mit den Gurten beschäftigt waren.

Er war wach gewesen, als der Heiler zu ihm gekommen war. Er hatte gespürt, mit welcher Geste Yami ihn zugedeckt hatte, und diese Geste hatte ihm klar gemacht, dass es Probleme geben würde, weil genau das eintrat, was Rho sich insgeheim gewünscht hatte.

'Sei vorsichtig mit deinen Wünschen, sie könnten in Erfüllung gehen', dachte er sarkastisch. 'Ich bin schuld, ich habe damit angefangen. Mit dem Necken, mit dem Umarmen und Halten. Ich bin schuld. Er ist... perfekt, wie immer.'

Rho seufzte unbewusst laut und sagte, um Fragen vorzubeugen: "Du bist Kronprinz, Yami. Deine Krone wird ein Auge auf dich haben. Alle dort. Alle überhaupt. Wenn wir wieder im Licht sind, wirst du zudem der Held aller Kronen sein, der Retter, dafür werde ich sorgen." Er warf einen kleinen Seitenblick. "Durch meine Einmischung hast du den Schmuckgeliebten verloren, den du an deiner Seite behalten wolltest. Das tut mir unendlich leid. Ich versichere dir, dass wir jemanden finden werden, der deiner würdig ist und den du um dich haben magst."

Yami blinzelte verwirrt und sah Rho an. Wieso wirkte er so angespannt? Nachdenklich legte er den Kopf schief. "Ich bin kein Held. Was bringt dich dazu, so etwas zu sagen? Wo wäre ich ohne dich? Ich würde in meinem Palast sitzen, und die Kronen würden sterben. Oder die Nachtkatze hätte mich getötet. Und ohne Shen? Den Weg hätte ich nie allein gefunden, geschweige denn etwas zu essen. Und Tsusu? Selbst wenn die Geister mich ignoriert hätten, hätte ich sie nicht beruhigen können, und sie würden fortfahren, die Wurzeln zu vergiften. Ich glaube, ich bin von der Mission noch derjenige, der am ehesten entbehrlich gewesen ist. Ich habe die Kronen geheilt, aber sie hätten sich mit der Zeit von allein erholt."

Er zog den Riemen noch einmal fester an, um sicher zu gehen, dass er hielt, dann erhob er sich und hielt Rho auffordernd die Hand hin. Es war schön, die schwieligen Finger zu spüren, als der Kriegerprinz sie ohne nachzudenken ergriff.

"Was Tsusu betrifft... Ich habe mir sehr gewünscht, dass er mit mir den Bund schließt." Yami hielt ihn einen Moment länger fest, obwohl der andere Mann bereits stand. "Wenn ich hingesehen hätte, hätte ich gemerkt, dass er nicht bereit war, auch wenn er mich liebt. Vielleicht war es besser so." Rho loslassend warf er seinen Rucksack über die Schulter und wies auffordernd zu der Lianenleiter hin. "Komm, sie werden schon auf uns warten.

Rho hatte Luft geholt, um seinen Standpunkt klar zu machen, aber atmete dann einfach wieder aus. Vermutlich wollte Yami nichts von Pflichten seinem Volk gegenüber hören. Als Yami jedoch sagte, dass er nicht richtig auf Tsusu geachtet hatte, senkte Rho den Kopf und dachte bei sich, dass der Heiler sehr gut darin war, die Gefühle anderer zu missachten.

Schweigend ließ er ihm an der Leiter den Vortritt und hielt sie für ihn, bis er nicht mehr zu sehen war. Ohne einen Blick zurück zu werfen, folgte Rho ihm schließlich und war sich sicher, dass er diesen Ort niemals vermissen würde.

Yami achtete so wenig auf die Leiter, dass er erst merkte, dass er schon eine ganze Weile geklettert war, als seine Arme ermüdeten. Er grübelte noch immer über Rhos Worte und fürchtete, dass sie eine Bedeutung haben konnten, die er gar nicht hören wollte. Er wusste selbst, dass er ihm ausgewichen war. Er hatte doch eigentlich nur auf Shen und Tsusu verwiesen, um keine Antwort zu bekommen, die ihm unangenehm war. 'Vielleicht einen Hinweis darauf, dass er sich zwar gerne kümmert, weil er es in seiner Pflicht sieht, aber umgekehrt nicht will, dass ich mich auch kümmere. So wie bei Tsusu. Ist es das? Er hat geschwiegen, und ich bin ihm weggeklettert. Aber ist es denn wie bei Tsusu? Will ich denn... Hab ich ihn denn... so gern?' Plötzlich bekam er Angst.

Als das Licht von Shens Kugel näherkam, atmete er erleichtert auf. Er zitterte bereits vor Anstrengung und hieß die kräftigen Hände, die ihn auf dem letzten Stück packten und hochzogen, mehr als nur willkommen. Ein paar Momente lang ruhte er sich nach einem leisen Dank schwer atmend aus, dann rutschte er zur Seite, aber beobachtete aufmerksam den Aufstieg. Rhos Gesicht, als er endlich nachkam, war nicht zu deuten, und er sah nicht zu ihm hin.

 

Rho wusste nicht, wie er Yami noch klar machen konnte, was er befürchtete. Also schwieg er und wich ihm sehr auf Shens Kosten aus. Er teilte die nächtliche Wache mit Shen so auf, dass Yami schlief, wenn er auf war. Er streckte die nächsten Wanderstrecken so sehr, dass Tsusu und Yami beide vor Erschöpfung kaum mehr ihre Suppenschalen halten konnten, und er ließ Shens besorgten und hin und wieder aufgebrachten Blick an sich abperlen. Sie taten gut daran, endlich wieder ins Licht zu kommen. Erleichtert beschleunigte Rho sogar das Tempo, als sie aus dem Schimmern in die Stille gelangten.

Beim ersten Unterschlupf in der Stille, einer Baumhöhle mit nur einem schmalen Eingang, ließ Shen Tsusu und Yami das Lager allein aufschlagen, selbst wenn die beiden sich kaum noch auf den Beinen halten konnten. Im Laufschritt folgte er Rho nach draußen. Sein Freund hatte gerade einmal seinen Rucksack abgeworfen und sich dann mit der Entschuldigung entfernt, auf die Jagd gehen zu wollen.

Shen holte ihn wenige Schritte von der Höhle entfernt ein und hielt ihn fest. Den finsteren Blick erwiderte er mit ausdrucksloser Miene.

"Ich habe keine Ahnung, was zwischen dir und Yami ist. Aber du bringst die beiden auf dem Rückweg um, wenn das so weitergeht." Er zögerte, aber fügte dann doch grummelnd hinzu: "Und wir zwei wollen doch auch wieder ans Licht." Er sorgte sich um seinen Freund, aber er wusste nicht, wie er ihm helfen konnte.

Rho nickte knapp. Mit Blick in die umliegenden Äste meinte er: "Wir erreichen morgen ein Dorf und können in richtigen Betten schlafen. Dort werde ich mit dem Heiler reden."

Und wenn Yami es nicht gut aufnahm, was Rho befürchtete, dann könnte Shen auch allein mit den zwei weitergehen, denn von Dorf zu Dorf war es leichter und gefahrloser zu schaffen.

Shen nickte einmal zögernd, dann drückte er ihm kurz die Schulter. Er war Rho in die Finsternis gefolgt und würde es wieder tun, aber in Herzensdingen konnte er ihm nicht helfen. Er wusste nicht einmal, was er sagen sollte.

"Lauf in keinen Würgefarn", murrte er deswegen nur, ehe er sich umwandte, um in die Baumhöhle zurückzugehen.


© by Jainoh & Pandorah